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Genosse Gehorsam – Berlin Leninplatz – Jugend in der DDR

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Mauergewinner Leseproben

JW4Ich habe keinen homogenen Freundeskreis. Unsere Truppe ist nicht kongruent, wie Mathelehrer Blase vielleicht sagen würde – nicht gleichförmig. Gegen Bommel, dessen Kopf nur knapp über die Tischkante reicht, bin ich ein Riese, gegen Leuchtturm-Andi ein Zwerg, der fette Tessi lässt mich als Fadennudel erscheinen und Bergis Oberarme können es mit dem Umfang meiner Schenkel aufnehmen. Dünn, klein, fett, groß und kräftig, aber lustig sind sie alle.
Tessi ist der Spaßvogel unserer Truppe, wobei seine Witze erst richtig einfetzen, wenn Bommel über seine Streiche so herzhaft und mit hoher Stimme lacht, dass auch bei uns bald die Tränen kullern. Bergi ist unser Mann mit dem tiefsinnigen Gespür für eine Pointe und Andis Humor ist mir manchmal zu hohl.
Alle Väter machen was anderes. Meiner ist Trainer, Bommels, der kleinste Busfahrer Berlins, der von Tessie arbeitet in einer Eckkneipe hinterm Tresen, während Bergis Alter Möbelpacker ist. Nur Andi lebt ohne Papi allein mit seiner überforderten Mutter. Sie arbeitet an in der Pablo-Neruda-Bibliothek, verleiht mir Bücher und ist (das darf ich Andi niemals sagen – niemals!) sauhübsch für ihr hohes Alter von Mitte dreißig.
Eigentlich hatte die Truppe erst nach der Jugendweiheparty so richtig zueinander gefunden. Bommel, Bergi, Tessi, Andi und ich bildeten lange den harten Kern der Leninplatz-Clique und sind seit Eröffnung des Alfclubs eigentlich unzertrennlich.

Einer fehlt in dieser Aufzählung: Torsten. Wir waren gemeinsam in den Kindergarten gegangen, in der Schule sitzt er schräg vor mir und gegenüber wohnt er auch. Warum die anderen ihn nicht akzeptieren? Torsten ist unauffällig-brav und deshalb in ihren Augen stinklangweilig. Er hat sogar einen fiesen Spitznamen. Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen sie „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht, finde ich. Okay, er ist artig oder eben aus Lehrersicht vorbildlich fügsam – weder falsch noch hinterfotzig (wie Lars und Dirk) oder oberstrebsam (wie Susanne). Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Schulhof schüchtern in unsere Reihen schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, welcher den nächsten Brüller raushaut.
Was die Jungs nicht wissen: bei ihm zu Hause herrscht Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat der Kerl lebenslangen Stubenarrest.
Seit seinem siebenten Kindergeburtstag war ich ihn nicht mehr besuchen und nie darf er abends noch runter. Stets wird er durch einen grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters, dieser buckligen Brotspinne, nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb von Sekunden im Hauseingang verschwunden. Doch alles änderte sich an einem bestimmten Tag.

Der Schultag war nicht sonderlich spektakulär gewesen – bis auf die letzte Stunde. Tessie hatte im Schlafzimmer seines Erzeugers in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und in Physik in den hinteren Bänken herumgereicht. Beim Blick auf (und in) das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Nahaufnahme hätte ich beinahe gekotzt. Bommel ließ die Sache fast auffliegen, da er beim Betrachten des Porno-Heftes zunächst dunkelrot anlief, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllte: „Was für ’ne riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullerten.

Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas genauer widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kannte ich bisher nur aus den „Abrafaxe“-Heften und eine Frau darin sah aus wie Andis Mutti, wobei ich nur das Gesicht beurteilen kann. Tessi ist verschwunden, doch über Lars, der immer weiß wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert durch Seiten voller Ekelkram. Pfui! – ich krieche erfreut dazu. Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf das versaute Bilderrätsel.
Torsten tritt ins Licht der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel während Tessi hektisch das Westheft im Aktenkoffer verstaut und aus der Röhre robbt. Auch wir kriechen ins Freie. „Kommt, lasst uns was einklauen“, murmelt Bergi konsterniert. „Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du petzt, Spasti, kriegst du tierisch eins aufs Maul“, keift Klein-Bommel, da Torsten noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Koofi dabei gewesen war. Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Assi – also Astrid – davor, die sich uns anschießt.
Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit Kali (Kaffeelikör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.
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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn schließlich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit seelenruhig zum Ausgang. Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein krasser Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu: „Und jetzt mit Club-Cola die Birne wegschießen?“ Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat (er hat sogar eine schwer zu klauende Curaçao-Pulle und Falkner-Whisky eingesackt) im Alfclub begießen müssen. Bei Torstens Premiere gibt‘s Grüne Wiese. Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive Pornoheftes), Assi folgt kurze Zeit später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt: „Noch schnell ein Telefonstreich bei Dir?“ „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten gar kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny auf der Couch und schaut die Schlüpfe in der ARD. Andi klingelt unten an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und sagte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“. „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“. So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Couch. „Klärgrube, ich dreh durch!“ Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Billy aus der A schnappte sich den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein Rainer Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel. Doch so machte das keinen Spaß.
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Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst (Namensgeber des BFC-Spielers) angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Carsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen. Danach gingen meine Freunde, denen unser Musik- und Zeichenlehrer, Herr Elster, jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass die fantastischsten Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Gurgel „anne Gurgel“ gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Bruderherz dabei waren, denn die lachten mit einer kindlichen Naivität oftmals minutenlang, wodurch sie uns alle ansteckten. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Doch als Bergi dann noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul“ musste ich alle einbremsen, bevor noch Nachbar Bohne Voss erschien.
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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen das Pornoheft im Hirn herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss) und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ „Kriegst ja n Harten!“ Der zieht bei allen und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene. Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem auch nichts Neues ein. Doch plötzlich ruft er: „Hat jemand mal die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen‘, frage ich mich. Er schnappt sich unser graues Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang auf dem Nummernschalter, bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“ „Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals bei einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Meier aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingsstraße. Sie wurden angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang.“ Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, oder es erwarten sie Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ Plötzlich beginnen alle zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi tatsächlich aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem sonst so braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte Scheppi, ich habe eine Woche sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist und wollte auch mal ein bisschen Spaß haben.“ Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fensterrahmen reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Unsere Klassenkameradin Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich das Pornoheft angeschaut!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch-und-Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis kuhlen Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem sofort die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, wie er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht. Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits. „Was machst du denn hier?“, quietscht Bommel und sieht dabei aus, als ob er sich gleich in die abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten, der ebenfalls fegt „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich mitmachen soll?“ Astrid läuft rot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Schuljahres. Bommel liegt längst auf dem Boden, kugelt sich und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr!“ Er steckt uns alle damit an und sogar Astrid muss irgendwann grinsen. Der Kaufhallenleiter kommt raus und brüllt: „Verpisst euch, ihr Penner.“ Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Assi und sagt dann: „Ey, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem mit dem Finger unter die Nase. „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wurde er in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schloss ich den Alfclub auf und wenig später verlagerten wir die Veranstaltung – inklusive etlicher Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelte sich eine legendäre Party von der wir noch lange schwärmten. Leider darf ich davon nichts berichten, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und diversen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen. Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Ausfahrt ins Dynamo-Dresden-Land – Kindheit in der DDR

