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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Buchvorstellung: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ – DDR Alltag

14. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Mikis WesensbitterViele von Euch haben sich sicherlich schon lange gefragt: Wird es jemals ein besseres Buch über die DDR und das Ostberlin der 80iger Jahre, als das mittlerweile in jeder Schule auf dem Lehrplan stehende Werk „Mauergewinner“, geben?
Die Antwort lautet ja (!), denn Mikis Wesensbitter ist mit „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich’ ma Spaß!“ ein echtes Meisterwerk gelungen. Zwar beschreibt er darin nur das berühmte Jahr 1989 in Tagebuchform, dies jedoch mit einer unfassbaren Detailgenauigkeit, Präzision und vor allem so dermaßen lustig, dass man sich diese Zeit manchmal echt zurückwünscht. Aua!

In meinem Fall hat das vielleicht sogar Gründe, da ich drei Jahre jünger bin. Während der Protagonist all die geilen Konzerte der Vorwendezeit mit 20 erlebt hat, in Friedrichshainer Kneipen bis tief in die Nacht versumpft ist und danach durchaus interessante Frauen abgeschleppt hat, war ich eben noch eher ein Junge, der dem „Held“ mit Sicherheit hier und da begegnet ist, aber eben viel uncooler in jener Zeit agierte. Und der blöderweise nur knutschen und fummeln durfte, da ihm die Mädels nicht in die Dreiraum-Wohnung seiner Eltern (mit Brüderchen Benny im selben Zimmer) folgen wollten.

Extrem gelungen finde ich ein Gefühl, welches der Autor vermittelt, nämlich, dass die DDR Scheiße war, aber alles was danach kam (in dem Buch eben nur die kurze Zeit nach dem Mauerfall) noch viel beschissener. Auch für mich waren die frühen 90iger – zumindest was Freunde betrifft – eher ernüchternd. Auf der großen Silvesterparty eines Kumpels am 31.12.1989 war ich Mitternachts plötzlich nur noch von 6 Leuten umgeben, da alle anderen 44 zu „den ganzen Freiheitsidioten“ (Zitat Wesensbitter) ans Brandenburger Tor abgehauen sind. Nach dem Abitur verringerte sich mein Freundeskreis schlagartig um 90 Prozent, da es vielen plötzlich nur noch um die große Kohle (statt die große Freiheit) ging.

Das Buch vermittelt jedoch nicht den ganzen Mist: “In der DDR hielten die Leute viel mehr zusammen, haben viel öfter und besser gevögelt und auch sonst hat alles urst eingefetzt”, denn Mikis beschreibt auch diese traurigen, grauen Sonntagnachmittage, den Stumpfsinn im Alltag und in der Produktion. Und fiese „Stasiratten“ aus Memphis (MfS), die es auszutricksen galt. Aber eben auch Zärtlichkeiten, Gerüche, Gegenden, Freundschaften, Verlustängste, Euphorie. Er skizziert damit ein Land jenseits von Stasiknästen, Jugendwerkhöfen und sinnlosen Fahnenappellen, die es in manchen Köpfen ausschließlich zu geben scheint. Die Wende in Ostberlin 1989 steht eben auch für Punk, Saufen, Ficken und …

Absolute Kaufempfehlung und zwar hier: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ bei Amazon

PS.: Am 13.10. war Mikis Wesensbitter bei unserer Lesebühne zu Gast. Gerne würde ich mit ihm mal eine „DDR-Lesung“ machen, denn er ist mir sympathisch (obwohl er „Berliner Pils“ ächtet). Spätestens 2019 – nur 30 Jahre nach dem Mauerfall – bekommen wir das sicherlich hin!
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Glad all over – 1. FC Union Berlin gegen Crystal Palace FC am 18.07.2015

17. Juli 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

P1110749Nach der Brasilienreise 2014 zur Fußball-WM war die Luft zugegebenermaßen erst einmal ein bisschen raus. Allerdings wird es auch noch in vielen Jahren schwierig sein, dieses emotionale Highlight irgendwie zu toppen.

