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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
FDJ
Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
Kassette
Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
Mauergewinna
Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Ungarn-Urlaub in der DDR 1986 zur Jugendweihe

30. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Hungarn wirAn meinem 15. Geburtstag gehen wir in den Palast der Republik, wo wir an einem Tisch im Palastrestaurant platziert werden. Während sich Benny nach stundenlangem Studiums der Karte dann doch nicht für das „Braumeister-Steak“, sondern wie üblich fürs „Steak-au-four“ entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er immer Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie komischerweise daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Doch mein Alter unterbricht ihre Schwelgerei und ruft mir zu: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“
Blöde Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur sehen und anfassen, sondern auch kaufen. Levis-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravo-Zeitschriften, Glitzersteine und Sticker – einfach alles, was das Herz begehrt. „Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, mit 15 Jahren erst in drei Ländern gewesen zu sein: in der DDR, in der CSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter über die Grenze auf der Schneekoppe geflitzt waren.
„Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest“. Der Satz trifft es mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel voller Szegeginer Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz. „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. „Kriegen wir noch einen Pittiplatsch- oder einen Bummi-Eisbecher? Köszönom!“, antwortet mein Bruderherz spontan. Alle lachen.
Ich bin extrem begeistert, auch weil Vater über Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 2.650 Forint (knapp 440 Mark) pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld sinnvoll verbraten. Und obwohl auch Mutter durch diese Zettel der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt (wobei ich auf die Kiste Bier verzichtet hätte) und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch seine Frau ist ja eher rundlich. Als sich dann auch noch ihre beiden dicken Kinder hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.
An der Grenze zur CSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen, Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Coca Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Hotdog-Ständen an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden. Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden Fahrt im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich noch nicht daheim ist. Wie peinlich: fast zwei Stunden sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Hackepeter- und Specksstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir bei ihm pennen und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, sofort mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den zwei tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.
Vater
Am nächsten Tag geht es mit leicht verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei brüllender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt er aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Vater lehnt derweil mit den Händen in den Hüften, an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michel jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Backofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt.
Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu meinem Land Nummer 4 wieder ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir für immer im Leben bewahren möchte. In Ungarn weht ein laues Lüftchen und auf gut geteerten Straßen erreichen wir endlich die sagenumwobene Stadt an der blauen Donau.
Das Quartier bei Privatleuten hatte Mutter organisiert und nun wird es lustig: Sie meint sich nach gut zwanzig Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, was leider nicht stimmt, da sie Vater von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der ist in solchen Situationen nicht sonderlich entspannt, zumal er stark unterhopft wirkt und das erste ungarische Bier herbeisehnt. Während sich die Alten vorne anschreien, pieke ich mein Brüderchen in den Bauch und liefere mir ein Wortgefecht: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda“. Wir machen uns darüber lustig, dass unsere Alten nicht einmal wissen, in welchen Teil der Stadt wir überhaupt müssen. Irgendwann hat Vater die Schnauze voll, hält mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung und fragt einen Verkehrspolizisten nach dem Weg. Es werden fünf weitere Befragungen von Passanten folgen bis wir am Ziel der Reise sind. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist mittlerweile – trotz 34 Grad – frostig.
Das Haus ist ganz alt, mit verschnörkelten Wänden und hohen, stuckverzierten Decken. Wir Kinder aus dem Neubau-Block wissen das natürlich nicht zu würdigen. Auch nicht, dass die Gastwirte extra für uns das Schlaf- und Jugendzimmer geräumt haben und nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur in Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbefrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vater „Schluckspecht“ mit dem Opa zwei Pálinka-Schnäpse, während die ältere Dame fünfmal mit der Hand durch meine Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15jähjrige Jugendliche können das besonders gut leiden. Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 mit 18 Jahren gestorben sei und ich ihm wohl sehr ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund mich so zu betätscheln. Schmuseäffchen Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt; auch wenn er kein so schönes Kind ist, was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir ein Backpfeife und brüllt: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher“. Benny juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mit verschwörerisch zu.
Icke Bad Boy
Schwein gehabt, wir wohnen in „Buda“ und gar nicht mal weit entfernt von der Donau. Doch für den riesigen Fluss und die ihn überspannenden Brücken haben wir keinen Sinn, da uns ausschließlich die knallbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben unserem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas, Nike- und Reebok-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer für Mutter berühmten Kettenbrücke, wobei sie in den nächsten Tagen alles „berühmt“ oder „weltberühmt“ betitelt – entdecken wir einen Imbisstand. Vater spendiert uns zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar a szemle“, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir – trotz Russischunterrichts – nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen fantastisch!
Außerdem kostet die Cola umgerechnet nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschliffen werden. Dort ist Vaters mitgebrachtes Gastgeschenk (Berliner Pilsner) nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Es sind die letzten dieser Tour. Für Morgen wird uns echtes ungarisches Gulasch im Restaurant versprochen.
Am Abend machen wir noch einen kleinen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häuserzeilen, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich Moderatoren schon öfter mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!
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Am Morgen gibt es dennoch Stress. Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, in der man einfach alles kaufen kann, gibt es zum Frühstück nur Brötchen mit Marmelade oder Honig und danach will Mutter auch noch auf Sehenswürdigkeits-Tour gehen, wohingegen wir natürlich die Kauftempel der Stadt plündern wollen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis Mittag Ausgang. Wir treffen uns erst um 13 Uhr an dieser Würstchenbude wieder. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die Gastwirtin streichelt Benny über die Omme und versichert dabei, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.

Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat keinen Kleiderschrank füllt, muss ich in den Boutiquen meine Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck vielleicht sogar ein ganz gutes Alibi. Eine dunkelgraue Levis, ein weißer Nike-Pullover, blau-weiße Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen so in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“, „Kim Wilde“ und „Sandra“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, ein günstiges Nicki mit einer Werbung von „Honda“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchten. Im Plattenladen greife ich dann nochmals tief in die Tasche und hole mir die „Black Celebration“ von „Depeche Mode“ und „Standing on a Beach“ von „The Cure“. Obwohl ich fast alle Songs auf Kassette habe, kann ich damit zu Hause richtig einfetzen. Goldstaub ist gar kein Ausdruck. Die Scheiben kosten zusammen 500 Forint (83 Mark), allerdings könnte ich sie im Plänterwald sicher für das Fünffache verkaufen – was natürlich nie und nimmer geschehen wird. Benny hilft mir beim Tragen und vollbepackt wie zwei DDR-Esel erreichen wir den Imbiss von gestern Abend.
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Vater nippt genüsslich am Fassbier und Mutter schlägt sich die Hände vor den Mund als sie uns kommen sieht. „Ihr habt ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten auf dem Boden stehen. Ich habe meine rot-schwarz längsgestreifte „Lee“ an, die mir Oma mal mitgebracht hatte. Die Röhrenjeans fühlt sich heute wie eine Spendierhose an, vor allem, weil ich sie nun auch mal mit der „Levis“ wechseln kann. Ich gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Wüschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. Eine Matheschwäche habe ich nicht. „Nee Genosse Towarisch, 80!“ Ich lasse mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte ja eine nur 20 gekostet. Doch er beharrt auf dem Wucherpreis, bis ich meinen Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch schon das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein. „Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die ständig gebrüllten Worte unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppelt Watzlav hier gleich mal die Preise“, schimpfe ich. Doch Vater, der sich noch ein zweites überteuertes Bier geleistet hat, antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen, Prost!“ Darüber kann auch ich dann wieder ablachen.
Im ehemaligen „Attila-Zimmer“ breiten wir stolz unsere Einkäufe auf dem Bett aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel voller Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Eigentlich brauche ich jetzt nur noch Kleinkram, wie Kassetten, Camel und eine Bravo, die es hier an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt.
Nach einem Stadtbummel laden uns die Eltern – wie versprochen – in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Im Land des „Gulasch-Kommunismus“ werden wir am Einlass gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des ersten Formel-1-Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Reisen bildet!
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Zum Frühstück gibt es diesmal zwar U-SA (Ungarische Salami) aber ansonsten scheinen wir nun wirklich DDR-Betteltouristen zu sein, die trotz Metro alles ablaufen und die das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg und dessen Zitadelle, nur wegen der „fantastischen Aussicht“ bis wir endlich das „weltberühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Sonntagsroute zu überlassen, war keine gute Idee.
Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an, um ihre verschrumpelten alten Körper in Heilwasser zu tunken. Darauf haben wir echt keine Böcke.
Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die Margareten-Brücke und die im Fluss befindliche Margareten-Insel erreicht haben. Wir lechzten nach einem Eis und vor allem wollen wir nun endlich baden gehen. Auch das hiesige Palatinus-Bad kennt unsere Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor zwanzig Jahren dort gewesen war. Ununterbrochen schwärmt sie von den riesigen Schwimmbecken, den großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden Menschen. Hier scheinen es eher Mütter mit drei kreischenden Gören zu sein. „Alle anderen Männer sind beim Grand-Prix“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich absolut nicht für Autorennen interessiert.
Richtig schlimm wird es erst im Wasser. Die Konstruktion des Wellenbades ist wahrscheinlich von 1937 und nichts im Vergleich mit unserem hochmodernen SEZ in Friedrichshain, welches die Schweden vor kurzem erbaut hatten. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!
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„Mark, Benny, ist das nicht schau? Benny, gleich kommt die nächste Welle. Mark, ist das nicht schau hier?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie grob wegzustoßen und treffe dabei versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt meine Mutter auch noch zu heulen. Das wird Vater überhaupt nicht gefallen, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist. Nicht nur deshalb entschuldige ich mich auf dem Weg zum Handtuch mehrmals und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Und plötzlich beginnt meine Mutter ganz unerwartet mit tränennassen Augen zu erzählen …
… dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hat. In diesem Wellenbad haben sie sich das erste Mal geküsst. Ich staune mit offenem Mund und überlege sogleich, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Allein Klamottentechnisch.
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham oder ein Gefühl des Unwohlseins in die Arme. Diese Reise wird mir nicht nur deshalb sehr lange in Erinnerung bleiben und vielleicht werde ich in 30 Jahren einmal darüber berichten?!
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Depeche Mode in Ostberlin & Martin Gore – Jugend in der DDR

