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Mauergewinner! – Jugend in der DDR

8. Februar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

3483266545_b7378fb5f9_b Obwohl man es meinem Vater, der Kugel, nicht ansieht, widmete er sein Leben dem Sport. Bereits als Kind wurde er in Halle an der Saale von Funktionären gesichtet und zur Kreis-, Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Berlin delegiert. Er wurde Juniorenmeister im Speerwerfen und spielte besser Fußball als mancher DDR-Oberligaspieler. Nach dem Diplom als Sportlehrer wurde er Funktionär für Radsport und Schwimmen. In einem Land, in dem der geförderte Leistungssport eine übergeordnet große Rolle spielte, waren mein Bruder Benny und ich also geradezu prädestiniert, in
die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Was soll ich sagen? Natürlich fielen auch wir nicht durch das engmaschige Netz der systematischen sportlichen Beobachtung. Bereits im Kindergarten erkannten Sichtungstrainer mein Ausnahmetalent: Sie schickten mich zum Eiskunstlaufen! Ich möchte hier kein präzises Bild von mir zeichnen, nur so viel: Ich bin bis heute genau das Gegenteil von graziös und anmutig. Wirklich niemand möchte “Mark on Ice” sehen. Eine zornige Trainerin brachte mich bei den ersten drei Terminen zum Weinen und beim vierten Mal wurde ich, nachdem ich beim Kurven wieder einmal tollpatschig alle rot-weißen Hütchen umgefahren hatte, lautstark aus der Trainingsgruppe geschmissen.
Leider prophezeite man mir danach – ich wurde ständig gewogen und vermessen – eine äußerst erfolgreiche Schwimmkarriere. Bis heute bin in von den errechneten 1,90 Metern Körpergröße, die mir vorausgesagt wurden, 15 Zentimeter entfernt, und nach den ersten Sprüngen ins Becken hielt ich mich in Todesangst an der gereichten Stange fest. Ich jammerte und heulte bei jedem Schluck Chlorwasser und war auch hier nach drei Einheiten raus aus der sozialistischen Sportfördergemeinschaft.
Mein sportlicher Vater hielt sich aus allem heraus und drängte mich nicht, lebensbedrohliche Sportarten auszuüben. Genau genommen interessierten ihn meine ersten Schritte als potenzieller Topathlet kaum. Vielleicht war ihm auch einfach schon immer klar, dass mit mir auf diesem Gebiet nicht viel anzufangen war. Als ich aus freien Stücken Fußballer wurde, holte er mich kein einziges Mal von einem Spiel ab.
Meine Mannschaft “Empor Brandenburger Tor” – kurz EBT – spielte im nahen Friedrichshain. Der linke Verteidiger war nach dem Torwart der zweitschlechteste Spieler im Team und spielte in der winterlichen Hallensaison sogar nur in der zweiten Mannschaft. Dass ich diese traurige Gestalt war, die ohne einen einzigen Torerfolg blieb, dafür jedoch einige vermeidbare Treffer, sogar gegen die Flaschen von „Motor Ost“, verschuldete, erzählte ich meinem Vater nie.

Staffel 5.
Dann kam die Kinder-und-Jugend-Spartakiade.
Anders als sonst, verschwand der Alte nach Feierabend nicht gleich im Scheppert-Eck, sondern brachte sich sogar Arbeit mit nach Hause. Nach dem Abendbrot setzte er sich mit zahlreichen Listen und einem Bier an den Wohnzimmertisch und begann, verschiedene Zahlen aus alten Listen in neue zu übertragen. Bereits am nächsten Abend fragte er uns stöhnend, ob wir ihm ein bisschen helfen wollten. Es ging darum, die Zwischenzeiten der verschiedenen Schwimmer in die Spalten zu schreiben und die Endzeiten zu vergleichen. Für jede vollständige Liste bekamen wir eine Mark.
Neben schnell verdientem Geld schaukelten Benny und ich uns wie immer hoch, wer die größten Talente und schnellsten Zeiten auf seinen Listen hatte. Ich verlor sehr selten Spiele gegen meinen kleinen Bruder, doch diesmal hatte ich keine Chance. In sämtlichen Tabellen, die sich Benny geschnappt hatte, lag eine gewisse Franziska in allen Zwischenzeiten meilenweit vorne. Sie war sogar besser als einige Jungs in ihrem Alter. Doch im Prinzip war mir dieses Mädel egal, denn ich schaffte an zwei Abenden zwölf Listen und Benny, trotz dieser wundersamen Franziska van Almsick, nur neun. Mein Vater kam auf vier Flaschen Bier und drei Korn und hatte eine sehr talentierte, angeblich auch goldige, Schwimmerin in seiner Trainingsgruppe gesichtet.
Die Spartakiaden waren, zusammen mit den Kreis-, Bezirks- und DDR-Meisterschaften sowie dem Pionierpokal, die wichtigsten sportlichen Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche. Die Vorkämpfe und Qualifikationen dafür begannen bereits in den einzelnen Schulen. Wahrscheinlich liegt hier genau der Grund, warum ich meine Ambitionen und den Siegeswillen trotz der vielen Ängste und Enttäuschungen nie verlor. In meiner Klasse war ich richtig gut!
Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen, die ich stolz in unser Kinderzimmer hängte. Silber im Weitsprung, Bronze im Schlagballweitwurf und Gold im Fußball, wo wir lediglich unsere Parallel-, die A-Klasse besiegt hatten. Diese Methode, auch die schwächsten und ungelenkigsten Kinder zu motivieren, sorgte dafür, dass ein ganzes Land gerne so gewesen wäre wie seine ehrgeizigen, erfolgshungrigen Spitzenathleten, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten. Schon wir Schüler und unsere Lehrer strebten nach Erfolg, Annerkennung und Ruhm, auch wenn wir nichts konnten.
Trotzdem muss ich noch heute mitleidig an unsere Sportlehrer denken, denn der nächst höhere Wettbewerb, bei dem die verschiedenen Schulen gegeneinander antraten, war die Stadtbezirks-Spartakiade. Warum unsere Lehrer nicht einfach auf unsere Teilnahme verzichteten, alles absagten oder erklärten, dass bei uns eine Grippeepidemie ausgebrochen war, verstand ich nicht – wir wurden jedes Jahr wieder zu den Bezirks-Spartakiaden von Friedrichshain geschickt und blamierten unsere Schule bis aufs Blut. Dass auch nur ein Schüler oder Team der Käte-Duncker-Oberschule unter die ersten drei kam, war denkbar unwahrscheinlich. Scheinbar hatten sie bei uns die unsportlichsten Kinder des ganzen Stadtbezirkes gesucht und gemeinsam eingeschult.
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Ich hatte gleich in der vierten Klasse die Qualifikation für die Staffel geschafft, in der Vertreter der 4. bis 7. Klassen antreten mussten. Zwar nur als viertbester meiner Altersstufe, aber immerhin. Am Abend vor dem Lauf lag ich ganz aufgeregt in unserem gemeinsamen Roll-Bett und erzählte Benny, dass ich auf die dritte Startposition gesetzt war.
Die Reise ging nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.
Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn bis zum Abschluss der 10. Klasse als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
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Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käthe-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”
Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.

