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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
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Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
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Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
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Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Ein 7. Oktober mit dem Honeckerzombie – Kindheit in der DDR

13. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Ohne Palast der Republik
Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde. Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
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Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten. Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober. Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
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Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

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Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah. Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.
Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.
Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
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Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.
Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
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In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.
Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.
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Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Als ich abends an den Häusern der Karl-Marx-Allee vorbeikam, war die einsame DDR-Fahne, die hier heute früh baumelte, verschwunden. Ich steckte mein Fotohandy wieder ein und dachte: „Dann gibt es das Bild eben nächstes Jahr.“ 2009, zum 60. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik. Mit eigener Fahne!

Zum Weiterlesen im Buch Mauergewinner

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Nachspiel: Deutschland vs. Ghana – Brasilien 2014

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110239Danny und Jenna gehen nach dem Konzert ins Hotel, doch ich habe mein Zeitgefühl längst verloren und streune mit Erni in eine vermeintlich gefährliche Ecke der Stadt. Gerade als wir einsichtig umkehren wollen, hören wir verlockende Musik auf der anderen Straßenseite. Etliche Einheimische aber auch Deutsche in Nationaltrikots stehen dort vor einer Art Disco und plaudern. Ein kahl-rasierter Typ brüllt genau in diesem Moment: „Zieh dein Scheiß-Ölaugen-Trikot aus, du Fotze“. Der Drecks-Nazi und seine Jungs, deren Herkunft ich nicht verraten will, um diesen Verein nicht in Misskredit zu bringen, beschimpfen einen Kerl, weil er ein Özil-Trikot trägt. „Verbisst euch ihr Benner“, ruft Erni unfassbar mutig. Ich zupfe ihm am Ärmel, doch seine Nase bleibt heil, da die Deutschen mit Hirn deutlich in der Überzahl sind. Die vier Spasten hauen Richtung Puff (O-Ton) ab. Solche Typen werden für immer Feinde bleiben – bis wir sterben. Wir hingegen taumeln Seit an Seit mit unseren Freunden „Özil“, „Boateng“ und „Podolski“ ins Verderben.
Unter gewissen Umständen, wie übermäßigem Alkoholgenuss oder fiesen Adrenalin-Ausschüttungen, verliere ich im Leben noch immer die Kontrolle über den Verstand, denn in der Bar gibt es Frauen, die nicht von dieser Welt sind. Nur zögerlich kann ich den Blick von all den erotisch glänzenden Schenkeln und Brüsten dunkelhäutiger Schönheiten abwenden, die hier ekstatisch und mit Hüftschwung Lambada und Samba zelebrieren. Manchmal will ich noch immer begehrenswert sein – möchte mir nicht eingestehen, dass die besten Jahre längst vorbei sind. Auf Fotos des heutigen Tages sehe ich zehn Jahre jünger aus und habe ein lässiges Leuchten in den Augen.
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Auf dem Parkett schwebt ein Paar so unfassbar sexy durch den Laden, dass es mich nach einer Caipi packt und ich eine schönbusige Frau zum Tanz auffordere. Die Anmutige nickt und greift mir sofort an die Hüften. Doch der Schwof dauert genau eine Minute, da ich nicht in der Lage bin, ihren Rhythmus auch nur ansatzweise mitzugehen. Ich torkele und stolpere eher neben ihr her. ‚Scheiße, ein Brasilien-Gen besitze ich wahrlich nicht‘, denke ich, als sie mich sanft von sich schiebt, einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückt und „não“ flüstert.
Plötzlich spielen sie „Nossa, Nossa“ – das bisher erste bekannte Lied in meinen Ohren. Wenig später schlängelt sich eine 200köpfige „Polonaise“ durch die Disco – angeführt von Erni. Alle haben sich angeschlossen und steigen nun kreischend über Tische und Stühle bevor sie mein Freund unter den klaren Sternenhimmel führt. Das Verhältnis von Deutschen und Brasilianern liegt bei 1:7, doch in gemeinsamer Leidenschaft bricht der Laden fast zusammen.
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Die kaffeebraune Schönheit hinter mir versucht die Köpfe meiner Hose zu öffnen, um an meine Genitalien zu gelangen und Erni brüllt von vorn: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“ Plötzlich ist da ist so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Nur für diesen Moment hat sich diese Reise schon gelohnt. Behutsam führe ich die Hand zurück auf meine Schulter während eine feuchte Zunge an meinem Hals herumschleckt. Ich drehe mich um und rufe: „Não!“, da die begehrenswerteste Frau der Welt genau 2.014 Schritte entfernt schläft. Außerdem weiß ich, dass ich beim brasilianischen Sexrhythmus genauso grandios versagen würde.
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Erni kommt freudestrahlend mit einer Chica im Schlepptau an – ein Traumpaar. Er fragt: „Kannste mir mal nen Hunderter borgen?“ Auch mein Freund hat sicher keine Ambitionen fremd zu vögeln und will der Zauberfee nur noch einen Drink spendieren. Zumindest realisiere ich, dass er schon wieder pleite ist – Zeit zu gehen. Arm in Arm wanken wir aus dem Laden und singen „Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego, ai se eu te pego“. Etliche Frauen, die wir in den letzten vier Stunden gesehen und berührt hatten, haben uns fast um den Verstand gebracht. Es ist 5 Uhr.