21. Juni 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Icke Bad Boy

Meine ersten Freunde kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber immerhin schickte ich später aus Solidarität regelmäßig Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam. Später unternahm ich viel mit Strafko aus Sofia, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Der wichtigste Ausländer in meinem Leben bis zum Abi aber war Dejan für mich.

Es wuchs zusammen, was zusammen gehört. Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Wiedervereinigung. Mit dem Ruf “Wir sind das Volk!” hatten die Ostdeutschen zuvor das SED-Regime bezwungen. einestages präsentiert Geschichten rund um die deutsche Einheit
Dejan war Diplomatensohn aus Sarajevo – und ein Geschenk des Himmels.

Ab der fünften Klasse saß er neben mir. In Zeiten, in denen man für abfotografierte Bilder aus der “Bravo” 15 Mark bekam und für originale Doppelseiten sogar 40, konnte Dejan jederzeit nach West-Berlin fahren und die Kultzeitschrift besorgen. Einfach so. Mit seinen Eltern und ihrem Dienstwagen. Fortan wartete ich immer gespannt darauf, wann mein allerbester Freund wieder nach “drüben” düsen würde. Erst später ging mir auf, dass er mich einfach mal im Kofferraum in den Westen hätte schmuggeln können – und zurück!

Im Juni 1988 hatte Dejan keine Zeit, als ich mit meinem Freund Stefan zur Rennbahn nach Weißensee fuhr. Wir wollten eigentlich nur mal kurz schauen, ob es überhaupt noch eine Karte gäbe. Denn schließlich sollte Bryan Adams dort auftreten. Allein dass der Sänger aus Kanada kam und seine Band nicht “Stern Meißen Combo” hieß, machte seinen Auftritt attraktiv. Als wir in Weißensee ankamen, war am Kartenhäuschen überraschenderweise nicht viel los. Schon nach zwei Minuten hielten wir stolz unsere Karten zum staatlich vorgeschriebenen Preis von 15 Mark in den Händen.

