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113 Minuten Brasilien – Das Fußball-WM-Finale 2014

12. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014


1974- Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden.
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang hatten sich im – von uns so genannten – “Scheppert-Eck” an der Mollstraße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die westdeutschen Nachbarn wurden Fußball-Weltmeister und ich war live und in Schwarz-Weiß mit dabei.

1990 – Meine erste bewusst erlebte Fußball-WM
Einige Monate nach dem Mauerfall saßen wir mit einigen Sixpacks Schultheiss bewaffnet auf einem der mit Gras überwucherten Sockel der Oberbaumbrücke und beobachteten die grölend vorbeiziehenden Idioten. Unangenehme Zeitgenossen mit Schnauzbart und in Marmorjeans torkelten aus Friedrichshain kommend in Richtung Kreuzberg. Sie grölten: „Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt“. Dieses Land war in Italien gerade zum dritten Weltmeister geworden und ich schämte mich für meine DDR-Landsleute – zutiefst.
Wir hatten die erste Halbzeit des Finales in einer verrauchten Kneipe gesehen. Keine deutschen Devotionalien schmückten den Raum und nur vereinzelnd trauten sich Gäste, zurückhaltend und unsicher, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Einige drückten sogar Maradona und seinem Team offenkundig die Daumen. Die Jungs hatten mich zur Halbzeit überzeugt, dass wir gerade jetzt mit ein paar Bieren auf die Brücke klettern müssten. Die Stadt war wie leergefegt. Diese ausgestorbene Straße mit dem ruhig dahin fließenden Fluss würden wir vielleicht nur einmal im Leben an einem Sonntagabend in solch unfassbarer Stille erleben können. Sie hatten Recht behalten. Berlin gehörte für 45 Minuten nur uns allein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Urschrei. An der Mauer und den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Die BRD musste in Führung gegangen sein. Doch der Jubel ließ mich nicht freudig erschaudern oder hemmungslos in Tränen ausbrechen. Obwohl die Wiedervereinigung kurz bevorstand, empfand ich nichts. Das war nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es war nicht mein Schrei! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft konnte mir bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich war kein Deutscher! Ich wollte reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Wollte andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Menschen treffen, andere Biersorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.
Ich drehte mich zu meinen Freunden um und murmelte etwas, doch dann erhob ich mein Bier und rief: „Dieses Land wird sehr lange nicht mehr Fußball-Weltmeister werden!“ Raketen flogen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot oder gelb, einige grün. Auch Böller waren zu hören am Abend des 8. Juli 1990.

1994 – Meine erste Fußball-WM als Bundesbürger
Mit Matze und Göte war ich 1994 zum Viertelfinale bei Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder erwartete einen deutlichen deutschen Sieg gegen Bulgarien. Bobo hatte sogar um seinen Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir gewinnen – gegen dessen Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel: 0:3 im Viertelfinale!

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, schrie Jeannet und sprintete in den Urwald. Aus heiterem Himmel war etwas unmittelbar vor unsere Füße gefallen. In Sekunden-Bruchteilen hatte wohl auch meine Freundin realisiert: Es ist eine fette Vogelspinne! Das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen wirkte wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechelte ihr hinterher. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brüllte ich, doch sie war bereits stehengeblieben und schrie wie am Spieß. Vor uns liefen nun dutzende der Ekelviecher herum. Atemlos erreichen wir den VW-Käfer. Plötzlich krachte etwas aufs Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckerte ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Auf einmal fiel mir etwas auf, was ich in der Aufregung gar nicht begriffen hatte.

Rückblende: wir hatten uns den weißen Käfer gemietet und fuhren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollten das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Mayastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut worden war. Schon von weitem sahen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Doch auf dem Parkplatz standen viele Busse, sodass wir entschieden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Eine Stunde brauchten wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es war fast schon ein bisschen gespenstig als wir auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage im Dschungel liefen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden schienen denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlugen uns durchs Unterholz und erklommen die Stufen zum „El Castillo“. Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán war umso spektakulärer, da sie auf einem Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckte sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo.
Auf dem Weg zum Auto begann es bald sintflutartig zu schütten, aber wir entdeckten einen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion saß ein altes Männlein mit indianischem Einschlag, der gerade geschnitzte Holzfiguren in schwarze Plastiktüten verstaute. Während der Regen lautstark niederprasselte, ließ sich meine Freundin eine Jaguar-Maske zeigen.
Jeannet hatte vor einigen Tagen Tränen gelacht, als ich ihr die Story von diesem Priester erzählt hatte, der mir für 2014 den nächsten deutschen WM-Titel prophezeit hatte. Wie naiv ich nur sei: der vermeintliche Hellseher hätte doch nur die in die Erde geritzte Zahlenreihe vervollständigt. 1998, 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen. Ich schaute mir den Kunstgewerbe-Verkäufer genauer an. Okay, einen zweiten Versuch war es wert. Ich malte mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahmte die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischte Jeannet. Sie trat unter der Hütte hervor und sprintete in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst hier im Auto fiel mir ein, was ich in der ganzen Aufregung fast übersehen hatte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaute mich fragend an und ich grübelte bereits in welchem Land das Ereignis wohl stattfinden wird und ich dann schon über 40 Jahre alt bin. „Deutschland wird also tatsächlich erst 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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1998 – Meine erste Fußball-WM in Südamerika
Die Zeit drängte, denn wir mussten noch eine Kneipe finden, um live zu erleben, wie Deutschland ins Halbfinale einzog. Auf der Plaza Bolivar in Porlamar (Venezuela) stoppte plötzlich ein LKW mit quietschenden Reifen. Bewaffnete Soldaten sprangen herunter und stürmten auf uns zu. „Manos arriba“, brüllte ein Typ mit vorgehaltener Kalaschnikow. Ein zweiter Krieger schrie: „Pasaporte!“ „Den hat der da vorne“ rief Matze auf Deutsch“, „Passaporte!“ „Jenna, du Idiot, bleib doch mal stehen“, kreischte Göte, doch es war zu spät. Mit der Gewehrmündung im Rücken wurden wir auf den LKW getrieben. Als die Ladefläche mit 30 männlichen Personen gefüllt war, rasten wir im Höllentempo davon. Drei Soldaten richteten die Waffen weiterhin auf uns und ihr Anführer befahl, die Schnauze zu halten. Nach zwanzig Minuten wurden wir mit militärischem Gebrüll vom Wagen gestoßen. Sie führten uns auf eine Aschelaufbahn und forderten uns auf, dort hintereinander im Kreis zu marschieren.

Nach einer Runde erreichten wir wieder das Hauptgebäude und der Kommandeur beorderte mich aus der Kolonne. Ich hörte wie er den Truppenleiter anbrüllte und verstand: „La puta rubia“ (die blonde Nutte). Er erklärte mir, was das für eine Aktion ist: Da sich die Männer hier gern mal vor dem Wehrdienst drücken, werden in solchen Einsätzen alle Jungs im entsprechenden Alter eingesackt. Innerhalb von 24 Stunden müssten sie dann nachweisen, bereits gedient zu haben.
Vorsichtig räusperte ich mich und deutete auf meine noch immer rotierenden Jungs. Als sie das nächste Mal bei uns waren, winkte er Matze und Jenna heraus. Nur Göte musste geschockt eine weitere Runde mit den neuen Kameraden drehen. Kichernd beschlossen wir, dem Kerlchen noch 400 Meter zu gönnen. „Scheiße, das Spiel!“, rief Matze. Wir rannten zum Chef und baten ihn, Göte zu erlösen. „Ihr seid ja richtig gute Freunde!“, brüllte er als wir aus der Armee entlassen wurden und in eine Spelunke stürmten. Gleich war Halbzeit und Kroatien führte mit 1:0. Soeben war auch noch Christian Wörns vom Platz geflogen. Nachdem wir eine Lokalrunde spendiert hatten, war die Kneipe komplett auf Seite der Deutschen, doch Vlaovic und Suker verdarben mit ihren Toren eine gigantische Polarbier-Party in Polarmar: 0:3 im Viertelfinale!

2002 – Mein erstes Fußball-WM-Finale als Bundesbürger
Sylvie und ich schmissen die Sachen aufs Bett und gingen hinaus, um noch ein paar Fotos in „Torres del Paine“ in der chilenischen Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld stand eine wild gestikulierende Horde, die gerade etwas absteckte. Ein Typ kam angerannt und brüllte aufgeregt irgendetwas von „futbol“. Bevor wir ihn verstanden, waren wir schon Mitglieder der „Extranjeros“ (Ausländer). Neben uns waren noch ein Deutsches Paar, ein Japaner und zwei Argentinier mit im Team und wir durften nun gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten.
Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team hatten, wirkten sie eingespielt. Der Ball lief gut durch ihre Reihen und nach fünf Minuten hätten sie bereits 3:0 führen müssen, scheiterten jedoch immer an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause konnten wir uns besprechen und veränderten die Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bildeten nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, stand im Mittelfeld und der Argentinier Joaquin spielte allein im Sturm. Wir ließen den Gegner kommen und starteten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passte steil auf Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielte. Schuss – gehalten! Doch deren Keeperin ließ den Ball abprallen, woraufhin „Joa“ ihn mühelos über die Linie schieben konnte. Ein ohrenbetäubender Torjubel schallte durchs Tal. Das „Ausland“ führte und kurz danach gelang Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen.

Die Chilenen gratulierten fair und luden uns zur Party am Abend ein. Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlte, rief euphorisch: „Das war ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“. Selbst mir war das bisher gar nicht aufgefallen.
Wir tanzten, sangen und wurden von den Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Liter Pappen gehörig abgefüllt. An jenem Tag war ihr Nationalfeiertag. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ feierten sie sich lautstark selbst.

Auch wenn während der WM 2002 wieder die ersten Deutschland-Rufe ertönten, hatten wir bei den Spielen lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale gegen Brasilien, welches wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn sahen, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wuchs da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann: 0:2 im Finale!

2006 – Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zwar fand das Finale in meiner Heimatstadt Berlin statt, doch ich war gerade mit Sylvie auf Weltreise und tourte durch Südamerika.
Das Halbfinale verlief in etwa so: Wir verliebten uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas in Brasilien und schließlich fanden wir eine Traumunterkunft mit Pool und Hängematte vor dem Zimmer. Im Dorf lagen überall grün-gelb-blaue Girlanden im Müll. Brasilien war bereits ausgeschieden und hatte abgeschmückt. Unser Spiel gegen Italien schien hier niemanden vom Hocker zu reißen. Nach längerer Suche entdeckten wir in einer verrauchten Bar dann aber doch noch die Hardcore-Fans des Ortes. Endlich trafen wir auch Mauro, den italienischen Inhaber unserer Pousada, der uns herzlich begrüßte und sofort mit seinen Dorfkumpels bekanntmachte. Das Lokal war in grün-weiß-roter Hand. Mauro und drei Typen seiner Gang trugen sogar Trikots der „Squadra Azzurra“. Eine italienische Fahne hing von der Decke herab. Brahma-Bier und Kurze wurden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizte. Die Hütte brodelte, als ob wir uns in Sizilien befänden und schnell bildeten sich zwei Fan-Lager: Sylvie und ich in den Deutschland-Trikots – gegen den Rest.

Das Spiel war nicht gut, lebte aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen waren, orderten auch wir erste Beruhigungsschnäpse. Mauro, dieser heißblütige und so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ war, platzierte zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkte in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Mauros Lieblingsverein Palermo. Nach dem zweiten Tor drehte unser Hotelier dann endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italiener auf dieser Welt.
Erstmals im Leben füllten sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nahm mich tröstend in die Arme. Nach und nach kamen Gäste an unseren Tisch und drückten ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellte die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzte sich dazu. Er bettelte nun fast darum, dass wir bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spürte, wie meine Trauer allmählich verflog, erhob mein Glas und rief: „Okay, du Scheiße-Italiener“: 0:2 im Halbfinale!

2010 – Meine erste Fußball-WM als Deutschland-Fan

Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir liefen hunderte, aufgeregt plappernde Leute. Fast alle trugen ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und hatten sich die Gesichter, Arme – manche sogar die Zehennägel – „deutsch“ bemalt. Etliche imitierten einen Hornissenschwarm, indem sie in eine Vuvuzela tröteten. Doch obwohl sie damit meine Nerven strapazierten, wirkten diese Menschen nicht martialisch, böse oder gefährlich – eher zuversichtlich, hoffnungsfroh und unglaublich glücklich. An diesem Tag begann die WM 2010 erst richtig, denn Deutschland traf im Achtelfinale auf den Erzfeind aus England.
Auch ich trug das Trikot der Deutschen, ohne mich dafür zu schämen. Ein wenig „Krakengläubig“ das rote 2006er Auswärtstrikot, da unser Team bisher nur einmal gegen Serbien verloren hatte, als ich das weiß-schwarze getragen hatte. Nein, es gab da kein verpflichtendes Gefühl im Zuge der fortschreitenden „Schlandisierung“ meiner Heimat, auch keinen übertriebenen Nationalstolz. Während der WM 2006 hatte ich das Shirt erstmals in Südamerika getragen. Ich wollte den Leuten damals zeigen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um diesen wunderschönen Kontinent bereisen zu können und vor allem, wem ich die Daumen drückte! Doch im Jahr 2010 war ich erstmals die gesamte WM lang ein Fan unserer Nationalmannschaft gewesen.

Viele Freunde waren schon da und alberten nervös herum. Wir sind ein zusammen gewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch die Jungs, mit denen ich vor 20 Jahren auf den Turmsockeln der Oberbaum-Brücke gehockt und das WM-Endspiel 1990 bewusst ignoriert hatte, waren erschienen.
Durch die Straßen schob sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans. Angeblich soll die Stimmung 2006 noch viel ausgelassener gewesen sein. Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Meine Stadt erstarrte in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen. Das Spiel begann.
20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilte dem englischen Verteidiger und schob, fast im Fallen, den Ball über die Linie. Ein Schrei donnerte durch die Simon-Dach-Straße. Es war ein Urschrei, der aus tausenden Kehlen gleichzeitig ertönte. Ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex. An den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel ließ mich erschaudern. Das war mein Land. Es war mein Team und auch mein Tor. Es war mein Schrei!

Viermal jubelten wir an dem Tag und ebenso oft berauschten wir uns im Viertelfinale an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Ich war beruhigt, dass es nur Uruguay bis ins Halbfinale schaffte. So hatte ich keine gigantische Party in Südamerika verpasst. Außer die in Montevideo. Doch auch für Deutschland war im Halbfinale gegen Spanien Schluss. Müdigkeit, Trauer und Depression. Ich fiel in ein schwarzes WM-Loch, bis ich mich entschloss, nach Madrid zu fliegen: 0:1 im Halbfinale!

2014 – Mein erster WM-Titel als Bundesbürger
In Madrid erlebte ich 2010 einen Jubel, den ich niemals im Leben vergessen werde, denn wie eine zerstörerische Lawine brach ein hunderttausendstimmiges „Goool“ in der 116. Minute über Spaniens Himmel herein. Es war ein nicht enden wollender Schrei, so als ob das ganze Land jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Alle tobten und kreischten bis zum ersehnten Schlusspfiff. Es war der (!) spanische Treffer der letzten 100 Jahre, die Erlösung und der fußballerische Erinnerungsmoment eines jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Kein Einziger hatte dieses Glücksgefühl jemals zuvor verspürt, denn Spanien wird eben nur einmal zum allerersten Mal Fußball-Weltmeister! Gracias Iniesta!
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In Deutschland sind diese kollektiven Emotionsausbrüche im Jahre 2014 eigentlich nicht möglich. Es gibt zu viele Menschen, die sich noch an die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 erinnern können oder sogar live dabei gewesen waren, ob nun vor dem TV oder in einem der drei Stadien. Auch ich bin mittlerweile so alt, dass ich bei zwei Triumpfen zumindest schon existiert habe. Dennoch endet für mich heute eine lange Reise – egal wie das Spiel ausgeht – denn mehr geht einfach nicht: Argentinien gegen Deutschland im Finale einer Fußball-WM in Brasilien; einer WM, bei der ich bis zum Viertelfinale selbst mit vor Ort war. Alle Turniere danach werden nie wieder diesen ultimativen Kick auslösen können.

Auf meinen Reisen durch Südamerika wurde mir des Öfteren prophezeit, dass unser Land 2014 wieder Fußball-Weltmeister wird, aber ernsthaft glaube ich eigentlich nicht an diesen Hokuspokus, wenngleich ich die Vorhersage in „90 Minuten Südamerika“ schriftlich festgehalten hatte. Gerade heute, an einem 13ten im Juli, bin ich mir nicht mehr so sicher; denke an den unberechenbaren Messi-Zwerg, an die stimmgewaltige Übermacht der argentinischen Fans im Stadion und an die Magenkrämpfe verursachenden Deutschland-Spiele gegen Ghana und Algerien.
Zwei Stunden vor Anpfiff fahre ich in meinen Pub in Friedrichshain, um bei ein paar Vorgeplänkel-Bieren herunterzukommen. Obwohl alle, die ich im Freundeskreis mit dem „Rockz“ in Verbindung bringe, nach und nach eintrudeln, kommt zunächst keine unbändige Vorfreude auf. Viele haben wahrscheinlich, wie ich, die Vorahnung, dass uns nach dem 7:1-Wunder ein enges, hart umkämpftes und hochdramatisches Spiel bevorsteht, dessen Ausgang niemand vorsagen kann. Warum meldet sich Truman eigentlich nicht? Um 21 Uhr atmen alle auf. Das Spiel beginnt.

113. Minute: Kroos passt hinüber zu Schürrle, der im Sprint auf der linken Seite bis weit in die argentinische Spielhälfte vorstößt. Bedrängt von zwei Verteidigern schlägt er eine Flanke, die auf Höhe des Fünf-Meter-Raums landet. Der heranstürmende Götze kann den Ball mit der Brust nicht nur stoppen, sondern fast im Rutschen mit links in Richtung Tor befördern. Während der argentinische Keeper wohl eher mit einem Schuss ins kurze Eck spekuliert, landet der Ball hinter ihm im … (für den Bruchteil einer Sekunde verharren wir in ungläubigem Staunen, doch dann schreien wir es gemeinsam hinaus)…Tooor! Es ist der (!) ultimative deutsche Treffer des 21-Jahrhunderts, die Erlösung nach 24 Jahren des Wartens. Der fußballerische Erinnerungsmoment für jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Danke Mario!

Bierbänke kippen krachend nach vorn, Gläser auf Tischen verlieren ihren Halt und scheppern auf den Asphalt. All meine Freunde fallen sich in die Arme und dann in einem wirren Knäul gemeinsam zu Boden. Bis zum Abpfiff wollen wir uns dort in Jubelorgien ergehen. Es gelingt nicht, denn der Schiri will einfach nicht abpfeifen und als Messi in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, sterben nicht nur wir tausend Tode. Doch er verzieht und dann heißt es tatsächlich: 1:0 im Finale!

