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113 Minuten Brasilien – Das Fußball-WM-Finale 2014

12. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog


1974- Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden.
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang hatten sich im – von uns so genannten – “Scheppert-Eck” an der Mollstraße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die westdeutschen Nachbarn wurden Fußball-Weltmeister und ich war live und in Schwarz-Weiß mit dabei.

1990 – Meine erste bewusst erlebte Fußball-WM
Einige Monate nach dem Mauerfall saßen wir mit einigen Sixpacks Schultheiss bewaffnet auf einem der mit Gras überwucherten Sockel der Oberbaumbrücke und beobachteten die grölend vorbeiziehenden Idioten. Unangenehme Zeitgenossen mit Schnauzbart und in Marmorjeans torkelten aus Friedrichshain kommend in Richtung Kreuzberg. Sie grölten: „Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt“. Dieses Land war in Italien gerade zum dritten Weltmeister geworden und ich schämte mich für meine DDR-Landsleute – zutiefst.
Wir hatten die erste Halbzeit des Finales in einer verrauchten Kneipe gesehen. Keine deutschen Devotionalien schmückten den Raum und nur vereinzelnd trauten sich Gäste, zurückhaltend und unsicher, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Einige drückten sogar Maradona und seinem Team offenkundig die Daumen. Die Jungs hatten mich zur Halbzeit überzeugt, dass wir gerade jetzt mit ein paar Bieren auf die Brücke klettern müssten. Die Stadt war wie leergefegt. Diese ausgestorbene Straße mit dem ruhig dahin fließenden Fluss würden wir vielleicht nur einmal im Leben an einem Sonntagabend in solch unfassbarer Stille erleben können. Sie hatten Recht behalten. Berlin gehörte für 45 Minuten nur uns allein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Urschrei. An der Mauer und den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Die BRD musste in Führung gegangen sein. Doch der Jubel ließ mich nicht freudig erschaudern oder hemmungslos in Tränen ausbrechen. Obwohl die Wiedervereinigung kurz bevorstand, empfand ich nichts. Das war nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es war nicht mein Schrei! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft konnte mir bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich war kein Deutscher! Ich wollte reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Wollte andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Menschen treffen, andere Biersorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.
Ich drehte mich zu meinen Freunden um und murmelte etwas, doch dann erhob ich mein Bier und rief: „Dieses Land wird sehr lange nicht mehr Fußball-Weltmeister werden!“ Raketen flogen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot oder gelb, einige grün. Auch Böller waren zu hören am Abend des 8. Juli 1990.

1994 – Meine erste Fußball-WM als Bundesbürger
Mit Matze und Göte war ich 1994 zum Viertelfinale bei Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder erwartete einen deutlichen deutschen Sieg gegen Bulgarien. Bobo hatte sogar um seinen Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir gewinnen – gegen dessen Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel: 0:3 im Viertelfinale!

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, schrie Jeannet und sprintete in den Urwald. Aus heiterem Himmel war etwas unmittelbar vor unsere Füße gefallen. In Sekunden-Bruchteilen hatte wohl auch meine Freundin realisiert: Es ist eine fette Vogelspinne! Das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen wirkte wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechelte ihr hinterher. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brüllte ich, doch sie war bereits stehengeblieben und schrie wie am Spieß. Vor uns liefen nun dutzende der Ekelviecher herum. Atemlos erreichen wir den VW-Käfer. Plötzlich krachte etwas aufs Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckerte ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Auf einmal fiel mir etwas auf, was ich in der Aufregung gar nicht begriffen hatte.

Rückblende: wir hatten uns den weißen Käfer gemietet und fuhren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollten das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Mayastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut worden war. Schon von weitem sahen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Doch auf dem Parkplatz standen viele Busse, sodass wir entschieden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Eine Stunde brauchten wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es war fast schon ein bisschen gespenstig als wir auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage im Dschungel liefen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden schienen denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlugen uns durchs Unterholz und erklommen die Stufen zum „El Castillo“. Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán war umso spektakulärer, da sie auf einem Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckte sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo.
Auf dem Weg zum Auto begann es bald sintflutartig zu schütten, aber wir entdeckten einen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion saß ein altes Männlein mit indianischem Einschlag, der gerade geschnitzte Holzfiguren in schwarze Plastiktüten verstaute. Während der Regen lautstark niederprasselte, ließ sich meine Freundin eine Jaguar-Maske zeigen.
Jeannet hatte vor einigen Tagen Tränen gelacht, als ich ihr die Story von diesem Priester erzählt hatte, der mir für 2014 den nächsten deutschen WM-Titel prophezeit hatte. Wie naiv ich nur sei: der vermeintliche Hellseher hätte doch nur die in die Erde geritzte Zahlenreihe vervollständigt. 1998, 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen. Ich schaute mir den Kunstgewerbe-Verkäufer genauer an. Okay, einen zweiten Versuch war es wert. Ich malte mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahmte die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischte Jeannet. Sie trat unter der Hütte hervor und sprintete in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst hier im Auto fiel mir ein, was ich in der ganzen Aufregung fast übersehen hatte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaute mich fragend an und ich grübelte bereits in welchem Land das Ereignis wohl stattfinden wird und ich dann schon über 40 Jahre alt bin. „Deutschland wird also tatsächlich erst 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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1998 – Meine erste Fußball-WM in Südamerika
Die Zeit drängte, denn wir mussten noch eine Kneipe finden, um live zu erleben, wie Deutschland ins Halbfinale einzog. Auf der Plaza Bolivar in Porlamar (Venezuela) stoppte plötzlich ein LKW mit quietschenden Reifen. Bewaffnete Soldaten sprangen herunter und stürmten auf uns zu. „Manos arriba“, brüllte ein Typ mit vorgehaltener Kalaschnikow. Ein zweiter Krieger schrie: „Pasaporte!“ „Den hat der da vorne“ rief Matze auf Deutsch“, „Passaporte!“ „Jenna, du Idiot, bleib doch mal stehen“, kreischte Göte, doch es war zu spät. Mit der Gewehrmündung im Rücken wurden wir auf den LKW getrieben. Als die Ladefläche mit 30 männlichen Personen gefüllt war, rasten wir im Höllentempo davon. Drei Soldaten richteten die Waffen weiterhin auf uns und ihr Anführer befahl, die Schnauze zu halten. Nach zwanzig Minuten wurden wir mit militärischem Gebrüll vom Wagen gestoßen. Sie führten uns auf eine Aschelaufbahn und forderten uns auf, dort hintereinander im Kreis zu marschieren.