3. März 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Dynamo Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das “blaue Baby” im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, tatsächlich aber bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Schuljahren lernten wir Kinder eines: Berliner sind die Allergrößten, und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass “Nuklear” auf Sächsisch “Na klar” heißt. Die Sachsen konnte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.

Das Hauptziel des Spottes war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: “Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? – Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).”
Wimpel Dynamo

Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater eines Tages erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch einen neuen RFT-Farbfernseher zu kaufen gab – wenn auch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
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Welche Farbe hat Colt Seavers’ Wagen?

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Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 Jahren lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der Republik kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. Tempo 100 war bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich, und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis hereinzubekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.

So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.

Es gäbe die “Sportschau” mit grünem Rasen, und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Seavers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarzweißfilmen würden wir wegschalten.
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Als wir nach Dresden hineinfuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarzweiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan, und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache, und wir folgten einfach den Armbewegungen.
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Geheimverhandlungen
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Nachdem wir endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen allein führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernsehapparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!

Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt herein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!

Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von der Arbeit zu Hause an: “Marko, hast du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.” – “Nuklear!”, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht, und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte, und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen, und wir mussten seinetwegen dreimal zum Pinkeln halten.

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Es ging um viel
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Aber immerhin: Es ging zum Halbfinale des Uefa-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17, und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.

Natürlich hatte Vater die Karten über “Vitamin B” – B wie Beziehungen – bekommen, und die echten Dresdner Fans, für die es keine mehr im Vorverkauf gab, dürften uns dafür gehasst haben. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.

Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen Bundesrepublik und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasi-Verein BFC aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.
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Ich konnte es nicht glauben
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Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war. Doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Schnell kamen wir mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.

Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein Eschi ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren.
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Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000, jetzt schon heiseren Kehlen, erklang das berühmte: “Sing, mein Sachse, sing”. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.
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Im Hexenkessel
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Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches, sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem “Hexenkessel” gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. “Obseids!” (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf, und ich brüllte zusammen mit Tausenden anderen Menschen “Nuklear, Obseids!” ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1:1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war.

An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben.
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Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinem Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmte, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.

Erst vor dem Stadiontor traf ich, schockiert und noch immer schweratmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht.

Das Halbfinale des Uefa-Cups war mein bestes Fußballerlebnis in der DDR gewesen – und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!
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Zum Nachlesen bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner koofen
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Kuhle Gruppenratswahl – Jugend in der DDR

12. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz

Jugendweihebuch alle Der 11. März 1985 – ein ganz normaler Montag. Mutter stand wie immer 6.50 Uhr auf und schaltete um 6.55 Uhr das Radio im Wohnzimmer an. „Was ist denn heut bei Findigs los?”, lärmte ins Kinderzimmer in Lautstärke 8. Bei Stufe 9 wäre unser Neubaublock zusammengefallen. Im Berliner Rundfunk liefen, wie gewohnt, die „Findigs“ – eine bescheuerte Familie, mit Mutter, Vater, Jani, Jockl, Pit und Peggy Findig, die in einer Art Hörspiel, den ganz gewöhnlichen DDR-Alltag darzustellen versuchten. Als die Nachrichten begannen, wurde die Kühlschranktür aufgerissen. Das Geräusch war zwar für uns Kinder nicht hörbar, wurde jedoch von Otto, dem Meerschwein, umso deutlicher wahrgenommen, denn es begann sofort derart laut zu quieken, dass Benny und ich endgültig stramm im Bett standen. Die Tür flog auf. Ein fieser Schrei: „Kinder! Aufstehen! Oder wollt ihr zu spät zur Schule kommen?“ Ein ganz normaler Montagmorgen in der Mollstraße.

