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Endlich angekommen! – Leben in der DDR

30. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Schluss
Hier beschreibe ich einmal kurz, wie das Buch “Mauergewinner” überhaupt entstanden ist. Letztendlich habe ich nach dieser Story erst mit dem Schreiben halbwegs ernsthaft begonnen. Gute Entscheidung, denn es ist bis heute ein schönes, herausforderndes Hobby …
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Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis – weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Ich sagte Sylvie, dass ich trotzdem richtig Lust hätte, eine große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort tatsächlich mein komplettes bisheriges Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art und gleichzeitig ein Vertreter dieser neuen Generation, der heimatlosen Wossis. Wie eine traurige Sorte Klöße: halb und halb.

Ich bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen. Ich werde oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn ich zu erzählen beginne, wird mir nicht mehr richtig zugehört. Ich versuche zu sein, wie ein Vorzeige-Wessi und drücke noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Ich sage nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.

Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine “freiwillige” SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen FKK-Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden. Und so weiter und so fort.
Luxus spielt für mich keine Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut, viele sogar in Westdeutschland. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich bin ein Ossi auf Tour.
Verloren habe ich durch die Wende – nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich nie geworden. Ich denke nicht nostalgisch oder gar “ostalgisch” an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere “Go-Trabi-Go-Aktion” nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen aus vergangenen Tagen.
Ich lache bei der Erinnerung an die Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen.
Meine Kindheit und Jugend in der DDR war spannend, aber ich bin unglaublich glücklich, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche.
Ich schaue immer nach vorne und nie zurück. Dachte ich. Doch etwas fehlte in meiner neuen deutschen Biografie und irgendwann merkte ich, was es war. Ich tauchte ein in meine Vergangenheit, hielt alte Urkunden, Zeugnisse und Fotos aus meiner DDR-Zeit in den Händen. Ich wachte eines Nachts sogar auf und dachte geschockt: „Mist, die Mauer steht wieder.“ Am nächsten Morgen musste ich darüber schmunzeln und begann, zunächst nur für mich zu schreiben, ohne Druck und höhere Ziele. Ich erzählte mir meine Geschichte.
Schon Minuten nachdem ich mit diesem Buch begonnen hatte, spürte ich wie mich die Zeilen befreiten, meine Vergangenheit an mir vorbeiflog, die ich soeben verarbeitet hatte.
Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: „Endlich angekommen!” Nicht als Frage, sondern mit Ausrufezeichen!
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Was aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner” letztendlich geworden ist, kann man hier nachlesen.

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LOVELYBOOKS

24. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

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Seit längerer Zeit bin ich nun auch schon bei LOVELYBOOKS mit meinem Buch vertreten. Es haben zwar noch nicht allzu viele Leute den “Mauergewinner” in ihrem Bücherregal – aber immerhin – und die alte Auflage steht ja sogar bei einigen Lesern auf deren Wunschliste.

Hier stellt sich das Portal vor:

Hinter LOVELYBOOKS steckt ein Team von Menschen, das ein möglichst abwechslungsreiches Literaturportal machen möchte, das das Lesen noch spannender macht.

Was das Team mit LOVELYBOOKS erreichen will, ist ganz einfach – die Mitglieder sollen nur noch gute Bücher lesen und neue Möglichkeiten bekommen, die Welt der Literatur zu entdecken und in sie einzutauchen!

Sie können der Welt ihre Bücherregale zeigen, sich mit anderen Lesern austauschen, Rezensionen und Kommentare schreiben und so die besten und persönlichsten Buchempfehlungen finden, die es geben kann – von Lesern, die genau das Gleiche im Sinn haben.

Auch Autoren kommen nicht zu kurz. Sie finden dort eine Plattform, um ihre neuesten Werke zu präsentieren, mit ihren Fans und Kollegen zu diskutieren und herauszufinden, was die Leser von heute interessiert (das sollte ich vielleicht auch mal nutzen).