Nach einer Runde erreichten wir wieder das Hauptgebäude und der Kommandeur beorderte mich aus der Kolonne. Ich hörte wie er den Truppenleiter anbrüllte und verstand: „La puta rubia“ (die blonde Nutte). Er erklärte mir, was das für eine Aktion ist: Da sich die Männer hier gern mal vor dem Wehrdienst drücken, werden in solchen Einsätzen alle Jungs im entsprechenden Alter eingesackt. Innerhalb von 24 Stunden müssten sie dann nachweisen, bereits gedient zu haben.
Vorsichtig räusperte ich mich und deutete auf meine noch immer rotierenden Jungs. Als sie das nächste Mal bei uns waren, winkte er Matze und Jenna heraus. Nur Göte musste geschockt eine weitere Runde mit den neuen Kameraden drehen. Kichernd beschlossen wir, dem Kerlchen noch 400 Meter zu gönnen. „Scheiße, das Spiel!“, rief Matze. Wir rannten zum Chef und baten ihn, Göte zu erlösen. „Ihr seid ja richtig gute Freunde!“, brüllte er als wir aus der Armee entlassen wurden und in eine Spelunke stürmten. Gleich war Halbzeit und Kroatien führte mit 1:0. Soeben war auch noch Christian Wörns vom Platz geflogen. Nachdem wir eine Lokalrunde spendiert hatten, war die Kneipe komplett auf Seite der Deutschen, doch Vlaovic und Suker verdarben mit ihren Toren eine gigantische Polarbier-Party in Polarmar: 0:3 im Viertelfinale!

2002 – Mein erstes Fußball-WM-Finale als Bundesbürger
Sylvie und ich schmissen die Sachen aufs Bett und gingen hinaus, um noch ein paar Fotos in „Torres del Paine“ in der chilenischen Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld stand eine wild gestikulierende Horde, die gerade etwas absteckte. Ein Typ kam angerannt und brüllte aufgeregt irgendetwas von „futbol“. Bevor wir ihn verstanden, waren wir schon Mitglieder der „Extranjeros“ (Ausländer). Neben uns waren noch ein Deutsches Paar, ein Japaner und zwei Argentinier mit im Team und wir durften nun gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten.
Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team hatten, wirkten sie eingespielt. Der Ball lief gut durch ihre Reihen und nach fünf Minuten hätten sie bereits 3:0 führen müssen, scheiterten jedoch immer an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause konnten wir uns besprechen und veränderten die Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bildeten nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, stand im Mittelfeld und der Argentinier Joaquin spielte allein im Sturm. Wir ließen den Gegner kommen und starteten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passte steil auf Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielte. Schuss – gehalten! Doch deren Keeperin ließ den Ball abprallen, woraufhin „Joa“ ihn mühelos über die Linie schieben konnte. Ein ohrenbetäubender Torjubel schallte durchs Tal. Das „Ausland“ führte und kurz danach gelang Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen.

Die Chilenen gratulierten fair und luden uns zur Party am Abend ein. Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlte, rief euphorisch: „Das war ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“. Selbst mir war das bisher gar nicht aufgefallen.
Wir tanzten, sangen und wurden von den Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Liter Pappen gehörig abgefüllt. An jenem Tag war ihr Nationalfeiertag. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ feierten sie sich lautstark selbst.

Auch wenn während der WM 2002 wieder die ersten Deutschland-Rufe ertönten, hatten wir bei den Spielen lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale gegen Brasilien, welches wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn sahen, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wuchs da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann: 0:2 im Finale!

2006 – Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zwar fand das Finale in meiner Heimatstadt Berlin statt, doch ich war gerade mit Sylvie auf Weltreise und tourte durch Südamerika.
Das Halbfinale verlief in etwa so: Wir verliebten uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas in Brasilien und schließlich fanden wir eine Traumunterkunft mit Pool und Hängematte vor dem Zimmer. Im Dorf lagen überall grün-gelb-blaue Girlanden im Müll. Brasilien war bereits ausgeschieden und hatte abgeschmückt. Unser Spiel gegen Italien schien hier niemanden vom Hocker zu reißen. Nach längerer Suche entdeckten wir in einer verrauchten Bar dann aber doch noch die Hardcore-Fans des Ortes. Endlich trafen wir auch Mauro, den italienischen Inhaber unserer Pousada, der uns herzlich begrüßte und sofort mit seinen Dorfkumpels bekanntmachte. Das Lokal war in grün-weiß-roter Hand. Mauro und drei Typen seiner Gang trugen sogar Trikots der „Squadra Azzurra“. Eine italienische Fahne hing von der Decke herab. Brahma-Bier und Kurze wurden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizte. Die Hütte brodelte, als ob wir uns in Sizilien befänden und schnell bildeten sich zwei Fan-Lager: Sylvie und ich in den Deutschland-Trikots – gegen den Rest.

Das Spiel war nicht gut, lebte aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen waren, orderten auch wir erste Beruhigungsschnäpse. Mauro, dieser heißblütige und so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ war, platzierte zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkte in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Mauros Lieblingsverein Palermo. Nach dem zweiten Tor drehte unser Hotelier dann endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italiener auf dieser Welt.
Erstmals im Leben füllten sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nahm mich tröstend in die Arme. Nach und nach kamen Gäste an unseren Tisch und drückten ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellte die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzte sich dazu. Er bettelte nun fast darum, dass wir bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spürte, wie meine Trauer allmählich verflog, erhob mein Glas und rief: „Okay, du Scheiße-Italiener“: 0:2 im Halbfinale!

2010 – Meine erste Fußball-WM als Deutschland-Fan

Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir liefen hunderte, aufgeregt plappernde Leute. Fast alle trugen ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und hatten sich die Gesichter, Arme – manche sogar die Zehennägel – „deutsch“ bemalt. Etliche imitierten einen Hornissenschwarm, indem sie in eine Vuvuzela tröteten. Doch obwohl sie damit meine Nerven strapazierten, wirkten diese Menschen nicht martialisch, böse oder gefährlich – eher zuversichtlich, hoffnungsfroh und unglaublich glücklich. An diesem Tag begann die WM 2010 erst richtig, denn Deutschland traf im Achtelfinale auf den Erzfeind aus England.
Auch ich trug das Trikot der Deutschen, ohne mich dafür zu schämen. Ein wenig „Krakengläubig“ das rote 2006er Auswärtstrikot, da unser Team bisher nur einmal gegen Serbien verloren hatte, als ich das weiß-schwarze getragen hatte. Nein, es gab da kein verpflichtendes Gefühl im Zuge der fortschreitenden „Schlandisierung“ meiner Heimat, auch keinen übertriebenen Nationalstolz. Während der WM 2006 hatte ich das Shirt erstmals in Südamerika getragen. Ich wollte den Leuten damals zeigen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um diesen wunderschönen Kontinent bereisen zu können und vor allem, wem ich die Daumen drückte! Doch im Jahr 2010 war ich erstmals die gesamte WM lang ein Fan unserer Nationalmannschaft gewesen.

Viele Freunde waren schon da und alberten nervös herum. Wir sind ein zusammen gewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch die Jungs, mit denen ich vor 20 Jahren auf den Turmsockeln der Oberbaum-Brücke gehockt und das WM-Endspiel 1990 bewusst ignoriert hatte, waren erschienen.
Durch die Straßen schob sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans. Angeblich soll die Stimmung 2006 noch viel ausgelassener gewesen sein. Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Meine Stadt erstarrte in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen. Das Spiel begann.
20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilte dem englischen Verteidiger und schob, fast im Fallen, den Ball über die Linie. Ein Schrei donnerte durch die Simon-Dach-Straße. Es war ein Urschrei, der aus tausenden Kehlen gleichzeitig ertönte. Ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex. An den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel ließ mich erschaudern. Das war mein Land. Es war mein Team und auch mein Tor. Es war mein Schrei!

