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Katarina Witt – Alles ganz simpel – Alltag in der DDR

20. Januar 2017 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Deutsche Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Natürlich stand ich in engem Kontakt zu unserem DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Obwohl ihm oftmals vorgehalten wurde, dass er recht diktatorisch waltete, kam ich immer mit ihm klar. Vor allem fand ich gut, dass er nie nachtragend war. Ein Beispiel: Bei wichtigen Verlagsentscheidungen musste ich an den Sekretariatssitzungen des DTSB teilnehmen. Ewald leitete die Sitzung. Wenn er sagte: „Die Decke ist grün“, nickten seine Untergebenen und antworteten: „Ja, Genosse Ewald, hellgrün.“ Das Perfide daran war, dass man mit ihm eigentlich diskutieren konnte, die meisten trauten es sich nur nicht. Jedenfalls hatte ich in dieser Sitzung zu einer Buchproduktion eine andere Auffassung und vertrat diese dort auch engagiert. Im Verlag wertete ich die Tagung dann immer mit meinen Kollegen aus und erzählte diesmal, dass wir uns wegen der einen Geschichte gestritten hätten. Jemand musste das bei Ewald gepetzt haben, denn der bestellte mich sofort am nächsten Tag ein und mahnte: „Du hast nicht auszuwerten, wer was bei uns besprochen hat, sondern was beschlossen wurde. Dass wir uns gestritten haben, darf nicht Bestandteil deiner Auswertungen sein.“
Ein paar Wochen später fand wieder Sekretariatssitzung statt an der ich teilnahm und wieder kam es zu einem Disput zwischen Ewald und mir. Franz Rietz, einer der DTSB-Vizepräsidenten, rief mir zu: „Du musst doch ganz ruhig sein. Du hast doch schon beim letzten Mal eine Ansage von Manfred bekommen.“ Ewald widersprach energisch: „Ja, Franz, aber damit war der Fall für mich auch erledigt. Das hier ist eine neue Diskussion.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Auf der Leipziger Buchmesse im März 1988 hatte mich ein Westdeutscher Verleger angesprochen, ob wir nicht einen Bildband über Katarina Witt – exklusiv für ihre Eisrevue durch Westdeutschland – herausbringen könnten. Natürlich wollten wir das machen, schließlich ging es um ca. 8000 Exemplare für die wir harte Devisen bekommen würden. „Ich brauche das Buch aber im August“, fügte er hinzu. Das war das eigentliche Problem, denn in der DDR wurden die Produktion von Büchern und Abläufe in den Druckereien sehr lange im Voraus geplant. Flexibilität war oftmals nicht möglich. Dennoch sagte ich: „Okay, das machen wir“, und besiegelte es per Handschlag. Wir schafften es tatsächlich den wunderbaren Bildband „Katarina – Eine Traumkarriere auf dem Eis“, rechtzeitig zu produzieren. Es war ein reines Exportprodukt und wurde in der DDR nicht verkauft.
Ich verbrachte gerade mit Jutta meinen Urlaub im Garten in Priort, als mich mein Stellvertreter Werner Schreier mit einem Besuch überraschte. „Mensch, Horst, da ist große Scheiße passiert. Hast du denn das Witt-Buch ohne eine Genehmigung herausgebracht?“ Für Dienstag wurde extra eine Parteileitungssitzung einberufen, zu der sogar der Ewald kommt!“ Ich fuhr also aus dem Urlaub zurück, doch erst im Verlag begriff ich, was geschehen war. In vielen westdeutschen Zeitungen war das Buch über Katarina Witt rezensiert worden und machte überall positive Schlagzeilen. Da die Westpresse immer für die Politbüromitglieder ausgewertet wurde, bekam auch Egon Krenz, der im ZK mittlerweile für Sport verantwortlich war, davon Wind. Sofort rief er bei Manfred Ewald an und fragte: „Hast du das eigentlich genehmigt?“ Der antwortete überrumpelt: „Nein, Egon, ich kenn das Buch ja nicht einmal.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


In der Sonderparteileitungssitzung wurde ich minutenlang niedergemacht, dass ich nicht nur den Sportverlag, den DTSB und alle Werktätigen der DDR betrogen hätte, sondern auch das komplette sozialistische Lager. Obwohl in dem Bildband nicht ein einziges böses oder verwerfliches Wort über unser Land stand – ganz im Gegenteil – hatte ich scheinbar den Weltfrieden aufs Spiel gesetzt. Ewald saß neben mir und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Manfred, ich hab dir doch sofort nach der Messe einen Brief geschrieben und da du dich nicht geäußert hast, dachte ich, dass alles in Ordnung geht.“ Er antwortete: „Weißt du wie viele Briefe mich am Tag erreichen? Du hättest mich einfach mal anrufen sollen.“ Eigentlich alles ganz simpel, doch in der DDR wurden oftmals aus Lappalien Dramen gemacht.
Im November 1988 wurde Ewalds Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben und der Nachfolger vorgestellt. Doch auch mit Klaus Eichler, der von Egon Krenz vorgeschlagen worden war, konnte ich sehr gut zusammenarbeiten. Da er zuvor viele Jahre Generaldirektor des FDJ-Reisebüros „Jugendtouristik“ gewesen war, verstand er eben auch, wie man einen Betrieb leitete – er hatte Ahnung von dem, was wir taten.
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Zu unserem 40-jährigen Betriebsjubiläum lernte ich ihn persönlich kennen. Unser Verlag sollte den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen, den uns Krenz überreichen würde. Es war klar, dass ich zu diesem Anlass eine Rede halten müsse. Wie es in der DDR offenbar üblich war, musste ich diese zuvor im Zentralkomitee der SED, Abteilung Sport, zum Absegnen einreichen. Mitarbeiter Rühmann sagte mir nach der Durchsicht: „Du, der Egon hört das Wort ‚Athleten’ nicht so gern – mach da mal lieber ‚Sportler’ draus.“ Obwohl das gegen meine Journalistenehre verstieß, da ich nun unzählige Wortwiederholungen im Text hatte, änderte ich die Passagen und gab sie wieder rüber. Als ich die genehmigte Rede abholte, fragte Rühmann: „Sag mal, wenn der Egon euch den Orden überreicht, musst du doch auch noch ein paar Dankesworte sagen.“ Ich nickte. Das war doch selbstverständlich. „Dann schreib die mal bitte auch auf und lass sie prüfen.“ So ein Schwachsinn – doch ich tat wie mir geheißen.
Die Veranstaltung fand im großen Saal des Berliner Verlages statt. Vor der Tür traf ich Krenz und fragte ihn, ob er denn zu der kleinen Zusammenkunft kommen würde, die im Anschluss stattfand. Doch er erklärte mir, dass er dafür keine Zeit habe. Ich hielt also meine überprüfte Rede und las sogar die Dankesworte vom Zettel ab. Thomas Köhler, der Vizepräsident für Wintersport im DTSB, saß danach neben mir und sagte: „Die Worte zum Schluss hättest du ja wenigstens mal aus dem Stehgreif sagen können Horst.“ Viel zu laut antworte ich: „Können ja, aber nicht dürfen.“ Die Idiotie an der Sache: ich war nicht der Einzige in unserem Land, dem das so erging. Abertausende mussten ihre Reden zuvor von zuständigen Stellen freigeben lassen. Wie viel unnütze Zeit damit verbracht wurde!
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mir erzählte mal ein Kollege, der eine Ansprache vorbereitet hatte, weil ein bedeutender Sportler den „Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ überreicht bekommen sollte, was ihm widerfuhr. Erich Honecker las den Text, machte ein „X“ an die Seite und schrieb an den Rand „großer“. Unser Staatsratsvorsitzender hatte also diese unwichtige Rede persönlich gelesen, um dann lediglich festzustellen, dass derjenige den „großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ erhielt.
Egon Krenz blieb dann doch noch zur anschließenden Verlagsfete, als er hörte, dass ich nicht nur die Funktionäre, sondern auch die Kraftfahrer, Putzfrauen und Aushilfen unseres Verlages eingeladen hatte. Das gefiel ihm.

