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Feuerohren & Brennesseln im Ferienlager – Kindheit in der DDR

27. April 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei meinem allerersten Kinderferienlager in der 1. Klasse war ich sieben Jahre alt. Die älteren Kinder quälten mich und ich konnte das nicht einmal meinen Eltern schreiben, da ich gerade erst OMA gelernt hatte. Da ich auch noch nicht lesen konnte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Im Lager gab es niemanden, der einen tröstete. Es gab auch keine Telefone. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur zurück nach Hause zur MAMA. Das Wort konnte ich auch schon schreiben.
Sie haben mir die Arme auf den Rücken gedreht, brennende „Feuerohren“ gerieben, wie verrückt aufs Schulterblatt geboxt und gemein die Beine von hinten gestellt, sodass ich dauernd in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es noch viel schlimmer und viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

In den Winterferien der 2. Klasse schien sich dieser Mut auszuzahlen. Im Kinderferienlager „Willi Bredel“ in Rodishain im Harz waren alle Kinder meiner Gruppe in demselben Alter, demnach gab es Große und Kleine, Ängstliche und Draufgänger, Gewinner und Verlierer, aber keine fiesen Typen, die ihren biologischen Vorsprung mittels Gewaltanwendung auslebten. Ich reihte mich perfekt und opportunistisch in der Mitte ein und so ließ man meine Ohren und meine Seele meistens in Frieden.

Obwohl wir sehr zeitig zum Frühsport herausgerufen wurden und unsere Waschräume in dem unbeheizten Flachgebäude 50 Meter von unseren Häusern entfernt waren, ahnte ich zum ersten Mal, dass ein Ferienlager „urst einfetzen“ konnte, wie wir gerade sagten. Nach dem Frühstück bestand der komplette Tag aus Rodeln, Gleiter fahren, Schneeballschlachten und Iglu bauen. In dem klaren Flüsschen hinter den Hütten errichteten wir Staudämme, damit wir die vorbeischwimmenden Forellen besser fangen konnten. Wir spielten chinesisch Tischtennis, bis uns schwindelig wurde und fast nach jedem Abendbrot gab es eine Lagerdisko oder eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe.
Es machte richtigen Spaß und mittlerweile konnte ich sogar schon lesen. Obwohl auf den Karten und in den Briefen von zu Hause, die ausschließlich Mutter schrieb, nur belangloses Zeug stand, war diese Post immens wichtig, da die Kinder, welche keine bekamen, sofort gehänselt wurden. Auch Oma Halle schickte bald in jedes Kinderferienlager einen Brief. Sie schrieb eigentlich immer: „Hallo, mein Markilein. Ich hoffe, es geht Dir gut. Anbei findest Du ein kleines Scheinchen. Liebe Grüße, Deine Oma Halle.“ Bereits im zweiten Ferienlager kaufte ich mir von dem Geld im Konsumladen des Ortes eine herzhafte Thüringer Leberwurst, da es hier nur Mortadella und eine Sorte Schmelzkäse zum Abendbrot gab.

Die Briefe meiner Mutter waren länger, oft bargeldlos und mit Schreibmaschine getippt. Sie teilte ihrem jetzt achtjährigen Sohn Geschichten aus ihrem harten Arbeitsleben mit und was Vater (der Arsch) schon wieder alles verbrochen hatte in meiner kurzen Abwesenheit. Benny war natürlich meistens erkältet und vermisste angeblich seinen großen Bruder sehr.
In den späteren Sommerferienlagern beschrieb sie jedes Jahr auf einer kompletten DIN-A4–Seite die Neuigkeiten aus dem Garten in Karow. Ab der 3. Klasse war ich schon regelrecht glücklich, im Ferienlager zu sein, da zu Hause immer alles beim Alten war: Benny krank, Vater im „Scheppert-Eck“, und Mutter rackerte sich zu Hause und im Garten allein ab. Das Bild, das sie zeichnete, stellte die Realität wahrscheinlich sogar relativ genau dar. Ich war dann froh, weit weg und frei zu sein.

