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Das Vorspiel: Deutschland gegen Ghana – Brasilien 2014

30. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110187Durch die Samba-Bar schlängelt sich eine 200köpfige Polonaise, angeführt von Erni. Fast alle Gäste haben sich – gegenseitig an die Schulter fassend – angeschlossen und steigen gerade kreischend über Tische und Stühle bevor uns mein Freund nach draußen unter den 5-Sterne-Sternenhimmel leitet. In brasilianisch-deutscher Leidenschaft bricht der Laden gerade fast zusammen und ich ahne schon jetzt, dass ich mich noch lange an diesen Abend erinnern werde. Erni brüllt mir von vorne zu: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“
Plötzlich erwache ich aus einem Traum, der im Juli 1990 begann und stelle fest, dass ich mich im Juni 2014 in der Wirklichkeit befinde. Ich habe so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Allein für diesen magischen Moment haben sich diese Nacht, die Reise und das Leben gelohnt!

In Fortaleza hat sich einiges verändert. Wahrscheinlich nur WM-Fassade, doch ein Unterschied zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig, gefährlich und save ist im Zentrum nicht erkennbar. Es gibt kaum Dreck, keine offenen Abwasserkanäle, wirr verzweigte Stromkabel, oder gar verlumpte Kids in dreckigen Shirts und verbeulten Sandalen. Die Innenstadt ist touristenfreundlich geworden. Mich irritiert das nicht, denn alle Menschen, die wir am Vortag des Deutschland-Spiels treffen, ob jung oder alt, Brasilianer, Schweizer, Franzose, oder Ghanaer tragen ein eingemeißeltes Lächeln im Gesicht. Heile Welt, denn sogar die Polizisten sind zuvorkommend.
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Wir wohnen unweit meiner geliebten Honiglippenbucht in Iracema und genau dort haben sie auch die Fanmeile mit zwei Mega-Leinwänden inmitten des Stadtstrandes errichtet. Die Stimmung ist ausgelassen, ja geradezu euphorisch und obwohl die Tische und Stühle der Restaurants, den Ständen der FIFA-Sponsoren weichen mussten, beschweren wir uns nicht, da das gereichte Brahma eiskalt und bezahlbar ist. Außerdem sind die knallroten Hartplastik-Becher ein tolles Souvenir. Auf ihnen ist das bunte WM-Logo und der Slogan: „Fan Fest Fortaleza – Jagandas de Mucuripe“ zu sehen. Wir kaufen einen turmhohen Stapel Souvenirs.
Die heutige Nachmittagspartie zwischen Frankreich und der Schweiz ist die bisher torreichste der Weltmeisterschaft, was die multikulturelle Feierstimmung zusätzlich anheizt. Sogar Jenna genehmigt sich ein Bier pro Tor, obwohl er die „Froschfresser“ noch immer nicht leiden kann. Nach sieben Stück (das Spiel endet 5:2) tanzen 20 Gockel mit 30 Eidgenossen zu brasilianischem Ska im Sand. Sie greifen sich dabei gegenseitig an die Schultern und bilden einen Kreis. In dessen Mitte drehen drei Typen aus Costa Rica komplett frei, da sie im Mittags-Spiel die Italiener sensationell mit 1:0 besiegt hatten. Die Mittelamerikaner stecken alle mit ihrer Orgie aus purer Lebensfreude an. Erni brüllt mir ins Ohr: „Das is aber geene rischdsche Bolonäse!“ Wohl nicht, aber ich begeistere mich dafür, wie friedlich die Nationen hier gerade miteinander tanzen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, rufe ich zurück. Passend dazu sehen wir auf der Promenade nun auch deutsche Fans, die Fortaleza allmählich entern und zwei schüchterne Ghanaer. Einen von ihnen überrede ich zu einem Fotoshooting. Ich, noch immer leichenblass, und mein schwarzer Freund erschaffen – Arm in Arm – für 30 Sekunden ein Harmoniegemälde menschlicher Hautfarben. Fast alle Leute die vorbeischlendern, erheben den Daumen und lächeln verzückt. Es sind offensichtlich keine Rassisten, Nazis, rechte Hools oder sonstige Vollidioten nach Fortaleza gekommen – und so kann es auch bleiben!
