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Kubanische Apfelsinen – Jugend in der DDR

1. Dezember 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!
leninplatz

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen empfiehlt sich: Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen
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Rechtswidrig – Jugend in der DDR

19. November 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Am 21. Mai 1988 lungern wir mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Sie tragen beide ein Skateboard unter dem Arm, ein echtes – aus dem Westen – wohlgemerkt.

Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Model gebastelt, welches aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuh-Rädern besteht. Man kann damit tatsächlich eine asphaltierte Straße herunterrollen, aber weder bremsen noch lenken. Richtig Scheiße sieht das Stullenbrett zudem aus, obwohl sie es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber verschönert hatten.

Tessi erhebt sich möglichst kuhl und schlendert den Jungs entgegen. Wir trotten, um Unauffälligkeit bemüht, lässig hinterher. Er flüstert: „Habt ihr die Aufgaben?“ „Was für’n Ding?“, antwortet der Größere. „Na für die Abschlussprüfung in Mathe“, kreischt Bommel aufgeregt aus dem Hintergrund. „Soll es die heute hier geben?“, antwortet der Typ plötzlich mit deutlichem Interesse. „Ja, oder am Alex wurde uns gefunkt“, klärt Tessi sie auf. „Ist doch rechtswidrig!“, murmelt der Heavy-Typ mit ernster Miene, bis er lauthals zu lachen beginnt. „Wenn ihr sie habt, sagt Bescheid. Die koofen wir euch ab!“ Wir paffen noch eine zusammen, bevor wir uns verabschieden. Die beiden Jungs nehmen den polierten Granit-Sockel unterhalb des Lenindenkmals mit ihren Brettern in Beschlag. Wir hingegen laufen durch endlose Neubauschluchten in Richtung Alexanderplatz.

Die Sache ist nämlich so, dass mehrere von uns in Mathe zwischen 4 und 5 stehen und sich eine 5 in der Abschlussprüfung nicht leisten können; obwohl die Mündliche noch retten könnte, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Doch statt eine sozialistische Lerngruppe zu gründen, am besten mit Matheolympiaden-Sieger Dirk, grübeln wir seit Wochen, ob es vielleicht eine einfachere Lösungen gibt. Zunächst hieß es, Andis Bruder Billy würde einen kennen, der einen kennt, der in der ND-Druckerei arbeitet. Wir hatten das Gebäude am Franz-Mehring-Platz sogar ausgekundschaftet, da ein nächtlicher Einbruch durchaus im Rahmen des Denkbaren lag. Doch dann erfuhr ich, dass die Zentrag den Druckauftrag für die Abschluss-Prüfungsfragen immer ganz kurzfristig vergibt, manchmal sogar nach Leipzig oder Magdeburg.

Nach dieser Info nahmen wir eine neue Fährte auf. Jemand aus dem Vorgänger-Jahr hatte Bergi gesteckt, dass die Prüfungsaufgaben Wochen vorher an verschiedenen Orten der Republik unter der Hand verkauft werden. Wir müssten nur die Ohren spitzen. Er selbst hätte sie für 300 Mark am Lenin- einige andere am Alexanderplatz erstanden. Alle Pfeifen, sogar der Kossart, hatten so bestanden.

Leider gehört der Alex nicht gerade zu den kleinsten Plätzen unserer Stadt. Obwohl das riesige Betonareal oft als gut überschaubarer Kundgebungsort genutzt wird, gibt es dort hunderte Ecken für geheime Übergaben wichtiger Dokumente. Am sinnvollsten erscheint es uns, zunächst an der Weltzeituhr zu schnüffeln. Die runde, gut zehn Meter hohe Uhr, auf der die Namen von 148 Städten verzeichnet sind – von denen wir wahrscheinlich 144 nie im Leben zu Gesicht bekommen – gilt als Touri-Attraktion. Dort muss man sich immer mit Ferienlager-Bekanntschaften verabreden, weil die sich sonst in Berlin verlaufen. „Treffpunkt um 20 Uhr an der Weltzeituhr“, scheinen leider auch heute hunderte Dörfler vorher ausgemacht zu haben.

„Das wird hart“, murmelt Tessi. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und versuchen am Gesichtsausdruck der Bürger festzustellen, ob sie etwas zu verbergen oder heimlich zu verkloppen haben. Ein bisschen kommen wir uns dabei wie die „Jung-Stasi“ aus Ostberlin vor und die meisten, die wir diskret von der Seite anquatschen, geben uns das auch in etwa zu verstehen.
Irgendwann hat Bommel die Schnauze voll und fragt einen Typen mit Marmorjeans aus der Jugendmode gerade heraus: „Verkaufst du vielleicht die Matheaufgaben?“ „Nuklear! Dreihunnerd Morg“ (Na klar. Für 300 Mark), nuschelt er im tiefsten sächsisch. Eiligst pfeifen wir alle zusammen und verschwinden mit ihm in eine dunkle Ecke des S-Bahnhofs. Tessi zieht sechs Fünfziger aus der Tasche und nur mir ist es zu verdanken, dass er nicht den Fehler seines Lebens macht.
„Das hatten wir doch gar nicht“, murmele ich beim Überfliegen, der auf Maschine getippten Fragen. Doch Sachsen-Jens gibt mir zu verstehen, dass dies sehr wohl die Mathe-Abschlussprüfungs-Fragen 1988 sind – für die 12. Klasse! „Scheißdreck, weißt du, ob hier auch einer die für die 10te verkauft?“, zischte ich. „Nuklear, dä Wännsdor am Delesporgel oder anna Nuddenbrosche“. Man braucht für den Typen echt einen Übersetzer – er meint wohl irgendwelche Kinder am Fernsehturm, den ein Berliner niemals Telespargel nennt! Und der Brunnen der Völkerfreundschaft wird auch nur von alten, geifernden Herren als Nuttenbrosche bezeichnet.

Egal, unterhalb der pfeilförmig verlaufenden Betonfaltdächer des Eingangs-Pavillons tummeln sich etliche elitäre DDR-Skater und noch mehr angesoffene Punks. Bei den Jungs mit den bunten Frisuren fällt es uns dennoch leichter, nachzufragen. Doch niemand hat jemals von denen gehört und nicht wenige wundern sich, warum wir uns überhaupt „so ‘ne Platte“ machen.
Ein Assi mit knallgelbem Irokesenschnitt wechselt sogar die Kassette und spult bis zum Song „Hurra, hurra die Schule brennt“ vor. Schon klar: für ihn spielt ein Mathe-Abschluss der 10. Klasse eine eher untergeordnete Rolle.

