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Frankreich-Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien

4. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

WP_20140704_042Ich verreise noch immer gerne mit Freunden. Allerdings werde ich langsam so alt, dass mir die Pärchen-Urlaube mit Sylvie beinahe besser gefallen, da ich mich dann nicht auf die Macken Anderer einstellen oder Kompromisse eingehen muss. Oft sind wir auf diesen Touren „ein Kopf und ein Arsch“, will sagen: wir könnten Reisen auch allein organisieren und wüssten jederzeit, dass die Pläne im Sinne des Partners wären. Mittlerweile schenken wir uns nichts mehr zu Weihnachten, da Konzertkarten, Bücher oder CDs sonst gleich doppelt auf dem Gabentisch lägen.
Die diesjährige Truppe ist halbwegs „mackefrei“ und mit den Südamerika-Neulingen verstehe ich mich blendend. Heute nervt jedoch der lange Entscheidungsfindungs-Prozess, um eine popelige Halbtagestour ins Parnaiba-Delta zu buchen. Sylvie nimmt auf jede noch so kleine Befindlichkeit Rücksicht, während ich sofort feststelle, dass die vier Tour-Operator, welche hier Tür an Tür ihre überambitionierten Event-Büros am Porto das Barcas haben, schlichtweg denselben Trip zum Einheitspreis anbieten. „Ich mach das jetzt mal“, rufe ich und knalle meine Kreditkarte auf den Tresen. „Cinco pessoa por favor.“
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Das kann Danny gar nicht ab und auch Sylvie fühlt sich leicht übergangen. Doch wenigstens sie kann ich überzeugen, dass wir auch in zwei Stunden nichts anderes gebucht hätten – nur um Jahre gealtert wären. Erleichtert flirte ich mit der Dame, bezahle für 5 Personen und pünktlich um 13 Uhr werden wir abgeholt.
Am Minihafen von Porto dos Tatus, der das Einfallstor zum Delta zu sein scheint, schmeißt uns der Fahrer wieder raus. Gerade werden handtellergroße Caranguejos behelfsmäßig in Bündeln zusammengebunden und lebend per Moped in die Stadt zum lustigen „Krebse-Klopf-Klopf“ transportiert.
Schon oft hatte ich erlebt, dass ich sich Guides in Brasilien lustige Namen geben, so auch der heutige. Mit „Sokrates“ sind wir nach fünf Minuten auf einer Wellenlänge, denn seine Tour-Vorbereitung besteht darin, eine Kühlbox mit Eis zu befüllen und uns danach in einen Shop in Richtung der Bierregale zu leiten. Erst als die letzte (von 30) Brahma-Dosen verstaut ist, kann es losgehen.
Die stahlendweiße „Iguana“ ist ein komfortables Boot mit ausfaltbarem Sonnendach und nun auch mit eingebautem Kühlschrank. Schon nach zwei Minuten sehen wir kein Gebäude mehr und befinden uns inmitten des Mangrovenwaldes.
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Hinter mir zischt eine Bierdose. Vögel erheben sich kreischend, während tausende Krebse hektisch schlammige Hügel erklimmen. Unser Tour-Philosoph spricht vorzügliches Portospanenglisch, sodass wir uns alle Informationen zusammenreimen können. Die 85 Inseln des Deltas liegen verstreut über eine Fläche von 2700 Quadratkilometern und der Rio Parnaíba teilt sich zum Schluss in fünf Arme, deren Wasser in den Ozean münden. Es ist eine der vielleicht schönsten Naturstrukturen des Planeten. Wir schippern durch ein furioses Labyrinth von Nebenarmen und Inseln. Auf dem Festland wäre die Vielfalt nur mit Neuseeland zu vergleichen, denn alle fünf Minuten ändert sich die Landschaft dramatisch. Wir passieren große Flüsse, Naturkanäle und breite Lagunen, sehen gigantische Dünen und Strände mit schneeweißem Sand – und das alles eingebettet in den grünen Mangroven-Dschungel.
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Alle fotografieren hektisch träge Kaimane, Leguane, Schlangen, Kapuzineräffchen und schlammige Krebse in einem Wirrwarr von luftigen Stelzwurzel. Etliche Störche, Kormorane und Reiher gleiten vorbei. Nur der immense Frischreichtum bleibt uns verborgen. Sokrates klaut zumindest aus einem Netz ein paar Garnelen und Austern, die er in die entstandenen Löcher der Kühlbox packt. Bei einem kalten „Cerveja Lata“ erzählt er zudem Geschichten von Gespenstern, sprechenden Fischen und alten Fischern, die nie mehr von ihrer Ausfahrt aufs Meer zurückkehrten, bevor er uns an einem matschigen Strand aussteigen lässt. Eine Stunde sollen wir uns dort die Beine vertreten. Eklige Würmer und riesige Schaben krabbeln diese sofort empor und ein Geschwader von Monster-Mücken durchschwirrt die stehende Luft.
Es werden die vielleicht schönsten (zwei) Stunden meiner bisherigen Brasilienreisen, denn nachdem wir uns durch den knietiefen Modder gekämpft haben, erwartet uns eine Landschaft, die mir den Atem verschlägt. Rechts und links erstreckt sich noch immer der tiefgrüne Dschungel, doch davor ragen gigantische Carnaúba-Palmen vor blassgrüner Buschsteppe in den Himmel. Kurz dahinter liegen bizarre Dünen und Wüstenformationen, welche ultratürkisfarbene Süßwasserlagunen in ihren Tälern beherbergen. Und als wäre das nicht schon Naturspektakel genug, erstrahlt in der Ferne ein violett-blauer Atlantik hinter feinsandigen Traumstränden. Wir sind die einzigen Menschen und fühlen uns wie die Einzigen auf dem Planeten. Es ist hier unfassbar still und zum Weinen schön. Alle laufen weit voneinander entfernt durch das Wunderland. Erni winkt aus der Ferne, doch erst als ich bei ihm bin, sehe ich, dass er eine Meeresschildkröte entdeckt hat, die einmal mehr die Unberührtheit dieses Fleckens Erde repräsentiert.
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Nachdem uns Sokrates am Boot eigenhändig die schlammigen Füße gewaschen hat, serviert er vorzügliche Austern mit Limettensaft zum Sonnenuntergangsbier. Was für ein Ausflug! Ohne Rücksicht auf das Verpassen irgendwelcher Achtelfinals buchen wir einen weiteren Trip bei ihm. Er hatte uns die ganze Zeit von roten, weissagenden Vögeln vorgeschwärmt. Die wollen wir morgen sehen!
Auch der zweite Ausflug startet in der gleichen Konstellation: wir haben Bier, sehen Traum-Urwald-Strände-Dünen im unberührten Mangrovengürtel mit einem Typen, den man unterbrochen dafür herzen könnte. In der Abenddämmerung ankern wir vor einer fast kreisrunden Insel. Hier sollen Guarás (rote Ibisse), die nur im nördlichen Südamerika und in Trinidad vorkommen, ihr Nachtquartier aufschlagen. Ich weiß, dass Guarra (mit einem „r“ mehr“) auf Spanisch „Schlampe“ heißt, doch weder Vögel noch die Damen tauchen auf. An Bord gibt es jedoch Getränke, gute Laune und einen Geschichtenerzähler. Sokrates erklärt, dass wir uns die Anzahl, der im Formationsflug ankommenden Sichler genau merken sollen, da diese Kinder- und Enkelzahlen, Lotto- und Fußballergebnisse, oder zu verbleibende Lebensjahre vorhersagen könnten. Wir einigen uns auf das Ballspiel und fast auf ein 0:0, da sehr lange rein gar nichts geschieht. Eine einsame Möwe segelt über uns hinweg. „Okay, wenn wir in weiß spielen, gewinnen wir 1:0“, nörgelt Jenna.
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„Guckt mal da rüber, wie krass ist das denn?“, ruft Danny plötzlich. Aus der Ferne segelt uns ein Gruppe leuchtendroter Vögeln entgegen. Im Licht der untergehenden Sonne wirken sie fast neonpink. Als sie an uns vorbeigleiten, krakelt Jenna: „Und in Rot spielen also 7:0, Scheppert?“ Es sind sieben knallrote Ibisse. „Nee, Meiner, 7:1, da kommt noch ein einsamer Genosse“, nuschelt Erni, wobei ich weder das eine noch das andere Ergebnis mit den ausstehenden Spielen in Verbindung bringen kann. „Richtig, 7:1. Völlig realistisch“, antworte ich. Sokrates nickt, nachdem ich es ihm erklärt habe, denn er glaubt fest an den Quatsch. Okay, Costa Rica ist auch noch in der WM-Verlosung.
Kurz danach gibt es nur noch Handball-Ergebnisse. Der verschwenderische Himmel verfärbt sich rot und alsbald auch die ehemals grüne Insel. Dieses Wunder der Natur sprengt jegliche Vorstellungskraft. Brasilien kann einen immer wieder umhauen. „Kleine Bierkrise, würde ich meinen“, murmelt Sylvie mit leuchtenden Augen und krallt sich die letzte Dose. Leider müssen wir nun zum Hafen zurückkehren.
