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Genosse Gehorsam – Berlin Leninplatz – Jugend in der DDR

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

JW4Ich habe keinen homogenen Freundeskreis. Unsere Truppe ist nicht kongruent, wie Mathelehrer Blase vielleicht sagen würde – nicht gleichförmig. Gegen Bommel, dessen Kopf nur knapp über die Tischkante reicht, bin ich ein Riese, gegen Leuchtturm-Andi ein Zwerg, der fette Tessi lässt mich als Fadennudel erscheinen und Bergis Oberarme können es mit dem Umfang meiner Schenkel aufnehmen. Dünn, klein, fett, groß und kräftig, aber lustig sind sie alle.
Tessi ist der Spaßvogel unserer Truppe, wobei seine Witze erst richtig einfetzen, wenn Bommel über seine Streiche so herzhaft und mit hoher Stimme lacht, dass auch bei uns bald die Tränen kullern. Bergi ist unser Mann mit dem tiefsinnigen Gespür für eine Pointe und Andis Humor ist mir manchmal zu hohl.
Alle Väter machen was anderes. Meiner ist Trainer, Bommels, der kleinste Busfahrer Berlins, der von Tessie arbeitet in einer Eckkneipe hinterm Tresen, während Bergis Alter Möbelpacker ist. Nur Andi lebt ohne Papi allein mit seiner überforderten Mutter. Sie arbeitet an in der Pablo-Neruda-Bibliothek, verleiht mir Bücher und ist (das darf ich Andi niemals sagen – niemals!) sauhübsch für ihr hohes Alter von Mitte dreißig.
Eigentlich hatte die Truppe erst nach der Jugendweiheparty so richtig zueinander gefunden. Bommel, Bergi, Tessi, Andi und ich bildeten lange den harten Kern der Leninplatz-Clique und sind seit Eröffnung des Alfclubs eigentlich unzertrennlich.
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Einer fehlt in dieser Aufzählung: Torsten. Wir waren gemeinsam in den Kindergarten gegangen, in der Schule sitzt er schräg vor mir und gegenüber wohnt er auch. Warum die anderen ihn nicht akzeptieren? Torsten ist unauffällig-brav und deshalb in ihren Augen stinklangweilig. Er hat sogar einen fiesen Spitznamen. Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen sie „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht, finde ich. Okay, er ist artig oder eben aus Lehrersicht vorbildlich fügsam – weder falsch noch hinterfotzig (wie Lars und Dirk) oder oberstrebsam (wie Susanne). Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Schulhof schüchtern in unsere Reihen schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, welcher den nächsten Brüller raushaut.
Was die Jungs nicht wissen: bei ihm zu Hause herrscht Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat der Kerl lebenslangen Stubenarrest.
Seit seinem siebenten Kindergeburtstag war ich ihn nicht mehr besuchen und nie darf er abends noch runter. Stets wird er durch einen grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters, dieser buckligen Brotspinne, nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb von Sekunden im Hauseingang verschwunden. Doch alles änderte sich an einem bestimmten Tag.

Der Schultag war nicht sonderlich spektakulär gewesen – bis auf die letzte Stunde. Tessie hatte im Schlafzimmer seines Erzeugers in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und in Physik in den hinteren Bänken herumgereicht. Beim Blick auf (und in) das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Nahaufnahme hätte ich beinahe gekotzt. Bommel ließ die Sache fast auffliegen, da er beim Betrachten des Porno-Heftes zunächst dunkelrot anlief, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllte: „Was für ’ne riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullerten.

Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas genauer widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kannte ich bisher nur aus den „Abrafaxe“-Heften und eine Frau darin sah aus wie Andis Mutti, wobei ich nur das Gesicht beurteilen kann. Tessi ist verschwunden, doch über Lars, der immer weiß wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert durch Seiten voller Ekelkram. Pfui! – ich krieche erfreut dazu. Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf das versaute Bilderrätsel.
Torsten tritt ins Licht der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel während Tessi hektisch das Westheft im Aktenkoffer verstaut und aus der Röhre robbt. Auch wir kriechen ins Freie. „Kommt, lasst uns was einklauen“, murmelt Bergi konsterniert. „Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du petzt, Spasti, kriegst du tierisch eins aufs Maul“, keift Klein-Bommel, da Torsten noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Koofi dabei gewesen war. Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Assi – also Astrid – davor, die sich uns anschießt.
Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit Kali (Kaffeelikör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.
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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn schließlich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit seelenruhig zum Ausgang. Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein krasser Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu: „Und jetzt mit Club-Cola die Birne wegschießen?“ Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat (er hat sogar eine schwer zu klauende Curaçao-Pulle und Falkner-Whisky eingesackt) im Alfclub begießen müssen. Bei Torstens Premiere gibt‘s Grüne Wiese. Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive Pornoheftes), Assi folgt kurze Zeit später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt: „Noch schnell ein Telefonstreich bei Dir?“ „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten gar kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny auf der Couch und schaut die Schlüpfe in der ARD. Andi klingelt unten an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und sagte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“. „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“. So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Couch. „Klärgrube, ich dreh durch!“ Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Billy aus der A schnappte sich den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein Rainer Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel. Doch so machte das keinen Spaß.
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Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst (Namensgeber des BFC-Spielers) angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Carsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen. Danach gingen meine Freunde, denen unser Musik- und Zeichenlehrer, Herr Elster, jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass die fantastischsten Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Gurgel „anne Gurgel“ gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Bruderherz dabei waren, denn die lachten mit einer kindlichen Naivität oftmals minutenlang, wodurch sie uns alle ansteckten. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Doch als Bergi dann noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul“ musste ich alle einbremsen, bevor noch Nachbar Bohne Voss erschien.
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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen das Pornoheft im Hirn herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss) und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ „Kriegst ja n Harten!“ Der zieht bei allen und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene. Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem auch nichts Neues ein. Doch plötzlich ruft er: „Hat jemand mal die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen‘, frage ich mich. Er schnappt sich unser graues Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang auf dem Nummernschalter, bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“ „Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals bei einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Meier aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingsstraße. Sie wurden angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang.“ Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, oder es erwarten sie Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ Plötzlich beginnen alle zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi tatsächlich aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem sonst so braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte Scheppi, ich habe eine Woche sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist und wollte auch mal ein bisschen Spaß haben.“ Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fensterrahmen reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Unsere Klassenkameradin Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich das Pornoheft angeschaut!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch-und-Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis kuhlen Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem sofort die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, wie er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht. Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits. „Was machst du denn hier?“, quietscht Bommel und sieht dabei aus, als ob er sich gleich in die abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten, der ebenfalls fegt „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich mitmachen soll?“ Astrid läuft rot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Schuljahres. Bommel liegt längst auf dem Boden, kugelt sich und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr!“ Er steckt uns alle damit an und sogar Astrid muss irgendwann grinsen. Der Kaufhallenleiter kommt raus und brüllt: „Verpisst euch, ihr Penner.“ Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Assi und sagt dann: „Ey, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem mit dem Finger unter die Nase. „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wurde er in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schloss ich den Alfclub auf und wenig später verlagerten wir die Veranstaltung – inklusive etlicher Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelte sich eine legendäre Party von der wir noch lange schwärmten. Leider darf ich davon nichts berichten, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und diversen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen. Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Eine kranke Geschichte – Jugend in der DDR

2. Februar 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wo sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino hingefahren waren – sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.
Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften „Waffenbrüderschaft“ und „Ich will Kosmonaut werden“ und nicht „Urlaub in Spanien“ oder „Meine Katze Ricky“ trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.
Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wir Kinder ohne Westverwandtschaft mussten uns einen „SR1“ der Firma Robotron aus Sömmerda für schlappe 123 Mark zulegen (das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!). Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei Tessi und Bommel und vielen anderen mit Kontakten nach Drüben passte der ultraleichte, Streichholzschachtelgroße Taschenrechner von „Sanyo“ in die Federtasche.
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Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es ab 185 Mark und die sah aus, als ob sie aus einem Stück geschweißt worden war. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von Westberlin. Im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Mit 13 kamen Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Annettrekorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog, aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Kumpels vor.
Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. „Wo haben Sie das Wochenende verbracht?“, „Wie war ihr letzter Urlaub?“ und „Welche Musik hören Sie gern?“ Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: „Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken“, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.
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In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.
Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige „Pfeife anzünden“, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.
Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!
Steffen holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!
Nach der 9. Klasse zog Stefan mit seinen Eltern nach Marzahn und wir sahen uns nie wieder. Anfang des 10. Schuljahres kam Fred Krankel, schnell nur noch „Krank“ genannt, irgendwie als sein Ersatz in unsere Klasse, obwohl das mit Stefan nichts zu tun hatte. Er war aus disziplinarischen Gründen von der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) gefeuert worden, wo der 1,90-Meter-Hüne beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt hatte. Als ich meinen Vater fragte, ob er mal in seinem Club lauschen könnte, was da so vorgefallen war, erzählte er mir zwar keine Details, aber immerhin so viel, dass „Krank“ in seinem Jahrgang das größte Talent gewesen wäre, allerdings auch der brutalste und disziplinloseste Spieler aller Zeiten in diesem Verein. Überheblich, durch etliche kaputte Zähne grinsend, setzte er sich in die allererste Reihe und ich hoffte sofort, dass ich sein Freund und nicht sein Feind werden würde.
Wimpel KJS
Fred verkörperte all das, was ich versuchte, nach außen hin darzustellen – Coolness, Gefährlichkeit, Stärke und Unverletzlichkeit, doch nur bei ihm wirkte es echt. Er hatte eine Art, die Dinge äußerst locker zu sehen, besonders abschätzig alles „ostig“ oder „zonig“ zu finden und auf die DDR-Staatsmacht komplett zu scheißen. Ich machte mir da schon eher mal in die Hosen und verkloppte keine „roten Säue“. Sicher war unsere Freundschaft auch darin begründet, dass bittere Ironie und purer Sarkasmus unsere stärksten Ausdrucksformen waren. Vielleicht hatte ich auch lange nur auf jemanden wie ihn gewartet, mit dem ich jeden Mist machen konnte und der mich vor den Folgen jederzeit beschützte.