Hier gehts zu meinen Büchern bei LOVELYBOOKS

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Das Interview

11. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

LindenbergBei der Lesung zum Thema “Stars und Sternchen” habe ich einen Text über ein ganz spezielles Interview vorgetragen.
Erst heute habe ich erfahren, dass Udo Lindenberg am Samstag bei “Wetten dass…?” ausgerechnet in Halle an der Saale auftritt. Zufälle gibt es manchmal…
Hier also der Text…
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Ich muss zugeben: man hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Ich will nicht so weit gehen, ihn als Helden meiner Jugend zu bezeichnen, aber – daran komme ich nicht vorbei – er war in jener Zeit ein ganz großer Star. Auf beiden Seiten der Mauer.
Vor kurzem hatte das Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin Premiere. Und plötzlich hörte, sah und las man wieder vermehrt vom alten „Panikpräsidenten“. Er gab Interviews, unzählige Artikel wurden geschrieben und im Fernsehen lief eine Dokumentation zu seinem damaligen Auftritt in der DDR.
Und allmählich kamen sie wieder – die Erinnerung an „meinen“ Udo Lindenberg, an eine Zeit, in der ich ausschließlich deutsche Texte verstand und diese dann auch lauthals mitsang. Es war eine Epoche, geprägt von der Angst vor einem nuklearen Inferno, mit einem geteiltem Staat und einer ummauerten Stadt – eine Epoche, die in meinen verschwommen Kindheitserinnerungen, dennoch eine wichtige und unglaublich schöne war.
Ich tauchte also in die Vergangenheit ein und fand ein interessantes Interview, welches Udo im September 1990 – also noch vor der Wiedervereinigung – bei einem Auftritt in Halle an der Saale gegeben hatte.

Lindeberg

Frager: Wie unterscheiden sich die Konzerte, die du in der DDR gibst’s, von denen in Westdeutschland?

Udo: Wir haben ein Riesenrepertoire von ca. 300 Songs und können damit prima Konzerte machen. Da wir das erste Mal in Halle sind, ist ja klar, dass wir auch historische Lieder bringen, zum Teil aktualisiert, mit anderen Texten. Es ist schön, an Stücken herumzubasteln und sie zu verändern, denn dann bleibt Leben drin – und so.

Udo Lindenberg war einmal der deutsche Star. Im Ferienlager sangen wir immer seine Lieder bevor wir einschliefen. „Herr Präsident, ich bin jetzt 10 Jahre alt und ich fürchte mich in diesem Atomraketenwald. Sag mir die Wahrheit, sag mir das jetzt, wofür wird mein Leben aufs Spiel gesetzt?“
Den Song „Wozu sind Kriege da“, kann ich noch heute auswendig und auch sämtliche Textzeilen von „Mädchen aus Ostberlin“ und dem „Sonderzug nach Pankow“ waren damals jedem meiner Freunde bekannt – nicht nur, weil es natürlich verboten war, „Ostberlin“, „Honni“ und „Oberindianer“ zu sagen. Udo sang Deutsch und redete wie wir. Er konnte „Arschloch“ und „Scheiße“ in seinen Texten verwenden und sprach immer aus, was auch viele von uns hinter der Mauer dachten.
Es war daher eines der sieben Weltwunder, dass er 1983 dennoch in die Hauptstadt der DDR in den Palast der Republik eingeladen wurde.

Frager: Die Mauer ist weg und alles hat sich ziemlich schnell entwickelt in Ost- und Westdeutschland. Ist das eigentlich das, was Du gewollt hast?

Udo: Ja, das sieht irgendwie nach einer schnellen Vereinnahmung aus. Die Industrie benutzte die konservative Regierung der Bundesrepublik als Lobby. Das ist eine verkleidete Großverbindungsapparatur. Wie ich das finde und so? Ich finde das riskant, ich habe Bedenken, dass da die Menschen in ziemliche Härtesituationen geraten. Zu kleine Renten und zu wenig Arbeitslosengeld und dennoch, übern Daumen gepeilt ist es gut, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Und demnächst haben die Leute ja die Möglichkeit zu wählen. Sie können sich entscheiden zwischen einem Land, das als Solidargemeinschaft funktioniert, in dem darauf geachtet wird, die sozial Schwachen zu schützen oder einer Gesellschaft, in der das höchste Angebot gilt, zur Freude der Industrie und nicht zur Freude vieler Menschen. Und so.

Ich war 12 bei seinem großen Auftritt 1983. Natürlich hatten wir keine Karten bekommen, wir waren ja damals noch nicht einmal in der FDJ, denn es schienen nur Leute mit blauer Bluse, in den großen beleuchteten Saal zu dürfen. Dennoch liefen zwei kleine „Jungs aus Ostberlin“ frohen Mutes zum Palast der Republik die schon immer „träumten von einem Rockfestival auf dem Alexanderplatz mit den Rolling Stones und ner Band aus Moskau“, wie Udo das in einem Song beschrieb. Vielleicht würde es uns gelingen, einen Blick auf unser großes Idol zu erhaschen.

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Frager: Wen würdest Du wählen?

Udo: Ich sage mal klipp und klar, dass ich parteilich nicht so festgelegt bin, aber ich finde bei dem einige gut und dann wieder bei den anderen. Und so.