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Kurz danach nehme ich Danny zu Seite und flüsterte ihr ins Ohr: „So kannst du aber morgen nicht auf dem Spiel herumlaufen.“ Sie trägt, wie wir alle momentan, neutrale Klamotten, ist aber die Einzige, die kein Deutschland-Trikot im Gepäck dabei hat. Die Antwort überrascht mich: „Okay, lass uns dort vorne mal gucken.“ Im FIFA-Fanshop kauft sie – mangels Alternativen – das vermutlich teuerste Nicht-Original-Trikot der Welt. Es ist ein schwarz-weißes, kurzärmliches Hemdchen, wo mit einer Art Stempel liederlich die deutsche Flagge über der rechten Brust aufgedruckt wurde. Und das hässliche Ding kostet 75 Dollar! Vielleicht macht sie es nur mir zu liebe. Wenn dem so ist, werde sie dafür ein Leben lang in Dankbarkeit umarmen.
Danny kenne ich schon solange wie Sylvie und Jenna, bin aber in den letzten Jahren nicht mehr so richtig warm mit ihr geworden. Doch seit wir in Berlin den WM-Flieger bestiegen haben, ist sie wieder das zauberhaft-offene und fast jugendlich wirkende, sauhübsche Mädchen, in das ich mich fast mal verknallt hätte. Das Abendspiel zwischen Honduras und Ecuador (2:1) ist nicht so der Brüller, da keine Supporter aus diesen Ländern im lauwarmen Sand durchdrehen. Nach einem Mahl – Erni murmelt in sein Essen: „Das sind aber geene rischdschen Spaghetti Bolonäse“ – und zwei dickbäuchigen Caipirinhas gehen wir zu Bett. Die lange Anreise aus Pipa hat doch mehr geschlaucht, als wir uns das lange eingestehen wollten.
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Obwohl Erni schnarcht – er wird auf der Reise abwechselnd auf die Zimmer der Paare verteilt – schlafe ich traumlos und gut. Am Morgen schlottern mir dennoch die Knie. Ich werde heute mein allererstes WM-Spiel live im Stadion verfolgen und am liebsten wäre ich jetzt, sechs Stunden vor Anpfiff, allein. Das funktioniert sogar fast, da Erni Geld ziehen muss und die Mädels noch Ansichtskarten kaufen wollen. Mit Jenna laufe ich hinunter zum Pazifik. Er ist mein bester Freund! Vielleicht sollte ich ihm das einmal sagen. Seit 16 Jahren reisen wir nun schon gemeinsam durch Südamerika und kein Göte oder Matze ist diesmal dabei (obwohl die vorher noch groß getönt hatten). Nur der alte Mannheimer läuft – wie ich – schweigsam im rot-schwarzen Auswärtstrikot neben mir her und ist, nach den salzigen Perlen auf seiner Stirn zu urteilen, gerade genauso aufgeregt. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass auch ich für ihn der allerbeste Freund der Welt bin.
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In unserem Hotel wohnen die „Dubaiern“ – bärige Typen, die von Dubai aus Bayern München supporten und an der Bucht sehen wir zwei „Unioner“ aus Halle/S. (deren Zaunfahne bei fast jedem Deutschland-Spiel zu sehen ist). Wir treffen auf eine Horde aus dem „Wilden Süden Gladbachs“ und auf zwei strohblonde Mecklenburger, die Trikots mit der 1 und der 8 tragen. Bei dem einem steht „Toni“, beim anderen „Kroos“ auf dem Rücken. Der grandiose Kaltblüter mit der 18 aus MeckPomm ist der einzige gebürtige Ostdeutsche im Nationalteam und auch mein liebster Spieler, obwohl seine Herkunft (Greifswald) – 25 Jahre nach dem Mauerfall – eigentlich völlig schnuppe ist.