Viermal jubelten wir an dem Tag und ebenso oft berauschten wir uns im Viertelfinale an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Ich war beruhigt, dass es nur Uruguay bis ins Halbfinale schaffte. So hatte ich keine gigantische Party in Südamerika verpasst. Außer die in Montevideo. Doch auch für Deutschland war im Halbfinale gegen Spanien Schluss. Müdigkeit, Trauer und Depression. Ich fiel in ein schwarzes WM-Loch, bis ich mich entschloss, nach Madrid zu fliegen: 0:1 im Halbfinale!

2014 – Mein erster WM-Titel als Bundesbürger
In Madrid erlebte ich 2010 einen Jubel, den ich niemals im Leben vergessen werde, denn wie eine zerstörerische Lawine brach ein hunderttausendstimmiges „Goool“ in der 116. Minute über Spaniens Himmel herein. Es war ein nicht enden wollender Schrei, so als ob das ganze Land jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Alle tobten und kreischten bis zum ersehnten Schlusspfiff. Es war der (!) spanische Treffer der letzten 100 Jahre, die Erlösung und der fußballerische Erinnerungsmoment eines jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Kein Einziger hatte dieses Glücksgefühl jemals zuvor verspürt, denn Spanien wird eben nur einmal zum allerersten Mal Fußball-Weltmeister! Gracias Iniesta!
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In Deutschland sind diese kollektiven Emotionsausbrüche im Jahre 2014 eigentlich nicht möglich. Es gibt zu viele Menschen, die sich noch an die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 erinnern können oder sogar live dabei gewesen waren, ob nun vor dem TV oder in einem der drei Stadien. Auch ich bin mittlerweile so alt, dass ich bei zwei Triumpfen zumindest schon existiert habe. Dennoch endet für mich heute eine lange Reise – egal wie das Spiel ausgeht – denn mehr geht einfach nicht: Argentinien gegen Deutschland im Finale einer Fußball-WM in Brasilien; einer WM, bei der ich bis zum Viertelfinale selbst mit vor Ort war. Alle Turniere danach werden nie wieder diesen ultimativen Kick auslösen können.

Auf meinen Reisen durch Südamerika wurde mir des Öfteren prophezeit, dass unser Land 2014 wieder Fußball-Weltmeister wird, aber ernsthaft glaube ich eigentlich nicht an diesen Hokuspokus, wenngleich ich die Vorhersage in „90 Minuten Südamerika“ schriftlich festgehalten hatte. Gerade heute, an einem 13ten im Juli, bin ich mir nicht mehr so sicher; denke an den unberechenbaren Messi-Zwerg, an die stimmgewaltige Übermacht der argentinischen Fans im Stadion und an die Magenkrämpfe verursachenden Deutschland-Spiele gegen Ghana und Algerien.
Zwei Stunden vor Anpfiff fahre ich in meinen Pub in Friedrichshain, um bei ein paar Vorgeplänkel-Bieren herunterzukommen. Obwohl alle, die ich im Freundeskreis mit dem „Rockz“ in Verbindung bringe, nach und nach eintrudeln, kommt zunächst keine unbändige Vorfreude auf. Viele haben wahrscheinlich, wie ich, die Vorahnung, dass uns nach dem 7:1-Wunder ein enges, hart umkämpftes und hochdramatisches Spiel bevorsteht, dessen Ausgang niemand vorsagen kann. Warum meldet sich Truman eigentlich nicht? Um 21 Uhr atmen alle auf. Das Spiel beginnt.

113. Minute: Kroos passt hinüber zu Schürrle, der im Sprint auf der linken Seite bis weit in die argentinische Spielhälfte vorstößt. Bedrängt von zwei Verteidigern schlägt er eine Flanke, die auf Höhe des Fünf-Meter-Raums landet. Der heranstürmende Götze kann den Ball mit der Brust nicht nur stoppen, sondern fast im Rutschen mit links in Richtung Tor befördern. Während der argentinische Keeper wohl eher mit einem Schuss ins kurze Eck spekuliert, landet der Ball hinter ihm im … (für den Bruchteil einer Sekunde verharren wir in ungläubigem Staunen, doch dann schreien wir es gemeinsam hinaus)…Tooor! Es ist der (!) ultimative deutsche Treffer des 21-Jahrhunderts, die Erlösung nach 24 Jahren des Wartens. Der fußballerische Erinnerungsmoment für jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Danke Mario!

Bierbänke kippen krachend nach vorn, Gläser auf Tischen verlieren ihren Halt und scheppern auf den Asphalt. All meine Freunde fallen sich in die Arme und dann in einem wirren Knäul gemeinsam zu Boden. Bis zum Abpfiff wollen wir uns dort in Jubelorgien ergehen. Es gelingt nicht, denn der Schiri will einfach nicht abpfeifen und als Messi in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, sterben nicht nur wir tausend Tode. Doch er verzieht und dann heißt es tatsächlich: 1:0 im Finale!

Jetzt kommt mit Sicherheit kein spiritueller Mist nach dem Motto: Spinnen, Krebse und Priester haben mir den WM-Titel bereits prophezeit. Auch kein sentimentaler Abgesang, dass mein Coming-Of-Age (mein Erwachsenwerden) nun vollzogen ist, weil sich Herr Scheppert, dem im Jahre 1990 die Nationalmannschaft noch völlig am Arsch vorbeiging, 2014 nun selbst wie ein Weltmeister fühlt. Nein!
Nur dies: Wir sind eine tolle Nation, die in der Welt geschätzt und gefeiert wird – nicht zuletzt durch unsere Fußballspieler, deren Eltern in allen Teilen dieser wunderbaren Erde geboren worden sind. Die Guten haben gesiegt!

Durch die Verlängerung ist es schon spät geworden, doch ich feiere als gäbe es kein Morgen – zunächst im „Rockz“ mit Freunden und wildfremden Menschen, dann weiter in der „Tagung“ mit dem Bodensatz dieser Truppe. Irgendwann habe ich im Vollrausch eine wirre Idee, die mich nicht mehr loslässt, doch erst gegen 4 Uhr, als ich längst zu Hause sein sollte, wanke ich los. Erst im dritten Späti finde Schultheiss und als ich an der Warschauer Straße angelangt bin, habe ich bereits das zweite Bier des Sixpacks intus.
Am U-Bahnhof ahne ich, dass ich im Begriff bin, Scheiße zu bauen. Adrenalinblöd renne ich in der Dunkelheit auf den Gleisen in Richtung Oberbaumbrücke. Keiner kann mich jetzt stoppen und als ich an den roten Backstein-Türmen angelangt bin, ist das Ziel einer 24jährigen Reise erreicht. Ich weiß: auf die Türme werde ich nicht gelangen, aber die Aussicht von oberhalb der Brücke reicht mir völlig. An der Kante, kurz hinter den Schienen sitzend, mit Blick auf die Spree und meine, sich noch immer rasant verändernde Stadt, mit dem Fernsehturm als Fixpunkt in der Ferne, habe ich den Platz gefunden, an dem ich unter dem Sternehimmel den Weltmeistertitel 2014 mit herunterbaumelnden Beinen ganz allein genießen kann. Meinen ersten als …

… plötzlich blendet mich etwas. Ein Lichtstrahl nähert sich in atemberaubender Geschwindigkeit: Scheiße, die U-Bahn! Bin ich bescheuert oder was?