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„Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Ich mag diese Redewendung nicht und hielt mich im Leben meistens auch selten daran. Die englische Entsprechung: „One should leave off with an appetite“ ist ebenso Quark, denn was soll denn jetzt fußballtechnisch noch besseres kommen, als eine WM in Brasilien? Genau. Nichts! Dummerweise ist unsere Reise im Vorfeld so geplant gewesen, dass wir nach dem Viertelfinale die Heimreise antreten müssen. Während mein Freund Trueman gerade auf dem Weg nach Rio ist, um das Spiel gegen die Franzosen vor Ort zu zelebrieren, werden wir nicht einmal im Stadion, sondern wieder nur auf dem Fanfest in Recife sein – wenn überhaupt …
Der Flieger, der uns aus Parnaiba heraushauen soll, kommt nämlich nicht. Nach drei Stunden heißt es, dass wir per Bus ins 400 Kilometer entfernte Fortaleza gekarrt werden sollen, wo es Anschlussflüge gäbe. Wir sitzen schon in der Klapperkiste, die an einem schäbigen Restaurant plötzlich stoppt, da neue Gerüchte laut werden: das Flugzeug sei doch im Anflug. Also Kommando zurück und nochmals vier Stunden an Gate A warten (es gibt nur A), um gegen Mitternacht endlich in Fortaleza – natürlich ohne Anschluss – zu landen. Brasilien spielt in 17 Stunden sein Viertelfinale gegen Kolumbien genau in dieser Stadt. Wir bekommen nicht einmal Entschädigungshotel-Betten. Da es auch keine freien Sitzmöglichkeiten am chaotisch überfüllten Terminal gibt, lungern wir bis früh um 7 Uhr auf arschkalten Fliesen herum, bevor es endlich weitergeht und wir gegen 11 Uhr – nach lediglich 23 Stunden Anreise – in Recife landen. Dort können wir nun auch auf ein Hotel verzichten, da „unser“ Anstoß bereits um 13 Uhr erfolgt. Jetzt heißt es: kurz die dicken Waden im haiverseuchten Meer sowie die Gemüter mittels Brahma abkühlen und diverse Kopfbatterien nach diesen dornenreichen Stunden wieder aufladen.
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Wenngleich zwei meiner Mitstreiter während der gesamten Tortur in Panik gerieten, dass wir den Heimflug nicht pünktlich erreichen, sehe ich am Strand von Boa Viagem einige Dinge plötzlich glassklar. Was würde eigentlich geschehen, wenn wir diesen wirklich verpassen würden? Ich müsste mich bei meinem, sich zur WM zumindest minimal für Fußball interessierenden, Chef melden und ein paar Zusatz-Urlaubstage (im Sommerloch) beantragen. Ein paar hundert Euro mehr würde der Trip kosten. Mein Arsenal an Ausreden bröckelt. ‚Na und? Wenn es am schönsten ist, sollte man bleiben‘, rede ich mir ein, ohne es laut auszusprechen. Mein eingenicktes Mädchen schreckt hoch und ruft: „Wir müssen los, oder?“
Fußball ist für mich insofern faszinierend, da er eine Euphorie auslösen kann, für die man sonst harte Drogen bräuchte. Da kommt plötzlich immer dieses Sausen im Kopf, dieses krasse Gefühl, lebendig zu sein. Als wir Recife Antigo nach zwei Tagen ohne Schlaf erreichen, spüre- in meinen Adern drei Linien Kokain pulsieren, obwohl dort nur ein zwei Bier wabern. Okay, wir reden hier nicht von einem ätzend langweiligen Freundschaftsspiel oder einer 13.30 Uhr-Zweitliga-Partie, sondern vom Viertelfinale der WM mit deutscher Beteiligung.
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Auf dem Fanfest ist um einiges mehr los als bei der Partie gegen Portugal. Etwa 400 Deutsche und 200 blaue Frösche in eng anliegenden Trikots trinken sich Mut an, aber auch viele Einheimische sind bei 32 Grad, im nicht vorhandenen Schatten, vor Ort; wahrscheinlich weil ihr Team direkt im Anschluss spielt. Einige brasilienbraune Schönheiten haben sich sogar schwarz-rot-goldene Fahnen auf die Wangen gemalt. Später erfahre ich, dass sie lediglich Deutsch an der Uni lernen und deshalb unser Team unterstützen. ‚Ist eigentlich unser Land oder das Team angesagt?‘, frage ich mich während Erni beinahe das angeschleppte Bier verschüttet beim Betrachten der lächelnden Schönheitsköniginnen im Minirock. Trueman schreibt mir eine SMS aus dem Maracana in Rio – auch nicht schlecht. Neid!
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Das Spiel: Mats Hummels köpft nach einer Flanke von Toni Kroos in der 12. Minute das 1:0 unter die Latte und lässt und zu hüpfenden Rumpelstilzchen mutieren. Danach heißt es 80 Minuten lang zittern, obwohl wir heute nicht die Eisbahn in der Mall nebenan betreten. Okay, das Team spielt nicht schön aber sicherer als gegen Algerien, doch Frankreich gelingt es oft, den Ball zielstrebig in unsere Gefahrenzone zu bringen und Benzema treibt uns, aber auch die hiesigen Franzosen, fast in den Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass Neuer in der Nachspielzeit nach seinem Dynamitschuss den rechten Arm so schnell nach oben reißen kann und uns den Einzug ins Halbfinale rettet. „La Boum 2. Die Party geht weiter!“, ruft Jenna saulässig und Erni startet seine berühmt-berüchtigte Polonaise. Die Deutschland Gewogenen schließen sich ihm an und rocken die Altstadt von Recife. Bis zu dem Moment als alle in ungläubigem Staunen verharren. Mit lautstarker Fanfarenmusik marschieren zehn brasilianische Riesen ein, gefolgt von tausenden Menschen in Nationaltrikots.
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Die fünf Meter großen Figuren, geschultert von normalen Menschen, bilden die Vorhut zum anstehenden Viertelfinale. Eine Volksfest-Tradition aus Olinda hat somit auch Recife erreicht, denn die Riesenfiguren aus Holz, Pappmaché und Ton prägen den dortigen Karneval seit hundert Jahren. Wo sonst Politiker und Stars verspottet oder gehuldigt werden, sind es diesmal die WM-Stars. Fantastisch, wie realistisch und lebensnah die Gesichter aussehen, wobei ich von den zehn Giganten nur Pelé, Neymar, Scolari, Fred und David Luiz erkenne. Und natürlich den „Beißer“ Suarez, den sie als Vampir dargestellt haben. Die Stimmung inmitten der tanzenden Meute ist grandios. Deutsche und Franzosen waren ja regelrecht introvertiert, im Vergleich zu dem, was jetzt abgeht. Aber nach fünf Bieren in der prallen Sonne feiern besonders Erni und ich gehörig mit und drücken Pelé und Neymar die Deutschlandfahne in die schlaffe Hand. Da die Typen unter den Figuren nichts sehen können, entstehen Fotos für unsere Ewigkeit. Brasilianische Chicas wollen sich zudem mit uns, Neymar und Flagge ablichten lassen, als Beweis für die WM ihres Lebens – für ihre Ewigkeit. Wir trinken Brahma aus Riesendosen gefüllt mit Adrenalin.
Leider wollen meine Freunde das Spiel nicht hier verfolgen, sondern dem Tollhaus mit einem eleganten Abgang entweichen, nur, um etwas zu essen, was aus meiner Sicht völlig überbewertet ist. Einige Ecken weiter kehre ich in eine Open-Air-Kneipe ein, setze mich vor die Leinwand und rufe: „Ihr wisst, wo ihr mich findet!“ Nach Rückkehr der Hungrigen – das rasante Spiel hat längst begonnen – macht Sylvie Fotos. Mittlerweile sitze ich im rot-schwarzen „Rugbytrikot“ ganz allein inmitten von gelb-grün-blau bekleideten Heißblütern und habe eine „GOAL-Brille“ dabei, die mir jemand geschenkt hatte. WM-Fieber!
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Brasilien gewinnt 2:1 und ist demnach unser Halbfinalgegner. Neymar wurde böse gefault und rausgetragen, was mir – da in meinem Leben schon öfter prophezeit wurde: Deutschland wird Weltmeister – ein bisschen Mut gibt. Der Typ ist deren einziger Weltklassespieler. Ohne den Volksheld und den gesperrten Thiago Silva wird das Halbfinale immer noch hart, aber durchaus machbar sein. Nach der Partie umarmen mich etliche Menschen herzlich, in der Gewissheit, dass ich (!) nun der nächste Gegner bin. Mir kommen fast die Tränen.
Verdammt, ich habe doch nur eine Schatztruhe namens Leben und manchmal gehe ich damit um, als hätte ich tausende. Gehen oder bleiben?

Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Und noch ein paar Videos:

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Das schnellste Faultier der Welt – WM 2014

7. März 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

2014-06-25 13.42.56Aua! Am nächsten Morgen geht es mir gar nicht gut. Sylvie weckt uns rabiat: „Steht auf ihr versoffenen Ärsche“, ruft sie grimmig. „In einer halben Stunde müssen wir aus dem Zimmer sein“. Dann ist es 11 Uhr. Nach nur vier Stunden Schlaf. „Außerdem fahre ich jetzt mit den anderen an den Strand und will euch bis 16 Uhr nicht mehr sehen. Ihr seid ja vielleicht zwei Kranke!“ Wir hatten bei unserer Rückkehr wohl ziemlich randaliert und sie mehrfach euphorisch aufgefordert, mitzufeiern – erfahre ich am Nachmittag, als sich die Wogen allmählich wieder geglättet haben.
Bis dahin esse ich mit rebellierendem Magen 120 Gramm leichte Kost in einem Kilo-Restaurant und lungere mit Erni im Schatten einer Palme am Stadtstrand herum, wenngleich mir auch dabei am Schädel fast die Schläfen platzen. Zudem habe ich mir beim nächtlichen Gekicke dicke Beine und zahlreiche Blasen erlaufen. Klassischer Suff-Kater, den man nur mit einem Konterbier lindern kann. Könnte.
Eine Sache ist trotz Vernebelung klar: Ich werde nicht allein nach Recife fahren, auch um meine Beziehung nicht wegen einer schnöden Fußballpartie aufs Spiel zu setzen. Zum einen ist dies unser gemeinsamer Jahresurlaub und außerdem fliegen wir in den tropischen Regenwald, an einen Ort, der an den schönsten Fluss-Stränden der Welt liegen soll. Auf der in Prospekten angepriesenen Ilha do Amor (Insel der Liebe) will ich auch meine wieder auffrischen.
In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies keine Reisereportagen seien. Doch wenn jemand statt zum WM-Spiel zwischen den USA und Deutschland in einen Wald an einem großen Fluss reist, um lieber darüber zu berichten, kann er seine Storys vielleicht auch irgendwann so nennen.
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Als wir um 19 Uhr abheben, dämmere ich weg und weiß, dass ich den ätzenden Tag heil überstanden habe. Falsch gedacht! Wir befinden uns nämlich in einer Art „Lumpensammler-Flug“, der auf dem Weg von Fortaleza nach Santarem zweimal zwischenlandet. Nach einer Stunde geht es bereits in den Sinkflug. Kurz bevor die klapprige Maschine (das Fahrwerk ist längst ausgefahren) den Boden berührt, gibt es einen ohrenbetäubenden Krach. Die zwei Düsen werden erneut angeschmissen und der Pilot startet durch. Ob es an meiner Müdigkeit liegt, mag ich nicht beurteilen, denn ich bleibe relativ ruhig, obwohl die Maschine nun regelrecht bebt und fast den Tower von São Luís streift. Vielleicht verspüre ich erstmals, dass der Tod allmählich seinen Schrecken verliert, wenn man schon so viele Jahre bewusst gelebt hat. Beim zweiten Versuch setzt die Todesangst wieder ein – so weltverliebt bin ich dann schon. Ich nehme Sylvies Hand in meine verschwitze. Sie schenkt mir ein herzzerreißendes Lächeln. Da ist nach den vielen gemeinsamen Jahren noch immer dieses Gefühl, so verliebt zu sein, dass einem die Oberschenkel schlottern.
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Nach einem weiteren wackeligen Zwischenstopp in Belem erreichen wir den Mini-Flughafen von Santarem mit zwei Stunden Verspätung um 2 Uhr nachts. Ich will nur noch pennen. Mein Rucksack ist der erste auf dem Band. Ich gehe hinaus, um eine zu paffen. Vor dem Empfangskiosk steht ein einziges Auto. Vor diesem wartet ein rundlicher Mann mit einem Schild vor der Brust. Darauf steht: „Sylvie“. Ein Wunder! Während der halsbrecherischen, dreißigminütigen Fahrt, die wir keineswegs in völliger Finsternis durch den Urwald hätten laufen können, erzählt sie ganz nebenbei, dass sie auf der Landebahn von Belem eine Nachricht an das Hotel gesandt hatte, damit die einen Fahrer senden. Wunderbare Frau!
In der Pousada do Mingote werden wir tatsächlich noch erwartet und die erste Nacht nimmt einen unerwarteten Verlauf, da es Erni nach nur fünf Minuten gelingt, das Klo (im Zimmer von Danny und Jenna) zu verstopfen, was eine Bergungsaktion mittels Kleiderbügeln, heißem Wasser, Fäusten und dann per Pümmel (uns fehlte das portugiesische Wort) durch eine angepisste Angestellte nach sich zieht. Derweil trinken wir dann doch mal ein Ankommens-Bier im tropischen Amazonien. Erst 4 Uhr nachts liegen wir in unseren Fallen. Endlich schlafen.
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Am Morgen erwachen wir zu unterschiedlichen Zeiten, erleben aber beim Betreten der Dachterrasse in etwa das gleiche Szenario. Es sind sonnige 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit und direkt unter uns befindet sich ein farbenfrohes Plätzchen. Die tropischen Bäume ringsherum sind mit Brasilien-Wimpeln und Fahnen geschmückt, so als fände die WM in diesem Urwaldkaff und nicht in Rio, Sao Paulo und Fortaleza statt. Auf einem der Bäume wohnt zudem ein fetter, graugrüner Leguan. Zur linken ist der Rio Tapajós (einer der größten Nebenflüsse des Amazonas) nicht zu übersehen und rechterhand befindet sich der Lago Verde (Grüner See) mit seiner berühmten Liebesinsel. Befände (!), denn diese fehlt im Bild. Noch schlimmer: Es sind überhaupt keine Sandstrände und eben auch kein paradiesisches Eiland zu sehen. Lediglich die Spitzen einiger schilfbedeckter Restaurants ragen aus dem Wasser und selbst die nahegelegene Strandpromenade ist total überflutet. Autsch! Wir sind zur falschen Jahreszeit gekommen.
Was macht man in so einer beschissenen Situation ohne Badestelle und Pool, wenn der Stern von oben erbarmungslos knallt? Falsch, nicht sinnlos saufen! Ich spüre Sylvies Bereitschaft zur Hingabe und im Bett finden wir dann endlich die gesuchte Liebesinsel. Ein Statement, denn erst kurz vor 17 Uhr wird Bier vor einer Leinwand inmitten von 80 hibbeligen Dorfbewohnern geordert. Brasilien spielt gegen Kamerun – und muss gewinnen, damit es nicht peinlich wird. Die Atmosphäre erinnert mich stark an die WM 2006, die wir ja ebenso als Gäste in diesem Land verbracht hatten. Wie damals sind die Kneipen und Bars nur dann rappelvoll, wenn die Selesao spielt oder schnulzige Telenovelas laufen.
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Auch heute legen die Einheimischen den Schalter augenblicklich um und drehen durch als gebe es kein Morgen. Sogar diese spöttische Siegesgewissheit ist nach etlichen titellosen Jahren und bisher mäßigen WM-Ergebnissen geblieben. „Wir holen den Titel nach Hause, keine Frage“, geben uns alle schulterzuckend zu verstehen. Ihr Lieblingsgegner im Finale wäre Uruguay, da sie mit denen noch ein uraltes Hühnchen zu rupfen hätten.
In Alter do Chao treffen wir nur einen melancholischen Portugiesen namens Joao. Ansonsten sind wir hier die einzigen ausländischen Touristen, denn eines hatte ich – neben der fehlenden Hochwasserinformation – nicht bedacht: Wer macht gerade schon Urlaub in diesem Land abseits der Spielorte? Niemand. Alle Hotels sind stark unterbelegt. Böller explodieren, Raketen steigen in die Luft – das Spiel beginnt.
Um es kurz zu machen: Brasilien gewinnt locker mit 4:1 und wird als Gruppensieger auf Chile im Achtelfinale treffen. Allerdings fehlen mir beim Heimteam irgendwie der Spielwitz und die Leichtigkeit, um auch mich das glauben zu lassen. Lediglich der Doppeltorschütze Neymar ist einer, der an die glorreichen Zeiten erinnert. Mit Fred, Hulk und Co. haben sie diesmal eher Stolper-Marios und Kampfmaschinen in ihrem Team. Joao behauptet sogar, dass der extrovertierte Scolari das schlechte WM-Team seit 60 Jahren zusammengestellt hat, das nie und nimmer den Titel holen wird. „Hoffentlich fliegen die bald raus“, ruft er nicht ohne Kolonialmacht-Häme, was ich aufgrund der dann fehlenden Stimmung, nicht unbedingt herbeisehne. Fiese Böller explodieren, Leuchtraketen steigen in die Luft, ein frenetischer Kleinstadt-Mob zieht fahnenschenkend um den Hauptplatz – das Nachspiel beginnt.
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Warum mache ich eigentlich zum zehnten Mal eine Dschungeltour in Südamerika, obwohl sich die Abläufe fast immer gleichen? Die Antwort ist simpel: man taucht sofort in eine andere Welt ein. Der tropische Regenwald steht im krassen Gegensatz zu meinem intensiven Großstadtleben und Arbeitsalltag. Augenblicklich verspüre ich auf diesen Trips keinerlei Hektik, Gestank und Zivilisationsmief mehr.