An der Strandpromenade ist noch immer etwas los. Zwei Teams spielen auf dem warmen Pflaster Fußball und etliche Zuschauerinnen und Jungs diverser Nationen schauen dabei zu. Erni legt seine Deutschlandfahne hinter eines, der aus zwei Pullen bestehenden Tore und brüllt: „Wir fordern!“ Ein lustiger Braunschweiger namens Tommy, den wir im Club kennengelernt hatten, sieht das und ruft: „Ey, mit euch sind wir endlich sieben!“ Um eine steinerne Bank machen sich sogleich vier weitere Jungs startklar. Ich kann nicht fassen, was nun geschieht, aber Mateo und Jesus aus Kolumbien, der Chilene Amaro und David aus der Schweiz meinen es todesernst. Tommy sowieso.
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Derweil verlieren „brave Brasilianer“ gegen oberkörperfreie „Favela-Boys“ deutlich. Überheblich lächelnd winken sie uns heran. In 2 x 10 Minuten wollen sie uns, den „Bunten“ – wir tragen alle ein Trikot unseres Heimatlandes – zeigen, wer die ultimativen Herren des Strandes von Fortaleza sind.

Erni geht ins Tor. Ich bilde mit David die Abwehrkette, die Kolumbianer spielen im Mittelfeld und Tommy orientiert sich zusammen mit Amaro in die Spitze. Direkt nach dem Anstoß sprintet der Chilene nach vorn. Jesus spielt einen nahezu perfekten Pass ins Abwehrzentrum des Gegners, doch Amaro schiebt den Ball knapp an der linken Bierdose vorbei. Sofort antworten die Brasilianer mit einen langen Ball hinter unsere zu weit aufgerückten Kolumbianer. Ich döse ein wenig und mit einer leichten Körpertäuschung ist mein Gegner an mir vorbei. Der hat nun freie Bahn und schießt platziert ins linke Eck. 1:0 für Brasilien. Auf den Zuschauertribünen wird gejubelt. ‚Na das geht ja gut los‘, denke ich während Jesus und Mateo toben und Erni den Ball holt. Ich wechsele in den Kasten. Meinem knapp acht Jahre jüngeren Freund, der bis zur A-Jugend fast auf Drittliga-Niveau in der Abwehr gespielt hat, wäre dieser Fehler sicher nicht unterlaufen. Zudem bin ich schon nach drei Sprints außer Atem, triefe nach Schweiß und spüre den immensen Alkohol in meinen Adern pulsieren.
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Nach dem Anstoß sehe ich wie genial Jesus und Mateo miteinander harmonieren. Gekonnt passen sie knapp zehnmal hin- und her ohne das die verblüfften Brasilianer an den Ball gelangen. Erst jetzt grätscht einer dazwischen. Ecke. Jesus schaut kurz auf und flankt dann präzise in die Mitte. Kein einziger Gegner springt hoch und so fliegt der Ball zu Tommy, der ihn kurz fixiert und dann – etwas unbeholfen – in Richtung Tor köpft. Doch unerreichbar segelt dieser ins gegnerische Tor. „Viel zu hoch“, deutet der Torwart an, aber der bullige Chef unseres Gegners schüttelt den Kopf und schleppt den Ball zum Mittelkreis. 1:1.
Wütend rennen sie nun an, doch Erni bekommt den Ball schnell unter Kontrolle und passt hinüber zu David, der diesen augenblicklich zu Jesus hinüberschiebt. Blind spielt dieser weiter zu Amado. Drei Brasilianer schauen apathisch hinterher. Unser Chile schießt den Torwart an, aber der Abpraller kommt genau zu ihm zurück und im Nachschuss versenkt er ihn eiskalt. Wie krass – wir führen! Das ist ja so, als wenn ich mit Jenna zwei überlegene türkische Jungs in Kreuzberg zum Tischfußball bitte und wir nur durch unkonventionelle Spielweise eine Chance haben. Doch unsere Südamerikaner im Team spielen nicht unkonventionell – sondern granatenstark. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“, feiert sich Amado selbst.
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Fast schon panisch rennen sie nun gegen uns an. Ich kann einen Ball lässig vor deren Stürmer aufnehmen und werfe weit ab hinüber zu Mateo. Der passt halbhoch zu Jesus, welcher das Ding per Direktabnahme aus gut 10 Metern knallhart ins rechte Eck hineinzimmert. 1:3 – ich fasse es nicht.
Um uns herum ist es mittlerweile still geworden. Die Zuschauerinnen – vermutlich sind auch Freundinnen der Spieler anwesend – verharren in ungläubigem Staunen. Sie fragen sich wahrscheinlich gerade auch, ob das wirklich wahr ist. Erni kommt angerannt und singt mir ins Ohr: „Oh wie ist das schön…“
Nach dem Anstoß will keiner von denen den Ball so richtig haben. Aus frech-lachenden, barfüßigen Straßenkickern sind Feiglinge geworden. Der arrogante Glaube, die Allergrößten zu sein, ist allmählich verflogen. Ihr Boss staucht sie immer wieder – wild gestikulierend – zusammen.
Jesus nutzt die Unentschlossenheit und spielt links hinüber auf Tommy, der ihn sofort auf den nach vorne gesprinteten Kolumbianer zurückkickt. Kinderleicht schiebt er den Ball zwischen die Pfosten. Jetzt sprinten wir alle nach vorn und umarmen den Doppeltorschützen. Das Spiel ist nach 8 Minuten eigentlich entschieden. Doch noch ist nicht Halbzeit. Ich mache es mir im Tor gemütlich, denn die Brasilianer schaffen es nicht, an David und Erni vorbeizukommen. Mittlerweile brüllen Leute von draußen „Olé“ nach jedem unserer Pässe zum Mitspieler. Und das ist oft, da die planlos agierenden Gegner fast gar nicht mehr an den Ball kommen. Matteo schiebt den Ball rechts auf Jesus, der sofort durchstartet, jedoch nicht abschließt, sondern zurück in die Mitte spielt. Dort wartet bereits sein Kumpel, der ihn übermütig mit der Hacke ins Tor kickt. Ich träume nicht. Es steht 5:1 für uns Ausländer. Was für eine Tracht Prügel – was für eine Demütigung!
Während der kurzen Pause spendiert uns ein brasilianischer Familienvater eine Runde Bier. Keine Ahnung, ob er jemals auf dem Pflaster von Fortaleza eine solch peinliche Vorführung der heimischen Jungs gesehen hat. Andererseits vermute ich allmählich, dass auch Jesus, Mateo und Amado in ihrer Heimat durchaus für gute Kicks am Strand oder im Verein bekannt sind.
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Nach dem Seitenwechsel können wir es uns leisten, mich aus dem Tor zu nehmen. Ich tausche mit Tommy, der etwas außer Puste ist. Ein Gegner ist nun nicht mehr vorhanden, sodass auch ich mit dem Ball am – mittlerweile blutverklebten – Fuß ungestört auf dem Spielfeld entlang spazieren kann. Als ich quer nach innen flanke, sehe ich gar nicht, dass sich auch Erni nach vorn orientiert hat. Zum Glück verpasst Jesus, denn so gelangt mein Freund an den Ball und knallt ihn per Vollspann dem Torwart zwischen die Beine. Getunnelt – Höchststrafe – 1:6. Der Kerl sackt zwischen den Pfosten in sich zusammen, während ich Erni auf den Rücken springe und wir gemeinsam zu Boden stürzen. Tommy kommt aus dem Tor gerannt und auch der Schweizer David schließt sich uns an. Gemeinsam krauchen wir auf Knien als „Raupe“ über den Platz. Unsere Südamerikaner staunen über so viel Ekstase und in den Gesichtern des Gegners ist eine Mischung aus Schock und Scham zu sehen.
Kurz darauf geschieht das Ungeheuerliche. Nein, wie bekommen keine aufs Maul und werden auch nicht mit vorgehaltenem Haifischmesser dazu gezwungen noch sechs Stück reinzulassen. Der Chef der Brasilianer schnappt sich mit einer Fresse, die aussieht als ob er Zahnschmerzen hätte, den Ball, ruft seinen Jungs etwas zu und verschwindet dann mit ihnen in Richtung der Häuserschluchten.
Der Torwart dreht sich noch einmal um und zeigt ein Fuck-Off, doch nach dreißig Sekunden sind die entzauberten Herren des Strandes verschwunden. Kampflos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben. Deutschland-Kolumbien-Schweiz-Chile hat Brasilien auf eigenem Boden während der WM 2014 mit 6:1 bezwungen. Wir liegen uns in den Armen und brüllen kollektiv den Klassiker: „We are the champions.“
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Jeder von uns weiß nun, dass die Heimmannschaft auch in der Heimat zu schlagen ist. „Vielleicht gewinnen unser Jungs ja noch höher gegen die“, brülle ich Erni in einem Anfall von Größenwahn zu und meine damit unsere Nationalmannschaft. Frühestens im Halbfinale kann es zur Partie gegen Brasilien kommen.

