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113 Minuten Brasilien – Das Fußball-WM-Finale 2014

12. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014


1974- Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden.
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang hatten sich im – von uns so genannten – “Scheppert-Eck” an der Mollstraße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die westdeutschen Nachbarn wurden Fußball-Weltmeister und ich war live und in Schwarz-Weiß mit dabei.

1990 – Meine erste bewusst erlebte Fußball-WM
Einige Monate nach dem Mauerfall saßen wir mit einigen Sixpacks Schultheiss bewaffnet auf einem der mit Gras überwucherten Sockel der Oberbaumbrücke und beobachteten die grölend vorbeiziehenden Idioten. Unangenehme Zeitgenossen mit Schnauzbart und in Marmorjeans torkelten aus Friedrichshain kommend in Richtung Kreuzberg. Sie grölten: „Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt“. Dieses Land war in Italien gerade zum dritten Weltmeister geworden und ich schämte mich für meine DDR-Landsleute – zutiefst.
Wir hatten die erste Halbzeit des Finales in einer verrauchten Kneipe gesehen. Keine deutschen Devotionalien schmückten den Raum und nur vereinzelnd trauten sich Gäste, zurückhaltend und unsicher, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Einige drückten sogar Maradona und seinem Team offenkundig die Daumen. Die Jungs hatten mich zur Halbzeit überzeugt, dass wir gerade jetzt mit ein paar Bieren auf die Brücke klettern müssten. Die Stadt war wie leergefegt. Diese ausgestorbene Straße mit dem ruhig dahin fließenden Fluss würden wir vielleicht nur einmal im Leben an einem Sonntagabend in solch unfassbarer Stille erleben können. Sie hatten Recht behalten. Berlin gehörte für 45 Minuten nur uns allein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Urschrei. An der Mauer und den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Die BRD musste in Führung gegangen sein. Doch der Jubel ließ mich nicht freudig erschaudern oder hemmungslos in Tränen ausbrechen. Obwohl die Wiedervereinigung kurz bevorstand, empfand ich nichts. Das war nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es war nicht mein Schrei! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft konnte mir bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich war kein Deutscher! Ich wollte reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Wollte andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Menschen treffen, andere Biersorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.
Ich drehte mich zu meinen Freunden um und murmelte etwas, doch dann erhob ich mein Bier und rief: „Dieses Land wird sehr lange nicht mehr Fußball-Weltmeister werden!“ Raketen flogen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot oder gelb, einige grün. Auch Böller waren zu hören am Abend des 8. Juli 1990.

1994 – Meine erste Fußball-WM als Bundesbürger
Mit Matze und Göte war ich 1994 zum Viertelfinale bei Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder erwartete einen deutlichen deutschen Sieg gegen Bulgarien. Bobo hatte sogar um seinen Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir gewinnen – gegen dessen Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel: 0:3 im Viertelfinale!

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, schrie Jeannet und sprintete in den Urwald. Aus heiterem Himmel war etwas unmittelbar vor unsere Füße gefallen. In Sekunden-Bruchteilen hatte wohl auch meine Freundin realisiert: Es ist eine fette Vogelspinne! Das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen wirkte wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechelte ihr hinterher. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brüllte ich, doch sie war bereits stehengeblieben und schrie wie am Spieß. Vor uns liefen nun dutzende der Ekelviecher herum. Atemlos erreichen wir den VW-Käfer. Plötzlich krachte etwas aufs Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckerte ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Auf einmal fiel mir etwas auf, was ich in der Aufregung gar nicht begriffen hatte.

Rückblende: wir hatten uns den weißen Käfer gemietet und fuhren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollten das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Mayastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut worden war. Schon von weitem sahen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Doch auf dem Parkplatz standen viele Busse, sodass wir entschieden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Eine Stunde brauchten wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es war fast schon ein bisschen gespenstig als wir auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage im Dschungel liefen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden schienen denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlugen uns durchs Unterholz und erklommen die Stufen zum „El Castillo“. Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán war umso spektakulärer, da sie auf einem Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckte sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo.
Auf dem Weg zum Auto begann es bald sintflutartig zu schütten, aber wir entdeckten einen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion saß ein altes Männlein mit indianischem Einschlag, der gerade geschnitzte Holzfiguren in schwarze Plastiktüten verstaute. Während der Regen lautstark niederprasselte, ließ sich meine Freundin eine Jaguar-Maske zeigen.
Jeannet hatte vor einigen Tagen Tränen gelacht, als ich ihr die Story von diesem Priester erzählt hatte, der mir für 2014 den nächsten deutschen WM-Titel prophezeit hatte. Wie naiv ich nur sei: der vermeintliche Hellseher hätte doch nur die in die Erde geritzte Zahlenreihe vervollständigt. 1998, 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen. Ich schaute mir den Kunstgewerbe-Verkäufer genauer an. Okay, einen zweiten Versuch war es wert. Ich malte mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahmte die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischte Jeannet. Sie trat unter der Hütte hervor und sprintete in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst hier im Auto fiel mir ein, was ich in der ganzen Aufregung fast übersehen hatte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaute mich fragend an und ich grübelte bereits in welchem Land das Ereignis wohl stattfinden wird und ich dann schon über 40 Jahre alt bin. „Deutschland wird also tatsächlich erst 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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1998 – Meine erste Fußball-WM in Südamerika
Die Zeit drängte, denn wir mussten noch eine Kneipe finden, um live zu erleben, wie Deutschland ins Halbfinale einzog. Auf der Plaza Bolivar in Porlamar (Venezuela) stoppte plötzlich ein LKW mit quietschenden Reifen. Bewaffnete Soldaten sprangen herunter und stürmten auf uns zu. „Manos arriba“, brüllte ein Typ mit vorgehaltener Kalaschnikow. Ein zweiter Krieger schrie: „Pasaporte!“ „Den hat der da vorne“ rief Matze auf Deutsch“, „Passaporte!“ „Jenna, du Idiot, bleib doch mal stehen“, kreischte Göte, doch es war zu spät. Mit der Gewehrmündung im Rücken wurden wir auf den LKW getrieben. Als die Ladefläche mit 30 männlichen Personen gefüllt war, rasten wir im Höllentempo davon. Drei Soldaten richteten die Waffen weiterhin auf uns und ihr Anführer befahl, die Schnauze zu halten. Nach zwanzig Minuten wurden wir mit militärischem Gebrüll vom Wagen gestoßen. Sie führten uns auf eine Aschelaufbahn und forderten uns auf, dort hintereinander im Kreis zu marschieren.