Durch meine Bekanntschaften im Lager für Arbeit und Erholung fuhr ich seit einiger Zeit ins entfernte
Grünau, in die Wuhlheide und nach Schöneweide in diverse Diskos. Jedes Wochenende gingen wir jetzt in den „Weißkopf“, ins „Pipa“ und zu vorgerückter Stunde auch in den „Bullenclub“. Schon damals grübelte ich, was „Weißkopf“ bedeutete, und wieso der andere „Bullenclub“ genannt wurde, erfuhr ich auch nicht. Nur „Pipa“ war klar, das stand für „Pionierpark“ – in diesem befand sich der Club nun einmal.
Ich hatte „Krank“ ein paar hübsche Frauen versprochen, und so folgte er auch mir einmal. Die Clubs in dieser Ecke von Ostberlin hatten den Vorteil, dass es dort nicht ganz so viele Cliquen und glatzköpfige Gangs wie in Marzahn und Hohenschönhausen gab. Hier konnten wir schon zu zweit und mit 16 Jahren „einen Affen machen“.
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In den noblen „Bullenclub“ kamen eigentlich nur Leute über 18 rein und auf alle Gläser wurde zwei Mark Pfand genommen. Nicht nur, dass wir überhaupt hineingelassen wurden, wir sammelten auch die leeren Gläser von sämtlichen Tischen und gaben sie wie selbstverständlich an der Bar als unsere ab. Ärger bekamen wir nie und wenn mich doch mal jemand vorsichtig ansprach, dass es sein Pfand wäre, rief ich einfach nach meiner Kampfmaschine „Krank“.
Bei einer dieser Touren durch die Pampa ging uns trotzdem einmal das Geld aus, wir hatten nicht mal die nötigen Groschen, um Claudia anzurufen. Sie war die wichtigste Frau der Gegend, denn sie stellte uns immer neue und heißere Freundinnen in einem der Clubs vor. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf den Weg. Auch wenn die normale Fahrt nur 20 Pfennig kostete – wir bezahlten nie am Fahrscheinautomaten. Dass dieses Ding Automat genannt wurde, wäre schon wieder ein Hohn auf westdeutsche Ingenieurskunst gewesen. Im Prinzip war es nur ein großes metallenes Etwas, das oben einen Schlitz hatte und an der vorderen Front eine Glasscheibe, wo man beobachten konnte, wie das Kleingeld auf ein rundes Förderrad fiel. Sobald man den mechanischen Hebel an der Seite herunterdrückte, rutschte das Geld in die nächste Lade und ein Stück Papier, wie von einer alten Kinokartenrolle, kam am vorderen Schlitz heraus – der Fahrschein.
Wenn man nur an dem Hebel gezogen hätte, ohne Geld hineinzuwerfen, wäre zwar auch dieser Papierschnipsel herausgekommen, aber ein möglicher, blitzartig herbeigeeilter Kontrolleur hätte festgestellt, dass die obere Förderbox leer ist. Kompliziert? Nein, ostdeutsche Ingenieurskunst!
Dennoch gab es genug pflichtbewusste Bürger, die in dieses antiquierte Fahrscheingerät ihre Fünfziger, Zwanziger und Groschen hineinwarfen.
Als ich den unberechenbaren „Krank“ an dem Gerät herumfummeln sah, dachte ich mir noch nichts dabei, doch plötzlich umfasste er das Ding mit beiden Armen und riss es einfach aus der am Boden verschweißten Verankerung. An der nächsten Haltestelle stiegen wir mit einem 20 Kilo schweren, unhandlichen Fahrscheinautomaten in den Händen aus.
Wir waren allein im zweiten Wagen gewesen, aber ich kannte „Krank“ jetzt schon ein bisschen – er hätte das Gerät auch im ersten Führerwagen mitgenommen, wenn dieser vollbesetzt gewesen wäre.
Als wir merkten, dass wir direkt vor einer bewachten Armeekaserne ausgestiegen waren, lachten wir beide. Ich bitterlich süß aus purer Angst, er fand das wirklich sehr belustigend. Wir trugen das Ding geschützt, genau zwischen uns beiden, durch die hier nur sehr schwach beleuchtete Straße und beschlossen, das Gerät sicherheitshalber sofort im nächsten Gebüsch aufzubrechen.
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Mit einem Stein schlugen wir den Hebel-Automaten an der Frontseite auf und steckten uns das zu unserer Überraschung nicht knapp bemessene Kleingeld in die Hosen- und Jackentaschen. Gut gelaunt liefen wir in Richtung S-Bahnhof und fanden auch endlich wieder eine Telefonzelle, um bei Claudia anzurufen. „Krank“ war richtig sauer, als wir sie nicht zu Hause erreichten – er hatte sich auf Kool & the Gang, Cola Whisky und anschließenden kranken Sex gefreut. Er kochte vor Wut und riss, für mich vollkommen unvorhersehbar, mit urwüchsiger Kraft den volkseigenen Telefonhörer inklusive Kabel einfach aus dem dann schwankenden Telefonhäuschen.
Ich wusste, dass es für Vandalismus an Volkseigentum besonders hohe Strafen gab, nicht nur, weil es sich hier um die scheinbar einzige Möglichkeit handelte, mit der man Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte. Aber noch machte ich mir keinen größeren Schädel, frustriert gingen wir in Richtung S-Bahnhof. Als wir die Treppen hinaufkamen, sahen wir auf dem Bahnsteig, keine 200 Meter von uns entfernt, zwei Polizisten, die in ein intensives Gespräch mit einem älteren Mann verwickelt waren. Als dieser in unsere Richtung zeigte und rief: „Da sind die Typen!“, brüllte „Krank“ mich einfach nur an: „Komm!“. Wir rannten sofort über die Gleise, sprangen über zwei hohe Zäune und liefen die Straße hinunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich die 100 Meter unter 14 Sekunden. Wir schauten uns nicht um, rannten immer weiter und bogen in eine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster ein.
In meinem gesamten DDR-Leben schwebte scheinbar, obwohl ich atheistisch erzogen wurde, ein Glücksengel über meinem Haupt, denn ich stieß fast mit einem Auto zusammen: einem Taxi mit „Frei“-Zeichen! In unserem autoarmen Land, in dem man gut und gerne mal zwei Stunden wartete, sogar wenn man ein Taxi bestellt hatte, flog ich in diesem Augenblick fast über die Kühlerhaube eines beigen Wartburgs. Ich riss die Tür auf – „Krank“ hätte sie bestimmt wieder abgerissen – und fragte ungläubig: „Frei?“
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Wir fuhren in den Alfclub in die Mollstraße und bezahlten den Taxifahrer großzügig mit Groschen und Zwanzigern. Das Restgeld unserer Tour teilten wir brüderlich, es waren tatsächlich auch ein paar Fünfziger, mehrere Markstücke, ein Rubel und zwei Knöpfe dabei.
Wir stießen darauf an, dass wir nicht in einem „Bullentaxi“ gelandet waren und auf den technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern. Die würden doch nie erfahren, wie ein Fahrscheinautomat von innen aussah!

