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Bahnfrei Kartoffelbrei – Surf baby, surf! – Byron Bay Australien

11. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Koalaland

img_1849Nina möchte am nächsten Halt ein paar Tage verweilen. Dass wir in Byron Bay landen, ist eigentlich Zufall. Mit Reiseführer hätte sie unter Umständen anders entschieden, denn schon bei der Fahrt durchs Städtchen laufen uns viele ultralässige Backpacker in Markenklamotten über den Weg. Die meisten sind halbnackt und oftmals lässt sich ein Blick in die Poritze nicht vermeiden. Darauf steht sie ja besonders! Mich animieren die vielen Läden und das Ambiente eher dazu, nun endlich einmal surfen zu gegen. Meine wohlhabende Begleitung mietet uns ein Appartement mit Terrasse, offener Küche, Wohncouch, Plasma-TV, zwei Schlafzimmern und einem Gemeinschaftspool im Garten. Eine Traumunterkunft! Ihr scheint jedoch lediglich der W-LAN-Anschluss wichtig zu sein, doch wie abgemacht, zahle ich nur 50 AU$ pro Nacht.
Auf einer Kommode liegen Flyer von Surfschulen. Ich leihe mir ihr Handy und buche einen Tageskurs beim Anbieter „Kool Katz“ für 39 AU$. Nach einer ersten Strandbesichtigung (Wahnsinn, was die Jungs auf ihren Brettern vollführen) kaufen wir im Supermarkt Essen und im Liquor-Store Getränke für die nächsten Tage.
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Ein völlig verplanter Kerl, der ein bisschen wie Gérard Depardieu aussieht, holt mich am nächsten Morgen mit einem Minibus ab. Um Australien, seine Menschen und ihr Lebensgefühl zu begreifen, gebe es nur eine Möglichkeit: „Surf Baby – Surf!“, erklärt er mir schief lächelnd. Unterwegs laden wir noch seinen Kiffer-Kumpel „Wolle Petri“ ein, der sich freut, dass wir heute „nur“ zu zehnt sind und bei „dem“ Wind richtig gute Bedingungen vorfinden werden. Ein bisschen bezweifele ich schon jetzt, dass die billigste Surfschule auch zu den besten der Stadt gehört. Zumindest verstehe ich mich mit dem Typen und den zwei süßen Mädchen aus Halle an der Saale, die später zusteigen, auf Anhieb blendend.
An einer 30 Kilometer entfernten Flussmündung bekommen wir klitschnasse, stinkende Wetsuits von „Gerald“ und „Wolle“ gereicht. Da es trotz feinen Nieselregens warm ist, entscheiden sich alle Jungs, ohne Neoprenanzüge zu surfen. Nur Antje, Bianca und ich (das dritte Mädchen) schlüpfen in die Strampelanzüge. Eine weise Entscheidung, denn nach ein paar Trockenübungen paddeln wir mit den kastenförmigen Styroporteilen los und ein Finne macht gleich zu Beginn Bekanntschaft mit den Tentakeln einer Qualle. Dummerweise nesseln sie ihn genau an seinem besten Stück. Er schreit wie von Sinnen, während sich die Mädchen – mit den Gummifellen am Körper – angrinsen. Von Wolle erfahren wir, dass Hoden in Australien „Knacker“ genannt werden. Aua!
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Die Wellen rollen vom Meer kommend, wie künstlich erzeugt, schnurrgerade hunderte Meter den Fluss „bergauf“ ins Land hinein. Schon beim ersten Versuch – noch mit Anschieben – stehe ich etwa 30 Meter auf der riesigen Bohle. Daniel, der andere Deutsche, staunt nicht schlecht, bis er es selbst probiert und auf Anhieb 40 Meter abreitet. „Dib-Dob“ (wahrscheinlich „Tip-Top“) schreit er mir zu. Wir klatschen uns wie alte Hasen ab und strahlen. Nur 20 Meter wurden uns vorher vom Chef garantiert.
Bereits nach wenigen Minuten machen wir unter Rufen wie „Bahn frei, Kartoffelbrei“ den Anfängern unser Wellenrecht klar. Die Girls aus Sachsen-Anhalt rufen während der Fahrt: „Hupen naus, iss Sommer!“, obwohl ich es erst beim zweiten Mal verstehe und vergeblich darauf warte. Nach drei Stunden surfe ich mit 200 Metern die Welle meines Lebens. Ich fühle mich frei und wild und verlängere sofort um zwei Tage beim „coolen Kätzchen“. Die anderen Deutschen hatten sowieso den 3-Tage-Kurs gebucht.
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Bei einem Nachmittagsbier in der Stadt überbieten wir uns mit Heldengeschichten. Ganz nebenbei stelle ich fest, dass Daniel und Antje im selben Dilemma zu stecken scheinen wie Nina und ich. Sie sind befreundet, mögen sich irgendwie, aber so richtig ist der Funke noch nicht übergesprungen. Bianca zwinkert mir derweil auffällig oft zu und fragt mich, ob ich am Abend mit in ihren Geburtstag reinfeiern möchte.
Im Appartement liegt Nina vor der Glotze, schaut „Friends“ und lackiert sich die Nägel. Sie hatte sich eine komplette DVD-Staffel aus der Heimat mitgebracht. Ohne groß zu fragen, wie es war, erzählt sie mir von ihrem „Arbeitsscheiß“ und den Anweisungen, die sie per E-Mail versandt hat. Interesse heuchelnd, höre ich zu, obwohl ich es nicht mehr hören kann, und gönne mir später ein kurzes Schläfchen. Danach hockt sie schon wieder vor dem Rechner und möchte in Ruhe gelassen werden. Es scheint ihr nichts auszumachen, dass ich in die Stadt düse, um meine neuen Bekannten zu treffen.