Es war uns nicht gelungen, Udo Lindenberg vor „Erichs Lampenladen“ zu sehen. Tausende schienen auf die Idee gekommen zu sein. Doch die waren fast alle viel älter und vor allem viel größer als wir und drängelten sich nach vorn. Vor dem Haupteingang herrschte regelrechtes Chaos und als die Staatsmacht schließlich eingriff, hatten wir uns längst auf den Weg zum „Grilletta-Stand“ gegenüber vom Fernsehturm verdrückt und sangen später in der U-Bahn vergnügt: „entschuldigen sie ist dass der Sonderzug nach Pankow. Ich muss da eben mal hin, mal eben nach Ostberlin. Ich muss da was klärn mit Euerm Oberindianer.“

Frager: Was hältst du von der PDS?

Udo: Viele sind ja über Nacht blütenweiße Demokraten geworden, bisschen so, wie das schon paar Mal in Deutschland war, auch über Nacht und so. Und jetzt erleben wir ähnliches, oder?

Die eigentlich geplante Tournee von Udo und seinem Panikorchester wurde nach dem Auftritt im „Palazzo Prozzo“ wieder abgesagt. Er hatte sich nicht so verhalten, wie sich das unsere Staatführung vorgestellt hatte. Doch er hatte für erste Risse in der Mauer gesorgt und spielte, nachdem sie endlich fiel, dann doch noch ein paar Konzerte im meinem Land, bis dieses von der Landkarte verschwand.

Frager: Du wurdest irgendwann mal als Berufsjugendlicher bezeichnet. Wie lange willst du dieser Image noch pflegen?

Udo: Jugend messe ich nicht an einer Zahl der Jahre, sondern an einer Verfassung, in der man sich befindet. Eine Verfassung, die sich auszeichnet durch Neugierigkeit und Beweglichkeit. Und so.

Kurz nach dem Mauerfall hatte ich eine Freundin aus Halle an der Saale und als ich hörte, dass Udo in der Galgenbergsschlucht spielte, wollte ich unbedingt hin, um den großen gesamtdeutschen Star, endlich einmal live zu erleben. Über Vitamin B konnte ich sogar Pressekarten besorgen und machte mich voller Vorfreude auf den Weg.

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Frager: Worauf bist du noch neugierig?

Udo:…Kulturen, Länder und Religionen kennen zulernen, reisen und studieren. Das alles ist ne große Wundertüte. Und ein Land, das einst so fern schien, ist ja die DDR und da gibt es noch viel zu gucken. Und hier werde ich auch als Privatmensch – gut getarnt – öfter mal auftauchen. Und so

Die Karten ermöglichten es mir, ohne großartig Anzustehen durch einen Extraeingang für Presseleute auf das riesige Konzertgelände zu gelangen. Da auf der Bühne noch eine sinnlose Ostband als Vorgruppe spielte, nutzte ich die Zeit und schaute mich etwas genauer um. Was man heutzutage als VIP-Bereich bezeichnen würde, war in jener Zeit ein kleiner, abgesperrter Acker auf denen drei Wohnwagen standen. Einer davon war wesentlich größer und nobler als die anderen. Das musste der von Udo sein. Im Vorfeld hatte ich mir ein kleines Aufnahmegerät besorgt, weil ich Teile des Konzertes heimlich mitschneiden wollte – doch plötzlich hatte ich eine viel bessere Idee.

Frager: Du spielst hier mit verschiedenen DDR-Bands. Welche Chance gibt’s du diesen in nächster Zeit?

Udo: Zurzeit ist die Meinung ja so: Im Westen ist alles geil und im Osten alles Schrott. Die DDR-Bands würden gut daran tun, ihre Einzigartigkeit zu kultivieren und ihre Originalität zu bewahren. Wer in Westdeutschland irgendetwas nachspielt, hat auch keine Chance. Und so.

Zögerlich näherte ich mich dem Nobelwohnwagen, vor dem ein muskelbepackter Typ hockte, und überlegte, was ich sagen könnte. Mit meiner dauergewellten Vokuhila-Frisur, den billigen Jeans und den Turnschuhen zu 29 Mark sah ich tatsächlich ein bisschen aus, wie man sich einen ostdeutscher Reporter in jener Zeit vorstellte. Ich steckte mir eine Cabinett an, nahm das Aufnahmegerät wichtigtuerisch in die Hand, und rief dem Bodyguard zu: „Ich bin von der Presse und will zu Herrn Lindenberg.“

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Frager: Du bist bei verschiedenen Umweltaktionen mit dabei. Zurzeit rollt auf die DDR-Bürger eine unheimlich große Mülllawine der westlichen Verpackungsindustrie zu. Einheit und Umwelt – deine Meinung?

