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Rezi zu “Mauergewinner” bei “Laptopwerk” – Jugend in der DDR

14. August 2013 | von | Kategorie: Blog

Laptopwerg
Am 08.08.2013 gab es eine sehr erfreuliche Rezension zu meinem Buch “Mauergewinner” bei den bekannten Bloggern vom “Laptopwerk”:
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DDR-Quark mal anders –
Gekonnt serviert, probiert und wohl gefühlt

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Mark Scheppert stellte sich während des Schreibens oft die Frage, ob er diesen „DDR-Quark“ veröffentlichen solle. Gut, dass er es getan hat. Ich habe lange kein Buch zu Ende gelesen. Schon gar nicht eins über die DDR. Oft hatte ich sogar Angst vorm Lesen. Jeder wollte mit der Vergangenheit abrechnen, erzählen, wie schlimm und beengt es in diesem verschwundenen Land zuging.

Mittendrin

Ich ertrage es nicht, wenn mir jemand ernsthaft erklären will, was ich mit all meinen Sinnen selbst erlebt habe. Es berührt mich unange-nehm, mich fröstelt, wie engstirnig, abhängig und tumb meine damaligen Mitmenschen gezeichnet werden. Natürlich gab es die, diesseits und jenseits des „Eisernen Vorhangs“, aber die finde ich auch heute, ich treffe sie täglich.

Kein Volk lässt sich so einfach kategorisieren und in Schubladen verfrachten. Wer dabei eine Westbrille trägt, läuft Gefahr, in altbekannte Klischees abzurutschen. Am meisten nerven mich diejenigen, die alles vergessen haben oder als geläuterte Insider über Dinge referieren, die sie vor fünfundzwanzig Jahren völlig anders gesehen oder wahrgenommen haben. Wir waren auch keine willfährigen Opfer, sondern lebten mittendrin.

Zeitgeist-Sprache

Mark Scheppert verwandelt sich in das Kind und den Jugendlichen von damals. Seine klare, schnörkellose Sprache entspricht dem Zeitgeist. Etwas Selbstironie gehört dazu. Er zeigt in seinen dreißig Geschichten viele Facetten des DDR-Alltags, die zusammengefügt ein ganzes Leben ausmachen könnten. Bei ihm waren es genau achtzehn Jahre. Er hatte Glück mit seiner Familie voller DDR-Originale.

Er wuchs auf in einer widersprüchlichen, teils privilegierten, macht- und valuta-dekadenten Berliner Umgebung. Er musste klar kommen mit den Hinternissen seines Lebens – nicht mit meinen. Ich war 1989 exakt zwanzig Jahre älter. Hatte eine völlig andere Sicht auf das Land, in dem wir beide lebten. Trotzdem fühlte ich beim Lesen, wie ich mich mit ihm zu unterhalten begann, ihn zu korrigieren oder zu bestärken suchte, seine Fehler belächelte.

Keine Selbstzensur

Mal väterlich, dann kumpelhaft. Genau auf diesen Dialog kommt es an. Dieser Teil unserer Geschichte ist noch lebendig, er steckt in uns. Wir sollten uns nicht ständig dafür entschuldigen müssen, dass wir nicht in die Kirche gingen und es jetzt erst recht nicht tun. Dass wir nicht von der Stasi drangsaliert und eingesperrt worden sind. Scheppert geht sehr offen und humorvoll mit seinen jugendlichen Befindlichkeiten um. Ich nehme ihm ab, was er schreibt. Er verpasst sich keine Zensur, macht sich sogar hin und wieder angreifbar. Das ist sympathisch, menschlich und authentisch.

Er war kein Held und sah sich auch zwei Jahrzehnte später nicht als solcher. Was er erlebt hat, ist gewiss nicht typisch, aber ein wichtiges Bruchstück eines Puzzels, das erst komplett zusammengesetzt ein stimmiges Bild vermittelt.

Er fordert uns auf, den Mund zu öffnen, den Verstand einzuschalten und selbstbewusst unsere eigene Hinterlassenschaft zu betrachten. Wir können sehr viel vorweisen, kennen uns aus in der Welt, trotz engerer Grenzen. Lasst uns darüber reden, ohne Hemmungen, mit den verbliebenen Freunden, unseren Kindern oder Eltern, auch zwischen Ost und West. Mark Scheppert steht uns zur Seite!

Bernd Morchutt, 08.08.2013

Mit etwas Scrollen findet Ihr die Rezension auch direkt bei “Laptopwerk”.

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Honeckerzombie oder die DDR im Herbst 1989

23. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Honneker

Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

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Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten.

Wandzeitung 29 Jahre DDR

Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober.

Die NVA

Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

Genossen

Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah.

Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.

Weltzeit

Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Palast

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

Palast 1

Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ohne Palast

Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Weiterlesen kann man in meinem DDR-Buch: “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens”

oder bei
Spiegel Online

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Mauergewinner – Kindheit in der DDR

13. August 2011 | von | Kategorie: Blog

IMG_7336Viele ehemalige Westberliner erzählten mir noch lange nach der Wende, dass sie mit der Berliner Mauer auch einige wenige positive Dinge verbanden. Sie gaben mir zwar alle Recht, dass dieses Monstrum 28 Jahre lang für Teilung und Leid, für Verfolgung und Tod stand, doch in einigen Stadteilen sei es damals einfach wesentlich beschaulicher zugegangen. Eine alternative Kiezkultur zerbrach. Dennoch waren wir uns 1989 alle einig gewesen – das Ding musste weg. Sofort!

