Posts Tagged ‘ Delfine ’

Auf echt gute Freunde – Venezuela 1998

30. Januar 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Palme Klettern… ein rostiger Seelenverkäufer bringt uns nach Puerto la Cruz und mit einem Colectivo fahren wir in das Geheimtipp-Örtchen. Wir werden nicht enttäuscht! Santa Fe ist ein karibischer Traum und wir sind zusammen mit zwei süßen Mädels aus Mainz und Worms die einzigen ausländischen Touristen. Wir finden eine gemütliche Posada und trinken eisgekühlte Cocktails in einer Bar, die mitten auf dem Strand steht. Genau der richtige Flecken Erde, um den Urlaub ausklingen zu lassen.
Mit einem Fischerboot lassen wir uns auf eine Insel des Mochima Nationalparks schippern. Eine Delfinfamilie begleitet schnatternd unseren Weg und als wir das Eiland betreten, wissen wir, dass wir nun endgültig im grün-weiß-blauen Paradies gelandet sind. Große Kokospalmen werfen Schatten auf pulvrigen Sand, der in kristallklarem Wasser mündet. Wir stellen die Kühlbox unter die Bäume und schnorcheln die Küstenlinie entlang. Mit der Strömung lassen wir uns treiben. Aquariumfische begleiten uns über farbenfrohe Korallengärten. Wir sehen Tinten- und Trompetenfische, Seeigel und -sterne, Muränen und sogar einen gewaltigen Rochen. Allmählich verlieren wir das Zeitgefühl beim Eintauchen in eine andere Welt. Die Insel ist im Norden viel schroffer. Raue Felslandschaften und scharfkantige Klippen ragen hier ins Meer. Wir schwimmen von einer Bucht in die nächste und als wir erkennen, dass wir nirgendwo einen Ausstieg finden werden, machen wir uns auf den Rückweg. In kräftigen Zügen müssen wir nun gegen eine starke Strömung ankämpfen. Plötzlich sehe ich Göte aufgeregt mit den Armen rudern und schwimme hinüber. „Scheiße, ich hab einen Krampf“, ruft er mit leichter Panik in der Stimme. ‚Nicht dein Urlaub’, denke ich, denn auch bei den Mainz-Worms-Dantas waren gestern nur Matze und Jenna in die zweite Runde gekommen.
Strand
„Warte!“, brülle ich, hole tief Luft und packe unter Wasser sein rechtes Bein, um den Krampf, wie beim Fußball, herauszudehnen. Schwer atmend tauche ich wieder auf. „Das funktioniert so nicht Scheppi“, röchelt er verzweifelt. Auch die Flut scheint nun einzusetzen, denn das Meer ist auf einmal aufgewühlt und die Wellen werden immer höher. „Halt dich an meinen Schultern fest!“, schreie ich ihn an. Doch obwohl ich ein ganz guter Schwimmer bin, komme ich – mit ihm im Nacken – nur mühsam voran. Langsam werde auch ich unruhig. Doch plötzlich erblicke ich zwei Wesen, die schnatternd unseren Weg kreuzen. Nein, keine Delfine. Matze und Jenna. Abwechselnd nehmen wir Göte ins Schlepptau. Wir kraulen, wie noch nie im Leben und schlucken literweise salziges Wasser. Schließlich gelingt es uns, ruhigere Gewässer zu erreichen.
Noch Minuten später kann ich mein Herz bis zum Hals schlagen hören. Neben mir hustet sich Jenna etliche rote Marlboro aus der Lunge und auch Matze liegt auf dem Rücken im Sand und versucht, wieder gleichmäßiger zu atmen. Nur Göte sitzt im Schatten einer Palme und hat den Kopf in die Hände gestützt. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel und denke nach.
Schnorcheln
Meine vierte Reise nach Lateinamerika geht nun bald zu Ende. Ein Gefühl sagt mir, dass ich bisher oftmals, ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder gereist war. Ich hatte nie richtig hinterfragt, warum ich das überhaupt tat. Einfach nur, um einen weiteren roten Punkt, auf eine imaginäre Weltkarte zu kleben? Was war mir wirklich wichtig gewesen? Andere Kulturen kennen zu lernen, andere Landschaften zu sehen, andere Architekturen zu bestaunen, andere Lebensweisen zu begreifen, andere Menschen zu treffen, andere Bier- und Fischsorten zu testen, andere Musik zu hören, oder anderen Sex zu haben?
Göte kommt nach vorne gelaufen, drückt uns ein Bier in die Hand und stammelt: „Ich muss mich bei euch bedanken. Ihr habt mir eben echt das Leben gerettet. Ihr seid richtig gute Freunde!“ Ich drehe mich nicht um. ‚Vielleicht bin ich ja genau deswegen hier’, denke ich ergriffen. Manchmal muss man eben sehr weit reisen, um in solch einem Moment, genau das zu begreifen: Ja, auch mir ist die Freundschaft mit den Jungs mehr wert, als das Bewundern der ganzen Welt!
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.
.
.