Heute tuckern wir zusammen mit Joao und Führer Pepe auf dem spiegelglatten Lago Verde herum und holen uns schnell feuchte Schwitzränder in den Achseln bevor wir in ein schmales Kanu mit erheblichen Tiefgang wechseln und in ein Kanalsystem abbiegen. Wir sitzen hintereinander und immer, wenn sich einer in der Nussschale bewegt, schwappt Wasser über die Kanten. An einigen Stellen ist das Geäst so dicht, dass wir durch Mangroven-Tunnel hindurchstaken müssen. Bäume neigen sich über den Fluss. Zudem gibt es überall stachelige Dornen-Palmen und Schnittgräser, die auf Danny und Erni eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Sie bluten schon bald aus etlichen Rissen an Händen und Armen. In den Wäldern herrscht unfassbare Stille, obwohl wir uns in einem Gebiet befinden, in dem es eine Million verschiedener Insektenarten geben soll. Als wir die Waldesruhe verlassen, wird uns sofort wieder die atemberaubende Farbenvielfalt Brasiliens um die Ohren gehauen. Pepe erklärt in holprigem Englisch, dass im Amazonasbecken etwa ein Viertel der weltweit vorkommenden Pflanzen und Tiere ihr Zuhause haben, wobei uns die allermeisten Spezies verborgen bleiben. Zumindest entdecken wir sonnentankende Schildkröten, blaue Frösche, grüne Echsen und unzählige schwarz-gelbe Dynamo-Dresden-BVB-Vögel. Die ersten Stunden sitze ich fast wortlos im Kanu und nur das Gezwitscher und Zoomgeräusche einer Kamera durchbrechen die atmosphärische Stille. Bis das Handy des Führers läutet. Mobiltelefone sind doch Scheiße mitten im Regenwald!
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Wir steigen auf ein Motorboot um und fahren den gigantischen Rio Tapajos in Ufernähe entlang. Der grünblau schimmernde Fluss könnte auch ein Meer sein. An einigen Stellen ist er mit 12 Kilometern breiter als der Amazonas. Die Mittagspause sollte eigentlich ein Badevergnügen beinhalten, aber der (angeblich) feinkörnige Sandstrand ist hier nur auf den käuflich zu erwerbenden Postkarten vorhanden. Das Wasser ist dennoch glasklar, aber so richtig traut sich keiner hinein.
Danach queren wir den riesigen Strom und erleben ein nächstes Wunder der Natur. Es sind heute 32 Grad Celsius bei 80 % Luftfeuchtigkeit. Doch kaum hat Pepe den Motor angeworfen, beginnen wir tatsächlich zu frieren. Wind und Wellen nehmen stetig zu und der Himmel öffnet, aus urplötzlich aufgetauchten dunklen Wolken, seine dicktropfigen Regenwald-Schleusen. Zusätzlich – das Boot ist erstaunlich schnell (und unbequem) – schwappen uns Gischt-Fontänen ununterbrochen auf die Schenkel. Sylvie und Danny am Bug zittern wie Espenlaub und wickeln sich bibbernd in Badehandtücher ein, die nun doch noch einen Nutzen finden.
Als wir endlich ein Gebiet, mit durch das Hochwasser entstandenen Inseln erreichen, steht die Sonne wieder hoch am Himmel und lässt die Wasseroberfläche silbrig glitzern. Das Nass in den Klamotten verdampft in Minuten. Um uns herum bedecken nun hunderte grüne Teller, manche mit einem Durchmesser von fast zwei Metern, das Gewässer. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten der Amazonas-Seerose. Gleichzeitig erleben wir eine gigantische Vogelschau. Ornithologen würden einen Herzkasper kriegen, denn so viele Wasser-, See-, Greif- und Singvögeln habe ich noch nie zuvor auf einem Flecken gesichtet. Langsam gehen mir auf Reisen die Superlative aus. Auch mehrere der fast urzeitlich wirkenden Hoatzins (Stinkvögel), mit roten Augen und wilden Hauben auf dem Kopf, sehe ich erstmals im Leben.
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Mitten in diesen Lagunen erreichen wir ein Haus auf Stelzen, welches dort wie ein Ufo aus den Fluten ragt. Dort, am Arsch der Welt, wohnt ein altes, zivilisationsmüdes Ehepaar. In „Normalzeiten“ steht ihre Behausung, wie die Kirche gegenüber (von der nur das Kreuz aus dem Wasser ragt) auf einer Insel mit festem Grund. Doch momentan leben die wunderlichen Greise inmitten einer Seenlandschaft und das nächste bewohnte Haus ist weit entfernt. Der Alte plappert sofort drauflos, während Pepe übersetzt. Seit über 40 Jahren leben sie nun schon glücklich und zufrieden hier draußen am Fluss und haben es noch nicht einmal bereut, der restlichen Menschheit „Adeus“ gesagt zu haben.
Das Gebiet um die Hütte befindet sich durch die Flut in einer Mischwasser-Zone mit einer großen Piranha-Population. Im klaren Rio Tapojos kommen die aggressiven Fieslinge sonst eher selten vor. Besonders an der überschwemmten Jesuiten-Kirche wären die rotbauchigen Aasfresser gerade in regelrechten Schwärmen unterwegs. Das rustikale Wohnhaus des Ehepaares ist daher per wackeliger Holzstege mit Schuppen und Hühnerstall verbunden. Ihre eierlegendes Hennen und der ulkig rülpsende Hund würde sonst schnell von unten angeknabbert werden. Vermuten wir.
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Auch zur Toilette, deren Abfluss direkt in den See führt, gelangt man nur über solch ein schmales Brett. Sylvie muss mal und balanciert mit wackeligen Knien hinüber. Wir nippen derweil an gereichtem Tee. „Aus welchem Wasser ist der denn gebrüht?”, murmelt Jenna, während ich dem vielstimmigen Vogelkonzert lausche – bis es hinter uns mit lautem Getöse „Platsch“ macht. Eine weibliche Stimme brüllt: „Ist doch Kacke!“ Den Rückweg hatte Sylvie dann doch nicht gepackt. Die Szene hat Wucht, denn sie schwimmt in der Fisch- und Klobrühe unterhalb des Stegs und schimpft wie ein Rohrspatz. Aber nicht über die „Süßwasser-Hyänen“, die sie wahrscheinlich gerade von unten begutachten, sondern über die Tatsache, dass sie heute bereits ein zweites Mal klitschnass geworden ist.
Ich greife ihre Hand und hole sie mit einem Ruck zurück auf den Anleger. „Sind ja noch alle Zehen dran“, rufe ich beim Betrachten der kleinen Füße. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich tot, doch als ich sie umarme, lächelt sie und flüstert: „Mal sehen, ob wir in 30 Jahren auch noch so glücklich, wie die Alten zusammen sind.“ „Die streiten bestimmt ganz fürchterlich sobald wir die Hütte verlassen haben“, antworte ich und weiß wieder einmal, dass Sylvie die End-Richtige ist.
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Ein bisschen sind Opa und Oma dann doch an den Tourismus angewiesen, denn mit ihrem Kahn, der diesen Booten im Spreewald gleicht, stakt uns Pepe in den stark zu gewucherten Regenwald auf der Suche nach Preguiças oder Sloths, wobei wir weder das portugiesische noch englische Wort übersetzen können – das macht die Sache spannend. Ich war eigentlich der Meinung, in Südamerika schon alle spektakulären Tiere gesehen zu haben, seien es Lamas, Pinguine, Gürteltiere, Ameisenbären, Tukane, Tapire, Kondore, Brüllaffen, Riesenotter, Kaimane, Pumas, Schlangen, Spinnen und so weiter. Sogar seltene Arten wie Rosa-Flussdelfine, hyazinthfarbene Aras und ein Jaguar stehen auf meiner Lebensliste. Doch als ich das zottelige Wollknäul heute das erste Mal sehe, weiß ich, dass eine Spezies bisher noch fehlte: das Faultier. In den Baumkronen über uns entdecken wir bald etliche dieser, sich nur in Super-Zeitlupe bewegenden Viecher kopfunter. Eines hält sogar ein faules Baby mit seinen drei Krallen am Körper fest. Filmaufnahmen sehen nun aus wie Standbilder und lediglich die wehenden Zweige zeugen davon, dass dem nicht so ist. Dennoch fantastisch, da die Tiere mit ihren kleinen, runden Köpfen und den Popper- oder Topfschnitt-Frisuren fast menschlich Züge haben.
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Zurück bei den Aussteigern sehen wir, dass sie sich mittlerweile diesem Tempo angepasst haben. Beide liegen schnarchend in einer Hängematte. Pepe legt Geld für den Boot-Verleih in eine Schale und fährt uns zurück auf den Fluss. Unser letzter Stopp soll ein Spot im „Floresta Nacional do Tapajos“ (Nationalpark) sein, von dem wir mit Herrscherblick den Sonnenuntergang beobachten wollen. Nach einer Stunde würgt Pepe den Motor ab und wenige Zeit später fällt dieser komplett aus. Kein Problem, da wir in Ufernähe sind und per Paddel schnell an jenes gelangen. Allerdings befinden wir uns nun weit von Alter do Chao entfernt, erklärt Pepe und zückt sein Smartphone. Wie krass: noch vor wenigen Jahren wären wir hier hilflos gestrandet und nun (es gibt in der Nähe sogar einen Funk-Mast) plappert unser Führer munter drauflos. Kompliziert wird es dennoch. Joao übersetzt, dass uns heute kein anderes Boot mehr abholen wird. Wir könnten entweder in finsterer Nacht drei Stunden durch den Dschungel zurücklaufen oder in einem in der Nähe befindlichen Indio-Dorf übernachten. Bei der Abstimmung zeigt sich, wer die Mädchen in unserer Truppe sind (eher die Jungs). Fuck! Das alles erinnert mich extrem an ein Dover-Konzert. Erst alles Scheiße, dann alles himmelhöllengut. Eine Mehrheit einigt sich diesmals aufs Dschungelcamp.