Auch am Brunnen gibt es keine Verkäufer nur etliche aufgetakelte Damen in ultrakurzen Miniröcken und Weststrumpfhosen. Uns junge Ossis finden die eher unattraktiv. Noch eine Woche lungern wir dennoch stundenlang am Alex herum, bevor wir es endgültig aufgeben und eine völlig neue Strategie ausarbeiten.

Als Herr Blase am 15. Juni die Prüfungsfragen und die Bögen, auf die Tische wirft, sind wir bestens vorbereitet. Die karierten, doppelseitigen Blätter sind oben rechts, damit niemand bescheißen kann, mit dem Schulstempel versehen & das ist gut so.

Grossi hatte uns im Vorfeld exakt diese Bögen besorgt und über Dirk waren wir an den Stempel gelangt. Keine Ahnung, was Bergi ihm angedroht hat; mit Sicherheit haben sie nicht darüber diskutiert, ob dies rechtswidrig sei. Jedenfalls entwendete er ihn aus dem Lehrerzimmer und legte ihn nach einer halben Stunde unauffällig wieder zurück an seinen Platz. Die im Akkord gestempelten Blätter waren für mich schon die halbe Miete, denn so konnte ich Formeln und Rechenwege auf die fälschungs-sicheren Papiere kritzeln und diese heute einfach auf die Schulbank legen. Es ist ein Luxus-Spickzettel. Lediglich Andi und Tessi verfolgen eine andere Taktik.

Nach 15 Minuten hebt Tessi seinen schwabbeligen Arm: „Herr Blase ich muss mal aufs Klo.“ „Warum warst du denn vorher nicht? In Ordnung, zisch ab und beeil dich.“, antwortet er ungewohnt verständnisvoll. Tessi ist tatschlich nach drei Minuten zurück und sofort ruft Andi: „Ich muss auch mal schnell für kleine Mädchen.“ Mit einer müden Handbewegung schickt er ihn zur Tür.

Was er nicht weiß: Die Beiden haben soeben lediglich die Fragen abgeschrieben – Tessi die ersten sechs und Andi die letzten fünf. In der mittleren Kabine des Klos, sitzt Kosbi aus dem Jahr über uns, der auch im ersten Jahr auf der EOS, eine glatte 1,0 hingelegt hat. Ohne übertriebene Hektik verlässt er mit den Prüfungsfragen das Gebäude und beantwortet sie dann in Rekordzeit in doppelter Ausführung bei sich zu Hause, bevor er wieder in das Kabuff am Ende des Ganges zurückkehrt.

Bergi und Bommel wurden dazu auserkoren, nach 50, bzw. 55 Minuten (die Prüfung dauert 90), die fast vollständigen Antworten auf den karierten, gestempelten Blättern abzuholen, ums sie Tessi und Andi zu überreichen. Unser kleinster Freund macht sich dabei beinahe in die Hose. Wenig später ertönt seine berühmte kindliche Lache.

„Ist was Uwe?“, fragt der Lehrer. „Nee, alles gut Herr Blase. Habe gerade die Lösung gefunden!“ Alle schmunzeln und Didi ruft: „Na dann erzähl doch mal“, doch Blase ermahnt ihn, das Reden augenblicklich einzustellen.
Zwei Jungs schauen währenddessen nicht einmal auf, denn sie übertragen gehetzt Kosbis Lösungen auf ihre Blätter. Dann quäkt der Lehrer: „Stifte sofort auf den Tisch legen, wer jetzt noch schreibt, bekommt eine Fünf. Und nun einzeln nach vorn kommen und die Bögen in diese Kiste werfen.“ Er freut sich darauf, endlich in seinem Lehrerkabinett eine zu rauchen. Wir uns auch – draußen an der frischen Luft.

Die Prüfungen werden – so hören wir zumindest – von Lehrern aus anderen Schulen benotet. In einigen Tagen wird Herr Blase somit erfahren, dass die größten Luschen, Versager und Verweigerer der 10 B, die schriftlichen Mathematik-Prüfungen mit einer hervorragenden Note abgeschlossen haben.
Wird er versuchen, uns zu unterstellen, oder gar zu beweisen, dass wir beschissen haben? Wird er uns in der Mündlichen ordentlich vorführen? Ich denke nicht. Er wird die guten Zensuren im Kolloquium als Erfolg eines begabten Mathematik-Lehrers verkaufen und einsehen, dass unsere Bewertungen nunmehr rechtskräftig sind.
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Trabi no go! – Kindheit in der DDR

18. September 2017 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Als wir 1981 unseren ersten Trabant geliefert bekamen, hing ich mit meinem Bruder Benny zwei Stunden am Fenster. Vorher hatten wir zehn Jahre auf unser erstes Auto gewartet, aber diese beiden letzten Stunden, in denen wir unseren Vater herbeisehnten, der mit dem neuen Auto um die Ecke bog, waren die schlimmsten. Als die komplette Familie dann auf dem großen Parkplatz vor unserem Neubaublock stand, konnten wir Kinder gar nicht fassen, dass wir von nun an mit diesem tollen Auto in den Garten, in den Urlaub und zum Tierpark fahren würden.

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Liebevoll und anerkennend strichen wir über den Lack. Vater lud uns sofort auf eine Probefahrt ein und erzählte mit trockener Stimme meiner Mutter von der Übergabe im IFA-Autohaus in der Rummelsburger Straße: Nachdem er dem Mann mit dem Autoschlüssel die 12.000 Mark in bar in die Hand gedrückt hatte, wurde er schweigend zu seinem neuen Auto geführt. Ringsum auf dem großen Hof standen die schicken Wartburgs und Ladas, die hier auch ausgeliefert wurden.

Schnell wurde das neue Auto mit dem Kennzeichen I-FY-6-38 nur noch “Iffy” gerufen. Unser Vater erklärte uns zahllose Male, dass wir echt Schwein gehabt hätten, da er das Modell Trabant 601 S bekommen hatte. Was genau am Auto jetzt die Bezeichnung “S” für Sonderwunsch rechtfertigte, konnten wir zwar nicht identifizieren, wahrscheinlich stand es dafür, dass das Ding nicht schon nach einem Jahr komplett auseinander fiel. Das Sachsenring-Werk in Zwickau hatte uns ein Pappauto in Champagnerbeige gefertigt – ziemlich vornehm hörte sich das an. Da es in unserer Kaufhalle nur eine Sektsorte gab, stellte ich mir den unbekannten, edlen Champagner jahrelang in der Farbe dieser Autolackierung vor – also dunkelgelb.