Udo: Ja, in die Elbe wird so viel Müll herein geschmissen, dass kommt dann in Hamburg an und das von uns Produzierte bei euch. Es ist natürlich eine große gemeinsame Aufgabe, die Umwelt sauber zu kriegen. Und so.

Zu meiner großen Überraschung stand der Muskelprotz auf, öffnete die Wagentür und brüllte mir hinterher: „10 Minuten!“. Selbstbewusst lief ich die kleine Treppe empor und betrat das abgedunkelte Wageninnere. Und tatsächlich: da war er. Udo Lindenberg mit Hut und Sonnenbrille, der Mann, der mit „Honni“ leckeren Cognac trinken wollte, saß leibhaftig vor mir schenkte sich gerade etwas Hochprozentiges ein. Meine Knie begannen zu zittern.
Unsicher grinsend lief ich ihm entgegen. Er deutete auf die kleine Couchecke und sagte: „Setz dich doch. Und so.“ Ich stellte das Aufnahmegerät auf den Tisch und sein Nicken schien die Erlaubnis dafür zu sein, dass ich es anschalten durfte. Ganz sachte drückte auf die rote Rekord-Taste.

Frager: Udo, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute!

Udo: Gern geschehen! Und so.

Bis zur heutigen Lesung habe ich selbst engen Freunden noch nicht von diesem Ereignis berichtet und somit auch nie groß damit angegeben, denn ich habe dieses Gespräch tatsächlich am 7. September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung in Halle geführt. Zwei Tage später wurde es sogar in einer bekannten Zeitung abgedruckt. In diesem, meinem, Interview war er der große Star und ich fühlte mich damals tagelang, wie ein kleines Sternchen am Reporterhimmel. Und so.

Lindenberg-Interview

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Rezension des Monats

30. Januar 2011 | von | Kategorie: Blog

Leninplatz3
Es gibt ja schon einige Rezis zu meinem Buch “Mauergewinner”, doch noch immer kommen neue hinzu. Im Januar 2011 ist die folgende Rezension bei Sarahs Bücherwelt erschienen. Ich bekomme dort zwar keine fünf Sterne, dennoch hat sich Sarah sehr intensiv mit dem Buch auseinander gesetzt.
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Hier also die Rezension von Sarah:
Als 83er Jahrgang habe ich noch einige Erinnerungen an die getrennte Zeit und die Zeit nach der Wende. Durch Familie und Freunde, welche aus den neuen Bundesländern kommen, bin ich zudem mit dem Leben in der ehemaligen DDR vertraut. Ich war echt gespannt, wie diese alltäglichen Geschichten von Mark Scheppert geworden sind. Gerade bei eigenen Geschichten, hatte ich Bedenken, dass der Autor ins Jammernde verfällt. Gerade 20 Jahre nach der Wende hört man schließlich oft, wie viele ehemalige Ostdeutsche entweder noch jammern, wie schwer sie es im Vergleich hatten oder wie viel besser es noch war, als die Mauer vorhanden war.

In 30 Geschichten erzählt der Autor aus seiner Kindheit in der DDR. Alltag, Schule, sportliche Aktivitäten, Urlaube, Ferienlager, Konzerte, Familie und vieles mehr wird von ihm aufgegriffen. In einer hübschen Übersicht am Anfang des Buches konnte ich genau sehen, welche witzigen Themen mich während des Buches erwarten.

Wie jede Leseratte habe auch ich Bereiche, die ich gerne lese und welche die ich nicht so gerne lese. Biographien liebe ich, Kurzgeschichten können mich jedoch nur schwerlich erwärmen. Dieses Buch ist eine interessante Kombination dieser beiden Kategorien.