Wenigstens hatten wir nicht Nullte Stunde. Müde war ich dennoch und ausgerechnet heute musste ich noch zum fakultativen Englisch in der 7. Stunde. Als wäre das nicht schon Strafe genug, würde danach eine außerplanmäßige Gruppenratswahl anstehen, da unsere Vorsitzende und Vorzeigeschülerin Coco umgezogen war, wie es eine Zeit lang hieß und wir neu wählen mussten. Lydia hatte vor zwei Wochen einen Brief von ihr bekommen und die Begriffe „Ausreiseantrag“, „Rübermachen“ und „Landesverräter“ hatten unseren Wortschatz erweitert.
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Nach dem Zähneputzen mit Putzi (unsere Eltern meinten, dass wir noch nicht im „Rot-Weiß-Zahnpasta-Alter“ wären) und einer Katzenwäsche ging ich in die Küche und packte die blaue Dose – Marke „Plaste und Elaste aus Schkopau“ – in der die von Mutter geschmierten Stullen lagen, in meine schwarze Aktentasche. Das Ding mit dem Zahlenschloss hatte vor einem Jahr den braunen Schulranzen ersetzt, da die Koffer jetzt urst einfetzten. Daneben lag ein bekritzelter Zettel: „Mark! Bring den Mülleimer runter!“ Meine Mutter konnte schon am Montag ziemlich ätzend sein. Ich hob den leicht verrosteten Eimer aus der Verankerung, ging zum Fahrstuhl und drückte auf die 1. Der Müllschlucker-Raum im 9. Stock war seit ein paar Wochen gesperrt worden, da irgendein Idiot den Schacht mit Pappe verstopft oder seine Mutter darin versenkt hatte. ‚Scheiße‘, dachte ich, als ich unten ankam. An den Briefkästen standen Ute, Anja und Lydia aus meiner Klasse, die anscheinend gerade Diana abholten. Um mir die Peinlichkeit zu ersparen, direkt vor den Weibern den stinkenden Wochenendmüll zu entsorgen, ging ich mit stierem Blick geradeaus weiter zum Hausausgang, den Eimer dabei von meinem Körper geschützt haltend, und lief in Richtung Schule. „Ey Scheppi. Haste heute ‘nen Vortrag in Bio?“, rief mir Bommel kurz vor dem Ziel lachend zu. ‚Ach du meine Nase‘, ich hatte den Müll – in Gedanken versunken – fast bis auf den Schulhof geschleppt. Eilig rannte ich zurück und versteckte das Ding im Gebüsch des Rosengartens. Wie peinlich.
Die üblichen Verdächtigen standen am Zaun und diskutierten über eine Folge von „Western von gestern“ und das 9:0 des BFCs gegen Stahl Riesa. „Wisst ihr eigentlich, dass Jan Voss bei mir im Haus wohnt?“, rief ich, da er das sechste Tor geschossen hatte. Ich war froh: die Mülleimeraktion hatte außer Bommel niemand bemerkt. „Voss, die Pfeife“, rief Trulli. „Andi Thom ist tausendmal besser!“
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Das stimmte sogar, da wir beim Spiel im Jahnsport-Park gewesen waren und unseren neuen Fußballgott gemeinsam bejubelt hatten. Ich konnte keinen fetzigen Spruch entgegensetzen. Die Woche begann echt scheiße und nicht mal Andi, der zu Hause nur Osten glotzen durfte, erzählte etwas Dämliches über Winnetou-Indianer, „Ein Kessel Buntes“, „Polizeiruf 110“ oder „Außenseiter – Spitzenreiter“.
Als die Schulklingel ertönte, kamen unsere kichernden Mädchen um die Ecke und auch Bergi und Tessi, die noch eine bei den Großen gepafft hatten. Zusammen liefen wir die Treppen hinauf ins Klassenzimmer.
Erste Stunde Mathe! „Ich melde, die Klasse 7B ist zum Unterricht bereit“, salutierte Ute vor dem Lehrertisch, da sie als Stellvertreterin diese nervige Aufgabe von Coco übernommen hatte. Ich war nicht so schlecht im Rechnen und Kombinieren, aber da mich Herr Blase nicht sonderlich mochte – was auf Gegenseitigkeit beruhte – gab ich mir in dem Fach wenig Mühe und stand zwischen Zwei und Drei. Seit letztem Jahr war Blase auch noch unser Klassenlehrer geworden. Im Zeugnis der 6. Klasse hatte er über mich geschrieben: „Mark schöpft seine geistigen Fähigkeiten nicht aus. Er ist in der Lage, besonders im Bereich logisches Denken, gute Ergebnisse zu erzielen. So könnte er durch bessere Mitarbeit den Unterricht positiv beeinflussen. Mark tritt selbstbewusst auf und ist in der Lage, frei und ohne Hemmungen zu sprechen. Wenn er sein Pflichtbewusstsein noch erhöht, kann er die Aufgaben innerhalb der Pionierorganisation vorbildlich erfüllen. Es gelingt ihm aber noch nicht immer, seine Schwächen, die in der Disziplin zu suchen sind, zu bekämpfen und die Klassenkameraden stets positiv zu beeinflussen“.
Zeugnis hinten
Das mit der schlechten Disziplin war seit kurzem allerdings wichtig geworden, denn wer in der Kopfnote „Betragen“ eine 1 bekam, galt als Streber. In Ordnung, Mitarbeit und Fleiß konnte man sich das hingegen leisten.
Heute erklärte uns Blase, wie wir die Quadratwurzel der Zahlen mit einem Wert zwischen 1 und 100 mittels Rechenschiebers (des „VEB Mantissa“ aus Dresden) ermittelten. Das war nicht besonders schwierig, da man die gesuchte Zahl mit dem Läufer auf der Skala A einstellte und das Ergebnis auf der Skala D nur ablesen musste. Bommel und Tessi lachten sich trotzdem kaputt, weil sie die Lösung auf ihren West-Taschenrechnern schon nach acht Millisekunden gewusst hatten. Vorsprung durch Technik. Währenddessen kloppte Fränki mit der ausgezogenen hellgrünen Zunge des Rechenstabs dem Oberstreber Lars dermaßen aufs rechte Schulterblatt, dass der sofort zu heulen anfing und Blase brüllte: „Ruhe, verdammt nochmal Lars Stoch! Alle schlagen Seite 14 des Tafelwerks auf.“ Man musste ihm zu Gute halten, dass er im Gegensatz zu anderen Lehrern, Streber- und NVA-Kinder niemals bevorteilte und Rowdys manchmal sogar vor der Schulleitung verteidigte.
Bei Frau Frisch, die wir in der zweiten Stunde hatten, verhielt sich das komplett anders. Seit diesem Schuljahr quälte uns die stellvertretende Direktorin im neu auf dem Stundenplan stehenden Fach „Staatsbürgerkunde“ damit, für eine gute Note genau das zu schreiben und nachzuplappern, was sie hören wollte. Auf dem Titel des Schulbuches stand „Einführung in die sozialistische Produktion“. Und das war sowas von arschlos, dass es schon im ersten Halbjahr ein Tadel für Tessi gab, der aus purer Langeweile mit seinem Druckbleistift von KOH-I-NOOR die Lehrerin mit kubanischen Apfelsinen-Schalen beschossen und sich mit dieser Aktion angeblich über hungernde Kinder in Afrika lustig gemacht hatte. Er bekam einen Eintrag ins Hausaufgabenheft und konnte sich zu Hause „frisch machen“.
Die NVA
Fünf Minuten nach Beginn des Unterrichts meldete sich Stefan: „Frau Frisch. Was sagen sie eigentlich dazu, dass der Tschernenko gestern abgenippelt ist?“ Unsere Lehrerin starrte ihn lange mit stechendem Blick an und schrie dann mit roter Rübe: „Das ist nicht wahr! In der ‚Aktuellen Kamera‘ und im Radio wurde davon nichts berichtet! Stefan Waran, du erhältst einen Tadel auf dem nächsten Fahnenappel!“
Ich ärgerte mich. Durch die „Findigs“ hatte auch ich nur DDR-Funk gehört. Sollte schon wieder einer der alten Männer, nach Breschnew und Andropow in der SU gestorben sein? Niemand aus der Klasse stand Stefan zur Seite, obwohl die Frisch schon öfter mal gedroht hatte, ihn in den Jugendwerkhof zu schicken. Wenn das sein Vater wüsste. Der Jugendwerkhof für schwererziehbare Rüpel war neben der Kloppi-Schule für lernbehinderte Blödis und dem „Griesinger“ für geistesgestörte Spasten das Sinnbild dessen, wo man nicht so gerne hinwollte. Erstrebenswerte Ziele, außer vielleicht Kosmonaut oder Feuerwehrmann zu werden, gab es allerdings auch keine, die ein 7-Klässer gerade so vor Augen hatte.
Kosmonaut

