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Vergänglichkeit – Jugend in der DDR

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz

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Am 6. Oktober 1989 werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Direktor Seibt darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Wink-Elementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Frankfurter Allee gehen werden. Michael Gorbatschow würde in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 40igsten Jahrestag der Republik eintreffen.
Gorbi ist natürlich in aller Munde. Was in der Sowjetunion gerade in Sachen Öffnung und Reformen geschieht, die Nachrichten erreichen uns seit Monaten ausschließlich aus dem Westfernsehen, ist fast schon zu unglaublich, um wahr zu sein. Die Bedeutung seiner Ankunft in der DDR ist all meinen Freunden sofort klar: wir haben drei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen ohne Gesänge in die „Broilerbar“ zum gemeinsamen Frühshoppen absetzen!
Mit Ottmar, Roman, Ecki, Koffer, Bernd und Matze ist die Trinkerjugend der Friedrich-Engels-EOS bald vollzählig angetreten. Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand der großen Allee vermissen und schon gar nicht hier auftauchen. Im hiesigen Radio läuft „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ von Stefan Remmler.
Nach dem dritten Halben schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, den sympathisch wirkenden Mann mit dem Muttermal auf der Glatze würde ich auch gerne mal aus der Nähe sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten feixender Jungs und erfreue mich des Lebens. Irgendwann ertönt von draußen aus tausenden Kehlen: „Gorbi, Gorbi, Gorbi!“ Als wir uns endlich entschließen hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Wagen aber schon auf Höhe des Frankfurter Tors. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt Matze. Alle wissen: er ist hacke und blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich bereits in Richtung Schule verduftet, doch als Ottmar und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch: unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar Noten hinein, die das Problem vorerst beheben. Doch was macht mein bester, angetrunkener Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel. Und dann geschieht das Unglück: der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf der Ablage der Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine schmale Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Ottmar klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das Klassenbuch zu gelangen. „Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Ulf befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Der Tisch steht eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Spinner verschwindet. Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“ „Blumberg, du Arschloch“ zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. André Blumberg ist der Klassenbuch-Beauftragte und eigentlich ganz okay, auch weil er nicht zu den Spackos gehört, die sich 25 Jahre für die NVA verpflichtet haben. Ottmar klärt ihn auf und wir versprechen, das Ding nach der Stunde heraus zu fummeln. Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits einige Noten manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.

Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch die alte Kamerat ihren Auftritt hat. Unsere Geschichtslehrerin ist eine Hundertprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Ottmar und ich murmeln: „Immer breit“, wobei wir heute wirklich mal einen im Turm haben. Die Lehrerin will sich setzen – und knallt mit den Knien scheppernd gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibfachs. „Auuuua“, jault sie. Ottmar flüstert: „Der steht ja falsch herum“, während Ronny und Mirco eilig den Lehrertisch wieder so drehen, dass die Kamerat ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Blumberg glotzt uns fragend an. Wir lachen innerlich bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheits-Eintrag im Buch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 40. Jahrestag der DDR einzustimmen, ohne dabei ein einziges Mal die Worte Perestroika und Glasnost zu erwähnen, welche tagtäglich aus dem West-TV auf uns niederprasseln. Stattdessen hat sie Honeckers Losung „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ verinnerlicht und hält langatmige Reden über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 40 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Ja, wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Claudia und weckt Ottmar und mich damit aus dem Wachkoma. Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute der Schule zum Fackelzug am Abend treffen, so als ob das alle beträfe. Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das stark eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Blumberg schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.
Als ich in die Raucherecke komme, steht dort Nadja Mustar. Wir sind allein. Es war in der 7. Klasse als ich mich an der POS das erste Mal in sie verliebte. Auch dort ging sie in die Parallelklasse, sodass ich die schwarzhaarige Traumfrau nur während der Hofpausen und beim Englisch sah und mit klopfendem Herzen beobachten konnte. Sie war das mit Abstand schönste Mädchen der Schule und jetzt, vier Jahre später, das erotischste Wesen weit und breit.
Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Damals in der „Käte Duncker“ hatte ich versucht, über ihre Freundin Simone Jungblut an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis zur EOS nie wieder ein Wort mit mir sprach.