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Gleich zu Beginn fällt der lockere Stil von Mark Scheppert auf. Freundlich, offen und modern fängt er mit seinem ersten Erlebnis an. Es geht um eine Bahnfahrt zum Kleingarten und wie diese Bahnfahrt verkürzt wurde. Ich selbst habe als Kind auch Dinge während der Bahnfahrt gezählt, aber Wachhunde fand ich an dieser Stelle traurig, aber auch witzig. Diese Geschichte beinhaltete ein Erlebnis, welches erzählt wurde. Diese Umsetzung finde ich sehr gelungen. Ich habe einen Eindruck von der Situation, der Person, aber auch der Gefühlswelt bekommen. Leider behält der Autor diesen Aufbau nicht bei.
Zum Beispiel sucht er sich ein Thema wie Konzerte, die ersten Brüste, FKK-Strand oder Ferienlager als Oberbegriff. Mark Scheppert erzählt nun eine kleine Anekdote zum Beispiel über sein erstes Mal im Ferienlager. Wenige Sätze später ist er schon deutlich älter und so geht es bis zum letzten Ferienlager durch. Da sämtliche Sprünge durch Absätze gekennzeichnet werden, kam ich zwar nie durcheinander, aber ich konnte kaum eine Verbindung zu ihm und den Situationen aufbauen. Sein Erzählungen kratzen in meinen Augen sehr an der Oberfläche. Zwar lernte ich ihn und auch die DDR damit kennen, aber irgendwie fehlte der Tiefgang. Kaum ein Erlebnis wird farbenfroh und detailliert geschildert. Genauso wurden Fakten der DDR, wie zum Beispiel das Einkaufen nur in ein zwei Wörtern, wie zum Beispiel Einheitspreis, beschrieben. Klar, dass ich als „Wessi“ mehr über die damalige Zeit erfahren wollte. Hier wäre es einfach besser gewesen, wenn er sich wirklich nur auf ein prägendes Erlebnis konzentriert hätte und dieses lebendiger geschildert hätte. So erfahre ich zwar sehr viel, aber manchmal ist weniger besser.

Zudem wiederholt sich der Autor in verschiedenen Kapiteln wieder. Man merkt, wie stolz er ist, dass sein Vater sozusagen Jan Ullrich und Franzi entdeckt hat, aber eine einmalige Erwähnung hätte in meinen Augen gereicht. Das Problem ist einfach, dass er sich schon von Anfang an als Feigling, Schwächling und Sohn mit besonderen Beziehungen. Dadurch wirkt er stellenweise unsympathisch. Es sind dann solche Kapitel, wo er zum Beispiel an Konzertkarten kommt, die auf dem Schwarzmarkt 800DM wert wären, was zeigt, wie gut schon seine Kontakte sind. Aber auf der anderen Seite, wenn er etwas über seine Familie erzählt, wirkt er wieder als lieber Sohn, dass ich ihn sympathisch finde.

Winterbahn

Trotz dieser Sprünge und der gemischten Gefühle beim Lesen, konnte ich dieses Buch an einem Stück durchlesen. Wenn die oberflächlichen DDR-Aspekte mal nicht berücksichtigt würden, wäre es eine ganz normale Biographie über alltägliche Dinge, einer Kindheit,wie es weltweit sein könnte. Die ersten Erfahrungen mit Alkohol, Zigaretten, Mädchen, Schulalltag, Familiengeschichten, Aufbesserung des Taschengeldes und vieles mehr. Es ist nett zu lesen, unterhaltsam, aber kein Bestseller. Die DDR-Aspekte sind wie gesagt, leider sehr oberflächlich. Er geht auf Kontaktsperre, Diplomatenstatus, Öffnung der Grenzen, Raritäten der DDR, Jobsituation, Schule und vieles ein. Darüber schwebt aber stets der Status der Eltern. Neubausiedlung, TV, Trabbi, bessere Jobs und Geld.

Nachdem ich diese Lektüre aus der Hand gelegt hatte, war ich echt lange darüber am Nachdenken. Ich kenne durch Verwandte live die abgenutzten Plattenbausiedlungen, weiß wie schwer es Leute ohne Status hatten. Diese Aspekte werden zwar angesprochen, aber manchmal klingt es abfällig, wie zum Beispiel die Ferien bei seiner Oma. Plattenbau, Plumpsklo und gleich ist es schlecht. Für viele war dies jedoch normal. Aber ist es jetzt wegen dieser Argumente ein schlechtes Buch? Definitiv nein. Es ist eben sein Leben und mit jeder Zeile merkt der Leser, dass Mark Scheppert so mit seiner Kindheit und Jugend in der DDR auffrischen, aber irgendwie auch abschließen will. Genauso ist der Vorteil an diesem Werk, dass es an dem eingangs erwähnten Gejammer mangelt. Für mich ein klarer Pluspunkt. Deswegen kann ich das Buch auch empfehlen.

Durch die vielen Sprünge und den oberflächlichen Stil fehlt es den Kurzgeschichten an Farbe. Sie sind jedoch leicht, locker und unterhaltsam, wofür ich gerne drei Sterne verteile.