Drei Trabis klein

Die erste Übungsfahrt endete im Gartenzaun

Nach vier Tagen stolzen Besitzes fuhren wir mit unserem neuen Trabi zum ersten Mal in unsere Datsche nach Karow. Dort redete ich so lange auf meinen Vater ein, bis er es zuließ, dass ich unter Anleitung auch einmal fahren durfte. Hätten wir gewusst, dass ich später zweimal bei der praktischen Führerscheinprüfung durchfallen würde, Vater hätte sicherlich anders entschieden. So aber nahm er mich auf dem Fahrersitz auf seinen Schoß und wir fuhren wie zwei Bobfahrer los. Ich lenkte und bremste, er bediente das Gas und die Hebel-Gangschaltung.

Straßen gab es in der Kleingartenanlage nicht; die einzelnen Gärten waren nur durch schmale Feldwege verbunden. Schon in der ersten, ernst zu nehmenden Kurve gab es Probleme. Irgendwie stimmte die Koordination zwischen uns beiden nicht, denn ich lenkte zu früh ein und Vater gab entschieden zu viel Gas. Wir durchbrachen mit einem Knall den Zaun der Familie Billreimer, und meine erste Autofahrt endete auf deren exakt gestutzten grünen Rasen. Ich heulte, Vater schimpfte, Mutter schrie aus der Ferne und mein Bruder grinste über den zerborstenen Zaun.

Mauer Knutschen

Nachdem mein Vater den Trabi irgendwie zurück bugsiert hatte, musste er sofort mit Herrn Billreimer mehrere Biere und Versöhnungsschnäpse trinken. Bald kamen weitere Gartennachbarn, um ihren Diskussions- und Bierbeitrag zu geben. Es entwickelte sich ein großes fröhliches Fest zu Ehren unseres Trabi-Crashs.

Hitzekollaps auf der Rückbank

Am nächsten Morgen waren einige Dinge klar: Alle Erwachsenen hatten einen mörderischen Kater, der Zaun musste auf drei Metern von uns neu gemacht werden und ich bekam ein langes Fahrverbot. Obwohl das champagnerbeige Pappvehikel der S-Klasse bis auf ein paar Schrammen und eine kleine Delle an der Stoßstange nichts weiter abbekommen hatte, lenkte ich die restliche Zeit der real existierenden DDR kein Auto mehr.

Vor der Mauer

Dafür fuhren wir mit der Familie oft genug mit Iffy. Zum Beispiel in den Urlaub nach Ungarn, woran ich mich heute noch erinnere, als sei es gerade gestern gewesen. Denn bevor wir losfuhren, hatten wir früh um 5 Uhr auf unserem Parkplatz “die Brille auf”, wie mein Vater zu sagen pflegte. Er meinte damit: Jetzt haben wir ein Problem! Wir standen vor dem Trabi und sahen, dass kein einziges weiteres Gepäckstück in den kleinen Flitzer passen würde. Im Kofferraum war jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und Ablage stapelten sich schon mehrere Taschen. Mein Vater war ein 110-Kilo-Mann, meine Mutter auch eher rundlich, und als sich dann auch noch ihre dicken Kinder dort hinten hineinquetschten, wog die Kiste sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.

Als wir uns schließlich doch noch irgendwie auf den Weg in Richtung CSSR machten, ahnten wir noch nicht, dass dies der heißeste Tag des Jahres werden sollte. Zwischen Prag und Brno standen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi hinten die Fenster nicht herunterkurbeln kann, bekamen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gierten nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumten von Ungarn und malten uns eine eiskalte Coca-Cola an den Ufern der Donau aus, dachten an Budapest mit Hot-Dog-Ständen, an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden.

Plötzlich blinkte die Warnleuchte

Vor der Mauer 2

Doch kurz vor der magischen Grenze begann plötzlich eine der wenigen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fuhr sofort hektisch auf einen Rastplatz. Wir kamen an die frische Luft und ich lernte wieder einmal dazu. Statt die Kühlerhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, stieg er aus und ging sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Nur kurze Zeit später standen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto, schauten auf die Anzeigen und unter die Motorhaube. Mein Vater lehnte zuhörend an der Fahrertür und spornte die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß heute nicht mehr, was Iffys Problem gewesen war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michael, obwohl sie es zunächst ablehnten, jeder zehn Mark bekamen und wir weiterfahren konnten.

Im Frühjahr 1989 verkauften meine Eltern unser geliebtes Gefährt, um den neuen vollkommen gesichtslosen, papyrusweißen Trabi bezahlen zu können. Der junge Lkw-Schlosser Kai aus Friedrichsfelde hatte sicher einige Monate später nach dem Mauerfall “die Brille auf”, als er feststellte, dass unser Trabi total durchgerostet war, einige Stellen mit Beton gekittet waren und vor allem, dass er meinem Vater schlappe 11.000 Mark für dieses Wrack in die Hand gedrückt hatte.

Trabi Mauerloch

Bereits 1991 fuhr mein Vater einen weißen, gebrauchten VW-Polo. Der Trabant war verschwunden, doch die Erinnerungen blieben. Er hatte uns nicht nur nach Budapest gebracht. In der CSSR luden wir ihn mit Glitschi-Tieren voll. Diese Nachbildungen aus Gummi fanden wir genial und sogar Vater lächelte, wenn wir die Gummi-Schlange während der Fahrt von hinten über Mutters Hals legten und sie wie am Spieß schrie. Im selben Urlaub rasten wir in Zelesny Brod mit ihr zum dortigen Zahnarzt, da sie einen Zahn verloren hatte und nun aussah wie die Hexe Babajaga aus den russischen Filmen.

In Prag mussten wir eine hohe Strafe bezahlen, da wir genau vor dem Hradschin auf den Parkplätzen der tschechoslowakischen Staatsregierung geparkt hatten. Bis meine Eltern Reisetabletten entdeckten, erbrach ich bei jeder Fahrt in den Wagen. Es stank jedes Mal extrem nach Kinderkotze. Der kleine Trabi hatte körbeweise Maronen und Steinpilze aus brandenburgischen Wäldern, unseren ersten Farbfernseher, den großen Kühlschrank und die schwere Waschmaschine transportiert. Ohne größere Pannen oder Unfälle war er unser Steuermann durch eine bald endende DDR gewesen.

Vor der Mauer

Vor kurzem holte mich Göte, einer meiner besten Freunde und ebenso ehemaliger armer Ostschlucker, mit einem dunkelblauen Porsche-Cabrio vor meiner Wohnung in Friedrichshain ab. Ich zeigte dem Angeber einen Vogel, doch schon nach den ersten rasanten Metern auf der Karl-Marx-Allee brüllte ich in den nächtlichen Abendhimmel: “Iffy, wo immer du jetzt bist, du fehlst mir überhaupt nicht. Aber falls du in einer vollkommen anderen Karosserie wiedergeboren werden solltest, mit gemütlichen Sitzen, Klimaautomatik, elektrischen Fensterhebern und diesem Motor, komm vorbei und wir fahren zusammen nach Budapest, Prag oder Zelesny Brod. Ich kotze dich dann auch nicht voll. Versprochen.”