In der Milchpause bildete sich ein Pulk um Stefan. „Na das haben sie doch heut früh beim RIAS gesagt. Der Typ ist mausetot!“, erklärte der Bäckersohn. Er wusste, dass er durch den Tadel in unseren Reihen an Achtung gewonnen hatte. Plötzlich kam über die Lautsprecheranlage krächzend die Ansage, dass die Schüler der 2. POS Käte Duncker sofort zum Fahnenappel antreten sollen. Wie gewohnt marschierten wir im Gleichschritt in Zweierreihen zu Arbeiterkampf-Liedern zum Appellplatz und bezogen vor der Schule Aufstellung. Das für Pioniere übliche „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und das „Freundschaft“ für FDJler wurde vom GOL-Vorsitzenden Jungblut gebrüllt. Alle antworteten wie befohlen mit „Immer bereit“ und hoben den rechten Arm mit der flachen Hand über den Kopf gen Himmel. Die Großen brummten „Freundschaft“ mit den Händen in den Taschen.
Unsere Direktorin Frau Seifert stellte sich auf eine kleine Empore und schmetterte ins Mikrofon: „Soeben wurde bekannt, dass der 1. Generalsekretärs des ZK der KPdSU und Vorsitzende des obersten Sowjets Konstantin Tschernenko, ein hervorragender Parteifunktionär und Kommunist, verstorben ist. Wir trauern um den Führer der ruhmreichen Sowjetunion und der sozialistischen Bruderstaaten und legen eine Schweigeminute ein.“ Jungblut kurbelte theatralisch die DDR-Fahne auf Halbmast. Verzweifelt suchte ich nach Frau Frisch, um ihr zuzurufen, dass Stefan doch recht gehabt hatte und kein vermeintlicher Konterrevolutionär ist. Was für ein Skandal!
5 Rosa Luxemburg POS
Ich ahnte, dass wir spätestens morgen wieder Appell haben würden, um zu erfahren, welcher Grauhaarige der Nachfolger geworden war. Plötzlich hatte ich eine Idee. „Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, fragte ich Stefan. „Biste jetzt total bescheuert Scheppi?“, rief er zurück und zeigte mir einen Vogel. „Na nur, um die olle Frisch ein bisschen zu ärgern“, antwortete ich und sah in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr. „Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelte er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, doch mein Freund schüttelte energisch den Kopf.

Wir holten unsere Turnbeutel aus dem Foyer und gingen hinüber zur Sporthalle in die Umkleideräume. Dort trafen wir auf die Idioten der A-Klasse. Eigentlich war die Zeit der kindlichen Sprüche: „A, wie Arschloch“ und „B, wie Blödis“, längst vorbei (im Umkehrsatz hieß es „A, wie artig“ und „B, wie besser“), aber Konkurrenz herrschte noch immer, die wir besonders im Fußball auslebten. Herr Pinka ließ uns zum Aufwärmen auf dem Sportplatz gerne mal 20 Minuten gegeneinander (an)treten, was wir natürlich viel fetziger als 3.000-Meter-Crossläufe im Friedrichshain fanden. Mit „Union-Didi“ hatten wir den besten Spieler in unseren Reihen und auch ich konnte mich ab und an in die Torschützenliste eintragen. Wir gewannen diesmal mit 2:0 und verbesserten unsere Bilanz auf 4:1 Siege in diesem Schuljahr. Danach ging es in die Halle zum Hochsprung nach Noten.