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika oder 113 Minuten Brasilien
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Chi, Chi, Chi – le, le, le – Viva Chile!

1. Juli 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

1996 Santiago Zimmerleute
Ein trauriger Blick zurück. Jeannet steht vor dem Check-In und weint mit rot unterlaufenen Augen. Ich winke ein letztes Mal und verschwinde dann um die Ecke. Auch mir kullern warme Tränen über die Wangen, die ich mir mit dem Ärmel vom Gesicht wische. Betröpfelt reihe ich mich in die Schlange ein und besteige den Flieger. Wir verabschieden uns in unterschiedliche Richtungen im Leben.
Ich bin jetzt fast 25. Seit dem Mauerfall hatte ich nur herumgelungert und mich mit Nebenjobs über Wasser gehalten. Eine innere Stimme sagte mir, dass ich endlich einmal etwas Sinnvolles anpacken müsse. Doch was, wann und wo? Spontan hatte ich mir einen Flug nach Santiago de Chile gebucht. Auf dem Ticket schien „Ausgang aus der Verwirrung“ zu stehen. Die sieben Wochen würde ich ernsthaft dazu nutzen, um über meine Zukunft nachzudenken.
So groß der Abschiedsschmerz auch war: der Flieger saugt mich in eine andere Welt. Wie auf Knopfdruck kehrt diese intensive Neugier nach dem Fremden zurück. Ich weiß, dass ich jetzt einfach nur abwarten muss, dass etwas mit mir passieren wird. Nur unterwegs entdecke ich Dinge und mich ständig neu. Wie zur Bestätigung, setzen sich zwei Jungs neben mich und grüßen auf Deutsch. Sven aus Braunschweig und Jörg aus Zürich sehen sehr speziell aus. Ich hatte zwar schon einige durch meine Stadt laufen sehen, aber nie geahnt, dass ich die ersten auf einem Flug nach Südamerika kennen lerne.
Beide tragen weite schwarze Schlaghosen aus Cord, dazu passende Westen und ein Jackett mit großen Knöpfen. Darunter weiße Hemden und Krawatte. Sven hat einen Hut mit breiter Krempe und Jörg einen Zylinder auf dem Kopf. Es sind Zimmerleute auf der Walz. Ihre Habseligkeiten hatten sie in einem kleinen Bündel (Charlie) zusammen mit ihrem Stock (Stenz) in den Ablagen verstaut.
Begeistert lausche ich den Geschichten ihrer Wanderzeit und stelle fest, dass es, sobald wir die deutsche Grenze überflogen haben, kein Ost oder West, arm oder reich, schlau oder ungebildet mehr gibt. Alles, was jetzt noch zählt, ist Sympathie. Der Schweizer schüttet mir mitten in der Nacht ein Bier über den Schädel, da er der Meinung ist, dass wir jetzt Äquatortaufe feiern müssten. „Bist du bescheuert oder was?“, schreie ich künstlich entsetzt, aber er hat ja recht, auch ich überquere erstmals diesen Breitengrad. Die Jungs sind sympathisch!
Da sie ohne Reiseführer nach Chile fliegen und kein Wort Spanisch sprechen, fragt Sven mich, ob wir die ersten Tage gemeinsam verbringen können. Als wir in die Stadt fahren, beobachte ich, wie sie ihre ersten südamerikanischen Eindrücke gierig aufsaugen. Santiago wirkt im Gegensatz zu Mexiko City modern, sauber und unaufgeregt. Nur die Außentemperaturen lassen zu wünschen übrig. Ich Idiot fliege in den chilenischen Winter, während in Europa gerade bei Sonnenschein die Fußball-EM zu Ende geht. Diese Reise war mir wirklich wichtig gewesen!
Um dem Jetlag zu entgehen, kaufen wir Rotwein und beginnen im Hotel, mit einer Streichholzschachtel zu spielen. Derjenige, der an der Reihe ist, schnippt sie in die Luft und je nachdem auf welcher Seite sie landet, gibt es verschiedene Punkte. Wer die siegbringenden 22 Zähler als Erster erzielt, muss aufspringen und „Leckarsch“ brüllen. Wir lachen Tränen und duellieren uns bis tief in die Nacht.
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Am nächsten Tag fallen wir nicht nur beim Bummel durchs Kneipenviertel „Bellavista“ und der Fahrt mit der Seilbahn auf den Hausberg auf. Während für uns der Panoramablick auf die von den Anden umrahmte Stadt eine Sensation ist, sind wir es für die Einheimischen. Ich passe als großer, blonder Typ schon nicht so recht ins Stadtbild, doch die Wandergesellen sind der Knaller. Überall verursachen wir einen kleinen Menschenauflauf. „Carpintero“ (Zimmermann) wird das dritte Wort, was Sven und Jörg auf Spanisch lernen. „Tres cervezas“ (drei Bier) waren die ersten gewesen. Doch auch ich bin fasziniert von den beiden. Mit einer fast kindlichen Naivität erkunden sie die Stadt, schäkern grinsend mit den Frauen, bringen Kinder zum Lachen oder ziehen charmant vor älteren Herren den Hut. Aber ich beneide sie nicht nur um ihre Ausstrahlung. Sie verkörpern in meinen Augen das Wort „Freiheit“ in Reinkultur. Sie können jederzeit überall hinfahren, arbeiten und einfach wieder abhauen. Es gelten immer nur ihre eigenen Regeln. Sie sind unabhängig und mindestens für drei Jahre und einen Tag unterwegs. Ich wäre gerne wie sie.

Gut gelaunt kehren wir zurück. Vor unserem Hotel wird gerade ein Film gedreht. Schnell kommen wir, mit einem Becher „Gato Negro“ Rotwein in der Hand, mit den Akteuren ins Gespräch und da zumindest ich ein paar Brocken verstehe, erfahren wir, dass sie einen Kinderfilm produzieren. Wir genießen die angenehme Stimmung in der Abenddämmerung und versuchen die Handlung herzuleiten. Tief in der Nacht – wir spielen längst wieder „Leckarsch“ – haben die Geschehnisse so eine Eigendynamik entwickelt, dass wir uns nur noch mit unseren neuen Namen ansprechen: Sven ist nun „Ulf der irre Igel“, Jörg „Klaus-Dieter das lachende Lama“ und ich bin „Tobias das gütige Gürteltier“.