.
.
.

[Weiter...]


Angst vor Italien-WM 2006 in Brasilien

1. Juli 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

width="225"

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hohe Wellen türmen sich vor mir auf und plötzlich springen zwei Delfine über die Schaumkronen. Langsam kommen sie mir entgegen geschwommen und lassen sich schließlich sogar berühren. Ein Glücksschauer läuft mir über den Rücken, als meine Hand über ihre elastische Haut gleitet. Ich hatte das immer als Unsinn abgetan, doch die beiden scheinen mich tatsächlich anzulächeln. Selbst als ich längst mit einer Zigarette am Strand sitze, strecken sie uns vergnügt die Köpfe entgegen. Sylvie legt einen Arm um mich. Unsere Zehen berühren die angespülte Brandung. Gebannt schauen wir aufs Meer und beobachten das einmalige Schauspiel. Ich weiß in diesem Moment: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – vor einem WM-Halbfinale mit deutscher Beteiligung – sein. Niemals!

Wir verlieben uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas mit seinen sandigen Wegen. Eine Pousada ist hier schöner als die andere und schließlich finden wir eine Traumunterkunft mit Pool und gemütlichen Hängematten vor den Zimmern. Marie zeigt uns den Weg zum Strand. Wir überqueren einen Fluss und hinter dem Nationalparkschild verstehen wir, warum alle Gassen des Ortes so weichgespült aussehen. Die sich vor uns auftürmenden Wanderdünen wehen unablässig beigefarbenen Sand in den Ort hinein. Dahinter liegt der blaue Atlantik.
Rechtzeitig sind wir zurück, duschen und streifen unsere Trikots über. Überall im Ort liegen grün-gelb-blaue Girlanden im Dreck. Brasilien hat abgeschmückt. Wieder einmal sitzen wir allein in einer Kneipe. Deutschland gegen Italien. Das scheint hier niemanden vom Hocker zu hauen. Nach der torlosen ersten Halbzeit gehen wir kurz in unsere Pousada und sehen im Restaurant nebenan, wo sich die Hardcore-Fans des Ortes aufhalten. Hier! Endlich treffen wir Mauro, den italienischen (!) Inhaber unseres Hotels, der uns, trotz falscher Trikotfarben, herzlich begrüßt und sofort mit seinen Dorfkumpels und drei Freunden aus dem Land des Stiefels bekanntmacht. Die zweite Halbzeit beginnt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Das Lokal ist in grün-weiß-roter Hand. Mauro und seine Gang tragen Trikots der „Squadra Azzurra“ und eine riesige italienische Fahne hängt von der Decke herab. Brahma-Bier und reichlich Kurze werden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizt. Ich habe endlich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Hütte brodelt, als ob wir uns in Sizilien befänden. Wir hatten nichts von dem italienischen Sender gehört, der mit seinen Anschuldigungen den Ausschluss von Torsten Frings verursacht hatte. Wir wussten nicht, dass gehässige Internetforen in Deutschland zum „Pizza bestellen“ während des Halbfinales aufgerufen hatten. Wir empfanden auch nicht, dass Italien unberechtigt so weit gekommen war. Dennoch bilden sich sehr schnell zwei Fan-Lager: Sylvie und ich gegen den Rest.
Das Spiel ist nicht gut, lebt aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen sind, ordern auch wir erste Beruhigungsschnäpse.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Mauro, der heißblütige und zugleich so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ ist, platziert zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkt in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso ist der Torschütze. Der spielt bei Mauros Lieblingsverein: Palermo. Nach dem zweiten Tor dreht unser Hotelier endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italien-Fans auf dieser Welt.