Bereits nach 200 Metern sprachen uns die ersten Leute an: “Ey Piepel, habt ihr vielleicht noch Karten?” Nee – hatten wir nicht! Immer mehr Menschen strömten jetzt Richtung Konzertgelände. Zwei Typen mit Dauerwelle fragten uns, ob wir “zufällig ‘ne Karte zu viel” hätten. 30 Mark würden sie uns dafür geben – pro Karte! Schwuppdiwupp waren wir unsere Bryan-Adams-Tickets wieder los.

Zurück am Schalter mussten wir 15 Minuten warten, bekamen aber ohne Probleme vier neue Karten. Ohne zu überlegen, rannten wir die Straße hinunter und flüsterten den Rockfans zu: “Braucht ihr noch ‘ne Karte? Nur 30 Mark.” Viele staunten nicht schlecht: “Gibt’s denn keene mehr vorne?” – “Nee, total ausverkauft”, antworteten wir mit verschwörerischer Miene. Recht schnell brachten wir die heiße Ware an den Mann.

Wir spurteten zurück und reihten uns in die Schlange vor dem Kassenhäuschen ein. Dort stellten sie keine Fragen, für wen wir die vielen Tickets bräuchten, und verkauften uns acht neue. Und so ging es weiter. Gegen 19 Uhr waren wir die reichsten Jugendlichen von Weißensee. Zwei Tickets hatten wir nicht verscherbelt, und so gingen wir freudestrahlend auf das riesige Gelände der Radrennbahn. Doch von Bryan Adams kann ich nicht viel berichten. Ich lief mit 800 Mark in ausgebeulten Hosentaschen zwischen 80.000 Menschen umher und dachte die ganze Zeit nur an eines: Du musst die Kohle sicher nach Hause bringen!
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Noch mehr Geld hätte ich bereits drei Monate zuvor mit nur einer Konzertkarte verdienen können. Am 7. März 1988 hatte mich Sabine abgepasst. Sabine war die Vorsitzende unseres Freundschaftsrates, einer Art Schülervertretung, und sagte, dass sie drei Eintrittskarten für eine westliche Musikgruppe bekommen habe. Diese Tickets sollte sie an Schüler mit besonders guten gesellschaftspolitischen Leistungen verkaufen. Ich wollte mich gerade umdrehen und sagen, dass sie sich ihre Karten sonst wohin stecken könnte. Auf Bands, die in die DDR eingeladen wurden, konnte man in der Regel verzichten. Doch dann wurde ich neugierig: “Welcher bedeutende Künstler beehrt denn unser sozialistisches Heimatland?” Die Antwort ließ mich erstarren. Ich, der 16-jährige, neuerdings dauergewellte Junge, hörte den Namen wie einen Donnerschlag: “Depeche Mode”.

“Zeig her!”, brüllte ich und entriss ihr die bräunlichen Pappkarten. Da stand es: “FDJ & DT64 Geburtstagskonzert: Depeche Mode am 7. März in der Werner-Seelenbinder-Halle, Einlass 18 Uhr.” Wir standen uns schweigend gegenüber. Die Band war zu diesem Zeitpunkt die bedeutendste Rockgruppe, egal ob in Ost oder West – das sagte zumindest Dejans “Bravo”. Sie waren die Beatles unserer Generation. Ich, ihr wohl größter Fan in Ost-Berlin, hatte die ersten Lieder der Engländer auf unseren Schuldiscos gespielt. Dejan hatte mir eine LP zum Freundschaftspreis von 100 DDR-Mark und ein Poster aus West-Berlin mitgebracht.