Schnell hatte man überall ganze Grenzanlagen und Wachtürme gesprengt und die Mauer selbst wurde in kleinen und großen Stücken verscherbelt. Auch der Abschnitt zwischen dem ehemaligen Grenzübergang an der Oberbaumbrücke in Richtung Ostbahnhof wäre fast abgerissen worden. Immer lauter wurden die Rufe, den Grenzwall zu beseitigen und manche schrieben ihren Hass in großen Lettern an die weißen Wände. Nur wenige erhoben damals ihre Stimme, sie als Mahnmal Steingewordener Erinnerung stehen zu lassen. Niemand dachte daran, dass aus Berlin einmal eine Weltstadt werden und dieser geschichtsträchtige Ort Millionen von Touristen anlocken könnte, die dann fragen würden: „Und wo ist die Mauer?“

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Ich beobachtete mit eigenen Augen wie schließlich tausende Liter Farbe den Ruf nach Demontierung übertünchten. Zu lesen war 1990 plötzlich: „Ich habe die Mauer der Schande bemalt. Berlin: Meine Farbe und all meine Zuversicht schenke ich als freier Mann Dir“. 118 Künstler aus 21 Ländern gaben dem hässlichen Steinmonument ein neues, ein buntes Gesicht. Die Bilder vom knutschenden Breschnew mit Honecker oder des Trabis, der die Mauer durchbricht, zogen sofort die Massen an. Der größte noch vorhandene Abschnitt des „antifaschistischen Schutzwalls“ wurde zur längsten und ungewöhnlichsten Mauergalerie der Welt. Ich war regelrecht stolz auf das neue Kunstwerk in „meinem“ Friedrichshain, denn über die „alte Mauer“ konnte ich wahrlich nichts gutes berichten. Lediglich ein einziges Mal…

Die Spartakiaden waren wichtigste sportliche Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche der DDR. 1981 ging es nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter im Staffellauf. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.

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Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Ich kannte diesen Abschnitt. Wir fuhren hier immer mit den Eltern entlang, wenn es in die große weite Welt nach Dresden, Zwickau und Karlovy Vary ging. Es war für mich eine ganz normale Mauer, wie vor einem Kombinat oder einer Militäranlage der NVA und ich wusste lange nicht was sich tatsächlich dahinter befand.
Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käte-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”

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Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.
Ich bekam Magenschmerzen. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Zeitgleich mit dem krachenden Startschuss hatte ich mir in die Hose gemacht.
Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch in dieser misslichen Lage zu laufen. Ich war sogar schneller als sonst.

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Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus.
Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke. Zum Glück gab es für uns und den frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit voller Hose nicht mit dem Bus zurück fahren.
Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.

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Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose weiße Wand. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Die Staffel war verloren, doch die Mauer hatte mich nach Hause geführt. Ich war Mauergewinner!

Das 1,3 Kilometer lange Stück steht noch heute. Ich freute mich 2009 über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts – längst weltbekannt als „East Side Gallery“ – denn bis vor zwei Jahren war sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge hatten die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.

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Wenn ich heute manchmal in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, den USA oder Brasilien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: ‚Vielleicht können sie ihren Kindern ja einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender und oftmals sehr trauriger deutscher Geschichte.’
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Die Mauer ist also nicht gänzlich in Berlin verschwunden und besonders hier in Friedrichshain ein großer Touristenmagnet. Sie ist zu unser aller Glück überall passierbar und steht nun in meinen Augen als Sinnbild für grenzenlose Freiheit.

Und verlaufen kann man sich zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof noch immer nicht!

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LOVELYBOOKS

24. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

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Seit längerer Zeit bin ich nun auch schon bei LOVELYBOOKS mit meinem Buch vertreten. Es haben zwar noch nicht allzu viele Leute den “Mauergewinner” in ihrem Bücherregal – aber immerhin – und die alte Auflage steht ja sogar bei einigen Lesern auf deren Wunschliste.

Hier stellt sich das Portal vor:

Hinter LOVELYBOOKS steckt ein Team von Menschen, das ein möglichst abwechslungsreiches Literaturportal machen möchte, das das Lesen noch spannender macht.

Was das Team mit LOVELYBOOKS erreichen will, ist ganz einfach – die Mitglieder sollen nur noch gute Bücher lesen und neue Möglichkeiten bekommen, die Welt der Literatur zu entdecken und in sie einzutauchen!

Sie können der Welt ihre Bücherregale zeigen, sich mit anderen Lesern austauschen, Rezensionen und Kommentare schreiben und so die besten und persönlichsten Buchempfehlungen finden, die es geben kann – von Lesern, die genau das Gleiche im Sinn haben.

Auch Autoren kommen nicht zu kurz. Sie finden dort eine Plattform, um ihre neuesten Werke zu präsentieren, mit ihren Fans und Kollegen zu diskutieren und herauszufinden, was die Leser von heute interessiert (das sollte ich vielleicht auch mal nutzen).

Hier gehts zu meinen Büchern bei LOVELYBOOKS

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Blog des Monats Feb. 2011

17. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

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Ich bin ja im Berliner Stadtteil Friedrichshain geboren und groß geworden und habe dort mit kurzen Unterbrechungen immer gewohnt.
Deshalb freut es mich besonders, dass sich David vom Friedrichshainblog auf seiner Seite mit meinem Buch auseinander gesetzt hat. Seinen Blog finde ich übrigens sehr ansprechend, da auch ich als “Urgestein” dort auf einige interessante Dinge, neue Läden und Initiativen gestoßen bin.

Hier also seine Rezension:

Mauergewinner: Lustige und alltägliche Geschichten über die DDR Sozialisation und die Wende.

Mark Scheppert bindet in seinen Geschichte die Psychologie des Lebens mit ein. So variieren die Geschichten aus der Perspektive des damaligen Erlebens mit der nachträglichen Sicht auf die alltäglichen Dinge des Lebens. Dabei schreibt Mark Scheppert in seinem Buch erstaunlich offen über sein Leben in der DDR mit vielen witzigen und zum Teil erstaunlichen Details seiner Jugend.