Am „Ponte dos Ingleses“ klatscht Jenna mit zwei „Monnemer Jungs“ ab, ich grüße einen einsamen St. Pauli-Fan und ein pummeliger Kerl mit Dynamo-Dresden-Fahne um die Hüften gewickelt, watschelt auch noch herum. Ganz Deutschland ist heute vertreten und als wir unsere Bielefelder, die wir auf dem Hinflug getroffen hatten, entdecken, wird aus Wiedersehensfreude Mittagsbier gekauft. Manchmal kann einen schon die Stimmung vor einer Partie fesseln – heute ist so ein Tag!
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Wir kommen fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, obwohl ich es ja war, der um 13 Uhr – drei Stunden vor Spielbeginn – aufbrechen wollte. Auch die Frauen haben sich nun herausgeputzt. Sylvie trägt das rote Auswärtstrikot der WM 2006, Danny das schwarz-weiße Shirt von gestern, plus Flip-Flops in schwarz-rot-gold (!) und Erni seine lustigen 74er-Klamotten. Er sorgt am Taxistand zudem für Belustigung, da er sich mit einem Idioten, der von Hut bis Fuß mit deutschem Tinnef und Lametta behangen ist, ablichten lässt. Auf dessen linker Brust klebt – warum auch immer – der Kopf von Bert. Erni lehnt seinen Schädel grinsend dagegen und Danny knipst die seltsame Sesamstraße in Fortaleza. Sylvie bekommt sich fast nicht mehr ein, aber aus einem anderen Grund. Sie erzählt, dass unser Freund in der Heimat das Limit seiner Kreditkarte auf 500 Euro pro Monat limitiert hatte, sodass er soeben gerade noch 60 Real (ca. 20 Euro) aus dem Automaten ziehen konnte.

In dem Moment, als wir in das Taxi mit dem Ziel Estádio Castelão steigen, habe ich gute Freunde und die schönste Frau der Welt an meiner Seite. Obwohl wir uns zu viert auf die Rückbank quetschen, schmusen wir wie zwei junge Welpen. Danny und Jenna auch. Heute kann nichts mehr schiefgehen!
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Der Fahrer rät zu einem Umweg, da die Zufahrtstraße zum Stadion verstopft sei. Wir einigen uns auf 75 Real Festpreis. 15 für jeden. Ich rufe: „Erni, du hast dann ja noch 45 Tacken.“ Er hatte zwar schon seine Freundin Pixie per Not-Telefonat gebeten, Kohle auf sein Konto zu überweisen, aber heute wird der listige Sparfuchs ohne Weitblick den ganzen Tag hochgezogen.
Pixie ist eigentlich eine patente Frau – mit krassem Fußballverstand und ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht mitgekommen ist. Dennoch bin ich froh, dass wir Erni nicht schon am ersten Tag verloren haben – das war nämlich ihre größte Sorge gewesen. Der fragt Jenna gerade: „Kannste mir mal ‘nen Hunderter borgen?“ „Du hast doch noch fett die Kohle“, schallt es gewohnt trocken zurück.
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Mein Handy brummt. Eine SMS: „Lass es krachen und die Karte steht. Trueman.“ Mein liebster Kneipenkumpel aus dem „Rockz“ hatte es leider nicht nach Fortaleza geschafft, obwohl wir für ihn ein Ticket haben. Erst zum Spiel gegen die USA reitet er zur WM ein und hätte dort wiederum eines für mich im Gepäck. ‚Oh Mann‘, denke ich im Wissen, dass wir morgen in den Amazonas fliegen werden und Recife wohl eher ausfällt.
Ich verzichte noch immer auf ein Smartphone, um nicht ständig online zu sein und keine wertvolle Lebenszeit ständig mit so einem Scheiß vergeuden will. Dieses Mal wäre so ein Ding durchaus sinnvoll gewesen. „Hört mal Leute. Mein Handy hat ‘ne sprechende Uhr“, rufe ich. „Es ist 13 Uhr 32“, krächzt eine weibliche Blechstimme und sorgt damit für die nächsten Lacher.