Während Nadja sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich, obwohl ich längst keine Wisent- und Boxerjeans mehr trage, noch immer wie ein grauer Ostschlumpf auf. Fast erwarte ich, dass sie mich mit den Worten „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Sie fragt jedoch: „Mark, gehst du mit zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das „Schrauben-Locker“-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja. Irgendwie ist diese Zeit doch etwas ganz Besonderes. Außerdem will ich Gorbi noch einmal sehen. Aus meiner Klasse gehen aber nur Idioten hin. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“
Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt dort, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckungssuchend im Schatten des Denkmals warte ich. Nadja scheint sich zu freuen. Sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße fahren.
Zum Fackelzug der FDJ wurden die 80.000 Besten, oder Staatstreuesten aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass wieder einmal die Vokohila-Fraktion aus Sachsen in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd aus Polyestergemisch mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel. Auch ich – allerdings locker aus der Hose hängend, mit hochgeklappten Kragen und großzügig aufgeknöpft, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, muss ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt vor Erregung fast kotzen. Sie trägt nicht einmal einen BH und ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit dieser Frau!

Stabilehrer Koschwitz ist auch erregt und brüllt: „Schön dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Wir haben sogar noch eine Fackel übrig. Der Blumberg hat sich den Fuß umgeknickt“ Ich binde mir den Anorak, wie Nadja zuvor ihre Lewis-Jeansjacke, um die Hüften und trabe mit einer mittlerweile unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor. Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast weitermarschieren. Ein Sachsen-Paul, der mit riesiger FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „FDJ, SED, alles ist bei uns okay!“. Wahrscheinlich soll er damit die Dankbarkeit der Jugend zum Ausdruck bringen und ist sich der Zweideutigkeit seiner Worte gar nicht bewusst, denn bei „uns“ ist doch eigentlich immer (!) alles okay. Etliche Jugendliche brüllen mit und stimmen danach „Spaniens Himmel“ an. Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der FDJler haben dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze noch weiter aufknöpft. Mein Herz!

Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast der Republik angelangt sind, gibt diese zarte Frau plötzlich Urschreie von sich: „Gorbi, Gorbi, Gorbi“, kreischt sie und Hunderte, wenn nicht gar Tausende schließen sich an.

Besonders „Honni“ Honecker, Aurich und Ceausescu glotzen blöd aus der Wäsche, während der Angehimmelte würdevoll lächelnd in die Menge winkt. Vor uns sind „Perestroika“-Rufe zu hören und weiter hinten hält jemand ein Schild in die Höhe, auf dem einfach nur „Scheiße“ steht. Junge Männer in Kunstleder-Jacken versuchen sich zum Träger durchzukämpfen. Ich schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht und flüstere: „Ist ja doch ganz spannend hier“ Sie lächelt. Man bin ich verknallt!
Auf Höhe des Alex löst sich der Pulk auf, da dort Container für die Fackeln und Busse für die Dörfler stehen. Ich will mit Nadja noch einkehren, doch sie überredet mich im Café am Leninplatz, zwei Flaschen Rotwein an der Bar zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Der Wein ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, zieht mich langsam zu sich heran und gibt mir den zärtlichsten Zungenkuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.

Am Donnerstag, den 11. Oktober treffe ich mich mit Ottmar und Roman im HDJT. Irgendwann kommen wir auf Nadja zu sprechen, woraufhin ich den Fackelzug rekapituliere. Doch Ottmar stutzt: „Davon hast du mir gar nichts erzählt! Dann bist du ja einer der wenigen, abgesehen von den MfS-Schweinen, die am 6. und am 7. Oktober mit dabei waren.“ „Habe ich auch noch nicht drüber nachgedacht“, sage ich.
Am 7.10. 89 war ich mit ihm, Matze und Bernd auf der Demo am Alex zusammen mit einer „Gorbi, hilf uns“ und „Wir sind das Volk“ skandierenden Menge von etwa 3.000 Leuten gewesen. Vor der Spree wurden wir von bewaffneten Organen jäh gestoppt.