In dem Buch “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens” spielen viele Geschichten in dem Ort in dem er aufwuchs: Berlin Friedrichshain.

Unter den amüsanten Geschichten gibt es aber auch einiges über beispielsweise das MfS Ministerium für Staatssicherheit (oder wie es vielleicht eher bekannt ist: Stasi) und die Probleme mit dem Staat in der DDR.

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Man lacht, man ist aufgeregt und fiebert mit dem jungen Mark Scheppert. Diese Konnektion entsteht nicht nur durch die lebensnahen Geschichten und der Autenzität des Buchs, sondern auch durch die Tagebuchähnliche Art des Schreibens des Autors. Dabei weiß man selbst um die Wende und die Veränderungen, die Mark Scheppert manchmal genial umschifft und so auch zum Denken anregt.

Ein lustiges Buch mit kleinen Geschichten, das man immer wieder mal in die Hand nehmen kann. Bei vielen Geschichten kann man sich auch selbst wieder erkennen – da muss man gar nicht aus dem Osten kommen.

Ich kann es durchaus empfehlen, auch wenn man sich mal ein bisschen mit der Geschichte von Berlin Friedrichshain während der DDR interessiert.

Hier gehts zum Friedrichshainblog

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Das Interview

11. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

LindenbergBei der Lesung zum Thema “Stars und Sternchen” habe ich einen Text über ein ganz spezielles Interview vorgetragen.
Erst heute habe ich erfahren, dass Udo Lindenberg am Samstag bei “Wetten dass…?” ausgerechnet in Halle an der Saale auftritt. Zufälle gibt es manchmal…
Hier also der Text…
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Ich muss zugeben: man hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Ich will nicht so weit gehen, ihn als Helden meiner Jugend zu bezeichnen, aber – daran komme ich nicht vorbei – er war in jener Zeit ein ganz großer Star. Auf beiden Seiten der Mauer.
Vor kurzem hatte das Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin Premiere. Und plötzlich hörte, sah und las man wieder vermehrt vom alten „Panikpräsidenten“. Er gab Interviews, unzählige Artikel wurden geschrieben und im Fernsehen lief eine Dokumentation zu seinem damaligen Auftritt in der DDR.
Und allmählich kamen sie wieder – die Erinnerung an „meinen“ Udo Lindenberg, an eine Zeit, in der ich ausschließlich deutsche Texte verstand und diese dann auch lauthals mitsang. Es war eine Epoche, geprägt von der Angst vor einem nuklearen Inferno, mit einem geteiltem Staat und einer ummauerten Stadt – eine Epoche, die in meinen verschwommen Kindheitserinnerungen, dennoch eine wichtige und unglaublich schöne war.
Ich tauchte also in die Vergangenheit ein und fand ein interessantes Interview, welches Udo im September 1990 – also noch vor der Wiedervereinigung – bei einem Auftritt in Halle an der Saale gegeben hatte.

Lindeberg

Frager: Wie unterscheiden sich die Konzerte, die du in der DDR gibst’s, von denen in Westdeutschland?

Udo: Wir haben ein Riesenrepertoire von ca. 300 Songs und können damit prima Konzerte machen. Da wir das erste Mal in Halle sind, ist ja klar, dass wir auch historische Lieder bringen, zum Teil aktualisiert, mit anderen Texten. Es ist schön, an Stücken herumzubasteln und sie zu verändern, denn dann bleibt Leben drin – und so.

Udo Lindenberg war einmal der deutsche Star. Im Ferienlager sangen wir immer seine Lieder bevor wir einschliefen. „Herr Präsident, ich bin jetzt 10 Jahre alt und ich fürchte mich in diesem Atomraketenwald. Sag mir die Wahrheit, sag mir das jetzt, wofür wird mein Leben aufs Spiel gesetzt?“
Den Song „Wozu sind Kriege da“, kann ich noch heute auswendig und auch sämtliche Textzeilen von „Mädchen aus Ostberlin“ und dem „Sonderzug nach Pankow“ waren damals jedem meiner Freunde bekannt – nicht nur, weil es natürlich verboten war, „Ostberlin“, „Honni“ und „Oberindianer“ zu sagen. Udo sang Deutsch und redete wie wir. Er konnte „Arschloch“ und „Scheiße“ in seinen Texten verwenden und sprach immer aus, was auch viele von uns hinter der Mauer dachten.
Es war daher eines der sieben Weltwunder, dass er 1983 dennoch in die Hauptstadt der DDR in den Palast der Republik eingeladen wurde.

Frager: Die Mauer ist weg und alles hat sich ziemlich schnell entwickelt in Ost- und Westdeutschland. Ist das eigentlich das, was Du gewollt hast?

Udo: Ja, das sieht irgendwie nach einer schnellen Vereinnahmung aus. Die Industrie benutzte die konservative Regierung der Bundesrepublik als Lobby. Das ist eine verkleidete Großverbindungsapparatur. Wie ich das finde und so? Ich finde das riskant, ich habe Bedenken, dass da die Menschen in ziemliche Härtesituationen geraten. Zu kleine Renten und zu wenig Arbeitslosengeld und dennoch, übern Daumen gepeilt ist es gut, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Und demnächst haben die Leute ja die Möglichkeit zu wählen. Sie können sich entscheiden zwischen einem Land, das als Solidargemeinschaft funktioniert, in dem darauf geachtet wird, die sozial Schwachen zu schützen oder einer Gesellschaft, in der das höchste Angebot gilt, zur Freude der Industrie und nicht zur Freude vieler Menschen. Und so.