Im gut gefüllten „Beach Hotel“ steckt mich die positive Stimmung sofort an. Wie gerne wäre ich mit so einer Truppe unterwegs! Außerdem scheine ich heute eine undefinierbare Ausstrahlung zu haben, denn auf dem Weg zum Klo kneift mir eine Frau frivol in den Hintern, die Kellnerin flirtet mit mir und auch Bianca lässt meinen Kopf beim Geburtstagsküsschen gar nicht mehr los. Sie versucht mir sogar die Zunge in den Hals zu schieben, doch ich erkläre ihr, dass es da eigentlich noch jemanden gibt. „Schau mir ma in de Oochen!“, flüstert sie. Mittlerweile verstehe ich den Dialekt einigermaßen und weiß, dass damit ihre grünen, mandelförmigen Augen gemeint sind. ‚Sie sieht ja schon sehr verführerisch aus und mit Nina läuft ja eh nichts’, denke ich auf dem Heimweg.
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Schon am zweiten Tag haben wir die Surfersprache von Gerald und Wolle verinnerlicht. „Duck“ rufe ich Daniel zu, was in etwa das Gleiche bedeutet wie „Buoy“, also jemand, der in der „Lineup“ sitzt und nie die „Guts“ hat, eine Welle zu nehmen. „Shark Biscuit“ brüllt er zurück. Ich antworte mit „Decoy“, was einem verschärften „Duck“ entspricht. Er schreit mir „Asshole“ entgegen. So werden auch hier draußen krasse Anfänger und Arschlöscher genannt. Wir überlegen, wann wir den ersten „Twenty-Footer“ nehmen werden, rufen „Kamikaze“ und paddeln los. Dann hört man nur noch: „Duck“, „Buoy“, „Decoy“ und „Asshole“. Laut kreischend, reiten wir die Mörderwellen zunächst als „Floater“ auf dem Kamm und rasen dann durch eine glasige „Tube“, bevor wir springen. Oder so ähnlich…
Diesmal ist Nina bei meiner Ankunft ansprechbar. Sie hat nichts dagegen, dass meine Freunde heute zum Abendessen in unsere „Surfervilla“ kommen. Während sie, mit Fotoapparat bewaffnet, zum Strand läuft, kaufe ich im „Coles“ ein. Die Auswahl an frischem Fleisch, Gambas, Krebsen, Fisch und Muscheln ist gigantisch. Ich hätte jedoch nicht mit knurrendem Magen herkommen sollen, denn der Wagen ist schnell randvoll. Im Liquor-Shop packe ich noch zwei 24er-Kisten Stubbys und sechs Flaschen Rotwein ein.
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Pünktlich um 8 Uhr erscheinen Antje, Bianca und Daniel und zu meiner Erleichterung ist auch Nina ganz gut drauf. Wir quatschen, lachen, singen deutsche Lieder und tanzen ausgelassen in allen möglichen Konstellationen. Als sich die Gespräche mal wieder um den Surfkurs und die nächste Mörderwelle drehen, verabschiedet sich Nina wankend ins Bett. Sie hatte ordentlich Gin Tonic und Wein durchlaufen lassen. Die anderen wollen jedoch keineswegs schon gehen. Antje und Daniel liegen eng umschlungen auf der Couch und stehen kurz davor, den entscheidenden Schritt zu wagen. Bianca blinzelt mir zu und fragt, ob sie mir die Fotos auf ihrer Digitalkamera zeigen kann – im anderen Zimmer natürlich. Schon nach zwei Bildern legt sie den Apparat zur Seite und ruft: „Hupen naus, iss Sommer!“ Diesmal lässt sie Taten folgen und zieht sich – wie selbstverständlich – das T-Shirt samt BH über den Kopf.
Lange rote Haare bedecken ihre hoch aufgerichteten dunklen Brustwarzen. Ich giere nach etwas Greifbarem und streiche sie zur Seite. Dann umfasse ich den zierlichen Hals und beginne, sie, mich dabei abwärts begebend, zu küssen. Ganz langsam schlängelt sie ihre langen Beine um meinen Körper bis sie sich – den Kopf weit nach hinten geworfen – auf mich setzt. Die Erektion in der Jeans beginnt zu schmerzen und ich überlege, wo ich um diese Uhrzeit noch Kondome herbekomme. Doch plötzlich sehe ich den ringförmigen Gummi zwischen ihren Fingern. Sie beugt sich vor, schaut mich mit katzenhaften Augen an und flüstert: „Wollen wir?“
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Genau in diesem Moment öffnet sich die Tür und nur Sekunden später steht Nina mit entsetztem Blick im Raum. Unsere Klamotten liegen im ganzen Zimmer verstreut. Mit hochrotem Kopf brüllt sie: „Verpiss dich, du dumme Schlampe“. Bianca ist genauso überrascht wie ich, zieht sich eilig an und rennt kopfschüttelnd hinaus. Ohne Nina eines Blickes zu würdigen, stolpere ich hinterher. Auch Antje und Daniel stehen schon abmarschbereit da. Ich bin stinksauer. Mit 1,8 Promille im Kopf fahre ich die drei mit dem Auto nach Hause und entschuldige mich auf dem Weg etliche Male. Bianca nimmt den Zwischenfall locker. Sie legt mir während der Fahrt die Hand auf den Schoß und haucht mir ins Ohr: „Wollen wir das bei mir nicht fortsetzen?“ ‚Bei ihr’ ist ein Backpacker-Hostel, wo sie zu sechst (mit vier bereits schlafenden Mädchen) in einem muffigen „Dorm“ hausen. Nicht nur deshalb ist mir die Lust längst vergangen. Ich fahre zurück und rufe Nina, die apathisch vor einer Pulle Rotwein hockt, zu: „Wir reden morgen!“, bevor ich ins Bett verschwinde.