Jetzt kommt mit Sicherheit kein spiritueller Mist nach dem Motto: Spinnen, Krebse und Priester haben mir den WM-Titel bereits prophezeit. Auch kein sentimentaler Abgesang, dass mein Coming-Of-Age (mein Erwachsenwerden) nun vollzogen ist, weil sich Herr Scheppert, dem im Jahre 1990 die Nationalmannschaft noch völlig am Arsch vorbeiging, 2014 nun selbst wie ein Weltmeister fühlt. Nein!
Nur dies: Wir sind eine tolle Nation, die in der Welt geschätzt und gefeiert wird – nicht zuletzt durch unsere Fußballspieler, deren Eltern in allen Teilen dieser wunderbaren Erde geboren worden sind. Die Guten haben gesiegt!

Durch die Verlängerung ist es schon spät geworden, doch ich feiere als gäbe es kein Morgen – zunächst im „Rockz“ mit Freunden und wildfremden Menschen, dann weiter in der „Tagung“ mit dem Bodensatz dieser Truppe. Irgendwann habe ich im Vollrausch eine wirre Idee, die mich nicht mehr loslässt, doch erst gegen 4 Uhr, als ich längst zu Hause sein sollte, wanke ich los. Erst im dritten Späti finde Schultheiss und als ich an der Warschauer Straße angelangt bin, habe ich bereits das zweite Bier des Sixpacks intus.
Am U-Bahnhof ahne ich, dass ich im Begriff bin, Scheiße zu bauen. Adrenalinblöd renne ich in der Dunkelheit auf den Gleisen in Richtung Oberbaumbrücke. Keiner kann mich jetzt stoppen und als ich an den roten Backstein-Türmen angelangt bin, ist das Ziel einer 24jährigen Reise erreicht. Ich weiß: auf die Türme werde ich nicht gelangen, aber die Aussicht von oberhalb der Brücke reicht mir völlig. An der Kante, kurz hinter den Schienen sitzend, mit Blick auf die Spree und meine, sich noch immer rasant verändernde Stadt, mit dem Fernsehturm als Fixpunkt in der Ferne, habe ich den Platz gefunden, an dem ich unter dem Sternehimmel den Weltmeistertitel 2014 mit herunterbaumelnden Beinen ganz allein genießen kann. Meinen ersten als …

… plötzlich blendet mich etwas. Ein Lichtstrahl nähert sich in atemberaubender Geschwindigkeit: Scheiße, die U-Bahn! Bin ich bescheuert oder was?

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika oder 113 Minuten Brasilien
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Die Trueman-Story – Die Fussball-WM in Brasilien 2014

7. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

trueman-3Was für ein WM-Halbfinale! Ob man es nun im Stadion, auf einer Fanmeile, im Pub oder zu Hause erlebt hat, spielt dabei kaum eine Rolle. Für Millionen Menschen war es das (!) Spiel ihres Lebens – ein kollektiver „Wo-war-ich-damals-Tag“. Wir haben uns zeitlose Erinnerungen erschaffen und ich war beim 7:1 in Belo Horizonte sogar live vor Ort. Da ich etwas vergesslich bin, muss ich meine Gefühle wenigstens für meine Kinder festhalten. Seit zwei Tagen denke ich sogar: Vielleicht kann ich ihnen den Sinn des Lebens anhand eines Fußballspiels erklären.

Zurzeit befinde ich mich wieder in Rio und eines steht fest: die Argentinier sind unglaubliche Fanatiker. Hunderttausende laufen hier durch die Stadt und singen überall – in jeder Straße, an jedem Strand, in jedem Park, früh, mittags und nachts – gemeinsam, dass Maradona viel besser als Pele ist. Die nächste Schmach für die Brasilianer nach dem Deutschlandspiel. Ihre südlichen Nachbarn sind nicht immer ganz fair, aber – objektiv gesehen – schon jetzt Fan-Weltmeister!
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Doch wer ist schon immer fair? Die deutschen Fans etwa? Als wir nach dem Spiel die gebückten Gegner im Mineirão-Stadion nachstellten? Haben wir das gemacht, weil brasilianische Fans nach dem 5:0 in unseren Block gestürmt sind und begonnen haben, uns ins Gesicht zu schlagen? Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es der (mit viel mehr Deutschen besetzte) Oberrang mitbekommen hat. Die Bullen schritten ein und riegelten ab. Erst zwei Stunden nach Abpfiff durften wir das Stadion mit gehörigem Polizeischutz verlassen. Die Tracht Prügel wurde den Einheimischen auf dem Spielfeld verabreicht.
Die Rückfahrt mit meinen brasilianischen Freunden war sehr ruhig. Nein anders: es herrschte Grabesstille. Um genau zu sein, wurde mit mir fünf Stunden lang gar nicht geredet. Zu tief saßen Schock, Scham und Schmerz. Auch ich wagte es nicht, nur ein Wort über das irrationale Spiel zu verlieren. Trotzdem war es für mich einer der größten Momente dieser WM. Genau der Kontrast war es, der das soeben Erlebte unwirklich erscheinen ließ.
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Diese unbändige Vorfreude an jenem Tag ist schwer zu beschreiben. Es überhaupt geschafft zu haben, ins Stadion zu gelangen und die vielen Umarmungen nur deshalb, dabei sein zu dürfen. Vielleicht lag es auch daran, dass sich beide Seiten ihres Sieges sicher waren. Die überheblich lächelnden Brasilianer mit ihren Neymar-Pappmasken oder wir mit ausgebreiteten Armen, wie die Schwingen eines Vogels, im arroganten Glauben, die Herrscher der Fußballwelt zu sein. Bis heute habe ich meinen Freund Mauro nicht gefragt, wohin er sich nach dem 4:0 verkrümelt hat. Hat er das Spiel zu Ende gesehen? Hat er hemmungslos geweint, wie dieser Junge mit der Brille auf der Videoleinwand? Kann er unsere Gesänge jemals vergessen?
Und wir haben gesungen: „Oh wie ist das schön“ und „Ohne Deutschland wär hier gar nix los“ und „Finale oho“ und „Einer geht noch rein“ und „Auswärtssieg!“ und „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ und „Rio de Janeiro oh-oh-ohoho“. Doch als wir das Lied sangen, wie denn wer nun genau geht, war kein einziger Brasilianer mehr im Stadion. Ich habe mich gebückt und mit geballten Fäusten mitgemacht. Unwohl habe ich mich dennoch gefühlt.
Schon Wochen vor dem Spiel war klar: wir sind richtig gute Freunde und vor dem Anpfiff hat sich dieses Gefühl noch verstärkt. Während des 7:1 ging etwas kaputt und es tat auch mir weh. Das Wort Mitgefühl ist für das brasilianische Jahrhundert-Drama unzureichend. Die Geschichte des Landes, nicht nur die des Fußballs, war in 90 Minuten eine andere geworden. Das merkte ich nicht erst, als ich zögerte beim besagten Lied mitmachen. Aber warum tat ich es dennoch? Wer bin ich?
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Beim Brettspiel daheim bin ich ein fürchterlicher Gewinner. Ich koste den Sieg aus und versuche vor allem Mitspieler, die unbedingt siegen wollten, danach zu ärgern. Es macht mir gerade deshalb Freude, weil ich weiß, wie schlecht ich selbst verlieren kann. Es ist ein Spiel und es endet erst dann, wenn man sich wieder besinnt, was wirklich wichtig im Leben ist.

Im Stadion, auf den Fanmeilen und vor den Bildschirmen gab es viele gute Gewinner und Verlierer. Ich sah in Belo Horizonte einige schlechte. Charakterisieren diese also den brasilianischen Fußballfan? Nein! Sie beschreiben lediglich einige Idioten, die zugeschlagen haben. Ich glaube nicht an den Deutschen oder den Brasilianer. Ich glaube nicht einmal an Grenzen. Wenn ich könnte, würde ich sie ignorieren. Mauern wird es immer irgendwo geben – sie werden nur ständig schmaler – nicht zuletzt durch das Reisen, das Kennenlernen, die Späße, das gegenseitige Sich-auf-die-Schippe-nehmen und durch den Fußball!
Wie sich das äußert, wurde schon in Recife deutlich: Deutschland gegen die USA. Man muss vorab sagen, dass der gegnerische Fan kein gewöhnlicher US-Amerikaner ist. Soccer ist in den USA eher eine Randerscheinung. Wer dort Fußball spielt, ist meist auch Rebell. Oft wird das Spiel in den Staaten allerdings auch als Mädchensport bezeichnet.
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Wo wir bei der Frage sind, wofür stehen Mädchen? Was ist ein Mädchensport? Rennt eine Frau anders? Wirft sie anders? Anatomisch gesehen hat das weibliche Geschlecht in der Regel weniger Kraft, obwohl ich da nur bedingt zustimmen kann, wenn ich meine Art, krank zu sein, mit der meiner Frau vergleiche, ganz zu schweigen von den Geburten unserer drei Kinder.
Meinen Töchtern werde ich zeigen, wie man schnell rennt, wie man effektiv wirft, wie man gewinnt und wie man verliert. Und ich werde meinen Kindern beibringen, nicht zu fallen wie Arjen Robben. Aktionen, wie jene im Spiel gegen Mexiko, wo er in der letzten Minute wie ein Sack Mehl einfach umfiel, machen den Fußball kaputt und sind der Grund für das Unverständnis an diesem Sport in den USA. In meinen Augen gibt es nichts Schlimmeres, als ein Spiel so zu gewinnen. Und es gibt nichts Größeres als einen Sportler, der seinem Gegner fair gegenübertritt. Das hat mir mein Vater früh beigebracht. Ich mag es wie Robben Fußball zelebriert, aber seine Schwalben sind Momente, wo ich mich für diesen Sport fremdschäme. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Welche Botschaft wird damit Nachwachsenden vermittelt? Soll eine Welt voller Kinder mit aufgeblasenen Egos einfach umfallen und brüllen: „Elfer!“? Fußballer haben die Verantwortung, sich gerecht zu verhalten. Sein Ego ablegen zu können, ist die allergrößte Kunst im Leben.

Die Deutschen spielten nach dem 5:0 unfassbar seriös und fair. Sie verarschten die verängstigten Gegner nicht noch mit sinnlosen Übersteigern. In der zweiten Halbzeit wurden sie dafür vom brasilianischen Publikum mit „Olé-Rufen“ bedacht. Aber nur bis Schürrle eingewechselt wurde. Der hielt sich nicht an die Anti-Demütigungs-Taktik, sondern freute sich diebisch über seine Tore zum 6:0 und 7:0. Der Block stimmte: „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ an. Unfair, oder einfach nur lustig in Gedenken an Mertesackers Wutausbruch nach dem Achtelfinale?
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Womit ich auf die US-Boys zurückkomme. Als viele Deutsche im Stadion in Recife brüllten: „U are gay. U are gay.“ in Parodie auf „Uuu-S-Aaa, USA“, begannen deren Supporter einfach zu rufen: „We are gay. We are gay.“ Selten hat mich eine Schar Fußballfans mehr beeindruckt. Der Soccer-Fan ist anders, er ist besonders, er ist weiter. Hätten wir das gesungen? Nein! Zu so einer schrägen Begeisterung und coolen Antwort sind Nicht-Amerikaner kaum in der Lage.
Wenn mir mein Sohn eines Tages sagen sollte, er sei schwul, dann würde ich mich ärgern, keine Enkel von ihm zu bekommen, aber enttäuschen könnte mich das nicht. Ich würde die ersten Tage einige schlechte Witze machen, die jedem Homosexuellen unglaublich auf den Wecker gingen und es dann aber gut sein lassen. Hauptsache er bleibt mein Junge. Nein: Hauptsache er ist glücklich. Das möchte ich wenigstens einmal festhalten – bevor ich es vergesse – denn ich fühle mich gerade so lebendig wie noch nie und spüre: jeder Tag sollte eigentlich ein „Wo-war-ich-damals-Tag“ sein.
Vielleicht werden meine Kinder irgendwann einmal erzählen, dass ihr Papa am 8. Juli 2014 beim 7:1 in Belo Horizonte im Stadion live mit dabei war und versucht hat, ihnen den Sinn des Lebens anhand eines Fußballspiels zu erklären.
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Doch so harmonisch wird diese Story leider nicht enden, denn nur wenige Monate später musste ich diese Zeilen von meinem Freund Trueman lesen: „Ich habe Krebs und mir steht erneut eine Chemotherapie bevor, die es diesmal in sich hat. Mit 26 verspürte ich einmal den Gedanken, falls es jetzt vorbei ist mit dem Leben, dann war es wenigstens bisher fantastisch. Ich hatte bereits so viel erlebt und ein derart freies Leben gehabt, dass ich zufrieden sein konnte. Das ist heute, sieben Jahre später, anders. Ich darf nicht sterben. Ich habe drei Kinder, eine Frau und Verantwortung. Verantwortung, am Leben zu bleiben und meine Hauptaufgabe ist es, Teil dieser Familie zu sein. Der Tod ist keine Option!
Wenn man tot ist, kann man nicht mehr Teil dieses Lebens sein. Soll ich also meinen Kindern einen Brief schreiben, bevor es nicht mehr geht? Was kann darin stehen? Sollen es Zeilen sein, die ihnen auf Augenhöhe im Erwachsenenalter begegnen? Weisheiten aus meinem Leben? Nein: Ich glaube wichtiger ist es, ihnen von unserer gemeinsamen Zeit zu berichten, denn sie sitzen immer gebannt da, sobald man von Erlebnissen erzählt als sie noch kleiner waren. Wie ist unser Leben aktuell? Welche Beziehung haben wir zueinander? Dinge, über die man sich viel zu selten Gedanken macht. Ist es meine Pflicht diesen Brief zu schreiben? Meine jüngste Tochter wird sich an ihren Vater nie erinnern können. Mein Sohn, gerade vier, wird Bruchstücke aus dieser Zeit mitnehmen – meine Große (5) vielleicht ein paar mehr. Doch alles was vor dem siebten Lebensjahr passiert, wird in der Masse an Eindrücken Platz für Neues machen. Für mich ist das gerade ein äußerst schrecklicher Gedanke.“

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Mit diesen Sätzen eröffnete Trueman damals sein Online-Tagebuch und fast jeden Tag schaute ich hinein – selbst an Tagen, wo ich wusste, dass aufgrund seines Zustandes nichts Neues zu erwarten war. Ich hatte die Hoffnung, lebensbejahende, oder eben auch krasse Texte vorzufinden – Hauptsache er lebt noch! Irgendwann war zumindest klar, dass sich mein Freund die Frage: „Muss ich diesen Brief schreiben?“ nicht mehr stellte – er hatte ja bereits damit begonnen.

Vergesslichkeit gilt gemeinhin als eine niedliche und schrullige Eigenschaft, doch das ist sie in meinen Augen nicht! Zu viele Menschen vergessen dabei schlichtweg, wie sie ihr Dasein verbracht haben. Daher empfinde ich es als Pflicht eines jeden, einen Lebensbericht abzulegen. Das können Fotoalben, Tagebuch-Einträge, Blogs oder eben auch Briefe sein. Wie sehr ärgere ich mich darüber, dass dies meine Vorfahren nur unzureichend getan haben, denn viel zu oft habe ich mich gefragt, wer bin ich, woher komme ich – wer wart ihr?

Sterben ist Scheiße und mit Anfang Dreißig umso mehr – das steht fest. Dennoch setzen sich zu wenige Leute mit dem Tod auseinander – leben vor sich hin, als ob es ihn nicht gäbe. Sie verdämmern kostbare Zeit scheintot vor der Glotze oder einem Handy, verbringen als Büroleiche Urlaube auf Balkonien, verhausschweinen oder saufen sich täglich ins Koma, um den Trübsal des Alltags zu vergessen.

Der weltoffene Trueman gehörte nie zu einer dieser Kategorien und hatte in jungen Jahren schon mehr erlebt und gesehen als manch 90jähriger im ganzen Leben. Am liebsten hätte ich mich an sein Krankenbett gestellt und mit einem Aufnahmegerät all das – nicht nur für seine Kinder – aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Aber nun hatte er ja von sich aus angefangen, zu schreiben. Sein zweites Leben begann, als er begriff, dass er nur eines besaß.

„Fick dich Krebs, Fick dich einfach selbst!“ Mit diesen Worten endete sein Tagebuch …

…aber nein: diese Geschichte darf kein tragisches Ende nehmen, denn ich habe den Anfang des Satzes unterschlagen: „Morgen nach dem Arztbesuch weiß ich, ob ich mir abends einen hinter Binde kippen kann und angetrunken herausschreien werde: Fick Dich Krebs, Fick dich einfach selbst!“

Oh ja: Du warst an jenem Tag betrunken und glücklich und verfickt nochmal geheilt. Um all die schrecklichen Erfahrungen beneide ich dich nicht, aber seit jenen Tagen um deine Kraft, deinen Optimismus, deinen Mut, deine Kinder und bis ans Lebensende um dieses Ticket beim WM-Halbfinale 2014 in Brasilien. Auch das habe ich nicht vergessen, mein Freund!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
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Frankreich-Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien

4. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

WP_20140704_042Ich verreise noch immer gerne mit Freunden. Allerdings werde ich langsam so alt, dass mir die Pärchen-Urlaube mit Sylvie beinahe besser gefallen, da ich mich dann nicht auf die Macken Anderer einstellen oder Kompromisse eingehen muss. Oft sind wir auf diesen Touren „ein Kopf und ein Arsch“, will sagen: wir könnten Reisen auch allein organisieren und wüssten jederzeit, dass die Pläne im Sinne des Partners wären. Mittlerweile schenken wir uns nichts mehr zu Weihnachten, da Konzertkarten, Bücher oder CDs sonst gleich doppelt auf dem Gabentisch lägen.
Die diesjährige Truppe ist halbwegs „mackefrei“ und mit den Südamerika-Neulingen verstehe ich mich blendend. Heute nervt jedoch der lange Entscheidungsfindungs-Prozess, um eine popelige Halbtagestour ins Parnaiba-Delta zu buchen. Sylvie nimmt auf jede noch so kleine Befindlichkeit Rücksicht, während ich sofort feststelle, dass die vier Tour-Operator, welche hier Tür an Tür ihre überambitionierten Event-Büros am Porto das Barcas haben, schlichtweg denselben Trip zum Einheitspreis anbieten. „Ich mach das jetzt mal“, rufe ich und knalle meine Kreditkarte auf den Tresen. „Cinco pessoa por favor.“
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Das kann Danny gar nicht ab und auch Sylvie fühlt sich leicht übergangen. Doch wenigstens sie kann ich überzeugen, dass wir auch in zwei Stunden nichts anderes gebucht hätten – nur um Jahre gealtert wären. Erleichtert flirte ich mit der Dame, bezahle für 5 Personen und pünktlich um 13 Uhr werden wir abgeholt.
Am Minihafen von Porto dos Tatus, der das Einfallstor zum Delta zu sein scheint, schmeißt uns der Fahrer wieder raus. Gerade werden handtellergroße Caranguejos behelfsmäßig in Bündeln zusammengebunden und lebend per Moped in die Stadt zum lustigen „Krebse-Klopf-Klopf“ transportiert.
Schon oft hatte ich erlebt, dass ich sich Guides in Brasilien lustige Namen geben, so auch der heutige. Mit „Sokrates“ sind wir nach fünf Minuten auf einer Wellenlänge, denn seine Tour-Vorbereitung besteht darin, eine Kühlbox mit Eis zu befüllen und uns danach in einen Shop in Richtung der Bierregale zu leiten. Erst als die letzte (von 30) Brahma-Dosen verstaut ist, kann es losgehen.
Die stahlendweiße „Iguana“ ist ein komfortables Boot mit ausfaltbarem Sonnendach und nun auch mit eingebautem Kühlschrank. Schon nach zwei Minuten sehen wir kein Gebäude mehr und befinden uns inmitten des Mangrovenwaldes.
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Hinter mir zischt eine Bierdose. Vögel erheben sich kreischend, während tausende Krebse hektisch schlammige Hügel erklimmen. Unser Tour-Philosoph spricht vorzügliches Portospanenglisch, sodass wir uns alle Informationen zusammenreimen können. Die 85 Inseln des Deltas liegen verstreut über eine Fläche von 2700 Quadratkilometern und der Rio Parnaíba teilt sich zum Schluss in fünf Arme, deren Wasser in den Ozean münden. Es ist eine der vielleicht schönsten Naturstrukturen des Planeten. Wir schippern durch ein furioses Labyrinth von Nebenarmen und Inseln. Auf dem Festland wäre die Vielfalt nur mit Neuseeland zu vergleichen, denn alle fünf Minuten ändert sich die Landschaft dramatisch. Wir passieren große Flüsse, Naturkanäle und breite Lagunen, sehen gigantische Dünen und Strände mit schneeweißem Sand – und das alles eingebettet in den grünen Mangroven-Dschungel.
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Alle fotografieren hektisch träge Kaimane, Leguane, Schlangen, Kapuzineräffchen und schlammige Krebse in einem Wirrwarr von luftigen Stelzwurzel. Etliche Störche, Kormorane und Reiher gleiten vorbei. Nur der immense Frischreichtum bleibt uns verborgen. Sokrates klaut zumindest aus einem Netz ein paar Garnelen und Austern, die er in die entstandenen Löcher der Kühlbox packt. Bei einem kalten „Cerveja Lata“ erzählt er zudem Geschichten von Gespenstern, sprechenden Fischen und alten Fischern, die nie mehr von ihrer Ausfahrt aufs Meer zurückkehrten, bevor er uns an einem matschigen Strand aussteigen lässt. Eine Stunde sollen wir uns dort die Beine vertreten. Eklige Würmer und riesige Schaben krabbeln diese sofort empor und ein Geschwader von Monster-Mücken durchschwirrt die stehende Luft.
Es werden die vielleicht schönsten (zwei) Stunden meiner bisherigen Brasilienreisen, denn nachdem wir uns durch den knietiefen Modder gekämpft haben, erwartet uns eine Landschaft, die mir den Atem verschlägt. Rechts und links erstreckt sich noch immer der tiefgrüne Dschungel, doch davor ragen gigantische Carnaúba-Palmen vor blassgrüner Buschsteppe in den Himmel. Kurz dahinter liegen bizarre Dünen und Wüstenformationen, welche ultratürkisfarbene Süßwasserlagunen in ihren Tälern beherbergen. Und als wäre das nicht schon Naturspektakel genug, erstrahlt in der Ferne ein violett-blauer Atlantik hinter feinsandigen Traumstränden. Wir sind die einzigen Menschen und fühlen uns wie die Einzigen auf dem Planeten. Es ist hier unfassbar still und zum Weinen schön. Alle laufen weit voneinander entfernt durch das Wunderland. Erni winkt aus der Ferne, doch erst als ich bei ihm bin, sehe ich, dass er eine Meeresschildkröte entdeckt hat, die einmal mehr die Unberührtheit dieses Fleckens Erde repräsentiert.
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Nachdem uns Sokrates am Boot eigenhändig die schlammigen Füße gewaschen hat, serviert er vorzügliche Austern mit Limettensaft zum Sonnenuntergangsbier. Was für ein Ausflug! Ohne Rücksicht auf das Verpassen irgendwelcher Achtelfinals buchen wir einen weiteren Trip bei ihm. Er hatte uns die ganze Zeit von roten, weissagenden Vögeln vorgeschwärmt. Die wollen wir morgen sehen!
Auch der zweite Ausflug startet in der gleichen Konstellation: wir haben Bier, sehen Traum-Urwald-Strände-Dünen im unberührten Mangrovengürtel mit einem Typen, den man unterbrochen dafür herzen könnte. In der Abenddämmerung ankern wir vor einer fast kreisrunden Insel. Hier sollen Guarás (rote Ibisse), die nur im nördlichen Südamerika und in Trinidad vorkommen, ihr Nachtquartier aufschlagen. Ich weiß, dass Guarra (mit einem „r“ mehr“) auf Spanisch „Schlampe“ heißt, doch weder Vögel noch die Damen tauchen auf. An Bord gibt es jedoch Getränke, gute Laune und einen Geschichtenerzähler. Sokrates erklärt, dass wir uns die Anzahl, der im Formationsflug ankommenden Sichler genau merken sollen, da diese Kinder- und Enkelzahlen, Lotto- und Fußballergebnisse, oder zu verbleibende Lebensjahre vorhersagen könnten. Wir einigen uns auf das Ballspiel und fast auf ein 0:0, da sehr lange rein gar nichts geschieht. Eine einsame Möwe segelt über uns hinweg. „Okay, wenn wir in weiß spielen, gewinnen wir 1:0“, nörgelt Jenna.
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„Guckt mal da rüber, wie krass ist das denn?“, ruft Danny plötzlich. Aus der Ferne segelt uns ein Gruppe leuchtendroter Vögeln entgegen. Im Licht der untergehenden Sonne wirken sie fast neonpink. Als sie an uns vorbeigleiten, krakelt Jenna: „Und in Rot spielen also 7:0, Scheppert?“ Es sind sieben knallrote Ibisse. „Nee, Meiner, 7:1, da kommt noch ein einsamer Genosse“, nuschelt Erni, wobei ich weder das eine noch das andere Ergebnis mit den ausstehenden Spielen in Verbindung bringen kann. „Richtig, 7:1. Völlig realistisch“, antworte ich. Sokrates nickt, nachdem ich es ihm erklärt habe, denn er glaubt fest an den Quatsch. Okay, Costa Rica ist auch noch in der WM-Verlosung.
Kurz danach gibt es nur noch Handball-Ergebnisse. Der verschwenderische Himmel verfärbt sich rot und alsbald auch die ehemals grüne Insel. Dieses Wunder der Natur sprengt jegliche Vorstellungskraft. Brasilien kann einen immer wieder umhauen. „Kleine Bierkrise, würde ich meinen“, murmelt Sylvie mit leuchtenden Augen und krallt sich die letzte Dose. Leider müssen wir nun zum Hafen zurückkehren.
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„Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Ich mag diese Redewendung nicht und hielt mich im Leben meistens auch selten daran. Die englische Entsprechung: „One should leave off with an appetite“ ist ebenso Quark, denn was soll denn jetzt fußballtechnisch noch besseres kommen, als eine WM in Brasilien? Genau. Nichts! Dummerweise ist unsere Reise im Vorfeld so geplant gewesen, dass wir nach dem Viertelfinale die Heimreise antreten müssen. Während mein Freund Trueman gerade auf dem Weg nach Rio ist, um das Spiel gegen die Franzosen vor Ort zu zelebrieren, werden wir nicht einmal im Stadion, sondern wieder nur auf dem Fanfest in Recife sein – wenn überhaupt …
Der Flieger, der uns aus Parnaiba heraushauen soll, kommt nämlich nicht. Nach drei Stunden heißt es, dass wir per Bus ins 400 Kilometer entfernte Fortaleza gekarrt werden sollen, wo es Anschlussflüge gäbe. Wir sitzen schon in der Klapperkiste, die an einem schäbigen Restaurant plötzlich stoppt, da neue Gerüchte laut werden: das Flugzeug sei doch im Anflug. Also Kommando zurück und nochmals vier Stunden an Gate A warten (es gibt nur A), um gegen Mitternacht endlich in Fortaleza – natürlich ohne Anschluss – zu landen. Brasilien spielt in 17 Stunden sein Viertelfinale gegen Kolumbien genau in dieser Stadt. Wir bekommen nicht einmal Entschädigungshotel-Betten. Da es auch keine freien Sitzmöglichkeiten am chaotisch überfüllten Terminal gibt, lungern wir bis früh um 7 Uhr auf arschkalten Fliesen herum, bevor es endlich weitergeht und wir gegen 11 Uhr – nach lediglich 23 Stunden Anreise – in Recife landen. Dort können wir nun auch auf ein Hotel verzichten, da „unser“ Anstoß bereits um 13 Uhr erfolgt. Jetzt heißt es: kurz die dicken Waden im haiverseuchten Meer sowie die Gemüter mittels Brahma abkühlen und diverse Kopfbatterien nach diesen dornenreichen Stunden wieder aufladen.
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Wenngleich zwei meiner Mitstreiter während der gesamten Tortur in Panik gerieten, dass wir den Heimflug nicht pünktlich erreichen, sehe ich am Strand von Boa Viagem einige Dinge plötzlich glassklar. Was würde eigentlich geschehen, wenn wir diesen wirklich verpassen würden? Ich müsste mich bei meinem, sich zur WM zumindest minimal für Fußball interessierenden, Chef melden und ein paar Zusatz-Urlaubstage (im Sommerloch) beantragen. Ein paar hundert Euro mehr würde der Trip kosten. Mein Arsenal an Ausreden bröckelt. ‚Na und? Wenn es am schönsten ist, sollte man bleiben‘, rede ich mir ein, ohne es laut auszusprechen. Mein eingenicktes Mädchen schreckt hoch und ruft: „Wir müssen los, oder?“
Fußball ist für mich insofern faszinierend, da er eine Euphorie auslösen kann, für die man sonst harte Drogen bräuchte. Da kommt plötzlich immer dieses Sausen im Kopf, dieses krasse Gefühl, lebendig zu sein. Als wir Recife Antigo nach zwei Tagen ohne Schlaf erreichen, spüre- in meinen Adern drei Linien Kokain pulsieren, obwohl dort nur ein zwei Bier wabern. Okay, wir reden hier nicht von einem ätzend langweiligen Freundschaftsspiel oder einer 13.30 Uhr-Zweitliga-Partie, sondern vom Viertelfinale der WM mit deutscher Beteiligung.
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Auf dem Fanfest ist um einiges mehr los als bei der Partie gegen Portugal. Etwa 400 Deutsche und 200 blaue Frösche in eng anliegenden Trikots trinken sich Mut an, aber auch viele Einheimische sind bei 32 Grad, im nicht vorhandenen Schatten, vor Ort; wahrscheinlich weil ihr Team direkt im Anschluss spielt. Einige brasilienbraune Schönheiten haben sich sogar schwarz-rot-goldene Fahnen auf die Wangen gemalt. Später erfahre ich, dass sie lediglich Deutsch an der Uni lernen und deshalb unser Team unterstützen. ‚Ist eigentlich unser Land oder das Team angesagt?‘, frage ich mich während Erni beinahe das angeschleppte Bier verschüttet beim Betrachten der lächelnden Schönheitsköniginnen im Minirock. Trueman schreibt mir eine SMS aus dem Maracana in Rio – auch nicht schlecht. Neid!
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Das Spiel: Mats Hummels köpft nach einer Flanke von Toni Kroos in der 12. Minute das 1:0 unter die Latte und lässt und zu hüpfenden Rumpelstilzchen mutieren. Danach heißt es 80 Minuten lang zittern, obwohl wir heute nicht die Eisbahn in der Mall nebenan betreten. Okay, das Team spielt nicht schön aber sicherer als gegen Algerien, doch Frankreich gelingt es oft, den Ball zielstrebig in unsere Gefahrenzone zu bringen und Benzema treibt uns, aber auch die hiesigen Franzosen, fast in den Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass Neuer in der Nachspielzeit nach seinem Dynamitschuss den rechten Arm so schnell nach oben reißen kann und uns den Einzug ins Halbfinale rettet. „La Boum 2. Die Party geht weiter!“, ruft Jenna saulässig und Erni startet seine berühmt-berüchtigte Polonaise. Die Deutschland Gewogenen schließen sich ihm an und rocken die Altstadt von Recife. Bis zu dem Moment als alle in ungläubigem Staunen verharren. Mit lautstarker Fanfarenmusik marschieren zehn brasilianische Riesen ein, gefolgt von tausenden Menschen in Nationaltrikots.
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Die fünf Meter großen Figuren, geschultert von normalen Menschen, bilden die Vorhut zum anstehenden Viertelfinale. Eine Volksfest-Tradition aus Olinda hat somit auch Recife erreicht, denn die Riesenfiguren aus Holz, Pappmaché und Ton prägen den dortigen Karneval seit hundert Jahren. Wo sonst Politiker und Stars verspottet oder gehuldigt werden, sind es diesmal die WM-Stars. Fantastisch, wie realistisch und lebensnah die Gesichter aussehen, wobei ich von den zehn Giganten nur Pelé, Neymar, Scolari, Fred und David Luiz erkenne. Und natürlich den „Beißer“ Suarez, den sie als Vampir dargestellt haben. Die Stimmung inmitten der tanzenden Meute ist grandios. Deutsche und Franzosen waren ja regelrecht introvertiert, im Vergleich zu dem, was jetzt abgeht. Aber nach fünf Bieren in der prallen Sonne feiern besonders Erni und ich gehörig mit und drücken Pelé und Neymar die Deutschlandfahne in die schlaffe Hand. Da die Typen unter den Figuren nichts sehen können, entstehen Fotos für unsere Ewigkeit. Brasilianische Chicas wollen sich zudem mit uns, Neymar und Flagge ablichten lassen, als Beweis für die WM ihres Lebens – für ihre Ewigkeit. Wir trinken Brahma aus Riesendosen gefüllt mit Adrenalin.
Leider wollen meine Freunde das Spiel nicht hier verfolgen, sondern dem Tollhaus mit einem eleganten Abgang entweichen, nur, um etwas zu essen, was aus meiner Sicht völlig überbewertet ist. Einige Ecken weiter kehre ich in eine Open-Air-Kneipe ein, setze mich vor die Leinwand und rufe: „Ihr wisst, wo ihr mich findet!“ Nach Rückkehr der Hungrigen – das rasante Spiel hat längst begonnen – macht Sylvie Fotos. Mittlerweile sitze ich im rot-schwarzen „Rugbytrikot“ ganz allein inmitten von gelb-grün-blau bekleideten Heißblütern und habe eine „GOAL-Brille“ dabei, die mir jemand geschenkt hatte. WM-Fieber!
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Brasilien gewinnt 2:1 und ist demnach unser Halbfinalgegner. Neymar wurde böse gefault und rausgetragen, was mir – da in meinem Leben schon öfter prophezeit wurde: Deutschland wird Weltmeister – ein bisschen Mut gibt. Der Typ ist deren einziger Weltklassespieler. Ohne den Volksheld und den gesperrten Thiago Silva wird das Halbfinale immer noch hart, aber durchaus machbar sein. Nach der Partie umarmen mich etliche Menschen herzlich, in der Gewissheit, dass ich (!) nun der nächste Gegner bin. Mir kommen fast die Tränen.
Verdammt, ich habe doch nur eine Schatztruhe namens Leben und manchmal gehe ich damit um, als hätte ich tausende. Gehen oder bleiben?

Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Und noch ein paar Videos:

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Deutschland vs. Algerien mit Hausmeister Krause – WM 2014

18. April 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

WP_20140702_046Im Vorfeld der WM 2014 gab es in Brasilien in vielen Orten massive und zum Teil gewalttätige Proteste gegen die allgegenwärtige Korruption, gegen Kinderarmut, Arbeitslosigkeit, Misswirtschaft und soziale Ungerechtigkeiten. Mit Anpfiff der Spiele hatten sich die Demonstranten eine Pause verordnet – das große Volksfest mit Menschen aus aller Welt war ihnen dann doch wichtiger. Kurzzeitig.
In Belem werde ich jedoch sofort daran erinnert, worum es den gastfreundlichen Menschen eigentlich ging, denn die Stadt im Nordosten des Landes ist ein abgeranztes, muffiges Rattenloch und wirkt wie eine überdimensionale Favela. Von der lieblichen „Stadt der Mangobäume“ mit fantastischen Prachtbauten – wie es im Reiseführer heißt – keine Spur. Die größtenteils dunkelhäutigen Bewohner wirken seltsam traurig und vom Leben ernüchtert. Belem war leider das einzig bezahlbare Flugziel gewesen, um das Amazonasgebiet zu verlassen. Eine dreitägige Bootstour wäre eine Alternative gewesen, wobei wir dann auch hier gestrandet wären.
„Bitte nicht zu ‘nem Franzosen“, bettelt Jenna am Flughafen. „Doch!“, rufe ich, da das „Hotel le Massilia“ unsere Unterkunft im Zentrum sein wird. Und es ist die richtige Entscheidung, denn das zweistöckige Haus ist Oase und Festung zugleich. Im Innenhof befinden sich ein verwunschener Garten mit seidigem Pool und ein Bistro mit französischer Küche. Am liebsten würde ich das Kleinod nie wieder verlassen. Doch kurz nach der Ankunft rennen wir schon wieder los. In wenigen Augenblicken spielt Deutschland sein letztes Gruppenspiel gegen die USA. Es ist kurz vor 13 Uhr.
Am Estação das Docas haben das dortige Brauhaus und zwei Cafés zwar geöffnet, aber die TV-Geräte nicht angeworfen. So sitzen wir in einer Art Shoppingmall mit den Ausmaßen des Leipziger Hauptbahnhofs zu fünft mit zwei Einheimischen vor einem Bildschirm, auf dem man aufgrund der Sonneneinstrahlung fast gar nichts erkennen kann.
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Der Ton ist ein Witz und von allen Seiten erschallt brasilianische Mallorca-Musik. „Das ist ja wohl die allergrößte Scheiße. So möchte ich nie mehr ein Spiel der Deutschen sehen“, wüte ich. Obwohl unsere Fußball-Leidenschaft ganz unterschiedlich ausgeprägt ist: hier haben wir alle die Arschkarte gezogen.
„Wasserschlacht! Chaos! Ich bin drin! Wie geil ist das denn!“, schreibt Trueman in einer SMS. In Recife muss es gerade so stark regnen, dass die Straßen der Stadt hüfthoch geflutet und einige Fans noch immer nicht im Stadion sind, ermittelt unser Telefonfräulein Erni via Live-Ticker. So gesehen, kann ich Truemans Euphorie zwar verstehen, bin aber froh, mir das extrem langweilige Spiel – Deutschland „müllert“ sich irgendwie zum 1:0 – nicht vor Ort bei Starkregen angeschaut zu haben. Wobei: wenn ich mich hier so umschaue, wäre das durchaus klüger gewesen. Jenna und ich sitzen wie zwei Doofs in National-Trikots herum während der dritte im Bunde (Erni) gerade mal wieder versucht, Kohle aus einem Geldautomaten zu ziehen. Als die deutschen Fans in Recife und Daheim den Einzug als Gruppensieger ins Achtelfinale feiern, trödeln wir auf zugemüllten Straßen an offenen Abwasserkanälen entlang. In den Shops gibt es ausschließlich Plaste- und Elektroschrott zu kaufen aber auch Fußballtrikots für unter 5 €, die man sicherlich nur einmal tragen kann, bevor sie verrotten. Willkommen in der dritten Welt Brasiliens.
Lediglich rings um das Eisenkonstrukt des „Ver-o-Peso-Marktes“ kommt Amazonas-Feeling auf, da es viele der angebotenen Fisch-, Kräuter-, Gemüse- und Obstsorten nur in dieser Region gibt. Im Gegensatz zu den hunderten tiefschwarzen Aasgeiern am Hafen sind wenigstens die Menschen Belems friedlich und lassen uns an vielen Ständen Dinge kosten. Doch nur Sylvie und ich trauen dem Frieden (für den Magen) und essen Fisch mit Reis zu erschwinglichen Preisen. Der Rest futtert Burger im einzigen globalen Ketten-Restaurant weit und breit.
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Zeit für den Zauberpool beim Franzosen, den ich nach dem dornenreichen Tag bis zur Nachtruhe nicht mehr verlassen will. Auch das Spiel Algerien gegen Russland schaue ich dort, um unseren „Freilos-Gegner“ im Achtelfinale (Algerien wird es) wenigstens einmal zu begutachten. Meine Freunde versuchen ihr Glück in der verruchten Gegend rund um das Hotel und kehren nach einer Stunde konsterniert zurück, wenngleich sie das Bündel kleiner Geldnoten, welches bei einem Überfall auszuhändigen ist, noch bei sich tragen.