Ich bekam Magenschmerzen; ich hatte jetzt richtig Schiss. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein mächtiger Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Es sollte nicht bei dem erleichternden Furz bleiben; ich hatte mir zeitgleich mit dem krachenden Startschuss in die Hose gekeckert. Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch mit Kacke in der Hose zu laufen. Nein! Ich war sogar schneller als sonst.
Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus. Leider hatte auch ich etwas ausgeschieden, was sich deutlich an meiner weißen Turnhose abzeichnete. Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke und versuchte die gesamte Zeit, meinen Turnbeutel so zu halten, dass er das Unheil verdeckte. Zum Glück gab es für uns und den wie immer frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit meinem braunen Streifen, der in meiner Wahrnehmung jetzt auch zu muffeln begann, nicht mehr mit dem Bus fahren.
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Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.
Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die verschissene Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose Mauer. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Sie hatte mir Glück und mich nach Hause gebracht. Ich war so dankbar, dass es sie gegeben hatte. Die Staffel war verloren, doch ich war Mauergewinner!
Jan-Erik Nord Warschauer Str. 85 10243 Berlin www.jan-erik-nord.de Oktober 2009
Das 1,3 Kilometer lange Stück an der East Side Gallery steht noch heute und wäre doch fast abgerissen worden. Ich freue mich über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts in meinem Friedrichshain, denn momentan ist sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge haben die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.
Wenn ich manchmal am Ostbahnhof in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, Italien oder Spanien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: Vielleicht können sie ihren Kindern einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender deutscher Geschichte. Ich jedenfalls kann genau von diesen 1.300 Metern meine eigene berichten.
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Faszination DDR-Sport

5. Dezember 2014 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Opa Sport Mein Opa erzählte neulich: Beileibe nicht nur Rekorde und Medaillen der Olympiasieger machten die Faszination Sport in der DDR aus. Der DTSB hatte bis zur Wende etwa 3,7 Millionen Mitglieder, die sich sportlich betätigten. Das waren immerhin über 20 % der gesamten DDR-Bevölkerung.
Schon im Kindergarten wurde viel wert auf Bewegung gelegt und fast jeder zweite Jugendliche war danach in Schulsportgemeinschaften organisiert. Ich kann versichern, dass die meisten dort freiwillig aktiv waren und sich gerne mit anderen Schulen in Pionierpokalen und Kinder- und Jugendspartakiaden maßen. Für die besten bestand natürlich die Aussicht, in die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Aber auch für jene, die das nicht schafften – zugegeben die meisten – gehörte der Sport danach weiterhin zum Leben. Neben anderen Zeitungen unseres Landes unterstützte das Deutsche Sportecho den Fernwettkampf „Stärkster Lehrling“ und „Sportlichstes Mädchen“ in den Betrieben. Wir waren immer aufs Neue erstaunt, zu welchen Höchstleistungen die Jugendlichen fähig waren. 60 Kniebeugen mit 25 Kilogramm Belastung in 60 Sekunden, 100 Beugestütze in drei Minuten oder 35 Klimmzüge musste man schon bringen, um im Spitzenfeld dabei zu sein. Beim Schlussdreisprung kamen die Besten auf Weiten von bis zu 9,50 Metern. Bei den Mädchen schafften im Seilspringen nicht wenige 150 Seildurchschläge, einige sogar über 200 innerhalb von einer Minute.
Familienwettkampf Für Dich

Auch in den FDGB-Ferienheimen gab es unzählige Sportanlagen. Wer in seinem Urlaub keine Lust auf das heimeigene Schwimmbad, die Sauna, den Volleyballplatz hinterm Haus, oder die Kegelbahn hatte, konnte sich immer noch auf den Tanzabenden sportlich verausgaben. Etliche Leute machten sogar ihr Sportabzeichen während dieser Tage, um ihren Kindern, die das längst in der Schule erlangt hatten, in Nichts nachzustehen. Die eigentliche Funktion des Sports, die Gesundheit zu fördern, war also auch in der DDR stark ausgeprägt. So gab es alljährlich die „Meile“ am Neujahrsmorgen, bei denen einige allerdings nur teilnahmen, um ihren Kater loszuwerden. Ich will hier keine Namen nennen.
Opa erzählt