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Das 20 Minuten entfernte Urwalddorf ist jedoch keine Ansammlung von Stroh-Hütten vor denen halbnackte Bewohner mit Speeren um ein Lagerfeuer tanzen, sondern ein Ort mit Holzhäusern am Fluss, das durch eine unbefestigte Straße mit der Außenwelt verbunden ist. Wir sehen Kinder mit Handys und werden von einem Typen, der ein Tablet in der Hand hält, empfangen. Nach einer professionellen Verhandlung können wir für 5,- US-Dollar pro Person seine Gäste sein. In dem gemauerten Zimmer liegen sechs muffige Matratzen mit Bettlaken und es gibt sogar ein annehmbares Plumsklo. Ein bisschen sieht die Sache nun wie arrangiert aus. Nur die dunkeläugigen Kinder in raffiniert geschnittenen Kautschuk-Sandalen, welche uns wie weiße Außerirdische anstarren, erinnern daran, dass diese Zwischen-Übernachtung wohl doch eher Zufall war. Schnell haben sie Vertrauen gefasst und zeigen uns eine dicke Würgeschlange, die sich in der Nähe um einen Plastikstuhl gewunden hat. Mangos, Melonen, Ananas und Stinkfrüchte gedeihen dort. Auch auf den, mit kniehohem Gras überwucherten, Fußballplatz werden wir gelotst und müssen ein paar haltbare Treffer kassieren, um sie kreischend-glücklich zu machen. Es gibt sogar eine wackelige, hölzerne Tribüne, die etwa 12 Dauerkartenbesitzern – oder eben den Dorfältesten – Platz bietet.
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Nach einem scharf-würzigen Mahl aus Reis mit Fleisch, welches niemals Hühnchen ist (Faultierpastete – vermutet Erni) versiegeln wir uns mit Cachaça in einer Open-Air-Bar, die per Generator mit fahlem Licht versorgt wird und einen antiken Billardtisch beherbergt. Insekten zerplatzen knallend an der herunterhängenden Glühbirne. So ist er also, der Dschungel des 21. Jahrhunderts. Versaut? Banal? Unspektakulär? Nein! Wir fühlen uns sauwohl und schlafen trotz unheimlicher Geräusche in diesem Loch von einem Zimmer – mit Spinnen, Kakerlaken und Dreck – wie Steine.
Da wir nun schon mal hier sind, organisiert Pepe einen Einheimischen, der uns auf eine Dschungeltour mitnimmt. Bereits nach wenigen Minuten schlägt er Schneisen in den fast undurchdringlichen Regenwald, damit wir gigantische Bäume mit 10 Meter dicken Stämmen entdecken und an knallbunten Blüten riechen können, die zuvor von anderen Pflanzen überdeckt waren. Manchmal scheint der Boden gar keinen Platz für all diesen Bewuchs zu haben. Die Frauen fotografieren krasse Früchte und Insekten, die es wahrscheinlich nur hier gibt. Der brasilianische Amazonas-Urwald ist botanischer Garten, Restaurant und Apotheke. Und Weltwunder! Als wir eine steile Erhebung erklimmen und den nebeligen Regenwald von oben betrachten, könnte ich heulen vor Lebensglück. Ein Tukan schaut neugierig herüber bevor er abhebt.
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Auf dem Rückweg beginnt es in einem Wolkenbruch so heftig zu schütten, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Donner rollt über uns hinweg. Okay, wir müffeln alle, aber es müssen ja nicht gleich 200-Liter-Eimer über einem ausgegossen werden. Alles was wir anhaben, aber auch das, was sich in den Taschen der Hosen befindet, wird auswring-nass. Mittlerweile rennen wir mit wassergefüllten Schuhen durch den Wald, doch der Indio-Führer ruft uns zurück. In Augenhöhe greift er in einen Strauch und holt ein glitschiges Tier zum Vorschein. Es ist ein Dreifinger-Faultier mit prägnanten Gesichtszügen. Hape 36 (taufen wir ihn später) wedelt bedächtig mit den Armen und grinst dabei unsicher. Sein zottlig-graues Fell, auf dem hunderte kleiner Insekten hausen, scheint regelrecht zu dampfen und schimmert leicht grünlich. Fast sieht es so aus, als ob auch diverse Algenkulturen auf ihm gedeihen. Niemand möchte den lustigen Müßiggänger anfassen oder gar streicheln.