Doch schon 1990 hörte mein Land auf zu existieren. Der Niedergang mit den vorangegangenen Massenfluchten über Polen, Ungarn und die CSSR und der spätere Mauerfall erfolgten jedoch in einem Tempo, das nicht nur mich vollkommen überraschte.
Honecker hatte kurz davor noch geschwafelt: „Wir weinen niemandem eine Träne nach, der unser Land verlassen will.“ Ich hatte mich entsetzt in der folgenden Parteiversammlung zu Wort gemeldet und gesagt: „Ich teile diese Auffassung nicht. Ich weine den Leuten Tränen nach, denn es kann doch nicht sein, dass wir hier den Sozialismus errichten wollen und so viele Leute unser Land verlassen.“ Dass ich dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, zeugte allerdings schon davon, dass wir am Scheideweg standen. Ein Parteiverfahren wäre üblich gewesen.

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mitte September 1989 waren wir zusammen mit den Senioren (ehemaligen Mitarbeitern) zu unserem jährlichen Betriebsausflug aufs Land aufgebrochen. In dem Ort und an der Kirche hingen große Aushänge mit Forderungen, die ein so genanntes „Neues Forum“ verbreitete. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Ich glaube, wir sollten lieber nach Berlin zurückfahren, wer weiß, was hier heute noch passiert.“ Alle stimmten mir zu und so brachen wir den Aufenthalt ab. Es war uns – im eigenen Land – zu gefährlich geworden, denn selbst die Menschen, welche die DDR nicht aus Wut und Enttäuschung verlassen hatten, begehrten nun auf.
Noch einen abschließenden Satz zum Ende unserer Republik: Ich wollte nicht, dass die DDR untergeht, denn ich baute sie ja maßgeblich mit auf. Seit ihrer Gründung hatte ich mich für einen gerechten und lebenswerten sozialistischen Staat auf deutschem Boden eingesetzt. Dass in diesem Land unzählige Fehler gemacht wurden und wir meilenweit von den einstmals gut gemeinten Zielen entfernt gewesen waren, bestreite ich allerdings nicht.
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Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel
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Buchvorstellung: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ – DDR Alltag

14. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Mikis WesensbitterViele von Euch haben sich sicherlich schon lange gefragt: Wird es jemals ein besseres Buch über die DDR und das Ostberlin der 80iger Jahre, als das mittlerweile in jeder Schule auf dem Lehrplan stehende Werk „Mauergewinner“, geben?
Die Antwort lautet ja (!), denn Mikis Wesensbitter ist mit „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich’ ma Spaß!“ ein echtes Meisterwerk gelungen. Zwar beschreibt er darin nur das berühmte Jahr 1989 in Tagebuchform, dies jedoch mit einer unfassbaren Detailgenauigkeit, Präzision und vor allem so dermaßen lustig, dass man sich diese Zeit manchmal echt zurückwünscht. Aua!

In meinem Fall hat das vielleicht sogar Gründe, da ich drei Jahre jünger bin. Während der Protagonist all die geilen Konzerte der Vorwendezeit mit 20 erlebt hat, in Friedrichshainer Kneipen bis tief in die Nacht versumpft ist und danach durchaus interessante Frauen abgeschleppt hat, war ich eben noch eher ein Junge, der dem „Held“ mit Sicherheit hier und da begegnet ist, aber eben viel uncooler in jener Zeit agierte. Und der blöderweise nur knutschen und fummeln durfte, da ihm die Mädels nicht in die Dreiraum-Wohnung seiner Eltern (mit Brüderchen Benny im selben Zimmer) folgen wollten.

Extrem gelungen finde ich ein Gefühl, welches der Autor vermittelt, nämlich, dass die DDR Scheiße war, aber alles was danach kam (in dem Buch eben nur die kurze Zeit nach dem Mauerfall) noch viel beschissener. Auch für mich waren die frühen 90iger – zumindest was Freunde betrifft – eher ernüchternd. Auf der großen Silvesterparty eines Kumpels am 31.12.1989 war ich Mitternachts plötzlich nur noch von 6 Leuten umgeben, da alle anderen 44 zu „den ganzen Freiheitsidioten“ (Zitat Wesensbitter) ans Brandenburger Tor abgehauen sind. Nach dem Abitur verringerte sich mein Freundeskreis schlagartig um 90 Prozent, da es vielen plötzlich nur noch um die große Kohle (statt die große Freiheit) ging.

Das Buch vermittelt jedoch nicht den ganzen Mist: “In der DDR hielten die Leute viel mehr zusammen, haben viel öfter und besser gevögelt und auch sonst hat alles urst eingefetzt”, denn Mikis beschreibt auch diese traurigen, grauen Sonntagnachmittage, den Stumpfsinn im Alltag und in der Produktion. Und fiese „Stasiratten“ aus Memphis (MfS), die es auszutricksen galt. Aber eben auch Zärtlichkeiten, Gerüche, Gegenden, Freundschaften, Verlustängste, Euphorie. Er skizziert damit ein Land jenseits von Stasiknästen, Jugendwerkhöfen und sinnlosen Fahnenappellen, die es in manchen Köpfen ausschließlich zu geben scheint. Die Wende in Ostberlin 1989 steht eben auch für Punk, Saufen, Ficken und …

Absolute Kaufempfehlung und zwar hier: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ bei Amazon