Vorm Bus

Das Video:

Trabi-Rallye 2010

…und hier die Story bei Spiegel Online

Bestellen kann man “Mauergewinner” zum Beispiel bei amazon.de
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Abhängig – Jugend in der DDR

8. September 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog


Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend „mal“ am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern. An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus dem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Abhängigkeit war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn – mit roten Äderchen auf der Nase – zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte.

Da mir die Jugendweihe aber zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine Boutique in der Sophienstraße. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich tatsächlich alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch richtig Scheiße aus. So richtig!
Die Feierstunde verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ und “Auf, auf zum Kampf” gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.

Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später „mal“ am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder schlappe 1.540,- Mark hingeblättert! Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer, trank mein Bier in einem Zug aus und rief „Prosit!“ in die Runde. Alle lachten gerührt.

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Der Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Wie viele Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers. Beschwipst lauschte ich dem beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um einige sinnlose Artikel den Gästen vorzutragen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen, leicht schwankenden, Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und selbst in Restaurants wurden wir angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Um 20 Uhr war bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit einer Pulle in der Hand und brüllten: “Auf, auf zum Kampf zum Kampf!”. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – etliche sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.
Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts.

Heute habe ich einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf wenige Ausnahmen sind die abhängigen Säufer alles Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit den Jungs die Halben im „Rockz“ hinter die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, während sie immer noch am ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich sogar ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen.
Es war also doch der Westen schuld!
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Ziemlich anzüglich – Jugend in der DDR

18. August 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

Nach dem Abschluss der 10. Klasse will ich an die Ostsee fahren. Didi hat dort mit seinen Eltern einen Dauercampingplatz in Prerow und seine Alten sind gerade nicht da. Mittlerweile gehört es zu den Gepflogenheiten, überallhin zu trampen und so stehe ich am Freitagabend – es dämmert bereits – in Pankow-Heinersdorf an der Autobahn-Auffahrt und halte den Daumen in die Höhe.

Beim Trampen trifft man gelegentlich auf zwielichtige Gestalten, aber diesmal habe ich Glück, denn es hält ein weißer Trabi mit zwei jungen Frauen. „Wo willst du denn hin Jungchen?“, fragt mich die eine gut gelaunt und als ich mein Ziel nenne, ruft die Beifahrerin vergnügt: „Bis Rostock nehmen wir dich mit!“ Sie steigt aus, klappt den Sitz nach vorn und drückt mich mit den Händen am Po auf die Rückbank, wo ich mich zwischen unzähligen Weiberklamotten wiederfinde. Über die ruckelige Fahrt kann ich nichts Spannendes berichten, da sich die Mädchen zwar köstlich amüsieren, mich dabei aber gänzlich ignorieren. Egal, ich komme der Ostsee immer näher und mit den Worten: „Na dann viel Glück, Lütter“, lassen sie mich in Bentwisch, an der Landstraße heraus.

Nun heißt es bangen, denn es ist mittlerweile stockdunkel und wird immer frischer. Genervt mache ich mir ein Rucksack-Bier auf und warte. Und warte. Und laufe auf und ab und mache Kniebeugen, Liegestütze und ziehe meine lange Hose und meinen Pulli an – und warte. Gegen Mitternacht, niemand will mich bei stark abnehmendem Verkehr mitnehmen, entdecke an der Straße eine Bushaltestelle. Auf der Bank kann ich mich zumindest ein wenig lang machen und zur Not auch bis zum nächsten Morgen in der Tiefenschwärze der Nacht ausharren. Wie eine Fata Morgana taucht plötzlich ein papyrusweißer Trabi mit zwei albernden Frauen in der Fahrgastzelle auf – und hält!

„Mensch, Jungchen, bist ja immer noch da. Willst du nicht bei uns pennen?“, ruft mir die eine aus der heruntergekurbelten Scheibe zu. Die Szene hat Bums. „Wie’n jetzt?“, frage ich irritiert und finde mich fünf Minuten später im Wohnzimmer eines wohlig-warmen Hauses wieder. Antje und Jasmin studieren in Berlin. Soeben sind sie von einer Party in Rostock ins sturmfreie Haus von Jasmins Eltern zurückgekehrt. Beide sind schon etwas hinüber, mixen sich aber sogleich eine Grüne Wiese mit Curacao und kubanischen Apfelsinen Marke „Berlin Import“. Ich bleibe bei Deutschem Pilsner und entspanne mich allmählich, denn weder Antje noch Jasmin sind so anmutig, wie die noch immer in meinen Träumen vorkommenden Schatzkästchen-Mädchen Annika und Jaqueline, deren vollkommenen Brüste und Spreewald-feuchte Scham ich in so manchem Traum schon gestreichelt habe.
Es sind ganz gewöhnliche Mädels, mit denen man nicht groß angeben kann und vor denen man keine Angst haben braucht, auch wenn sie drei, vier Jahre älter sind.
Ich unterschätze sie und genau das macht sie so gefährlich! Lüstern schlecken sie an den grünen Schalen der Orangen und bewerfen sich gegenseitig damit. Ein Hauch von Erotik wabert durchs Wohnzimmer. Dann holen sie Kaffee-Likör aus der elterlichen Bar und gießen auch mir eine tiefe Tasse ein.

Jasmin geht aufs Klo. Sogleich schmiegt sich Antje an mich und plötzlich spüre ich ihre Bereitschaft zur Hingabe – und eine Hand am Reißverschluss meiner Hose. Von Ost-Südfrüchten verklebte Finger berühren mein immer größer werdendes unschuldiges Glied. ‚Heute werde ich das durchziehen’, denke ich tapfer.

Als Jasmin zurückkehrt, verschwindet Antje hektisch im Bad. Sie ist weniger kuschelig und starrt auf meine ausgebeulte Jeans. „Biste eigentlich noch Jungfrau, Jungchen?“, fragt sie kühl. „Wieso, willste ficken?“, pariere ich. Mein Kopf nimmt die Farbe von Kirchen und Erdbeeren an, wenngleich hier nur Apfelsinen herumliegen. Aber Begierde macht wahrscheinlich auch meine Birne orange. „Na du bist ja vielleicht ‘ne versauter Type?“, murmelt sie und verlässt den Raum. Wenig später wirft sie mir eine Decke auf die Couch und verschwindet dann wortlos.
Bei Jasmin war ich wohl etwas zu unanständig gewesen, aber dass sie Antje gleich davon erzählen musste, während meine Erektion fast schon schmerzte, schmerzt. Mit glühendem Schädel werfe ich mich aufs Bett und möchte in aller Ruhe weinen.