Okay, ich möchte nicht überall und jederzeit erreichbar und online sein. Das Internet ist auf solchen Reisen jedoch ein Segen. Man muss keine kiloschweren Reiseführer mehr herumschleppen oder stundenlang in zwielichtigen Reisebüros darauf warten, überteuerte Angebote unter die Nase gerieben zu bekommen. Nach eingehender Recherche im hiesigen W-LAN buchen wir einen Flug von Paranaiba nach Recife – dem Endziel für den Heimflug. Dorthin werden wir in einer 14stündigen Busfahrt gelangen. Auch diesen Ritt können wir bei Zigaretten und Bier im Netz reservieren. Nach getaner Arbeit ruft Jenna: „Wisst ihr eigentlich was über Parnaiba bei Wikipedia steht? Ein einziger Satz: Parnaíba ist eine Stadt des Bundesstaates Piauí im Nordosten Brasiliens und hatte im Jahr 2010 etwa 146.000 Einwohner.“ „Na das klingt doch spannend“, antworte ich und meine es auch so, denn was gibt es Schöneres, als irgendwo in der Fremde mit einem dreckigen Rucksack zu landen. Danny sieht das anders und recherchiert sofort hektisch, was man dort überhaupt machen kann und ob es Hotels gibt. „Wird schon was geben“, antworte ich, da Ungewissheit noch immer ein berauschender Zustand für mich ist. „Es gibt was!“, ruft sie todesglücklich. So unterschiedlich sind die Vorstellungen Abenteuerreisen!
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Danny hatte folgendes herausgefunden: Das eher unscheinbare Parnaiba am Ufer des gleichnamigen Flusses ist umgeben von vielen Stränden und vor allem das Einfallstor zum drittgrößten Delta der Welt, welches mit spektakulären Ansichten zu überraschen weiß. Was sie jedoch nicht gegoogelt hatte, dass Brasilien nach der (dann doch) 16stündigen Reise gerade sein Achtelfinale gegen Chile spielt. Am Busbahnhof stehen Taxis und Stadtbusse bereit, aber kein einziger Fahrer sitzt in seinem Gefährt. Was soll’s – für mich beginnt die WM nun sowieso erst richtig. Bei angenehmen 28 Grad und salziger Luft darf ich bereits um 13 Uhr das erste Bier in der Mitropa mit den Jungs ordern. Inmitten der versammelten Bahnhofstruppe schauen wir an einem Ort mit angenehmer Atmosphäre eine rasante erste Halbzeit, die 1:1 endet.
Sylvie kommt auf die wahnwitzige Idee, in der 15minütige Pause eine Unterkunft zu suchen und überredet einen Mann, auf komplett autofreien Straßen an einen der Strände zu rasen. Der Atlantik ist dann doch ein Stück entfernt und als uns weder das erste (zu teuer) noch das zweite Hotel (zu einsam) zusagt, wird der Fahrer allmählich unruhig. Ich auch, weil die Partie längst wieder läuft. Da dann auch die nächste Unterkunft (zu dreckig) am nunmehr dritten Beach nichts taugt, bettelt er regelrecht darum, dass wir zahlen, damit er endlich verduften kann. Nix da: nach einer extrem teuren Irrfahrt (nach 90 Minuten steht es weiterhin 1:1) landen wir in der „Vila Parnaiba“ in der Nähe der Altstadt, in genau jener Pousada, in die wir Jungs von Anbeginn eigentlich wollten.
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Die Frauen suchen in der Verlängerung (!) tatsächlich noch weiter, obwohl wir unsere Traumhütten in einem liebevoll gestalteten Garten vor blauem Pool mit großer Bar und Flachbildschirm längst gefunden haben. „Soll’n se mal alle machen“, äffe ich den Spruch eines verschollenen Freundes nach, ordere drei Brahma und setze mich mit Jenna und Erni vor die Kiste. Riesige Leguane sind außer und die einzigen Gäste.
In der letzten Minute der Verlängerung – ein Chilene ballert gerade einen Schuss an die Querlatte der Brasilianer und sorgt für Entsetzensschreie – kommen unsere Damen zurück und murmeln: „Wir bleiben.“ „Die Suche hat ja auch nur ein WM-Spiel lang gedauert“, lästert Jenna mit Augenzwinkern in meine Richtung. ‚Und was für eins‘, denke ich beim Blick auf den Bildschirm.
Der Elferkrimi beginnt und der Hotelfachwirt stellt ungefragt Schnäpse auf den Tisch. Das nun folgende Schauspiel verursacht Ohrenchaos. Wir sitzen in einer ruhigen Runde beisammen, aber aus der Ferne sind Detonationen zu hören, als befänden wir uns in der Nähe eines Kriegsschauplatzes – so als würden hunderte polnische Knalltöpfe gleichzeitig explodieren. Die Zeit ist zu knapp, um zu schauen, was da eigentlich los ist. David Luiz schnappt sich das Leder. Bomben und Granaten verstummen, während im Stadion, aber auch in unmittelbarer Hörweite, „Eu sou Brasilero“ erklingt. Gänsehaut überzieht meine Arme und Beine großflächig. Als der Spieler den Elfmeter-Punkt erreicht, wird es wüstenstill. Luiz läuft an – und versenkt. Knall, Bumm, Peng – Raketenstart in Cape Canaveral und Baikonur gleichzeitig!
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Brasilien gewinnt das Herzinfarkt-Drama – nach etlichen Fehlschüssen auf beiden Seiten – mit 3:2 und zieht ins Viertelfinale ein. Die zwei Angestellten schreien ihre Freude heraus, doch ganz in der Nähe breitet sich eine Druckwelle aus, die mich in einer noch nie zuvor erlebten Intensität überrollt.
Ich war beim allerersten WM-Erfolg der Spanier 2010 in Madrid und auch den Titel von Chelsea in München 2012 habe ich live im Stadion erlebt, aber hier – in Parnaiba – werden die Vulkanausbrüche der Fans allesamt getoppt; und das bei einem piefigen WM-Achtelfinale! Wir gehen jetzt doch mal nachschauen. Letztendlich stellt sich heraus, dass die hiesige Fanmeile nur vier Straßen entfernt – mit Leinwand, Musikbühne, Boxentürmen, Fress- und Getränkeständen – aufgebaut ist. Sicher 10.000 Leute tanzen sich dort bei lauter Musik in einen Siegesrausch.
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Das ist uns nach der langen Fahrt zu anstrengend, wobei sich nach zwei Stunden Mittagsschlaf nicht viel verändert hat – außer, dass die hin und her flutenden Fans nun noch aufgedrehter und betrunkener sind. Jenna und ich tragen alte Deutschland-Trikots und werden alle zwei Minuten angequatscht: „Final? Brasil – Alemanha?“ Beim ersten schüttele ich noch den Kopf, da das die Auslosung gar nicht hergibt und rufe „Semifinal“. Den nächsten zwanzig antworten wir einfach „Claro, amigo“, und müssen alsbald vor dem spendiertem Bier flüchten, um nicht granatenbesoffen unterzugehen. Das momentan laufende Spiel von Kolumbien gegen Uruguay (2:0) interessiert dann wieder einmal niemanden.
Wir finden ein Restaurant in welchem die Fisch- und Garnelengerichte fantastisch schmecken. Allerdings hatte sich der neugierige Erni „Caranguejo toc-toc“ bestellt, was sich als Eimer gekochter Schalentiere entpuppt hatte und mit „Klopf-Klopf-Krebsen“ zu übersetzten wäre. Über zwei Stunden müssen wir warten bis er mittels Holzkolbens alle Panzer aufgeklopft und aus jedem noch so dünnen Ärmchen – mit den Bewegungsabläufen eines Faultiers – die Fleischanteile herausgezutscht hat. Ein Spaß, während um uns herum noch immer alle freidrehen. Irgendwann ruft er: „Könnmageen“, was ich mit „Wir können jetzt gehen“ übersetzen würde.
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Was für ein Land! Was für eine Zeit! Am von rauen Felsen umgebenen Leuchtturm-Strand „Pedra do Sal“ schauen wir Holland gegen Mexiko (2:1). In einer rustikalen Strandhütte bei einer Caipi das Elferschießen von Costa Rica gegen Griechenland (5:3), während Surfer dem roten Sonnenuntergang davonreiten und am kommenden Tag Frankreich gegen Nigeria (2:0) am wohlklingenden „Praia do Coquero“ (Strand der Kokospalmen) mit Crepés am Stil in der Hand. Überall spielen die Menschen Fußball: Kinder, Jugendliche, alte Männer, Frauen und später auch wir. Ich bin im schönsten Land der Erde und es laufen die Achtelfinals einer Fußball-WM. Kann das nicht immer so bleiben? Nein. Schon um 15 Uhr dränge ich zur Rückfahrt, denn das Deutschland-Spiel müssen wir schon anders zelebrieren.
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Jetzt putzen sich sogar die Mädchen heraus – vermutlich wollen sie den Brasilianern zeigen, dass auch Europäerinnen in voller Montur abgehen können. Froh gelaunt schlendern wir zur Fanmeile. Doch was ist im Kneipenviertel „Beira Rio“ los? Nichts, gar nichts – null nüscht! Keine einzige Bar hat um 16.30 Uhr geöffnet und die Bühne ist sowieso verwaist. Okay, das ist nicht dramatisch; in der Pousada läuft ja auch die Übertragung, aber irgendwie bin ich traurig. Ein bisschen mehr Euphorie, wenigstens während der Ausscheidungs-Spiele, hätte ich in Brasilen (bei ihrer Heim-WM) dann doch erwartet.
Letztendlich finden wir dann doch noch die Frittenbude „Lanchonete Crespo – Route 66“. Der Besitzer sieht aus wie Tom Gerhardt aus der Serie „Hausmeister Krause“ und schleppt den klobigen Röhren-TV auf einen der Plastiktische, während Erni etwas lustlos die Deutschland-Fahne davor aufhängt. Hammer-Atmosphäre! In der Halbzeit – es steht lediglich 0:0 gegen die Typen aus Nordafrika – wollen uns zumindest ein paar Dorfkids als WM-Touristen fotografieren.
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Obwohl Krause total verschnupft ist und ständig durch die Gegend rotzt, bestellt Jenna einen Hamburger und alle schließen sich an. Danach brauchen wir Schnaps, da der Wirt in der Küche ununterbrochen und lautstark auf unser Essen genießt hatte. Das dramatische Spiel in Porto Alegre – Neuer fängt halsbrecherisch etliche Konter der Algerier schon im Mittelfeld ab – nötigt uns dazu, die Cachaça-Flasche gleich am Tisch anzuketten. Eigentlich alle Deutschen spielen unterirdisch während der Gegner sein Bestniveau abruft. Tausende Kinder in der Heimat wollen nach dem Spiel sicherlich Torwart werden. Aber auch wir staunen über das leere Tor und die Heldentaten von Manu dem Libero. Mittlerweile schreien sich alle die Seele aus dem Leib, sodass sich ein kleiner Trupp neugieriger Einheimischer hinter uns aufreiht. Einen richtig peinlichen Moment liefert unser Team in der 87. Minute. Wahrscheinlich will Müller über den Ball springen, um den Gegner zu verwirren und Kroos dann schießen lassen, aber er rutscht unelegant weg und sorgt für eine unfreiwillige Slapstick-Einlage, da auch Toni danach nur zu einem sinnlosen Lupferchen ansetzt. Ach du Scheiße – Verlängerung!
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„Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus und wo ist eigentlich Sschhgodraan?“, nuschelt Danny, wobei mir der Satz noch aus dem Ghana-Spiel in den Ohren klingt und Mustafi längst ausgewechselt ist „Und das gegen diese Luschen aus Algerien, Meiner“, gibt auch noch Erni seinen Senf dazu. „Wat willste? Glaubste etwa, unter den letzten 16 iss noch ‘ne Karnevalstruppe? Tooor!“, antworte ich kreischend und springe wie ein Rumpelstilzchen auf. Schürrle trifft zu Beginn der Nachspielzeit. Mit der Hacke. Aus vollem Lauf. Als Aufsetzer. Geiles Tor! „Mann, hätte der das nicht drei Minuten vorher machen können?“, ruft Jenna gewohnt nüchtern. Ich atme durch und warte bis mein Puls wieder auf Normalfrequenz runtergefahren ist. Noch fast eine halbe Stunde zittern. Özil trifft in der 119. Minute zum 2:0, wobei kurz darauf das 2:1 (und Danny) fast in Ohnmacht fällt. Dann ist das Spiel endlich aus. Ich liege Silvie glücklich und schweißgebadet in den Armen.
Dieter Krause aus Parnaiba-Kalk spendiert eine Runde vollgehustetes Feuerwasser und sorgt somit endgültig dafür, dass wir uns blau trinken – und vermutlich Dengue-Fieber bekommen. „Para Alemanha“, röchelt er und prostet uns alkoholblöd zu. Deutschland steht im Viertelfinale gegen Frankreich. „Kasalla!“ – würde der echte Kölner Hausmeister Krause wohl sagen. Prüfung bestanden!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten – Neue Fußballgeschichten
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Das schnellste Faultier der Welt – WM 2014