PS.: Am 13.10. war Mikis Wesensbitter bei unserer Lesebühne zu Gast. Gerne würde ich mit ihm mal eine „DDR-Lesung“ machen, denn er ist mir sympathisch (obwohl er „Berliner Pils“ ächtet). Spätestens 2019 – nur 30 Jahre nach dem Mauerfall – bekommen wir das sicherlich hin!
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Nachspiel: Deutschland vs. Ghana – Brasilien 2014

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110239Danny und Jenna gehen nach dem Konzert ins Hotel, doch ich habe mein Zeitgefühl längst verloren und streune mit Erni in eine vermeintlich gefährliche Ecke der Stadt. Gerade als wir einsichtig umkehren wollen, hören wir verlockende Musik auf der anderen Straßenseite. Etliche Einheimische aber auch Deutsche in Nationaltrikots stehen dort vor einer Art Disco und plaudern. Ein kahl-rasierter Typ brüllt genau in diesem Moment: „Zieh dein Scheiß-Ölaugen-Trikot aus, du Fotze“. Der Drecks-Nazi und seine Jungs, deren Herkunft ich nicht verraten will, um diesen Verein nicht in Misskredit zu bringen, beschimpfen einen Kerl, weil er ein Özil-Trikot trägt. „Verbisst euch ihr Benner“, ruft Erni unfassbar mutig. Ich zupfe ihm am Ärmel, doch seine Nase bleibt heil, da die Deutschen mit Hirn deutlich in der Überzahl sind. Die vier Spasten hauen Richtung Puff (O-Ton) ab. Solche Typen werden für immer Feinde bleiben – bis wir sterben. Wir hingegen taumeln Seit an Seit mit unseren Freunden „Özil“, „Boateng“ und „Podolski“ ins Verderben.
Unter gewissen Umständen, wie übermäßigem Alkoholgenuss oder fiesen Adrenalin-Ausschüttungen, verliere ich im Leben noch immer die Kontrolle über den Verstand, denn in der Bar gibt es Frauen, die nicht von dieser Welt sind. Nur zögerlich kann ich den Blick von all den erotisch glänzenden Schenkeln und Brüsten dunkelhäutiger Schönheiten abwenden, die hier ekstatisch und mit Hüftschwung Lambada und Samba zelebrieren. Manchmal will ich noch immer begehrenswert sein – möchte mir nicht eingestehen, dass die besten Jahre längst vorbei sind. Auf Fotos des heutigen Tages sehe ich zehn Jahre jünger aus und habe ein lässiges Leuchten in den Augen.
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Auf dem Parkett schwebt ein Paar so unfassbar sexy durch den Laden, dass es mich nach einer Caipi packt und ich eine schönbusige Frau zum Tanz auffordere. Die Anmutige nickt und greift mir sofort an die Hüften. Doch der Schwof dauert genau eine Minute, da ich nicht in der Lage bin, ihren Rhythmus auch nur ansatzweise mitzugehen. Ich torkele und stolpere eher neben ihr her. ‚Scheiße, ein Brasilien-Gen besitze ich wahrlich nicht‘, denke ich, als sie mich sanft von sich schiebt, einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückt und „não“ flüstert.
Plötzlich spielen sie „Nossa, Nossa“ – das bisher erste bekannte Lied in meinen Ohren. Wenig später schlängelt sich eine 200köpfige „Polonaise“ durch die Disco – angeführt von Erni. Alle haben sich angeschlossen und steigen nun kreischend über Tische und Stühle bevor sie mein Freund unter den klaren Sternenhimmel führt. Das Verhältnis von Deutschen und Brasilianern liegt bei 1:7, doch in gemeinsamer Leidenschaft bricht der Laden fast zusammen.
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Die kaffeebraune Schönheit hinter mir versucht die Köpfe meiner Hose zu öffnen, um an meine Genitalien zu gelangen und Erni brüllt von vorn: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“ Plötzlich ist da ist so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Nur für diesen Moment hat sich diese Reise schon gelohnt. Behutsam führe ich die Hand zurück auf meine Schulter während eine feuchte Zunge an meinem Hals herumschleckt. Ich drehe mich um und rufe: „Não!“, da die begehrenswerteste Frau der Welt genau 2.014 Schritte entfernt schläft. Außerdem weiß ich, dass ich beim brasilianischen Sexrhythmus genauso grandios versagen würde.
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Erni kommt freudestrahlend mit einer Chica im Schlepptau an – ein Traumpaar. Er fragt: „Kannste mir mal nen Hunderter borgen?“ Auch mein Freund hat sicher keine Ambitionen fremd zu vögeln und will der Zauberfee nur noch einen Drink spendieren. Zumindest realisiere ich, dass er schon wieder pleite ist – Zeit zu gehen. Arm in Arm wanken wir aus dem Laden und singen „Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego, ai se eu te pego“. Etliche Frauen, die wir in den letzten vier Stunden gesehen und berührt hatten, haben uns fast um den Verstand gebracht. Es ist 5 Uhr.

An der Strandpromenade ist noch immer etwas los. Zwei Teams spielen auf dem warmen Pflaster Fußball und etliche Zuschauerinnen und Jungs diverser Nationen schauen dabei zu. Erni legt seine Deutschlandfahne hinter eines, der aus zwei Pullen bestehenden Tore und brüllt: „Wir fordern!“ Ein lustiger Braunschweiger namens Tommy, den wir im Club kennengelernt hatten, sieht das und ruft: „Ey, mit euch sind wir endlich sieben!“ Um eine steinerne Bank machen sich sogleich vier weitere Jungs startklar. Ich kann nicht fassen, was nun geschieht, aber Mateo und Jesus aus Kolumbien, der Chilene Amaro und David aus der Schweiz meinen es todesernst. Tommy sowieso.
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Derweil verlieren „brave Brasilianer“ gegen oberkörperfreie „Favela-Boys“ deutlich. Überheblich lächelnd winken sie uns heran. In 2 x 10 Minuten wollen sie uns, den „Bunten“ – wir tragen alle ein Trikot unseres Heimatlandes – zeigen, wer die ultimativen Herren des Strandes von Fortaleza sind.

