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Vergänglichkeit – aus dem Buch “Leninplatz”

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben


Am Freitag, den 5. Oktober 1984, werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Frau Frisch darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Winkelementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Hans-Beimler-Straße, Ecke Mollstraße gehen werden. Erich Honecker, Andrei Gromyko und Jassir Arafat würden dort in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 35. Jahrestag der Republik vorbeifahren. Obwohl viele Länder nur ihre zweite Garde gesandt hatten, ist die Bedeutung ihrer Ankunft all meinen Freunden sofort klar: Wir haben zwei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen absetzen!
Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand vermissen und schon gar nicht im „Scheppert-Eck“, der Lieblingskneipe meines Alten, auftauchen.
Während ich gerade mein Würzfleisch verspeise, schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, die Kolonne schwerer Autos würde ich eigentlich ganz gerne sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten meiner feixenden Jungs. Als wir uns dann doch entschließen, hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Schlitten schon vorbei. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt ausgerechnet Andi. Alle wissen: Er blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich schon in Richtung Schule verduftet, doch als Bommel und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch – unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar gute Noten hinein, die das Problem vorerst beheben.

Doch was macht mein bester Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel.
Und dann geschieht das Unglück: Der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf dem schmalen Ablagesims der dunkelgrünen Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Bommel klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das verschollene Klassenbuch zu gelangen.
„Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Müller befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. Wir gehorchen. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Die Schreibtisch-Schublade ist vorne, also steht er eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Vogel verschwindet und sich wieder seinen Wellensittichen widmen kann, die er im Foyer der Schule züchtet.
Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“
„Dirk, du Arschloch“, zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. Er ist unser Klassenbuch-Beauftragter und eigentlich ganz okay. Bommel sagt: „Wir fummeln das Ding nach der Stunde schon wieder raus, Dirki, weißte doch.“ Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits etliche Zensuren manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.


Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch Frau Frisch ihren Auftritt hat. Die Geschichtslehrerin ist eine Hundertzwanzigprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und in ihrer typischen Keifstellung: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Bergi murmelt, wie die Großen: „Immer breit.“
Die Lehrerin will sich setzen – und knallt scheppernd mit den Knien gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibtischs. „Auuuua“, jault sie. Bommel flüstert mir kichernd ins Ohr: „Der steht ja falsch herum“, während Lars und Dirk eilig den Tisch wieder so drehen, dass die Frisch ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Wir lachen innerlich, bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheitseintrag im Klassenbuch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 35. Jahrestag der DDR einzustimmen. Genossin Frisch hat alle Losungen extrem verinnerlicht und hält auch heute eine langatmige Rede über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 35 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Andi und weckt Bommel und mich damit aus dem Wachkoma.
Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute zum Fackelzug am Sonnabend treffen, so als ob das alle beträfe.
Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir mit Hilfe des starken Bergis an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Dirk schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.

Als ich auf den Schulhof komme, steht dort Nadja. Wir sind allein. Seit zwei Jahren bin ich in die schwarzhaarige Traumfrau aus der Parallelklasse böse verliebt und beobachte sie während fast jeder Hofpause mit klopfendem Herzen. Sie ist das allerschönste Mädchen der Schule und hat sogar schon einen richtigen Busen. Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Vor einem Jahr hatte ich noch versucht, über ihre Freundin Simone an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis heute kaum noch mit mir spricht.

Während sie sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich in meinen Wisent-Jeans und den blau-weißen Stoffidas wie der letzte Eimer aus.
Fast erwarte ich, dass sie mich, in Anlehnung an den Nena-Song, mit den Worten: „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Stattdessen fragt sie: „Mark, gehst du eigentlich zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das Schrauben-Locker-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja, ist doch irgendwie was Besonderes. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“

Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt da, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckung suchend, im Schatten des riesigen Denkmals, warte ich. Nadja scheint sich zu freuen; sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße weiterfahren.