Am nächsten Tag fahren wir ans Meer und behalten die Namen einfach bei. Wir übernachten in einem Kaff, auf dessen Fischmarkt etliche Seelöwen und Pelikane herumlungern, bevor es weiter nach Cartagena geht. In einem Restaurant lernen wir Chilenen in unserem Alter kennen. Trotz Sprachbarrieren mögen wir uns auf Anhieb und quartieren uns in deren Hostal ein. Wir verlieren gegen die Jungs im Strandfußball und beim Wettschwimmen im eiswürfelkalten Meer, was sie dazu animiert, lauthals: „Chi, Chi, Chi, le, le, le“, zu brüllen. Dafür schlagen wir sie locker im Tischfußball und beim „Leckarsch“. Ulf und ich rufen: „Deutsch, Deutsch, Deutsch, land, land, land.“, doch nur die Chilenen hatten es ernst gemeint.
1996 Chile Neruda
Besonders mit Valeria und der kleinen Saqui verstehe ich mich blendend. Bei Kerzenlicht, Wein und Gitarrenmusik erzählen sie mir, dass sie einer linken politischen Gruppe angehören. Ich weiß natürlich, dass sich auch in Chile seit 1989 einiges verändert hatte. Die ersten freien Wahlen nach 15 Jahren Pinochet-Diktatur waren für sie die große Erlösung – der chilenische Mauerfall – gewesen. Ich ahne, was ihnen die neu gewonnenen Freiheiten bedeuten und bewundere sie dafür, dass sie noch immer aktiv an der Neugestaltung ihres Landes mitwirken. Ich bin, obwohl ich Anfang der 90iger noch Juso-Chef von Friedrichshain war, politisch gesehen, extrem ernüchtert und desillusioniert. Eine „unterm Strich zähl ich“-Mentalität hatte langsam von mir Besitz ergriffen.
Beim Ausflug nach Isla Negra zeigen sie uns voller Stolz das Arbeitshaus von Pablo Neruda. Die Ausstellungsräume gleichen einem voll gestopften Museum, da der Literaturnobelpreisträger scheinbar von einer ungeheuren Sammelleidenschaft besessen war. Alle Zimmer sind voller Kitsch und Tinnef. Trotzdem ist es ergreifend, durch die Wohnräume von Chiles größtem Poet und Messie zu wandeln. Ein verloren geglaubtes Gefühl kehrt zurück. Die Bibliothek meiner Kindheit hieß aus Solidarität mit dem chilenischen Volke „Pablo Neruda“. Ich nehme Valeria und Saqui in die Arme. Was würde ich den Mädels wohl in Deutschland zeigen wollen?
In den Adern von Saqui fließt das Blut der Mapuche-Indianer. Blauschwarze Haare bedecken ihren fast kreisrund wirkenden Kopf und ihre Nase ist fast so breit wie der immer lächelnde Mund. Mit den dichten Augenbrauen und stolzen Indianeraugen sieht sie eher aus, wie ich mir eine Frau aus dem äußersten Norden der Erde vorgestellt hätte. Ich nenne sie deshalb: Eskimo. Obwohl es zwischen uns, außer herzlichen Umarmungen, zu keinerlei körperlichem Kontakt kommt, sehe ich in ihrem feurigen Blick, dass dies nicht immer so bleiben müsste.
1996 Chile Mapuche
Um mein Gewissen zu beruhigen, telefoniere ich mit Jeannet. Als ob ich im Ferienlager wäre, erzähle ich überschwänglich, dass ich gut angekommen bin und schon richtig gute Freunde gefunden habe. Sie klingt ein wenig verstimmt und sagt mir, dass ich mich sofort bei Matze melden soll. Wäre wohl wichtig. Außerdem hätte Deutschland das Endspiel der EM erreicht. Diese Info würde mich ja sicherlich auch interessieren. Ihr Unterton irritiert mich. Erst als ich auflege, bemerke ich, dass ich vergessen hatte, „Ich liebe dich“, zu sagen. Ich wähle die Nummer meines Freundes und gehe dann zurück zu den anderen. Ulf Igel und Klaus-Dieter Lama sitzen zusammen mit den Chilenen, brüllen schon wieder „Leckarsch“ durchs halbe Hostal und rücken eiligst einen weiteren Stuhl an den Tisch heran.

Als ich mich in Santiago von den herzensguten Zimmerleuten verabschiede, kullern mir beinahe Tränen über die Wangen. Sie waren mir in dieser Woche richtig ans Herz gewachsen. „Mach’s gut Tobias Gürteltier“, rufen sie zurück und winken ein letztes Mal, bevor sie um die Ecke verschwinden…
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Kleiner Nachtrag: Kennt die Jungs (Zimmerleute) zufällig jemand? Seit dieser Reise habe ich nur Ulf Igel einmal getroffen und danach beide – in Zeiten ohne E-Mail-Adresse oder Handy – nie wieder gesehen.
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Nur diese Bergleute, aber da waren sie nicht dabei …

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All die hübschen Frauen – Willkommen in Chile!!!