Erstmals im Leben füllen sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nimmt mich tröstend in die Arme. Nach und nach kommen die Gäste an unseren Tisch und drücken ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellt die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzt sich dazu. Er bettelt fast, dass wir nun bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spüre, wie meine Trauer allmählich verfliegt, erhebe mein Glas und rufe: „Du bist eine Scheiße-Italiener!“
.
Zum Nachlesen: “Abpfiff am Ende der Welt” bei Spiegel Online
.
Das Buch: “90 Minuten Südamerika” von Mark Scheppert
.

[Weiter...]


Unsterblichkeit – Brasilien Fussball-WM 2014

27. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

BrasilTosende Wellen ersticken den Wind und eine urwüchsige Brandung übertönt jedes andere Geräusch, obwohl all meine Freunde zu juchzen scheinen. Seit zwanzig Minuten kämpfen wir nun schon mit den Wassergebirgen – stürzen uns, sobald ein neuer Brecher heranrollt, auf seinen Kamm und rasen auf ihm mit aller Gewalt in Richtung Strand. Ich habe ein gutes Timing für den Absprungs-Moment auf die weiße Schaumkrone und würde einen internen Bodysurf-Cup wahrscheinlich gewinnen. Oftmals zische ich fast bis zur Uferkante, um mich mit aufgeschürften Knien sofort wieder knapp sechzig Meter in die aufgewühlte See zu stürzen. Plötzlich sehe ich Danny, die als einzige draußen geblieben war, hektisch am Strand winken. Sie möchte uns etwas zurufen und deutet mit dem Zeigefinger aufgeregt in Richtung der sich vor uns auftürmenden Brecher.
Ich habe keine Ahnung, was sie will, denn wir sind hier im brusttiefen Wasser nicht sonderlich in Gefahr und auch ein Tsunami rollt gerade nicht gen Küste. Sylvie, Jenna und Erni bemerken das wild gestikulierende Rumpelstilzchen erst gar nicht.
IMG_5741
Doch da sie mit ihrem Gezappel gar nicht mehr aufhören will, lasse ich mich im Weißwasser an die Küste fluten und auch Sylvie, Erni und Jenna waten alsbald an Land. Danny kommt uns entgegen und brüllt: „Habt ihr denn nicht die Delfine gesehen?“ „Welche, was?“, nuschelt Erni, wie immer ein wenig begriffsstutzig. „Mensch! Delfine, die direkt hinter euch in die Luft gesprungen sind!“, ruft sie entsetzt, ob unserer Blödheit. Und richtig, als wir den Hügel, dort wo unsere Sachen liegen, erklommen haben, sehen wir unzählige Finnen der grazilen Wesen unmittelbar hinter der ersten sich brechenden Welle aus dem Wasser ragen. Dann hebt einer ab. „Wow, Scheiße“, stottern wir im Chor, da zwei von ihnen dabei fast schon akrobatische Figuren vollführen. Wir befinden wir uns an der Baia dos Golfinhos und hätten soeben die magischen Tiere der Meere fast berühren können. Als ich das allmählich realisiere, ist Danny längst in Richtung Pazifik gestürzt und auch Sylvie und die Jungs folgen ihr im Laufschritt. Nur ich setze mich in den warmen Pulversand.
Dies ist nun meine zehnte Reise nach Lateinamerika. Anfangs war ich oftmals ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder getingelt und hatte nie hinterfragt, warum ich das eigentlich tat. Doch mittlerweile kann ich das Augenblicksglück einfangen, weiß um meine Sterblichkeit und genieße Momente, die es nur im Hier und Jetzt gibt. Das ist so einer.
IMG_5726
Ich schaue Danny und Erni hinterher, die im Gegensatz zu Sylvie und Jenna schon die letzte Welle bezwungen haben. In Zeitlupe sehe ich sie im delfinverseuchten Wasser als Punkt am Wellenhorizont verschwinden. Sie spüren dabei sicher gerade die kribbelnde Freiheit zwischen ihren Fingern. Gebannt beobachte das Schauspiel.