7. März 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

2014-06-25 13.42.56Aua! Am nächsten Morgen geht es mir gar nicht gut. Sylvie weckt uns rabiat: „Steht auf ihr versoffenen Ärsche“, ruft sie grimmig. „In einer halben Stunde müssen wir aus dem Zimmer sein“. Dann ist es 11 Uhr. Nach nur vier Stunden Schlaf. „Außerdem fahre ich jetzt mit den anderen an den Strand und will euch bis 16 Uhr nicht mehr sehen. Ihr seid ja vielleicht zwei Kranke!“ Wir hatten bei unserer Rückkehr wohl ziemlich randaliert und sie mehrfach euphorisch aufgefordert, mitzufeiern – erfahre ich am Nachmittag, als sich die Wogen allmählich wieder geglättet haben.
Bis dahin esse ich mit rebellierendem Magen 120 Gramm leichte Kost in einem Kilo-Restaurant und lungere mit Erni im Schatten einer Palme am Stadtstrand herum, wenngleich mir auch dabei am Schädel fast die Schläfen platzen. Zudem habe ich mir beim nächtlichen Gekicke dicke Beine und zahlreiche Blasen erlaufen. Klassischer Suff-Kater, den man nur mit einem Konterbier lindern kann. Könnte.
Eine Sache ist trotz Vernebelung klar: Ich werde nicht allein nach Recife fahren, auch um meine Beziehung nicht wegen einer schnöden Fußballpartie aufs Spiel zu setzen. Zum einen ist dies unser gemeinsamer Jahresurlaub und außerdem fliegen wir in den tropischen Regenwald, an einen Ort, der an den schönsten Fluss-Stränden der Welt liegen soll. Auf der in Prospekten angepriesenen Ilha do Amor (Insel der Liebe) will ich auch meine wieder auffrischen.
In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies keine Reisereportagen seien. Doch wenn jemand statt zum WM-Spiel zwischen den USA und Deutschland in einen Wald an einem großen Fluss reist, um lieber darüber zu berichten, kann er seine Storys vielleicht auch irgendwann so nennen.
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Als wir um 19 Uhr abheben, dämmere ich weg und weiß, dass ich den ätzenden Tag heil überstanden habe. Falsch gedacht! Wir befinden uns nämlich in einer Art „Lumpensammler-Flug“, der auf dem Weg von Fortaleza nach Santarem zweimal zwischenlandet. Nach einer Stunde geht es bereits in den Sinkflug. Kurz bevor die klapprige Maschine (das Fahrwerk ist längst ausgefahren) den Boden berührt, gibt es einen ohrenbetäubenden Krach. Die zwei Düsen werden erneut angeschmissen und der Pilot startet durch. Ob es an meiner Müdigkeit liegt, mag ich nicht beurteilen, denn ich bleibe relativ ruhig, obwohl die Maschine nun regelrecht bebt und fast den Tower von São Luís streift. Vielleicht verspüre ich erstmals, dass der Tod allmählich seinen Schrecken verliert, wenn man schon so viele Jahre bewusst gelebt hat. Beim zweiten Versuch setzt die Todesangst wieder ein – so weltverliebt bin ich dann schon. Ich nehme Sylvies Hand in meine verschwitze. Sie schenkt mir ein herzzerreißendes Lächeln. Da ist nach den vielen gemeinsamen Jahren noch immer dieses Gefühl, so verliebt zu sein, dass einem die Oberschenkel schlottern.
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Nach einem weiteren wackeligen Zwischenstopp in Belem erreichen wir den Mini-Flughafen von Santarem mit zwei Stunden Verspätung um 2 Uhr nachts. Ich will nur noch pennen. Mein Rucksack ist der erste auf dem Band. Ich gehe hinaus, um eine zu paffen. Vor dem Empfangskiosk steht ein einziges Auto. Vor diesem wartet ein rundlicher Mann mit einem Schild vor der Brust. Darauf steht: „Sylvie“. Ein Wunder! Während der halsbrecherischen, dreißigminütigen Fahrt, die wir keineswegs in völliger Finsternis durch den Urwald hätten laufen können, erzählt sie ganz nebenbei, dass sie auf der Landebahn von Belem eine Nachricht an das Hotel gesandt hatte, damit die einen Fahrer senden. Wunderbare Frau!
In der Pousada do Mingote werden wir tatsächlich noch erwartet und die erste Nacht nimmt einen unerwarteten Verlauf, da es Erni nach nur fünf Minuten gelingt, das Klo (im Zimmer von Danny und Jenna) zu verstopfen, was eine Bergungsaktion mittels Kleiderbügeln, heißem Wasser, Fäusten und dann per Pümmel (uns fehlte das portugiesische Wort) durch eine angepisste Angestellte nach sich zieht. Derweil trinken wir dann doch mal ein Ankommens-Bier im tropischen Amazonien. Erst 4 Uhr nachts liegen wir in unseren Fallen. Endlich schlafen.
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Am Morgen erwachen wir zu unterschiedlichen Zeiten, erleben aber beim Betreten der Dachterrasse in etwa das gleiche Szenario. Es sind sonnige 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit und direkt unter uns befindet sich ein farbenfrohes Plätzchen. Die tropischen Bäume ringsherum sind mit Brasilien-Wimpeln und Fahnen geschmückt, so als fände die WM in diesem Urwaldkaff und nicht in Rio, Sao Paulo und Fortaleza statt. Auf einem der Bäume wohnt zudem ein fetter, graugrüner Leguan. Zur linken ist der Rio Tapajós (einer der größten Nebenflüsse des Amazonas) nicht zu übersehen und rechterhand befindet sich der Lago Verde (Grüner See) mit seiner berühmten Liebesinsel. Befände (!), denn diese fehlt im Bild. Noch schlimmer: Es sind überhaupt keine Sandstrände und eben auch kein paradiesisches Eiland zu sehen. Lediglich die Spitzen einiger schilfbedeckter Restaurants ragen aus dem Wasser und selbst die nahegelegene Strandpromenade ist total überflutet. Autsch! Wir sind zur falschen Jahreszeit gekommen.
Was macht man in so einer beschissenen Situation ohne Badestelle und Pool, wenn der Stern von oben erbarmungslos knallt? Falsch, nicht sinnlos saufen! Ich spüre Sylvies Bereitschaft zur Hingabe und im Bett finden wir dann endlich die gesuchte Liebesinsel. Ein Statement, denn erst kurz vor 17 Uhr wird Bier vor einer Leinwand inmitten von 80 hibbeligen Dorfbewohnern geordert. Brasilien spielt gegen Kamerun – und muss gewinnen, damit es nicht peinlich wird. Die Atmosphäre erinnert mich stark an die WM 2006, die wir ja ebenso als Gäste in diesem Land verbracht hatten. Wie damals sind die Kneipen und Bars nur dann rappelvoll, wenn die Selesao spielt oder schnulzige Telenovelas laufen.
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Auch heute legen die Einheimischen den Schalter augenblicklich um und drehen durch als gebe es kein Morgen. Sogar diese spöttische Siegesgewissheit ist nach etlichen titellosen Jahren und bisher mäßigen WM-Ergebnissen geblieben. „Wir holen den Titel nach Hause, keine Frage“, geben uns alle schulterzuckend zu verstehen. Ihr Lieblingsgegner im Finale wäre Uruguay, da sie mit denen noch ein uraltes Hühnchen zu rupfen hätten.
In Alter do Chao treffen wir nur einen melancholischen Portugiesen namens Joao. Ansonsten sind wir hier die einzigen ausländischen Touristen, denn eines hatte ich – neben der fehlenden Hochwasserinformation – nicht bedacht: Wer macht gerade schon Urlaub in diesem Land abseits der Spielorte? Niemand. Alle Hotels sind stark unterbelegt. Böller explodieren, Raketen steigen in die Luft – das Spiel beginnt.
Um es kurz zu machen: Brasilien gewinnt locker mit 4:1 und wird als Gruppensieger auf Chile im Achtelfinale treffen. Allerdings fehlen mir beim Heimteam irgendwie der Spielwitz und die Leichtigkeit, um auch mich das glauben zu lassen. Lediglich der Doppeltorschütze Neymar ist einer, der an die glorreichen Zeiten erinnert. Mit Fred, Hulk und Co. haben sie diesmal eher Stolper-Marios und Kampfmaschinen in ihrem Team. Joao behauptet sogar, dass der extrovertierte Scolari das schlechte WM-Team seit 60 Jahren zusammengestellt hat, das nie und nimmer den Titel holen wird. „Hoffentlich fliegen die bald raus“, ruft er nicht ohne Kolonialmacht-Häme, was ich aufgrund der dann fehlenden Stimmung, nicht unbedingt herbeisehne. Fiese Böller explodieren, Leuchtraketen steigen in die Luft, ein frenetischer Kleinstadt-Mob zieht fahnenschenkend um den Hauptplatz – das Nachspiel beginnt.
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Warum mache ich eigentlich zum zehnten Mal eine Dschungeltour in Südamerika, obwohl sich die Abläufe fast immer gleichen? Die Antwort ist simpel: man taucht sofort in eine andere Welt ein. Der tropische Regenwald steht im krassen Gegensatz zu meinem intensiven Großstadtleben und Arbeitsalltag. Augenblicklich verspüre ich auf diesen Trips keinerlei Hektik, Gestank und Zivilisationsmief mehr.
Heute tuckern wir zusammen mit Joao und Führer Pepe auf dem spiegelglatten Lago Verde herum und holen uns schnell feuchte Schwitzränder in den Achseln bevor wir in ein schmales Kanu mit erheblichen Tiefgang wechseln und in ein Kanalsystem abbiegen. Wir sitzen hintereinander und immer, wenn sich einer in der Nussschale bewegt, schwappt Wasser über die Kanten. An einigen Stellen ist das Geäst so dicht, dass wir durch Mangroven-Tunnel hindurchstaken müssen. Bäume neigen sich über den Fluss. Zudem gibt es überall stachelige Dornen-Palmen und Schnittgräser, die auf Danny und Erni eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Sie bluten schon bald aus etlichen Rissen an Händen und Armen. In den Wäldern herrscht unfassbare Stille, obwohl wir uns in einem Gebiet befinden, in dem es eine Million verschiedener Insektenarten geben soll. Als wir die Waldesruhe verlassen, wird uns sofort wieder die atemberaubende Farbenvielfalt Brasiliens um die Ohren gehauen. Pepe erklärt in holprigem Englisch, dass im Amazonasbecken etwa ein Viertel der weltweit vorkommenden Pflanzen und Tiere ihr Zuhause haben, wobei uns die allermeisten Spezies verborgen bleiben. Zumindest entdecken wir sonnentankende Schildkröten, blaue Frösche, grüne Echsen und unzählige schwarz-gelbe Dynamo-Dresden-BVB-Vögel. Die ersten Stunden sitze ich fast wortlos im Kanu und nur das Gezwitscher und Zoomgeräusche einer Kamera durchbrechen die atmosphärische Stille. Bis das Handy des Führers läutet. Mobiltelefone sind doch Scheiße mitten im Regenwald!
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Wir steigen auf ein Motorboot um und fahren den gigantischen Rio Tapajos in Ufernähe entlang. Der grünblau schimmernde Fluss könnte auch ein Meer sein. An einigen Stellen ist er mit 12 Kilometern breiter als der Amazonas. Die Mittagspause sollte eigentlich ein Badevergnügen beinhalten, aber der (angeblich) feinkörnige Sandstrand ist hier nur auf den käuflich zu erwerbenden Postkarten vorhanden. Das Wasser ist dennoch glasklar, aber so richtig traut sich keiner hinein.
Danach queren wir den riesigen Strom und erleben ein nächstes Wunder der Natur. Es sind heute 32 Grad Celsius bei 80 % Luftfeuchtigkeit. Doch kaum hat Pepe den Motor angeworfen, beginnen wir tatsächlich zu frieren. Wind und Wellen nehmen stetig zu und der Himmel öffnet, aus urplötzlich aufgetauchten dunklen Wolken, seine dicktropfigen Regenwald-Schleusen. Zusätzlich – das Boot ist erstaunlich schnell (und unbequem) – schwappen uns Gischt-Fontänen ununterbrochen auf die Schenkel. Sylvie und Danny am Bug zittern wie Espenlaub und wickeln sich bibbernd in Badehandtücher ein, die nun doch noch einen Nutzen finden.
Als wir endlich ein Gebiet, mit durch das Hochwasser entstandenen Inseln erreichen, steht die Sonne wieder hoch am Himmel und lässt die Wasseroberfläche silbrig glitzern. Das Nass in den Klamotten verdampft in Minuten. Um uns herum bedecken nun hunderte grüne Teller, manche mit einem Durchmesser von fast zwei Metern, das Gewässer. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten der Amazonas-Seerose. Gleichzeitig erleben wir eine gigantische Vogelschau. Ornithologen würden einen Herzkasper kriegen, denn so viele Wasser-, See-, Greif- und Singvögeln habe ich noch nie zuvor auf einem Flecken gesichtet. Langsam gehen mir auf Reisen die Superlative aus. Auch mehrere der fast urzeitlich wirkenden Hoatzins (Stinkvögel), mit roten Augen und wilden Hauben auf dem Kopf, sehe ich erstmals im Leben.
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Mitten in diesen Lagunen erreichen wir ein Haus auf Stelzen, welches dort wie ein Ufo aus den Fluten ragt. Dort, am Arsch der Welt, wohnt ein altes, zivilisationsmüdes Ehepaar. In „Normalzeiten“ steht ihre Behausung, wie die Kirche gegenüber (von der nur das Kreuz aus dem Wasser ragt) auf einer Insel mit festem Grund. Doch momentan leben die wunderlichen Greise inmitten einer Seenlandschaft und das nächste bewohnte Haus ist weit entfernt. Der Alte plappert sofort drauflos, während Pepe übersetzt. Seit über 40 Jahren leben sie nun schon glücklich und zufrieden hier draußen am Fluss und haben es noch nicht einmal bereut, der restlichen Menschheit „Adeus“ gesagt zu haben.
Das Gebiet um die Hütte befindet sich durch die Flut in einer Mischwasser-Zone mit einer großen Piranha-Population. Im klaren Rio Tapojos kommen die aggressiven Fieslinge sonst eher selten vor. Besonders an der überschwemmten Jesuiten-Kirche wären die rotbauchigen Aasfresser gerade in regelrechten Schwärmen unterwegs. Das rustikale Wohnhaus des Ehepaares ist daher per wackeliger Holzstege mit Schuppen und Hühnerstall verbunden. Ihre eierlegendes Hennen und der ulkig rülpsende Hund würde sonst schnell von unten angeknabbert werden. Vermuten wir.
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Auch zur Toilette, deren Abfluss direkt in den See führt, gelangt man nur über solch ein schmales Brett. Sylvie muss mal und balanciert mit wackeligen Knien hinüber. Wir nippen derweil an gereichtem Tee. „Aus welchem Wasser ist der denn gebrüht?”, murmelt Jenna, während ich dem vielstimmigen Vogelkonzert lausche – bis es hinter uns mit lautem Getöse „Platsch“ macht. Eine weibliche Stimme brüllt: „Ist doch Kacke!“ Den Rückweg hatte Sylvie dann doch nicht gepackt. Die Szene hat Wucht, denn sie schwimmt in der Fisch- und Klobrühe unterhalb des Stegs und schimpft wie ein Rohrspatz. Aber nicht über die „Süßwasser-Hyänen“, die sie wahrscheinlich gerade von unten begutachten, sondern über die Tatsache, dass sie heute bereits ein zweites Mal klitschnass geworden ist.
Ich greife ihre Hand und hole sie mit einem Ruck zurück auf den Anleger. „Sind ja noch alle Zehen dran“, rufe ich beim Betrachten der kleinen Füße. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich tot, doch als ich sie umarme, lächelt sie und flüstert: „Mal sehen, ob wir in 30 Jahren auch noch so glücklich, wie die Alten zusammen sind.“ „Die streiten bestimmt ganz fürchterlich sobald wir die Hütte verlassen haben“, antworte ich und weiß wieder einmal, dass Sylvie die End-Richtige ist.
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Ein bisschen sind Opa und Oma dann doch an den Tourismus angewiesen, denn mit ihrem Kahn, der diesen Booten im Spreewald gleicht, stakt uns Pepe in den stark zu gewucherten Regenwald auf der Suche nach Preguiças oder Sloths, wobei wir weder das portugiesische noch englische Wort übersetzen können – das macht die Sache spannend. Ich war eigentlich der Meinung, in Südamerika schon alle spektakulären Tiere gesehen zu haben, seien es Lamas, Pinguine, Gürteltiere, Ameisenbären, Tukane, Tapire, Kondore, Brüllaffen, Riesenotter, Kaimane, Pumas, Schlangen, Spinnen und so weiter. Sogar seltene Arten wie Rosa-Flussdelfine, hyazinthfarbene Aras und ein Jaguar stehen auf meiner Lebensliste. Doch als ich das zottelige Wollknäul heute das erste Mal sehe, weiß ich, dass eine Spezies bisher noch fehlte: das Faultier. In den Baumkronen über uns entdecken wir bald etliche dieser, sich nur in Super-Zeitlupe bewegenden Viecher kopfunter. Eines hält sogar ein faules Baby mit seinen drei Krallen am Körper fest. Filmaufnahmen sehen nun aus wie Standbilder und lediglich die wehenden Zweige zeugen davon, dass dem nicht so ist. Dennoch fantastisch, da die Tiere mit ihren kleinen, runden Köpfen und den Popper- oder Topfschnitt-Frisuren fast menschlich Züge haben.
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Zurück bei den Aussteigern sehen wir, dass sie sich mittlerweile diesem Tempo angepasst haben. Beide liegen schnarchend in einer Hängematte. Pepe legt Geld für den Boot-Verleih in eine Schale und fährt uns zurück auf den Fluss. Unser letzter Stopp soll ein Spot im „Floresta Nacional do Tapajos“ (Nationalpark) sein, von dem wir mit Herrscherblick den Sonnenuntergang beobachten wollen. Nach einer Stunde würgt Pepe den Motor ab und wenige Zeit später fällt dieser komplett aus. Kein Problem, da wir in Ufernähe sind und per Paddel schnell an jenes gelangen. Allerdings befinden wir uns nun weit von Alter do Chao entfernt, erklärt Pepe und zückt sein Smartphone. Wie krass: noch vor wenigen Jahren wären wir hier hilflos gestrandet und nun (es gibt in der Nähe sogar einen Funk-Mast) plappert unser Führer munter drauflos. Kompliziert wird es dennoch. Joao übersetzt, dass uns heute kein anderes Boot mehr abholen wird. Wir könnten entweder in finsterer Nacht drei Stunden durch den Dschungel zurücklaufen oder in einem in der Nähe befindlichen Indio-Dorf übernachten. Bei der Abstimmung zeigt sich, wer die Mädchen in unserer Truppe sind (eher die Jungs). Fuck! Das alles erinnert mich extrem an ein Dover-Konzert. Erst alles Scheiße, dann alles himmelhöllengut. Eine Mehrheit einigt sich diesmals aufs Dschungelcamp.

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Das 20 Minuten entfernte Urwalddorf ist jedoch keine Ansammlung von Stroh-Hütten vor denen halbnackte Bewohner mit Speeren um ein Lagerfeuer tanzen, sondern ein Ort mit Holzhäusern am Fluss, das durch eine unbefestigte Straße mit der Außenwelt verbunden ist. Wir sehen Kinder mit Handys und werden von einem Typen, der ein Tablet in der Hand hält, empfangen. Nach einer professionellen Verhandlung können wir für 5,- US-Dollar pro Person seine Gäste sein. In dem gemauerten Zimmer liegen sechs muffige Matratzen mit Bettlaken und es gibt sogar ein annehmbares Plumsklo. Ein bisschen sieht die Sache nun wie arrangiert aus. Nur die dunkeläugigen Kinder in raffiniert geschnittenen Kautschuk-Sandalen, welche uns wie weiße Außerirdische anstarren, erinnern daran, dass diese Zwischen-Übernachtung wohl doch eher Zufall war. Schnell haben sie Vertrauen gefasst und zeigen uns eine dicke Würgeschlange, die sich in der Nähe um einen Plastikstuhl gewunden hat. Mangos, Melonen, Ananas und Stinkfrüchte gedeihen dort. Auch auf den, mit kniehohem Gras überwucherten, Fußballplatz werden wir gelotst und müssen ein paar haltbare Treffer kassieren, um sie kreischend-glücklich zu machen. Es gibt sogar eine wackelige, hölzerne Tribüne, die etwa 12 Dauerkartenbesitzern – oder eben den Dorfältesten – Platz bietet.
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Nach einem scharf-würzigen Mahl aus Reis mit Fleisch, welches niemals Hühnchen ist (Faultierpastete – vermutet Erni) versiegeln wir uns mit Cachaça in einer Open-Air-Bar, die per Generator mit fahlem Licht versorgt wird und einen antiken Billardtisch beherbergt. Insekten zerplatzen knallend an der herunterhängenden Glühbirne. So ist er also, der Dschungel des 21. Jahrhunderts. Versaut? Banal? Unspektakulär? Nein! Wir fühlen uns sauwohl und schlafen trotz unheimlicher Geräusche in diesem Loch von einem Zimmer – mit Spinnen, Kakerlaken und Dreck – wie Steine.
Da wir nun schon mal hier sind, organisiert Pepe einen Einheimischen, der uns auf eine Dschungeltour mitnimmt. Bereits nach wenigen Minuten schlägt er Schneisen in den fast undurchdringlichen Regenwald, damit wir gigantische Bäume mit 10 Meter dicken Stämmen entdecken und an knallbunten Blüten riechen können, die zuvor von anderen Pflanzen überdeckt waren. Manchmal scheint der Boden gar keinen Platz für all diesen Bewuchs zu haben. Die Frauen fotografieren krasse Früchte und Insekten, die es wahrscheinlich nur hier gibt. Der brasilianische Amazonas-Urwald ist botanischer Garten, Restaurant und Apotheke. Und Weltwunder! Als wir eine steile Erhebung erklimmen und den nebeligen Regenwald von oben betrachten, könnte ich heulen vor Lebensglück. Ein Tukan schaut neugierig herüber bevor er abhebt.
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Auf dem Rückweg beginnt es in einem Wolkenbruch so heftig zu schütten, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Donner rollt über uns hinweg. Okay, wir müffeln alle, aber es müssen ja nicht gleich 200-Liter-Eimer über einem ausgegossen werden. Alles was wir anhaben, aber auch das, was sich in den Taschen der Hosen befindet, wird auswring-nass. Mittlerweile rennen wir mit wassergefüllten Schuhen durch den Wald, doch der Indio-Führer ruft uns zurück. In Augenhöhe greift er in einen Strauch und holt ein glitschiges Tier zum Vorschein. Es ist ein Dreifinger-Faultier mit prägnanten Gesichtszügen. Hape 36 (taufen wir ihn später) wedelt bedächtig mit den Armen und grinst dabei unsicher. Sein zottlig-graues Fell, auf dem hunderte kleiner Insekten hausen, scheint regelrecht zu dampfen und schimmert leicht grünlich. Fast sieht es so aus, als ob auch diverse Algenkulturen auf ihm gedeihen. Niemand möchte den lustigen Müßiggänger anfassen oder gar streicheln.