Dass mich ausgerechnet Sylvie aus der Lethargie riss, war insofern bemerkenswert, da sie sich bis zu einen heißen Sommertag in Fortaleza „einen Scheiß“ für Fußball interessiert hatte. Die kleine Pfälzerin hatte am 8. März 2015 (wohlgemerkt der internationale Frauentag) die Idee, mich spontan zum Spiel von Union gegen den FCK einzuladen. Um es abzukürzen, das Spiel war grottenlangweilig (0:0), aber die Atmosphäre nach ein paar Bieren bei ersten, zaghaften Frühlingsstrahlen vor und im fast ausverkauften Stadion, entschädigte. Drei junge Engländer aus Leeds standen ganz in unserer Nähe und wir kamen ins Gespräch. Sie ließen ihrer grenzenlosen Freude fast ununterbrochen freien Lauf, da es hier überall günstige goldfarbene Kaltgetränke gab, sie in der Alten Försterei paffen konnten bis der Arzt kommt und die Fangesänge der stehenden Unioner, aber auch die, der ganz in der Nähe befindlichen Roten Teufel, einfach nur grandios waren. Fußballstimmung, die sie aus “Sitzplatz-England” nicht kannten. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass sich Deutschland eine fantastische Fußballkultur bewahrt hatte und in diversen Stadien ein Leben abseits von Arbeitsfrust, Langeweile und eben auch Lethargie möglich ist. Schlecht geschrieben, aber wahr.
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Der Startschuss in eine außergewöhnliche Fußballwoche war erfolgt, denn nur wenige Tage später hob der Flieger nach London ab. Ich wollte meinem Bruderherz Benny zu seinem 40. Geburtstag einen Lebenstraum erfüllen: ein Chelsea-Match an der Stamford Bridge. Natürlich hatte ich nichts dem Zufall überlassen und rechtzeitig Flüge, Hotelzimmer und über Göte, der seit Jahren an der Themse wohnt, auch Tickets organisiert. Nur der Rückflug stand noch nicht, da die Premier League ewig nicht mit dem Spielplan herausrücken wollte. Natürlich fiel die Partie dann auf einen Sonntag, sodass wir bis Montag in der nicht gerade günstigen Hauptstadt bleiben mussten (die Kreditkarte glühte).
Doch da ich mit Benny nun eh schon (und eigentlich nur) zum Fußball nach London gekommen war, mussten wir uns noch etwas für den Samstag überlegen. Bei Arsenal (spielten gegen West Ham) war ich schon, Tottenham und Millwall kickten away und Fulham kam nicht in Frage. Blieb also nur Crystal Palace, die immerhin auch in einem Stadtderby gegen die Queens Park Rangers in der Premier League antraten. Göte hatte sogar einen „Eagle-Fan“ im Freundeskreis, der uns seine Jahreskarten im „Whitehorse Lane Stand“ zum OK-Preis von je 30 Pfund überließ, weil er zu einer Hochzeit musste (wobei das bei Nick Hornby nicht als Ausrede gegolten hätte). Später erfuhren wir, dass er alle 10 Minuten Göte anfunkte, wie es uns dort gefallen würde. Niedlich!
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Auf zum „Selhurst Park“! Wie nicht anders zu erwarten, saßen wir (sehr früh, da aufgeregt) im Zug mit der komplett versammelten QPR-Althool-Fraktion. Denen wäre man in den 80igern lieber nicht über den Weg gelaufen und in Selhurst Station gingen wir mit ihnen, wider besseren Wissens, auch noch ein Stück des Weges, bis wir in eine Art Sackgasse gerieten – rechts und links rote Klinkermauern – und mit komischem Slang gefragt wurden, ob wir uns irgendwie verlaufen hätten. Hatten wir! Zurück am Bahnhof wurde uns klar, dass die Heim-Fans eine völlig