Die beiden sind zum ersten Mal in Südamerika und seit unserer Ankunft beneide ich sie darum, dass sie viele Gefühle auf diesem Kontinent gerade zum ersten Mal in ihrem Leben verspüren. Ich bin eben schon mit Delfinen geschwommen, hatte ihre elastische Haut befühlt und danach fast geflennt. Mit leuchtenden Augen reisen die „Neuen“ seit Tagen mit uns durch das Brasilien. Danny, die in der Heimat kaum mit Fremden redet und wegen Kontaminierungsgefahr am liebsten den ganzen Tag mit Handschuhen herumlaufen würde, gibt sich besonders volksnah und berührt jede ihr unbekannte subtropische Pflanze, Korallenart und sogar Käfer oder Insekten mit einer ansteckenden Neugier. Und Erni, der niedlich sächselnde Sachsen-Anhalter, findet sowieso alles „Dib Dob“ (Tip-Top). Ich würde vieles dafür geben, bestimmte Gefühle auch noch einmal, zum ersten Mal so intensiv zu spüren. Eine Sehnsucht, so groß wie der Pazifik. Sylvie winkt mir lächelnd aus diesem zu. Ich leihe mir ein Surfbrett von den Strandnachbarn und paddele meiner Freundin und den Flippern entgehen. In diesem Augenblick ahne ich: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – kurz vor einem WM-Spiel mit eigener Eintrittskarte – sein. Niemals!
P1010435
Wir befinden uns in Praia de Pipa. Das ehemalige Geheimtipp-Dörfchen an der brasilianischen Ostküste, welches sich an vertikale Klippen mit dahinter liegendem atlantischen Regenwald und die vielleicht schönsten Strände des Landes schmiegt, beherbergt in seinen unzähligen Pousadas zur Zeit fast ausschließlich Fußballfans aus aller Welt. Das sonst so hippe Örtchen ist dem WM-Fieber erlegen, da es zu den Spielorten nach Recife, Natal und Fortaleza nur einen Katzensprung ist – in südamerikanischen Maßstäben.
Wir waren drei Stunden zu sechst in einem Kleinwagen durch endlose Zuckerrohr-Plantagen gefahren. Mit der Pousada Tartaruga (Schildkröten-Pension) hatten wir nicht nur eine Traumunterkunft gefunden, sondern auch den Beweis erbracht, dass es während der WM 2014 möglich ist, sehr gut und günstig zu übernachten, ohne vorgebucht zu haben. Uns alle macht das in Hinblick auf die nächsten Wochen Hoffnung. Der Wohlfühlpool inmitten von acht Bungalows gehört uns allein und kleine Weißbüscheläffchen beobachten uns beim Frühstück.
P1110115
Jeden Nachmittag treffen sich die verschiedenen Länderfraktionen zu „ihrem“ Spiel und besonders bei den Knaller-Partien wie Brasilien gegen Mexiko, Spanien gegen Chile oder Uruguay gegen England explodieren die Kneipen entlang der sandigen Wege regelrecht. Trotz unerwarteter Niederlagen des einen oder anderen Favoriten geht es in Pipa harmonisch zu. Fast alle scheinen eine relaxte Zeit im tropischen Paradies verbringen zu wollen und selbst die krebsroten Briten kloppen niemanden auf den Kopp nach ihrem Ausscheiden nach nur zwei Spielen. Das Brasilien-Match gewinnen – in Fangesängen gemessen – sogar ihre Gegner. Die Mexikaner gehen emotional total durch die Decke! Mit Sombreros oder verrückten Boxer-und Rugbymasken bekleidet, schreien und singen sie fast ununterbrochen. Es hilft, denn ihr Team holt ein erstaunliches 0:0 gegen die Gastgeber.
Selbst die US-Boys treten geschlossen herzlich auf. Soccer ist in den USA traditionell eher ein Spiel der Looser, aber eben auch eines für Andersartige. Fast alle Typen sind schwerstens tätowiert, tragen Rasta, Iros oder lange Mähnen und zerzauste Bärte. Ein wilder Haufen! Zwei offenherzige Brüder – aus dem unaussprechlichen Massachusetts – lernen wir näher kennen und verbringen mit ihnen einen lustigen Abend in einem Rodizio, wo sie köstliches Fleisch mit Fleisch servieren.
P1110138