Erni geht ins Tor. Ich bilde mit David die Abwehrkette, die Kolumbianer spielen im Mittelfeld und Tommy orientiert sich zusammen mit Amaro in die Spitze. Direkt nach dem Anstoß sprintet der Chilene nach vorn. Jesus spielt einen nahezu perfekten Pass ins Abwehrzentrum des Gegners, doch Amaro schiebt den Ball knapp an der linken Bierdose vorbei. Sofort antworten die Brasilianer mit einen langen Ball hinter unsere zu weit aufgerückten Kolumbianer. Ich döse ein wenig und mit einer leichten Körpertäuschung ist mein Gegner an mir vorbei. Der hat nun freie Bahn und schießt platziert ins linke Eck. 1:0 für Brasilien. Auf den Zuschauertribünen wird gejubelt. ‚Na das geht ja gut los‘, denke ich während Jesus und Mateo toben und Erni den Ball holt. Ich wechsele in den Kasten. Meinem knapp acht Jahre jüngeren Freund, der bis zur A-Jugend fast auf Drittliga-Niveau in der Abwehr gespielt hat, wäre dieser Fehler sicher nicht unterlaufen. Zudem bin ich schon nach drei Sprints außer Atem, triefe nach Schweiß und spüre den immensen Alkohol in meinen Adern pulsieren.
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Nach dem Anstoß sehe ich wie genial Jesus und Mateo miteinander harmonieren. Gekonnt passen sie knapp zehnmal hin- und her ohne das die verblüfften Brasilianer an den Ball gelangen. Erst jetzt grätscht einer dazwischen. Ecke. Jesus schaut kurz auf und flankt dann präzise in die Mitte. Kein einziger Gegner springt hoch und so fliegt der Ball zu Tommy, der ihn kurz fixiert und dann – etwas unbeholfen – in Richtung Tor köpft. Doch unerreichbar segelt dieser ins gegnerische Tor. „Viel zu hoch“, deutet der Torwart an, aber der bullige Chef unseres Gegners schüttelt den Kopf und schleppt den Ball zum Mittelkreis. 1:1.
Wütend rennen sie nun an, doch Erni bekommt den Ball schnell unter Kontrolle und passt hinüber zu David, der diesen augenblicklich zu Jesus hinüberschiebt. Blind spielt dieser weiter zu Amado. Drei Brasilianer schauen apathisch hinterher. Unser Chile schießt den Torwart an, aber der Abpraller kommt genau zu ihm zurück und im Nachschuss versenkt er ihn eiskalt. Wie krass – wir führen! Das ist ja so, als wenn ich mit Jenna zwei überlegene türkische Jungs in Kreuzberg zum Tischfußball bitte und wir nur durch unkonventionelle Spielweise eine Chance haben. Doch unsere Südamerikaner im Team spielen nicht unkonventionell – sondern granatenstark. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“, feiert sich Amado selbst.
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Fast schon panisch rennen sie nun gegen uns an. Ich kann einen Ball lässig vor deren Stürmer aufnehmen und werfe weit ab hinüber zu Mateo. Der passt halbhoch zu Jesus, welcher das Ding per Direktabnahme aus gut 10 Metern knallhart ins rechte Eck hineinzimmert. 1:3 – ich fasse es nicht.
Um uns herum ist es mittlerweile still geworden. Die Zuschauerinnen – vermutlich sind auch Freundinnen der Spieler anwesend – verharren in ungläubigem Staunen. Sie fragen sich wahrscheinlich gerade auch, ob das wirklich wahr ist. Erni kommt angerannt und singt mir ins Ohr: „Oh wie ist das schön…“
Nach dem Anstoß will keiner von denen den Ball so richtig haben. Aus frech-lachenden, barfüßigen Straßenkickern sind Feiglinge geworden. Der arrogante Glaube, die Allergrößten zu sein, ist allmählich verflogen. Ihr Boss staucht sie immer wieder – wild gestikulierend – zusammen.
Jesus nutzt die Unentschlossenheit und spielt links hinüber auf Tommy, der ihn sofort auf den nach vorne gesprinteten Kolumbianer zurückkickt. Kinderleicht schiebt er den Ball zwischen die Pfosten. Jetzt sprinten wir alle nach vorn und umarmen den Doppeltorschützen. Das Spiel ist nach 8 Minuten eigentlich entschieden. Doch noch ist nicht Halbzeit. Ich mache es mir im Tor gemütlich, denn die Brasilianer schaffen es nicht, an David und Erni vorbeizukommen. Mittlerweile brüllen Leute von draußen „Olé“ nach jedem unserer Pässe zum Mitspieler. Und das ist oft, da die planlos agierenden Gegner fast gar nicht mehr an den Ball kommen. Matteo schiebt den Ball rechts auf Jesus, der sofort durchstartet, jedoch nicht abschließt, sondern zurück in die Mitte spielt. Dort wartet bereits sein Kumpel, der ihn übermütig mit der Hacke ins Tor kickt. Ich träume nicht. Es steht 5:1 für uns Ausländer. Was für eine Tracht Prügel – was für eine Demütigung!
Während der kurzen Pause spendiert uns ein brasilianischer Familienvater eine Runde Bier. Keine Ahnung, ob er jemals auf dem Pflaster von Fortaleza eine solch peinliche Vorführung der heimischen Jungs gesehen hat. Andererseits vermute ich allmählich, dass auch Jesus, Mateo und Amado in ihrer Heimat durchaus für gute Kicks am Strand oder im Verein bekannt sind.
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Nach dem Seitenwechsel können wir es uns leisten, mich aus dem Tor zu nehmen. Ich tausche mit Tommy, der etwas außer Puste ist. Ein Gegner ist nun nicht mehr vorhanden, sodass auch ich mit dem Ball am – mittlerweile blutverklebten – Fuß ungestört auf dem Spielfeld entlang spazieren kann. Als ich quer nach innen flanke, sehe ich gar nicht, dass sich auch Erni nach vorn orientiert hat. Zum Glück verpasst Jesus, denn so gelangt mein Freund an den Ball und knallt ihn per Vollspann dem Torwart zwischen die Beine. Getunnelt – Höchststrafe – 1:6. Der Kerl sackt zwischen den Pfosten in sich zusammen, während ich Erni auf den Rücken springe und wir gemeinsam zu Boden stürzen. Tommy kommt aus dem Tor gerannt und auch der Schweizer David schließt sich uns an. Gemeinsam krauchen wir auf Knien als „Raupe“ über den Platz. Unsere Südamerikaner staunen über so viel Ekstase und in den Gesichtern des Gegners ist eine Mischung aus Schock und Scham zu sehen.
Kurz darauf geschieht das Ungeheuerliche. Nein, wie bekommen keine aufs Maul und werden auch nicht mit vorgehaltenem Haifischmesser dazu gezwungen noch sechs Stück reinzulassen. Der Chef der Brasilianer schnappt sich mit einer Fresse, die aussieht als ob er Zahnschmerzen hätte, den Ball, ruft seinen Jungs etwas zu und verschwindet dann mit ihnen in Richtung der Häuserschluchten.
Der Torwart dreht sich noch einmal um und zeigt ein Fuck-Off, doch nach dreißig Sekunden sind die entzauberten Herren des Strandes verschwunden. Kampflos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben. Deutschland-Kolumbien-Schweiz-Chile hat Brasilien auf eigenem Boden während der WM 2014 mit 6:1 bezwungen. Wir liegen uns in den Armen und brüllen kollektiv den Klassiker: „We are the champions.“
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Jeder von uns weiß nun, dass die Heimmannschaft auch in der Heimat zu schlagen ist. „Vielleicht gewinnen unser Jungs ja noch höher gegen die“, brülle ich Erni in einem Anfall von Größenwahn zu und meine damit unsere Nationalmannschaft. Frühestens im Halbfinale kann es zur Partie gegen Brasilien kommen.