3 Turnhalle
Für die 1 mussten wir 1,34 springen, was außer den richtig Fetten (wie Tessi) egal ob im Scherensprung, Wälzer oder Flop, allen gelang. Andi schaffte später beim Rekordspringen sogar sensationelle 1,64 Meter, womit er locker auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) kommen könnte. Das war eigentlich auch noch ein erstrebenswertes Ziel in unserer sportverrückten Nation. Lediglich Boschi sorgte für allgemeine Belustigung. Alle Weiber, die „sportfrei“ (oder „Erdbeerwoche“, wie Enrico aus der A das nannte) hatten, saßen hinter der dicken Hochsprungmatte und lachten sich scheckig. Boschi trug – wie alle – ein ärmelloses gelbes Shirt und eine weiße Turnhose. Er hatte aber keinen Schlüpfer darunter! Bei jedem Sprung zeigte er seine nackte Nudel, die dann aus der Seite herausbaumelte. Die Mädels kreischten und da er jede Höhe immer erst im dritten Versuch meisterte, vermutete ich, dass er seinen halbsteifen Pimmel ganz gerne zur Schau stellte. Ungeduscht und ausgebuht ging er allein hinüber zur Schule. Das war vielleicht ein Kunde. Wir indessen ärgerten uns auf dem Rückweg, den Weiber-Hochsprung mit diversen Wackeltitten und Saftmuschis während des Fußballs verpasst zu haben – besonders die Versuche von der Oberfotze Anja Richter! Die kuhlen Wörter hatte auch Enrico aufgebracht.
Russisch-Unterricht. In der sechsten Klasse hatte ich eine aus Moskau kommende Lehrerin einmal mit dem Spruch „Russki, Russki, du musst wissen, deine Sprache ist beschissen!“, zum Heulen gebracht. Dafür handelte ich mir meinen bisher einzigen Tadel ein und zu Hause gab es richtig Ärger. Bis ich beim heimlichen Lauschen im Wohnzimmer mitbekam, dass mein Vater den Satz eigentlich ziemlich lustig fand und ihn nach vier Bieren und drei Korn etliche Male wiederholte.
Silvester früher
Unsere neue Lehrerin, Frau Nina Ebert, war Deutsche, strenger und nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, doch die Sprache blieb nach wie vor beschissen, da wir sie nie – wie uns immer weißgemacht wurde – auf dem Alex oder im FDGB-Urlaub anwenden konnten. Es gab einfach keine Komsomolzen (oder normale Bürger der Sowjetunion) in unserem Umfeld, außer im internationalen Pionier- und Mathelager in der Wuhlheide, wo nur die Streber hinfuhren. Die unzähligen Kasernen der „Freunde“ im Umland Berlins waren hermetischer als die Mauer nach Westberlin abgeriegelt. Dabei fanden wir die Sprache in der 5. Klasse zunächst noch ganz spannend, vor allem wegen der kyrillischen Buchstaben und weil die Worte so komisch klangen. Das Wort „Dostoprimetschatelnosti“ (Sehenswürdigkeiten) werden wir auch noch in 50 Jahren fehlerfrei aussprechen können. Doch die Euphorie flachte schnell wieder ab. Niemand wollte eine Brieffreundin in Leningrad, Baku oder Moskau haben. Unser heimlicher Spruch lautete nunmehr: „Nina, Nina, tam kartina. Eto traktor i motor.“ (Nina dort ist die Karte. Das ist ein Traktor und ein Motor). Nach drei Rotkäppchen-Sekt im Lehrerzimmer und spätestens während der Heimfahrt in ihrem knallroten „Zappelfrosch“ hätte wahrscheinlich sogar „Tawarisch“ Ebert darüber gelächelt. Alle waren froh, als die Pausenklingel ertönte.
In den Schulkeller zur Essensausgabe, die vom Vollalki-Hausmeister Meier bewacht wurde, ging kaum noch einer. Enrico hatte mich in der 6. Klasse dort unten mal einen „Wichser“ genannt und ich traute mich nicht, ihm eine zu scheuern, da er im Judo war. Was das Wort bedeutete, wusste ich damals auch nicht.
Heute gab es „Tote Oma“, doch Blutwurst hatte ich schon in Scheibenform auf den Pausenstullen gehabt. Obwohl ich zu Hause immer das Essensgeld abkassierte, ging ich in der großen Pause lieber in die Koofi oder zu jemand nach Hause. Bei schönem Wetter spielten wir Autokarten, Skat, Offiziersskat oder Telespiele aus sowjetischer Produktion auf dem Sockel des Lenin-Denkmals.