Und obwohl Deutschland im hiesigen Zeitfenster gar nicht spielt, strecken uns alle im Dorf die Daumen entgegen sobald sie erfahren, dass dies unser Heimatland ist. Der glorreiche Sieg gegen Portugal hat Eindruck geschunden. „Muito bom“. So kann es weitergehen!
Auch an den Stränden, mit solch klangvollen Namen wie Baia dos Golfinhos, Praia do Madeiro oder Praia do Amor, liegen überall Leute aus den Teilnehmerländern der Fußball-WM herum. Sie sind immer gut zuzuordnen, da fast jeder – trotz dreißig Grad im Schatten – voller Stolz das Trikot seines Teams am Meer spazieren trägt. Nur die dunkelhäutigen Brasilianer und rothäutige Engländer zeigen durchtrainierte Bäuche oder Wampen. Allerdings hat kaum jemand Frauen mit dabei – auch die anderen Deutschen nicht. Wir sind da eher die Ausnahme, aber ich glaube, dass Danny und Sylvie die Pfiffe und Blicke innerlich genießen.
Wir machen einen Fehler: satt noch einmal den Hügel mit Panoramablick auf die Delfinbucht zu erklimmen und vor dem Riff mit unseren neuen Freuden im lärmenden Geschnatter um die Wette zu surfen, laufen wir rechterhand an eine andere Bucht von Pipa. Dort wehen rote Fahnen vor blauschwarzen Wellenmonstern und niemand ist im Meer. Freund Erni, dessen Mansfelder Dialekt oftmals ein bisschen dümmlich klingt, wobei er vermutlich der Intelligenteste unserer Truppe ist, ruft dennoch: „Also ich geh jetzt rinn in die Brühe“. Niemand hindert ihn daran.
Wir bestellen jeder ein großes, auf 7 Grad heruntergekühltes Brahma und vertiefen uns in die von mir so geliebten „Dämlich-Laber-Gespräche“. Nach zehn Minuten sehe ich jemanden im Ozean aufgeregt mit den Armen wedeln. Das Problem: jeder würde seine Bewegungen wahrscheinlich als Winken, Freude oder Euphorie deuten, doch ich sehe auch aus der Ferne seine stark geweiteten Augen. Diese Unfassbarkeit hatte ich selbst schon einmal erlebt – mein Freund ist in Todespanik.
IMG_1819
Ich springe auf, renne zu ein paar Typen, die gelangweilt mit ihren Surfbrettern im Sand liegen und schreie sie in einem Sprachen-Wirrwarr-Mix an. Ich habe Glück, denn einem der Jungs ist sofort klar, was da draußen geschieht. Er spurtet mit dem schmalen Brett unter dem Arm in die schäumende See. Alle sehen, wie der sportliche Typ schon mit den ersten Wellen zu kämpfen hat, um sich Erni auch nur ansatzweise zu nähern. Er riskiert gerade sein eigenes Leben, um einen fremden Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Plötzlich taucht ein weiterer Retter – fast aus dem Nichts – auf und versucht ebenso in Richtung meines Freundes zu paddeln. Er trägt ein gelbrotes Shirt – es ist ein Rettungsschwimmer.
Wenige Minuten später haben sie den noch immer nach Luft schnappenden Schwimmer an Land gezogen. Mittlerweile sind auch meine Freunde um ihn herum versammelt. Der Liveguard fragt in gutem Englisch mit brasilianischer Gelassenheit, ob wir total bescheuert wären? Erst gestern sei ein Argentinier genau an dieser Stelle ersoffen. Erni, der das nicht hört, röchelt: „Alles Dib-Dob!“. Aus dem Augenwinkel beobachte ich zwei halbnackte brasilianische Grazien, die das Schauspiel ziemlich ungerührt beobachten.
P1110154
Wenige Minuten später hat sich die Gruppenkonstellation geändert. Während der fast Ertrunkene mit Sylvie zurück zur Pousada läuft, machen Danny und Jenna Hand in Hand einen Spaziergang am Strand. Nur ich bin geblieben, blicke hinaus aufs Meer und spüre meine eigene Endlichkeit. Die Gedanken spielen verrückt: ‚Wie krass ist das denn? Beinahe wäre diese Reise von heute auf morgen beendet gewesen. Und der arme Typ aus Argentinien. Nicht nur, dass seine Freunde und die Familie um ihn weinen. Er fährt vermutlich zur ersten Fußball-WM seines Lebens und stirbt dann. Vielleicht wird sein Team in ein paar Wochen sogar den Titel holen.‘