Das Fernsehen! Die beliebte Reihe: „Mach mit – mach’s nach – mach’s besser“ unter der Anleitung von „Adi“ erfreute sich einer sensationellen Beliebtheit und auch „Mach mit – bleib fit!“ schauten die Menschen gern.
Während der Wochen des größten Amateur-Radrennens der Welt, gab es immer eine „kleine Friedensfahrt“, bei der schon die Jüngsten um die Siegerschleife rangen.
Auch die Frauenzeitschrift „Für Dich“ hatte irgendwann einen „Familien-Wettkampf“ ins Leben gerufen. Eine Übung war dabei beispielsweise, dass man sich auf eine Parkbank stellen und den Rumpf so weit wie möglich nach vorn beugen musste. Wer mit den Fingerspitzen am weitesten unter die Sitzleisten der Bank kam, hatte familienintern gewonnen.
Ebenso gab es das „TTT – Tischtennis-Turnier der Tausenden!“ Als das Ereignis organisiert wurde, waren noch alle pessimistisch, doch schon im ersten Winter traten über 3000 Berliner – also Tausende – in der Sporthalle in der Karl-Marx-Allee gegeneinander an. Dem Beispiel folgten viele andere Städte und eigentlich hätte man den Namen schon bald in „TTZ – Tischtennis-Turnier der Zehntausenden“ umbenennen müssen.
Selbst das mittlerweile sehr beliebte „Wandern“ hatte in der DDR eine ernstzunehmende Anhängerschaft. Viele Menschen liefen schon damals fröhlich auf dem Rennsteig des Thüringer Waldes. Manche wanderten in ihrem Urlaub sogar von Eisenach bis nach Katzhütte. Auch Rad- und Kanutouren und die Wanderungen im Umland von Berlin, welche die Zeitung „Neues Deutschland“ organisierte, waren beliebt. Einige Veranstaltungen gibt es noch heute. Der Sport hatte eben viele Gesichter in der DDR.
Schach

Oftmals wurden über unsere Köpfe hinweg vollkommen hirnrissige Entscheidungen getroffen, da sich die Parteiführung in jede noch so bedeutungslos wirkende Angelegenheit einzumischen pflegte. Kleinste Fehler wurden dann sofort zur Staatsaffäre hochstilisiert. So hatten wir beispielsweise das Pferdesportbuch „Sieger in Sattel und Sulky“ herausgebracht. Irgendein Verrückter hatte sich in einem Beschwerdebrief an das ZK der SED bitterlich darüber beschwert, dass wir dort „Werbung für einen Kapitalisten“ machen würden.
Wir mussten ein Rundschreiben an alle Buchhandlungen der Republik verfassen, in dem wir mitteilten, dass das Buch zurückgezogen wurde und an den Verlag zu schicken sei. In der Neustädtischen Straße ist jedoch kein einziges Exemplar angekommen, denn blitzschnell hatte sich herumgesprochen, dass in dem Werk etwas ganz „Gefährliches“ stehen musste. Es wurde zur „Bückware“ und heimlich unter dem Ladentisch weiterverkauft. Ich bin mir bis heute sicher: 99 % der Leser haben die verwerfliche Stelle nie gefunden, denn im Buch stand lediglich der Satz: „Dieses berühmte Pferd hatte Opel einst seiner Tochter geschenkt.“ Der böse Imperialist, Herr Opel, sorgte also auch in der DDR für Bestseller.
Wenn jedoch ein Buch den Literaturpreis des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) bekommen hatte, war es von heute auf morgen erschossen. Die Bauchbinde „Literaturpreis des FDGB“ vermittelte den Lesern scheinbar augenblicklich: „Das kann man ja sicherlich nicht lesen.“ Obwohl da auch gute Werke dabei waren, hatten die Menschen an vermeintlich „linientreuem Gesülze“ kein Interesse.
Tischtennis

Der Sportverlag war über all die Jahre sicher ein Erfolgsbetrieb. In vielen Jahren haben wir große Gewinne erwirtschaftet und oftmals auch zwei Millionen Exporterlöse – davon eine Million in harten Devisen. Unsere Sportbücher (und Lizenzen) waren auch in der westlichen Welt hoch angesehen, schließlich wurde jedes vierte Buch außerhalb der DDR verkauft. Und wir hätten noch erfolgreicher sein können!
Aus Geldmangel durften oftmals keine Journalisten zu bestimmten Ereignissen geschickt werden. Somit konnten wir natürlich auch nicht vernünftig darüber berichten. Unzählige Sportveranstaltungen wurden von meinen Kollegen und mir „live“ bei Fernseh-Übertragungen geschrieben. Wir taten dabei einfach so, als ob jemand von uns vor Ort wäre und hatten sogar einen „Sepp Stadlmeyer“ erfunden, der dann zum Beispiel von der Winterstudenten-Olympiade berichtete: „Als ich heute Morgen aus dem Fenster meines Hotels blickte, schneite es in dicken Flocken.“ Wir wollten dem Leser das Gefühl vermitteln, dass sich der Reporter in einer winterlichen Berglandschaft befände, während er eigentlich vor der Glotze hockte.
Dennoch war auch das sehr zeitaufwendig, sodass ich mehrere Male bei der Zentrag vorsprach: „Gebt uns doch bitte ein paar D-Mark, damit wir uns einen Videorekorder kaufen können!“ So hätten wir die Veranstaltungen wenigstens aufzeichnen können. Doch das Geld wurde nicht genehmigt.
Auch Mittel für die handlichen, leichten Reiseschreibmaschinen, die es längst in der Bundesrepublik gab, wurden nie bewilligt. Damals durften wir nur mit 20 Kilogramm Gepäck ins Ausland fahren und unsere Schreibmaschinen waren so schwer, dass wir auf manche Dinge verzichten mussten. So kam es, dass etlichen DDR-Journalisten ausgerechnet im Westen ihr Arbeitsmittel kaputt ging. Dann brauchten sie natürlich dringend eine neue Maschine und mussten sie vor Ort kaufen. Das wurde genehmigt. So simpel war das. Aber seien wir mal ehrlich: es wäre auch einfacher gegangen!