Ich war 12 bei seinem großen Auftritt 1983. Natürlich hatten wir keine Karten bekommen, wir waren ja damals noch nicht einmal in der FDJ, denn es schienen nur Leute mit blauer Bluse, in den großen beleuchteten Saal zu dürfen. Dennoch liefen zwei kleine „Jungs aus Ostberlin“ frohen Mutes zum Palast der Republik die schon immer „träumten von einem Rockfestival auf dem Alexanderplatz mit den Rolling Stones und ner Band aus Moskau“, wie Udo das in einem Song beschrieb. Vielleicht würde es uns gelingen, einen Blick auf unser großes Idol zu erhaschen.

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Frager: Wen würdest Du wählen?

Udo: Ich sage mal klipp und klar, dass ich parteilich nicht so festgelegt bin, aber ich finde bei dem einige gut und dann wieder bei den anderen. Und so.

Es war uns nicht gelungen, Udo Lindenberg vor „Erichs Lampenladen“ zu sehen. Tausende schienen auf die Idee gekommen zu sein. Doch die waren fast alle viel älter und vor allem viel größer als wir und drängelten sich nach vorn. Vor dem Haupteingang herrschte regelrechtes Chaos und als die Staatsmacht schließlich eingriff, hatten wir uns längst auf den Weg zum „Grilletta-Stand“ gegenüber vom Fernsehturm verdrückt und sangen später in der U-Bahn vergnügt: „entschuldigen sie ist dass der Sonderzug nach Pankow. Ich muss da eben mal hin, mal eben nach Ostberlin. Ich muss da was klärn mit Euerm Oberindianer.“

Frager: Was hältst du von der PDS?

Udo: Viele sind ja über Nacht blütenweiße Demokraten geworden, bisschen so, wie das schon paar Mal in Deutschland war, auch über Nacht und so. Und jetzt erleben wir ähnliches, oder?

Die eigentlich geplante Tournee von Udo und seinem Panikorchester wurde nach dem Auftritt im „Palazzo Prozzo“ wieder abgesagt. Er hatte sich nicht so verhalten, wie sich das unsere Staatführung vorgestellt hatte. Doch er hatte für erste Risse in der Mauer gesorgt und spielte, nachdem sie endlich fiel, dann doch noch ein paar Konzerte im meinem Land, bis dieses von der Landkarte verschwand.

Frager: Du wurdest irgendwann mal als Berufsjugendlicher bezeichnet. Wie lange willst du dieser Image noch pflegen?

Udo: Jugend messe ich nicht an einer Zahl der Jahre, sondern an einer Verfassung, in der man sich befindet. Eine Verfassung, die sich auszeichnet durch Neugierigkeit und Beweglichkeit. Und so.

Kurz nach dem Mauerfall hatte ich eine Freundin aus Halle an der Saale und als ich hörte, dass Udo in der Galgenbergsschlucht spielte, wollte ich unbedingt hin, um den großen gesamtdeutschen Star, endlich einmal live zu erleben. Über Vitamin B konnte ich sogar Pressekarten besorgen und machte mich voller Vorfreude auf den Weg.

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Frager: Worauf bist du noch neugierig?

Udo:…Kulturen, Länder und Religionen kennen zulernen, reisen und studieren. Das alles ist ne große Wundertüte. Und ein Land, das einst so fern schien, ist ja die DDR und da gibt es noch viel zu gucken. Und hier werde ich auch als Privatmensch – gut getarnt – öfter mal auftauchen. Und so

Die Karten ermöglichten es mir, ohne großartig Anzustehen durch einen Extraeingang für Presseleute auf das riesige Konzertgelände zu gelangen. Da auf der Bühne noch eine sinnlose Ostband als Vorgruppe spielte, nutzte ich die Zeit und schaute mich etwas genauer um. Was man heutzutage als VIP-Bereich bezeichnen würde, war in jener Zeit ein kleiner, abgesperrter Acker auf denen drei Wohnwagen standen. Einer davon war wesentlich größer und nobler als die anderen. Das musste der von Udo sein. Im Vorfeld hatte ich mir ein kleines Aufnahmegerät besorgt, weil ich Teile des Konzertes heimlich mitschneiden wollte – doch plötzlich hatte ich eine viel bessere Idee.

Frager: Du spielst hier mit verschiedenen DDR-Bands. Welche Chance gibt’s du diesen in nächster Zeit?

Udo: Zurzeit ist die Meinung ja so: Im Westen ist alles geil und im Osten alles Schrott. Die DDR-Bands würden gut daran tun, ihre Einzigartigkeit zu kultivieren und ihre Originalität zu bewahren. Wer in Westdeutschland irgendetwas nachspielt, hat auch keine Chance. Und so.

Zögerlich näherte ich mich dem Nobelwohnwagen, vor dem ein muskelbepackter Typ hockte, und überlegte, was ich sagen könnte. Mit meiner dauergewellten Vokuhila-Frisur, den billigen Jeans und den Turnschuhen zu 29 Mark sah ich tatsächlich ein bisschen aus, wie man sich einen ostdeutscher Reporter in jener Zeit vorstellte. Ich steckte mir eine Cabinett an, nahm das Aufnahmegerät wichtigtuerisch in die Hand, und rief dem Bodyguard zu: „Ich bin von der Presse und will zu Herrn Lindenberg.“

Lindenberg
Frager: Du bist bei verschiedenen Umweltaktionen mit dabei. Zurzeit rollt auf die DDR-Bürger eine unheimlich große Mülllawine der westlichen Verpackungsindustrie zu. Einheit und Umwelt – deine Meinung?

Udo: Ja, in die Elbe wird so viel Müll herein geschmissen, dass kommt dann in Hamburg an und das von uns Produzierte bei euch. Es ist natürlich eine große gemeinsame Aufgabe, die Umwelt sauber zu kriegen. Und so.