Nach einer Runde erreichten wir wieder das Hauptgebäude und der Kommandeur beorderte mich aus der Kolonne. Ich hörte wie er den Truppenleiter anbrüllte und verstand: „La puta rubia“ (die blonde Nutte). Er erklärte mir, was das für eine Aktion ist: Da sich die Männer hier gern mal vor dem Wehrdienst drücken, werden in solchen Einsätzen alle Jungs im entsprechenden Alter eingesackt. Innerhalb von 24 Stunden müssten sie dann nachweisen, bereits gedient zu haben.
Vorsichtig räusperte ich mich und deutete auf meine noch immer rotierenden Jungs. Als sie das nächste Mal bei uns waren, winkte er Matze und Jenna heraus. Nur Göte musste geschockt eine weitere Runde mit den neuen Kameraden drehen. Kichernd beschlossen wir, dem Kerlchen noch 400 Meter zu gönnen. „Scheiße, das Spiel!“, rief Matze. Wir rannten zum Chef und baten ihn, Göte zu erlösen. „Ihr seid ja richtig gute Freunde!“, brüllte er als wir aus der Armee entlassen wurden und in eine Spelunke stürmten. Gleich war Halbzeit und Kroatien führte mit 1:0. Soeben war auch noch Christian Wörns vom Platz geflogen. Nachdem wir eine Lokalrunde spendiert hatten, war die Kneipe komplett auf Seite der Deutschen, doch Vlaovic und Suker verdarben mit ihren Toren eine gigantische Polarbier-Party in Polarmar: 0:3 im Viertelfinale!

2002 – Mein erstes Fußball-WM-Finale als Bundesbürger
Sylvie und ich schmissen die Sachen aufs Bett und gingen hinaus, um noch ein paar Fotos in „Torres del Paine“ in der chilenischen Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld stand eine wild gestikulierende Horde, die gerade etwas absteckte. Ein Typ kam angerannt und brüllte aufgeregt irgendetwas von „futbol“. Bevor wir ihn verstanden, waren wir schon Mitglieder der „Extranjeros“ (Ausländer). Neben uns waren noch ein Deutsches Paar, ein Japaner und zwei Argentinier mit im Team und wir durften nun gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten.
Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team hatten, wirkten sie eingespielt. Der Ball lief gut durch ihre Reihen und nach fünf Minuten hätten sie bereits 3:0 führen müssen, scheiterten jedoch immer an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause konnten wir uns besprechen und veränderten die Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bildeten nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, stand im Mittelfeld und der Argentinier Joaquin spielte allein im Sturm. Wir ließen den Gegner kommen und starteten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passte steil auf Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielte. Schuss – gehalten! Doch deren Keeperin ließ den Ball abprallen, woraufhin „Joa“ ihn mühelos über die Linie schieben konnte. Ein ohrenbetäubender Torjubel schallte durchs Tal. Das „Ausland“ führte und kurz danach gelang Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen.

Die Chilenen gratulierten fair und luden uns zur Party am Abend ein. Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlte, rief euphorisch: „Das war ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“. Selbst mir war das bisher gar nicht aufgefallen.
Wir tanzten, sangen und wurden von den Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Liter Pappen gehörig abgefüllt. An jenem Tag war ihr Nationalfeiertag. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ feierten sie sich lautstark selbst.

Auch wenn während der WM 2002 wieder die ersten Deutschland-Rufe ertönten, hatten wir bei den Spielen lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale gegen Brasilien, welches wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn sahen, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wuchs da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann: 0:2 im Finale!

2006 – Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zwar fand das Finale in meiner Heimatstadt Berlin statt, doch ich war gerade mit Sylvie auf Weltreise und tourte durch Südamerika.
Das Halbfinale verlief in etwa so: Wir verliebten uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas in Brasilien und schließlich fanden wir eine Traumunterkunft mit Pool und Hängematte vor dem Zimmer. Im Dorf lagen überall grün-gelb-blaue Girlanden im Müll. Brasilien war bereits ausgeschieden und hatte abgeschmückt. Unser Spiel gegen Italien schien hier niemanden vom Hocker zu reißen. Nach längerer Suche entdeckten wir in einer verrauchten Bar dann aber doch noch die Hardcore-Fans des Ortes. Endlich trafen wir auch Mauro, den italienischen Inhaber unserer Pousada, der uns herzlich begrüßte und sofort mit seinen Dorfkumpels bekanntmachte. Das Lokal war in grün-weiß-roter Hand. Mauro und drei Typen seiner Gang trugen sogar Trikots der „Squadra Azzurra“. Eine italienische Fahne hing von der Decke herab. Brahma-Bier und Kurze wurden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizte. Die Hütte brodelte, als ob wir uns in Sizilien befänden und schnell bildeten sich zwei Fan-Lager: Sylvie und ich in den Deutschland-Trikots – gegen den Rest.

Das Spiel war nicht gut, lebte aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen waren, orderten auch wir erste Beruhigungsschnäpse. Mauro, dieser heißblütige und so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ war, platzierte zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkte in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Mauros Lieblingsverein Palermo. Nach dem zweiten Tor drehte unser Hotelier dann endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italiener auf dieser Welt.
Erstmals im Leben füllten sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nahm mich tröstend in die Arme. Nach und nach kamen Gäste an unseren Tisch und drückten ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellte die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzte sich dazu. Er bettelte nun fast darum, dass wir bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spürte, wie meine Trauer allmählich verflog, erhob mein Glas und rief: „Okay, du Scheiße-Italiener“: 0:2 im Halbfinale!

2010 – Meine erste Fußball-WM als Deutschland-Fan

Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir liefen hunderte, aufgeregt plappernde Leute. Fast alle trugen ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und hatten sich die Gesichter, Arme – manche sogar die Zehennägel – „deutsch“ bemalt. Etliche imitierten einen Hornissenschwarm, indem sie in eine Vuvuzela tröteten. Doch obwohl sie damit meine Nerven strapazierten, wirkten diese Menschen nicht martialisch, böse oder gefährlich – eher zuversichtlich, hoffnungsfroh und unglaublich glücklich. An diesem Tag begann die WM 2010 erst richtig, denn Deutschland traf im Achtelfinale auf den Erzfeind aus England.
Auch ich trug das Trikot der Deutschen, ohne mich dafür zu schämen. Ein wenig „Krakengläubig“ das rote 2006er Auswärtstrikot, da unser Team bisher nur einmal gegen Serbien verloren hatte, als ich das weiß-schwarze getragen hatte. Nein, es gab da kein verpflichtendes Gefühl im Zuge der fortschreitenden „Schlandisierung“ meiner Heimat, auch keinen übertriebenen Nationalstolz. Während der WM 2006 hatte ich das Shirt erstmals in Südamerika getragen. Ich wollte den Leuten damals zeigen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um diesen wunderschönen Kontinent bereisen zu können und vor allem, wem ich die Daumen drückte! Doch im Jahr 2010 war ich erstmals die gesamte WM lang ein Fan unserer Nationalmannschaft gewesen.