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DDR-Bücher

25. November 2010 | von | Kategorie: Blog

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Es gibt ja zum Glück nicht nur den „Mauergewinner“…

In den letzten Monaten habe ich mir noch das eine oder andere „DDR-Buch“ zugelegt.
Ohne die einzelnen Werke hier großartig beurteilen zu wollen (da mir das sicherlich nicht zusteht) – grundsätzlich fiel mir auf, dass noch immer nicht alles gesagt und erzählt ist.

Anbei eine kleine Auswahl der gelesenen DDR-Bücher (Belletristik):

  • Meine Freie Deusche Jugend von Claudia Rusch
  • DJ-Westradio von Sascha Lange
  • Soundtrack meiner Jugend von Jan Josef Liefers
  • Damals in der DDR von Hans-Hermann Hertle
  • Ost-Berlin von Lutz Rathenow
  • Der Turm von Uwe Tellkamp
  • Boxhagener Platz von Torsten Schulz
  • Mein erstes T-Shirt von Jakob Hein
  • Simple Storys von Ingo Schulze
  • Schlecht Englisch kann ich gut von Bürger Lars Dietrich
  • Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig
  • Geteilte Träume von Robert Ide
  • Haltet euer Herz bereit von Maxim Leo
  • Ich schlage vor, dass wir uns küssen von Rayk Wieland
  • Zonenkinder von Jana Hensel
  • Westbesuch von Jutta Voigt
  • Der Klassenfeind und ich von Barbara Bollwahn
  • Immer wieder Dezember von Susanne Schädlich
  • Kalungas Kind von Stephanie-Lahya Aukongo
  • Falls ihr noch Tipps und Anregungen habt, schreibt bitte einfach einen Kommentar.

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    Lesebühne am 14.10.2010 in Berlin-Friedrichshain

    13. September 2010 | von | Kategorie: Blog

    Palazzo

    Lesung:
    Lesebühne “Die Unerhörten” am 14. Oktober um 20.00 im Café Tasso, Frankfurter Allee 11, Eintritt frei. Thema diesmal: Deutsche Einheit

    Unerhörte Lesung zur Deutschen Einheit

    Die seit einem Jahr existierende Lesebühne “Die Unerhörten” tritt einmal monatlich im Café Tasso (Frankfurter Allee 11) auf und widmet sich jeweils einem anderen Thema. Mittlerweile hat die kleine Lesebühne ein festes Stammpublikum, gilt aber noch als Geheimtipp.
    Am 14.10. (20.00) nehmen sich die fünf Autoren die “Deutsche Einheit” vor. Die Unerhörten haben sich zum Ziel gesetzt, unterhaltsame wie auch anspruchsvolle Kurzgeschichten vorzutragen.

    Es lesen für Sie (in alphabetischer Reihenfolge) :

    Friedhelm Feller, Oliver Mahlke, Ariane Meinzer, Mark Scheppert, Susanne Schmidt, Ralph Trommer

    Cafe Tasso
    Frankfurter Allee 11
    10247 Berlin,
    Beginn: 20.00 Uhr
    Café Tasso

    …mehr Infos hier: Cafe Tasso

    (Ich lese keine Geschichten aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner”, sondern etwas Neues)

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    In der Bestseller-Liste

    9. August 2010 | von | Kategorie: Blog

    Bestseller

    Aus einer Pressemitteilung vom 09.08.2010: Das bereits in der zweiten Auflage erschienene DDR-Buch „Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens“ von Mark Scheppert (Herausgeber Vito von Eichborn) ist in dieser Woche wieder in die Bestsellerliste Belletristik seines Verlages Books on Demand (BoD) eingestiegen und belegt dort Rang 8..

    Laut Verlagsangaben sind im letzten Jahr 2,5 Millionen Bücher bei BoD in Norderstedt hergestellt worden und Ende Dezember 2009 seien rund 150.000 Titel lieferbar gewesen. In den Bestsellerlisten werden jeweils die 20 verkaufstärksten Titel der Sparten „Sachbuch“, „Belletristik“, „Lyrik“ und „Kinderbuch“ veröffentlicht.

    Das ist doch immerhin etwas! Hier die aktuelle Bestseller-Liste.