Und noch etwas anders töne ich: „Ich fahre übrigens zurück nach Recife zum Spiel gegen die Amis. Wir sind ja nur einmal bei einer Fußball-WM. Sylvie wird das ganz sicher verstehen. Bist du dabei?“ „Nuklear“ (na klar) schallt es zurück. Auch er will eine Fortsetzung des Gesamtkunstwerkes aus Spiel, Spaß und Emotionen!

Noch lange sitzen wir mit Menschen aus aller Welt zusammen und erleben während des Sonnenaufgangs über Fortalezas Honiglippenbucht einen weiteren Augenblick für die Ewigkeit. Ein sehr junges Mädchen, die mit ihrer Familie noch immer hier und wach ist, entdeckt meine DDR-Fahne und klettert mit dieser auf einen Betonsockel. Dort breitet sie sie vor dem Körper aus und beginnt mit liebreizender Stimme zu singen: „Eu sou alemão, com muito orgulho, com muito amor.“ Tommy und Erni stimmen sofort ein. Ich jedoch bestaune mit offenem Mund das Schauspiel und suche in meinem Hirn nach einem Wort, welches auch nur ansatzweise meine Gefühle beschreiben kann.
Dieses Wort gibt es nicht. Also stimme ich mit Inbrunst ein und schmettere es in Richtung Pazifik: „Ja, ich bin Deutscher, mit Stolz und mit viel Liebe!“
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Das Spiel: Deutschland vs. Ghana in Brasilien 2014

5. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110210Bei der Einlasskontrolle müssen wir die Karten auf einen Scanner legen. Es leuchtet grün und meine Augen auf der anderen Seite strahlend blau. Wir sind drin! Noch haben wir eine Stunde Zeit bis zum Spielbeginn und so schlendern wir durch den Innenring fast einmal ums Stadion. Dummerweise haben wir Karten in verschieden Sektoren: vier Tickets in Kategorie 2 zu 135 Dollar und nur zwei in der günstigeren 3er (zu 90 US-Dollar), wobei das der Deutschland-Block ist. Dennoch entscheiden wir uns für die vermeintlich bessere Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass wir dort nur einen einschmuggeln müssen. Der Witz: wir gelangen ohne kontrolliert zu werden auf 1-A-Sitze. Direkt daneben gibt es Plätze für „Behinderte“, die es heute augenscheinlich nicht gibt. Enri hockt sich hin.
Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit werden wir das Match nah am Spielfeld auf Höhe einer Eckfahne verfolgen und die Schwüle einfach wegsaugen. Um uns herum sind unzählige Landsleute, sodass auch hier das Barometer sicher auf Stimmungs-Hochdruck geeicht ist. Direkt vor dem Tor tanzt sich die Ghana-Kolonie ein und vor ihnen drehen die Fußballer ihre Runden. Sylvie zoomt heran und macht lebensgroße Fotos von all den Helden, die den Titel hoffentlich in drei Wochen mit nach Hause bringen werden.
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Plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches – mit mir. Beim Einlauf der Teams verspüre ich von jetzt auf sofort keinerlei Hektik mehr, bin nicht mehr angespannt oder aufgeregt – in meinem Herzen herrscht gespenstische Ruh. Alle um mich herum und die Spieler singen die Nationalhymne, nur Jerome Boateng und ich schweigen, denn bei mir läuft gerade ein anderer Film. In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies kein Fußballbuch sei. Heute sind etwa 15.000 Landsleute mit uns im Stadion – von 80 Millionen Einwohnern. Jetzt fühle ich mich durchaus dazu berufen, mein Werk so zu nennen!
Mein Zeitgefühl kommt mir abhanden. Die Minuten vor Beginn der Partie können im Nachgang nur 10 aber auch 100 gewesen sein.
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Mit noch etwas anderem liebäugelt mein Hirn. Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt, Sylvie zu fragen, ob sie mich heiraten will? Ich hatte ihr 2006, als ich die Fußball-WM daheim nicht erleben durfte, die Pistole auf die Brust gesetzt: Falls jemals eine WM in Brasilien stattfinden sollte, fahren wir hin – ohne Rücksicht auf das, was gerade im Leben ansteht. Wir sind hier! Kann es ein schöneres eingelöstes Versprechen geben? Es soll im Leben eines Mannes ja nur drei Frauen geben, von denen man glaubt, dass es die richtige ist. Ich habe meine eine längst gefunden. Doch was spricht eigentlich dagegen, mit ihr in ewiger Liebe als Traumpaar und beste Freunde durchs Leben ziehen? Erni bringt mich zurück in die Wirklichkeit, denn er brüllt: „Nu ghana losgehen“. Das Spiel geht los!
Schon nach wenigen Ballberührungen herrscht Unruhe im Stadion. Nicht auf dem Platz, sondern im Oberring – direkt gegenüber. Heerscharen von Ordnern sammeln gerade hektisch die Banner unsere Freunde aus Dubaiern, Halle an der Saale und Gladbach ein – so sieht es zumindest aus der Ferne aus. Ein Pfeifkonzert und „FIFA raus“ schallt zu uns hinüber. Dass Zaunfahnen ein elementarer Bestandteil der Fankultur sind, vergessen die Weltverband-Idioten mal wieder, zumal die Sponsoren ja sowieso in einer Art FIFA-Dauerwerbesendung allgegenwärtig sind. Falls auf der Videotafel das Original-TV-Bild übertragen wird, schwenken sie außerdem nur sehr selten in die Fanblocks, was Erni, der permanent in eine Zuschauer-Kamera winkt, augenscheinlich scheiße findet. Unsere Bier-Fahnen wehen weiterhin durch die Arena – ohne Konsequenzen.
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Das Spiel hingegen ist weniger aufregend. Ein Hin- und Her im Mittelfeld und Ghana hat sogar die bessere Spielanlage, weil die Deutschen das Tempo arg verschleppen. Lediglich Kroos serviert gewohnt seine überheblich-eleganten Pässe und auch Özil gefällt mir im Gegensatz zu Götze ganz gut. Im Boateng-Bruderduell gewinnt Jerome gegen Kevin-Prinz jeden Zweikampf. Gute Ansätze, aber Torchancen kann sich Deutschland – im Gegensatz zu den Afrikanern – kaum herausspielen. Sind die echt besser als Portugal?
Auch das Liedgut lässt zu wünschen übrig. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören und „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“, wobei man an den „Sitzenbleibern“ sieht, wie viele Brasilianer im Stadion sind. Die besingen das müde Gekicke mit: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor.“ Aus tausenden Kehlen schallt es wie ein Manifest durchs Oval. Sie spielen heute nicht – feiern sich aber selbst, mit großem Stolz und viel Liebe. Zur Pause steht es 0:0.