Von meinen ersten Antwortkarten waren meine Eltern sicherlich gerührt. Darauf stand mit etlichen Rechtschreibfehlern vor allem, dass die Küchenfrauen nett wären, ich schon viele Freunde gefunden hatte und wir jeden Tag Schlitten fuhren. Sie sollten bitte auch Benny und die Hamster Max und Moritz grüßen.
Ab der 4. Klasse hatte ich von anderen Kindern gelernt, dass auch ein letzter, entscheidender Satz auf die erste Karte musste: „Bitte sendet mir Geld. Hier ist alles sauteuer.“ Obwohl mir Vater und Mutter jeweils vor der Reise etwas heimlich zugesteckt hatten, was ich dem jeweils Anderen nicht erzählen sollte und es in der DDR einheitliche Verkaufspreise gab, bekam ich seitdem nicht nur von Oma ein Scheinchen gesandt. Ich trank und rauchte noch nicht und so viele Leberwürste hätte ich gar nicht kaufen können. Es blieb also immer reichlich übrig für die heimische Sparbüchse.

Benny, der drei Jahre nach mir das erste Mal in ein Ferienlager geschickt wurde, schrieb den „Geldsatz“ gleich bei seiner zweiten Fahrt, und meine Eltern glaubten natürlich, dass er dies von seinem großen Bruder abgeschaut hatte. Obwohl auch er bald seine Zehner bekam, war er meistens nach drei oder vier Tagen wirklich pleite. Keine Ahnung, wie er das angestellt hatte – wahrscheinlich zu oft beim Mau-Mau-Spielen verloren, zu wenige cc-Mücken bei seinen Autokarten, oder zu viele Halloren-Kugeln genascht – aber natürlich half ich ihm dann mit etwas Geld aus der Patsche. Benny hatte es also entschieden einfacher hier in Rodishain, wo wir jetzt jedes Jahr gemeinsam hinfuhren. Als ihm ein gewisser Angelo einmal „Feuerohren“ verpasste – er hatte so lange an Bennys Ohren gerieben, dass diese schon weinrot leuchteten – drehte ich mit beiden Händen an seinem Arm in entgegengesetzte Richtungen, bis dieser wie Brennnesseln oder hunderte kleiner Stecknadeln piekte. Mit Hilfe zweier Freunde warf ich ihn in den benachbarten, eiskalten Bach zu den Forellen. Es gab nie wieder Probleme mit Angelo. Er wurde später sogar unser Freund.

Relativ schnell wollte ich unbedingt in beide Ferienlager fahren, im Sommer und im Winter und immer nach Rodishain. Da es vielen anderen Kindern ähnlich ging, traf ich alle meine alten Freunde wieder und wusste dann schon bei der Anreise im Bus, welchen Platz ich im Tischtennisturnier ungefähr belegen würde.


Meine Mutter schrieb vor meiner Abreise auf ihrer Schreibmaschine – natürlich während ihrer Arbeitszeit – eine ganz genaue Inventarliste mit den Utensilien, die ich in meinem Koffer mitbekam. Natürlich packte sie auch dieses riesige braune Ungeheuer. Ich hatte immer mehr als genug dabei, und jedes einzelne Kleidungsstück, aber auch die Sachen aus dem Kulturbeutel und der Essbestecktasche standen auf ihrer Liste, die in der Innenseite meines Koffers klebte.

Ohne Absatz stand dann dort zum Beispiel: „8 Paar Socken, 3 Hosen, 6 Hemden, 8 Schlüpfer, 2 Handtücher, 3 Paar Schuhe, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gabel, 1 Messer, 1 großer Löffel, 1 kleiner Löffel …“ Und so weiter – eine komplette DIN-A4-Seite voll. Dummerweise standen solch wichtige Sachen wie 1 Tischtenniskelle, 2 Dreisterne-Bälle und 6 Kassetten nicht auf ihrem Zettel. Ich wurde streng ermahnt, dass ich beim Packen vor der Rückfahrt die Liste ganz genau abhaken sollte, um zu sehen, dass auch jedes Teil wieder dabei war.
Spätestens ab der 5. Klasse kreuzte ich die komische Liste vor unserer Heimreise ohne zu kontrollieren einfach ab, stopfte einen riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten in den Koffer und setzte mich und einen Kumpel auf das Ding, damit wir ihn zubekamen.

Zu Hause gab es natürlich immer das große Stöhnen, was ich denn mit meinen Sachen gemacht und in welchem Kuhmist ich mich gesuhlt hätte. Vom Geld meiner Oma oder von ihrem eigenen hatte ich jedoch für meine Mutter ein paar leckere Halloren-Kugeln im Dorfkonsum gekauft, die ich ihr schuldig dreinschauend überreichte. Sie lächelte glücklich und stopfte meine Dreckswäsche, auch wenn 2 Socken, 1 Hemd und 1 Geschirrhandtuch fehlten, wortlos in unsere Waschmaschine.