Opa Schlitten

1961 fuhr ich erstmals zur Frankfurter Buchmesse. Am Hauptbahnhof gab es eine Vermittlung mit Zimmernachweis und so landete ich, ziemlich weit draußen, bei einer herzensguten Bäckerfamilie. Bei schönem Wetter lief ich manchmal zur Messe, um die Straßenbahn-Tickets zu sparen. Über die Jahre wurden wir Freunde, denn bis 1989 habe ich dort immer übernachtet. Ich sah ihren Betrieb wachsen, die Kinder groß werden und die Gastgeber altern. Vom ersten Tag an ließen sie mich erst aus dem Haus, wenn die große Thermoskanne mit Kaffee gefüllt und der riesige belegte Brötchenberg in meiner Tasche verstaut war. Die Vorräte reichten für mich und unsere Standbesatzung den ganzen Tag.
Die Bäckerei war ein Privatunternehmen und ich staunte fast jedes Jahr aufs Neue, dass sie wieder nicht im Urlaub gewesen waren. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, den Betrieb für drei Wochen zu schließen, sonst hätten sich unter Umständen die Lebensmittelgeschäfte einen anderen Zulieferer gesucht. Jeden Tag um 4 Uhr morgens startete die Teigknetmaschine in den Räumen unter mir und sie hatten oft Angst, dass mich das stören könnte. Doch ich schlief immer tief und fest und fragte mich, ob ich mit diesem Leben tauschen wolle.
Auch dass auf der Toilette altes abgestandenes Wasser vom Wäschewaschen aufbewahrt wurde, das sie zum Spülen benutzten, war für mich ungewohnt. „Wassersparen“ kannten wir in der DDR nicht. Sie erzählten mir zudem immer, wo man in Frankfurt günstig Fleisch, Käse oder Wurst kaufen könne. Ich kannte nur unsere einheitlichen Verkaufspreise und begriff lange nicht, dass es im Westen gehörige Unterschiede gibt.
Obwohl ich immer zwei Stangen filterlose Caro mitgenommen hatte, musste ich mir eines Tages auch einmal Zigaretten in Frankfurt kaufen, da ich meine Schachtel bei den Bäckern vergessen hatte. Völlig ahnungslos ging ich in den kleinen Kiosk und als mich der freundliche Mann fragte, was ich wolle, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: „Eine Schachtel Stuyvesant.“ Die Dinger waren weder filterlos, noch schmeckten sie mir, doch innerhalb weniger Tage in einer Stadt mit riesigen Plakatwerbungen war ich auf die Reklame hereingefallen.
Volleyball

Natürlich habe ich meiner Familie und Freunden immer Geschenke aus Frankfurt oder von Olympia mitgebracht. Auf einer meiner letzten Reisen kaufte ich beispielsweise in der Innenstadt der Mainmetropole vom ersparten Tagesgeld einen weißen Doppelkassetten-Rekorder für Jenny, Juttas Tochter, zur Jugendweihe. Der kostete immerhin 99,- DM und ich fragte die Kassiererin besorgt: „Können wir den nicht wenigstens mal kurz ausprobieren?“ Sie schaute mich verwundert an und antwortete: „Wenn der nicht funktioniert, kommen Sie einfach wieder und wir tauschen ihn um!“ Die Verkäuferin ahnte ja nicht, dass ich erst zur Buchmesse im kommenden Jahr reklamieren könnte.

Im Prinzip schon. In einem Jahr hielt der Zug jedoch, aus Frankfurt kommend, für 40 Minuten am Bahnhof Zoo in Westberlin und da sich ein Kollege ein bisschen auskannte, stiegen wir einfach aus und fuhren mit der S-Bahn zur Friedrichstraße. Der dortige Zöllner fragte uns streng: „Wo kommen sie denn her?“ Wir hatten natürlich reichlich Gepäck und antworteten arglos: „Von der Frankfurter Buchmesse.“ Er plusterte sich jetzt regelrecht auf: „Aber der Zug ist doch noch gar nicht da!“ Wir erklärten ihm, dass wir im Bahnhof Zoologischer Garten nicht 40 Minuten warten wollten, doch er belehrte uns nur: „Für einen Aufenthalt in Westberlin hatten sie keine Genehmigung!“
Kopfschüttelnd wurden wir doppelt und dreifach gefilzt und mussten uns anhören, dass es auch eine Mitteilung an die zuständigen Organe geben würde. Wir waren tagelang unbehelligt durch Frankfurt am Main gelaufen und durften in Westberlin nicht einmal den Bahnsteig wechseln, um früher in unser geliebtes Heimatland zu gelangen? Diese Dummheit ärgerte mich. Leider gab es Tausende solcher Leute in der DDR und die wurden zudem auch noch richtig gut bezahlt!