Zu meiner großen Überraschung stand der Muskelprotz auf, öffnete die Wagentür und brüllte mir hinterher: „10 Minuten!“. Selbstbewusst lief ich die kleine Treppe empor und betrat das abgedunkelte Wageninnere. Und tatsächlich: da war er. Udo Lindenberg mit Hut und Sonnenbrille, der Mann, der mit „Honni“ leckeren Cognac trinken wollte, saß leibhaftig vor mir schenkte sich gerade etwas Hochprozentiges ein. Meine Knie begannen zu zittern.
Unsicher grinsend lief ich ihm entgegen. Er deutete auf die kleine Couchecke und sagte: „Setz dich doch. Und so.“ Ich stellte das Aufnahmegerät auf den Tisch und sein Nicken schien die Erlaubnis dafür zu sein, dass ich es anschalten durfte. Ganz sachte drückte auf die rote Rekord-Taste.

Frager: Udo, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute!

Udo: Gern geschehen! Und so.

Bis zur heutigen Lesung habe ich selbst engen Freunden noch nicht von diesem Ereignis berichtet und somit auch nie groß damit angegeben, denn ich habe dieses Gespräch tatsächlich am 7. September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung in Halle geführt. Zwei Tage später wurde es sogar in einer bekannten Zeitung abgedruckt. In diesem, meinem, Interview war er der große Star und ich fühlte mich damals tagelang, wie ein kleines Sternchen am Reporterhimmel. Und so.

Lindenberg-Interview

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Lesebühne am 10.02.2011

2. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

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Am 10. Februar findet die nächste Lesebühne im Tasso statt. Unser unerhört gutes Thema diesmal “Stars und Sternchen”. Lasst Euch also überraschen und seid bitte pünktlich, denn beim letzten Mal waren wir sozusagen “ausverkauft”.
Wann: 20 Uhr
Wo: Cafe Tasso also hier
Frankfurter Allee 11
10247 Berlin
Wie: Eintritt frei
Stargast: Conserve

Wie immer werden sich sechs unerhört gute Autoren (+ Stargast Conserve) ganz unterschiedlich mit dem Thema auseinandersetzen. Da kann es schon vorkommen, dass es eine Geschichte über die “Berlinale” gibt, sich eine mit „C-Promis“ beschäftigt und die nächste in weit entfernten „Galaxien“ spielt.

Hier noch ein Video von einem sehr alten Auftritt

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Rezension des Monats

30. Januar 2011 | von | Kategorie: Blog

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Es gibt ja schon einige Rezis zu meinem Buch “Mauergewinner”, doch noch immer kommen neue hinzu. Im Januar 2011 ist die folgende Rezension bei Sarahs Bücherwelt erschienen. Ich bekomme dort zwar keine fünf Sterne, dennoch hat sich Sarah sehr intensiv mit dem Buch auseinander gesetzt.
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Hier also die Rezension von Sarah:
Als 83er Jahrgang habe ich noch einige Erinnerungen an die getrennte Zeit und die Zeit nach der Wende. Durch Familie und Freunde, welche aus den neuen Bundesländern kommen, bin ich zudem mit dem Leben in der ehemaligen DDR vertraut. Ich war echt gespannt, wie diese alltäglichen Geschichten von Mark Scheppert geworden sind. Gerade bei eigenen Geschichten, hatte ich Bedenken, dass der Autor ins Jammernde verfällt. Gerade 20 Jahre nach der Wende hört man schließlich oft, wie viele ehemalige Ostdeutsche entweder noch jammern, wie schwer sie es im Vergleich hatten oder wie viel besser es noch war, als die Mauer vorhanden war.

In 30 Geschichten erzählt der Autor aus seiner Kindheit in der DDR. Alltag, Schule, sportliche Aktivitäten, Urlaube, Ferienlager, Konzerte, Familie und vieles mehr wird von ihm aufgegriffen. In einer hübschen Übersicht am Anfang des Buches konnte ich genau sehen, welche witzigen Themen mich während des Buches erwarten.

Wie jede Leseratte habe auch ich Bereiche, die ich gerne lese und welche die ich nicht so gerne lese. Biographien liebe ich, Kurzgeschichten können mich jedoch nur schwerlich erwärmen. Dieses Buch ist eine interessante Kombination dieser beiden Kategorien.

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Gleich zu Beginn fällt der lockere Stil von Mark Scheppert auf. Freundlich, offen und modern fängt er mit seinem ersten Erlebnis an. Es geht um eine Bahnfahrt zum Kleingarten und wie diese Bahnfahrt verkürzt wurde. Ich selbst habe als Kind auch Dinge während der Bahnfahrt gezählt, aber Wachhunde fand ich an dieser Stelle traurig, aber auch witzig. Diese Geschichte beinhaltete ein Erlebnis, welches erzählt wurde. Diese Umsetzung finde ich sehr gelungen. Ich habe einen Eindruck von der Situation, der Person, aber auch der Gefühlswelt bekommen. Leider behält der Autor diesen Aufbau nicht bei.
Zum Beispiel sucht er sich ein Thema wie Konzerte, die ersten Brüste, FKK-Strand oder Ferienlager als Oberbegriff. Mark Scheppert erzählt nun eine kleine Anekdote zum Beispiel über sein erstes Mal im Ferienlager. Wenige Sätze später ist er schon deutlich älter und so geht es bis zum letzten Ferienlager durch. Da sämtliche Sprünge durch Absätze gekennzeichnet werden, kam ich zwar nie durcheinander, aber ich konnte kaum eine Verbindung zu ihm und den Situationen aufbauen. Sein Erzählungen kratzen in meinen Augen sehr an der Oberfläche. Zwar lernte ich ihn und auch die DDR damit kennen, aber irgendwie fehlte der Tiefgang. Kaum ein Erlebnis wird farbenfroh und detailliert geschildert. Genauso wurden Fakten der DDR, wie zum Beispiel das Einkaufen nur in ein zwei Wörtern, wie zum Beispiel Einheitspreis, beschrieben. Klar, dass ich als „Wessi“ mehr über die damalige Zeit erfahren wollte. Hier wäre es einfach besser gewesen, wenn er sich wirklich nur auf ein prägendes Erlebnis konzentriert hätte und dieses lebendiger geschildert hätte. So erfahre ich zwar sehr viel, aber manchmal ist weniger besser.