„Achtung, da kommt jemand!“, ruft Danny, und obwohl das nicht stimmt, setzt der Typ das verstörte Vieh zurück in einen Baum. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Kerkeling sprintet den Stamm regelrecht empor.
IMG_6122 Im Verlauf eines Tages bewegen sich Faultiere meist weniger als 36 Meter, wissen wir längst durch Joao. Wir sehen also gerade 20 davon und somit das vermutlich schnellste Faultier der Welt. Gebannt beobachten wir die hektischen Bewegungen, bis dem Spaßvogel wieder einfällt, dass er ja eigentlich ein stoffwechselarmes Zeitlupen-Wesens ist.
Als wir das Dorf erreichen, hört es von einem auf den anderen Moment auf zu regnen und nur wenig später bringt uns Pepe per Ersatzmotor zurück in die Zivilisation, die sich noch immer inmitten des Amazonas-Beckens – also im Nirgendwo – befindet.
Was für eine spektakuläre Welt. Wie unwichtig und unbedeutend eine Fußball-WM doch manchmal sein kann. Ich freue mich schon riesig auf die Achtelfinals!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
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Jemand der Reinsch heißt

25. Januar 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

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Um 7 Uhr war die Nacht vorbei, da wir schon eine halbe Stunde später zur Dschungeltour abgeholt werden sollten. Um 9 Uhr kam dann endlich ein verpeilter Typ, der mit uns durch die halbe Stadt düste, um im Hotel Premier, einen verschlafenen Portugiesen abzuholen, der ebenfalls zu unserer Truppe gehörte. Nur vier Stunden nach dem Aufstehen, also um kurz nach 11 Uhr, waren wir endlich auf dem Schiff, welches fußläufig zu unserem Hotel am „Porto Flutuante“ – einem schwimmendem Pier – gemütlich vor Anker lag. Das nenne ich mal Effektivität. Ganz großer brasilianischer Sport!

Unser Kahn, der versteckt hinter zahlreichen großen Booten und Containern mit der Aufschrift „Hamburg Süd“ lag, hätte sicher 30 Leuten Platz geboten, doch lediglich wir, Portugiesen-Pablo, eine Familie Reinsch aus Österreich (die Stunden auf uns gewartet hatte), zwei Besatzungsmitglieder und der Kapitän befanden sich an Bord. Natürlich brachte ich sogleich den alten Bart-Simpson-Spruch: „Ist hier eigentlich jemand der reinscheißt?“ und zur großen Freude antwortete Laila Reinsch ganz unbedarft: „Ja wir!“ Die dunkelhäutige Frau von Wolfgang war gebürtig in Ghana und ihr Sohn, der 16jährige Andreas sah ein bisschen wie mein Freund Pascal in der Heimat aus. Er freute sich offenbar, dass ich mich freue und klärte seine Mutter nicht auf, sodass ich den Witz während der Fahrt etliche Male wiederholen konnte. Sylvie erzählte den anderen daher irgendwann von meiner Kackaktion ins Meer in Sao Luis. Peinlich, doch wir lachten gemeinsam – Tränen.
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Nach „Feuchtgebiete“ kann man so etwas ja durchaus mal erwähnen: Mein Hämorriden-Problem hatte sich deutlich verschlimmert. Mittlerweile konnte ich kaum noch sitzen, so sehr schmerzten diese Gefäßpolster und nach jedem Stuhlgang war das Toilettenpapier blutdurchtränkt. Dass eine Fahrt durch das schwülwarme Amazonasgebiet auf einem Dampfer, dessen Sitzmöglichkeiten ausschließlich aus Holzplanken bestanden, nicht gerade sehr förderlich war, muss ich nicht erwähnen. Beim ersten gemeinsamen Bier fragte ich Wolfgang daher im Flüsterton, was ich dagegen tun könne. Er grinste, öffnete seinen Rucksack und zog mit großem Gehabe – sodass es alle sahen – eine Hämorriden-Salbe hervor. „Die hat man ab 40 doch immer dabei“, rief er, während ich dachte: ‚Herr Scheppert, du wirst alt!‘
Wir tuckerten gemächlich auf dem breiten Strom hinab und erfuhren erst jetzt, dass sich Manaus gar nicht am Amazonas, sondern an den Ufern des Rio Negros, eines der drei großen Zuflüsse des zweitlängsten Flusses der Erde befand. Doch unser Kutter fuhr uns direkt zum dicken Wasserriesen, der mit all seinen Brüder- und Schwesterflüssen 17 % des gesamten Süßwassers der Erde enthalten soll.
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Der „Encontro das Aquas“ (Zusammenfluss der Gewässer) soll angeblich weltberühmt sein, da man hier eine zentimeterscharfe Linie zwischen den schlammbraunen Wassern des Amazonas und den schwarzen Fluten des Rio Negros sehen soll. Kilometerlang fließen die beiden Ströme nebeneinander her und vermischen sich – wegen der unterschiedlicher Dichte, Geschwindigkeit und Temperatur – nicht. Dieses Phänomen konnten wir leider nicht beobachten, wurden aber später auf unseren Fotos Lügen gestraft, da man diese Linie dort sehrwohl erkannte. Dennoch kein Grund, das reale Leben und Gesehene zu verfluchen.