Viele Freunde waren schon da und alberten nervös herum. Wir sind ein zusammen gewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch die Jungs, mit denen ich vor 20 Jahren auf den Turmsockeln der Oberbaum-Brücke gehockt und das WM-Endspiel 1990 bewusst ignoriert hatte, waren erschienen.
Durch die Straßen schob sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans. Angeblich soll die Stimmung 2006 noch viel ausgelassener gewesen sein. Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Meine Stadt erstarrte in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen. Das Spiel begann.
20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilte dem englischen Verteidiger und schob, fast im Fallen, den Ball über die Linie. Ein Schrei donnerte durch die Simon-Dach-Straße. Es war ein Urschrei, der aus tausenden Kehlen gleichzeitig ertönte. Ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex. An den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel ließ mich erschaudern. Das war mein Land. Es war mein Team und auch mein Tor. Es war mein Schrei!

Viermal jubelten wir an dem Tag und ebenso oft berauschten wir uns im Viertelfinale an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Ich war beruhigt, dass es nur Uruguay bis ins Halbfinale schaffte. So hatte ich keine gigantische Party in Südamerika verpasst. Außer die in Montevideo. Doch auch für Deutschland war im Halbfinale gegen Spanien Schluss. Müdigkeit, Trauer und Depression. Ich fiel in ein schwarzes WM-Loch, bis ich mich entschloss, nach Madrid zu fliegen: 0:1 im Halbfinale!

2014 – Mein erster WM-Titel als Bundesbürger
In Madrid erlebte ich 2010 einen Jubel, den ich niemals im Leben vergessen werde, denn wie eine zerstörerische Lawine brach ein hunderttausendstimmiges „Goool“ in der 116. Minute über Spaniens Himmel herein. Es war ein nicht enden wollender Schrei, so als ob das ganze Land jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Alle tobten und kreischten bis zum ersehnten Schlusspfiff. Es war der (!) spanische Treffer der letzten 100 Jahre, die Erlösung und der fußballerische Erinnerungsmoment eines jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Kein Einziger hatte dieses Glücksgefühl jemals zuvor verspürt, denn Spanien wird eben nur einmal zum allerersten Mal Fußball-Weltmeister! Gracias Iniesta!
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In Deutschland sind diese kollektiven Emotionsausbrüche im Jahre 2014 eigentlich nicht möglich. Es gibt zu viele Menschen, die sich noch an die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 erinnern können oder sogar live dabei gewesen waren, ob nun vor dem TV oder in einem der drei Stadien. Auch ich bin mittlerweile so alt, dass ich bei zwei Triumpfen zumindest schon existiert habe. Dennoch endet für mich heute eine lange Reise – egal wie das Spiel ausgeht – denn mehr geht einfach nicht: Argentinien gegen Deutschland im Finale einer Fußball-WM in Brasilien; einer WM, bei der ich bis zum Viertelfinale selbst mit vor Ort war. Alle Turniere danach werden nie wieder diesen ultimativen Kick auslösen können.

Auf meinen Reisen durch Südamerika wurde mir des Öfteren prophezeit, dass unser Land 2014 wieder Fußball-Weltmeister wird, aber ernsthaft glaube ich eigentlich nicht an diesen Hokuspokus, wenngleich ich die Vorhersage in „90 Minuten Südamerika“ schriftlich festgehalten hatte. Gerade heute, an einem 13ten im Juli, bin ich mir nicht mehr so sicher; denke an den unberechenbaren Messi-Zwerg, an die stimmgewaltige Übermacht der argentinischen Fans im Stadion und an die Magenkrämpfe verursachenden Deutschland-Spiele gegen Ghana und Algerien.
Zwei Stunden vor Anpfiff fahre ich in meinen Pub in Friedrichshain, um bei ein paar Vorgeplänkel-Bieren herunterzukommen. Obwohl alle, die ich im Freundeskreis mit dem „Rockz“ in Verbindung bringe, nach und nach eintrudeln, kommt zunächst keine unbändige Vorfreude auf. Viele haben wahrscheinlich, wie ich, die Vorahnung, dass uns nach dem 7:1-Wunder ein enges, hart umkämpftes und hochdramatisches Spiel bevorsteht, dessen Ausgang niemand vorsagen kann. Warum meldet sich Truman eigentlich nicht? Um 21 Uhr atmen alle auf. Das Spiel beginnt.

113. Minute: Kroos passt hinüber zu Schürrle, der im Sprint auf der linken Seite bis weit in die argentinische Spielhälfte vorstößt. Bedrängt von zwei Verteidigern schlägt er eine Flanke, die auf Höhe des Fünf-Meter-Raums landet. Der heranstürmende Götze kann den Ball mit der Brust nicht nur stoppen, sondern fast im Rutschen mit links in Richtung Tor befördern. Während der argentinische Keeper wohl eher mit einem Schuss ins kurze Eck spekuliert, landet der Ball hinter ihm im … (für den Bruchteil einer Sekunde verharren wir in ungläubigem Staunen, doch dann schreien wir es gemeinsam hinaus)…Tooor! Es ist der (!) ultimative deutsche Treffer des 21-Jahrhunderts, die Erlösung nach 24 Jahren des Wartens. Der fußballerische Erinnerungsmoment für jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Danke Mario!

Bierbänke kippen krachend nach vorn, Gläser auf Tischen verlieren ihren Halt und scheppern auf den Asphalt. All meine Freunde fallen sich in die Arme und dann in einem wirren Knäul gemeinsam zu Boden. Bis zum Abpfiff wollen wir uns dort in Jubelorgien ergehen. Es gelingt nicht, denn der Schiri will einfach nicht abpfeifen und als Messi in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, sterben nicht nur wir tausend Tode. Doch er verzieht und dann heißt es tatsächlich: 1:0 im Finale!