Wir lassen uns vom Ergebnis die Laune nicht verderben. Unsere Frauen holen die nächste Runde Souvenirs, Jenna fachsimpelt mit mir und Erni klettert vier Reihen hinauf, um sich mit drei Schönheiten fotografieren zu lassen. Die Hübschen halten ein riesiges Plakat in die Höhe: „Jetzt wird wieder geMüllert und geHumeltst“, ist dort zu lesen. Gerade drücken sie meinem Freund einen Fußballball in die Hand, den er hin- und herschwingen soll. Auch sie wollen ins Fernsehen, was nicht gelingen wird, denn in Deutschland läuft momentan sicherlich die „tageschau“ oder FIFA-Werbung. Plötzlich hängen die Zaunfahnen gegenüber wieder. Mal sehen, ob wir wenigstens dieses Duell gewinnen werden.
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Danny und Sylvie kommen mit zehn Brahma-Bechern rechtzeitig zurück, um beim Blick auf die Anzeigetafel fast zeitgleich den legendären Satz zu rufen: „Was ist denn ein Shkodran Mustafi?“ Okay, den Typen kannte ich bisher selbst kaum und nur weil auf der Videoleinwand auch der Name J. Boateng daneben steht, weiß ich, dass er gerade eingewechselt wurde. Schon krass, was für eine multikulturelle Truppe unser Team geworden ist. Schön krass!
Deutschland spielt jetzt auf das gegenüberliegende Tor und es sind erst wenige Minuten gespielt, als Müller von rechts in die Mitte flankt und Mario Götze der Ball irgendwie auf den Kopf und dann ans Knie prallt. Egal – das Ding ist urplötzlich im Netz. Tooor! Mit meinen Freunden vollführe ich den wüstesten Jubel-Pogo unseres Lebens. Sind wir bescheuert, oder was? Nein! Es ist unser Premieren-Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. ‚Der Götze ist ja doch nicht so übel‘, denke ich, während ich im Pulk mehrere Treppenstufen hinuntertreibe.
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Als wir uns wieder gefangen haben, flitzt ein mit Filzstift bemalter, bärtiger Typ auf den Rasen. Sylvie zoomt heran und es schaut so aus, als ob der Spinner SS-Runen auf seinem Arschloch-Körper zur Schau stellt. Abführen! Eine Minute später patzt Lahm und Ghana stürmt sofort auf unser Tor zu. Nach einer Flanke köpft Ayew unbedrängt von Shkodran und Per Mertesacker ein. Ausgleich – Scheiße!
Schon in den ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit wurde mehr Herzinfarkt-Risiko erzeugt, als in unserem ganzen WM-Fanleben. Deutschland hängt mächtig in den Seilen & wir kommen eben aus diesem Land. Das macht uns dünnhäutig.
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Danny reißt mich herum: „Das halte ich nicht mehr aus – mach was!“, denn plötzlich entdecken auch die Brasilianer ihr „Coração“ (Herz) für den Außenseiter. „Gana, Gana, Gana“, schallt es durchs Rund und direkt unter uns beschwört ein krass geschminkter Voodoo-Priester seine schwarzen Brüder. Es nun ein wilder Schlagabtausch und es gibt Riesenchancen auf beiden Seiten – doch nur Ghana trifft. Der erste Rückstand bei der WM und ich hoffe sogleich, dass es der letzte sein wird. Torschütze Gyan und der irre Medizinmann im Ghana-Block lassen sich feiern. Die Brasilianer starten eine La-Ola, die (fast) durchs ganze Stadion rollt. Die letzten Minuten kamen mir vor wie im Zeitraffer. Was für ein Drama!
Sylvie schreit mir ins Ohr: „Anscheinend wird Deutschland doch nicht Weltmeister.“ „Nein, scheinbar wird Deutschland nicht Weltmeister“, brülle ich zurück, denn endlich habe ich den Unterschied zwischen den Wörtern kapiert. Der Schein trügt, natürlich holen wir den Titel! Rede ich mir gut zu. Allerdings haben sich die neutralen Fans nun komplett auf die Seite des Gegners gestellt. Es stürmt gerade aber auch nur eine Mannschaft – und das ist Ghana. Atempause. Ecke für Deutschland. Kroos flankt präzise in den Strafraum, Höwedes verlängert geschickt und Klose – gerade erst eingewechselt – staubt ab. Tooor, Salto, Ausgleich – Wahnsinn! Es folgt der wüsteste Jubel-Tanz unseres Lebens. Mehr Glückshormone können nicht durch einen Körper schwappen. Wir kullern im Knäul hinunter bis zum Zaun. Weiter geht es mit völlig irrationalem, unkontrolliertem Offensivfußball von beiden Seiten. Erni reißt mich aus dem Geschehen: „Pixie schreibt gerade, dass Miro den fetten Ronaldo jetzt eingeholt hat“, dabei ist es mir scheißegal, wie viele Tore Klose bei WMs (jetzt 15) macht – Hauptsache er kann sich mal Weltmeister nennen. Ich brülle mit ihm hemmungslos: „Miro Klose! Miro Klose! Miro Klose!“
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Nach einer vergebenen Großchance von Müller endet das Spiel mit 2:2. Der liegt beim Schlusspfiff blutüberströmt am Boden. Aber auch ich bin fix und alle. Noch nie habe ich eine Partie mit solch einer brodelnden Intensität im Stadion verfolgt. Sylvie umarmt mich lange und Danny ruft mir in Jennas Armen liegend zu: „Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus.“ Sie spricht mir aus dem Herzen.
Zwei Typen mit schwarz-weiß gestreiften Trikots quatschen uns nach dem Spiel an. Wir wären ja abgegangen, wie sie – Fans aus São Paulo – plappernd sie drauflos. Anscheinend haben sie uns während der Partie beobachtet. Sie spendieren Erni (dem cleveren, geldknappen „Corintians-Fan“) zwei Bier.
Als wir die Arena eine Stunde nach Abpfiff verlassen, versinkt die Sonne gerade in den Häuserschluchten von Fortaleza und hinter dem glitzernden Pazifik. Ich bin noch immer so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich dies zwar wahrnehme, aber gar nicht so richtig zu würdigen weiß. Sonst würde ich in diesem Augenblick heulen.