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Die weiträumige Umfahrung war eine gute Idee gewesen – da wir schon um 14 Uhr ankommen und im Strom der Massen in Richtung des aus der Ferne gigantisch wirkenden Stadions laufen. Entgegen aller Vermutungen gibt es überall fliegende Händler, die Snacks und Dosenbier verkaufen. Die Brasilianer pfeifen auf die FIFA-Regularien. „Erni, hol mal die erste Runde. Hier ist es noch billig“, ruft Danny. Das Brahma kostet 6 Real, sodass er nach fünf Kaltgetränken, mit 15 Real Barbesitz im Prinzip pleite ist. Ich fühle mich sauwohl, denn es gibt nirgendwo eng zulaufenden Gatter und dichtes Gedränge. Dennoch schwitzen wir wie Schweine. Ob es an den Außentemperaturen, der haarsträubenden Intensität oder an der Aufregung liegt?
Die deutschen Gesänge werden nun immer lauter. Meine Frau trägt jetzt sogar ein schwarz-rot-goldenes Band im Haar und Danny einen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem steht: „I love Brasil“ – wobei dieses Gefühl seit Tagen allumfassend ist.
„Bist du glücklich?“, fragt mich Sylvie. „Oh ja“, posaune ich zurück, denn obwohl Menschenaufläufe auf mich oftmals bedrohlich wirken, zieht mich das Getümmel heute magisch an. Ich verschmelze mit der Euphorie der Massen und lasse mich kübelweise mit Glücksgefühlen überschütten. Nur einen Wermutstropfen gibt es: niemand sucht nach einer Karte. Sie verkaufen sogar noch welche an den Kassen. Okay, das Fassungsvermögen soll bei über 60.000 liegen, aber ein bisschen enttäuschend ist es schon, dass sie das Ding nicht voll kriegen. Außerdem lungern momentan keine Fans oder erwartungsfrohe Kids vor den Toren herum, denen wir die Karte einfach schenken könnten. Das Trueman-Ticket werden wir nicht los.
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Hinter der ersten Sicherheitskontrolle – wir sind noch nicht im Stadion – hole ich die DDR-Fahne heraus und lass mich damit vor dem Beton-Monster fotografieren. Das Bild ist in Gedenken an meinen Vater, um ihm – wo immer er gerade ist – zu zeigen, dass es sein kleiner Ossi-Sohn tatsächlich bis zur Fußball-WM nach Brasilen geschafft hat. Das soll es dann aber auch mit Nostalgie gewesen sein. Ich stecke den Fetzen so in eine Hosenschlaufe, dass das Emblem nicht mehr zu sehen ist. Erni stellt sich mit Deutschland-Fahne neben mich. Die Vergangenheit ist endgültig ad acta gelegt – von jetzt an lebe ich nur noch im Präsens.