Kampfreserve
Bei der ersten Armeespartakiade in Leipzig war ich als Leiter des Pressezentrums bestellt. Mit meinem Ausweis hatte ich überall ungehinderten Zutritt und einige Kollegen, die oftmals vor verschlossenen Türen standen, beschwerten sich: „Du hast es leicht, du kommst ja überall hinein!“ Daher wollte ich ihnen beweisen, dass ich mir auch ohne „wichtige Papiere“ Zugang verschaffen könne.
Vor den Eingängen des Stadions standen überall zwei NVA-Soldaten (Nationale Volksarmee) in braun-rot-gelben Trainingsanzügen. Ich packte meinen Ausweis weg und sagte den drei Journalisten, dass sie mal zuschauen sollen. Forschen Schrittes lief ich zu den Bewachern und rief: „Passt mal genau auf, dass in dieses Tor in den nächsten zwei Stunden niemand mehr hineingelassen wird!“ Die beiden nickten, brüllten „Jawohl“ und ließen mich einfach passieren. In ihren Augen musste ich ein General gewesen sein, denn sonst hätte ich ihnen ja keinen Auftrag erteilen können.

Sportverlag DHfK
Fußball war nie meine Sportart gewesen. Nicht, dass er mich nicht interessierte. Es gab einfach bessere und kompetentere Journalisten, die darüber leidenschaftlicher berichten konnten. Im März 1984 war ich dennoch zusammen mit Klaus Schlegel, dem Chefredakteur der FuWo (Fußballwoche), nach Hannover zum Länderspiel gefahren. Es spielte die BRD in einem Testmatch gegen die Sowjetunion und wir sahen ein ordentliches 2-1 der Westdeutschen mit Toren von Litowschenkow, Brehme und Völler. Nach Spielende sagte mir mein Kollege, dass er ganz gerne noch ein Interview mit dem sowjetischen Trainer machen wolle. Doch der war längst in den Räumen einer VIP-Party abgetaucht. Vor dem Eingang standen etliche muskulöse Bewacher und unzählige junge Frauen drängelten sich davor, um ein Autogramm ihrer Helden zu ergattern. Ich lief zum vermeintlichen Boss der Aufpasser, tippte ihn an und rief: „Ihr müsst die Mädels hier mal wegschicken. Wenn man da drin sitzt, sieht das so blöde aus.“ Er schaute mich mit Augen an, die zu sagen schienen: „Okay, der muss hier etwas zu melden haben“, und winkte Klaus und mich durch. Dann kümmerte er sich um den Auftrag, den ich ihm erteilt hatte. Die Autogramm-Jägerinnen wurden verjagt.
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Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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Wessig und Waldemar – Olympia 1980 in Moskau

9. August 2012 | von | Kategorie: Blog

1980 Wessig
Pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 in London gibt es mal wieder einen Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”. Im letzten Teil berichtet mein Opa, wie er die Olympiade 1980 in Moskau erlebt hat.
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Dass die Olympischen Sommerspiele von Moskau die erfolgreichsten in der Geschichte der DDR werden würden, stand im Prinzip schon vor den Wettkämpfen fest, da die USA, die Bundesrepublik und viele andere Länder der westlichen Welt, aufgrund des Einmarsches der Sowjets in Afghanistan, tatsächlich nicht an der Olympiade teilnahmen. Die 47 Goldenen und 126 Medaillen insgesamt drückten dennoch aus, dass unser Land endgültig zur zweitgrößten Sportnation der Erde aufgestiegen war.
Wie immer war ich viel beim Schwimmen und Radsport unterwegs, da dies nach wie vor „meine“ Sportarten waren. Auf der Radrennbahn mit ihrem sibirischen Lärchenholz-Belag sah ich so den grandiosen Sieg von Lothar Thoms im 1000 Meter Zeitfahren. Der war als Erster gestartet, fuhr Weltrekord und bei immer schlechter werdenden Bedingungen, da es kälter wurde, kam niemand mehr an seine Fabelzeit heran. Wäre er als Letzter gefahren, hätte er womöglich nur den achten Platz belegt. So nah waren oftmals Sieg und Niederlage beieinander.
1980 Lothar Thoms

Auch unserem Sprinter Lutz Heßlich gelang ein Husarenstück. Im Finale startete er gegen den ausgewiesenen 1000 Meter Zeitfahrspezialisten Yave Carhard. Im Sprint ist es ja oft so, dass sich die Fahrer in den ersten beiden Runden belauern und erst kurz vor Schluss Vollgas geben. Nicht so Heßlich im entscheidenden dritten Lauf. Ausgerechnet gegen den ausdauernden Franzosen zog er den Sprint bereits 600 Meter vor dem Ziel an. Die umliegenden Leute mussten mich festhalten, so aufbrausend war ich, ob seiner Dummheit. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Doch wer wagt gewinnt. Lutz Heßlich schlug Carhard mit seinen eigenen Waffen und wurde Olympiasieger.

Am 1. August saß ich im Moskauer Leninstadion bei den Leichtathletik-Wettbewerben. Allerdings hatten wir in der Innenstadt ein DDR-Pressezentrum eingerichtet, welches immer mit zwei Leuten besetzt sein sollte und ab 17 Uhr hatte ich dort Dienst. Obwohl viele wichtige Entscheidungen anstanden, konnte ich nicht bis zum Schluss bleiben. Auch der Hochsprung-Wettkampf war gerade in die Endphase gegangen und mit Gerd Wessig und Jörg Freimuth aus der DDR und dem Polen Jacek Wszola waren nur noch drei Leute übrig, die alle Höhen gemeistert hatten. Ein Kollege stieß mich an und rief: „Horst, du musst los!“
1980 Moskau

Zeitgleich lief der Marathonlauf in den Straßen von Moskau, doch über den Stadionsprecher hatten wir bisher nur erfahren, dass eine Gruppe in Front läge und dann lange nichts mehr gehört. Ich machte mich also auf den Weg in Richtung Omnibushaltestelle. Gerade als ich am großen Stadiontor war, kam mir der so genannte Führungswagen des Marathonlaufes entgegen und dahinter rannte ein einzelner Läufer. Es war unser Waldemar Cierpinski! Der Mann, der schon den Olympia-Lauf von Montreal gewonnen hatte. Was für eine grandiose Leistung!