„Achtung, da kommt jemand!“, ruft Danny, und obwohl das nicht stimmt, setzt der Typ das verstörte Vieh zurück in einen Baum. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Kerkeling sprintet den Stamm regelrecht empor.
IMG_6122 Im Verlauf eines Tages bewegen sich Faultiere meist weniger als 36 Meter, wissen wir längst durch Joao. Wir sehen also gerade 20 davon und somit das vermutlich schnellste Faultier der Welt. Gebannt beobachten wir die hektischen Bewegungen, bis dem Spaßvogel wieder einfällt, dass er ja eigentlich ein stoffwechselarmes Zeitlupen-Wesens ist.
Als wir das Dorf erreichen, hört es von einem auf den anderen Moment auf zu regnen und nur wenig später bringt uns Pepe per Ersatzmotor zurück in die Zivilisation, die sich noch immer inmitten des Amazonas-Beckens – also im Nirgendwo – befindet.
Was für eine spektakuläre Welt. Wie unwichtig und unbedeutend eine Fußball-WM doch manchmal sein kann. Ich freue mich schon riesig auf die Achtelfinals!
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Das Spiel: Deutschland vs. Ghana in Brasilien 2014

5. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110210Bei der Einlasskontrolle müssen wir die Karten auf einen Scanner legen. Es leuchtet grün und meine Augen auf der anderen Seite strahlend blau. Wir sind drin! Noch haben wir eine Stunde Zeit bis zum Spielbeginn und so schlendern wir durch den Innenring fast einmal ums Stadion. Dummerweise haben wir Karten in verschieden Sektoren: vier Tickets in Kategorie 2 zu 135 Dollar und nur zwei in der günstigeren 3er (zu 90 US-Dollar), wobei das der Deutschland-Block ist. Dennoch entscheiden wir uns für die vermeintlich bessere Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass wir dort nur einen einschmuggeln müssen. Der Witz: wir gelangen ohne kontrolliert zu werden auf 1-A-Sitze. Direkt daneben gibt es Plätze für „Behinderte“, die es heute augenscheinlich nicht gibt. Enri hockt sich hin.
Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit werden wir das Match nah am Spielfeld auf Höhe einer Eckfahne verfolgen und die Schwüle einfach wegsaugen. Um uns herum sind unzählige Landsleute, sodass auch hier das Barometer sicher auf Stimmungs-Hochdruck geeicht ist. Direkt vor dem Tor tanzt sich die Ghana-Kolonie ein und vor ihnen drehen die Fußballer ihre Runden. Sylvie zoomt heran und macht lebensgroße Fotos von all den Helden, die den Titel hoffentlich in drei Wochen mit nach Hause bringen werden.
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Plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches – mit mir. Beim Einlauf der Teams verspüre ich von jetzt auf sofort keinerlei Hektik mehr, bin nicht mehr angespannt oder aufgeregt – in meinem Herzen herrscht gespenstische Ruh. Alle um mich herum und die Spieler singen die Nationalhymne, nur Jerome Boateng und ich schweigen, denn bei mir läuft gerade ein anderer Film. In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies kein Fußballbuch sei. Heute sind etwa 15.000 Landsleute mit uns im Stadion – von 80 Millionen Einwohnern. Jetzt fühle ich mich durchaus dazu berufen, mein Werk so zu nennen!
Mein Zeitgefühl kommt mir abhanden. Die Minuten vor Beginn der Partie können im Nachgang nur 10 aber auch 100 gewesen sein.
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Mit noch etwas anderem liebäugelt mein Hirn. Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt, Sylvie zu fragen, ob sie mich heiraten will? Ich hatte ihr 2006, als ich die Fußball-WM daheim nicht erleben durfte, die Pistole auf die Brust gesetzt: Falls jemals eine WM in Brasilien stattfinden sollte, fahren wir hin – ohne Rücksicht auf das, was gerade im Leben ansteht. Wir sind hier! Kann es ein schöneres eingelöstes Versprechen geben? Es soll im Leben eines Mannes ja nur drei Frauen geben, von denen man glaubt, dass es die richtige ist. Ich habe meine eine längst gefunden. Doch was spricht eigentlich dagegen, mit ihr in ewiger Liebe als Traumpaar und beste Freunde durchs Leben ziehen? Erni bringt mich zurück in die Wirklichkeit, denn er brüllt: „Nu ghana losgehen“. Das Spiel geht los!
Schon nach wenigen Ballberührungen herrscht Unruhe im Stadion. Nicht auf dem Platz, sondern im Oberring – direkt gegenüber. Heerscharen von Ordnern sammeln gerade hektisch die Banner unsere Freunde aus Dubaiern, Halle an der Saale und Gladbach ein – so sieht es zumindest aus der Ferne aus. Ein Pfeifkonzert und „FIFA raus“ schallt zu uns hinüber. Dass Zaunfahnen ein elementarer Bestandteil der Fankultur sind, vergessen die Weltverband-Idioten mal wieder, zumal die Sponsoren ja sowieso in einer Art FIFA-Dauerwerbesendung allgegenwärtig sind. Falls auf der Videotafel das Original-TV-Bild übertragen wird, schwenken sie außerdem nur sehr selten in die Fanblocks, was Erni, der permanent in eine Zuschauer-Kamera winkt, augenscheinlich scheiße findet. Unsere Bier-Fahnen wehen weiterhin durch die Arena – ohne Konsequenzen.
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Das Spiel hingegen ist weniger aufregend. Ein Hin- und Her im Mittelfeld und Ghana hat sogar die bessere Spielanlage, weil die Deutschen das Tempo arg verschleppen. Lediglich Kroos serviert gewohnt seine überheblich-eleganten Pässe und auch Özil gefällt mir im Gegensatz zu Götze ganz gut. Im Boateng-Bruderduell gewinnt Jerome gegen Kevin-Prinz jeden Zweikampf. Gute Ansätze, aber Torchancen kann sich Deutschland – im Gegensatz zu den Afrikanern – kaum herausspielen. Sind die echt besser als Portugal?
Auch das Liedgut lässt zu wünschen übrig. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören und „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“, wobei man an den „Sitzenbleibern“ sieht, wie viele Brasilianer im Stadion sind. Die besingen das müde Gekicke mit: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor.“ Aus tausenden Kehlen schallt es wie ein Manifest durchs Oval. Sie spielen heute nicht – feiern sich aber selbst, mit großem Stolz und viel Liebe. Zur Pause steht es 0:0.

Wir lassen uns vom Ergebnis die Laune nicht verderben. Unsere Frauen holen die nächste Runde Souvenirs, Jenna fachsimpelt mit mir und Erni klettert vier Reihen hinauf, um sich mit drei Schönheiten fotografieren zu lassen. Die Hübschen halten ein riesiges Plakat in die Höhe: „Jetzt wird wieder geMüllert und geHumeltst“, ist dort zu lesen. Gerade drücken sie meinem Freund einen Fußballball in die Hand, den er hin- und herschwingen soll. Auch sie wollen ins Fernsehen, was nicht gelingen wird, denn in Deutschland läuft momentan sicherlich die „tageschau“ oder FIFA-Werbung. Plötzlich hängen die Zaunfahnen gegenüber wieder. Mal sehen, ob wir wenigstens dieses Duell gewinnen werden.
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Danny und Sylvie kommen mit zehn Brahma-Bechern rechtzeitig zurück, um beim Blick auf die Anzeigetafel fast zeitgleich den legendären Satz zu rufen: „Was ist denn ein Shkodran Mustafi?“ Okay, den Typen kannte ich bisher selbst kaum und nur weil auf der Videoleinwand auch der Name J. Boateng daneben steht, weiß ich, dass er gerade eingewechselt wurde. Schon krass, was für eine multikulturelle Truppe unser Team geworden ist. Schön krass!
Deutschland spielt jetzt auf das gegenüberliegende Tor und es sind erst wenige Minuten gespielt, als Müller von rechts in die Mitte flankt und Mario Götze der Ball irgendwie auf den Kopf und dann ans Knie prallt. Egal – das Ding ist urplötzlich im Netz. Tooor! Mit meinen Freunden vollführe ich den wüstesten Jubel-Pogo unseres Lebens. Sind wir bescheuert, oder was? Nein! Es ist unser Premieren-Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. ‚Der Götze ist ja doch nicht so übel‘, denke ich, während ich im Pulk mehrere Treppenstufen hinuntertreibe.
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Als wir uns wieder gefangen haben, flitzt ein mit Filzstift bemalter, bärtiger Typ auf den Rasen. Sylvie zoomt heran und es schaut so aus, als ob der Spinner SS-Runen auf seinem Arschloch-Körper zur Schau stellt. Abführen! Eine Minute später patzt Lahm und Ghana stürmt sofort auf unser Tor zu. Nach einer Flanke köpft Ayew unbedrängt von Shkodran und Per Mertesacker ein. Ausgleich – Scheiße!
Schon in den ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit wurde mehr Herzinfarkt-Risiko erzeugt, als in unserem ganzen WM-Fanleben. Deutschland hängt mächtig in den Seilen & wir kommen eben aus diesem Land. Das macht uns dünnhäutig.
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Danny reißt mich herum: „Das halte ich nicht mehr aus – mach was!“, denn plötzlich entdecken auch die Brasilianer ihr „Coração“ (Herz) für den Außenseiter. „Gana, Gana, Gana“, schallt es durchs Rund und direkt unter uns beschwört ein krass geschminkter Voodoo-Priester seine schwarzen Brüder. Es nun ein wilder Schlagabtausch und es gibt Riesenchancen auf beiden Seiten – doch nur Ghana trifft. Der erste Rückstand bei der WM und ich hoffe sogleich, dass es der letzte sein wird. Torschütze Gyan und der irre Medizinmann im Ghana-Block lassen sich feiern. Die Brasilianer starten eine La-Ola, die (fast) durchs ganze Stadion rollt. Die letzten Minuten kamen mir vor wie im Zeitraffer. Was für ein Drama!
Sylvie schreit mir ins Ohr: „Anscheinend wird Deutschland doch nicht Weltmeister.“ „Nein, scheinbar wird Deutschland nicht Weltmeister“, brülle ich zurück, denn endlich habe ich den Unterschied zwischen den Wörtern kapiert. Der Schein trügt, natürlich holen wir den Titel! Rede ich mir gut zu. Allerdings haben sich die neutralen Fans nun komplett auf die Seite des Gegners gestellt. Es stürmt gerade aber auch nur eine Mannschaft – und das ist Ghana. Atempause. Ecke für Deutschland. Kroos flankt präzise in den Strafraum, Höwedes verlängert geschickt und Klose – gerade erst eingewechselt – staubt ab. Tooor, Salto, Ausgleich – Wahnsinn! Es folgt der wüsteste Jubel-Tanz unseres Lebens. Mehr Glückshormone können nicht durch einen Körper schwappen. Wir kullern im Knäul hinunter bis zum Zaun. Weiter geht es mit völlig irrationalem, unkontrolliertem Offensivfußball von beiden Seiten. Erni reißt mich aus dem Geschehen: „Pixie schreibt gerade, dass Miro den fetten Ronaldo jetzt eingeholt hat“, dabei ist es mir scheißegal, wie viele Tore Klose bei WMs (jetzt 15) macht – Hauptsache er kann sich mal Weltmeister nennen. Ich brülle mit ihm hemmungslos: „Miro Klose! Miro Klose! Miro Klose!“
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Nach einer vergebenen Großchance von Müller endet das Spiel mit 2:2. Der liegt beim Schlusspfiff blutüberströmt am Boden. Aber auch ich bin fix und alle. Noch nie habe ich eine Partie mit solch einer brodelnden Intensität im Stadion verfolgt. Sylvie umarmt mich lange und Danny ruft mir in Jennas Armen liegend zu: „Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus.“ Sie spricht mir aus dem Herzen.
Zwei Typen mit schwarz-weiß gestreiften Trikots quatschen uns nach dem Spiel an. Wir wären ja abgegangen, wie sie – Fans aus São Paulo – plappernd sie drauflos. Anscheinend haben sie uns während der Partie beobachtet. Sie spendieren Erni (dem cleveren, geldknappen „Corintians-Fan“) zwei Bier.
Als wir die Arena eine Stunde nach Abpfiff verlassen, versinkt die Sonne gerade in den Häuserschluchten von Fortaleza und hinter dem glitzernden Pazifik. Ich bin noch immer so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich dies zwar wahrnehme, aber gar nicht so richtig zu würdigen weiß. Sonst würde ich in diesem Augenblick heulen.

Wir laufen zurück wie wir gekommen waren. Unterwegs steht mitten auf der Straße ein einsamer Plastikstuhl. Ich muss mich kurz sammeln, ausruhen, wieder zu Kräften kommen und will meinem Herzschlag lauschen. Erni hält den Augenblick inmitten der Massen in einem Bild fest. Es wird das Fußball-Foto – von mir – für die Ewigkeit.
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Zurück in der Stadt entern wir zielsicher ein Kilo-Restaurant. Als erfahrener Brasilen-Reisender erläutert Jenna den Frischlingen, dass sie sich bitte keine Kartoffeln oder sonstigen Beilagen-Quatsch auf die Teller packen sollen, da an der Kasse nur das Gewicht zählt. Fleisch, Würste, Fisch, Krebse, Garnelen und Gemüse im Überfluss gibt es auch für Erni, dem Danny 100 Real geliehen hatte, da sie unsere dummen Sprüche nicht länger ertragen konnte. Im Gegensatz zu mir macht Sylvie das Gelage müde. Sie verzieht sich ins Hotel. Ohne mein Mädchen taumeln wir in ein Konzert auf dem Fanfest. Ein dicker Sänger namens „Pericles“ heizt dort mit dunkelschwarzer Engelsstimme und Bigband in einer Mischung aus Samba-Reggea-Ska den Massen ein. Erni und ich schlagen uns in die vordersten Reihen durch. Dort bemerkt mein Kumpel, dass wir direkt vor der fest installierten Kamera stehen, die alle dreißig Sekunden ins Publikum schwenkt. Er greift mir an die Hose und zieht die DDR-Fahne aus der Schlaufe. Jede halbe Minute lachen wir nun – Tränen.
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Ausschließlich umgeben von krass abgehenden brasilienbraunen Jungs und beinahe barbusigen Schönheiten erschaffen wir ein durch den Zufall inszeniertes Bühnenbild. „Ordem e progresso“ und „Hammer, Sichel und Ehrenkranz“ werden von gut 5.000 Leuten nun alle 30 Sekunden gesehen, während alle dabei in Ekstase zur Musik springen. Brasilien feiert mit den zwei Ossis. Glückswellen durchziehen meinen Körper. Die besten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Was für ein perfekter Tag!
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Das Vorspiel: Deutschland gegen Ghana – Brasilien 2014

30. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110187Durch die Samba-Bar schlängelt sich eine 200köpfige Polonaise, angeführt von Erni. Fast alle Gäste haben sich – gegenseitig an die Schulter fassend – angeschlossen und steigen gerade kreischend über Tische und Stühle bevor uns mein Freund nach draußen unter den 5-Sterne-Sternenhimmel leitet. In brasilianisch-deutscher Leidenschaft bricht der Laden gerade fast zusammen und ich ahne schon jetzt, dass ich mich noch lange an diesen Abend erinnern werde. Erni brüllt mir von vorne zu: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“
Plötzlich erwache ich aus einem Traum, der im Juli 1990 begann und stelle fest, dass ich mich im Juni 2014 in der Wirklichkeit befinde. Ich habe so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Allein für diesen magischen Moment haben sich diese Nacht, die Reise und das Leben gelohnt!

In Fortaleza hat sich einiges verändert. Wahrscheinlich nur WM-Fassade, doch ein Unterschied zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig, gefährlich und save ist im Zentrum nicht erkennbar. Es gibt kaum Dreck, keine offenen Abwasserkanäle, wirr verzweigte Stromkabel, oder gar verlumpte Kids in dreckigen Shirts und verbeulten Sandalen. Die Innenstadt ist touristenfreundlich geworden. Mich irritiert das nicht, denn alle Menschen, die wir am Vortag des Deutschland-Spiels treffen, ob jung oder alt, Brasilianer, Schweizer, Franzose, oder Ghanaer tragen ein eingemeißeltes Lächeln im Gesicht. Heile Welt, denn sogar die Polizisten sind zuvorkommend.
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Wir wohnen unweit meiner geliebten Honiglippenbucht in Iracema und genau dort haben sie auch die Fanmeile mit zwei Mega-Leinwänden inmitten des Stadtstrandes errichtet. Die Stimmung ist ausgelassen, ja geradezu euphorisch und obwohl die Tische und Stühle der Restaurants, den Ständen der FIFA-Sponsoren weichen mussten, beschweren wir uns nicht, da das gereichte Brahma eiskalt und bezahlbar ist. Außerdem sind die knallroten Hartplastik-Becher ein tolles Souvenir. Auf ihnen ist das bunte WM-Logo und der Slogan: „Fan Fest Fortaleza – Jagandas de Mucuripe“ zu sehen. Wir kaufen einen turmhohen Stapel Souvenirs.
Die heutige Nachmittagspartie zwischen Frankreich und der Schweiz ist die bisher torreichste der Weltmeisterschaft, was die multikulturelle Feierstimmung zusätzlich anheizt. Sogar Jenna genehmigt sich ein Bier pro Tor, obwohl er die „Froschfresser“ noch immer nicht leiden kann. Nach sieben Stück (das Spiel endet 5:2) tanzen 20 Gockel mit 30 Eidgenossen zu brasilianischem Ska im Sand. Sie greifen sich dabei gegenseitig an die Schultern und bilden einen Kreis. In dessen Mitte drehen drei Typen aus Costa Rica komplett frei, da sie im Mittags-Spiel die Italiener sensationell mit 1:0 besiegt hatten. Die Mittelamerikaner stecken alle mit ihrer Orgie aus purer Lebensfreude an. Erni brüllt mir ins Ohr: „Das is aber geene rischdsche Bolonäse!“ Wohl nicht, aber ich begeistere mich dafür, wie friedlich die Nationen hier gerade miteinander tanzen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, rufe ich zurück. Passend dazu sehen wir auf der Promenade nun auch deutsche Fans, die Fortaleza allmählich entern und zwei schüchterne Ghanaer. Einen von ihnen überrede ich zu einem Fotoshooting. Ich, noch immer leichenblass, und mein schwarzer Freund erschaffen – Arm in Arm – für 30 Sekunden ein Harmoniegemälde menschlicher Hautfarben. Fast alle Leute die vorbeischlendern, erheben den Daumen und lächeln verzückt. Es sind offensichtlich keine Rassisten, Nazis, rechte Hools oder sonstige Vollidioten nach Fortaleza gekommen – und so kann es auch bleiben!
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Kurz danach nehme ich Danny zu Seite und flüsterte ihr ins Ohr: „So kannst du aber morgen nicht auf dem Spiel herumlaufen.“ Sie trägt, wie wir alle momentan, neutrale Klamotten, ist aber die Einzige, die kein Deutschland-Trikot im Gepäck dabei hat. Die Antwort überrascht mich: „Okay, lass uns dort vorne mal gucken.“ Im FIFA-Fanshop kauft sie – mangels Alternativen – das vermutlich teuerste Nicht-Original-Trikot der Welt. Es ist ein schwarz-weißes, kurzärmliches Hemdchen, wo mit einer Art Stempel liederlich die deutsche Flagge über der rechten Brust aufgedruckt wurde. Und das hässliche Ding kostet 75 Dollar! Vielleicht macht sie es nur mir zu liebe. Wenn dem so ist, werde sie dafür ein Leben lang in Dankbarkeit umarmen.
Danny kenne ich schon solange wie Sylvie und Jenna, bin aber in den letzten Jahren nicht mehr so richtig warm mit ihr geworden. Doch seit wir in Berlin den WM-Flieger bestiegen haben, ist sie wieder das zauberhaft-offene und fast jugendlich wirkende, sauhübsche Mädchen, in das ich mich fast mal verknallt hätte. Das Abendspiel zwischen Honduras und Ecuador (2:1) ist nicht so der Brüller, da keine Supporter aus diesen Ländern im lauwarmen Sand durchdrehen. Nach einem Mahl – Erni murmelt in sein Essen: „Das sind aber geene rischdschen Spaghetti Bolonäse“ – und zwei dickbäuchigen Caipirinhas gehen wir zu Bett. Die lange Anreise aus Pipa hat doch mehr geschlaucht, als wir uns das lange eingestehen wollten.
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Obwohl Erni schnarcht – er wird auf der Reise abwechselnd auf die Zimmer der Paare verteilt – schlafe ich traumlos und gut. Am Morgen schlottern mir dennoch die Knie. Ich werde heute mein allererstes WM-Spiel live im Stadion verfolgen und am liebsten wäre ich jetzt, sechs Stunden vor Anpfiff, allein. Das funktioniert sogar fast, da Erni Geld ziehen muss und die Mädels noch Ansichtskarten kaufen wollen. Mit Jenna laufe ich hinunter zum Pazifik. Er ist mein bester Freund! Vielleicht sollte ich ihm das einmal sagen. Seit 16 Jahren reisen wir nun schon gemeinsam durch Südamerika und kein Göte oder Matze ist diesmal dabei (obwohl die vorher noch groß getönt hatten). Nur der alte Mannheimer läuft – wie ich – schweigsam im rot-schwarzen Auswärtstrikot neben mir her und ist, nach den salzigen Perlen auf seiner Stirn zu urteilen, gerade genauso aufgeregt. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass auch ich für ihn der allerbeste Freund der Welt bin.
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In unserem Hotel wohnen die „Dubaiern“ – bärige Typen, die von Dubai aus Bayern München supporten und an der Bucht sehen wir zwei „Unioner“ aus Halle/S. (deren Zaunfahne bei fast jedem Deutschland-Spiel zu sehen ist). Wir treffen auf eine Horde aus dem „Wilden Süden Gladbachs“ und auf zwei strohblonde Mecklenburger, die Trikots mit der 1 und der 8 tragen. Bei dem einem steht „Toni“, beim anderen „Kroos“ auf dem Rücken. Der grandiose Kaltblüter mit der 18 aus MeckPomm ist der einzige gebürtige Ostdeutsche im Nationalteam und auch mein liebster Spieler, obwohl seine Herkunft (Greifswald) – 25 Jahre nach dem Mauerfall – eigentlich völlig schnuppe ist.