5. Mai 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Schwarz-rot-gold AricaAm Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die schwarzen Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
Wir werden La Paz nach nur zwei Tagen wieder verlassen. Obwohl uns die Stadt sehr gut gefällt, haben wir immer noch Probleme mit der Höhe. Besonders Jenna fühlt sich schlecht. Er schläft kaum, raucht nur noch eine Schachtel rote Marlboro am Tag und trinkt in meinen Augen auch eindeutig zu wenig Bier. Mit dem Nachtbus wollen wir auf Meereshöhe nach Chile hinunterfahren.
2000 Bol La paz
An der Grenzstation erwarten uns übellaunige Zöllner, die besonders die Bolivianer peinlich genau kontrollieren. Ich gehe spontan zu einem besonders dreisten Typen und frage, ob ich ein Foto mit ihm vor der chilenischen Fahne machen kann. „Por qué no?“ (Warum nicht?), antwortet er überraschend freundlich. Wir nehmen Aufstellung und ich drücke Matze meine Kamera in die Hand. Ich trage meine Fliegerjacke, enge Bluejeans und die leuchtend polierten Docs – er seine Uniform. Arm in Arm strahlen wir um die Wette in die Linse. Plötzlich geht alles ganz schnell mit den Formalitäten. Der Grenzer verteilt lächelnd die Pässe und begrüßt jeden einzelnen Passagier mit einem herzlichen: „Bienvenido a Chile“ (Willkommen in Chile). Ein guter Start.
Die Fahrt auf der Serpentinenstraße von 4000 Metern Höhe auf Null ist die rasanteste meines Lebens. Der Druck auf unsere Ohren nimmt stetig zu und sogar die Bierdosen dellen sich nach innen. Wenngleich über uns ein sternenklarer Himmel leuchtet, sehen wir am Horizont, über schneebedeckten Bergkämmen ein spektakuläres Gewitter. Grelle Blitze zucken dort alle zwanzig Sekunden herab. Am Straßenrand schauen Vicunjas ängstlich, Lamas neugierig und Schafe dämlich ins Scheinwerferlicht. Ein Fernseher läuft lautstark im Inneren, doch wir drücken uns die Nasen an den Scheiben platt. Was für eine Landschaft, was für ein Naturschauspiel! Müde erreichen wir Arica.
2000 Chile ich Grenzer
Jenna zündet sich bereits seine achte Kippe an und grinst erleichtert. Die Hafenstadt ist keine architektonische Schönheit, doch es gibt eine belebte Fußgängerzone, ein Latin Quater, große Burgerläden, Kneipen, die Fassbier servieren, und vor allem eine salzig schmeckende Luft, die uns tief durchatmen lässt. So schön wie Peru und Bolivien auch gewesen waren, wir hatten immer das beschämende Gefühl gehabt, eine Art „Armutstourismus“ zu betreiben. Hinsehen, betroffen sein und wegschauen. Vielen Menschen ging es dort sichtlich dreckig und wir fuhren erster Klasse durch die Gegend und tranken Unmengen Alkohol. In der hiesigen Kneipe, mit den grünen Stühlen und Schirmen vor der Tür, ist das weniger anstandslos. Nach unserem ersten Schop (Zapfbier) im „Grünen“ beschließen wir: das ist unsere Stadt.
Es gibt hier sogar große Supermärkte, in denen sie uns auf dem Heimweg einen Bierkasten und zwei Pappen Rotwein verkaufen. Im Patio machen wir es uns gemütlich und öffnen die „Cristal“ mit lautem Zischen. „Eh, da ist ja ein Hund auf dem Dach!“, ruft Matze. „Un perro en la dacha?“ (ein Hund in der Datsche), fragt Göte falsch nach, doch Matze klettert bereits über einen Baum auf das Gebäude. „Das ist ja geil, kommt mal hoch!“ Ich folge und gebe ihm Recht. Von oben hat man einen herrlichen Blick auf die, von der Abendsonne, beleuchteten Gärten. Die dahinter liegende Stadt, scheint im Blau des Pazifiks zu versinken. Der Köter ist weg. Nach und nach ziehen wir Göte, Jenna, vier Stühle und die Kiste Bier hoch. Schweigend genießen wir das Panoramabild.
„18“, brüllt Göte irgendwann, „20“, antwortet Matze. Ich rufe „Zwo“ und auch Jenna muss mal und sagt „23“. Wir verlassen das Dach zum Pinkeln nicht. Wenig später fragt „Hausmeister Krause“, der Besitzer der Residencial, ob er auch ein paar Bilder von uns machen dürfe. Diese könne er in seinen Prospekt aufnehmen und dort als Sonnenterrasse verkaufen.
Icke Arcia Dach
Wir seilen uns mit breitem Grinsen ab und mit Jenna wanke ich zum Spätverkauf. Er ist schon ziemlich blau und braucht Kippen. Als wir zurückkommen, sitzen Göte und Matze vor einem noch mühsam lodernden Feuer. „Wie seht ihr denn aus?“, frage ich höhnisch. „Mann, hier sind Dantas aufgeschlagen!“, flüstert der herausgeputzte Göte aufgeregt. „Und was für welche!“, ergänzt ein stark parfümierter Matze beschwörend. Genau in diesem Moment treten zwei Mädchen aus dem Rassedantas-Katalog durch die Tür ihres Zimmers und fragen schüchtern, ob sie sich dazusetzen können. Hatten wir soeben noch wie Hotten vom Dach gepullert, sehe ich plötzlich nur noch zuvorkommende Gentleman. Göte zerrt zwei Stühle in den Kreis und Matze besorgt Rotweingläser. Das wird interessant! Die beiden muss man sich nicht hübsch saufen. Mimi ist bildschön mit dunklen Augen, langen schwarzen Haaren, feinen Gesichtszügen und einem selbstsicheren Lächeln. Jana das Gegenstück in blond.
Wir kommen gut ins Gespräch und ahnen ohne viele Worte, dass sie sich wohl eher uns schön trinken müssen. Matze reagiert und schenkt aus der Weinpappe nach. Obwohl wir gleich zu Beginn geprahlt hatten, dass wir aus Berlin kommen, erfahren wir zunächst nur, dass sie in Freiburg studieren und vernachlässigen das Thema. Matze stellt geschickt die „Freund-Frage“ und als beide verneinen, sehe ich sein berühmtes Charmeurlächeln. Auch Göte greift jetzt an. Die beiden sind immer noch Singles. Ich halte mich zurück, da ich mich in der Heimat schwer in Sylvie verliebt habe. War sie zunächst nur meine allerbeste Freundin gewesen, hatte es plötzlich Klick gemacht. Sie wäre in jeder Beziehung die Richtige für mich und momentan sieht es fast so aus, als ob ich bei der kleinen Pfälzerin eine realistische Chance habe. Sie will sich während dieser Reise von ihrem Freund trennen. Jenna, der immer betrunkener wird, wohnt verliebt mit seiner süßen Danny zusammen.
2000 Chile Julia und ich
Göte fragt, ob sie Fußball mögen. Mimi und Jana berichten stolz, dass sie VfB-Fans sind, auch, weil sie ja ursprünglich aus Stuttgart kommen. Okay, denke ich beruhigt, für mich hat sich das jetzt eh erledigt. Doch Göte lässt nicht locker. „Kennt ihr einen Typen namens Toastbrot?“, fragt er zynisch. Wenngleich sie natürlich verneinen und ich protestiere, beginnen die anderen lang und breit zu erzählen, dass mir dieses Stuttgarter Arschgesicht vor Jahren meine Freundin ausgespannt hatte. „Na, das hat ja auch was Gutes“, mische ich mich trotzig ein. „Ich habe jetzt immer einen Platz im Bett frei.“ Matzes und Götes Augen funkeln, doch Jana antwortet herzlich „Gerne, ich war sowieso erst einmal mit meinem Ex, dem Idiot, zur Loveparade in Berlin.“ Göte schwärmt nun von Pankow, Matze von Prenzlauer Berg und ich rühme Friedrichshain als idealen Schlafplatz. Jenna ist dicht.
Sie weiß nicht mehr, wo sie damals gewesen war und beschreibt eine gewöhnliche Wohnung – Berliner Hinterhausromantik. Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche abwesend den Gesprächen.
Plötzlich habe ich eine Vermutung. Ich beuge mich zu Jana hinüber und frage: „Wie heißt denn dein Ex-Freund eigentlich?“ Mit einem Mal sind alle ganz still. Nur das Klicken von Jennas Feuerzeug und das Knacken der Scheite, ist noch zu hören. Sie schaut mich sehr lange an. Ihre Gesichtszüge verändern sich. „Ach die Jeannet!“, platzt es plötzlich aus ihr heraus. Ich falle samt Stuhl nach hinten ins Gebüsch.
Wir Morro
In Chile, tausende Kilometer entfernt von der Heimat, treffe ich die Ex-Freundin meines Erzfeindes Toastbrot aus Stuttgart. Es stellt sich heraus, dass sie zur Loveparade 1996, während ich allein auf Reisen gewesen war, sogar in meiner Wohnung in Berlin übernachtet hatten. Selbst Jana schien damals nicht bemerkt zu haben, dass es in dieser Zeit zwischen Jeannet und ihrem Freund gefunkt hatte. Als ich nach sieben Wochen aus Chile zurückkam, war schon alles zu spät. Jeannet wollte das Westschwein und umgekehrt. Jana war es ähnlich ergangen, nur, dass Jeannet die Ostschlampe gewesen war. Wir waren für lange Zeit die traurigsten Menschen auf dem Planeten gewesen. Gleichzeitig stehen wir auf und nehmen uns in die Arme. There’s a slow waltz for Chile. Göte und Matze beginnen leise zu applaudieren. Mimi wischt sich ein Tränchen aus den Augenwinkeln und flüstert: „Ach die Jeannet!“
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Torres del Paine – Türme der Schmerzen in Chile

24. März 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

Torres Panorama
Ich habe mich mit meinem Vater nie groß über Frauen unterhalten. Mir wäre das eher unangenehm gewesen und was wusste er schon vom Leben in der heutigen Zeit. Dennoch ist mir ein Satz in steter Erinnerung geblieben: „Du wirst erst herausbekommen, ob jemand wirklich zu dir passt, wenn ihr gemeinsam auf Reisen gegangen seid.“ Ich ahnte, was er meinte. Fernab der behüteten Heimat war es plötzlich vorbei gewesen mit der Harmonie und Eintracht. Erst unterwegs hatte ich oftmals bemerkt, mit was für einer Frau ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Im September 2002 ist es dann endlich soweit. Ich habe sie mit dem Südamerika-Virus infiziert. Die drei Wochen Chile-Urlaub sind der große Sylvie-Test!