Zum Fackelzug der FDJ wurden 80.000 vorbildliche Jugendliche aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass die Fraktion aus Sachsen mal wieder in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel und einen dunkelblauen FDJ-Anorak aus Polyestergemisch.

Auch wir hatten Hemd und Jacke noch am Freitag ausgehändigt bekommen, obwohl wir erst nächstes Jahr aufgenommen werden und dies als übergroße Auszeichnung für gute Thälmann-Pioniere verstehen sollten. Wir erhalten somit ein „Mandat zur Teilnahme am Fackelzug der FDJ“ im sogenannten „Friedensaufgebot“.

Die Einheitskleidung fetzt dennoch, da es zwischen Nadja und mir, zumindest was die Oberbekleidung betrifft, endlich einmal keinerlei Unterschiede gibt. Ich lasse das blaue Hemd mit hochgeklapptem Kragen locker aus der Hose hängen, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, kollabiere ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt fast vor Erregung. Ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit diesem Mädchen!
Unsere Lehrerin Frisch, die gleichzeitig GOL-Sekretärin der Schule ist, brüllt: „Schön, dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Hier ist deine Fackel! Oh, mit weiblicher Begleitung aus der A-Klasse“, ereifert sie sich und überreicht mir zusätzlich noch einen Plastikbecher mit Limonade. Ich binde mir den dicken Anorak um die Hüften und trabe in einer unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor.
Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast der Republik zurückmarschieren. Ein Typ, der mit einer riesigen FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „SED – FDJ“ und danach: „Frieden, Freundschaft, Solidarität“. Er soll damit wahrscheinlich die Dankbarkeit der sächsischen Jugend zum Ausdruck bringen, ist aber aufgrund seines Dialektes kaum zu verstehen. Etliche Typen stimmen danach „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf. Freie Deutsche Jugend, bau auf. Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf“, „Die Internationale“ und „Wir sind die junge Garde des Proletariats“ an.
Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der Blauhemden haben auf mich dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze immer weiter aufknöpft. Mein Herz!
Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast angelangt sind, zieht mich das wunderschöne Mädchen ganz nah zu sich heran und flüstert: „Was für eine bescheuerte Rentnerbrigade.“

Besonders Honecker, Mittag und Mielke winken uns senil grinsend zu, wobei auch die jüngeren Genossen wie Krenz und Aurich fast scheintot wirken. Unser Staatsratsvorsitzender hatte bei der Festansprache noch genuschelt: „Der Sozialismus wird siechen.“ Genauso sieht es dort oben aus.
Ich zertrete verlegen zwei der weißen Plastikbecher und schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht: „Ja, ist Kacke hier, aber mit dir fetzt es trotzdem.“ Sie lächelt.

Am Alex löst sich der Pulk allmählich auf, weil dort Container für die Fackeln und 600 Busse für die Dörfler stehen, die sie zurück in die Pampa bringen.
Es beginnt zu regnen. Ich will Nadja noch auf einen Eisbecher einladen, doch sie überredet mich, im Café am Leninplatz zwei Flaschen Club Cola zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Das Zeug ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt im Nieselregen neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, beugt sich seitlich über mich und gibt mir den ersten ernstzunehmenden Kuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.


Am kommenden Morgen, der eigentliche Nationalfeiertag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag, sehen wir uns wieder, da wir auch am 7.10. antreten müssen. Als ich Nadjas Augen suche, blickt sie weg, und auch später würdigt sie mich keines einzigen Blickes! Sie ignoriert mich, als wäre ich Luft.
Für mich geht an diesem Tag die Welt in Flammen unter. Ich möchte endlich 16 sein und ein Mädchen, dem ich am Vorabend noch die Hand unter die Bluse geschoben habe, umarmen und leidenschaftlich küssen. Voller Wut laufe ich Erich und seinen Genossen auf ihrer Ehrentribüne entgegen, die sich dort oben bestimmt alle ziemlich wundern, dass ich nicht einmal zurückwinke.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
FDJ
Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
Kassette
Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
Mauergewinna
Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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