Ich habe mich nach dem Abtritt meines Vaters mittlerweile halbwegs mit dem Tod arrangiert, da wir uns ja alle mal verabschieden müssen. Doch in diesem Augenblick wird mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie einschneidend und nahezu unglaublich unsere Sterblichkeit eigentlich ist. Wir sollten besser auf uns aufpassen, denn das Leben birgt gerade jetzt eine große Verpflichtung: Wir müssen diesen Scheiß-Pokal nach 24 langen Jahren endlich wieder einsacken!
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
.
.
.

[Weiter...]


Venezuela – gute Freunde & fiese Krebse

22. Oktober 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Brasilien-Kolumbien 241
Ein Nachtbus bringt uns nach Ciudad Bolivar. Bei der Ankunft werden wir vom Busbegleiter unsanft geweckt, nachdem ihn sein Kollege angewiesen hatte: „Die Gringos mal aus dem Bus zu schmeißen“, was sich wohl auf Sylvie, mich und zwei Engländer bezieht. Leicht geschockt vom Zustand des Busbahnhofes und den Menschen, die dort herumlungern, überzeugen wir die Briten sich mit uns ein „Por Puesto“ – eine Art Sammeltaxi – zu teilen, um an die Küste zu gelangen.
Sie wollen direkt weiter nach Kolumbien „because, Venezuela is too dangerous.“ Die Karre ist ein uralter Ami-Schlitten mit riesigem Kofferraum und einer Sitzbank für drei Leute vorn. Sie wird nur noch von Rost zusammen gehalten und von einem Möchtegern-Schumi in halsbrecherischer Art über die Straßen gejagt. Bei unserer Nobelkarosse ist die Kilometeranzeige bei 630000 Meilen stehen geblieben! Dank der Fahrweise brauchen wir für die Strecke, für die der Bus sechs Stunden benötigt hätte, nur vier, inklusive einer Kaffeepause. Der ist mit zwei Dollar genauso teuer, wie eine komplette Tankfüllung. Willkommen im sozialistischen Erdölland!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Die Jungs von der Insel hatten in der Zwischenzeit beschlossen, sich uns anzuschließen, da sie ganz gerne den karibischen Traumstrand sehen wollten, von dem ich ihnen vorgeschwärmt hatte. Doch in Santa Fe muss sich in den letzten Jahren Schreckliches ereignet haben. Der Ort hat sich in ein Drecksloch verwandelt, mit hässlichen Betonbauten und Posadas, die durchweg schäbig wirken. Der Strand ist voll gepackt mit fetten Venezolanern, die den ganzen Tag Bier und Rum in sich hineinlaufen lassen, ständig am Fressen sind und das Meer mit Plastiktüten zumüllen. Das Schlimmste: alle Häuser sind komplett vergittert und umzäunt. Es wird empfohlen, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr nach draußen zu gehen.
In einem Land, das als viertgrößter Rohöl-Lieferant der Welt gilt, erwartet man einfach nicht, dass ein Großteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt und die Hauptstadt Caracas als zweitgefährlichste Stadt der Welt – nach Bagdad – gilt. Wir bekommen die letzten zwei Zimmer in einer Posada, in der es weder Strom noch Wasser gibt. Dafür rennen unzählige Kakerlaken in den gefängnisartigen Räumen umher. Was machen vor allem Engländer in so einer beschissenen Situation, um nicht völlig zu verzweifeln? Genau. Und wir trinken mit!
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Am nächsten Morgen geht es zum Flughafen, um unsere Freunde abzuholen. Für heute haben wir extra zwei Zimmer woanders vorreserviert. Die sollen dort Elektrizität und eine funktionierende Dusche haben. Endlich angekommen, kaufen wir Inlandtickets für den Tag unserer Abreise. Nach drei Versuchen haben sie meinen Namen mir „Schrllt“ fast richtig geschrieben. Um 12.30 Uhr begrüßen wir unsere Freunde mit einem Schild auf dem „Major, Leutnant y Meisner“ steht. Per Taxi geht es in „unser“ Santa Fe. Nach der Venezuela-Reise vor zehn Jahren hatten wir uns feierlich geschworen, dass wir das unberührte Fischerdorf mit dem Strand unter Palmen unbedingt noch einmal im Leben sehen müssten.