An diesem Tag feierten die Oberen und ihre Staatsgäste im grell erleuchten Palast gerade den 40. Geburtstag der DDR, während die Untergebenen aufbegehrten.
„Vielleicht haben die Idioten vor drei Tagen ja den letzten Jahrestag der Republik gefeiert“, sagt Roman mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. „Dann können sie auch gleich den Palazzo Prozzo entsorgen“, stimmt Ottmar ein. „Aber bitte nicht das Lenindenkmal“, gebe ich meinen Senf dazu. Was an dem Abend nach dem Fackelzug geschehen ist, habe ich bisher wohlweislich verschwiegen. „Nichts ist unvergänglich“, protestiert Roman „Alles hat ein Ende. Selbst unsere Freundschaft wird irgendwann vorbei sein, spätestens wenn wir sterben.“ ‚Allerspätestens jedoch‘, denke ich ‚wenn diese schaurig-schöne Welt in Flammen untergeht‘.
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Genosse Gehorsam – Berlin Leninplatz – Jugend in der DDR

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Mauergewinner Leseproben

JW4Ich habe keinen homogenen Freundeskreis. Unsere Truppe ist nicht kongruent, wie Mathelehrer Blase vielleicht sagen würde – nicht gleichförmig. Gegen Bommel, dessen Kopf nur knapp über die Tischkante reicht, bin ich ein Riese, gegen Leuchtturm-Andi ein Zwerg, der fette Tessi lässt mich als Fadennudel erscheinen und Bergis Oberarme können es mit dem Umfang meiner Schenkel aufnehmen. Dünn, klein, fett, groß und kräftig, aber lustig sind sie alle.
Tessi ist der Spaßvogel unserer Truppe, wobei seine Witze erst richtig einfetzen, wenn Bommel über seine Streiche so herzhaft und mit hoher Stimme lacht, dass auch bei uns bald die Tränen kullern. Bergi ist unser Mann mit dem tiefsinnigen Gespür für eine Pointe und Andis Humor ist mir manchmal zu hohl.
Alle Väter machen was anderes. Meiner ist Trainer, Bommels, der kleinste Busfahrer Berlins, der von Tessie arbeitet in einer Eckkneipe hinterm Tresen, während Bergis Alter Möbelpacker ist. Nur Andi lebt ohne Papi allein mit seiner überforderten Mutter. Sie arbeitet an in der Pablo-Neruda-Bibliothek, verleiht mir Bücher und ist (das darf ich Andi niemals sagen – niemals!) sauhübsch für ihr hohes Alter von Mitte dreißig.
Eigentlich hatte die Truppe erst nach der Jugendweiheparty so richtig zueinander gefunden. Bommel, Bergi, Tessi, Andi und ich bildeten lange den harten Kern der Leninplatz-Clique und sind seit Eröffnung des Alfclubs eigentlich unzertrennlich.

Einer fehlt in dieser Aufzählung: Torsten. Wir waren gemeinsam in den Kindergarten gegangen, in der Schule sitzt er schräg vor mir und gegenüber wohnt er auch. Warum die anderen ihn nicht akzeptieren? Torsten ist unauffällig-brav und deshalb in ihren Augen stinklangweilig. Er hat sogar einen fiesen Spitznamen. Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen sie „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht, finde ich. Okay, er ist artig oder eben aus Lehrersicht vorbildlich fügsam – weder falsch noch hinterfotzig (wie Lars und Dirk) oder oberstrebsam (wie Susanne). Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Schulhof schüchtern in unsere Reihen schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, welcher den nächsten Brüller raushaut.
Was die Jungs nicht wissen: bei ihm zu Hause herrscht Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat der Kerl lebenslangen Stubenarrest.
Seit seinem siebenten Kindergeburtstag war ich ihn nicht mehr besuchen und nie darf er abends noch runter. Stets wird er durch einen grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters, dieser buckligen Brotspinne, nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb von Sekunden im Hauseingang verschwunden. Doch alles änderte sich an einem bestimmten Tag.