Zudem wiederholt sich der Autor in verschiedenen Kapiteln wieder. Man merkt, wie stolz er ist, dass sein Vater sozusagen Jan Ullrich und Franzi entdeckt hat, aber eine einmalige Erwähnung hätte in meinen Augen gereicht. Das Problem ist einfach, dass er sich schon von Anfang an als Feigling, Schwächling und Sohn mit besonderen Beziehungen. Dadurch wirkt er stellenweise unsympathisch. Es sind dann solche Kapitel, wo er zum Beispiel an Konzertkarten kommt, die auf dem Schwarzmarkt 800DM wert wären, was zeigt, wie gut schon seine Kontakte sind. Aber auf der anderen Seite, wenn er etwas über seine Familie erzählt, wirkt er wieder als lieber Sohn, dass ich ihn sympathisch finde.

Winterbahn

Trotz dieser Sprünge und der gemischten Gefühle beim Lesen, konnte ich dieses Buch an einem Stück durchlesen. Wenn die oberflächlichen DDR-Aspekte mal nicht berücksichtigt würden, wäre es eine ganz normale Biographie über alltägliche Dinge, einer Kindheit,wie es weltweit sein könnte. Die ersten Erfahrungen mit Alkohol, Zigaretten, Mädchen, Schulalltag, Familiengeschichten, Aufbesserung des Taschengeldes und vieles mehr. Es ist nett zu lesen, unterhaltsam, aber kein Bestseller. Die DDR-Aspekte sind wie gesagt, leider sehr oberflächlich. Er geht auf Kontaktsperre, Diplomatenstatus, Öffnung der Grenzen, Raritäten der DDR, Jobsituation, Schule und vieles ein. Darüber schwebt aber stets der Status der Eltern. Neubausiedlung, TV, Trabbi, bessere Jobs und Geld.

Nachdem ich diese Lektüre aus der Hand gelegt hatte, war ich echt lange darüber am Nachdenken. Ich kenne durch Verwandte live die abgenutzten Plattenbausiedlungen, weiß wie schwer es Leute ohne Status hatten. Diese Aspekte werden zwar angesprochen, aber manchmal klingt es abfällig, wie zum Beispiel die Ferien bei seiner Oma. Plattenbau, Plumpsklo und gleich ist es schlecht. Für viele war dies jedoch normal. Aber ist es jetzt wegen dieser Argumente ein schlechtes Buch? Definitiv nein. Es ist eben sein Leben und mit jeder Zeile merkt der Leser, dass Mark Scheppert so mit seiner Kindheit und Jugend in der DDR auffrischen, aber irgendwie auch abschließen will. Genauso ist der Vorteil an diesem Werk, dass es an dem eingangs erwähnten Gejammer mangelt. Für mich ein klarer Pluspunkt. Deswegen kann ich das Buch auch empfehlen.

Durch die vielen Sprünge und den oberflächlichen Stil fehlt es den Kurzgeschichten an Farbe. Sie sind jedoch leicht, locker und unterhaltsam, wofür ich gerne drei Sterne verteile.

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DDR Weihnachtsgeschenke

9. Dezember 2010 | von | Kategorie: Blog

Halloren
Heute gleich die nächste Frage: Ich habe mir vorgenommen, meiner Westverwandtschaft zu Weihnachten, ein liebevolles “Ostpaket” zu schnüren. Allerdings war ich beim Gang durch die Kaufhalle etwas verwirrt, da es wohl kaum noch (oder für mich nicht zu erkennen) Ostprodukte in den Auslagen gibt. Einfach eine Pulle Rotkäppchen, Cabinet-Zigaretten und ein paar Halloren-Kugel zu schicken, ist ja ein bißchen billig.

Ein paar Anregung habe ich zwar im Spiegel-Artikel Schluss mit Ostalgie gefunden, aber vielleicht habt Ihr ja noch irgendwelche Ideen für mich.

Bitte einfach als Kommentar hinterlassen.

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DDR-Leckerbissen

11. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

GBAm 10.10.2010 haben nun die Pforten des DDR-Restaurants “Domklause” in Berlin Mitte geöffnet. Die Idee dazu hatten die Leute des DDR-Museums, welches sich genau daneben befindet. Wie oft haben mich schon Freunde und Besucher von außerhalb gefragt, wo man denn eine “Ketwurst”, eine “Grilletta”, oder einen “Goldbroiler” mit Sättigungsbeilage essen kann.
Hier gehts zum DDR-Restaurant

…das Wort “Leckerbissen” animierte mich zu folgender Geschichte:

Die Meerschweinchen tragen in Peru lustige Hüte! Vor zwanzig Minuten hatte es in der Küche fürchterlich gequiekt und gerade beschwert sich Göte meckernd beim Kellner, dass bei seinem Cuy, wie die gegrillten Kuscheltiere hier genannt werden, die Karotten-Krone fehlt. Noch immer denke ich ein wenig pikiert an unseren wuscheligen Otto, mit dem Benny und ich in unserer Kindheit so gerne gespielt hatten. Jenna verlangt nach der scharfen Soße. „Schmeckt ein bisschen wie Kaninchen“, ruft Matze mit vollem Mund und nickt mir aufmunternd zu. „Mann, seid ihr ein paar Fleischnazis. Das arme Ding“, antworte ich und steche zögerlich die Gabel in einen Schenkel. Das niedliche Vieh, scheint mich mit traurigen Augen zu fragen: „Warum?“
Otto-Buch