In der Mitte des Flusses, der jetzt nur noch Amazonas hieß, konnten wir erahnen, wie groß Manaus ist, weil wir schon über eine Stunde gefahren waren und noch immer Bretterbuden, die zur Millionenmetropole gehörten, das Ufer säumten. Dennoch entspannten wir uns nach kürzester Zeit und wie zur Belohnung sahen wir die ersten Amazonas-Delfine. Die größten aller Süßwasserdelfine, auch Botas genannt, waren zartrosa gefärbt und schwammen direkt am Bug vorbei. Angeblich sind es die einzigen ihrer Art, die sich auch rückwärts paddelnd fortbewegen können. Nach dieser Begegnung bogen wir in einen schmaleren Fluss ein und schipperten immer tiefer hinein in die grünste Lunge der Erde mit seinen weit verzweigten Wasseradern. Wir sahen zwei rote-grün-blaue Papageien, einen Tucan mit knallbuntem Schnabel, langbeinige Ibisse und etliche andere Vögel in Bäumen oder am Ufer sitzen. Überall raschelte, kreischte und trällerte es. Allerdings staunten wir darüber, bisher noch keine einzige Mücke zu Gesicht bekommen zu haben. Erfreulich war ebenfalls, dass ich mir mit Wolle Reinsch bereits das zweite Fahrtbier aufgemacht hatte und dämlich labern konnte.
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Nach 70 Kilometern hatten wir unser Ziel erreicht. Noch immer befanden wir uns auf einem kanalartigen Fluss umgeben vom dichten Regenwald. Doch allmählich verbreiterte sich der Wasserweg und mündete letztendlich in einen See, an dessen gegenüberliegenden Ende wir ein winziges Haus erkennen konnten. Beim Näherkommen wurde das Gebäude, welches auf schwimmenden, hölzernen Pontons stand, dann doch etwas größer. Wir befanden uns nun – im Nirgendwo. Um 15 Uhr, viel später als versprochen, checkten wir in einem rustikalen Zimmer direkt über der Wasserkante ein. Der Raum war zwar spartanisch eingerichtet, verfügte aber immerhin über ein eigenes Klo und so etwas ähnliches wie eine Dusche.

Sofort gab es Mittagessen und da alle anderen Gruppen schon wesentlich länger vor Ort waren, reihten wir uns brav hinten ein. Hier waren keine armen Schlucker am Start, wenn sie es von Europa oder aus den USA bis tief in den brasilianischen Regenwald geschafft hatten. Doch wie im Pauschalurlaub stürmten vor allem die Franzosen das Buffet regelrecht und so blieben für uns nur welke Salatblätter, einige Körner Reis und der kümmerliche Rest des grätenreichen Fisches übrig. Es gab also auch im Paradies ein Hauen und Stechen ums Fressen. Wolfgang warf mir eine Dose Bier zu. Alles war gut. Skol!
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Unsere Tagestour startete in einem kleinen Boot mit Außenborder. Ein Amerikaner namens Edward komplettierte die Truppe. Angelangt an einem ruhenden Gewässer, umgeben von dickstämigen Bäumen und dichtem Grün, drückte uns der Führer Ronny einen Holzstab, Sehne, Haken und rohes Fleisch in die Hand. Während wir noch dabei waren, die Angel zu rekonstruieren, hatte der Einheimische schon den ersten Piranha gefangen. Beeindruckt betasteten wir die messerscharfen Zähne des Ungeheuers. Österreich, Portugal, Ghana und die USA waren jetzt heiß, die Deutschen im Wettkampf zu schlagen. Brasilien lief hier außer Konkurrenz.