    Cover Mauergewinner neu

    Hier noch die Pressemitteilung

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    Punkrock im August

    6. August 2010 | von | Kategorie: Blog

    DDR-Punk
    Irgendwo schreibe ich ja in meinem Buch ja: DDR gut – BRD böse; UDSSR sehr gut – USA sehr böse. Stimmt das noch? Nuklear! Immer wenn ich auf US-amerikanischen Punk-Rock-Konzerten bin, springe ich gegen den feindlichen Imperialismus an. Werde zwar langsam zu alt für so´n Scheiß, aber bei “Lagwagon” hab ich nochmal richtig Gas gegeben. Hab ja schließlich mein Mädel aus Wessiland bei einem Konzert von denen vor 12 Jahren in Mannheim kennengelernt. 2010 im SO 36 gings dann mal wieder ab und uff´m Video sind wir auch öfter mal zu sehen, wenn man weiß, wie unsere Hinterköpfe ausehen…

    Es war natürlich das Konzert des Monats August – Die USA ist manchmal auch weniger böse. War´n Abend, der mich an vieles Gutes erinnert hat. Magische Nacht.

    Hier noch ein anderes Video von dem Abend

    Hier gehts zum DDR Buch “Mauergewinner”

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    Nuklear Dresden

    23. Juli 2010 | von | Kategorie: Blog

    Dorf alt1

    Bei der letzten Geschichte, die gestern – am Donnerstag den 22.07.2010- bei “Spiegel Online” veröffentlicht wurde, hatte ich ein bißchen das Gefühl, dass sie ein wenig so gekürzt wurde, dass nicht ganz klar wird, was ich eigentlich ausdrücken möchte. Deshalb hier nochmals die vollständige Story aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner oder ein Wessi des Osten”:

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    Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Volkspolizei-Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das „blaue Baby“ im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, trotzdem bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

    Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Jahren der Schulzeit lernten wir Kinder Eines: Berliner sind die Allergrößten und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass „Nuklear“ auf Sächsisch „Na klar“ heißt. Die durfte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.
    Das Hauptziel des Hasses war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: „Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).“
    Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch den neuen RFT-Farbfernseher gab und selbst dort nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
    Begriffe wie „Vitamin B“ für gute Beziehungen oder „Bückware“ für Dinge, die es nur unter dem Ladentisch gab, gingen in den offiziellen Sprachgebrauch unseres Landes ein. Die Freundschaften zu Automechanikern, Fliesenlegern oder Fleischwaren-Fachverkäufern waren wichtiger als die zu gut bezahlten Staatsdienern, Polizisten oder NVA-Offizieren. Ohne Verbindungen konnte man sich von seinem Geld wenig Vernünftiges kaufen oder besorgen lassen.
    Trabi

    Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der DDR kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. 100 Km/h waren bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis herein zu bekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.
    So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.
    Es gäbe die Sportschau mit grünem Rasen und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Sievers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarz-Weiß-Filmen würden wir wegschalten. Als wir nach Dresden hinein fuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarz-weiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache und wir folgten einfach den Armbewegungen.

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    Als wir dann endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen alleine führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernseh-Apparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!
    Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt hinein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4.500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Die Verpackung mussten wir wegwerfen, da das Monster sonst nicht auf die Rückbank gepasst hätte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!
    Auf der Rückfahrt waren wir beide sehr glücklich. Vater in der Vorfreude des ersten Bieres vor der luxuriösen Röhre und ich bei der Vorstellung, welche Augen Mutter und Benny machen würden. Ich ahnte bereits, dass Mutter über die große Geldausgabe alles andere als erfreut sein würde und mein Bruderherz ganz nervös und vor Glück aufgeregt grinsend um die neue bunte Flimmerkiste herumschleichen würde.

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    Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von Arbeit zu Hause an: „Mark, hast Du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.“ – „Nuklear!“, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen und wir mussten seinetwegen drei Mal zum Pinkeln halten.
    Aber immerhin ging es zum Halbfinale des UEFA-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17 und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.
    Natürlich hatte Vater die Karten über „Vitamin B“ bekommen und die echten Dresdner Fans, für die keine mehr im Vorverkauf übrig waren, hassten uns. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.
    Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen BRD und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasiverein aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.

    Dynamo

    Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war, doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Ohne meinen starken Vater und seine Kollegen hätte ich hier im Dresdner Fanblock wirklich Angst gehabt, dass sie mich als Berliner enttarnten, das gäbe richtig Ärger! Natürlich behielten wir unsere Tarnung und kamen sogar mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.
    Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein „Eschi“ ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen mit schrillen gelben Hemden unter schwarzen Anzügen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren. Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000 jetzt schon heiseren Kehlen erklang das berühmte: „Sing, mein Sachse, sing“. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.