Die Brahma-Brauerei ist auch hier präsent. Die roten Becher zu 10 Real haben den Aufdruck: „ 21 de junho de 2014. Estadio Castelão. Fortaleza CE.“ Darunter sind die Nationalflaggen und „Alemanha“ und „Gana“ aufgedruckt. Erni hat nun vier Runden lang Pause vor unserem ätzenden Humor und gleichzeitig Zeit, zu sich überlegen, was er mit den langweiligen FIFA-Fanfest Souvenirs machen soll. Die Stimmung ist überragend: Musik, Geschnatter, Lachen, Herzlichkeit und Lebenslust. Neben Deutschen und Ghanaern sind extrem viele Brasilianer aber auch etliche Mexikaner mit vor Ort. Auf einer Leinwand schießt Messi gerade im Mittagsspiel per Traumtor das 1:0 für Argentinien gegen den Iran. In der 90. Minute! Die Brasilianer finden das Scheiße und ich denke sogleich: ‚Hoffentlich werden unsere Nerven heute nicht so lange strapaziert.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Alle Zweifel beseitigt – Fußball-WM 2014

14. April 2015 | von | Kategorie: Blog

P1110239„Geheimnisvolle Wahrsagungen, Spinnen, Krebse und eine innere Stimme sagen mir, dass Deutschland 2014 Fußball-Weltmeister wird.“ Mark Scheppert, Juli 2011
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„Mein Gott, ja, die deutsche Mannschaft hat den WM-Titel geholt. Das ist auch schon alles. Wenn ich nochmal irgendwo lese, wie deutsch alles ist und wie toll oder doof das ist, lasse ich auf den Schreiber einen deutschen Schäferhund los! Oder eine britische Bulldogge, ist mir ganz schnuppe.“ Agnieszka Debska, Juli 2014
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22. Juni 2014. Ein sternenklarer Himmel erstrahlt über der Honiglippen-Bucht von Fortaleza und der Mond übergießt sie mit sanftem Licht. Doch die subtropische brasilianische Stadt schläft noch nicht. Auf der lang gezogenen Strandpromenade spielt sich gerade ein episches Drama ab – und ich bin mittendrin. Vor 30 Minuten hatten wir einen zusammengewürfelten Haufen von Ausländern zusammengestellt, um gegen heimische Jungs in einem spontanen Fußballmatch anzutreten. Sechs gegen sechs mit zwei Wasserflaschen als Pfosten, auf den noch immer warmen Steinplatten der fünftgrößten Stadt des Landes. Es ist ein hart umkämpftes Match mit einem äußerst unerwarteten Zwischenergebnis.
Doch genau in diesem Moment verlieren wir das Leder und die oberkörperfreien Gegner starten einen Angriff. Der Ball läuft plötzlich schnell, gekonnt und über viele Stationen durch ihre Reihen, ohne dass wir eine Chance haben, an ihn zu gelangen. Fast vorhersehbar, gelingt als Abschluss der Stafetten ein sehenswerter Treffer ins lange Eck. Doch kein lauter Jubel oder Freudenschrei ertönt. Ganz im Gegenteil: Der stämmige Anführer des Trupps schnappt sich mit wütendem Gesichtsausdruck den Ball, ruft seiner Clique etwas zu und verschwindet mit ihnen – nachdem sie uns auch noch die Pfosten geklaut hatten – in eine dunkle Seitenstraße.
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„Hey, lasst doch wenigstens den Ball hier“, ruft Erni auf Deutsch hinterher. Doch sie können oder wollen ihn nicht verstehen. Ein Typ, der mir schon im Spiel auf die Eier ging, dreht sich noch einmal um, macht eine eindeutige Handbewegung und rennt dann den anderen hinterher. Wir schauen uns an – und grinsen. Erni stimmt ein Lied von Queen an und zusammen mit den uns bisher so frenetisch unterstützenden Zuschauerinnen schreien wir es in die laue Nacht von Fortaleza. Soeben wurden all meine Zweifel bezüglich eines möglichen WM-Halbfinales gegen Brasilien beseitigt. Selbst wir Anfänger hatten diese eigensinnigen Kids leicht & locker im Team-Play mit 6:1 geschlagen. Und das nur wenige Stunden nach meinem ersten, live im Stadion erlebten WM-Match von Deutschland gegen Ghana! Kann jetzt mal bitte alles kurz stillstehen? Kann diese Welt mal ganz kurz aufhören, sich weiterzudrehen? Es ist ein Augenblick der wie eine Lichterkette durch mein Herz rast. Nur für diese eine Nacht hat sich diese Reise schon mehr als gelohnt!

2006 hatte mir Sylvie die Pistole auf die Brust gesetzt! Weltreise, jetzt, sofort! Ohne Rücksicht auf eine Fußball-WM im eigenen Land. 2014 konnte ich mich revanchieren und ihr eine Panzerfaust an die Schläfe drücken. Die WM in Brasilen, jetzt, sofort! Ohne Rücksicht auf Verluste.