Zurück auf dem Hof gab es Krach. Die komplette A-Klasse umringte Kosert aus der 8., der sich wie immer, wenn er geärgert wurde, in die Handfläche biss. Sie schubsten ihn von einer Seite zur anderen. Wenn es darum ging, Schüler aus höheren Klassen fertig zu machen, hielten wir meistens zusammen. „Der Spasti gehört doch ins Griesinger“, brüllte Bergi, der sich gerne mal bei den A-Typen einschleimte, wobei er mit seiner Aussage nicht ganz Unrecht hatte. Ulf Kosert schien echt eine Vollmeise zu haben, nicht zuletzt, weil er ständig seine Popel fraß, irgendwo herumkokelte oder in Speckitonnen wühlte und stets irgendwie keimig aussah. Niemand half ihm und sein Martyrium endete erst, als die 5. Stunde begann.
Wir hatten Geografie beim Gahler. Der Typ mit dem leicht ergrauten Vollbart, der morgens immer in Lederjacke auf einer schwarzen MZ angebraust kam, war urst in Ordnung. Auch wenn das bei Geo gar nicht nötig war, fand der Unterricht im Laborzimmer im dritten Stock am Ende des Flures statt. Hier war sein Reich, denn auch Biologie hatten wir dort bei ihm, wo wir dicke Regenwürmer zentimeterweise durchtrennen und die Großen sogar Frösche sezieren durften. Unser Blätter- und Pflanzenbuch, welches durch ständige Exkursionen in den Volkspark, die Wuhlheide und sogar bis nach Hirschgarten erweitert wurde, hatte mittlerweile die Stärke des Kapitals, welches uns die Frisch ständig um die Ohren schlug. Doch im Gegensatz zu Marx-Zitaten konnten wir uns die mit DUOSAN eingeklebten Gewächse auch merken. Die Laborzimmer waren außerdem viel fetziger, da wir dort – getrennt von einer Mittelkonsole – zu dritt in einer Reihe an einer Art Werkbank sitzen konnten und nicht, wie gewohnt, in einem frisch gebohnerten Raum an exakt ausgerichteten Tischen nur zu zweit.
Was Geo besonders spannend machte, war der Wettbewerbscharakter, den der Gahler in den Vordergrund stellte. Fast immer holte er eine große DDR-Karte auf einem Kartenständer aus dem Lehrerkabinett, die auch in unserem Schulatlas in Klein vorkam, stellte sie vor uns auf und rief: „Merkt euch bitte alle Salz-, Kali und Braunkohle-Vorkommen.“ Nach fünf Minuten drehte er die Karte um und holte eine stinknormale DDR-Landkarte. Nun wurde ein Schüler nach vorne gerufen und musste auf dieser mit dem Zeigestock auf die zuvor gesehenen Bodenschätze deuten. Wenn man Glück hatte und wirklich alle Standorte noch wusste, gab es sofort eine 1 ins Klassenbuch. Komischerweise war hier niemand richtig schlecht. Die 14 Bezirkshauptstädte der DDR plus Berlin – sogar Suhl oder Gera – hätten wir ihm mit verbundenen Augen zeigen können. Meine Begeisterung für diese Art der Wissenserweiterung ging so weit, dass ich irgendwann sogar alle Hauptstädte der Welt auswendig wusste und mein kleiner Bruder Benny, der mich immer abfragen musste, auch! Doof fanden wir dabei nur, erst zwei dieser Metropolen gesehen zu haben. Berlin und Prag in der ČSSR. Aber im kommenden Jahr hatte uns Vater Budapest fest versprochen – das erzählte ich auch Herrn Gahler voller Stolz. Obwohl es heute nur um farblich unterschiedlich gekennzeichnete Bodenarten ging – was wohl für die LPGs ziemlich wichtig war– vergingen die 45 Minuten wie im Flug.
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Nun ging es zur Deutschstunde bei Frau Wagenbach. Die dunkelhaarige Lehrerin mit dem verschmitzten Lächeln mochte eigentlich jeder. Sie war jung, lustig, fair und vor allem sauhübsch. Wenn sie in kurzen Röcken und mit Schlafzimmerblick die Gänge entlang schwebte, schauten sich alle Jungs um und die Großen pfiffen ihr hinterher oder machten unmoralische Angebote. Aber auch ich würde diese Traumfrau gerne mal küssen wollen, wenn ich alt genug dazu wäre. Außerdem war der Unterricht bei ihr nie langweilig, da sie in verschiedenen Stimmlagen, die Rollen aus Büchern lebensecht vortrug und so auch Lesemuffel überzeugte, dass Pflichtlektüre urst einfetzen konnte. Wir verschlangen regelrecht Bücher wie „Käuzchenkuhle“; „Ede und Unku“, „Bootsmann auf der Scholle“, „Das siebte Kreuz“, „Nackt unter Wölfen“, „Djamilja“ und „Timur und sein Trupp“.
Timur
Besonders das Werk von Arkadi Gaidar hatte es uns angetan. Alle wollten danach „Kommissar“ sein, wie Timur manchmal genannt wurde, oder wenigstens Kolja, Geika, Wassili oder Sima aus seiner Truppe. Der fiese Anführer der Bösen, „Kwakin“, war natürlich immer einer aus der Parallelklasse, den wir, falls wir mal einen allein erwischten, in den Bauch boxten oder wenigstens die Beine von hinten stellten. Die verrückte Ina aus der A wurde eine Zeit lang Shenja (wie Timurs Freundin) genannt, aber vielleicht hatte sie das auch selbst aufgebracht. Einige organisierten sich sogar als Timurhelfer, die in ihrer Freizeit Nachbarschaftshilfe oder Subbotnik bei alten und kranken Leuten leisteten, für sie einkauften oder deren Altstoffe selbstlos abgaben, denn Timurhelfer wollten keinen Dank.
In Deutsch hatte ich immer eine 1 und Frau Wagenbach ermutigte mich, auch Bücher aus höheren Stufen zu lesen. So war ich der erste meiner Klasse, der „Die Abenteuer des Werner Holt“ gelesen hatte, welches dann durch die Bank weitergereicht wurde. Timur geriet alsbald in Vergessenheit, da nun alle den kuhlen Flakhelfern – mit Namen wie Wolzow, Gomulka oder eben Holt – nacheifern wollten.
Danach verabschiedeten sich all meine Freunde, da niemand von ihnen am Fakultativ-Unterricht Englisch teilnahm, wenngleich auch der bei Frau Wagenbach stattfand. Es hieß: „Ich mach hier doch keine Zusatzstunden“, was ich eigentlich ähnlich sah. Lediglich weil man ohne eine zweite Fremdsprache nicht zum Abitur zugelassen werden würde, hatte mich mein Vater nach langer Diskussion und dem Hinweis, dass ich dann endlich die „Beatles-Songs“ verstehen würde (die wir gar nicht hörten), überzeugt, doch mitzumachen. Aber bei „Hey Music“, der Hitparade des SFBs, waren ja auch fast alle Titel in Englisch, gestand ich mir irgendwann ein.