Wir befinden uns in einem Restaurant in Cusco, einer Stadt in Peru, welche für die Inka noch der „Nabel der Welt“ gewesen war. Doch Spanische Eroberer hatten sie vor knapp 500 Jahren erobert, überrannt, niedergebrannt und jedes einzelne Gebäude überbaut. Lediglich die gewaltigen Steine einer „Mauer“ – welch Parallele zu einem anderen Land – des ehemaligen Inka-Palastes, waren als Mahnmahl einer besiegten Kultur übrig geblieben. Wie hatte es hier bloß früher einmal ausgesehen? Ich versuche es mir vorzustellen:

Der kleine Roca sitzt neben seinem Vater auf dem belebten Marktplatz, ganz in der Nähe des großen Sonnentempels. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten acht der weißen, langhaarigen Meerschweinchen und sechs der gescheckten glatten verkauft. Mutter wird sich sehr freuen, wenn sie sieht, wie viel Maismehl, Bohnen und Kartoffeln sie dafür bekommen hatten. Später waren sogar noch zwei hungrige Priester gekommen und so hatten sie zwei der Tiere vor Ort schlachten, häuten und ausnehmen müssen. Im Feuer der Manchilla müssten sie nun langsam gar sein.
In der Mittagshitze leert sich der staubige Platz allmählich. Nebenan werden Kokablätter in große Körbe gepackt, die Alpaka-Wollhändler räumen langsam zusammen und die Flötenspieler haben sich gar schon im Schatten des großen Palastes von Viracocha niedergelassen. Über ihnen funkeln die goldenen Platten des Hauptportals im Lichte der hoch stehenden Sonne.
‚Wie gern würde ich dort einmal hineingehen’, denkt Roca traurig. Niemand den er kannte, nicht einmal sein Vater, war jemals im Inneren des heiligen Tempels gewesen. Doch jeder wusste, dass in einem, ganz und gar aus Gold bestehenden Raum, die heilige Sonnenscheibe der Götter aufbewahrt wird und im silbernen Nachbarraum, die Scheibe des Mondes. Vater hatte ihm erklärte, das jenes Gold, die „Schweißperlen der Sonne“ und das Silber „die Tränen des Mondes“ sind.
Sein Vater war so klug! Als sie nach dem letzten Opferfest durch den heiligen Garten gelaufen waren, konnte er zu all den Tieren, die dort mit riesigen steinernen Köpfen nachgebildet sind, etwas sagen. Der Puma bedeutet Krieg, der Jaguar Macht, die gefiederte Schlage steht für Weisheit, im Gegensatz zur großen grauen Schlange, die den Geiz verkörpert. Das Alpaka bedeutet Wärme und der Kondor steht für eine Botschaft. Der kleine Roca hatte sich das alles gemerkt.
Erst heute fällt ihm auf, dass es dort gar kein Meerschwein gegeben hatte und er deshalb seinen Vater auch nicht gefragt hatte, welche Bedeutung es hat. Vorsichtig tippt er ihn an die Schulter: „Du Papa, für was steht…“

Foto by A. Hoppe

Foto by A. Hoppe

Mist! Irgendwie komme ich an dieser Stelle nicht weiter. Also anders:

Es gibt zwei Wörter, die ich niemals in meinen Texten verwenden wollte: nett und lecker! Auch nicht als Substantiv.
„Nett“ ist die Koseform von Scheiße und „lecker“ steht für das Unvermögen der Menschen, sich vernünftig auszudrücken. Ich kenne niemanden der „nett“ ist und bei keiner Speise, oder einem Getränk würde es mir in den Sinn kommen, sie als „lecker“ zu bezeichnen. Niemals!
Nicht mal in Dialoge anderer Protagonisten würde ich diese Adjektive einbauen. So redet einfach niemand, oder habt ihr schon mal jemanden sagen hören: „Das war ja ein mal netter Berliner Busfahrer, der hat uns sogar Leckerbissen angeboten.“ Merkt ihr was? Kein Berliner Busfahrer ist „nett“ und er bietet schon gar nicht „Leckerbissen“ an. Das ist gequirlter Käse!
Oder einer meiner Freunde würde in einer Story zu mir sagen: „Das war aber echt nett von dir, ich lade dich im Rockz noch auf ein lecker Bier ein“. Hey! Ich bin verdammt noch mal nicht „nett“ und wir tauschen in meiner Stammkneipe auch keine „Nettigkeiten“ aus. Süffiges Becks und Staropramen kann man dort bestellen, aber kein „leckeres“. Nein, ich habe keine „netten“ Kolleginnen mit „leckeren“ Hintern. Und auch Euch Leser würde ich niemals als „nett“ bezeichnen, welches an „leckerem“ Öko-Bier nuckelt. Wirklich nicht!
Vielleicht ist es wieder einmal nur eine Frage der Herkunft. Im Osten gab es die Begriffe „nett“ und „lecker“ einfach nicht. Da war jemand „duffte“, „knorke“ oder „fetzte urst ein“ und auch ein Essen konnte „duffte“ und „knorke“ schmecken, oder „fetzte manchmal urst ein“. Astrein, genial und cool kamen später noch dazu.
Und im Westen? Ich konnte ARD und ZDF früher immer empfangen und weis daher, dass die Jogurts in den Werbepausen vormals „cremig“ oder „fruchtig“ waren.
Doch genau hier habe ich es irgendwann zum ersten Mal gehört. Zwei braungebrannte 25jährige Schönheiten, die in einer mondänen 45 Quadratmeterküche, deutsche Durchschnitts-Hausfrauen mimen – natürlich kommen sie gerade vom Joggen und präsentieren die Bikini-Titten – löffeln an einer quarkartigen Speise. Die eine: „Voll nett eure neue Küche.“ Die andere: „Und der Jogurt?“. „Voll lecker!!!“ Sorry, mir wird schlecht – ich muss gleich kotzen.
Kann denn diese scheiß Nobelküche nicht hinreißend, bezaubernd, stilvoll, angenehm oder meinetwegen auch fesch aussehen? Warum sagt die alte Ziege: „Voll nett?“ – was meint sie damit? Richtig schlecht? Sonst hätte sie ja „ganz nett“ gesagt, wenn es einfach nur nichts Besonderes wäre. Und warum in Gottes Namen darf dieser bescheuerte Jogurt denn nicht munden, köstlich, delikat, herrlich, wunderbar oder einfach nur gut schmecken? „Voll lecker“, so eine gekünstelte Sprache. Wir verblöden immer mehr! Ich schmeiß meine Kiste irgendwann hochkant aus dem Fenster. Volle Kanne!
Scheinbar sind es tatsächlich deutsche Adjektive dachte ich zunächst, denn weder im Englischen, Spanischen oder Russischen habe ich entsprechende Herleitungen gefunden. Kommt mir jetzt bitte nicht mit „nice“ für „nett“ oder „rico“ für „lecker“, nur weil ein oder zwei Buchstaben dieselben sind. Das Russische „Ochn harraschow“ ist zumindest eindeutig unlecker und des Französischen bin ich nicht mächtig.
Dennoch bin ich der Herkunft unseres „Leckerbissens“ auf die Schliche gekommen. „Lecker“ kommt ursprünglich aus dem Afrikaans in Südafrika und wurde letztendlich auch ins Niederländische übernommen. Dort wird es allerdings mit zwei „kk“ in der Mitte geschrieben.
Für mich, als großen Fußballfan, wäre es die Höchststrafe, wenn mir beim Spiel Holland gegen Deutschland jemand ins Ohr flüstern würde: „Ons het lekker gespeel“ – unsere haben großartig gespielt. Der Superlativ ist noch viel schlimmer: lekkerst! Bei Wiktionary von Wikipedia könnte ich einen neuen Eintrag für die Herkunft des deutschsprachigen Wortes „Leckerbissen“ erstellen. Es gibt nämlich noch keinen. Mache ich aber nicht! Dort ist bisher nur „lecker“ erläutert. Es bedeutete ursprünglich im Deutschen: „Was gut zu lecken ist…“ Ganz kurz hatte ich eine Vorstellung davon, was es sein könnte…Verwirrend!
„Nu haste mir aber janz lecker gemacht“, schreibt Alfred Döblin dazu passender weise in seinem Buch „Berlin Alexanderplatz“
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Es gibt aber noch einen anderen Ansatz. Vor kurzem besuchte uns eine Freundin aus der Schweiz. Sie hatte als Gastgeschenk ein paar „Leckerlis“, wie sie es nannte, mitgebracht. Auch dieser Fährte bin ich nachgegangen und so erfuhr ich, dass der Begriff „Basler Läckerli“ – mit „ä“ geschrieben, erstmals 1720 amtlich erwähnt wurde.
Das lebkuchenartige Gebäck, hergestellt aus Weizenmehl, Honig, kandierten Früchten und Nüssen kann man noch heute fast überall kaufen. Alles wäre so schön, wenn ich Euch jetzt zur Weihnachtszeit, die kleinen rechteckigen Stücke mit der Zuckerglasur anbieten könnte und wüsste, dass einzig und allein diese Basler Spezialität und Gaumenfreude als „lecker“ bezeichnet werden dürfte.
Aber nein, es gibt eine Band namens „Lecker Nudelsalat“, Kochrezepte unter „lecker.de“, „voll leckere Jogurts“ im TV, „Lecker – das Kochmagazin“, Die WDR-Reihe „von-und-zu-lecker“, „Die Leckschwestern“ in einem Video, „Lecker – die CD von Atze Schröder“, die Bücher „Lafer, Lichter, Lecker“ und „Hundekekse frisch und lecker“ und unzählige weitere „Leckerein und Leckerbissen“. Sorry, aber ich möchte dieses Wort jetzt wirklich nicht mehr niederschreiben. Ich weis, das ist nicht gerade nett von mir.

Ich hätte vielleicht doch lieber die Märchen-Geschichte aus Südamerika weitererzählen sollen. Wollt ihr wissen, wie sie ausgegangen ist?

Der kleine Roca tippt seinen Vater vorsichtig an die Schulter: „Du Papa, für was steht eigentlich das Meerschwein in der Götter-Sprache?“ Der Alte schaut seinen Sohn fragend an: „Weist Du denn nicht mehr, wie wir mit einem „Glatthaar“ über Onkel Xocil Körper gerieben haben, um die kranke Stelle zu finden?“ Roca schüttelt den Kopf. „Es hatte auf seinem Herzen gequiekt und als wir es töteten und aufschnitten, bestätigte sich die Vermutung. Auch das Meerschwein hatte ein krankes Herz. Es steht also für Heilung.“ Sein Sohn ist mit der Antwort nicht zufrieden, denn Onkel Xocil wurde längst von den Göttern heimgeholt. „Papa, warum essen wir es dann eigentlich so oft?“ Mit stolzem Blick schaut er hinab auf seinen Sohn. Wie klug er nur ist! „Mein Junge, die Menschen unseres Volkes verspeisen es so gern, weil es ein wahrlich netter Leckerbissen ist!“

Foto by Rebeccaypedro

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