Als wir am schmuddeligen Marktplatz an der ehemaligen Eisfabrik vorbeilaufen, kommen sie mir mit ihren Rollkoffern ein bisschen vor, wie Schweine im Weltall. Matze stellt sich zudem beim Ziehen des Gepäcks durch Schlamm und Dreck ziemlich dämlich an. „Bist du bescheuert oder was?“, frage ich ihn grinsend. Er schubst mich genervt zur Seite, sodass ich fast in den knietiefen Fluss aus Abwasser und Fäkalien falle. Der Bach ist die Trennlinie zwischen Dorf und Touristenbereich.
Verwundert schütteln sie den Kopf, als sie die, von uns gewählte, Posada sehen. Die zweitbeste Unterkunft im Ort ist durch eine hohe Mauer, Stromzaun und Gittern vor den Fenstern gesichert. Der Opa hat unsere Reservierung natürlich vergessen, findet dann aber doch noch zwei Zimmer im Keller seines Ferienparadieses.
Brasilien-Kolumbien 263
Sofort beginnt die Jammerei, dass das Klo stinken würde, die Dusche (doch) nicht funktioniert und der Ventilator zu laut sei. Einige Geckos kleben an den Wänden, was entweder ein gutes Zeichen ist, da sie die Mücken fressen, oder ein schlechtes, dass es hier viele Stechviecher gibt. Wir müssen sie besänftigen und gehen in die ehemals schönste Bar der Welt. Die steht zumindest immer noch direkt auf dem Strand und hält Mixgetränke und Bier bereit. Leider schwimmen davor auch heute etliche besoffene Einheimische, zusammen mit dem von ihnen verursachten Müll.
Nach ein paar eisgekühlten Polar-Bieren haben sich die Gemüter ein wenig beruhigt. „18“, „20“, „Zwo“, „23“, „24““, rufen wir nacheinander und gehen lachend gemeinsam pinkeln. Dort lernen wir zwei lustige Gesellen aus Chemnitz kennen, die ihre Lebensweisheiten in tiefstem Sächsisch kundtun. Der eine: „Arbeiten ist doch echt Scheiße, das sollen lieber andere für mich machen.“ Der zweite: „Also ehrlich, die Nutten sind in Brasilien viel besser.“ „Echt?“, fragt Göte und die beiden antworten im Chor: „Nuklear!“ (Na klar!). Sie tragen noch immer DDR-Frisuren und Sylvie flüstert mir nicht ganz zu Unrecht ins Ohr: „Mann sind die hässlich.“ Matze murmelt: „Solln se’ mal alle machen.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Den Sachsen macht es sichtlich Freude, riesige Taschenkrebse, die in der Dämmerung über den Strand marschieren, mit bloßen Händen zu fangen und auf unseren Tisch zu werfen. Ich schaue mir die grauen Scherentiere mit den schwarzen Kulleraugen eine Weile an und habe eine Idee. Wir könnten ein Wettrennen veranstalten. Jeder von uns wählt ein Tier und darf ein Land benennen, für das es an den Start geht. Sylvie beginnt und nimmt den allerkleinsten Krebs. Er läuft für Brasilien. Udo und Rico wollen unbedingt den Deutschland-Gliederfüßer haben und einigen sich gemeinsam auf ein 15 cm großes Ungeheuer. Da unser Team nun schon weg ist, nehme ich Spanien und die Viecher von Jenna, Matze und Göte starten für Mexiko, die USA und England. Wahrscheinlich versteht meine gepanzerte Riesenkrabbe als einzige den Sinn unseres Spieles und läuft auf der Tischplatte allen davon. Im Finale schlägt sie das „deutsche Monster“ deutlich. „Zählt nicht! Das war ja das letzte EM-Finale“, meckert Göte. Doch auch im WM-Lauf für 2010 und im 2012er EM-Rennen ist der „Spanien-Krebs“ unschlagbar. „Okay, dann also 2014“, brüllt Udo und tunkt seinen Starter ins Cuba Libre Glas. Von Rico euphorisch angefeuert, schlägt ihr Biest Spanien diesmal schon im Halbfinale. Zur Überraschung aller, folgt ihm die brasilianische Minikrabbe in den Endlauf. Mittlerweile stehen auch ein paar Einheimische um unseren Tisch herum und verfolgen das Spektakel amüsiert. Erst im entscheidenden dritten Lauf, gewinnt Deutschland den Titel gegen Brasilien. Auch wenn Sylvie protestiert und eine „Dopingkontrolle“ verlangt, sehe ich nur in glückliche Gesichter, denn niemand hat etwas dagegen, dass unser Land 2014 Fußball-Weltmeister wird.