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Die Entscheidung bereute ich nicht, da der Unterricht zusammen mit der A-Klasse stattfand – ohne deren Obermacker Enrico, Thomas und Höhne, dafür aber mit den hübschesten Mädchen der Schule. Wahrscheinlich hatten sie bei der Einschulung allen gut aussehenden weiblichen Kindern das Prädikat „A-Klasse“ verpasst. Nein, ganz so hässlich waren unsere Weiber auch wieder nicht, aber die richtigen Topbräute gingen nun mal in die Nachbarklasse.
Ina war mit ihren zwei blonden Zöpfen und den knallblauen Augen tatsächlich das Sahnetörtchen schlechthin. Dummerweise war sie verrückt. Sie klaute Blumen, um sie vor der Kaufhalle zu verkaufen, kam öfter barfuß oder halbnackt zur Schule und war vor allem im Ferienlager mal abgehauen und drei Tage allein durch die Wälder von Thüringen getingelt, was sie supergeil gefunden hatte, obwohl ihre Eltern und ein riesiger Suchtrupp in großer Sorge gewesen waren. Ina war zudem die Einzige, die sich mit dem Mongo Kostert – natürlich in Geheimsprache – unterhielt und ihn oft in Schutz nahm. Ich mochte das süße Zopfmädchen dennoch, aber sie anzubaggern, barg die Gefahr, schnell mal ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen. Ina konnte aus der Hand lesen und dabei wunderbar unser Schicksal und die Welt erklären. Angeblich hatte sie auch schon mal gefickt.
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Dann waren da noch Simone und Nadja. Die gaben sich mit uns „Spastis“ überhaupt nicht ab und gingen mit Typen aus der 9. auf anderen Schulen. Obwohl die eine dünn und brünett und die andere schon vollbusig und schwarzhaarig war, benahmen sie sich wie eineiige Zwillinge. Man traf sie niemals allein und wenn man sich trotzdem mal traute, eine der beiden anzusprechen, machten sie sich sofort über einen lustig. Sie wussten, dass sie toll aussahen, zumal sie Westverwandte hatten und die schärfsten Klamotten der Schule trugen. Bei ihnen waren Füller, Tintenkiller und sogar die Radiergummis ausschließlich von „Pelikan“. Besonders in Nadja war ich schwer verliebt, doch es bestand keine Chance, jemals an sie heranzukommen.
Vor Englisch ging ich trotzdem immer aufs Klo, um meine Haare zu richten und Pickel im Gesicht auszudrücken (was die Sache meist schlimmer machte). Auch wenn ich gerne mal zu „übersteigertem Selbstbewusstsein“ (O-Ton Herr Blase) tendierte, bekam ich im Unterricht kaum einen geraden Satz heraus, da sich die A-Tanten sofort umdrehten und kicherten. Mitarbeit 5 – very good! Ich war daher immer froh, wenn Frau Wagenbach den Fernseher anschaltete und wir „English for you“ mit Dave und Jenny schauen durften, die in Großbritannien alles scheiße fanden, weil es dort Staus, Streiks, Arbeitslosigkeit, hohe Mietpreise, Kriegstreiberei, Profitgier oder einfach nur Kapitalismus gab.
Um 13.45 Uhr wurde ich auf den Hof entlassen, wo nach und nach meine Kumpels mit weißem Pionierhemd zur anstehenden Gruppenratswahl eintrudelten und sich das rote Halstuch liederlich zum Pionierknoten banden. Auch ich holte die zerknitterten Sachen aus meinem Koffer und zog mich um.
Zwanzig Minuten später saßen wir in gewohnter U-Form an Tischen. In der Mitte hatten Herr Blase, die Frisch, welche gleichzeitig auch Freundschafts-Pionierleiterin der Schule war und „Gummiohr“ Herr Hohlmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen immer mit dabei war. Vor ihnen lag die „TROMMEL“, welche vor zwei Jahren die bei allen beliebte „FRÖSI“ als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hatte.
Wandzeitung 29 Jahre DDR
„Seid bereit“, rief Ute. Wir antworteten und stimmten danach gemeinsam „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“ an. Die Wahl des neuen Gruppenrats war heute der einzige Tagesordnungspunkt. Sabine und Lars konnten nicht gewählt werden, da sie im Freundschaftsrat eine Funktion ausübten, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem Emblem „JP“, der jungen Pioniere, stolz zeigten. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gab es nicht. Nur die Farbe der Halstücher unterschied uns seit Jahren von den Babys mit den blauen.
Lydia meldete sich: „Also ich schlage Diana als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkte: „Ich auch!“ Die Mädchen hatten sich also auf Diana Genz aus meinem Haus geeinigt – diese doofe Ziege, welche stets darauf bedacht war, wie ein Junge auszusehen. Ihre mittelblonden Haare klebten im Topfschnitt auf der viel zu kleinen Omme unter dem sich ein Gesichtseimer und Zahnfleischzähne befanden. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch stand ihr sogar, denn so konnte sie ihre MALIMO-Klamotten – Marke „VEB-Jugendmode“ – wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem galt sie neben der Richter als die allergrößte Petze, wenn es darum ging, jemanden anzuschwärzen.
Das war zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, rief Ute, die sah, dass ich meine Hand gehoben hatte. „Ich schlage Stefan vor“, und schaute dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelte er den Kopf, aber ich wusste, auch er hasste Diana! Man konnte beobachten, wie die Frisch tief durchatmete und ihre Gesichtsfarbe von blass ins rötliche wechselte, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln schien. Wir waren 13 Jungs und nur 12 Mädchen in der 7B.