Wir laufen zurück wie wir gekommen waren. Unterwegs steht mitten auf der Straße ein einsamer Plastikstuhl. Ich muss mich kurz sammeln, ausruhen, wieder zu Kräften kommen und will meinem Herzschlag lauschen. Erni hält den Augenblick inmitten der Massen in einem Bild fest. Es wird das Fußball-Foto – von mir – für die Ewigkeit.
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Zurück in der Stadt entern wir zielsicher ein Kilo-Restaurant. Als erfahrener Brasilen-Reisender erläutert Jenna den Frischlingen, dass sie sich bitte keine Kartoffeln oder sonstigen Beilagen-Quatsch auf die Teller packen sollen, da an der Kasse nur das Gewicht zählt. Fleisch, Würste, Fisch, Krebse, Garnelen und Gemüse im Überfluss gibt es auch für Erni, dem Danny 100 Real geliehen hatte, da sie unsere dummen Sprüche nicht länger ertragen konnte. Im Gegensatz zu mir macht Sylvie das Gelage müde. Sie verzieht sich ins Hotel. Ohne mein Mädchen taumeln wir in ein Konzert auf dem Fanfest. Ein dicker Sänger namens „Pericles“ heizt dort mit dunkelschwarzer Engelsstimme und Bigband in einer Mischung aus Samba-Reggea-Ska den Massen ein. Erni und ich schlagen uns in die vordersten Reihen durch. Dort bemerkt mein Kumpel, dass wir direkt vor der fest installierten Kamera stehen, die alle dreißig Sekunden ins Publikum schwenkt. Er greift mir an die Hose und zieht die DDR-Fahne aus der Schlaufe. Jede halbe Minute lachen wir nun – Tränen.
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Ausschließlich umgeben von krass abgehenden brasilienbraunen Jungs und beinahe barbusigen Schönheiten erschaffen wir ein durch den Zufall inszeniertes Bühnenbild. „Ordem e progresso“ und „Hammer, Sichel und Ehrenkranz“ werden von gut 5.000 Leuten nun alle 30 Sekunden gesehen, während alle dabei in Ekstase zur Musik springen. Brasilien feiert mit den zwei Ossis. Glückswellen durchziehen meinen Körper. Die besten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Was für ein perfekter Tag!
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Das Vorspiel: Deutschland gegen Ghana – Brasilien 2014

30. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110187Durch die Samba-Bar schlängelt sich eine 200köpfige Polonaise, angeführt von Erni. Fast alle Gäste haben sich – gegenseitig an die Schulter fassend – angeschlossen und steigen gerade kreischend über Tische und Stühle bevor uns mein Freund nach draußen unter den 5-Sterne-Sternenhimmel leitet. In brasilianisch-deutscher Leidenschaft bricht der Laden gerade fast zusammen und ich ahne schon jetzt, dass ich mich noch lange an diesen Abend erinnern werde. Erni brüllt mir von vorne zu: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“
Plötzlich erwache ich aus einem Traum, der im Juli 1990 begann und stelle fest, dass ich mich im Juni 2014 in der Wirklichkeit befinde. Ich habe so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Allein für diesen magischen Moment haben sich diese Nacht, die Reise und das Leben gelohnt!

In Fortaleza hat sich einiges verändert. Wahrscheinlich nur WM-Fassade, doch ein Unterschied zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig, gefährlich und save ist im Zentrum nicht erkennbar. Es gibt kaum Dreck, keine offenen Abwasserkanäle, wirr verzweigte Stromkabel, oder gar verlumpte Kids in dreckigen Shirts und verbeulten Sandalen. Die Innenstadt ist touristenfreundlich geworden. Mich irritiert das nicht, denn alle Menschen, die wir am Vortag des Deutschland-Spiels treffen, ob jung oder alt, Brasilianer, Schweizer, Franzose, oder Ghanaer tragen ein eingemeißeltes Lächeln im Gesicht. Heile Welt, denn sogar die Polizisten sind zuvorkommend.
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Wir wohnen unweit meiner geliebten Honiglippenbucht in Iracema und genau dort haben sie auch die Fanmeile mit zwei Mega-Leinwänden inmitten des Stadtstrandes errichtet. Die Stimmung ist ausgelassen, ja geradezu euphorisch und obwohl die Tische und Stühle der Restaurants, den Ständen der FIFA-Sponsoren weichen mussten, beschweren wir uns nicht, da das gereichte Brahma eiskalt und bezahlbar ist. Außerdem sind die knallroten Hartplastik-Becher ein tolles Souvenir. Auf ihnen ist das bunte WM-Logo und der Slogan: „Fan Fest Fortaleza – Jagandas de Mucuripe“ zu sehen. Wir kaufen einen turmhohen Stapel Souvenirs.
Die heutige Nachmittagspartie zwischen Frankreich und der Schweiz ist die bisher torreichste der Weltmeisterschaft, was die multikulturelle Feierstimmung zusätzlich anheizt. Sogar Jenna genehmigt sich ein Bier pro Tor, obwohl er die „Froschfresser“ noch immer nicht leiden kann. Nach sieben Stück (das Spiel endet 5:2) tanzen 20 Gockel mit 30 Eidgenossen zu brasilianischem Ska im Sand. Sie greifen sich dabei gegenseitig an die Schultern und bilden einen Kreis. In dessen Mitte drehen drei Typen aus Costa Rica komplett frei, da sie im Mittags-Spiel die Italiener sensationell mit 1:0 besiegt hatten. Die Mittelamerikaner stecken alle mit ihrer Orgie aus purer Lebensfreude an. Erni brüllt mir ins Ohr: „Das is aber geene rischdsche Bolonäse!“ Wohl nicht, aber ich begeistere mich dafür, wie friedlich die Nationen hier gerade miteinander tanzen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, rufe ich zurück. Passend dazu sehen wir auf der Promenade nun auch deutsche Fans, die Fortaleza allmählich entern und zwei schüchterne Ghanaer. Einen von ihnen überrede ich zu einem Fotoshooting. Ich, noch immer leichenblass, und mein schwarzer Freund erschaffen – Arm in Arm – für 30 Sekunden ein Harmoniegemälde menschlicher Hautfarben. Fast alle Leute die vorbeischlendern, erheben den Daumen und lächeln verzückt. Es sind offensichtlich keine Rassisten, Nazis, rechte Hools oder sonstige Vollidioten nach Fortaleza gekommen – und so kann es auch bleiben!
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Kurz danach nehme ich Danny zu Seite und flüsterte ihr ins Ohr: „So kannst du aber morgen nicht auf dem Spiel herumlaufen.“ Sie trägt, wie wir alle momentan, neutrale Klamotten, ist aber die Einzige, die kein Deutschland-Trikot im Gepäck dabei hat. Die Antwort überrascht mich: „Okay, lass uns dort vorne mal gucken.“ Im FIFA-Fanshop kauft sie – mangels Alternativen – das vermutlich teuerste Nicht-Original-Trikot der Welt. Es ist ein schwarz-weißes, kurzärmliches Hemdchen, wo mit einer Art Stempel liederlich die deutsche Flagge über der rechten Brust aufgedruckt wurde. Und das hässliche Ding kostet 75 Dollar! Vielleicht macht sie es nur mir zu liebe. Wenn dem so ist, werde sie dafür ein Leben lang in Dankbarkeit umarmen.
Danny kenne ich schon solange wie Sylvie und Jenna, bin aber in den letzten Jahren nicht mehr so richtig warm mit ihr geworden. Doch seit wir in Berlin den WM-Flieger bestiegen haben, ist sie wieder das zauberhaft-offene und fast jugendlich wirkende, sauhübsche Mädchen, in das ich mich fast mal verknallt hätte. Das Abendspiel zwischen Honduras und Ecuador (2:1) ist nicht so der Brüller, da keine Supporter aus diesen Ländern im lauwarmen Sand durchdrehen. Nach einem Mahl – Erni murmelt in sein Essen: „Das sind aber geene rischdschen Spaghetti Bolonäse“ – und zwei dickbäuchigen Caipirinhas gehen wir zu Bett. Die lange Anreise aus Pipa hat doch mehr geschlaucht, als wir uns das lange eingestehen wollten.
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Obwohl Erni schnarcht – er wird auf der Reise abwechselnd auf die Zimmer der Paare verteilt – schlafe ich traumlos und gut. Am Morgen schlottern mir dennoch die Knie. Ich werde heute mein allererstes WM-Spiel live im Stadion verfolgen und am liebsten wäre ich jetzt, sechs Stunden vor Anpfiff, allein. Das funktioniert sogar fast, da Erni Geld ziehen muss und die Mädels noch Ansichtskarten kaufen wollen. Mit Jenna laufe ich hinunter zum Pazifik. Er ist mein bester Freund! Vielleicht sollte ich ihm das einmal sagen. Seit 16 Jahren reisen wir nun schon gemeinsam durch Südamerika und kein Göte oder Matze ist diesmal dabei (obwohl die vorher noch groß getönt hatten). Nur der alte Mannheimer läuft – wie ich – schweigsam im rot-schwarzen Auswärtstrikot neben mir her und ist, nach den salzigen Perlen auf seiner Stirn zu urteilen, gerade genauso aufgeregt. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass auch ich für ihn der allerbeste Freund der Welt bin.
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In unserem Hotel wohnen die „Dubaiern“ – bärige Typen, die von Dubai aus Bayern München supporten und an der Bucht sehen wir zwei „Unioner“ aus Halle/S. (deren Zaunfahne bei fast jedem Deutschland-Spiel zu sehen ist). Wir treffen auf eine Horde aus dem „Wilden Süden Gladbachs“ und auf zwei strohblonde Mecklenburger, die Trikots mit der 1 und der 8 tragen. Bei dem einem steht „Toni“, beim anderen „Kroos“ auf dem Rücken. Der grandiose Kaltblüter mit der 18 aus MeckPomm ist der einzige gebürtige Ostdeutsche im Nationalteam und auch mein liebster Spieler, obwohl seine Herkunft (Greifswald) – 25 Jahre nach dem Mauerfall – eigentlich völlig schnuppe ist.