Fred Krankel alias „Krank“ verschwand 1989 über Ungarn in den Westen. Er war kurz nach dem Mauerfall der erste Mensch, bei dem ich dort – in Westberlin – persönlich eingeladen war. Freudestrahlend grinste mich der jetzige Profi-Eishockeyspieler der „Berliner Preußen“ an. Wir betranken unser Wiedersehen in einer urigen Berliner Kneipe in Tempelhof. Nach mehreren Schultheiß-Pils und zwei, drei Schnäpsen schwankte ich mit ihm zum Musikautomaten. Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl. Aber nein, er riss das Ding nicht aus der Wand, sondern wollte lediglich nochmals den neuesten Hit, „Bakerman“ von Laid Back, hören.

Ich konnte Stefan und Fred im Jahr 2009 zwar schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich sie – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Orte gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Wo wir kurz stehen bleiben und denken würden: „Mensch, das sieht ja noch auch wie früher“, oder „Was, das gibt es ja immer noch?“, „Ist ja wie im Osten!“
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Wahrscheinlich sind es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Unsere ehemalige Heimat wurde, als wären wir ein rückständiges Inka-Volk gewesen, gnadenlos überbetoniert.
Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1989 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie dieser Ost-Stamm gehaust hatte.
Aber solche Stellen meine ich auch gar nicht und eigentlich müssen wir uns gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren solcher Orte, Dingen des Alltagslebens, bestimmter Gerüche, ungewöhnlicher Stoffe, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern, denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das bunte Leben in der DDR wirklich war!
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 1
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 2
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Zum Koofen: “Mauergewinner bei Amazon”
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