Es brennt noch eine Kerze und plötzlich erscheint die Silhouette einer Frau mit vollen Brüsten auf der gegenüberliegenden Wand. Zu viel Bier, zu viel KaLi, zu viel Stress, denn ich spürt zwei warme Hände auf meinem Rücken. Als ich mich umdrehte, steht ein äußerst begehrenswertes Mädchen splitterfasernackt vor mir. Jasmin legt mir einen Finger auf die Lippen, nimmt meine Hand und führt mich auf leisen Sohlen ins Ehebett ihrer Eltern.

Ich verzichte nach dieser Nacht darauf, nach Prerow weiter zu reisen. Denn als mich Jasmin am nächsten Morgen „Markiboy“ nennt und mich ins Bad unter die heiße Dusche zieht, wo ich nicht mehr die blaue Badehose aus alten Tagen tragen muss, weiß ich: ich bin gekommen, um zu bleiben.

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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Benny eiskalt – Jugend in der DDR

22. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Am 24. März 1986 sitze ich zusammen mit den Jungs im Alfclub. Wir diskutieren noch immer über das Spiel bei Lok Leipzig am Wochenende. Besonders Andi, der gerade im Chefsessel hockt, verteidigt den Stumpf-Elfmeter in der 94. Minute bis aufs Blut, wohl auch, weil seine Atze Billy der größte Union-Fan weit und breit ist und er sich das nur bei uns trauen darf. „Ein Spiel dauert 90 Minuten plus BFC-Nachspielzeit“, tönt er. Zuhause – und in der restlichen Republik – gäbe es dafür tierisch aufs Maul. Wir nicken gelangweilt, da die Meisterschaft durch das späte Tor von Frank Pastor nun fast schon wieder entschieden ist.
Plötzlich stürmen Henry und Daley zur Tür hinein. „Kinder haben hier gar nüscht zu suchen“, brüllt ausgerechnet Bommel, der einen halben Kopf kleiner als die beiden ist. Es sind Bennys beste Kumpels, die zwei bis drei Jahre jünger als wir sind. Daley wird in Anlehnung an Daley Thompson (den schwarzen Zehnkämpfer) so genannt, weil seine Haut fast durchsichtig und kreideweiß ist. Doch auch der sonst so quirlige Henry hat gerade keine gesunde Gesichtsfarbe.
„Mark, deine Keule ist verschwunden!“, ruft er mir aufgeregt zu. Es ist 19 Uhr und schon Dunkel draußen, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. „Wann habt ihr ihn denn das letzte Mal gesehen“, antworte ich daher entspannt. „Also wir haben vorhin Verstecken gespielt und suchen ihn eigentlich schon seit halb sechse“.

Augenblicklich wird mir gleichzeitig heiß und kalt. „Und wo?“ „Also ich habe mit dem Kopf am Denkmal, ohne zu Schmulen, bis 100 gezählt und dann angefangen zu suchen. Nur Mike konnte abschlagen – alle anderen habe ich vorher gefunden. Außer Benny. Der ist irgendwie nicht wieder aufgetaucht, aber ich dachte, du kennst ja deine Keule, dass …“ „Nun erzähl hier mal keine Romane Piepel“, unterbricht ihn Bergi. „Ihr wart also am Lenindenkmal?“ „Ja, aber …“ „Und wo habt ihr schon überall gesucht?“, fragt er, während ich genau diese Überlegung in Gedanken anstelle: ‚Wo könnte sich der kleine, neunmalkluge Scheißer versteckt haben? ‘
Ich liebe meinen Bruder. Wir verstehen und trotz des Altersunterschiedes prächtig und oftmals staune ich darüber, welche Energie er darin verwendet, mich in diversen Spielen zu schlagen. Versteckspielen – ohne auffindbar zu sein – hatte er mir auch schon einmal im Garten in Karow angetan. Letztendlich entdeckte ich ihn dann mit hämmerndem Herzen in einer Kiesgrube, aus der er allein nicht mehr herauskam. Ich wäre vor Sorge fast gestorben und ließ ihn zur Strafe bis zum Mittagessen darin hocken. „Marki, das kannst du doch nicht machen. Marki, ich habe Hunger“, hörte ich es aus der Ferne wimmern. Doch Benny verpetzt nie jemanden und ist nicht nur deshalb bei all seinen Freunden hochgradig beliebt.
Auch meine Jungs mögen ihn und so schließen sich alle hilfsbereit dem Suchtrupp in Richtung Leninplatz an. Auf dem Weg rätseln wir weiter, auf welche Versteck-Idee er wohl gekommen sei, stellen aber bald ernüchternd fest, dass es dafür hunderte gäbe – das Einzugsgebiet riesig ist. Bevor wir uns aufteilen, bitte ich dennoch um weitere Bedenkzeit, da ich ihn ja wahrscheinlich am besten kenne.

Ins Hochhaus hat er sich eher nicht verkrochen. Benny leidet, wie sein Bruder, unter Höhenangst und gerade die Treppenhaus-Balkone im 25-Stöcker wären der blanke Horror. Genau wie die Müllschlucker-Räume oder die regelmäßig steckenbleibenden Fahrstühle. Wobei nach denen mal einer schauen könnte.
Pattere, im Café am Leninplatz oder im Speiserestaurant Baikal, hätten sie ihn auf dem Klo oder beim Naschen von Spanferkel-Resten in der Küche schon längst entdeckt und entfernt – fällt also auch aus!
Den S-Block und den U-Block (unsere Mutter nennt sie „Schlange“ und „Bumerang“, was außer ihr kein Mensch sagt) halte ich auch für unwahrscheinlich, da sie zu weit vom Abschlage-Mal entfernt sind.
An den Volkspark Friedrichshain mit seinen gruseligen Wäldern und Büschen voller Kinderschänder, die sich im Dunkeln dort herumtreiben sollen, will ich gar nicht erst denken. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass er sich an den ollen Köhlerhütten noch schnell eine Bockwurst gekauft hat, aber spätestens nach zwanzig Minuten wäre er gut gesättigt wieder aufgetaucht.
Bliebe noch die Baugrube zwischen dem Grünen Block und der Lenin-Kaufhalle. Doch die ist laut Bommel seit letzter Woche verschwunden, obwohl ich ihn in meinem Inneren schon flehentlich „Marki“ habe rufen hören.
„Moment mal“, brülle ich Henry plötzlich an. „Hat sich von euch schon mal einer in der Kaufhalle versteckt?“ „Ach du meine Nase. Benny hat heute irgendwas von den Kühltruhen da drinnen erzählt.“ Beim Gedanken an die kalten Geräte wird mir wieder heiß, denn mir fällt ein, dass dieses Gerede schon am Sonntag begann.