Und noch etwas anders töne ich: „Ich fahre übrigens zurück nach Recife zum Spiel gegen die Amis. Wir sind ja nur einmal bei einer Fußball-WM. Sylvie wird das ganz sicher verstehen. Bist du dabei?“ „Nuklear“ (na klar) schallt es zurück. Auch er will eine Fortsetzung des Gesamtkunstwerkes aus Spiel, Spaß und Emotionen!

Noch lange sitzen wir mit Menschen aus aller Welt zusammen und erleben während des Sonnenaufgangs über Fortalezas Honiglippenbucht einen weiteren Augenblick für die Ewigkeit. Ein sehr junges Mädchen, die mit ihrer Familie noch immer hier und wach ist, entdeckt meine DDR-Fahne und klettert mit dieser auf einen Betonsockel. Dort breitet sie sie vor dem Körper aus und beginnt mit liebreizender Stimme zu singen: „Eu sou alemão, com muito orgulho, com muito amor.“ Tommy und Erni stimmen sofort ein. Ich jedoch bestaune mit offenem Mund das Schauspiel und suche in meinem Hirn nach einem Wort, welches auch nur ansatzweise meine Gefühle beschreiben kann.
Dieses Wort gibt es nicht. Also stimme ich mit Inbrunst ein und schmettere es in Richtung Pazifik: „Ja, ich bin Deutscher, mit Stolz und mit viel Liebe!“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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DDR-Straße Karl-Marx-Allee – Boulevard of broken dreams – Jugend in der DDR

14. August 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

“Ich war auf einer großen WG-Party eines Arbeitskollegen eingeladen. Die Feier fand in der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain statt. Obwohl ich sehr spät kam, befanden sich noch viele Gäste in der Bude. Micha begrüßte mich euphorisch und stellte mir jeden einzeln vor. Die verqualmte Küche war wie immer das lautstarke Zentrum der Wohnung und besonders gut gefüllt. Bald war klar: Ich, der Junge von nebenan, war der einzige ehemalige Ostdeutsche auf der gesamten Party. Unglaublich, denn noch bis vor wenigen Jahren waren dieses Haus, die Straße und der Bezirk ausschließlich von Ossis bewohnt gewesen. In der Badewanne schwammen die letzten, einsamen Beck’s Gold.

Manchmal kann ich gar nicht glauben, wie sehr sich meine Stadt verändert hat. Ziemlich schockiert öffnete ich mir eins meiner im Sixpack mitgebrachten “Berliner Pilsner” und sah mich erst mal um. Irgendwie kam mir die Wohnung bekannt vor. Ich ging in die Küche und lauschte den Gesprächen. Eine große Runde scharte sich um einen Typen mit Brille, der sich offenbar selbst gern reden hörte. Micha hatte ihn mir als Daniel aus Hannover vorgestellt, der in Berlin Politikwissenschaften studierte. Ich stellte mich daneben und hörte staunend zu. Er erklärte uns die Geschichte der Karl-Marx-Allee.

Leider redete er ausschließlich dummes Zeug. Ich wollte ihn am liebsten anschreien und sagen, dass diese Häuser nicht erst in den sechziger Jahren gebaut worden waren, dass es auch schon vor der Wende Badewannen und Fahrstühle gab – und dass in dieser Straße nicht jede Woche Panzer und Raketenwagen auffuhren. Die monumentale Karl-Marx-Allee, die bis 1961 noch Stalinallee geheißen hatte, war ab 1952 nach den Vorbildern der Prachtboulevards in Moskau, Lenin- und Stalingrad errichtet worden. Sie diente nicht nur dem städtischen Verkehr, sondern sollte Berlins Status als Hauptstadt verkörpern – und bot die Bühne für Aufmärsche und Paraden. Obwohl sich ab dem Strausberger Platz einige unschöne Plattenbauten anschlossen, blieb die schnurgerade Karl-Marx-Allee vom Alex bis zum Frankfurter Tor mit ihren Häusern im Zuckerbäckerstil eine der ungewöhnlichsten und vielleicht schönsten Straßen meiner Stadt. Die selbstverliebte Show des arroganten Wessis machte mich wütend. Selten hatte ich mich so aggressiv erlebt. Trotzdem behielt ich meinen Ärger für mich und schwieg. Warum?”
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Hier geht’s zum Weiterlesen bei Spiegel Online oder im Buch “Mauergewinner”
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Free German Youth Lessons – “Generation Wall” by Mark Scheppert

18. April 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn spring 2008 Sylvie’s brother visited us together with his girlfriend in Berlin. These two are very pleasant visitors. We don’t have to entertain them at all. No cultural programme to arrange, no endless thinking which historic sites of the capital they don’t know yet. We didn’t even have to buy the current city magazines to search for the latest musicals, movies or theatre plays. Andi and Kati are interested in… nothing. Very pleasant, as I said! They both were born in the south west of Germany, in the so called Pfalz, like my Sylvie. This is obviously one reason why they often pelt me with questions about my East German youth for hours. Thus, I wanted them to soak up some education about this time by sending them into the GDR museum opposite the Berlin Cathedral and the ruin of the Palace of the Republic.

In the evening Andi and Kati already awaited me excitingly at the door smiling from one ear to the other. They had seen the Mufuti (multifunctional table) from the movie “Sonnenallee”, next to a real East German wall unit. Andi had sat in a Trabi for the first time in his life and Kati was taught how to tie a knot into the red triangular scarf of the children’s organisation in the GDR (Junge Pioniere). I was completely knackered from a hard capitalistic working day and thought that this museum visit had answered all their questions about my ex-country. Far from it! Now they wanted to know everything about the GDR, their curiosity was doubled or even tripled, and everything about this vanished country was most ingenious. I went to take a green booklet and a beer and told them a totally different story.
During the GDR-season of 1985 / 86 there were these two highlights of my life: At the beginning of the year 1985 we were affiliated solemnly to the Free German Youth and in March 1986 Jugendweihe took place – the ceremony in which teenagers are given adult social status – the biggest event of my life so far receiving a lot of presents. Between these two events, however, we had to prove our maturing process by attending a ten-hours-course of the Free German Youth. Naturally this was linked to a threat saying if one of us is absent two times and has no convincing excuse, he or she won’t take part in this mega party Jugendweihe. One after the other had to write something about this course into the youth lesson’s booklet. Probably this is the reason why I still keep this green booklet in my possession. I had to write about the last event and never handed it back.