Jetzt kommt mit Sicherheit kein spiritueller Mist nach dem Motto: Spinnen, Krebse und Priester haben mir den WM-Titel bereits prophezeit. Auch kein sentimentaler Abgesang, dass mein Coming-Of-Age (mein Erwachsenwerden) nun vollzogen ist, weil sich Herr Scheppert, dem im Jahre 1990 die Nationalmannschaft noch völlig am Arsch vorbeiging, 2014 nun selbst wie ein Weltmeister fühlt. Nein!
Nur dies: Wir sind eine tolle Nation, die in der Welt geschätzt und gefeiert wird – nicht zuletzt durch unsere Fußballspieler, deren Eltern in allen Teilen dieser wunderbaren Erde geboren worden sind. Die Guten haben gesiegt!

Durch die Verlängerung ist es schon spät geworden, doch ich feiere als gäbe es kein Morgen – zunächst im „Rockz“ mit Freunden und wildfremden Menschen, dann weiter in der „Tagung“ mit dem Bodensatz dieser Truppe. Irgendwann habe ich im Vollrausch eine wirre Idee, die mich nicht mehr loslässt, doch erst gegen 4 Uhr, als ich längst zu Hause sein sollte, wanke ich los. Erst im dritten Späti finde Schultheiss und als ich an der Warschauer Straße angelangt bin, habe ich bereits das zweite Bier des Sixpacks intus.
Am U-Bahnhof ahne ich, dass ich im Begriff bin, Scheiße zu bauen. Adrenalinblöd renne ich in der Dunkelheit auf den Gleisen in Richtung Oberbaumbrücke. Keiner kann mich jetzt stoppen und als ich an den roten Backstein-Türmen angelangt bin, ist das Ziel einer 24jährigen Reise erreicht. Ich weiß: auf die Türme werde ich nicht gelangen, aber die Aussicht von oberhalb der Brücke reicht mir völlig. An der Kante, kurz hinter den Schienen sitzend, mit Blick auf die Spree und meine, sich noch immer rasant verändernde Stadt, mit dem Fernsehturm als Fixpunkt in der Ferne, habe ich den Platz gefunden, an dem ich unter dem Sternehimmel den Weltmeistertitel 2014 mit herunterbaumelnden Beinen ganz allein genießen kann. Meinen ersten als …

… plötzlich blendet mich etwas. Ein Lichtstrahl nähert sich in atemberaubender Geschwindigkeit: Scheiße, die U-Bahn! Bin ich bescheuert oder was?

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika oder 113 Minuten Brasilien
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Fußball-Prophezeihungen im Jahre 1994 – Fußball-WM in Mexiko

19. August 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

imm031_2A‚Die spinnt doch komplett, die alte Hexe. Das hatte sie doch bestimmt beim Fußball gesehen und will nun die Gringos damit erschrecken.’ Das alte Mütterchen schaut mich mit milchigen Augen an und verlangt das Geld. Ich schmeiße ihr den Peso-Schein wütend vor die Füße und drehe mich um. Jeannet steht neben mir. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen, während ich sie in Richtung Ausgang ziehe. Eigentlich hatte ich mir etwas Positives davon versprochen – eine aufmunternde Geste, eine Aussage, die uns erheitern soll – doch genau das Gegenteil war eingetreten. Bloß weg hier.

Meinen ersten großen Urlaub mit Jeannet wollte ich 1994 wieder im Land meiner Träume verbringen. Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding, bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen, durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen ist. Es fühlt sich gut an, mit einem dicken Reiseführer, einem beendeten Spanisch-Anfängerkurs und vor allem mit dieser hübschen Frau an der Seite, hier zu landen. Aufgeregt zeige ich ihr schon auf der Fahrt vom Flughafen „mein“ Mexiko. Im Autoradio läuft zur Begrüßung „Maná“.

Schon im Vorfeld war klar gewesen, dass es eine andere Reise werden würde. Ich wollte Orte meiden, die ich bereits auf der Tour mit den Jungs gesehen hatte und ein bisschen mehr über die Kultur des Landes erfahren. Bedeutende Pyramiden, historische Sehenswürdigkeiten oder gar Museen hatten wir damals eher gemieden.
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Gleich am zweiten Tag fahren wir ins knapp 50 Kilometer entfernte Teotihuacán. Im Tal des Valle de Mexico stockt uns sofort der Atem, als wir die geheimnisvolle Ruinenstadt das erste Mal erblicken. Ehrfürchtig laufen wir durch das riesige Areal. Ich muss die Stelle im Reiseführer zweimal lesen, um zu begreifen, dass bis heute unklar ist, welches rätselhafte Volk hier einst gelebt hatte. Auf unserem Weg durch die „Straße der Toten“ – gesäumt von heiligen Palästen, Tempeln und den beiden gewaltigen Pyramiden – bilde ich mir ein, noch nie etwas derart Schönes gesehen zu haben. Mir wird ein bisschen schummrig von den schmalen Stufen, die hinauf zur Sonnenpyramide führen, doch Jeannet ermuntert mich, auch die kleine Mond-Schwester zu erklimmen. Erschöpft setze ich mich am Fuße des Bauwerks auf einen Sockel und gönne mir eine Raucherpause.
Eine alte Frau mit faltigem Gesicht und einer schmutzigen, bunt gemusterten Tracht stellt sich vor mir auf und schnappt nach meiner rechten Hand. Obwohl ich ihr Gebrabbel nicht verstehe, ist schnell klar, dass sie mir aus der Hand lesen will. Im Ferienlager hatte ich anderen Kindern früher einmal ihre Zukunft vorausgesagt, indem ich mir anhand der Linien irgendetwas ausgedacht hatte. Ohne groß darüber nachzudenken, rufe ich Jeannet herbei. Die Alte greift sofort nach ihrem Arm und schaut nun abwechselnd in unsere Handflächen. Plötzlich scheint sie etwas zu entdecken. Mit tiefer Stimme murmelt sie etwas vor sich hin, streckt ihre Arme nach vorn und imitiert, hin- und herschwenkend, eine Babywiege-Bewegung. Sie zeigt auf Jeannet, dann auf mich und schüttelt mit dem Kopf. Nochmals deutet sie ein schaukelndes Baby an und verneint gleichzeitig. Jeannet schießt augenblicklich das Wasser in die Augen.
Auf dem Rückweg versuche ich sie zu trösten, denn ich weiß, wie sehr sie sich Kinder wünscht. Die Fußball-WM 1994 war vor zwei Wochen in den USA zu Ende gegangen. Der Brasilianer Bebeto war dort nicht nur durch viele Tore und den Titel weltberühmt geworden. Nach seinem 2:0 gegen Holland war er zur Außenlinie gestürmt und hatte mit seitlich schwingenden Armen ein wiegendes Kind imitiert. Romario und Mazinho hatten sich neben ihn gestellt und synchron mitgeschaukelt. Es war das Bild der WM gewesen. Diesen Jubel hatte man noch nie zuvor gesehen.
Das hatte sicherlich selbst die alte Handleserin mitbekommen, versuche ich mein Mädchen zu besänftigen. Jeannet umarmt mich und flüstert schluchzend „Danke!“ Doch auf einmal stößt sie mich weg, läuft ein paar Meter zurück und brüllt mit erhobenen Stinkefinger: „Bist du bescheuert oder was? Fick dich!“, in Richtung der überrascht aufschauenden Wahrsagerin. Ich muss schmunzeln. Auch diese Geste sorgte während der WM für Aufsehen. Effenberg hatte deutschen Fans bei seiner Auswechslung gegen Südkorea den Mittelfinger gezeigt und war dafür nach Hause geschickt worden. Ich glaube nicht, dass sie das weiß, freue mich aber, dass ihr diese Aktion gut getan hat.
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„Dos tequilas por favor“ (zwei Tequila bitte) rufe ich drei Stunden später in einer Bar und drücke die Flasche mit der pikanten Sauce in meinen Taco. Obwohl wir das Aztekenstadion soeben nur von außen besichtigt haben, bin ich glücklich, endlich das Beweisfoto für meinen Alten in der Tasche zu haben. Da die Sauce zu lasch ist, hole ich mir das Gurkenglas vom Tresen. Darin schwimmen rote Chilistücken, Tomaten und Zwiebeln. „Zum Glück kein Koriander drin!“ Ich weiß mittlerweile, dass das petersilienähnliche Kraut jedes Essen nach Seife schmecken lässt. Auch Jeannet strahlt übers ganze Gesicht. Um ihren Hals baumelt eine Kette im onyxschwarz-silbernen Muster der Ohrringe. Die Tante mit der Visa-Karte hatte zugeschlagen und nimmt mich glücklich in die Arme. Sie hat die Geschichte mit dem Baby endgültig vergessen.