Mein Vater, der des Englischen nicht sonderlich mächtig war, nannte mich seitdem nur noch “People A” und meinen Bruder Benny “People B”. Selbst er hatte ständig den Song “People Are People” im Ohr. Dass er den Text nicht verstand, störte ihn offensichtlich nicht. Depeche Mode hatte ich bei uns schon eingeführt, noch bevor sich alle Mädels in die Bandmitglieder verliebten und zu ihren Liedern Breakdance auf den Schulhöfen getanzt wurde. Ich, der Typ mit den blonden Martin-Gore-Locken, verdiente diese Karte!

Sabine merkte nicht, dass ich auf einmal ganz blass um die Nase geworden war. Auch dass ich für meine Dauerwelle zwei Stunden lang beim Frauenfrisör äußerst verschämt aus dem Fenster geschaut hatte und zu Hause “Zwergpudel” genannt wurde, ahnte sie nicht. Ich säuselte ihr lieblich ins Ohr: “Sabs, da können wir doch nächste Woche mal zusammen ins Café am Leninplatz gehen.” Sie schaute mich lächelnd an: “Aber nur, wenn du bezahlst.” Natürlich würde das klargehen, drei Schweden-Eisbecher mit extra viel Eierlikör – ich musste bloß lebend mit dieser Karte aus dem Zimmer kommen. Sabine zwinkerte mir zu und drückte mir das wichtigste Stück Papier meines Lebens in die Hand.

Natürlich gab es an diesem Tag noch Ärger wegen der Verteilungskriterien für die Karten, da sie nicht ordnungsgemäß an die besten FDJler und anständigsten Menschen vergeben worden waren. Ich würde meine aber unter keinen Umständen wieder hergeben. Am Abend fuhr ich allein mit der Straßenbahn zum Konzert ins Glück. Vor der Halle gierten Tausende aufgeregte Leute nach Karten. Man munkelte, dass nur 6000 Tickets im Umlauf waren.
Mark Scheppert
Es gab regelrechte Tumulte. Viele versuchten über die gut geschützten Zäune hineinzukommen, einige hatten sich schon am Vormittag im Innengelände versteckt. Alle anderen versuchten auf legale Weise, an die Tickets zu gelangen – für illegal viel Geld. Ich sah keinen einzigen Menschen mit blauem FDJ-Hemd, fast alle trugen Schwarz. Hunderte sprachen mich an und boten mir schwindelerregend viel Geld – einer sogar sein Moped der Marke Simson. Bei eisiger Kälte und leichtem Schneefall schüttelte ich erbarmungslos den Kopf. Dass zwei andere Mädels aus meiner Schule ihre beiden Karten für je 800 Mark verscheuerten, erfuhr ich erst am nächsten Tag. Ich musste für diese Summe Wochen später 27 Bryan-Adams-Tickets verkaufen!

Endlich war ich drin und mein Herz pochte, als Tausende Menschen die Vorband “Mixed Pickles” von der Bühne buhten. Ich kämpfte mich bis nach vorn. Nachdem die Band des Jahrzehnts das erste Lied unter ohrenbetäubendem Lärm hinter geschlossenem Vorhang gespielt hatte, begrüßte Dave Gahan eine durchdrehende Meute. Ich verstand nur etwas von “East Berlin”, denn ab jetzt gab es kein Halten mehr. Die völlig überfüllte Halle tobte, sprang und sang, wie ich es noch nie erlebt hatte – und es nie wieder erleben würde.

Nach dem vierten Lied bekam ich keine Luft mehr. Ich schaffte es gerade noch, etwas weiter nach hinten zu gelangen, ohne zusammenzubrechen. Plötzlich bemerkte ich das süße Mädchen neben mir; auch sie schien vollkommen atemlos zu sein.

Wir schauten uns lange in die Augen, lauschten der Musik und nahmen uns zärtlich in die Arme. Bald umarmten wir uns immer inniger und sangen gemeinsam die Lieder unserer Helden aus dem Radio. Bei einer Ballade zog sie mich plötzlich zu sich hinüber und gab mir den wärmsten und schönsten Kuss meines gesamten DDR-Lebens.

Nach dem Konzert sahen wir uns nie wieder. People Are People!
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Zum Weiterlesen mit Bildern bei Spiegel Online
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Zum Gesamtkunstwerk “Mauergewinner”
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