Die einjährige Tour wird wohl die schönste Reise meines gesamten Lebens bleiben und seither bemitleide ich Menschen, die immer mit aller Härte auf ihre Träume eintreten, die stets Zweifel plagen und eine Ausrede finden, allerlei Vorhaben ins Alter zu verschieben. Kennt ihr jemanden, der auf dem Sterbebett bereute, nicht noch mehr Zeit in einem stickigen Büro verbracht zu haben? Brasilien ich komme!

Nach einer kurzen Nacht fliegen wir zu fünft um 7 Uhr nach Lissabon. Dort haben wir Aufenthalt bis 13 Uhr. Wir tuckern mit der U-Bahn in die Altstadt bevor es zurück zum Terminal geht. Als ich dort auf einen der Bildschirme starre, falle ich fast in Ohnmacht. Unser Flug hatte Lissabon um 10.40 Uhr in Richtung Recife verlassen. Mir wird kotzübel und auch Jenna läuft sofort kreideweiß an. Scheiße, haben wir gerade wirklich unsere Brasilien-Maschine verpasst? Die Mädels grinsen – ich würde ihnen am liebsten eine reinzimmern. Freund Erni versteht nur Bahnhof.
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Am Flugsteig herrscht heilloses Durcheinander. Auch vielen anderen Reisenden steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Erst nach zwei quälenden Stunden stellt sich heraus, dass dies der Flieger vom Vortag gewesen war. Wir müssen nun eine Nacht warten. Busse bringen uns in ein Marriott mit Suiten und einem Mega-Pool, doch unser Gepäck ist bereits eingecheckt. Im Schlüpfer hechten wir in hellblaue Fluten während Danny bezahlbares Bier in der Gegend besorgt. Gutes Mädchen!
Um 4 Uhr morgens werden wir wieder zum Flughafen gekarrt. Dort heißt es einmal mehr Warten, doch um 7 Uhr startet unter lautem Jubel endlich der Flieger ins Land von Pelé und Neymar. Um 10 Uhr ist das Bier und um 12 Uhr der Wein an Bord alle!
Anders als geplant, erreichen wir Recife nun gegen Mittag und da der Fahrer nun fast schon einen Tag – mit einem „Mark Scheppert-Schild“ auf uns wartet, lassen wir uns von ihm ins Hotel nach Olinda chauffieren, obwohl wir tagsüber auch mit Bus und Bahn für ein Viertel des Preises hingekommen wären. Die in der Sonne funkelnde Stadt hat sich herausgeputzt. Ein grün-gelbes Girlanden-Meer bis zum Horizont. Brasilien ist im Fußballfieber. Ein Traum wird wahr – mit Zuckerhut!
Da Recife – auch als Austragungsort von WM-Spielen – als gefährliche Metropole gilt, nicht nur weil es in der Stadt, deren Name sich von „Riff“ ableitet, öfter zu tödlichen Haiangriffen kommt, haben wir uns in die historische Altstadt von Olinda, knapp 20 Kilometer entfernt, eingebucht. Doch in dem idyllisch an grünen Hügeln gelegenen Weltkulturerbe-Ort scheint während der Fußball-WM, der Hund begraben zu sein. Alle Kopfsteinpflaster-Straßen entlang pastellfarbener Kolonialhäuser sind zwar reich geschmückt aber fast menschenleer.
In der Pousada “São Francisco” reichen dann allerdings einige elegante Wörter, um sofort die Herzen der Angestellten zu erobern. „Por favor“ (Bitte), „Obrigado“ (Danke), „Muito bom“ (Super) gehören ebenso dazu, wie „Cerveja” (Bier), „Caipirinha“ und „Cinco mais” (noch fünf). „Brasilianisch” ist eben eine melodische Sprache, die einen gewissen Swing hat und Unbekümmertheit ausstrahlt. Eine Sprache zum Verlieben. Im Pool beginnen wir uns augenblicklich so wohlzufühlen, dass es unmöglich ist, sich daran zu erinnern, wie beschwerlich die Anreise eigentlich gewesen war.