Mein Kollege Heinz-Florian Oertel sprach eine Minute später, als Cierpinski über die Ziellinie lief, die berühmten Sätze: „Liebe jungen Väter oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie die Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!“
1980 Waldemar
Es war ein magischer Augenblick des DDR-Sports, doch ich stand leicht betröpfelt vor den Toren des riesigen Stadions. Wie üblich gratulierten mir die Journalisten aus den anderen Ländern als ich im Pressezentrum erschien. Zu meinem Kollegen sagte ich euphorisch: „Mensch, das ist ja Wahnsinn mit dem Waldemar!“ Der schaute mich an und rief: „Was heißt hier Waldemar. Der Wessig ist gerade Weltrekord gesprungen!“ Auch die sensationellen 2,36 Meter unseres Hochspringers hatte ich also verpasst, stellte ich ernüchtert fest. Dennoch denke ich gerne an diesen Tag zurück, denn ich war ja irgendwie mit dabei gewesen!

Hier geht’s zum Ersten Teil (Olympia 1960 in Rom und 1976 in Montreal)

Im dritten und letzten Teil berichtet mein Opa über seine Erlebnisse bei der Olympiade 1980 in Moskau.

Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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Rekord für die Ewigkeit – DHfK Leipzig Teil 3

15. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


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(Leseprobe aus: “Alles ganz simpel”)
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…mein Sohn Klaus sollte 1958 zunächst an die KJS (Kinder- und Jugendsportschule) in Halle delegiert werden. Er war ein hoch talentierter Fußballer und Leichtathlet – besonders in den Wurfdisziplinen – doch er wurde dort nicht genommen. Inge rief aufgebracht in der Schule an. Man sagte ihr, dass sie jährlich nur vier Kinder von Nicht-Arbeitern aufnähmen. Er läge an fünfter Stelle und könne daher nicht berücksichtigt werden. Der Rektor dieser Schule war Wolfgang Lohmann, der in meiner Studienzeit noch Rektor an der DHfK gewesen war. Wütend setzte mich ins Auto und fuhr nach Halle. Lohmann strahlte: „Horst, bist du das wirklich?“ Ich schmunzelte, denn auch diesmal war ich es und fragte ihn vorwurfsvoll: „Warum hast du mich damals eigentlich in der Diplomprüfung nicht durchfallen lassen?“ Er schaute mich fragend an: „Wie meinst du denn das?“ „Tja, vor dem Studium war ich all die Jahre Arbeiter gewesen und durch euer Diplom gehöre ich plötzlich zur Intelligenz. Deswegen darf mein Sohn jetzt nicht an eure KJS!“ Mein ehemaliger Rektor schwieg einen Moment und murmelte dann: „Die Vorschriften mit der Arbeiterklasse mache ich doch nicht!“ Im nächsten Jahr wurde Klaus an der Sportschule zugelassen.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Obwohl ich während meiner Studienzeit nie der allerbeste in einem Prüfungsfach gewesen war – sogar im Schwimmen gab es zwei Jungs die schneller kraulten – sorgte Klaus Jahre später dafür, dass ich dort immerhin einen Rekord aufstellte. Er war der erste Nachkömmling eines Absolventen, der ebenfalls an der DHfK studierte. Wie auf meinen Sohn Volker, der im Leipziger Interhotel arbeitete, war ich sehr stolz auf ihn und Dr. Schingnitz hob auf unseren Jubiläumstreffen immer sein großes sportliches Potential hervor. Allerdings bescheinigte mir unser ehemaliger Lehrer Franke auch, dass mein Kind „ja noch viel fauler sei als ich.“

Für eine Sportecho-Reportage schaute ich später einmal selbst beim Training des Übungsverbandes der DHfK zur Vorbereitung auf das Turn- und Sportfest in Leipzig vorbei. Mein damaliger Mitkommilitone Erich Bunzel war dort mittlerweile als Sportlehrer tätig und leitete das Geschehen von einem hohen Gerüst aus. Irgendeinen Reporter hätte Erich wohl nicht auf seinen Kommandoturm gelassen, aber ich durfte. Bei einem Übungsteil mussten zehn bis zwölf Studenten eines von mehreren riesigen Trampolinen auf die Wiese schleppen und oben wurden dann halsbrecherische Salti gesprungen.

Foto: Sportverlag Berlin

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Die jeweiligen Träger saßen nun im Schneidersitz zu beiden Seiten der Geräte. Erich reichte mir ein Fernglas und rief mir grinsend zu: „Damit du mal siehst, auf was für verrückte Einfälle dein Junior so kommt.“ In der Mitte unter einem der Trampoline saß tatsächlich mein Sprössling mit zwei anderen Kumpels. Während über ihnen die Turner auf der Gummimatte Kopf und Kragen riskierten, spielten die drei in aller Seelenruhe Skat. Das hätten wir uns früher mit Sicherheit nicht getraut. Natürlich habe ich darüber in meiner Reportage kein Wort verloren und hoffte gleichzeitig, dass sie das bei der offiziellen Aufführung nicht machen würden…

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK) und hier zum zweiten Teil (Praxis an der DHfK).