Gut gelaunt besteigen wir nach zwei Nächten in Santiago den Flieger nach Punta Arenas mit Zwischenlandung in Puerto Montt. Obwohl es bereits vor dem Abflug stürmt, lasse ich mir nicht anmerken, dass dies ganz und gar nicht mein Flugwetter ist. Schon auf der Rollbahn donnern heftige Winde lautstark gegen die Außenwände. Mit unsicherem Lächeln und bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Flugangst. Endlich heben wir ab. Beunruhigende Turbulenzen erfassen die stark schwankende Maschine. Luftlöcher lassen uns metertief ins neblige Nichts fallen und nur mühsam kämpft sich der dröhnende Flieger wieder empor. Die Anschnallzeichen leuchten seit dem Start bedrohlich rot. Angst! Vor uns kotzen sich Menschen die Seele aus dem Leib und neben mir schreit ein junger Peruaner, der sich als Paolo vorgestellt hatte, wie am Spieß. Sylvie bittet mich irgendwann, ihre Hand loszulassen, da sie schon schmerze und Paolo soll ich sagen, dass er die Schnauze halten soll, sonst bringe sie ihn um. Ich bin von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt. Ein Krachen erschüttert das Flugzeug, während wir nach vorn und wieder zurück in den Sitz geschleudert werden. Einige Gepäckfächer springen auf. Schreie, Motorengeräusche – dann Stille. Wir sind gelandet.
Der zweite Flugabschnitt ist ruhiger. Auch ich war vorhin kurz davor gewesen, mich zu übergeben und hatte mehrmals ängstlich gejault. Mit flauem Gefühl im Magen schaue ich möglichst cool hinüber zu Sylvie. Sie fragt mich lächelnd: „Nimmst du eigentlich Bier oder Rotwein zum Essen?“
2002 Chile Torres Weg

Unser Highlight im chilenischen Süden soll der Nationalpark „Torres del Paine“ werden und recht schnell haben wir alle Infos zusammen, um zu den „Türmen der Schmerzen“ aufzubrechen. Es ist eine denkbar ungünstige Konstellation, denn der Kerl, der uns in Puerto Natales ermahnt, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, beobachtet unsere Abreise nicht. Wir hatten unsere Klamotten in zwei Müllsäcke geworfen und nur einen Rucksack mit folgendem Inhalt gepackt: Schlafsäcke, Zahnputzzeug, zwei Äpfel, eine Packung Kekse und eine Flasche Pisco. Vor allem hätte er fragen sollen, ob wir schon jemals im Leben trekken gewesen waren, denn wir tragen: schwarze Docs, Jeans, Sylvie einen grünen DDR-Parker und ich eine uralte Winterjacke. Meine westdeutsche Freundin hatte in Berlin Gefallen an dem, mit Schafsfell gefütterten, Mantel gefunden, der, wie mein Oberteil, aus keinerlei regenabweisenden noch atmungsaktiven Materialien besteht.
Torres - Hinweg wir
Nachdem uns ein Bus am Parkeingang absetzt und wir zwei Minuten den Weg entlanglaufen, beginnt es leicht zu nieseln, bevor wir in ein mittelschweres Gewitter geraten. Doch so plötzlich wie es anfing, hört es auch wieder auf. Die Landschaft wechselt nun ständig ihr Erscheinungsbild, denn bald erreichen wir eine goldfarbene Steppe. Wir müssen heftigem Gegenwind trotzen, beginnen fürchterlich zu frieren und öffnen erschöpft die Pulle mit dem hochprozentigen Schnaps. Nur wenige Augenblicke später klart es wieder auf. Trotz der Strapazen ist die kleine Pfälzerin entspannt und nimmt mich glücklich in die Arme, als wir die nadelartigen Granitberge – die Wahrzeichen von Torres del Paine – erstmals am Horizont erblicken. In voller Schönheit pieksen sie nun in den azurblauen Himmel. Nach fast fünf Stunden erreichen wir einen Berggipfel von dem wir das Ziel unserer Wanderung sehen können: Das Refugio am Lago Pehoe. Vor uns liegt jedoch noch ein extrem steiler Abstieg auf glatten, ausgewaschenen Steinen, der seitlich in eine todbringende Schlucht abfällt. Unsicher lächelnd und mit bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Höhenangst. Mit zittrigen Beinen klettere ich rückwärts auf allen Vieren die Felswand hinab. Endlich sind wir da. Sylvie reicht mir den Pisco: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“
2002 Chile Torres Abhang
Wir schmeißen unsere Sachen aufs Doppelstockbett und gehen hinaus, um ein paar Fotos von den „Türmen“ in der Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld steht eine wild gestikulierende Horde, die scheinbar gerade etwas absteckt. Ein Typ kommt aufgeregt angerannt. Er brüllt irgendetwas von „futbol“ und noch bevor wir richtig verstehen, was los ist, sind wir schon Mitglieder des Teams der „Extranjeros“ (Ausländer). Da neben uns nur ein weiteres Deutsches Paar, ein Japaner und ein Argentinier hier sind, bekommen wir noch Renato aus Arica zugewiesen und dürfen gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten. Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team haben, wirken sie eingespielt. Der Ball läuft gut durch ihre Reihen und schon nach fünf Minuten müssten sie 3:0 führen, scheitern jedoch an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause können wir uns besprechen und verändern unsere Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bilden nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, steht im Mittelfeld und unser Argentinier Joaquin spielt allein im Sturm. Wir lassen den Gegner kommen und starten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passe steil zu Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielt. Er schießt unplatziert, doch deren Keeperin Josefa lässt abprallen. Mühelos schiebt er den Ball über die Linie. Ohrenbetäubender Torjubel schallt durch das Tal. Das „Ausland“ führt und kurz vor Schluss gelingt Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen. Die Chilenen gratulieren und laden uns zur Party am Abend ein. Als wir zur Hütte laufen, spüre ich, dass ich mein Knie verdreht habe und mir am Zeh und an der Fußsohle eine Blase gelaufen habe. Ich humpele mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlt. „War ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“, ruft sie. Selbst mir war das bisher noch gar nicht aufgefallen. Was für eine Frau!
Torres - Tanzen
Wir tanzen, singen und werden von unseren Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Literpappen gehörig abgefüllt. Heute ist ihr Nationalfeiertag. „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ Sie feiern sich lautstark selbst. Auch wenn nach der letzten – zugegeben fantastischen – WM wieder die ersten Deutschland-Rufe in meinem Land laut wurden, hatten meine Freunde und ich lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale, das wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn gesehen hatten, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wächst da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann.