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Später schlendern wir durch die verträumte Kleinstadt mit den kachelverzierten Häusern und treffen am Pazifik an einem Kiosk auf zwei Einheimische, die uns sogleich mit Kaltgetränken und Garnelen versorgen. Sie gehören wohl eher zu den Ärmeren des Landes, dennoch sieht man, wie stolz sie sind, uns während der WM in ihrer Heimat, bewirten zu können. Der Anreisetag endet mit einem Abendmahl am Marktplatz. Nun ist auch Olinda in Partylaune. Auf der einen Seite schauen die Leute gebannt auf zwei Großleinwänden das Spiel des Erzfeindes Argentinien, auf der anderen Seite heizt eine Band mit Forro-Rhythmen ein und in den Palmen dazwischen ertönt Grillen-Gezirpe. Ein irrer Sound. Messi trifft. „O, linda!“ – Wie schön. Die Einheimischen fluchen mit Eisfachvisagen – drei Sterne plus!

Am nächsten Morgen bin ich aufgeregt wie ein Kleinkind vor Heilig Abend. Während wir auf den Bus warten, hole ich eine Runde „Cerveja Skol“ zum Runterkommen am gelben Kiosk. Heute findet – nachdem nun schon fast alle Teams gezeigt haben, was sie so draufhaben – unser erstes Gruppenspiel gegen Portugal statt. Das Warten von einer Fußball-WM bis zur nächsten ist endlich vorbei. Wir wollen das Match auf dem „FIFA-Fan-Fest“ schauen, doch zunächst müssen wir die uns zugelosten WM-Tickets in einem Shoppingcenter abholen. Im Hotel wurde behauptet, Bus Nr. 214 bringt uns dort hin. Der Witz: alle vorbei rauschenden Schrottkarren haben gar keine Nummern, sondern zeigen lediglich ihre Zielorte an. Außerdem muss man sie, falls es der richtige ist, mit lautem Schreien, oder einem gezielten Sprung vor die Frontscheibe, anhalten. Eine ältere Frau erklärt uns, dass wir den „Neves-Bus“ nehmen müssen. Nach nur 50 falschen Wagen rennt sie plötzlich wild gestikulierend los, hechtet auf den Asphalt und schiebt uns dann freudestrahlend durch die enge Fahrgasttür.
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Erst im Inneren fällt mir auf, wie cool Erni aussieht. Er hatte sich ein weißes Trikot und eine schwarze (extrem kurze) Hose gekauft und die Mädels machen sich darüber lustig, da sie solche Shorts das letzte Mal beim Turnunterricht in der 8. Klasse gesehen haben. Auch seine Adiletten finden sie todeskomisch. Jenna und ich tragen hingegen ganz gediegen die aktuellen schwarz-rot gestreiften Deutschland-Trikots, weswegen uns zwei Kids sogleich „Flamengo!“ zurufen und mit Händen und Füßen erklären, dass dies ihr Lieblingsverein in Brasilien ist. Nur Danny und Sylvie müssen wir echt noch einkleiden!
Wir sind spät dran, doch der Fahrer rast wie ein Henker und lässt das Gefährt in „Colt Seavers-Manier“ über diverse Buckel regelrecht abheben. Besonders in den Kurven und bei der Fahrt über schwindelerregend hohe Brücken kotze ich fast. Kurz vor 11 Uhr erreichen wir endlich das „Shoppi“ in der Nähe des Strandes. Hinter uns erhebt sich nun ein bedrohlich wirkendes Hochhausmeer aus Beton und Glas.
Das Einkaufsparadies ist weitläufig und verkauft Luxusartikel in einer Gegend, die eher ärmlich wirkt. Bis wir uns durchgefragt haben, dauert es, doch dann begleiten uns sogar zwei Uniformierte auf Segways in den heiligen Bereich. Ich schwitze aufgrund der fortgeschrittenen Zeit. Eine Frau mit ultratiefem Ausschnitt erklärt mir minutenlang weit vorgebeugt, wie ich meine VISA-Karte in den Automaten zu schieben habe. Zehn Minuten später halte ich WM-Tickets für das Match gegen Ghana in den Händen, auf denen tatsächlich unsere Namen stehen. Es ist der erste magische Moment dieser Reise.