Am „Ponte dos Ingleses“ klatscht Jenna mit zwei „Monnemer Jungs“ ab, ich grüße einen einsamen St. Pauli-Fan und ein pummeliger Kerl mit Dynamo-Dresden-Fahne um die Hüften gewickelt, watschelt auch noch herum. Ganz Deutschland ist heute vertreten und als wir unsere Bielefelder, die wir auf dem Hinflug getroffen hatten, entdecken, wird aus Wiedersehensfreude Mittagsbier gekauft. Manchmal kann einen schon die Stimmung vor einer Partie fesseln – heute ist so ein Tag!
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Wir kommen fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, obwohl ich es ja war, der um 13 Uhr – drei Stunden vor Spielbeginn – aufbrechen wollte. Auch die Frauen haben sich nun herausgeputzt. Sylvie trägt das rote Auswärtstrikot der WM 2006, Danny das schwarz-weiße Shirt von gestern, plus Flip-Flops in schwarz-rot-gold (!) und Erni seine lustigen 74er-Klamotten. Er sorgt am Taxistand zudem für Belustigung, da er sich mit einem Idioten, der von Hut bis Fuß mit deutschem Tinnef und Lametta behangen ist, ablichten lässt. Auf dessen linker Brust klebt – warum auch immer – der Kopf von Bert. Erni lehnt seinen Schädel grinsend dagegen und Danny knipst die seltsame Sesamstraße in Fortaleza. Sylvie bekommt sich fast nicht mehr ein, aber aus einem anderen Grund. Sie erzählt, dass unser Freund in der Heimat das Limit seiner Kreditkarte auf 500 Euro pro Monat limitiert hatte, sodass er soeben gerade noch 60 Real (ca. 20 Euro) aus dem Automaten ziehen konnte.

In dem Moment, als wir in das Taxi mit dem Ziel Estádio Castelão steigen, habe ich gute Freunde und die schönste Frau der Welt an meiner Seite. Obwohl wir uns zu viert auf die Rückbank quetschen, schmusen wir wie zwei junge Welpen. Danny und Jenna auch. Heute kann nichts mehr schiefgehen!
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Der Fahrer rät zu einem Umweg, da die Zufahrtstraße zum Stadion verstopft sei. Wir einigen uns auf 75 Real Festpreis. 15 für jeden. Ich rufe: „Erni, du hast dann ja noch 45 Tacken.“ Er hatte zwar schon seine Freundin Pixie per Not-Telefonat gebeten, Kohle auf sein Konto zu überweisen, aber heute wird der listige Sparfuchs ohne Weitblick den ganzen Tag hochgezogen.
Pixie ist eigentlich eine patente Frau – mit krassem Fußballverstand und ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht mitgekommen ist. Dennoch bin ich froh, dass wir Erni nicht schon am ersten Tag verloren haben – das war nämlich ihre größte Sorge gewesen. Der fragt Jenna gerade: „Kannste mir mal ‘nen Hunderter borgen?“ „Du hast doch noch fett die Kohle“, schallt es gewohnt trocken zurück.
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Mein Handy brummt. Eine SMS: „Lass es krachen und die Karte steht. Trueman.“ Mein liebster Kneipenkumpel aus dem „Rockz“ hatte es leider nicht nach Fortaleza geschafft, obwohl wir für ihn ein Ticket haben. Erst zum Spiel gegen die USA reitet er zur WM ein und hätte dort wiederum eines für mich im Gepäck. ‚Oh Mann‘, denke ich im Wissen, dass wir morgen in den Amazonas fliegen werden und Recife wohl eher ausfällt.
Ich verzichte noch immer auf ein Smartphone, um nicht ständig online zu sein und keine wertvolle Lebenszeit ständig mit so einem Scheiß vergeuden will. Dieses Mal wäre so ein Ding durchaus sinnvoll gewesen. „Hört mal Leute. Mein Handy hat ‘ne sprechende Uhr“, rufe ich. „Es ist 13 Uhr 32“, krächzt eine weibliche Blechstimme und sorgt damit für die nächsten Lacher.
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Die weiträumige Umfahrung war eine gute Idee gewesen – da wir schon um 14 Uhr ankommen und im Strom der Massen in Richtung des aus der Ferne gigantisch wirkenden Stadions laufen. Entgegen aller Vermutungen gibt es überall fliegende Händler, die Snacks und Dosenbier verkaufen. Die Brasilianer pfeifen auf die FIFA-Regularien. „Erni, hol mal die erste Runde. Hier ist es noch billig“, ruft Danny. Das Brahma kostet 6 Real, sodass er nach fünf Kaltgetränken, mit 15 Real Barbesitz im Prinzip pleite ist. Ich fühle mich sauwohl, denn es gibt nirgendwo eng zulaufenden Gatter und dichtes Gedränge. Dennoch schwitzen wir wie Schweine. Ob es an den Außentemperaturen, der haarsträubenden Intensität oder an der Aufregung liegt?
Die deutschen Gesänge werden nun immer lauter. Meine Frau trägt jetzt sogar ein schwarz-rot-goldenes Band im Haar und Danny einen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem steht: „I love Brasil“ – wobei dieses Gefühl seit Tagen allumfassend ist.
„Bist du glücklich?“, fragt mich Sylvie. „Oh ja“, posaune ich zurück, denn obwohl Menschenaufläufe auf mich oftmals bedrohlich wirken, zieht mich das Getümmel heute magisch an. Ich verschmelze mit der Euphorie der Massen und lasse mich kübelweise mit Glücksgefühlen überschütten. Nur einen Wermutstropfen gibt es: niemand sucht nach einer Karte. Sie verkaufen sogar noch welche an den Kassen. Okay, das Fassungsvermögen soll bei über 60.000 liegen, aber ein bisschen enttäuschend ist es schon, dass sie das Ding nicht voll kriegen. Außerdem lungern momentan keine Fans oder erwartungsfrohe Kids vor den Toren herum, denen wir die Karte einfach schenken könnten. Das Trueman-Ticket werden wir nicht los.
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Hinter der ersten Sicherheitskontrolle – wir sind noch nicht im Stadion – hole ich die DDR-Fahne heraus und lass mich damit vor dem Beton-Monster fotografieren. Das Bild ist in Gedenken an meinen Vater, um ihm – wo immer er gerade ist – zu zeigen, dass es sein kleiner Ossi-Sohn tatsächlich bis zur Fußball-WM nach Brasilen geschafft hat. Das soll es dann aber auch mit Nostalgie gewesen sein. Ich stecke den Fetzen so in eine Hosenschlaufe, dass das Emblem nicht mehr zu sehen ist. Erni stellt sich mit Deutschland-Fahne neben mich. Die Vergangenheit ist endgültig ad acta gelegt – von jetzt an lebe ich nur noch im Präsens.
Die Brahma-Brauerei ist auch hier präsent. Die roten Becher zu 10 Real haben den Aufdruck: „ 21 de junho de 2014. Estadio Castelão. Fortaleza CE.“ Darunter sind die Nationalflaggen und „Alemanha“ und „Gana“ aufgedruckt. Erni hat nun vier Runden lang Pause vor unserem ätzenden Humor und gleichzeitig Zeit, zu sich überlegen, was er mit den langweiligen FIFA-Fanfest Souvenirs machen soll. Die Stimmung ist überragend: Musik, Geschnatter, Lachen, Herzlichkeit und Lebenslust. Neben Deutschen und Ghanaern sind extrem viele Brasilianer aber auch etliche Mexikaner mit vor Ort. Auf einer Leinwand schießt Messi gerade im Mittagsspiel per Traumtor das 1:0 für Argentinien gegen den Iran. In der 90. Minute! Die Brasilianer finden das Scheiße und ich denke sogleich: ‚Hoffentlich werden unsere Nerven heute nicht so lange strapaziert.
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Unsterblichkeit – Brasilien Fussball-WM 2014

27. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

BrasilTosende Wellen ersticken den Wind und eine urwüchsige Brandung übertönt jedes andere Geräusch, obwohl all meine Freunde zu juchzen scheinen. Seit zwanzig Minuten kämpfen wir nun schon mit den Wassergebirgen – stürzen uns, sobald ein neuer Brecher heranrollt, auf seinen Kamm und rasen auf ihm mit aller Gewalt in Richtung Strand. Ich habe ein gutes Timing für den Absprungs-Moment auf die weiße Schaumkrone und würde einen internen Bodysurf-Cup wahrscheinlich gewinnen. Oftmals zische ich fast bis zur Uferkante, um mich mit aufgeschürften Knien sofort wieder knapp sechzig Meter in die aufgewühlte See zu stürzen. Plötzlich sehe ich Danny, die als einzige draußen geblieben war, hektisch am Strand winken. Sie möchte uns etwas zurufen und deutet mit dem Zeigefinger aufgeregt in Richtung der sich vor uns auftürmenden Brecher.
Ich habe keine Ahnung, was sie will, denn wir sind hier im brusttiefen Wasser nicht sonderlich in Gefahr und auch ein Tsunami rollt gerade nicht gen Küste. Sylvie, Jenna und Erni bemerken das wild gestikulierende Rumpelstilzchen erst gar nicht.
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Doch da sie mit ihrem Gezappel gar nicht mehr aufhören will, lasse ich mich im Weißwasser an die Küste fluten und auch Sylvie, Erni und Jenna waten alsbald an Land. Danny kommt uns entgegen und brüllt: „Habt ihr denn nicht die Delfine gesehen?“ „Welche, was?“, nuschelt Erni, wie immer ein wenig begriffsstutzig. „Mensch! Delfine, die direkt hinter euch in die Luft gesprungen sind!“, ruft sie entsetzt, ob unserer Blödheit. Und richtig, als wir den Hügel, dort wo unsere Sachen liegen, erklommen haben, sehen wir unzählige Finnen der grazilen Wesen unmittelbar hinter der ersten sich brechenden Welle aus dem Wasser ragen. Dann hebt einer ab. „Wow, Scheiße“, stottern wir im Chor, da zwei von ihnen dabei fast schon akrobatische Figuren vollführen. Wir befinden wir uns an der Baia dos Golfinhos und hätten soeben die magischen Tiere der Meere fast berühren können. Als ich das allmählich realisiere, ist Danny längst in Richtung Pazifik gestürzt und auch Sylvie und die Jungs folgen ihr im Laufschritt. Nur ich setze mich in den warmen Pulversand.
Dies ist nun meine zehnte Reise nach Lateinamerika. Anfangs war ich oftmals ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder getingelt und hatte nie hinterfragt, warum ich das eigentlich tat. Doch mittlerweile kann ich das Augenblicksglück einfangen, weiß um meine Sterblichkeit und genieße Momente, die es nur im Hier und Jetzt gibt. Das ist so einer.
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Ich schaue Danny und Erni hinterher, die im Gegensatz zu Sylvie und Jenna schon die letzte Welle bezwungen haben. In Zeitlupe sehe ich sie im delfinverseuchten Wasser als Punkt am Wellenhorizont verschwinden. Sie spüren dabei sicher gerade die kribbelnde Freiheit zwischen ihren Fingern. Gebannt beobachte das Schauspiel.
Die beiden sind zum ersten Mal in Südamerika und seit unserer Ankunft beneide ich sie darum, dass sie viele Gefühle auf diesem Kontinent gerade zum ersten Mal in ihrem Leben verspüren. Ich bin eben schon mit Delfinen geschwommen, hatte ihre elastische Haut befühlt und danach fast geflennt. Mit leuchtenden Augen reisen die „Neuen“ seit Tagen mit uns durch das Brasilien. Danny, die in der Heimat kaum mit Fremden redet und wegen Kontaminierungsgefahr am liebsten den ganzen Tag mit Handschuhen herumlaufen würde, gibt sich besonders volksnah und berührt jede ihr unbekannte subtropische Pflanze, Korallenart und sogar Käfer oder Insekten mit einer ansteckenden Neugier. Und Erni, der niedlich sächselnde Sachsen-Anhalter, findet sowieso alles „Dib Dob“ (Tip-Top). Ich würde vieles dafür geben, bestimmte Gefühle auch noch einmal, zum ersten Mal so intensiv zu spüren. Eine Sehnsucht, so groß wie der Pazifik. Sylvie winkt mir lächelnd aus diesem zu. Ich leihe mir ein Surfbrett von den Strandnachbarn und paddele meiner Freundin und den Flippern entgehen. In diesem Augenblick ahne ich: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – kurz vor einem WM-Spiel mit eigener Eintrittskarte – sein. Niemals!
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Wir befinden uns in Praia de Pipa. Das ehemalige Geheimtipp-Dörfchen an der brasilianischen Ostküste, welches sich an vertikale Klippen mit dahinter liegendem atlantischen Regenwald und die vielleicht schönsten Strände des Landes schmiegt, beherbergt in seinen unzähligen Pousadas zur Zeit fast ausschließlich Fußballfans aus aller Welt. Das sonst so hippe Örtchen ist dem WM-Fieber erlegen, da es zu den Spielorten nach Recife, Natal und Fortaleza nur einen Katzensprung ist – in südamerikanischen Maßstäben.
Wir waren drei Stunden zu sechst in einem Kleinwagen durch endlose Zuckerrohr-Plantagen gefahren. Mit der Pousada Tartaruga (Schildkröten-Pension) hatten wir nicht nur eine Traumunterkunft gefunden, sondern auch den Beweis erbracht, dass es während der WM 2014 möglich ist, sehr gut und günstig zu übernachten, ohne vorgebucht zu haben. Uns alle macht das in Hinblick auf die nächsten Wochen Hoffnung. Der Wohlfühlpool inmitten von acht Bungalows gehört uns allein und kleine Weißbüscheläffchen beobachten uns beim Frühstück.
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Jeden Nachmittag treffen sich die verschiedenen Länderfraktionen zu „ihrem“ Spiel und besonders bei den Knaller-Partien wie Brasilien gegen Mexiko, Spanien gegen Chile oder Uruguay gegen England explodieren die Kneipen entlang der sandigen Wege regelrecht. Trotz unerwarteter Niederlagen des einen oder anderen Favoriten geht es in Pipa harmonisch zu. Fast alle scheinen eine relaxte Zeit im tropischen Paradies verbringen zu wollen und selbst die krebsroten Briten kloppen niemanden auf den Kopp nach ihrem Ausscheiden nach nur zwei Spielen. Das Brasilien-Match gewinnen – in Fangesängen gemessen – sogar ihre Gegner. Die Mexikaner gehen emotional total durch die Decke! Mit Sombreros oder verrückten Boxer-und Rugbymasken bekleidet, schreien und singen sie fast ununterbrochen. Es hilft, denn ihr Team holt ein erstaunliches 0:0 gegen die Gastgeber.
Selbst die US-Boys treten geschlossen herzlich auf. Soccer ist in den USA traditionell eher ein Spiel der Looser, aber eben auch eines für Andersartige. Fast alle Typen sind schwerstens tätowiert, tragen Rasta, Iros oder lange Mähnen und zerzauste Bärte. Ein wilder Haufen! Zwei offenherzige Brüder – aus dem unaussprechlichen Massachusetts – lernen wir näher kennen und verbringen mit ihnen einen lustigen Abend in einem Rodizio, wo sie köstliches Fleisch mit Fleisch servieren.
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Und obwohl Deutschland im hiesigen Zeitfenster gar nicht spielt, strecken uns alle im Dorf die Daumen entgegen sobald sie erfahren, dass dies unser Heimatland ist. Der glorreiche Sieg gegen Portugal hat Eindruck geschunden. „Muito bom“. So kann es weitergehen!
Auch an den Stränden, mit solch klangvollen Namen wie Baia dos Golfinhos, Praia do Madeiro oder Praia do Amor, liegen überall Leute aus den Teilnehmerländern der Fußball-WM herum. Sie sind immer gut zuzuordnen, da fast jeder – trotz dreißig Grad im Schatten – voller Stolz das Trikot seines Teams am Meer spazieren trägt. Nur die dunkelhäutigen Brasilianer und rothäutige Engländer zeigen durchtrainierte Bäuche oder Wampen. Allerdings hat kaum jemand Frauen mit dabei – auch die anderen Deutschen nicht. Wir sind da eher die Ausnahme, aber ich glaube, dass Danny und Sylvie die Pfiffe und Blicke innerlich genießen.
Wir machen einen Fehler: satt noch einmal den Hügel mit Panoramablick auf die Delfinbucht zu erklimmen und vor dem Riff mit unseren neuen Freuden im lärmenden Geschnatter um die Wette zu surfen, laufen wir rechterhand an eine andere Bucht von Pipa. Dort wehen rote Fahnen vor blauschwarzen Wellenmonstern und niemand ist im Meer. Freund Erni, dessen Mansfelder Dialekt oftmals ein bisschen dümmlich klingt, wobei er vermutlich der Intelligenteste unserer Truppe ist, ruft dennoch: „Also ich geh jetzt rinn in die Brühe“. Niemand hindert ihn daran.
Wir bestellen jeder ein großes, auf 7 Grad heruntergekühltes Brahma und vertiefen uns in die von mir so geliebten „Dämlich-Laber-Gespräche“. Nach zehn Minuten sehe ich jemanden im Ozean aufgeregt mit den Armen wedeln. Das Problem: jeder würde seine Bewegungen wahrscheinlich als Winken, Freude oder Euphorie deuten, doch ich sehe auch aus der Ferne seine stark geweiteten Augen. Diese Unfassbarkeit hatte ich selbst schon einmal erlebt – mein Freund ist in Todespanik.
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Ich springe auf, renne zu ein paar Typen, die gelangweilt mit ihren Surfbrettern im Sand liegen und schreie sie in einem Sprachen-Wirrwarr-Mix an. Ich habe Glück, denn einem der Jungs ist sofort klar, was da draußen geschieht. Er spurtet mit dem schmalen Brett unter dem Arm in die schäumende See. Alle sehen, wie der sportliche Typ schon mit den ersten Wellen zu kämpfen hat, um sich Erni auch nur ansatzweise zu nähern. Er riskiert gerade sein eigenes Leben, um einen fremden Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Plötzlich taucht ein weiterer Retter – fast aus dem Nichts – auf und versucht ebenso in Richtung meines Freundes zu paddeln. Er trägt ein gelbrotes Shirt – es ist ein Rettungsschwimmer.
Wenige Minuten später haben sie den noch immer nach Luft schnappenden Schwimmer an Land gezogen. Mittlerweile sind auch meine Freunde um ihn herum versammelt. Der Liveguard fragt in gutem Englisch mit brasilianischer Gelassenheit, ob wir total bescheuert wären? Erst gestern sei ein Argentinier genau an dieser Stelle ersoffen. Erni, der das nicht hört, röchelt: „Alles Dib-Dob!“. Aus dem Augenwinkel beobachte ich zwei halbnackte brasilianische Grazien, die das Schauspiel ziemlich ungerührt beobachten.
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Wenige Minuten später hat sich die Gruppenkonstellation geändert. Während der fast Ertrunkene mit Sylvie zurück zur Pousada läuft, machen Danny und Jenna Hand in Hand einen Spaziergang am Strand. Nur ich bin geblieben, blicke hinaus aufs Meer und spüre meine eigene Endlichkeit. Die Gedanken spielen verrückt: ‚Wie krass ist das denn? Beinahe wäre diese Reise von heute auf morgen beendet gewesen. Und der arme Typ aus Argentinien. Nicht nur, dass seine Freunde und die Familie um ihn weinen. Er fährt vermutlich zur ersten Fußball-WM seines Lebens und stirbt dann. Vielleicht wird sein Team in ein paar Wochen sogar den Titel holen.‘