Unsere Mutter erzählte während des Polizeirufs 110, der gerade im Fernsehen lief, dass bei ihrer Ausbildung in Zwickau mal ein Lehrling ums Leben gekommen war. Er war beim Versteckspielen (!) in einen Industriekühlschrank geklettert und wurde dort erst nach sechs Stunden gefunden. „Der war natürlich längst erfroren, weil man einen Kühlschrank von innen nämlich nicht aufbekommt!“, erklärte sie oberlehrerhaft. Benny wollte das partout nicht glauben, doch unser Gerät bot keine Gelegenheit, dies auszuprobieren. Benny, alias Paule Platsch (wie er zu Hause noch immer genannt wird), hätte dort nicht nur wegen der vielen Bierflaschen und der großen blauen Wurstschachtel einfach nicht hineingepasst.

„Scheiße, hat die Koofi noch offen?“, rufe ich in die Runde, obwohl ich ja wissen müsste, dass dies nach 19 Uhr nicht mehr der Fall sein wird. Um mich selbst zu beruhigen und nicht an den langsam einsetzenden Kältetod meines geliebten Bruders zu denken, erzähle ich den anderen, dass er am Sonnabend erfahren hat (was allerdings auch wahr ist), dass es jetzt endlich auch „Benny-Eislöffel“ gibt.

Seit ich denken kann, sucht er, tief hineingebeugt in die Kühltruhen sämtlicher Kaufhallen der DDR, nach einem dieser Miniatur-Plastik-Löffel mit seinem Namen. Fast alle Klassenkameraden schien es im Sortiment zu geben – nur seinen eben nicht. Als er in Wismar dann auch noch zwischen all dem Moskauer Waffeleis und Hexenküssen einen „Mark-Löffel“ ans Licht beförderte, verstärkte sich die Manie.
„Und dann hat er beim Suchen die Zeit vergessen und wurde eingeschlossen“, sagt Daley grinsend. Er ahnt ja nicht, dass meine Keule gerade in einer der Kühltruhe – wie in einem Sarg – liegt, weil er sie von innen nicht mehr aufbekommt. „Schnauze“, ruft Bommel, „sonst kriegste was hinter deine weißen Löffel.“ Mir ist noch immer arschwarm obwohl wir nur kühle fünf Grad haben. Ich taumele zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Und wie kommen wir jetzt in die Koofi?“, fragt Torte die einzig vernünftige Frage. „Sollen wir einbrechen?“ Ich weiß, dass er das mit einem Dietrich wahrscheinlich hinbekommen würde und falls nicht, würde Andi die brachiale Methode anwenden und eine Scheibe einschmeißen. Aber das ist mir zu heiß. Auch zur Volkspolizei in die Friedensstraße möchte ich nicht gehen, da die uns kennen und das Ganze für einen üblen Scherz halten werden – während mein Bruder längst steifgefroren ist und der Herzschlag langsam aussetzt.

„Vielleicht gehen wir erst mal kieken“, meint Torte, der heute wirklich durchdachte Ansätze hat. Ich renne über die Mollstraße hinüber zur riesigen Fensterfront der Kaufhalle. ‚Wie soll ich das meinen Eltern erklären, wie soll ich den Schmerz und die Trauer jemals verdrängen‘, denke ich und hämmere gegen das Glas. Nichts!
„Benny!“, brüllt Henry plötzlich vom anderen Ende. Er war schlauer gewesen und hatte in Höhe der Eisschränke an die Fenster gekloppt. Atemlos erreiche ich ihn und sehe, dass Benny von Innen an der Scheibe klebt. Sein Gesichtsausdruck wandelt gerade von extrem geschockt, hin zu total erleichtert. Dann grinst er sein berühmtes Grinsen. Er zuckt mit den Schultern und deutet übermütig auf den Pappbecher mit Schokoladenimitat-Eis in seiner Hand. Darin befinden sich drei dieser winzigen Plastiklöffel.
Letztendlich fällt Andi ein, dass die Mutter von Ute als hochdekorierte Verkäuferin in der Leninkaufhalle arbeitet und für Havarie-Fälle einen Schlüssel besitzt. Doch weder er noch einer Jungs traut sich zu fragen, da Ute – seit Andi sie zugunsten von Lydia entsorgt hatte – nicht sehr gut auf uns zu sprechen ist. Schließlich überzeugen wir ausgerechnet Astrid zu klingeln. Sie ist in unseren Reihen als ausgesprochene Meisterdiebin wohlbekannt. Allerdings klaut sie eher in der Büsching-Kaufhalle.
Und Assi ist kuhl. Sie gibt Benny als ihren Bruder aus, erzählt aber sonst keine Fantasie-Geschichten, sondern einfach, dass er versehentlich eingeschlossen wurde und sie deshalb zu Hause nicht reinkommt, weil er die Wohnungsschlüssel hat.

Während des Aufschließens verstecken wir uns im Gebüsch. Benny kommt heraus, das Kinn schuldbewusst auf die Brust gelegt und wir hören, wie Utes Mutter ihm hinterher ruft: „Nun aber schnell ins Bettchen, mein Kleiner“. Bommel macht sich fast in die Hose. Als er bei uns ist, packe ihn mit beiden Händen an den eiskalten Ohren. Ich bin kurz davor, ihm einen Satz heiße zu verpassen, sage jedoch: „Na du bist mir vielleicht ein Kunde!“ Meine Freunde grinsen. „Marki, eigentlich wollte ich mich nur verstecken, aber dann fiel mir der Eislöffel ein. Ich habe alle Truhen von oben bis unten durchwühlt und weißt du, was ich gefunden habe: Bernd, Benjamin, Benno und dann war plötzlich abgeschlossen.“ Die Jungs feixen, da er mal wieder fantasiert. „Aber ich hab mir überlegt, im Werken aus dem Benno einen Benny zu schnitzen. Was meinst du?“ Ohne groß zu überlegen, antworte ich: „Das kannst du sehr gerne machen. Aber versprich mir, dass du niemals probierst, ob ein Eisschrank auch von Innen wieder aufgeht, okay Dicker?“ Die anderen wundern sich zwar über meine Antwort, folgen uns aber – ohne nachzufragen – gut gelaunt in Richtung Alfclub. Auf dem Weg flüstert mir meine Keule ins Ohr: „Würde ich mich nie trauen“. ‚Schlaues Kind‘, denke ich gerührt. „Aber zusammen können wir es doch mal testen, oder?“, ruft er mir zu, bevor er lachend Henry und Daley hinterher rennt.
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Vergänglichkeit – Jugend in der DDR