Koalaland - Roman

Koalaland – Roman


Am letzten Kurstag bedanken sich die drei Sachsen-Anhalter für den lustigen Abend. Es hört sich ehrlich an und über meine Mitbewohnerin verlieren sie kein Wort. Heute surfen wir erstmals im offenen Meer und mit Daniel stelle ich überrascht fest, dass wir es dort nicht einmal schaffen, bei einem „Two-Footer“ aufs Brett zu springen, geschweige denn, darauf stehen zu bleiben. Wir schlucken etliche Liter Salzwasser, nehmen den Profis, die uns „Duck“ und „Asshole“ zurufen, die Wellen weg und liegen um 11 Uhr völlig geplättet am Strand. Die Mädels aus Halle rufen aus der Ferne „Bahn frei, Kartoffelbrei“ und stürzen mit wogenden Hüften auf uns zu. Ich kann meine Oberarme kaum mehr bewegen, um Bianca von mir runterzuschubsen. Dann ein Abschiedskuss.

Als ich die Wohnung betrete, ist Nina nicht da. Ich mache mir ein Bauernfrühstück mit Schrimps und da es auf unserer Terrasse nach Erbrochenem riecht, schalte ich den Fernseher ein. Es läuft ein Bericht über die größte australische Surfer-Legende Kelly Slater. Ganz allmählich ahne ich, dass ich wohl Jahre in Australien wohnen müsste, um dieses Lebensgefühl zu verinnerlichen. Dafür habe ich in den letzten Tagen etwas anderes begriffen!

Zum Weiterlesen im Buch: Koalaland
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