Ich habe mich nach dem Abtritt meines Vaters mittlerweile halbwegs mit dem Tod arrangiert, da wir uns ja alle mal verabschieden müssen. Doch in diesem Augenblick wird mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie einschneidend und nahezu unglaublich unsere Sterblichkeit eigentlich ist. Wir sollten besser auf uns aufpassen, denn das Leben birgt gerade jetzt eine große Verpflichtung: Wir müssen diesen Scheiß-Pokal nach 24 langen Jahren endlich wieder einsacken!
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Alle Zweifel beseitigt – Fußball-WM 2014

14. April 2015 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

P1110239„Geheimnisvolle Wahrsagungen, Spinnen, Krebse und eine innere Stimme sagen mir, dass Deutschland 2014 Fußball-Weltmeister wird.“ Mark Scheppert, Juli 2011
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„Mein Gott, ja, die deutsche Mannschaft hat den WM-Titel geholt. Das ist auch schon alles. Wenn ich nochmal irgendwo lese, wie deutsch alles ist und wie toll oder doof das ist, lasse ich auf den Schreiber einen deutschen Schäferhund los! Oder eine britische Bulldogge, ist mir ganz schnuppe.“ Agnieszka Debska, Juli 2014
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22. Juni 2014. Ein sternenklarer Himmel erstrahlt über der Honiglippen-Bucht von Fortaleza und der Mond übergießt sie mit sanftem Licht. Doch die subtropische brasilianische Stadt schläft noch nicht. Auf der lang gezogenen Strandpromenade spielt sich gerade ein episches Drama ab – und ich bin mittendrin. Vor 30 Minuten hatten wir einen zusammengewürfelten Haufen von Ausländern zusammengestellt, um gegen heimische Jungs in einem spontanen Fußballmatch anzutreten. Sechs gegen sechs mit zwei Wasserflaschen als Pfosten, auf den noch immer warmen Steinplatten der fünftgrößten Stadt des Landes. Es ist ein hart umkämpftes Match mit einem äußerst unerwarteten Zwischenergebnis.
Doch genau in diesem Moment verlieren wir das Leder und die oberkörperfreien Gegner starten einen Angriff. Der Ball läuft plötzlich schnell, gekonnt und über viele Stationen durch ihre Reihen, ohne dass wir eine Chance haben, an ihn zu gelangen. Fast vorhersehbar, gelingt als Abschluss der Stafetten ein sehenswerter Treffer ins lange Eck. Doch kein lauter Jubel oder Freudenschrei ertönt. Ganz im Gegenteil: Der stämmige Anführer des Trupps schnappt sich mit wütendem Gesichtsausdruck den Ball, ruft seiner Clique etwas zu und verschwindet mit ihnen – nachdem sie uns auch noch die Pfosten geklaut hatten – in eine dunkle Seitenstraße.
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„Hey, lasst doch wenigstens den Ball hier“, ruft Erni auf Deutsch hinterher. Doch sie können oder wollen ihn nicht verstehen. Ein Typ, der mir schon im Spiel auf die Eier ging, dreht sich noch einmal um, macht eine eindeutige Handbewegung und rennt dann den anderen hinterher. Wir schauen uns an – und grinsen. Erni stimmt ein Lied von Queen an und zusammen mit den uns bisher so frenetisch unterstützenden Zuschauerinnen schreien wir es in die laue Nacht von Fortaleza. Soeben wurden all meine Zweifel bezüglich eines möglichen WM-Halbfinales gegen Brasilien beseitigt. Selbst wir Anfänger hatten diese eigensinnigen Kids leicht & locker im Team-Play mit 6:1 geschlagen. Und das nur wenige Stunden nach meinem ersten, live im Stadion erlebten WM-Match von Deutschland gegen Ghana! Kann jetzt mal bitte alles kurz stillstehen? Kann diese Welt mal ganz kurz aufhören, sich weiterzudrehen? Es ist ein Augenblick der wie eine Lichterkette durch mein Herz rast. Nur für diese eine Nacht hat sich diese Reise schon mehr als gelohnt!

2006 hatte mir Sylvie die Pistole auf die Brust gesetzt! Weltreise, jetzt, sofort! Ohne Rücksicht auf eine Fußball-WM im eigenen Land. 2014 konnte ich mich revanchieren und ihr eine Panzerfaust an die Schläfe drücken. Die WM in Brasilen, jetzt, sofort! Ohne Rücksicht auf Verluste.
Die einjährige Tour wird wohl die schönste Reise meines gesamten Lebens bleiben und seither bemitleide ich Menschen, die immer mit aller Härte auf ihre Träume eintreten, die stets Zweifel plagen und eine Ausrede finden, allerlei Vorhaben ins Alter zu verschieben. Kennt ihr jemanden, der auf dem Sterbebett bereute, nicht noch mehr Zeit in einem stickigen Büro verbracht zu haben? Brasilien ich komme!

Nach einer kurzen Nacht fliegen wir zu fünft um 7 Uhr nach Lissabon. Dort haben wir Aufenthalt bis 13 Uhr. Wir tuckern mit der U-Bahn in die Altstadt bevor es zurück zum Terminal geht. Als ich dort auf einen der Bildschirme starre, falle ich fast in Ohnmacht. Unser Flug hatte Lissabon um 10.40 Uhr in Richtung Recife verlassen. Mir wird kotzübel und auch Jenna läuft sofort kreideweiß an. Scheiße, haben wir gerade wirklich unsere Brasilien-Maschine verpasst? Die Mädels grinsen – ich würde ihnen am liebsten eine reinzimmern. Freund Erni versteht nur Bahnhof.
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Am Flugsteig herrscht heilloses Durcheinander. Auch vielen anderen Reisenden steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Erst nach zwei quälenden Stunden stellt sich heraus, dass dies der Flieger vom Vortag gewesen war. Wir müssen nun eine Nacht warten. Busse bringen uns in ein Marriott mit Suiten und einem Mega-Pool, doch unser Gepäck ist bereits eingecheckt. Im Schlüpfer hechten wir in hellblaue Fluten während Danny bezahlbares Bier in der Gegend besorgt. Gutes Mädchen!
Um 4 Uhr morgens werden wir wieder zum Flughafen gekarrt. Dort heißt es einmal mehr Warten, doch um 7 Uhr startet unter lautem Jubel endlich der Flieger ins Land von Pelé und Neymar. Um 10 Uhr ist das Bier und um 12 Uhr der Wein an Bord alle!
Anders als geplant, erreichen wir Recife nun gegen Mittag und da der Fahrer nun fast schon einen Tag – mit einem „Mark Scheppert-Schild“ auf uns wartet, lassen wir uns von ihm ins Hotel nach Olinda chauffieren, obwohl wir tagsüber auch mit Bus und Bahn für ein Viertel des Preises hingekommen wären. Die in der Sonne funkelnde Stadt hat sich herausgeputzt. Ein grün-gelbes Girlanden-Meer bis zum Horizont. Brasilien ist im Fußballfieber. Ein Traum wird wahr – mit Zuckerhut!
Da Recife – auch als Austragungsort von WM-Spielen – als gefährliche Metropole gilt, nicht nur weil es in der Stadt, deren Name sich von „Riff“ ableitet, öfter zu tödlichen Haiangriffen kommt, haben wir uns in die historische Altstadt von Olinda, knapp 20 Kilometer entfernt, eingebucht. Doch in dem idyllisch an grünen Hügeln gelegenen Weltkulturerbe-Ort scheint während der Fußball-WM, der Hund begraben zu sein. Alle Kopfsteinpflaster-Straßen entlang pastellfarbener Kolonialhäuser sind zwar reich geschmückt aber fast menschenleer.
In der Pousada “São Francisco” reichen dann allerdings einige elegante Wörter, um sofort die Herzen der Angestellten zu erobern. „Por favor“ (Bitte), „Obrigado“ (Danke), „Muito bom“ (Super) gehören ebenso dazu, wie „Cerveja” (Bier), „Caipirinha“ und „Cinco mais” (noch fünf). „Brasilianisch” ist eben eine melodische Sprache, die einen gewissen Swing hat und Unbekümmertheit ausstrahlt. Eine Sprache zum Verlieben. Im Pool beginnen wir uns augenblicklich so wohlzufühlen, dass es unmöglich ist, sich daran zu erinnern, wie beschwerlich die Anreise eigentlich gewesen war.
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Später schlendern wir durch die verträumte Kleinstadt mit den kachelverzierten Häusern und treffen am Pazifik an einem Kiosk auf zwei Einheimische, die uns sogleich mit Kaltgetränken und Garnelen versorgen. Sie gehören wohl eher zu den Ärmeren des Landes, dennoch sieht man, wie stolz sie sind, uns während der WM in ihrer Heimat, bewirten zu können. Der Anreisetag endet mit einem Abendmahl am Marktplatz. Nun ist auch Olinda in Partylaune. Auf der einen Seite schauen die Leute gebannt auf zwei Großleinwänden das Spiel des Erzfeindes Argentinien, auf der anderen Seite heizt eine Band mit Forro-Rhythmen ein und in den Palmen dazwischen ertönt Grillen-Gezirpe. Ein irrer Sound. Messi trifft. „O, linda!“ – Wie schön. Die Einheimischen fluchen mit Eisfachvisagen – drei Sterne plus!

Am nächsten Morgen bin ich aufgeregt wie ein Kleinkind vor Heilig Abend. Während wir auf den Bus warten, hole ich eine Runde „Cerveja Skol“ zum Runterkommen am gelben Kiosk. Heute findet – nachdem nun schon fast alle Teams gezeigt haben, was sie so draufhaben – unser erstes Gruppenspiel gegen Portugal statt. Das Warten von einer Fußball-WM bis zur nächsten ist endlich vorbei. Wir wollen das Match auf dem „FIFA-Fan-Fest“ schauen, doch zunächst müssen wir die uns zugelosten WM-Tickets in einem Shoppingcenter abholen. Im Hotel wurde behauptet, Bus Nr. 214 bringt uns dort hin. Der Witz: alle vorbei rauschenden Schrottkarren haben gar keine Nummern, sondern zeigen lediglich ihre Zielorte an. Außerdem muss man sie, falls es der richtige ist, mit lautem Schreien, oder einem gezielten Sprung vor die Frontscheibe, anhalten. Eine ältere Frau erklärt uns, dass wir den „Neves-Bus“ nehmen müssen. Nach nur 50 falschen Wagen rennt sie plötzlich wild gestikulierend los, hechtet auf den Asphalt und schiebt uns dann freudestrahlend durch die enge Fahrgasttür.
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Erst im Inneren fällt mir auf, wie cool Erni aussieht. Er hatte sich ein weißes Trikot und eine schwarze (extrem kurze) Hose gekauft und die Mädels machen sich darüber lustig, da sie solche Shorts das letzte Mal beim Turnunterricht in der 8. Klasse gesehen haben. Auch seine Adiletten finden sie todeskomisch. Jenna und ich tragen hingegen ganz gediegen die aktuellen schwarz-rot gestreiften Deutschland-Trikots, weswegen uns zwei Kids sogleich „Flamengo!“ zurufen und mit Händen und Füßen erklären, dass dies ihr Lieblingsverein in Brasilien ist. Nur Danny und Sylvie müssen wir echt noch einkleiden!
Wir sind spät dran, doch der Fahrer rast wie ein Henker und lässt das Gefährt in „Colt Seavers-Manier“ über diverse Buckel regelrecht abheben. Besonders in den Kurven und bei der Fahrt über schwindelerregend hohe Brücken kotze ich fast. Kurz vor 11 Uhr erreichen wir endlich das „Shoppi“ in der Nähe des Strandes. Hinter uns erhebt sich nun ein bedrohlich wirkendes Hochhausmeer aus Beton und Glas.
Das Einkaufsparadies ist weitläufig und verkauft Luxusartikel in einer Gegend, die eher ärmlich wirkt. Bis wir uns durchgefragt haben, dauert es, doch dann begleiten uns sogar zwei Uniformierte auf Segways in den heiligen Bereich. Ich schwitze aufgrund der fortgeschrittenen Zeit. Eine Frau mit ultratiefem Ausschnitt erklärt mir minutenlang weit vorgebeugt, wie ich meine VISA-Karte in den Automaten zu schieben habe. Zehn Minuten später halte ich WM-Tickets für das Match gegen Ghana in den Händen, auf denen tatsächlich unsere Namen stehen. Es ist der erste magische Moment dieser Reise.
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Nach zwei Fotos vor einem menschengroßen Gürteltier-Maskottchen rennen Sylvie und Danny plötzlich los, da sie noch shoppen wollen. Ich sprinte hinterher und bin kurz davor, einen Herzkasper zu bekommen. Es sind jetzt nur noch 40 Minuten bis zum Anpfiff. Vier lange Jahre habe ich auf diesen gewartet! Beim ersten Streit der Reise gehe ich als Punktsieger hervor, denn sie folgen mir angekotzt zum Ausgang.
Leider, so warnt das Personal, wäre das hier eine gefährliche Ecke, sodass sie uns raten, mit dem Bus zum Flughafen, um von dort aus mit der Metro ins Altstadtviertel zu fahren. Was für ein Umweg, aber nach der letzten Diskussion möchte ich die sehr sparsam lächelnden Frauen nicht auch noch überfallen und vergewaltigen lassen. Außerdem hat Danny die WM-Tickets in ihrer Tasche!
Als wir die „Estação Central“ erreichen, ist es bereits 12.50 Uhr. Ich sprinte zu einem Taxifahrer, wedele mit Geldscheinen und überzeuge ihn, auch mit fünf Fahrgästen augenblicklich nach „Recife Antigo“ loszurasen. Punkt 13 Uhr laufen wir durch ein geschmücktes Tor und hören die deutsche Nationalhymne, welche gerade vom Team auf der Leinwand mitintoniert wird. Geschafft – die WM beginnt!
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In der Altstadt wollen nur etwa 400 Leute das Spiel sehen – zu meinem Erstaunen sind davon 200 Deutsche und nur wenige Portugiesen. Ich hatte gedacht, dass die ehemaligen Kolonialherren mehr Fans motivieren können. Vorteil an der geringen Besucherzahl: leicht unterhopft werden wir augenblicklich mit eiskaltem Cerveja versorgt, was gleichzeitig bedeutet: sie verkaufen alkoholhaltiges Bier! Nachteil: 32 Grad, kein einziges Schattenplätzchen und nach 12 Minuten ist das erste Getränk verschüttet, denn Müller trifft zum 1:0. Auch beim zweiten Brahma landen durch Hummels etliche goldene Tropfen auf dem heißen Asphalt. Das dritte wird kurz vor der Pause wieder wegen Müller in den brasilianischen Himmel gejubelt.
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Was ist denn hier bitteschön los? Wir tanzen, singen und schwingen Fahnen mit unseren Landsleuten. Abkühlen! Im Gebäude neben der Leinwand gibt es ein Eisgeschäft und sogar eine Schlittschuhbahn. Draußen, im Backofen von Recife, erhöht der unglaubliche Thomas Müller in der 78. Minute zum unfassbaren 4:0. Mein Herz brennt und in Leidenschaft bricht um mich herum fast alles zusammen. Ich würde vieles dafür geben, dieses herausgeplatzte Gefühl auf dieser Reise nie wieder zu verlieren. Jegliche Zweifel, dass Deutschland schon in der Vorrunde scheitert, sind innerhalb von nur 90 Minuten verflogen. So werden wir sicherlich ganz weit kommen. Halbfinale gegen Brasilien? Finale? Titel?

Doch leider kann ich jetzt noch nicht berichten, wie diese Reise ausgegangen ist, denn ich habe ein bisschen Angst vor dem Zitat von dieser Frau Debska.
„Wenn ich jetzt nochmal irgendwo lese oder höre, wie deutsch alles ist und wie toll oder doof das ist, lasse ich auf den Schreiber einen deutschen Schäferhund los! Oder eine britische Bulldogge, ist mir ganz schnuppe.“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten – Neue Fußball- und Brasiliengeschichten

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20. Januar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles

90 Update
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Rechtzeitig vor der Fußball-WM 2014 in Brasilien ist mein E-Book “90 Minuten Update” als Nachtrag zu meinem Reise- und Fußballroman “90 Minuten Südamerika” erschienen. Bis zum 25.01.2015 kann man es kostenlos herunterladen.
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Ganz neu mit dabei: Eine spannende Reportage über den Nordosten Brasiliens. Lernen Sie mit Salvador da Bahia, Fortaleza und Recife die Austragungsorte der Gruppenspiele der Deutschen Fußballnationalmannschaft kennen und entdecken Sie die vielleicht schönste Region des Landes.
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Begleitet mich also auf hoffentlich ebenso spannenden Reisen nach England, Spanien, Vietnam, Thailand, Paraguay, Argentinien, Brasilien und Deutschland.
Allerdings sollte man das Buch eigentlich erst nach dem Hauptwerk (Hier ein paar Infos) lesen.

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