Nicht der dicke Schädel macht mir am nächsten Morgen Sorgen. Mein Knie kann ich kaum noch beugen und die Blasen sind aufgegangen. Heute geht es an den Grey Gletscher. Da es ein Frühstück gab, nehmen wir lediglich die zwei Äpfel mit. Der Weg ist nicht sonderlich schwierig. Mir geht es nur leider beschissen. Neben den Schmerzen im Knie lassen mich starke Böen fast ununterbrochen in 30 Grad Schieflage laufen und in den Docs spüre ich jeden einzelnen Kieselstein am offenen Fleisch der Blasen. An einem Flussbett rutsche ich ab und stehe mit beiden Füßen im eiskalten Wasser. Ich beginne zu jammern, was in pure Verzweiflung umschlägt, als wir vor dem Refugio am Lago Grey vor verschlossenen Türen stehen. Wir müssen also noch heute wieder zurück. Eine Katastrophe.
Torres - Gletscher Grey
Am Gletscher vergesse ich für einen Augenblick die vor uns liegenden Strapazen. Es ist ein Anblick unvergleichlicher Schönheit. Gigantische Eisbergtürme werden aus den Bergen in den See gedrückt. Die Wände des Gletschers und die der großen Eisschollen sind nicht weiß, oder grau, wie der Name besagt, sondern glitzern in verschiedenen Blautönen.
Nicht nur mir bereitet der Rückmarsch Höllenqualen. Auch Sylvie ist noch nie im Leben acht Stunden mit Doc Martens und dicker Schafsfelljacke durch unwegsames Gelände gelaufen. Es ist ein Wunder der Natur, dass wir, wie schon auf dem Hinweg, permanent auf starken Gegenwind stoßen. Im Dämmerlicht teilen wir den letzten Apfel und sprechen uns Mut zu, dass wir auch in völliger Dunkelheit zurück finden werden. Kurz nach acht kommen uns zwei Typen auf Pferden entgegen geritten. Kopfschüttelnd schauen sie herab und weisen uns den Weg. Vor der Hütte steht Josefa und fragt aufgeregt: „Dónde estan los Chilenos?“ (Wo sind die Chilenen?)
Torres ich liegend
Wenig später erscheinen dann auch die noch Fehlenden in tiefschwarzer Nacht. Mario bereist mit Renato ganz Chile. Er möchte, dass sein Sohn mit ihm das Land kennen lernt, von Norden bis ganz in den Süden. Dafür bräuchte man eben Zeit erklärt er achselzuckend. Es stellt sich heraus, dass er Arzt ist und nach dem Essen schaut er sich meinen Fuß an. An den offenen Stellen leuchtet das rosafarbene Fleisch und mein Zeh ist bereits bläulich gefärbt und angeschwollen. Das Desinfizieren der Wunde ist eine brutale Tortur und gerade als ich dabei bin, vor Schmerz in den Schlafsack zu beißen, erscheint Sylvie im Zimmer. „Weißt du eigentlich, dass ‚Torres del Paine’ gar nicht ‚Türme der Schmerzen’ bedeutet?“ „Ist mir scheißegal“, brülle ich, doch sie spricht einfach weiter. „Paine heißt in der Sprache der Mapuche-Indianer ‚blau’. Es sind also die ‚blauen Türme’.“ Ich verdrehe die Augen. „So blau wie dein großer Zeh!“

Zwei Tage später liege ich im Hostal von Punta Arenas und kann überhaupt nicht mehr laufen. Sylvie sitzt mit meinen besten Freunden Göte und Jenna in einem Restaurant in der Innenstadt. Sie hatten sich hier mit uns verabredet und werden morgen nach Feuerland weiterreisen. Was wird sie den beiden erzählen von unserer ersten Woche? Dass man mit mir nicht verreisen kann? Dass ich eine riesengroße Pfeife und Memme bin? Dass dieser Urlaub für sie der große Scheppert-Test ist?
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Confed Cup 2013 Brasilien

11. Juni 2013 | von | Kategorie: Blog

90 Minuten Südamerika

Rechtzeitig vor dem Confed-Cup 2013 und der Fußball-WM 2014 in Brasilien ist mein Buch “90 Minuten Südamerika” erschienen. Es ist ein Reise- und Fußballroman und ein Buch über große Freundschaften, Liebe und die Suche nach dem Glück.

Es war gar nicht so einfach gewesen, nach dem „Mauergewinner“ ein zweites Werk zu verfassen, da man plötzlich viel höhere Ansprüche an sich stellt. Irgendwann habe ich jedoch gefühlt, dass ich meinem Stil und vor allem meiner Sprache treu bleiben muss: Schnoddrig, direkt und offen – gewürzt mit Herzblut und Gefühl. Ob mir das gelungen ist?

Hier könnt Ihr das Buch bestellen und ggf. rezensieren:
90 Minuten Südamerika bei Amazon

Klappentext:

“Schon wieder Südamerika? Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding, bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen ist.”

Mark Scheppert nimmt uns mit auf eine einzigartige Reise durch Lateinamerika und lässt uns an einer ganz besonderen Suche teilhaben. Auf seinen abenteuerlichen Trips durch Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru und Venezuela verändert sich in zwanzig Jahren nicht nur die Welt um ihn herum, sondern auch sein Heimatland. Parallel dazu entwickelt sich eine Beziehung zum Fußball, die 1990 ablehnend beginnt, in jugendliche Schwärmerei umschlägt und in euphorischer Begeisterung mündet.

Die facettenreichen, mal lustigen, mal berührenden Anekdoten lassen Erinnerungen an große Lieben, Freundschaften, Enttäuschungen und Sehnsüchte lebendig werden. Mit einer Sprache, die nicht nach Reiseführer und Merian-Heft schmeckt, versucht Scheppert, den Leser mit dem Südamerika-Virus zu infizieren und ihn auf die Fußball-WM 2014 in Brasilien einzustimmen.

„Blond, deutsch und Fußball-Fan: So zieht man in Paraguay schnell die Blicke auf sich. Besonders dann, wenn man beim 1:0 für die Heimat vor Glück einen ganzen Häuserblock zusammenbrüllt – und dem Gastgeber später bei einer WM im Armdrücken doch noch zum Sieg verhilft.“
Spiegel Online

Und hier noch der Trailer zu “90 Minuten Südamerika”:

Rezensionen:

„90 Minuten Südamerika“ ist eine Art nonfiktiver Coming-of-Age-Roman, in dem der Fußball sukzessive stärker in den Fokus rückt. Schepperts Berichte sind keine abgehangenen Weisheiten, sondern großartig geschriebene Momentaufnahmen einer riesigen Weltkarte. —11 Freunde 116, Juli 2011

„90 Minuten Südamerika“ macht Laune und Lust alles Stehen und Liegen zu lassen, um in den nächsten Flieger nach Übersee zu steigen. —Ingo Braun (Autor „Von Haifa bis Havanna“), Juni 2011

Wie das bei Männern so ist, gibt es jede Menge Abenteuer, der Alkohol steht neben dem Fußball ganz vorn, aber auch die Frauen stehen nicht im Abseits, sondern eher im Mittelfeld oder im Sturm. —Literatwo, Juni 2011

Das Werk ist weder ein Fußballbuch noch ein Reiseführer. Vielmehr ist es eine Liebeserklärung an einen Kontinent, in dem 2014 die Weltmeisterschaft stattfinden wird. —Fussball-Kurve, Juni 2011

11freunde Rezi Scanner

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