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Siegessicher ließ ich den Blick durch unsere Reihen schweifen – und fing plötzlich an zu schwitzen. Der dicke Tessi war nicht gekommen. Natürlich nicht, denn der war ja gar kein Pionier. Auch wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, ließen ihn seine Eltern nicht und schleppten ihn lieber in die Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Ute fragte bereits: „Also, wer ist alles für Stefan?“
Zwölf Arme – immerhin einschließlich seines eigenen – reckten sich in die Höhe. Das würde nicht reichen, da bei einem Unentschieden sicher die Gruppenpionierleiterin Frisch zum Wohle der Organisation entscheiden würde.
Ich war stinksauer und schaute zur stets unter Rotlichtbestrahlung stehenden Stabi-Lehrerin, die sich allmählich wieder zu entspannen schien. Ute begann zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feierte innerlich schon. Gleich würde ein ihr stets alles zutragender, vorbildlicher Thälmann-Pionier zum Gruppenratsvorsitzenden des Klassenkollektivs der 7B gewählt werden.
„Elf, zwölf – und dreizehn“, rief Ute. Geschockt starrte ich in die Runde. Wer hatte sich denn auf unsere Seite geschlagen? Astrid blinzelte mir zu und ich nickte zurück. Doch sie deutete mit dem Daumen nach links. Oh Mann! Diana Genz war die alles entscheidende Wählerin gewesen. Um 15.30 Uhr gingen wir nach Hause. Ute war Stellvertreterin geblieben, Lydia Schriftführerin, Dirk zum Altstoffbeauftragten gewählt worden (was Vati sichtlich stolz machte) und ich blieb Kulturfunktionär. Lediglich bei Anja Richters Wahl zum Agitator war es nochmals knapp zugegangen, aber die Jungs stellten ja schon den Chef und so konnte die das ruhig wieder machen. Wir hatten der Frisch gehörig eins ausgewischt.
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Auf dem Heimweg stand Stefan im Mittelpunkt. Alle, bis auf ihn, schienen sich zu freuen und lachten sich darüber kaputt, dass wohl erstmals ein Schüler der Käte Duncker zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden war, der in „Betragen“ fast immer eine 4 hatte und noch am Vormittag knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt war. Sogar Lars durfte Teil der Truppe sein, da er sich nicht der Stimme enthalten hatte. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Haken seines Anoraks an den Zaun der Rosa oder die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er Beine baumelnd und wimmernd bald Nasenbluten bekommen hätte.
Kurz vor meinem Hauseingang nahm ich Stefan zur Seite. „Warum hat die Genz eigentlich für dich gestimmt? Bloß weil die sich nicht selbst wählen wollte? Ich kapiere das nicht.“ Ich bemerkte seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen auf Kuhlen machte. „Na Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Diana seit über einem Jahr zusammen.“ „Wie bitte?“
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Ich war eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – das bisher verschwiegen hatte. Erst vor dem Fernseher auf der Couch wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem engsten Umfeld abspielten, nicht die geringste Ahnung hatte. Aber wer wusste eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal auch in Simone oder Ina verknallt bin? Niemand!
Als die Nachrichten im ZDF begannen, ging das Türschloss. Meine Mutter! Die Top-Meldung des Tages widmete sich dem 54jährigen Michael Gorbatschow, der heute zum neuen Staats- und Parteichef der Sowjetunion gewählt worden war. Er schien demnach verhältnismäßig jung zu sein und sah nicht mal besonders unsympathisch aus. Doch Veränderungen in Richtung Offenheit, Rede- und Informationsfreiheit oder gar eine Lockerung in der Politik der zentralen Planwirtschaft – wie sie im Westen immer forderten – waren auch mit ihm sicherlich nicht zu erwarten. Und ebenso wenig würde Stefan eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7B einleiten – dazu waren die Strukturen unserer Pionierorganisation einfach viel zu eingefahren.
„Mark, wo ist eigentlich unser Mülleimer?“, kreischte es aus der Küche. ‚Mist, den habe ich glatt im Gebüsch vergessen‘, dachte ich und spurtete sofort zur Tür. Es gab in meinem Leben eben noch wichtigere Dinge als irgendwelche Neuwahlen. Mit meiner Mutter durfte man es sich nämlich echt nicht verscherzen – auch nicht am 11. März 1985, einem ganz normalen Montag.

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Magisches Dreieck bei “Fritten, Fussball & Bier” – Jugend in der DDR

24. April 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

Triangel“Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden! Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!

Zum einen fand dieses Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel 1974 verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang haben sich im von uns so genannten “Scheppert-Eck” Mollstraße / Ecke Hans-Beimler-Straße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die BRD wurde Weltmeister und ich – trotz allem – zum Fußballfan.

Mein Berlin hatte zwei Mannschaften zu dieser Zeit: Union Berlin und den BFC Dynamo. Wir wohnten in Friedrichshain, und da war es zu Union nach Köpenick in Kinderaugen genauso weit wie nach Magdeburg oder Halle. Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg hingegen war gleich um die Ecke – also wurde ich weinrot-weiß Dynamo.

Ich war noch sehr klein und wusste nicht, welchen zweifelhaften Ruf meine Mannschaft in unserer Republik besaß. Wahrscheinlich haben mich Sprüche der Gästefans wie: „Ihr bekackten Mielke-Stasi-Arschlöscher-Bonzen!“ in diesem Alter nur verwirrt. Es war eine Frage der sozialistischen Ideologie: BFC-Fan hieß, man war dafür, Unioner waren dagegen. Egal – ich hatte ein Team, das ständig gewann!”
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