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“Ist das nicht Scheiße…”: DHfK Leipzig – Teil 2

7. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

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(Leseprobe aus meinem Buch: “Alles ganz simpel”)
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…schienen schon einige unserer Lehrer dem Film „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann entsprungen zu sein, war einer der Sportlehrer ein echtes Original. Dr. Hans Schingnitz war ein blonder, stets etwas kauzig dreinschauender Mann Ende 30 mit markanten Gesichtszügen. Man kannte ihn wahrscheinlich in ganz Leipzig. Sein Markenzeichen waren sportliche Knickerbocker, lange Strümpfe und sein museumsreifes Fahrrad, das er überall unangeschlossen stehen ließ. Am Hauptbahnhof auch mal 14 Tage, wenn es auf eine längere Reise ging.
Schon in der Nazizeit war er aktiver Lehrkörper gewesen und hatte sich besonders auf die Bereiche Leichtathletik, Boxen, Rugby und Ringen spezialisiert. In den ersten Stunden wirkte er auf uns sehr ernst, unnahbar und weltfremd.
Foto: E. Döbler

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Doch das war die größte Fehleinschätzung unserer Studienzeit, denn Dr. Schingnitz wurde schon bald zu unserem Lieblingslehrer. Je länger man ihn kannte, sah man, dass in dieser rauen Schale, ein zuvorkommender und überaus humorvoller Kerl steckte, der stets auch dem Pförtner und den Putzfrauen höflich und mit Achtung entgegentrat. Und auch wir Schüler konnten immer auf Augenhöhe mit ihm sprechen.

Ein Beispiel: Rugby war neben Boxen die große Leidenschaft des Dr. Schingnitz. „Druck“, „Fassen“, „Gasse“ und „Gedränge“ höre ich ihn noch heute brüllen und erinnere mich daran, dass mir manchmal schon die Luft wegblieb, während der Lehrer von hinten weiterhin: „Druck!“, „Druck!“ brüllte, obwohl die Pille längst schon bei den Stürmern war.
Die DHfK trat ja in vielen Disziplinen auch als offizielle Mannschaft an. Oftmals spielten unsere Teams sogar in den oberen Ligen und errangen unzählige Titel. Während meiner Zeit holten zwei Mitstudenten bei den DDR-Meisterschaften in der Leichtathletik sogar einen 1. und einen 2. Platz. Unsere Nachfolger sollten die Sportschule noch zu viel größerem Ruhm führen und von 1950 bis 1990 erwarben hier ca. 16000 Studenten (davon 4000 im Fernstudium) ihr Hochschuldiplom.

Foto: R. Schramme

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Beim großen Auftritt unseres Rugbyteams war ich nur Zuschauer. Das Spiel gegen Hennigsdorf fand in Leipzig Leutsch vor dem Fußballmatch „Chemie Leipzig“ gegen „Horch Zwickau“ statt. In den Tagen zuvor hatte es stark geregnet. Das Spielfeld bestand eigentlich nur noch aus Schlamm und großen Pfützen. Gleich zu Beginn der Partie rutschte ein Hennigsdorfer in Dr. Schingnitz hinein und riss ihn um, sodass er der Länge nach in die schmutzig-braune Pampe fiel. Danach kannte er kein Halten mehr. Wehe der Ball besitzende Spieler befand sich in der Nähe einer Pfütze. Sofort sprintete Schingnitz dort hin und warf ihn mit einem Hechtsprung zu Boden. Es entwickelte sich eine legendäre Schlammschlacht, die zur Halbzeit beim Stand von 0:0 abgebrochen werden musste, damit danach auf dem Acker noch Fußball gespielt werden konnte. Unter dem Jubel der Zuschauer verließ unser Lehrer das Stadion.

Foto: Sportverlag Berlin

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Doch seinen berühmtesten und bis heute am häufigsten wiederholten Satz gab unser Lehrer beim Schwimmen von sich. Das war eigentlich gar nicht seine Sportart. Doch als Vertretungslehrer stand Dr. Schingnitz in einer der ersten Stunden am Beckenrand und rief mir seiner knorrigen Stimme: „Kann hier jemand nicht schwimmen?“ Schüchtern meldete sich einer meiner Kommilitonen. Vollkommen unerwartet schubste ihn Schingnitz ins Wasser und ließ ihn dann sekundenlang panisch zappeln. Kopfschüttelnd zeigte er mit dem Finger auf ihn und meckerte: „Na, sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht schwimmen kann?“ Zu seiner Ehrenrettung: im gleichen Moment sprang er ins Wasser und holte den nach Luft japsenden Studenten hinaus. Sobald sich später ein Mitstudent in einer Disziplin, z. B Volleyball, etwas unbeholfen anstellte, riefen alle anderen im Chor: „Sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht Volleyball spielen kann?“

Foto: H.G. Winkler

Foto: H.G. Winkler

Ich erinnere mich auch noch gut an das Semester, in dem wir Boxen mussten. Mein Mitstudent Richard Fehlinger, ein eher schmächtiger Junge mit Brille, der allerdings beim Bodenturnen ohne mit der Wimper zu zucken einen Auerbachsalto sprang, war mein Gegner. Wir tasteten uns ab, doch besonders Richard blieb – ohne seine Sehhilfe – stets in der Defensive. Dr. Schingnitz brüllte ihn an: „Willst du denn nicht endlich mal boxen?“, doch Fehlinger rief zurück: „Herr Doktor, ich sehe doch gar nichts!“ „Was siehst du denn?“ „Nur Nebel.“ Schingnitz antwortete ungerührt: „Dann hau rinn in den Nebel!“ Auch das wurde zum geflügelten Wort. Noch heute verabschieden wir uns bei DHfK-Treffen immer mit: „Na dann hau rinn in den Nebel!“
Ein letzter Satz zu diesem bemerkenswerten Lehrer. Gegen Ende der Studienzeit schilderte er uns mal einen eigenen Boxwettkampf. Der starke Gegner war einer seiner besten Freunde und im Publikum saß seine Angebetete. Bildlich beschrieb er das Duell in allen Einzelheiten, auch, wie er immerzu dachte, dass er die Frau auf den Rängen beeindrucken müsse. In der 3. Runde ging plötzlich alles ganz schnell: „Und eins und zwei – und noch eine rechte Gerade und dann lag er unten.“ Kurz darauf schaute er betröpfelt zu Boden: „Ich hatte gewonnen“, flüsterte er und nach einer längeren Pause fügte er traurig hinzu „und dann hat sie den anderen geheiratet.“