Am „Ponte dos Ingleses“ klatscht Jenna mit zwei „Monnemer Jungs“ ab, ich grüße einen einsamen St. Pauli-Fan und ein pummeliger Kerl mit Dynamo-Dresden-Fahne um die Hüften gewickelt, watschelt auch noch herum. Ganz Deutschland ist heute vertreten und als wir unsere Bielefelder, die wir auf dem Hinflug getroffen hatten, entdecken, wird aus Wiedersehensfreude Mittagsbier gekauft. Manchmal kann einen schon die Stimmung vor einer Partie fesseln – heute ist so ein Tag!
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Wir kommen fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, obwohl ich es ja war, der um 13 Uhr – drei Stunden vor Spielbeginn – aufbrechen wollte. Auch die Frauen haben sich nun herausgeputzt. Sylvie trägt das rote Auswärtstrikot der WM 2006, Danny das schwarz-weiße Shirt von gestern, plus Flip-Flops in schwarz-rot-gold (!) und Erni seine lustigen 74er-Klamotten. Er sorgt am Taxistand zudem für Belustigung, da er sich mit einem Idioten, der von Hut bis Fuß mit deutschem Tinnef und Lametta behangen ist, ablichten lässt. Auf dessen linker Brust klebt – warum auch immer – der Kopf von Bert. Erni lehnt seinen Schädel grinsend dagegen und Danny knipst die seltsame Sesamstraße in Fortaleza. Sylvie bekommt sich fast nicht mehr ein, aber aus einem anderen Grund. Sie erzählt, dass unser Freund in der Heimat das Limit seiner Kreditkarte auf 500 Euro pro Monat limitiert hatte, sodass er soeben gerade noch 60 Real (ca. 20 Euro) aus dem Automaten ziehen konnte.