I read out of this green booklet to the West German audience who gained another valuable insight into the country I had grown up.
The first lesson was called “We fulfil our revolutionary bequest!” Most of the 8th graders fulfilled this by visiting the concentration camp Sachsenhausen. Sabine wrote the following about this trip into the green youth lesson’s booklet: “On 18th September 1985 our class visited the concentration camp memorial Sachsenhausen. Mrs Rittich, Mrs Demant and Mrs Seil accompanied us. Arriving there we were welcomed by our guide Mr Stenzel who had been detainee himself in this concentration camp.”
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I stopped here although Sabine had written exactly one page about this trip as she and all the others were supposed to do. We misbehaved completely at this trip. Nobody had really taught us that there were people having emotions and real victims to touch from this Hitlerite fascism. In our socialist daily routine we only vowed that we would do everything to avoid a repetition of these atrocities. We were not prepared for food rations of 150 grammes per day and heaps of corpses. Kati said that she was also sent to the concentration camp Ravensbrück when she was quite young and she grew up in West Germany. And suddenly we were discussing poor educational policy in East and West Germany, though I only wanted to tell them something about my life in the GDR. After a while I turned the pages and decided to read out only one sentence from every youth lesson in the green booklet.

The second youth lesson was named: “Friendship to Lenin’s country – matter of the heart of our people”. Naturally we visited the House of the German-Soviet Friendship (DSF). In sixth grade we always made our Russian teacher who came from Moscow cry with the following slogan: “Russki, Russki you should know that your language is just too slow!” In the DSF house we didn’t dare to talk like that and therefore were bored to death. However, Daniela wrote into the green booklet: “Comrade Steyer taught us a lot about the Soviet Union, how the people live there, how the gas pipeline BAM was built – the Baikal-Amur-Magistrale – and many other interesting things.”
The third youth lesson which was called: “Culture and Art make our lives nicer and richer.” seemed to be slightly better. We were supposed to visit the Jahn sports park. Similar to the other ‘events’ we were disappointed bitterly once again. It is enough if I just repeat what Lars wrote into the green booklet. “Then we went to the exhibition rooms. An old man waited there for us. After we had put off our jackets we entered the sports exhibition in a small room.”
The guests from the West looked at me with big and pleading eyes, but I continued without any reaction.
The fourth youth lesson was titled ‘The other one beside you.’ Our class went to the newly built park named after the communist leader Ernst Thälmann. Somehow it was a little bit more interesting this time since a quite cool guy led us through the construction site and even the scaffolds. The massive monument of Ernst Thälmann nicknamed Teddy was erected only recently. Thus, Lydia remarked quite correctly: “This visit was very interesting and good fun. Despite our breaches of discipline we experienced many new things.”
Schluss
The fifth youth lesson in this series was called ‘Our Socialist Homeland’ and we were supposed to visit the People’s Police museum. A popular children’s song says: “The people’s police officer, who means well for us, he carries us home, he is our friend.” But these friends there were all completely unsympathetic, had a Saxon accent and one could imagine that concerning crimes they wouldn’t react indulgently. The importance of our visit in the People’s Police museum you can hear in the following sentences that Didi wrote: “When we arrived, the speaker Colonel Schmidt introduced himself. Another comrade guided us through the exhibition.”
Number six was called: ‘Peace is not a present.’ This was the event when I didn’t take part having an excuse. No, I had never been an absentee at school, a normal East-Berlin flu had struck me down. The others went to see the East German border troops. Hence, I can only read what Mario wrote into the book: “At the entrance gate an officer of the border troops welcomed us. First, he showed us a radio and a field telephone. Then we had a look at some of the tools that were used while escaping and also at some pictures of the injured people who tried to trespass the East German border. He acquainted us with some weapons and explained the function and advantages to us.” Andi and Kati were shocked shaking their heads in disbelief.
I was fit again for the next topic: ‘Your right and your duty in a socialist country’. We went to the court in Berlin – Friedrichshain. But this visit was one to forget soon, too. A very strict looking judge was telling us in a one-hour-lasting monologue how a trial takes place. After that she responded to our questions for only two minutes and disappeared. Cake wrote in our book: “We were also surprised about this small courtroom, since they appear much bigger in the movies. It would have been even better, if we had taken part in a real trial.”
‘Scientific technological progress – a challenge for you’ was the topic of the 8th lesson. We went to the completely shabby, but nationally owned company NARVA that used to produce light bulbs. Now we could see what publically owned manufacturing meant: rusty old machines, long dark passages without any ventilation, and moody people standing in a crowd at the corner, smoking and chatting. Next to the lathes and on a stack of fluorescent tubes there were lots of empty brown beer bottles. We were welcomed by a comrade in the traditional room. Although NARVA light bulbs were delivered around the world, successful tradition surely looks totally different, thought Bergi obviously when he – surprisingly honest – wrote into the book: “The visit at NARVA was not nice at all. I’d describe it as a complete failure.”

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The last but one youth lesson was dedicated to the topic ‘Your workforce is needed’.
The funny thing about it was that we went to see our mentors’ brigade at Centrum Warenhaus, the shopping centre at East station where we had done several shoplifting competitions. Today I cannot say whether Ute suspected something when she wrote into the book: “A member of our mentors’ brigade depicted the exhausting daily routine of a saleswoman. I believe that everyone of us now sees everything with different eyes and pays more attention to honesty.”
The final youth lesson that finished us off completely was called: ‘The world is changed by us’. This time I was supposed to write into the small green book. There was nothing to think about in detail, since it was only checked whether somebody had written into it, not what. We went to the Archenhold observatory in Treptow, and this was actually the best of all lessons. We were watching movies and observed some of the faraway stars, that were also well visible during the day, through the huge telescope. Furthermore, the woman guiding us through the observatory was extremely pretty. Nevertheless, I only jotted down: “We experienced a lot of new things worth knowing, however, we are already thinking of the coming event – our youth initiation ceremony, the most important ceremony of our lives.”
I closed the little green book, all the others looked at me and their sleepy eyes told me that they felt hungry and had heard enough for now from the East German dome. Mission accomplished, I thought to myself.
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Half a year later at one weekend Sylvie and I didn’t know what to do, and thus finally decided to go to this odd GDR museum in Mitte. Having chilly and damp Berlin crappy weather a huge queue of tourists waited in front of the entrance to the past. I multiplied the crowd with the entrance fee of 5.50 € and suddenly had a great idea. I would open an event agency! My customers from West Germany, Europe, even from the whole world would have to pay 200 € for my guided tour. At the beginning the tourists would solemnly join the Free German Youth at the assembly hall of the Polytechnical Secondary School named Käthe Duncker, of course receiving a blue shirt and the badge. By Trabi we would pass Leninplatz and continue to reach Teddy Thälmann and his massive head monument. After a short ceremony there and a quick side-trip to the sports traditional room of ‘Dynamo’ at the Jahn sports park we would join a socialist show trial at the court before we finally go to have lunch at Centrum Warenhaus our shopping centre at East station. We would have been served Goldbroiler – which is East German for chicken – and a filling side dish – preferably chips and Leipzig mixed vegetables – East German for peas and carrots, for vegetarians they would serve potatoes with lecsó. After an amazing guided tour through the nationally owned company for the production of light bulbs called NARVA – nowadays there are many West German advertising agencies working in this heritage-protected traditional building – the three highlights of the tour would come up. In the House of the East German – Soviet Friendship we could meet young Soviet Komsomole members and while visiting the People’s Police museum the majors decorated with huge shoulder straps. At the East German border troops my troops would be allowed to go up the watchtowers and to lead the shepherds through the barbed wire areas. At the end of my tour every participant who would like to retain the lent Free German Youth blue shirt as a golden keepsake only has to pay 50 €. The fully completed and stamped badge would be included.
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Suddenly I was torn out of my daydream because Sylvie pulled my shirt asking me whether I would really like to wait longer in front of this damned GDR museum. I shook my head and looked at the last standing concrete piers of the nearly finally dismantled Palace of the Republic. I sensed that I absolutely do not want to travel into the past, since there is only one place left of our former Free German Youth lessons that has not changed in any way. In this grove in Treptow one can still watch the stars and while observing them through the telescope one notices: everything remained the same, only that we have changed.
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Endlich angekommen! – Leben in der DDR

30. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Schluss

Kurz vor meinem Geburtstag beschreibe ich heute einmal, wie der “Mauergewinner” entstanden ist. Letztendlich habe ich nach dieser Story vor ein paar Jahren überhaupt erst zu Schreiben begonnen. Gute Entscheidung.
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Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis – weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Ich sagte Sylvie, dass ich trotzdem richtig Lust hätte, eine große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort tatsächlich mein komplettes bisheriges Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art und gleichzeitig ein Vertreter dieser neuen Generation, der heimatlosen Wossis. Wie eine traurige Sorte Klöße: halb und halb.

Ich bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen. Ich werde oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn ich zu erzählen beginne, wird mir nicht mehr richtig zugehört. Ich versuche zu sein, wie ein Vorzeige-Wessi und drücke noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Ich sage nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.

Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine “freiwillige” SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen FKK-Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden. Und so weiter und so fort.
Luxus spielt für mich keine Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut, viele sogar in Westdeutschland. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich bin ein Ossi auf Tour.
Verloren habe ich durch die Wende – nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich nie geworden. Ich denke nicht nostalgisch oder gar “ostalgisch” an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere “Go-Trabi-Go-Aktion” nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen aus vergangenen Tagen.
Ich lache bei der Erinnerung an die Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen.
Meine Kindheit und Jugend in der DDR war spannend, aber ich bin unglaublich glücklich, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche.
Ich schaue immer nach vorne und nie zurück. Dachte ich. Doch etwas fehlte in meiner neuen deutschen Biografie und irgendwann merkte ich, was es war. Ich tauchte ein in meine Vergangenheit, hielt alte Urkunden, Zeugnisse und Fotos aus meiner DDR-Zeit in den Händen. Ich wachte eines Nachts sogar auf und dachte geschockt: „Mist, die Mauer steht wieder.“ Am nächsten Morgen musste ich darüber schmunzeln und begann, zunächst nur für mich zu schreiben, ohne Druck und höhere Ziele. Ich erzählte mir meine Geschichte.
Schon Minuten nachdem ich mit diesem Buch begonnen hatte, spürte ich wie mich die Zeilen befreiten, meine Vergangenheit an mir vorbeiflog, die ich soeben verarbeitet hatte.
Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: „Endlich angekommen!” Nicht als Frage, sondern mit Ausrufezeichen!

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Was aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner” letztendlich geworden ist, kann man hier nachlesen.

Anbei noch ein paar Bilder aus dem Artikel, der damals sogar bei Spiegel-Online erschienen ist:

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Grüne Kotze – Jugend in der DDR

23. November 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

GranatenBei Spiegel Online gab es mal wieder ‘ne neue Geschichte von mir. Im Buch hieß Sie noch “Grüne Kotze” und hier – ich lege den Titel dort nicht fest – ein bisschen anders…:
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Mein 18. Geburtstag stand vor der Tür. Die wichtigste Party meines Lebens warf ihre Schatten voraus. Mit einigen meiner Freunde hatte ich ihr “Erwachsenwerden” bereits begossen. Es hatte stets das Motto gegolten: Wer nicht mindestens einmal gekotzt hat, darf die Feier nicht verlassen.

Doch mein großer Tag drohte ins Wasser zu fallen. Am 31. Juli 1989, einen Tag vor meinem großen Jubiläum, saß ich in einem abgedunkelten Planwagen-LKW. Ich trug Armeeklamotten, schwere Stiefel und ein bescheuertes Käppi. Es waren Sommerferien. Die 11. Klasse hatten wir gerade hinter uns. Wir fuhren schweigend ins zweite Wehrerziehungslager der Gesellschaft für Sport und Technik nach Storkow.

Meine Laune war auf dem Tiefpunkt: kein Besäufnis, keine Riesenfete – die nächsten Tage verhießen Frühsport, Schießübungen und kilometerlange Waldläufe. Aus dem Westfernsehen wusste ich, dass tagtäglich Hunderte Menschen unser Land über Ungarn verließen. Wir Abiturienten – die zukünftige Elite der DDR – sollten hier geschult werden, um genau das in Zukunft zu verhindern.

Mucho mas aqui
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Mein 9. November 1989 – Mauerfall in der DDR

9. November 2012 | von | Kategorie: Blog

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Ich werde vor allem von westdeutschen Freunden oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich – wie jeder meiner Generation – die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:
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18.53 Uhr: Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees, gibt gerade die neue Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt. Auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die Regelung in Kraft treten soll, antwortet Schabowski: „Ab sofort, unverzüglich!”
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Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
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20.15 Uhr: Laut Lagebericht der Berliner Volkspolizei haben sich insgesamt 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße eingefunden. Anweisung an die Grenzwächter: Die Menschen auf den nächsten Tag zu vertrösten und zurückzuschicken.
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Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.
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21.30 Uhr: Zwischen 500 und 1.000 Menschen haben sich am Grenzübergang Bornholmer Straße eingefunden. Die Staatssicherheit setzt auf eine „Ventillösung”.
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Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
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22.28 Uhr: In den Spätnachrichten der „Aktuellen Kamera” des DDR-Fernsehens wird noch einmal darauf hingewiesen, dass Ausreisen erst erfolgen könnten, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind.” Es ist ein letzter Versuch, die Entwicklung zu bremsen.
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Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen. Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Blick Fernseturm Sonne

Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.
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23.00: In der Bornholmer Straße wird die Lage für die überforderten Kontrolleure bedrohlich. Tausende Menschen drücken auf den Grenzübergang. Die Ventillösung hat sich als unklug erwiesen. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge derjenigen, die noch warten müssen. Als der Drahtgitterzaun vor dem Grenzübergang beiseitegeschoben wird, bangen die Grenzwächter um ihr Leben. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen strömen in die Grenzanlage, überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt.
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Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!
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0.00 Uhr: Bis gegen Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Übergänge erzwungen.
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Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.