In der, für seine spektakulären Panoramablicke bekannten, Pyramidenanlage von Monte Albán werde ich zwei Tage später eines Besseren belehrt. Obwohl die Tempel, Paläste und Fresken der Zapoteken nicht ganz so prachtvoll, wie die von Teotihuacán erscheinen, verströmt der „Weiße Berg“ eine einzigartige Magie. Wir trennen wir uns kurz, um die Anlage mit der Fünf-Sterne-Aussicht, in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Als ich am L-förmigen Ballspielplatz gerade darüber sinniere, dass die alten Indios so ein Feld schon 1000 Jahre vor der ersten Fußball-WM errichtet haben, sehe ich meine Freundin am anderen Ende der Steinterrassen mit Jemandem stehen. Doch erst als sie die Arme hin- und her- schwingt, denke ich: ‚Das darf doch nicht wahr sein’ und renne hinüber. Die arme Frau mit der rot bestickten Bluse, scheint überhaupt nicht zu verstehen, was mein Mädchen von ihr will, doch ich komme zu spät. Jeannet ahmt wieder diese bekloppte Babywiege nach und zeigt mit dem Finger auf ihre Brust. Gebannt schaue ich in die dunklen Augen der Mexikanerin. Vor ihr liegen bunte Armbändchen, die sie hier augenscheinlich verkauft. Doch mit einem Lächeln erhebt sie ihre Hand zu einem Zeichen in den Himmel. Jeannet beginnt zu weinen. Doch es klingt anders – nach Tränen der Erleichterung. Auf den Boden werfen die Umrisse ihrer Finger drei lange Schatten.
„Du Schwein! Du wirst mich also verlassen!“ Wir sitzen vor einem der größten Lebewesen der Welt auf einer Bank und lassen den Tag noch einmal Revue passieren. Der 2000-3000 Jahre alte „Baum von Tule“ ist der wahrscheinlich dickste Baum der Welt, doch Jeannet hat keine Augen für ihn. Sie hatte auf dem Berg noch einmal mit den Armen gewedelt und dann auf mich gezeigt. Die freundliche Verkäuferin hatte bei mir nur den Kopf geschüttelt. „Na wie soll ich denn auch Babys bekommen?“, antworte ich amüsiert. Ich hole mein Taschenmesser aus der Hosentasche und ritze in die Lehne der Bank ein Herz. An die Pfeilenden schreibe ich „J“ und „M“ und darunter „for ever“.
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„Pasaporte, Pasaporte“, brüllt der Typ mit dem Maschinengewehr immer wieder. „Scheiße. Schönes Eigentor!“, sage ich zu Jeannet. „Meiner ist im Rucksack.“ Nervös suche ich im Gepäckfach unter dem Bus nach meinem grauen Teil, während sich die Passagiere ihre Nasen an den Scheiben platt drücken. Auch hier – mitten in der Pampa – riecht es nach verbrannten Reifen. Endlich sehe ich das gute Stück, eingeklemmt zwischen zwei schweren Baumwollsäcken. Mit voller Kraft zerre ich am Schultergurt. Langsam bewegt sich das Ding in meine Richtung, doch plötzlich gibt der Trageriemen nach und reißt. Ich verliere das Gleichgewicht und lande auf dem Rücken im Matsch. Mühsam rappele ich mich hoch. Ein kühler Metallgegenstand drückt gegen meinen Schädel. „Pasaporte!“, schreit der Kerl in den Tarnklamotten nun deutlich lauter und nimmt die Waffe wieder runter. Wir fahren mitten in der Nacht durch Chiapas – das Guerillagebiet der Zapatisten.

Noch vor zwei Jahren hatten sich Matze, Göte und ich in diesen Bundesstaat verliebt. Das abgelegene Hochland war seit Jahrhunderten Rückzugsgebiet der Maya und anderer Urvölker gewesen. Nur hier waren religiöse Bräuche, eigene Sprachen und eine kulturelle Vielfalt erhalten geblieben, wie sie es sonst nirgendwo in Mexiko mehr gab. Wir konnten in Dschungeldörfern oder auf Märkten von Kopfsteinpflaster-Städten eine völlig andere Lebensart bestaunen, so als existiere die heutige Zivilisation überhaupt nicht. In Chiapas waren wir in eine andere Welt eingetaucht und begriffen nicht, warum so viele Menschen ihre Heimat gen USA verlassen wollten, während wir in die umgekehrte Richtung fuhren.