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Nach zwei Fotos vor einem menschengroßen Gürteltier-Maskottchen rennen Sylvie und Danny plötzlich los, da sie noch shoppen wollen. Ich sprinte hinterher und bin kurz davor, einen Herzkasper zu bekommen. Es sind jetzt nur noch 40 Minuten bis zum Anpfiff. Vier lange Jahre habe ich auf diesen gewartet! Beim ersten Streit der Reise gehe ich als Punktsieger hervor, denn sie folgen mir angekotzt zum Ausgang.
Leider, so warnt das Personal, wäre das hier eine gefährliche Ecke, sodass sie uns raten, mit dem Bus zum Flughafen, um von dort aus mit der Metro ins Altstadtviertel zu fahren. Was für ein Umweg, aber nach der letzten Diskussion möchte ich die sehr sparsam lächelnden Frauen nicht auch noch überfallen und vergewaltigen lassen. Außerdem hat Danny die WM-Tickets in ihrer Tasche!
Als wir die „Estação Central“ erreichen, ist es bereits 12.50 Uhr. Ich sprinte zu einem Taxifahrer, wedele mit Geldscheinen und überzeuge ihn, auch mit fünf Fahrgästen augenblicklich nach „Recife Antigo“ loszurasen. Punkt 13 Uhr laufen wir durch ein geschmücktes Tor und hören die deutsche Nationalhymne, welche gerade vom Team auf der Leinwand mitintoniert wird. Geschafft – die WM beginnt!
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In der Altstadt wollen nur etwa 400 Leute das Spiel sehen – zu meinem Erstaunen sind davon 200 Deutsche und nur wenige Portugiesen. Ich hatte gedacht, dass die ehemaligen Kolonialherren mehr Fans motivieren können. Vorteil an der geringen Besucherzahl: leicht unterhopft werden wir augenblicklich mit eiskaltem Cerveja versorgt, was gleichzeitig bedeutet: sie verkaufen alkoholhaltiges Bier! Nachteil: 32 Grad, kein einziges Schattenplätzchen und nach 12 Minuten ist das erste Getränk verschüttet, denn Müller trifft zum 1:0. Auch beim zweiten Brahma landen durch Hummels etliche goldene Tropfen auf dem heißen Asphalt. Das dritte wird kurz vor der Pause wieder wegen Müller in den brasilianischen Himmel gejubelt.
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Was ist denn hier bitteschön los? Wir tanzen, singen und schwingen Fahnen mit unseren Landsleuten. Abkühlen! Im Gebäude neben der Leinwand gibt es ein Eisgeschäft und sogar eine Schlittschuhbahn. Draußen, im Backofen von Recife, erhöht der unglaubliche Thomas Müller in der 78. Minute zum unfassbaren 4:0. Mein Herz brennt und in Leidenschaft bricht um mich herum fast alles zusammen. Ich würde vieles dafür geben, dieses herausgeplatzte Gefühl auf dieser Reise nie wieder zu verlieren. Jegliche Zweifel, dass Deutschland schon in der Vorrunde scheitert, sind innerhalb von nur 90 Minuten verflogen. So werden wir sicherlich ganz weit kommen. Halbfinale gegen Brasilien? Finale? Titel?

Doch leider kann ich jetzt noch nicht berichten, wie diese Reise ausgegangen ist, denn ich habe ein bisschen Angst vor dem Zitat von dieser Frau Debska.
„Wenn ich jetzt nochmal irgendwo lese oder höre, wie deutsch alles ist und wie toll oder doof das ist, lasse ich auf den Schreiber einen deutschen Schäferhund los! Oder eine britische Bulldogge, ist mir ganz schnuppe.“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten – Neue Fußball- und Brasiliengeschichten

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