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel


Übrigens waren wir immer ganz brave Studenten. Im Ernst: gleich im ersten Semester entdeckte Heinz Sachse das „CT“ – ein vornehmes Lokal mit Damenkapelle und Tanz im Schauspielhaus. Sofort war klar: das erste Haus am Platze wird unsere Stammkneipe. Man muss sagen: wir waren nicht oft dort – nur von Montag bis Freitag jeden Tag. Natürlich ging das ins Geld, zumal ich die 180 Mark Stipendium zu Hause bei Inge abgab. Doch nebenbei verdiente ich mir bereits ein kleines Taschengeld als Übungsleiter und durch die Bombenverpflegung im Internat brauchte ich ja sowieso nur Kohle für Alkohol und meine Caro-Zigaretten. „Zwanzisch Mark – und dann ins CT“ wurde unser Leitspruch.
Außerdem spürte Lothar Mosler in Panitzsch, unweit von Leipzig, eine Fabrik auf, die Obstwein herstellte. Er hatte erfahren, dass man dort, wenn man 300 Gramm Zucker abgab, die Literflasche für nur 90 Pfennig erhielt. Als so genannte Spitzensportler kamen wir ohne weiteres an massenhaft Zucker heran, welchen wir alsbald nicht mehr zur Leistungssteigerung einnahmen, sondern (zu unserer späteren Schwächung) in der Panitzscher Weinfabrik abgaben.
Im „CT“ und anderen Lokalen konnte man damals nämlich eigene Flaschen mitbringen, wenn man am Eingang ein vorgeschriebenes „Korkengeld“ bezahlte. Auch das sparten wir uns, denn wir schmuggelten unsere Pullen einfach hinein und bestellten zu sechst eine Flasche Weißwein. Nun hatten wir sogar Gläser, um unseren Fruchtwein zu süffeln.
Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel

Damals war Bier im Verhältnis zu unserem Obstwein relativ teuer, doch einmal bekam das „CT“ auch Porter, also dunkles Bier, geliefert. Da wir es alle einmal probieren wollten, bestellten wir bei unserer Stammkellnerin Frau Weimann jeder eine Flasche. Doch am Ende des Abends vergaß sie, diese abzurechnen.
Beim nächsten Besuch hatten alle gerade ihr Stipendium bekommen. Als sie abkassieren wollte, sagten wir: „Frau Weimann und dann bezahlen wir noch die sechs Porter, die Sie beim letzten Mal vergessen haben!“ Sie zog sich einen Stuhl zu uns heran und murmelte: „So etwas ist mir ja mein ganzes Leben noch nicht passiert.“ Seit jenem Tag hatten wir bei ihr unbegrenzten Kredit und kamen auch mit auffälligen Taschen immer problemlos hinein. Manchmal habe ich heutzutage das Gefühl, dass sich unser halbes Studentenleben im „CT“ abgespielt hat, denn sogar wenn ich Inge später einmal dorthin ausführte, traf ich immer einen meiner Spezies, sei es Karl-Heinz Balzer den Stabhochspringer, den Fußballer Horst Scherbaum oder eben Heinz Sachse den Turner.

Foto: G. Hafenberg

Foto: G. Hafenberg

Immer an einem Montag hatten wir Parteilehrjahr. Am Tage des Faschings machte sich Unruhe breit. Überall flüsterte man: „Geht ihr denn hin?“ Erich Bunzel war es schließlich, der sich traute den Parteisekretär zu fragen, ob wir den „heiligen“ Termin verschieben können. Der Grund: im großen Saal am Zoo fand der Rosenmontagsball mit dem Rundfunktanzorchester unter Kurt Henkels statt. Da mussten wir hin!
Es gelang und so schlüpften wir in unsere eleganten weißen Hosen und Hemden vom Berliner Deutschlandtreffen, ließen uns die Arme und Gesichter von der kleinen Knilch (alias Sigrid) mit Mickey Mäusen bemalen und gingen so tätowiert feiern. Jemand besorgte sechs beDHfK-Fasching, reits abgerissene Karten, sodass wir ohne Eintritt hineingelangten. Als ich mit Heinz gerade mal einen Tanz ausließ und durch das Lokal bummelte, entdeckten wir Hans „Bolle“ Bolt mit einer Studentin an einem Tisch. „Der Schweinepriester hat noch Kohle“, murmelte ich, denn sie tranken genüsslich eine teure Flasche Weißwein. Als er uns sah, winkte er herüber und rief: „Setzt euch doch dazu!“ Wir kamen ins Gespräch, doch als die Tanzkappelle aufhörte zu spielen, sagte Bolle plötzlich: „Oh, jetzt müssen wir aber verschwinden. Dort hinten kommen die Leute, die eigentlich hier sitzen.“ Der Trick sprach sich schnell unter uns Mittellosen herum und so wurde der Rosenmontag nicht nur ein äußerst amüsantes Tanzvergnügen, sondern auch noch ein feuchtfröhliches.
Doch irgendwann war auch das schönste Studium einmal zu Ende. Nach dem offiziellen Festakt floss der „Sovetjskoje Schampanskoje“ auf den Zimmern, bevor wir die Gaststätte an der Pferderennbahn belagerten und bis zum Schankschluss böse versackten. Wie wir von dort zurückgefunden haben – und ob wir noch im „CT“ waren – weiß ich bis heute nicht…
Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK).
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Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Leseprobe, wie mein Opa an der DHfK doch noch einen Rekord aufstellte.

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