Endlich habe ich meinen Pass herausgefischt und reiche ihn mit wackligen Knien herüber. Minutenlang blättert ein zweiter Uniformierter darin herum und vergleicht meine Visage mit dem Passbild. Ich frage mich besorgt, ob es viele Maya-Rebellen mit blonden Haaren und blaugrünen Augen auf deren Fahndungslisten gibt.
Natürlich hatte ich es in der Heimat mitverfolgt. Zu Jahresbeginn waren 2000, seit Jahrhunderten gedemütigte Mayas plötzlich aus den Urwäldern von Chiapas aufgetaucht und hatten verschiedene Städte eingenommen. Die Zapatisten wollten unter der Losung: „Eine andere Welt ist möglich“, ihren Willen zur Selbstbestimmung zum Ausdruck bringen und sogar bis nach Mexiko City weitermarschieren, um den Präsidenten zu stürzen. Doch nach acht Tagen eroberten Streitkräfte der Regierung die Städte zurück und die Rebellen verschwanden wieder im Dschungel.
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Der Armeetyp scheucht mich in den Bus zurück. Einige schauen mich missmutig an, denn wegen mir hatten wir hier so lange gehalten. Trotzdem sehe ich in den Augen auch Erleichterung. Ich hatte, obwohl ich die Ziele eigentlich unterstütze auch schon von Raub und Geiselnahmen gehört. In diesem Fall war es vielleicht ganz gut, dass uns „nur“ die Armee gestoppt hatte.
Schief lächelnd, setzte ich mich neben meine eingeschüchtert wirkende Freundin. „Für ein Eigentor wurden manche auch schon erschossen“, sage ich lächelnd. Vielleicht, um mich selbst ein wenig zu beruhigen, erzähle ich ihr vom Kolumbianer Escobar, der bei seiner Rückkehr von der letzten WM vor einer Bar getötet wurde. Sie kuschelt sich an mich. „Aber der hatte ja wirklich ins eigene Tor getroffen“, rede ich einfach weiter und schaue auf meine modderverschmierten Waden. An meiner Schläfe meine ich noch immer, den Abdruck des Gewehrlaufes zu spüren. Der Bus schlängelt sich halsbrecherisch die Berge empor und einsetzender Regen trommelt aufs Dach. Jeannet ist eingeschlafen.

Umgeben vom dichten Grün des Regenwaldes laufen wir entlang eines Flusses zu den Ruinen von Palenque. Wir hatten uns ganz in der Nähe einen Bungalow gemietet und unsere erste gemeinsame Urwaldnacht in einer unheimlichen Geräuschkulisse verbracht. Überall hatte es gesummt, geraschelt, geknackt, gejault und einige Viecher hatten im Wald sogar regelrecht gebrüllt. Doch im morgendlichen Nebel werden wir für den unruhigen Schlaf entschädigt. Gewaltige oliv- und giftgrüne Pflanzen wachsen direkt vor unserer Hütte oder ranken sich an den Stämmen der Bäume empor und Schmetterlinge umflattern die gelben und roten Blüten. Orangefarbene Früchte hängen direkt vor uns in den Bäumen und – für den kleinen Ossi noch immer wichtig – Bananen auch! Auch der große Palast, der Ballspielplatz und die Tempel der Mayaruinen sind umgeben vom Urwald. Fette Leguane sonnen sich auf den steinernen Stufen und Tukane mit bunten Schnäbeln sitzen in den Bäumen. Warum auch diese einmalig schöne Stadt von ihren Bewohnern einst verlassen wurde, ist nicht nur mir ein Rätsel.
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Obwohl Jeannet hier den ganzen Tag herumklettern könnte, überzeuge ich sie, noch heute ein weiteres Highlight zu sehen. Die feuchtwarme Luft und die Mittagshitze machen mir arg zu schaffen. Wir organisieren einen Fahrer und schon um 14 Uhr sind wir in „Agua Azul“ – bei den hellblauen Wasserfällen. Vielleicht hatte ich auch darauf gedrängt, da sich hier erstmals die Wege mit meiner Reise von 1992 kreuzen. Stundenlang war ich mit Matze und Göte in den kaskadenförmig verlaufenden Wasserfällen geschwommen, war von Baumstämmen und Steinplatten metertief in türkisfarbene Becken gesprungen. Sämtliche Verbotsschilder ignorierend, hatten wir uns einfach mit der Strömung von einem Fall zum nächsten treiben lassen. Auch heute springe ich unbekümmert ins Wasser. Um Jeannet zu beeindrucken, erklimme ich eine drei Meter hohe Klippe und hechte vor einem Wasserfall kopfüber in den weiß schäumenden Pool. Ich kenne diese Stelle noch gut. Kurz nachdem ich die Wasseroberfläche berühre, wird alles schwarz.
Als ich die Augen wieder öffne, liege ich auf dem Rücken neben Jeannet am Ufer, die mich schockiert anstarrt. Ein kräftiger Einheimischer mit indianischen Wurzeln beugt sich über mich. Ich fasse mir mit der Hand ins Gesicht. Es ist, wie meine Brust, blutverschmiert. Ich erkenne die schwarz funkelnden Augen des Mannes. Es ist unser Fahrer und ich ahne, dass er mir soeben das Leben gerettet hat. „Gracias amigo“ (Danke Freund), flüstere ich.
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Drei Stunden später baumele ich in der Hängematte mit meinem “I killed Laura Palmer Shirt” vor unserer Hütte. Jeannet liegt drinnen unter dem Ventilator und liest. Wir hatten uns ein bisschen gestritten. Sie hatte mir den Scherz: „Na dann wäre wenigstens klar gewesen, warum du drei und ich keine Kinder bekomme“, übel genommen. Bis auf die dicke Beule am Kopf hatte ich nichts weiter abbekommen. Trotzdem wäre ich ohne fremde Hilfe ohnmächtig ersoffen. Von Itzel, die unsere Anlage betreibt, erfuhr ich, dass mein Retter dem Volke der Choles entstammt. In ihren Augen war es kein Zufall, dass genau er mich aus dem Wasser gezogen hatte. Hier im Dorf wird der Kerl überall nur „El Sacerdote“ (der Priester) gerufen.
Über mir ist es längst dunkel geworden. Ich greife mir eine Dose Tecate-Bier und denke über den Urlaub nach. Es ist schön, mit ihr zu reisen. Mit staunenden Augen scheint sie die exotischen Bilder genauso in sich aufzusaugen, wie ich es bei meiner ersten Reise getan hatte. Fast immer wohnen wir komfortabler als in unserer Hinterhaus-Bruchbude in Friedrichshain und jede Nacht kann ich mich an ihren warmen Körper anschmiegen. Allerdings staune ich darüber, wie wenig selbstbewusst sie in Mexiko ist. Alle Entscheidungen überlässt sie mir. Als Paar lernen wir zudem viel weniger Leute kennen. Nicht nur deshalb realisiere ich, dass ich mir so einen Sprung in Zukunft nicht mehr leisten kann. Bei dieser Reise habe ich nicht ständig jemanden an meiner Seite, der mich rechtzeitig aus dem Wasser zerrt.
In Gedanken versunken, schaue ich hinüber zum gegenüberliegenden Bungalow. Dort sitzt „El Sacerdote“ – mein indianischer Lebensretter. Mit zwei Bier bewaffnet gehe ich hinüber, um ihm nochmals zu danken. Er lehnt die Dose lächelnd ab, bietet mir aber den Platz neben sich an. Es entwickelt sich ein holpriges Gespräch. Die ganze Zeit malt er komische Zeichen mit einem Stab in den Boden und versucht mir zu erklären, was sie bedeuten. Doch ich begreife es nicht. Wahrscheinlich sind es Sternenformationen, da er ständig in den Himmel deutet.
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Plötzlich habe ich eine Idee. Wenn er wirklich ein heiliger Priester wäre, dann ist er ja vielleicht auch ein Hellseher. Im Wald finde ich einen Ast und beginne etwas in die schwarze Erde zu kritzeln: 1998, 2002, 2006, 2010. Um jede Zahl ziehe ich einen ovalen Kreis und bitte ihn, eine dieser Nummern anzukreuzen. Grübelnd betrachtet er die aufgemalten Zahlenreihen, doch plötzlich schnappt er sich den Stock und macht etwas vollkommen Unerwartetes. Er malt einen neuen Kreis, schreibt eine Zahl hinein und kreuzt diese an.
Ich kann es nicht fassen. Das ist ja noch so lange hin. Unmöglich! Da wäre ich ja schon über 40. Nein, ich wollte nicht wissen, wann ich mit Jeannet das erste Kind zu erwarten habe. Meine Frage lautete: Wann wird Deutschland wieder Fußball-Weltmeister? Irgendwie glaube ich nicht mehr daran, dass sie es nie wieder schaffen werden. Er hatte sie mir beantwortet: 2014.