Brasilien-Kolumbien 246
Noch am Abend hatten wir Alvaro kennen gelernt. Der freundliche Typ versprach in gutem Englisch: „Everything is possible“, was mich beruhigte, da er sicher etwas für meine anspruchsvollen Kumpels organisieren könnte. Göte hatte per Handschlag auch sofort eine Bootstour für 25 Dollar pro Person in den Nationalpark besiegelt. Der ortsübliche Preis liegt bei 5,- $ pro Nase.
Wie ein Schwein ins Uhrwerk schaut vor allem Matze als er beim Frühstück von einem Sechsjährigen bedient wird. Aber es kommt fast alles, was bestellt wurde. Pünktlich um 10 Uhr legen wir ab. Wir haben den Führer Toni an Bord, etliche eisgekühlte Biere, Fisch zum Grillen und einen zweiten Bootsmann – den niedlichen kleinen Kellner. Da er uns seinen Namen nicht verrät, taufen wir ihn Horst 6. Um Schnorchelzeug zu leihen, müssen wir an einem anderen Ort anlegen. Dort liegt eine Knarre im glasklaren Wasser auf dem Grund. Es ist keine Wasserpistole.
Doch gleich nach den ersten zwei Bieren stoßen wir auf eine Gruppe Delfine, die direkt neben unserem Kutter zu springen beginnt. Besonders Sylvie brüllt unentwegt: „Da!“, „Da!“, „Da!“, wie in einem Trio-Song. Zum ersten Mal, seit sie hier sind, sehe ich auch in den Augen meiner Jungs dieses ganz spezielle Funkeln. Wenngleich wir uns über die Jahre ein wenig voneinander entfernt haben, weiß ich, dass auch sie bis ans Lebensende das Jetzt und Hier genießen können, dass die Neugier niemals sterben wird. Wir sind wieder gemeinsam unterwegs. Für einen Moment gibt es nur uns und die Delfine im glitzernden Meer. Und kein Morgen.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Wir ankern an der vermeintlich schönsten Schnorchelstelle unseres Trips. Es gibt hier abgebrochene und tote Korallenbänke, einige bunte Fische, die umgeben von Ölkanistern und Plastiktüten, nach Luft schnappen und unsere weißen Bäuche umkreisen. Vor zehn Jahren war das hier das Schönste, was ich jemals unter Wasser gesehen hatte. „Aua, ich bin von einer Qualle gepiekst worden“, ruft Jenna und gibt damit seinen ersten vollständigen Satz des Tages von sich.
Die kleine Insel, auf der wir landen, erinnert nur noch entfernt an einen Karibiktraum, da sie durch gigantische Müllberge entstellt wird. Wie ist bloß dieser ganze Dreck hergekommen? Toni und Horst 6 ignorieren unsere entsetzten Blicke und entzünden den Grill mit Benzin aus einem Kanister. Der Red Snapper schmeckt gut, auch wenn uns hunderte Sandfliegen die Beine zerstechen. Um 13.00 Uhr fragt Matze, ob wir nicht langsam nach Hause fahren können, da er Angst hat, dass das Bier knapp wird. Doch Jenna und Sylvie setzen sich durch und gehen nochmals mit klein Horsti schnorcheln. Das Bier wird knapp! Auf dem Rückweg fahren wir durch extrem Delfin-verseuchtes Wasser und entspannen uns wieder.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Gegen 22 Uhr sind wir völlig abgefüllt. Matze krakeelt: „Jetzt trinken wir aber mal richtig einen“ und fragt Alf (Alvaro), wo die örtliche Disko ist. Der antwortet emotionslos, dass wir dort, fünf Strassen vom Strand entfernt, wahrscheinlich totgeschlagen werden. Schon ab 20 Uhr hätte man da nichts mehr zu suchen. Wir gehen geplättet in unseren Hochsicherheitstrakt. Endgültig schwöre ich mir, nie wieder an einen Ort zu fahren, mit dem so schöne Erinnerungen verbunden sind.
Vor Götes und Matzes Zimmer laufen der Mexiko- und der Spanienkrebs auf und ab. Wir erkennen sie gut, da das „M“ und „S“, was Udo mit Edding auf ihre Panzer gemalt hatte, noch immer sichtbar ist. Wahrscheinlich suchen sie besorgt ihr Kind, den kleinen Brasilien-Flitzer. Doch sie werden es nicht finden. Die Chemnitzer hatten die Babykrabbe, zusammen mit dem „D“-Krebs, als Erinnerung mitgenommen.
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.

[Weiter...]