Der Schultag war nicht sonderlich spektakulär gewesen – bis auf die letzte Stunde. Tessie hatte im Schlafzimmer seines Erzeugers in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und in Physik in den hinteren Bänken herumgereicht. Beim Blick auf (und in) das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Nahaufnahme hätte ich beinahe gekotzt. Bommel ließ die Sache fast auffliegen, da er beim Betrachten des Porno-Heftes zunächst dunkelrot anlief, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllte: „Was für ’ne riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullerten.

Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas genauer widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kannte ich bisher nur aus den „Abrafaxe“-Heften und eine Frau darin sah aus wie Andis Mutti, wobei ich nur das Gesicht beurteilen kann. Tessi ist verschwunden, doch über Lars, der immer weiß wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert durch Seiten voller Ekelkram. Pfui! – ich krieche erfreut dazu. Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf das versaute Bilderrätsel.
Torsten tritt ins Licht der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel während Tessi hektisch das Westheft im Aktenkoffer verstaut und aus der Röhre robbt. Auch wir kriechen ins Freie. „Kommt, lasst uns was einklauen“, murmelt Bergi konsterniert. „Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du petzt, Spasti, kriegst du tierisch eins aufs Maul“, keift Klein-Bommel, da Torsten noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Koofi dabei gewesen war. Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Assi – also Astrid – davor, die sich uns anschießt.
Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit Kali (Kaffeelikör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.
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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn schließlich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit seelenruhig zum Ausgang. Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein krasser Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu: „Und jetzt mit Club-Cola die Birne wegschießen?“ Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat (er hat sogar eine schwer zu klauende Curaçao-Pulle und Falkner-Whisky eingesackt) im Alfclub begießen müssen. Bei Torstens Premiere gibt‘s Grüne Wiese. Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive Pornoheftes), Assi folgt kurze Zeit später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt: „Noch schnell ein Telefonstreich bei Dir?“ „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten gar kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny auf der Couch und schaut die Schlüpfe in der ARD. Andi klingelt unten an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und sagte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“. „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“. So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Couch. „Klärgrube, ich dreh durch!“ Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Billy aus der A schnappte sich den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein Rainer Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel. Doch so machte das keinen Spaß.
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Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst (Namensgeber des BFC-Spielers) angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Carsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen. Danach gingen meine Freunde, denen unser Musik- und Zeichenlehrer, Herr Elster, jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass die fantastischsten Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Gurgel „anne Gurgel“ gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Bruderherz dabei waren, denn die lachten mit einer kindlichen Naivität oftmals minutenlang, wodurch sie uns alle ansteckten. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Doch als Bergi dann noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul“ musste ich alle einbremsen, bevor noch Nachbar Bohne Voss erschien.
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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen das Pornoheft im Hirn herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss) und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ „Kriegst ja n Harten!“ Der zieht bei allen und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene. Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem auch nichts Neues ein. Doch plötzlich ruft er: „Hat jemand mal die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen‘, frage ich mich. Er schnappt sich unser graues Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang auf dem Nummernschalter, bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“ „Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals bei einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Meier aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingsstraße. Sie wurden angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang.“ Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, oder es erwarten sie Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ Plötzlich beginnen alle zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi tatsächlich aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem sonst so braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte Scheppi, ich habe eine Woche sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist und wollte auch mal ein bisschen Spaß haben.“ Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fensterrahmen reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Unsere Klassenkameradin Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich das Pornoheft angeschaut!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch-und-Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis kuhlen Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem sofort die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, wie er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht. Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits. „Was machst du denn hier?“, quietscht Bommel und sieht dabei aus, als ob er sich gleich in die abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten, der ebenfalls fegt „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich mitmachen soll?“ Astrid läuft rot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Schuljahres. Bommel liegt längst auf dem Boden, kugelt sich und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr!“ Er steckt uns alle damit an und sogar Astrid muss irgendwann grinsen. Der Kaufhallenleiter kommt raus und brüllt: „Verpisst euch, ihr Penner.“ Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Assi und sagt dann: „Ey, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem mit dem Finger unter die Nase. „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wurde er in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schloss ich den Alfclub auf und wenig später verlagerten wir die Veranstaltung – inklusive etlicher Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelte sich eine legendäre Party von der wir noch lange schwärmten. Leider darf ich davon nichts berichten, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und diversen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen. Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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