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischt Jeannet. Sie tritt unter dem Unterstand hervor und sprintet in den Urwald. Es schüttet, als ob Löschflugzeuge ihre Tanks über uns leeren. Auch ich bin noch geschockt. Es ist gerade etwas aus heiterem Himmel unmittelbar vor meine Füße gefallen. In Sekundenbruchteilen muss wohl auch meine Freundin realisiert haben: Das ist eine fette, haarige Vogelspinne! Obwohl sie vielleicht nur sechs Zentimeter groß ist – wirkt das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen, wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechele Jeannet fast blind hinterher. Der Regen ist so gewaltig, dass meine Augen voller Wasser sind. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brülle ich, doch sie ist bereits stehengelieben und schreit wie am Spieß. Durch den dichten Schleier der Regenwand hindurch sehe auch ich sie plötzlich. Vor uns laufen nun dutzende dieser Ekelviecher umher. Auch für sie scheint der starke Regenguss eine Bedrohung darzustellen und sie ahnen sicherlich nicht, dass ihr wildes Herumirren für uns einem Horrorszenario gleicht. Atemlos und klitschnass erreichen wir den VW-Käfer. Ich ziehe mir alle Klamotten aus und werfe sie auf den Rücksitz. Jeannet ebenso. Plötzlich kracht etwas auf unser Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckere ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Die Scheiben sind schnell beschlagen und der hektisch wedelnde Scheibenwischer kommt nicht mehr hinterher. Aber es ist momentan niemand auf der Straße, außer uns und unzähligen schwarz-roten Vogelspinnen. Wir beruhigen uns langsam und ich beobachte gerührt, wie Jeannet erst mich und dann sich mit einem Handtuch sachte trocken reibt. Sie sieht extrem süß aus, so vollkommen nackt neben mir auf dem Beifahrersitz. Auf einmal fällt mir ein, was ich ihr in der ganzen Aufregung noch gar nicht sagen konnte. Sie hatte mich die ganze Zeit dafür ausgelacht, doch es hatte sich etwas bewahrheitet. Ich bin doch nicht bescheuert oder was? Soeben wurde der endgültige Beweis erbracht!
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Wir haben den Endpunkt unserer Reise erreicht. Ich hatte zwar schon einige schneeweiße Pulverstrände in meinem Leben gesehen, doch die Farben, in denen das Karibische Meer hier schimmert, sind auch für mich neu. Je nach Tageszeit sehen wir hellblaue, türkise, grüne und dunkelblaue Töne. Im beschaulichen Playa del Carmen haben wir eine günstige Hütte gemietet. Es sind nur wenige Touristen hier, sodass wir in den gemütlichen Restaurants oftmals die einzigen Gäste sind. Ein idealer Ort, der geradezu dazu einlädt, einfach mal dem Nichtstun zu frönen.
Mit Matze und Göte war die Reise 1992 in Cancun zu Ende gegangen. Wir hatten zwei Nächte in einem überteuerten Hotel übernachtet und panisch versucht, unseren Rückflugtermin umzubuchen. Uns war das Geld ausgegangen und tatsächlich flogen wir eine Woche früher als geplant in die Heimat. Wären wir damals doch bloß noch ein Stück die Küste entlang gefahren.
In die entsetzliche Touristenhochburg müssen wir diesmal nur kurz. Jeannet hatte endlich einmal die Zügel in die Hand genommen und beschlossen, dass wir uns einen Inlandsflug zurück nach Mexiko City leisten werden. Die Tante mit der Visa-Karte zahlt erst einmal. Für sie sind das „Peanuts“, denn nach dem Mauerfall haben wir uns ganz unterschiedlich entwickelt. Während Jeannet arbeitet und regelmäßig Geld nach Hause bringt, dümpele ich nach wie vor eher gemächlich durchs Leben. Über meine Hamburger Freunde habe ich einen Nebenjob begonnen, der so viel Geld einbringt, dass mein Studium völlig zweitrangig geworden ist. Ich bin zufrieden. Die Kohle reicht für die Miete, einen vollen Kühlschrank, Kneipentouren, Konzerte, Festivals, für Daddelautomaten, Stadionbesuche, einen großen Rosenstrauß für Jeannet und den Mexikourlaub. Eine Kreditkarte besitze ich nicht.
Auf dem Rückweg aus Cancun lassen wir uns an einer Kreuzung herausschmeißen und fahren von der Abzweigung mit einem Taxi nach Puerto Morelos. „Hast du denn überhaupt Badezeug dabei?“, fragt Jeannet skeptisch, als ich mir in einer Bar eine Taucherbrille leihe. Doch vor uns breitet sich ein menschenleerer Sandstrand aus. Nach einigen hundert Metern ziehen wir uns aus und rennen nackt in die 25 Grad warme Badewanne. Jeannet springt mich von hinten an und hält sich an meinem Hals fest. Langsam schlängelt sie sich um mich herum, gibt mir einen zärtlichen Kuss und schaut mich an. Schon vor Tagen hatte ich sie wiederentdeckt. Es sind diese leuchtenden, rehbraunen Augen, die mich zu Beginn unserer Beziehung immer so umgehauen haben. Langsam gleitet sie an mir herab. Dann lieben wir uns.
Erschöpft liegen wir im warmen Sand. Ich hatte mich auf den Bauch gelegt und habe nun das Gefühl, als ob mich irgendetwas von unten zwackt. Ich laufe erneut ins Meer und betrachte, bevor ich den Kopf unters Wasser stecke, noch einmal mein überaus erotisch anmutendes Mädchen.
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Schnell erkenne ich, dass dies hier keine besonders faszinierende Unterwasserwelt ist, doch dafür entdecke ich riesige weiße Muscheln und Meeresschnecken. Diese großen, die man sich ans Ohr hält und dabei den Ozean rauschen hört. Begeistert hole ich sie vom Boden, schmeiße sie im hohen Bogen an Land und sehe erst spät, dass mir Jeannet vom Ufer aus, ganz aufgeregt zuwinkt.
Hunderte durchsichtige Krebse krabbeln nun aus Löchern im Sand und auch einige größere, graue sind in den Mulden zu sehen. „Die Mistdinger haben mich in den Po gezwickt“, ruft Jeannet lächelnd. Ich strahle zurück. Was für ein schöner Nachmittag. Voller Harmonie und neuer Erfahrungen. Erstmals hatten wir uns im Meer geliebt. Glücklich beobachte ich Jeannet beim Bestaunen der angeschleppten Schätze.
Auch Kellner Juan streckt im Restaurant anerkennend den Daumen nach oben. Nach dem Essen setzt er sich kurz zu uns und als er erfährt, woher wir kommen, entspannt er sich zusehends. Dass der Satz: „Somos alemanes“, (wir sind Deutsche – und eben keine Gringos aus den USA) in Mexiko alle Türen öffnet, hatten wir schon vor zwei Jahren schnell begriffen.
Er berichtet, dass vor drei Wochen alle Mexikaner im Viertelfinale der WM für Deutschland gewesen wären, da die Bulgaren zuvor sein Heimatland raus geschossen hatten. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle, wie ich das Spiel erlebt hatte. Zusammen mit Matze und Göte waren wir bei unseren Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder vor dem „Happy Altona“ hatte einen deutlichen Deutschen Sieg erwartet. Bobo hatte sogar um seinen roten Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir im Turnier bleiben – gegen dessen Converse Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Nur Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste – nur zum Spaß – rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel. Juan versteht die Anekdote zwar nicht ganz, spendiert uns aber dennoch eine Abschieds-Margarita und ruft ein Taxi.
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Im Wagen rekapituliere ich noch einmal den denkwürdigen Sommerabend in der Hansestadt. Auch Gernot, Kaschi und Steve waren dabei gewesen. Alle drei hatten sich zwei Jahre zuvor, in meiner sechswöchigen Abwesenheit, herzzerreißend um Jeannet gekümmert. Letzterer etwas zu innig, da sie miteinander gevögelt hatten. Das hatte mir meine Freundin, in Tränen aufgelöst, sofort gebeichtet. Doch während ich nach einer Bierseeligen Aussprache im Kiez schon nach zwei Monaten wieder mit Steve feierte, darf ich bis heute den Namen Veronica nicht erwähnen. Gekränkt hatte ich erlogen, dass auch ich in Zipolite fremdgegangen war. Sie ahnte ja nicht, dass ich das Mädchen nicht einmal geküsst hatte. ‚Schnee von gestern’, denke ich und nehme die Frau meiner zukünftigen Kinder in die Arme.