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

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Am 6. Oktober 1989 werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Direktor Seibt darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Wink-Elementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Frankfurter Allee gehen werden. Michael Gorbatschow würde in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 40igsten Jahrestag der Republik eintreffen.
Gorbi ist natürlich in aller Munde. Was in der Sowjetunion gerade in Sachen Öffnung und Reformen geschieht, die Nachrichten erreichen uns seit Monaten ausschließlich aus dem Westfernsehen, ist fast schon zu unglaublich, um wahr zu sein. Die Bedeutung seiner Ankunft in der DDR ist all meinen Freunden sofort klar: wir haben drei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen ohne Gesänge in die „Broilerbar“ zum gemeinsamen Frühshoppen absetzen!
Mit Ottmar, Roman, Ecki, Koffer, Bernd und Matze ist die Trinkerjugend der Friedrich-Engels-EOS bald vollzählig angetreten. Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand der großen Allee vermissen und schon gar nicht hier auftauchen. Im hiesigen Radio läuft „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ von Stefan Remmler.
Nach dem dritten Halben schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, den sympathisch wirkenden Mann mit dem Muttermal auf der Glatze würde ich auch gerne mal aus der Nähe sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten feixender Jungs und erfreue mich des Lebens. Irgendwann ertönt von draußen aus tausenden Kehlen: „Gorbi, Gorbi, Gorbi!“ Als wir uns endlich entschließen hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Wagen aber schon auf Höhe des Frankfurter Tors. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt Matze. Alle wissen: er ist hacke und blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich bereits in Richtung Schule verduftet, doch als Ottmar und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch: unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar Noten hinein, die das Problem vorerst beheben. Doch was macht mein bester, angetrunkener Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel. Und dann geschieht das Unglück: der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf der Ablage der Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine schmale Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Ottmar klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das Klassenbuch zu gelangen. „Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Ulf befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Der Tisch steht eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Spinner verschwindet. Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“ „Blumberg, du Arschloch“ zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. André Blumberg ist der Klassenbuch-Beauftragte und eigentlich ganz okay, auch weil er nicht zu den Spackos gehört, die sich 25 Jahre für die NVA verpflichtet haben. Ottmar klärt ihn auf und wir versprechen, das Ding nach der Stunde heraus zu fummeln. Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits einige Noten manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.

Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch die alte Kamerat ihren Auftritt hat. Unsere Geschichtslehrerin ist eine Hundertprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Ottmar und ich murmeln: „Immer breit“, wobei wir heute wirklich mal einen im Turm haben. Die Lehrerin will sich setzen – und knallt mit den Knien scheppernd gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibfachs. „Auuuua“, jault sie. Ottmar flüstert: „Der steht ja falsch herum“, während Ronny und Mirco eilig den Lehrertisch wieder so drehen, dass die Kamerat ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Blumberg glotzt uns fragend an. Wir lachen innerlich bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheits-Eintrag im Buch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 40. Jahrestag der DDR einzustimmen, ohne dabei ein einziges Mal die Worte Perestroika und Glasnost zu erwähnen, welche tagtäglich aus dem West-TV auf uns niederprasseln. Stattdessen hat sie Honeckers Losung „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ verinnerlicht und hält langatmige Reden über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 40 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Ja, wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Claudia und weckt Ottmar und mich damit aus dem Wachkoma. Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute der Schule zum Fackelzug am Abend treffen, so als ob das alle beträfe. Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das stark eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Blumberg schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.
Als ich in die Raucherecke komme, steht dort Nadja Mustar. Wir sind allein. Es war in der 7. Klasse als ich mich an der POS das erste Mal in sie verliebte. Auch dort ging sie in die Parallelklasse, sodass ich die schwarzhaarige Traumfrau nur während der Hofpausen und beim Englisch sah und mit klopfendem Herzen beobachten konnte. Sie war das mit Abstand schönste Mädchen der Schule und jetzt, vier Jahre später, das erotischste Wesen weit und breit.
Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Damals in der „Käte Duncker“ hatte ich versucht, über ihre Freundin Simone Jungblut an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis zur EOS nie wieder ein Wort mit mir sprach.

Während Nadja sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich, obwohl ich längst keine Wisent- und Boxerjeans mehr trage, noch immer wie ein grauer Ostschlumpf auf. Fast erwarte ich, dass sie mich mit den Worten „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Sie fragt jedoch: „Mark, gehst du mit zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das „Schrauben-Locker“-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja. Irgendwie ist diese Zeit doch etwas ganz Besonderes. Außerdem will ich Gorbi noch einmal sehen. Aus meiner Klasse gehen aber nur Idioten hin. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“
Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt dort, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckungssuchend im Schatten des Denkmals warte ich. Nadja scheint sich zu freuen. Sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße fahren.
Zum Fackelzug der FDJ wurden die 80.000 Besten, oder Staatstreuesten aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass wieder einmal die Vokohila-Fraktion aus Sachsen in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd aus Polyestergemisch mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel. Auch ich – allerdings locker aus der Hose hängend, mit hochgeklappten Kragen und großzügig aufgeknöpft, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, muss ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt vor Erregung fast kotzen. Sie trägt nicht einmal einen BH und ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit dieser Frau!

Stabilehrer Koschwitz ist auch erregt und brüllt: „Schön dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Wir haben sogar noch eine Fackel übrig. Der Blumberg hat sich den Fuß umgeknickt“ Ich binde mir den Anorak, wie Nadja zuvor ihre Lewis-Jeansjacke, um die Hüften und trabe mit einer mittlerweile unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor. Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast weitermarschieren. Ein Sachsen-Paul, der mit riesiger FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „FDJ, SED, alles ist bei uns okay!“. Wahrscheinlich soll er damit die Dankbarkeit der Jugend zum Ausdruck bringen und ist sich der Zweideutigkeit seiner Worte gar nicht bewusst, denn bei „uns“ ist doch eigentlich immer (!) alles okay. Etliche Jugendliche brüllen mit und stimmen danach „Spaniens Himmel“ an. Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der FDJler haben dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze noch weiter aufknöpft. Mein Herz!

Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast der Republik angelangt sind, gibt diese zarte Frau plötzlich Urschreie von sich: „Gorbi, Gorbi, Gorbi“, kreischt sie und Hunderte, wenn nicht gar Tausende schließen sich an.