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Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.

Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?
Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.
Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

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Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Honeckerzombie oder die DDR im Herbst 1989

23. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Honneker

Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

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Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten.

Wandzeitung 29 Jahre DDR

Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober.

Die NVA

Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

Genossen

Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah.

Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.

Weltzeit

Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Palast

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

Palast 1

Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ohne Palast

Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Weiterlesen kann man in meinem DDR-Buch: “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens”

oder bei
Spiegel Online

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Du bist Olympiasieger! Olympia 1980 Lake Placid

3. August 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

W-1980 Eishockey
Pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 in London gibt es mal wieder einen Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”. Im zweiten Teil berichtet mein Opa, wie er die Olympischen Winterspiele in Lake Placid erlebt hat.
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1980 gaben sich die Klassenfeinde praktisch die olympische Fackel in die Hand. Die Winterolympiade fand in Lake Placid/USA im Bundesstaat New York und der Sommer in Moskau, Hauptstadt der Sowjetunion statt.
Die Athleten aus aller Welt wohnten in Lake Placid in Häusern, die nach den Spielen zu einem Hochsicherheitsgefängnis umfunktioniert wurden. Ein Sportler erzählte mir später, dass er sich an keine einzige ruhige Nacht erinnern kann, da es in diesem Neubau ununterbrochen schallte und die Metalltüren der „Zellen“ derart laut ins Schloss fielen, dass man sofort aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich weiß nicht, ob der US-Verband, deren Spitzenleute in komfortablen Quartieren außerhalb der Stadt untergebracht waren, damit unsere Siegchancen schmälern wollten oder ob das nur eine lustige Idee gewesen war. Die UdSSR holte übrigens zehn Goldmedaillen, die DDR neun und die USA lediglich sechs. Allein fünf davon gewann ein gewisser Eric Heiden. Er siegte auf allen Strecken zwischen 500 und 10000 Metern im Eisschnelllauf und war neben dem US-Eishockeyteam, das die Sowjets überraschend schlug, der große Star beim heimischen Publikum.
W-1980 Heiden

Am Tag als ich erstmals zur Eisschnelllauf-Bahn fuhr, welche von einer wunderschönen Bergkulisse eingerahmt wurde, hätte ich ihn unter den vielen Startern niemals erkannt. Als ich gerade mit einem unserer Trainer sprach, spielten hinter uns an den Hängen der Berge ein paar Kinder mit einem Erwachsenen „Fangen“ und kreischten dabei lautstark vor Freude. „Das da ist übrigens Eric Heiden“, sagte der Trainer und deutete auf den Mann mit der Pudelmütze in der Kinderschar. „Du, der muss doch gleich laufen!“, antwortete ich irritiert. „Das ist ja das Problem. Der gewinnt auch so!“ Richtig! Viermal mit olympischem Rekord und auf der längsten Strecke sogar mit Weltrekord. Heiden war übrigens auch in anderer Hinsicht ein bemerkenswerter Mensch. In einer Pressekonferenz hatte er, der später auch erfolgreich in Radrennen antrat, verkündet: „Es ist wirklich schlimm, dass bestimmte Leute verlangen, dass die USA die Olympiade in Moskau boykottieren sollen. Ich bin darüber enttäuscht.“
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Ein Erlebnis beim Rennrodeln werde ich nie im Leben vergessen. Dettlef Günter, unser Olympiasieger von 1976, galt auch in Lake Placid 1980 als großer Favorit. Tatsächlich führte er nach zwei Läufen deutlich, doch tragischerweise stürzte er im dritten auf der anspruchsvollen Bahn. Er konnte sich zwar wieder aufrappeln und über die Ziellinie fahren, fiel dadurch aber auf Platz neun zurück.

Plötzlich war Bernhard Glass unser aussichtsreichster DDR-Medaillenkandidat. Sein Start war zu Beginn der Spiele noch unsicher, da er sich den Finger gequetscht hatte. In einem internen Ausscheidungsrennen qualifizierte er sich jedoch, startete und lag vor dem vierten und entscheidenden Lauf auf Platz zwei. Es führte mittlerweile der Weltklassemann Ernst Haspinger aus Südtirol in Italien.
Den finalen Lauf wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mit Werner Schreier, dem Chefredakteur vom Sportecho, stand ich in der letzten Kurve vor dem Auslauf. Bernhard Glass musste als Erster fahren und ihm gelang eine außerordentlich gute Fahrt, mit der er erstmal in Führung ging. Er nahm seinen Helm ab und stellte sich lächelnd zu uns. Wir gratulierten ihm und warteten gemeinsam auf die kommenden Starter. Dettlef Günther gab noch einmal alles und fuhr eine sensationell gute Zeit im vierten Lauf. Der nächste Rennrodler stürzte.
W-1980 Haspinger
Glass rief neben uns aufgeregt: „Mensch, jetzt ist der Dettlef ja schon Achter“. Der nächste Athlet fuhr langsamer als Glass und Günther und der übernächste stürzte wieder. „Wahnsinn, nun ist der Dettlef ja schon Sechster“, rief Glass glücklich. Und tatsächlich überschlug sich ein weiterer Rennrodler im Eiskanal, bevor endlich der führende Ernst Haspinger an der Reihe war. Für die Goldmedaille hätte er eigentlich nur noch herunterfahren müssen. Bis 150 Meter vor dem Ziel sah es auch gut für den Italiener aus, doch in Kurve 12 riskierte Haspinger zu viel. Sein Schlitten stellte sich in der Einfahrt quer und kippte um. Der Sieg war dahin. Die beiden letzten Fahrer spielten keine Rolle mehr.
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Bernhard Glass sprang neben uns in die Höhe, ballte die Fäuste und brüllte: „Wahnsinn, da ist der Dettlef ja noch Vierter geworden!“ Wir schauten ihn ungläubig an. Werner Schreier tippte ihm auf die Schulter: „Ja Bernhard. Und du bist Olympiasieger!“ Für einen Moment sahen wir, dass er die Information erst mal verarbeiten musste. Dann murmelte er staunend: „Ach ja!“

Hier geht’s zum Ersten Teil (Olympia 1960 in Rom und 1976 in Montreal)

Im dritten und letzten Teil berichtet mein Opa über seine Erlebnisse bei der Olympiade 1980 in Moskau.

Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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