Mein persönliches, wenn auch schmerzhaftes Highlight des Winterferienlagers der 6. Klasse gab es erst am vorletzten Tag. Wie immer lagen unsere Häuser in Rodishain tief verschneit im Wald und wir genossen unser romantisches Wintermärchen. Als wir mit unserer Gruppe an diesem Vormittag mit einem glitschigen Baumstamm das zugefrorene Flüsschen überqueren wollten, rutschte ich ab und knickte mir den Arm zunächst auf der harten Eisoberfläche und dann auf dem Grund des Flusses mit einem fiesen Krachen um.
Mein rechtes Handgelenk hing wie abgehakt schlaff vom Arm herab. Die Schmerzen waren höllisch, das konnten die anderen sehen, aber ich heulte und schrie nicht und obwohl ich mir nur den Arm gebrochen hatte, trugen mich die beiden stärksten Kinder Dirk und Volkmar zurück zu unseren Hütten. Am Abend war ich der große Held und Gesprächsstoff des ganzen Lagers. Voller Stolz zeigte ich meinen Gips aus dem Krankenhaus in Nordhausen. Alle, sogar die Helfer, hatten bei der Abreise mit Kugelschreiber darauf unterschrieben, sodass jeder in meiner Schule sehen konnte, wie viele Freunde ich hatte. Es war wirklich traumhaft, denn Sabine musste, bis der Gips nach sechs Wochen abkam, für mich im Unterricht mitschreiben.

Das Sommerferienlager der 7. Klasse sollte mich ein letztes Mal nach Rodishain führen. Mit 13 war ich von heute auf morgen plötzlich ein Jugendlicher geworden, der nicht mehr so sehr auf Staudämme für Forellen, sondern auf die ersten Wölbungen unter den Blusen der Mädchen achtete. Das vormals uninteressante andere Geschlecht war in der ältesten Gruppe das wichtigste Thema. Viele rauchten bereits und soffen heimlich Sachen aus dem Dorfkonsum. Ich tat dies nicht, gehörte deshalb aber auch nicht mehr dazu und bekam vom Obermacker, einem gewissen Jesse, sogar einmal richtig eine auf die Fresse für eine blöde Bemerkung. Dabei hatte ich lediglich gesagt, dass er mit Zigarette im Mund aussehe wie Patrick Swayze und der war ja eigentlich ein Frauenschwarm.
Ich ahnte, dass ich bald komplett raus wäre, wenn ich mich dem heimlichen Cabinet-Rauchen, dem Genuss alkoholischer Getränke, von denen man anschließend die Waschräume voll kotzte, und dem „Mädchen fingern“ entziehen würde. Doch noch riss ich mich zusammen und so wurde es in anderer Hinsicht das erfolgreichste Kinderferienlager „Willi Bredel“ meines Lebens: Ich belegte den 1. Platz in der Kombinationsstaffel der Lagermeisterschaften, ging als Sieger beim Wurfspiel hervor, belegte den 2. Platz beim Tischtennisturnier, wurde Sieger beim Skatturnier und belegte den 1. Platz beim Liegestütz-Wettbewerb der Altersklasse 10-13. Beim letzteren, hieß es auf einmal, hätte ich angeblich beschissen und bekam die Zweite in jenem Jahr aufs Maul, vom großen Boss persönlich – dem Zweitplatzierten Jesse. Aber noch hatte ich, trotz blutiger Lippen, keine einzige Zigarette geraucht, keinen Alkohol getrunken und fünf große Urkunden mehr im braunen Koffer. Auf der letzten Lagerdisko bekam ich meinen ersten richtigen Kuss von einer gewissen Dörte.

Ab der 8. Klasse wäre ich lieber nach Spanien, Italien oder Irland ins Ferienlager gefahren, aber daraus wurde leider nichts.
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Feuerohren – Kindheit in der DDR

25. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Familie2Bei meinem ersten Ferienlager in der ersten Klasse war ich sieben Jahre alt. Keine schöne Erinnerung, denn die älteren Kinder quälten mich. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur noch zurück nach Hause zur “Mama”. Das Wort konnte ich schon schreiben, einen ganzen Brief bekam ich aber nicht hin. Da es auch mit dem Lesen noch nicht klappte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne Kontakt zur Außenwelt. Telefone gab es nicht, und im Lager fand ich niemanden, der mich tröstete.

Sie drehten mir die Arme auf den Rücken, rieben brennende “Feuerohren”, boxten wie verrückt aufs Schulterblatt. So gemein wurde mir von hinten ein Bein gestellt, dass ich ständig in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich allein wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es sogar noch viel schlimmer. Viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

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