In dem Moment, als wir in das Taxi mit dem Ziel Estádio Castelão steigen, habe ich gute Freunde und die schönste Frau der Welt an meiner Seite. Obwohl wir uns zu viert auf die Rückbank quetschen, schmusen wir wie zwei junge Welpen. Danny und Jenna auch. Heute kann nichts mehr schiefgehen!
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Der Fahrer rät zu einem Umweg, da die Zufahrtstraße zum Stadion verstopft sei. Wir einigen uns auf 75 Real Festpreis. 15 für jeden. Ich rufe: „Erni, du hast dann ja noch 45 Tacken.“ Er hatte zwar schon seine Freundin Pixie per Not-Telefonat gebeten, Kohle auf sein Konto zu überweisen, aber heute wird der listige Sparfuchs ohne Weitblick den ganzen Tag hochgezogen.
Pixie ist eigentlich eine patente Frau – mit krassem Fußballverstand und ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht mitgekommen ist. Dennoch bin ich froh, dass wir Erni nicht schon am ersten Tag verloren haben – das war nämlich ihre größte Sorge gewesen. Der fragt Jenna gerade: „Kannste mir mal ‘nen Hunderter borgen?“ „Du hast doch noch fett die Kohle“, schallt es gewohnt trocken zurück.
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Mein Handy brummt. Eine SMS: „Lass es krachen und die Karte steht. Trueman.“ Mein liebster Kneipenkumpel aus dem „Rockz“ hatte es leider nicht nach Fortaleza geschafft, obwohl wir für ihn ein Ticket haben. Erst zum Spiel gegen die USA reitet er zur WM ein und hätte dort wiederum eines für mich im Gepäck. ‚Oh Mann‘, denke ich im Wissen, dass wir morgen in den Amazonas fliegen werden und Recife wohl eher ausfällt.
Ich verzichte noch immer auf ein Smartphone, um nicht ständig online zu sein und keine wertvolle Lebenszeit ständig mit so einem Scheiß vergeuden will. Dieses Mal wäre so ein Ding durchaus sinnvoll gewesen. „Hört mal Leute. Mein Handy hat ‘ne sprechende Uhr“, rufe ich. „Es ist 13 Uhr 32“, krächzt eine weibliche Blechstimme und sorgt damit für die nächsten Lacher.
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Die weiträumige Umfahrung war eine gute Idee gewesen – da wir schon um 14 Uhr ankommen und im Strom der Massen in Richtung des aus der Ferne gigantisch wirkenden Stadions laufen. Entgegen aller Vermutungen gibt es überall fliegende Händler, die Snacks und Dosenbier verkaufen. Die Brasilianer pfeifen auf die FIFA-Regularien. „Erni, hol mal die erste Runde. Hier ist es noch billig“, ruft Danny. Das Brahma kostet 6 Real, sodass er nach fünf Kaltgetränken, mit 15 Real Barbesitz im Prinzip pleite ist. Ich fühle mich sauwohl, denn es gibt nirgendwo eng zulaufenden Gatter und dichtes Gedränge. Dennoch schwitzen wir wie Schweine. Ob es an den Außentemperaturen, der haarsträubenden Intensität oder an der Aufregung liegt?
Die deutschen Gesänge werden nun immer lauter. Meine Frau trägt jetzt sogar ein schwarz-rot-goldenes Band im Haar und Danny einen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem steht: „I love Brasil“ – wobei dieses Gefühl seit Tagen allumfassend ist.
„Bist du glücklich?“, fragt mich Sylvie. „Oh ja“, posaune ich zurück, denn obwohl Menschenaufläufe auf mich oftmals bedrohlich wirken, zieht mich das Getümmel heute magisch an. Ich verschmelze mit der Euphorie der Massen und lasse mich kübelweise mit Glücksgefühlen überschütten. Nur einen Wermutstropfen gibt es: niemand sucht nach einer Karte. Sie verkaufen sogar noch welche an den Kassen. Okay, das Fassungsvermögen soll bei über 60.000 liegen, aber ein bisschen enttäuschend ist es schon, dass sie das Ding nicht voll kriegen. Außerdem lungern momentan keine Fans oder erwartungsfrohe Kids vor den Toren herum, denen wir die Karte einfach schenken könnten. Das Trueman-Ticket werden wir nicht los.
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Hinter der ersten Sicherheitskontrolle – wir sind noch nicht im Stadion – hole ich die DDR-Fahne heraus und lass mich damit vor dem Beton-Monster fotografieren. Das Bild ist in Gedenken an meinen Vater, um ihm – wo immer er gerade ist – zu zeigen, dass es sein kleiner Ossi-Sohn tatsächlich bis zur Fußball-WM nach Brasilen geschafft hat. Das soll es dann aber auch mit Nostalgie gewesen sein. Ich stecke den Fetzen so in eine Hosenschlaufe, dass das Emblem nicht mehr zu sehen ist. Erni stellt sich mit Deutschland-Fahne neben mich. Die Vergangenheit ist endgültig ad acta gelegt – von jetzt an lebe ich nur noch im Präsens.
Die Brahma-Brauerei ist auch hier präsent. Die roten Becher zu 10 Real haben den Aufdruck: „ 21 de junho de 2014. Estadio Castelão. Fortaleza CE.“ Darunter sind die Nationalflaggen und „Alemanha“ und „Gana“ aufgedruckt. Erni hat nun vier Runden lang Pause vor unserem ätzenden Humor und gleichzeitig Zeit, zu sich überlegen, was er mit den langweiligen FIFA-Fanfest Souvenirs machen soll. Die Stimmung ist überragend: Musik, Geschnatter, Lachen, Herzlichkeit und Lebenslust. Neben Deutschen und Ghanaern sind extrem viele Brasilianer aber auch etliche Mexikaner mit vor Ort. Auf einer Leinwand schießt Messi gerade im Mittagsspiel per Traumtor das 1:0 für Argentinien gegen den Iran. In der 90. Minute! Die Brasilianer finden das Scheiße und ich denke sogleich: ‚Hoffentlich werden unsere Nerven heute nicht so lange strapaziert.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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