Am nächsten Tag mieten wir uns einen weißenKäfer und fahren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollen das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Ma yastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut wurde. Schon von weitem sehen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erheben. Doch auf dem Parkplatz stehen zu viele Reisebusse, sodass wir entscheiden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Beinahe eine Stunde brauchen wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es ist fast schon ein bisschen gespenstig, dass wir, an Seen vorbei, auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage laufen. Obwohl an den meisten Tempeln und Gebäuden „No hay paso“ (nicht passieren) steht, benehmen wir uns, wie übermütige Affen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden sollen eher denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlagen uns durchs Unterholz und erklimmen die Stufen hinauf zum „El Castillo“ (Schloss). Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán ist umso spektakulärer, da sie auf einem natürlichen Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckt sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo. Doch am Himmel drohen schwarze Wolken mit Regen.
Auf dem Weg zum Auto beginnt es sintflutartig zu schütten, aber wir entdecken einen kleinen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion sitzt bereits ein alter Mann mit indianischem Einschlag, der geschnitzte Holzfiguren und Masken in schwarze Plastiktüten verstaut. Während der Regen lautstark niederprasselt, lässt sich meine Freundin eine Jaguarmaske zeigen.
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Jeannet hatte Tränen gelacht, als ich die Story vom Priester erzählt hatte. Wie naiv ich nur sei. Der vermeintliche Hellseher hätte doch nur meine Zahlenreihe vervollständigt. 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen.
Ich schaue mir den Kunstgewerbe-Verkäufer etwas genauer an. Okay, ein Versuch ist es wert. Ich male mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahme die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischt Jeannet. Sie tritt unter der Hütte hervor und sprintet in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst im Auto fällt mir ein, was ich in der ganzen Aufregung noch gar nicht erzählen konnte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaut mich fragend an und ich grüble bereits in welchem Land das große Ereignis wohl stattfinden wird. „Deutschland wird also tatsächlich 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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Zum Weierlesen: 90 Minuten Südamerika
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