    VB
    Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem „Hexenkessel“ gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. „Obseids!“ (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf und ich brüllte zusammen mit Tausenden Anderen „Nuklear, Obseids!“ ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1-1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war und der VfB Stuttgart im Finale gegen Diego Maradonas SSC Neapel antreten durfte.
    An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben, wer hier stürzte, war sicher tot. Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinen Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.
    Erst vor dem Stadiontor traf ich, geschockt und noch immer schwer atmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht. Das Halbfinale des UEFA-Cups war mein bisher bestes Fußball-Erlebnis in der DDR gewesen und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!

    Vater Mutte ich

    Zeitgleich mit dem Fall der Mauer haben sich all diese Dinge komplett verändert. Von einem Tag auf den anderen gab es keine „Bückware“ mehr. Was das gesamtdeutsche Herz begehrte, stand plötzlich in den Warenhäusern und Supermärkten und später auch günstig und gebraucht im Internet. Auch riesengroße, preiswerte Farbfernseher.
    Dynamo Dresden hat zwar nach wie vor sehr treue Anhänger, ist aber nie zu einer Fußballmacht aufgestiegen, die die Bundesliga regiert. Heute dümpeln sie in der 3. Liga herum und stehen wegen finanzieller Probleme des Öfteren vor dem Kollaps. Doch beide Dinge bewegen mich nicht sonderlich, da ich immer eine gut funktionierende Flimmerkiste besaß und nur noch selten, an die Schwarz-Gelb gekleideten Fans erinnert werde.
    Eine Sache finde ich außerdem bemerkenswert. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung haben sich ein paar Dinge im Kopf der Menschen verschoben und teilweise sogar grundlegend geändert. Für den gemeinen Ostberliner, aber auch für den Ursprungs-Sachsen, gebürtigen Erfurter oder Schweriner gibt es einen völlig neuen Gegner: den Wessi. Kein Unterschied, ob Kölner, Bayer oder Schwabe – der Westdeutsche ist der große Feind. Punkt.
    Plötzlich halten sie zusammen, die Schachtscheißer aus Zwickau und Fischköppe aus Rostock, die Thüringer und Brandenburger. Die Marzahner und Friedrichshainer. Ganz Ostdeutschland ist eine einzige solidarische Region; ein Land, in dem die Menschen zusammenrücken, ihre Ängste teilen, sich gegen die Übermacht von Drüben wehren und in ihrer gemeinsamen Vergangenheit schwelgen. Es ist vor allem die Generation meiner Eltern, die in ihrer „Superillu“ oder im MDR-Fernsehen über das Leben der ehemaligen Oststars informiert werden will. Bei allen Leuten aus Politik, Funk und Fernsehen mit entsprechendem Hintergrund vermelden sie eilig und stolz: „Der ist aber aus dem Osten.“

    Dresden23

    Ich kann da verständlicherweise nicht mitmachen. Ich habe seit vielen Jahren eine Freundin aus Westdeutschland und lese nicht gerne Berichte über die Pudhys, Herbert Köfer, Axel Schulz oder Ulf Kirsten. Für mich gibt es eigentlich kein Ost und West und mit Erstaunen habe ich einmal festgestellt, dass ich in allen 17 Bundesländern Freunde oder Bekannte habe. Auch habe ich heute überhaupt kein Problem mehr mit Leuten aus Sachsen und deren Sprache. Mittlerweile mag ich die Menschen aus Dresden, Leipzig, Aue und Zwickau sogar sehr und falls mich mal jemand von denen fragt, ob ich auch schon mal in Karl-Marx-Stadt, als Chemnitz noch so hieß, war, kann ich stolz und wahrheitsgemäß antworten: „Nuklear!“

    Hier gehts zur gekürzten Spiegel-Online-Version

    Das DDR-Buch “Mauergewinner” ist im Buchhandel, oder über amazon.de . käuflich zu erwerben

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    Trabi no go – Kindheit in der DDR

    18. März 2010 | von | Kategorie: Blog

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    Spiegel Online hatte gerade meine Trabi-Story auf der Startseite veröffentlicht. Lediglich von der (von Spiegel gewählten) Überschrift muss ich mich distanzieren, da es nicht “Kindheit im Plastikmobil” heißen muss, sondern – wenn schon ostdeutsch – “Plastemobil”. In meinem DDR-Buch heißt die ausführliche Geschichte sowieso “Trabi no go”, aber ich will ja nicht meckern.

    Hier der Einführungstext:
    “Zehn Jahre musste sie warten, dann nahm die Familie von Marko Schubert 1981 endlich ihren ersten Trabant entgegen. Treu fuhr der Pappkamerad die Familie durch die letzten Jahre der DDR – auch wenn die erste Übungsfahrt im Gartenzaun endete.”
    Und hier der Link:

    Kindheit im Plaste(!)mobil

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