Andreas nahm nicht teil. Er töte keine Tiere, nuschelte er mit Wiener Dialekt. Vater Reinsch rief jedoch ununterbrochen „I werd narrisch“, da bei ihm rein gar nichts beißen wollte, während wir wenigstens feierten, dass unser Fleisch vom Haken gerissen wurden. Dann der erste Fang – beide gleichzeitig. Während Sylvie ihren Piranha gekonnt an Land zog und abfummelte, bekam ich den Fisch mit den messerscharfen Beißern ewig nicht ab und verletze mich zudem am Finger.
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Als Ronny „time is over“ rief, hingen dennoch zwei Zahnfische an meinem Sammel-Stöckchen. Doch Sylvie hatte, wie Laila (Ghana), ebenso zwei aufgefädelt. Wenigstens den US-Amerikaner Edward mit nur einem Killerfisch schlugen wir und Pablo (für Portugal) hatte gar keinen gefangen. Falls es jemals eine Fußball-WM mit diesen Teams geben sollte, könnte das bedeuten: Deutschland-Portugal 2:0 (oder 4:0, wenn ich Sylvie mitrechne); Deutschland-USA 2:1 und Deutschland-Ghana 2-2. Das machte ja alles sogar halbwegs Sinn. Österreich vernachlässigen wir hier einmal. Sylvie wedelte noch lange ganz aufgeregt mit ihren beiden Fischen herum und alle hofften, dass wir soeben nicht unser Abendbrot gefangen hatten, denn das würde Hungern bedeuten.
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Auf der Rückfahrt steuerten wir einem blutroten Sonnenuntergang über dem sattgrünen Urwalddickicht entgegen. Nun staunte ich über meine sonst eher ängstliche Freundin. Wir hatten soeben mehrere fleischfressende Piranhas geangelt und in die Glubschaugen gefräßiger Kaimane auf der Wasseroberfläche geschaut, doch sie sprang urplötzlich – gleich hinter Ronny – in die todbringenden Fluten. Nein, ich hechtete nicht hinterher, denn meine vor sich hin blutenden Hämorriden vermittelten mir das Gefühl, dass mir innerhalb von zehn Sekunden die Beine weggefressen werden würden – vom Arsch an abwärts. Der Fluss war hier zwar so breit wie ein riesiger See und in fließenden Gewässern sollen sich Piranhas eher ungern aufhalten, aber wer weiß das schon so genau? Sylvie kam vollständig wieder an Bord. Das endgültige Abtauchen der Sonne hinter der Dschungelmatte war unfassbar spektakulär. Solch einen Himmel, der sich 1:1 im Wasser spiegelte, hatte ich noch nie zuvor gesehen.
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Zurück auf dem Mutterschiff ging es sofort zum Abendessen. Das war hier ziemlich straff durchorganisiert bei nunmehr zirpender Urwaldfinsternis und basslastigen Froschkonzerten. Neben „Piracuru“ (Fisch), Bohnen und Reis gab es extrem teures Bier, welches wir dennoch in größeren Chargen orderten. Besonders Wolle hatte Durst nach der erfolglosen Angeltour. Mitten in der Nacht entriss uns Ronny den Gestensaft und schubste uns in das kleine Boot. Den Alligatoren-Nachtausflug hatten wir fast vergessen und bei der fröhlichen Stimmung auch gerne weggelassen. Die Fahrt war ätzend. Nach einer halben Stunde auf schmalen Holzbrettern schmerzten der Rücken und vor allem der Hintern mordsmäßig. Ein Mann (der Reinsch heißt), drückte Sylvie, Pablo, Edward und mir eine heimlich geschmuggelte Skol-Dose in die Hand – danach ging`es wieder. Als wir in die modrige, tiefschwarze Lagunenwelt hineinfuhren, wunderten wir uns, dass wir sogar dort von Moskitos verschont blieben.
Ronny suchte mit einer Taschenlampe im Moor und Unterholz nach leuchtenden Alligatorenaugen. Zwar blinkten sie einige Male im Schilf hell auf – er bekam jedoch keines der Viecher zu fassen. Nachdem wir schon fast wieder umkehren wollten, griff er ein letztes Mal in die sumpfige Brühe und holte tatsächlich einen kleinen Kaiman an Bord. Ich hatte noch nie einen Alligator in den Händen gehalten und wollte ihn natürlich, genau wie Sylvie und Andi, berühren und streicheln. Schnell einigten wir uns auf einen Namen für den schuppigen Kerl. Wir nannten ihn – warum auch immer – Poldi. Der Kleine wurde ganz schön herumgereicht, bevor Ronny ihn auf Nimmerwiedersehen in den wasserreichsten Strom der Erde entließ.
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Auf dem Rückweg beschloss unser Führer unplanmäßig an Land zu gehen. Mitten im Urwald standen wir plötzlich vor einer schummrigen Bar. Ronny wollte hier augenscheinlich ein wenig Dope käuflich zu erwerben. Uns verkauften sie derweil eiskalte Biere zum fairen Preis und die Frauen genehmigten sich eine Frucht-Batida. Wir quatschten, spielten Billard und lernten uns bei ausgelassener Stimmung in dieser abgefahrenen Umgebung noch besser kennen. Plötzlich fiel mir etwas auf den Kopf. Als ich sah, was es war, musste ich schmunzeln, da ich daran dachte, wie Sylvie wohl reagiert hatte, wenn ihr dieser kantige Käfer auf den Schädel geklatscht wäre. Wir fotografierten ihn auf dem Boden liegend neben meiner Zigarettenschachtel. Das schwarze Insekt war größer! Weit nach 1 Uhr erreichten wir das Hausboot und tranken ein letztes Brahma. Wir hatten beschlossen, den Sonnenaufgangs-Trip ausfallen zu lassen, der in vier Stunden starten sollte.

Nach einem Dschungelfrühstück mit viel frischen Obst – der Ossi freut sich auch nach so einer langen Reise noch immer besonders über Bananen – ging es wieder los. Die Fahrt war erneut lang und das Klima schwül, sodass wir uns freuten, im unterwartet kühlen Regenwald unter schattigen Bäumen abtauchen zu konnten. Eine botanische Führung stand auf dem Programm. Ronny, der heute sehr lustig war, hetzte uns nicht durchs fetteste Grün dieser Erde, sondern nahm Rücksicht auf die Temperaturen und unsere lahmen Füße. Auch wenn ich schon öfter durch einen Urwald gestiefelt war, steckte dieser Dschungel voller spannender Geheimnisse. Über drei Stunden befassten wir uns intensiv mit der faszinierenden Welt Amazoniens und wurden überrascht, welch ungewöhnliche Pflanzen (rund 60.000 verschiedene soll es geben), Vögel, Säugetiere und Insekten es auf unserem Planeten gibt. Hier waren sie vor allem eines: groß!
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Der Regenwald spendet den einheimischen Bewohnern nicht nur reichlich Nahrung. In einigen Hölzern versteckten sich literweise Trinkwasser, aus der nächsten Pflanze wurde ein tödliches Pfeilgift gewonnen, eine andere war Heilmittel und die nächste Kosmetik für die Luxuswelt in unseren Gefilden. Kautschuk, Öle und Harze flossen von Bäumen wie Honig und einige Stoffe ließen sich äußerst leicht entzünden. Etliche Schlingpflanzen dienten uns als Hollywoodschaukel oder Hängematte. Der Wald war zudem von einem köstlichen, zarten Duft erfüllt. Was für ein sagenhaftes Biotop!

Ehrlich gesagt, fand ich es hier erstmals etwas unpassend, dass uns die Einheimischen in ihrer „originalen“ Holzhütte im Indianerdorf kaltes Bier anboten. Manches Mal bemerkt man eben erst sehr spät, wie weit die Zivilisation – und damit auch wir mit unseren weißen Ärschen – in die letzten unberührten Lebensräume dieser Erde vorgedrungen sind. Wolfgang pfiff als erster auf das schlechte Gewissen und öffnete die Dose mit lautem Zischen. Sylvie und Laila freuten sich, als ihnen von einem Indio ein mit Wasser gefüllter Baumstamm aufschlagen wurde an dem sie sich laben konnten.
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Um 15 Uhr verabschiedeten wir uns von Pablo, Edward, Ronny und unseren Reinschs – von neuen Freunden namens Andreas, Laila und Wolfgang. Wir waren neidisch auf die Österreicher, da sie noch einen Tag länger auf dem Hausboot verweilten durften. Der große Fluss und das ganze Flair drum herum waren so intensiv und inspirierend gewesen, dass wir gerne noch geblieben wären. Auf einem ziemlich großen Kahn schipperten wir – nur zu zweit an Bord – zurück nach Manaus, stiegen im „Colonial“ ab und gingen um die Ecke in ein Restaurant. Der blasse Kellner sagte uns gegen 20 Uhr, dass sie jetzt schließen würden, da diese Gegend nun viel zu gefährlich sei. Willkommen in der Zivilisation! Recht früh gingen auch im Hotel die Lichter aus, denn morgen würde es weiter in Richtung Norden gehen.
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Zum Abschluss unseres Brasilientrips hatten wir ein letztes Mal Inlandsflüge gebucht. Nach mehreren, oft tagelangen, Busfahrten genossen wir diesen Komfort. Am Flughafen sahen wir noch einmal die Schildkröten und ohne Verspätung hob die Maschine in Richtung Boa Vista ab. Für schmales Geld fuhren wir per Taxi zum Busbahnhof, entschieden aber dort, erst morgen nach Venezuela weiterzureisen. Wir beide wollten – wie zwei vom Glück Verfolgte – noch einen Tag länger im bisher schönsten Land unserer Weltreise verweilen. Wir wussten längst, dass es dem Satz von Jorge Amado nichts hinzuzufügen gibt: “Wer Brasilen bereist, wird mehr Lebensfreude, Herzenswärme und Intensität erleben, als in seinem ganzen Dasein!”
Wir kommen wieder!

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