Besonders „Honni“ Honecker, Aurich und Ceausescu glotzen blöd aus der Wäsche, während der Angehimmelte würdevoll lächelnd in die Menge winkt. Vor uns sind „Perestroika“-Rufe zu hören und weiter hinten hält jemand ein Schild in die Höhe, auf dem einfach nur „Scheiße“ steht. Junge Männer in Kunstleder-Jacken versuchen sich zum Träger durchzukämpfen. Ich schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht und flüstere: „Ist ja doch ganz spannend hier“ Sie lächelt. Man bin ich verknallt!
Auf Höhe des Alex löst sich der Pulk auf, da dort Container für die Fackeln und Busse für die Dörfler stehen. Ich will mit Nadja noch einkehren, doch sie überredet mich im Café am Leninplatz, zwei Flaschen Rotwein an der Bar zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Der Wein ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, zieht mich langsam zu sich heran und gibt mir den zärtlichsten Zungenkuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.

Am Donnerstag, den 11. Oktober treffe ich mich mit Ottmar und Roman im HDJT. Irgendwann kommen wir auf Nadja zu sprechen, woraufhin ich den Fackelzug rekapituliere. Doch Ottmar stutzt: „Davon hast du mir gar nichts erzählt! Dann bist du ja einer der wenigen, abgesehen von den MfS-Schweinen, die am 6. und am 7. Oktober mit dabei waren.“ „Habe ich auch noch nicht drüber nachgedacht“, sage ich.
Am 7.10. 89 war ich mit ihm, Matze und Bernd auf der Demo am Alex zusammen mit einer „Gorbi, hilf uns“ und „Wir sind das Volk“ skandierenden Menge von etwa 3.000 Leuten gewesen. Vor der Spree wurden wir von bewaffneten Organen jäh gestoppt.

An diesem Tag feierten die Oberen und ihre Staatsgäste im grell erleuchten Palast gerade den 40. Geburtstag der DDR, während die Untergebenen aufbegehrten.
„Vielleicht haben die Idioten vor drei Tagen ja den letzten Jahrestag der Republik gefeiert“, sagt Roman mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. „Dann können sie auch gleich den Palazzo Prozzo entsorgen“, stimmt Ottmar ein. „Aber bitte nicht das Lenindenkmal“, gebe ich meinen Senf dazu. Was an dem Abend nach dem Fackelzug geschehen ist, habe ich bisher wohlweislich verschwiegen. „Nichts ist unvergänglich“, protestiert Roman „Alles hat ein Ende. Selbst unsere Freundschaft wird irgendwann vorbei sein, spätestens wenn wir sterben.“ ‚Allerspätestens jedoch‘, denke ich ‚wenn diese schaurig-schöne Welt in Flammen untergeht‘.
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Zum Weiterlesen: “Berlin Leninplatz” von Mark Scheppert
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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
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Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
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Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
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Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
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Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Silvesterparty – Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Jugend in der DDR

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

M.S.Eigentlich müsste ich meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, da sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.
Aber das geht leider nicht, denn heute beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blickende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecher-Durchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinen heulen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel, oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Hängebauch-Schweinen. Manche erheben sich in einer Gondel des Riesenrads in die Lüfte unter dem Fernsehturm. Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel. Dirk, Lars und Andi trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen die urst einfetzen und welche es sonst in meiner Stadt nicht gibt.
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Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn an der „Lotterie“ oder nach Treffern beim Dosenwerfen – in totalen Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt eigentlich immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, da die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit ‘nen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind wir endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten, nicht mehr so zu umgehen. Ganz ehrlich: da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12.86 geht es auf ein „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain und wen treffen wir? Richtig: die Wagenbach mit ihrem Stasi-Macker. Der Kerl wird eigentlich nur so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Ostberlins ist. Keiner meiner Freunde mag ihn. „Na Mark, hast du denn schon deine Aufgabe erledigt?“, fragt mich die 24jährige Traumfrau mit einem Lächeln. „Ja, klar doch Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch mal in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die Blicke meines Vaters im Rücken.

Erst vor wenigen Wochen lümmelte ich wie gewohnt auf dem Teppich herum und hörte Hey Music. „Musst du keine Hausaufgaben machen, du Faultier?“, fragte er, als ob ihn das was angehen würde. Ich reagierte genervt: „Wie hast du eigentlich deine Schule abgeschlossen?“ „Mit Zwei!“ „Okay, ich werde besser sein und jetzt mach bitte die Tür hinter dir zu.“ Es war meine allererste Ansage gegenüber meines zwar nicht sonderlich strengen, aber körperlich noch immer sehr überlegenen Vaters gewesen. „Zum Glück hast du Bitte gesagt“, murmelte er und verschwand dann summend – es lief gerade „Depeche Mode“ – aus dem Zimmer.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Vielleicht schaffst du es ja doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Der böse Mann im schwarzen Leder ist derweil zum zugefrorenen Ententeich weitergelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil Benny während der kuhlen Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand leicht verstaucht. Wir kehren um.
Am 27.12. ist mein Bruder wieder einmal zu Gast im Krankenraus Friedrichshain. Seit er sechs Jahre ist, ruft er immer, wenn wir dort mit der Straßenbahn vorbeifahren: „Hier war ich schon mal.“ Dort wird nach elendig langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gips-Arm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Couch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater fast in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die Westdeutschen haben mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer, weshalb die ARD-Reporter fast durchdrehen. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
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Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein, ist meistens ganz okay. Der Bierkönig schaut sich am 30.12. mit uns das Wertungsspringen in Obersdorf im Wachkoma im West-TV an, da er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens wäre. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hat. Alle freuen sich aufs Neujahrs-Springen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir zum Glück nicht mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, dass die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben verschont bleiben, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennung am Unterarm. Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal. Aua!“, brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart. Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter. Dann schauen alle wie gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor all den Neubaublöcken in die Nacht starten. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort zu erleben.
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Während Benny wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen (wenig Saft – viele Kerne) neben sich liegend – auf der Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche meine Leute aus der elterlichen Wohnung, zurück in den Club-Keller zu treiben. Zum Glück hatte Didi nur unten gereihert (schade um die Buletten) und da auch mein Vater qualmt, wird der Geruch hoffentlich nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert durch die Luft. Plötzlich ruft Bommel aufgeregt aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“. Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle vergessenen Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.
„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns Mark!“, lallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Andi, doch alle schauen mich fragend an, während ich geheimnisvoll in mich hineingrinse. Aber eigentlich weiß ich ja selbst nicht, ob ich ihr Versprechen, sich für mich einzusetzen, oder die Kotzaktion für mich behalten soll.
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„Alles klar. Na dann, ein schönes Neues Jahr“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block.
Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Simon & Garfunkel Amiga-LP auf, träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.
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