andere Route entlang des Bahndamms wählten und wir reihten uns ein. Auch hier sah es noch immer wie in den verrotteten alten englischen Straßen des Streifens „Hooligans“ aus. Doch in der Masse fielen wir nicht weiter auf, zumal nun auch Großvater, Vater & Sohn mit am Start waren. Es war erst zwölf Uhr mittags, dennoch hatten wir Bierdurst – es gab aber keine Verkaufsstände, Kioske oder fliegende Händler und die einzige Eckkneipe vor dem Stadion war brechend voll. Egal, auf der Suche nach unserem Block vor dem beindruckenden Backsteinbau trafen wir unsere zahnlosen Freunde der QPR-Fraktion an ihrem Arthur Wait Stand wieder – Benny wurde fast reingesaugt – denn unmittelbar daneben befand sich unser extrem schmales Drehkreuz ins Glück. Letztendlich waren die Plätze tatsächlich jene, welche sich am allernächsten zum Gästeblock befanden und schon vor Spielbeginn mussten wir etliche „Fotzen- und Wichser-Rufe“ über uns ergehen lassen.
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Unsere Nachbarn hielten dagegen und forderten die Jungs mit eindeutigen Gesten fast ununterbrochen auf, mal rüberzukommen. Das alles ohne Zäune und wenig Sicherheitspersonal. Ein Spaß!
Unten, im Tunnel, verkauften sie überraschenderweise (wenn auch in ollen Plastikflaschen) alkoholhaltige Bier – alles wurde gut und da noch wenig los war und man das hier durfte (oder wir es einfach machten), konnte ich mit meinem Bruder sogar den heiligen Rasen des CPFC betreten. Come on: erst einen Monat später las ich in „11Freunde“, dass Crystal Palace, die einzige Ultra-Vereinigung in England besitzt, die sich für die Wiedereinführung von Stehplätzen stark macht, dass der Club nicht nur deshalb zur Zeit oberkult ist, dass er sich vieles von der alten, geilen Fußballkultur bewahrt hatte – wir hatten uns schlecht vorbereitet – sahen das aber eigentlich auch mit eigenen Augen. Lediglich die Cheerleader fand ich etwas deplatziert. Der durch die komplette Arena fliegende (lebendige) Adler war jedoch außergewöhnlich grazil. Auch hier komme ich schnell zum Punkt: die beiden Team waren nicht sonderlich stark, aber Götes Kumpel konnte sich für uns freuen, da wir ein rasantes 3:1 und wahrscheinlich das Tor des Jahres in England gesehen hatten. „Matt Phillips scored a brilliant 40-yard effort after 83 minutes“. Glücklich liefen wir in viel zu engen Gassen mit den Massen zurück zum Bahnhof, bekamen nirgends aufs Maul und uns klang noch den kompletten (glücklich in Pubs verbrachten) Tag der Crystal Palace Song „Glad all over“ in den Ohren nach.
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Die Atmosphäre am nächsten Tag beim Chelsea FC, das Merchandise-Gedöhns, die unspektakuläre Anreise, das touristische Umfeld und sogar das Spiel (1:1 gegen Southampton) konnten in keinster Weise mit den Erlebnissen vom Vortag mithalten, zumal Chelsea eigentlich gerade auf Meisterkurs war und ich die laue Stimmung und den fast nicht vorhandenen Support nicht nachvollziehen konnte. Für meinen geliebten Chelsea-Fan-Bruder Benny fetzte das dennoch alles urst ein. Unzählige Fotos von ihm und dem Stadion, dem Spielfeld und dem Weg dorthin entstanden – und dafür waren wir ja gekommen: es war sein Geburtstagsgeschenk!

Mit einem Flutlichtspiel endete am 20.03.2015 eine – für mich – außergewöhnliche Woche: Union kickte gegen den FC St. Pauli. Das ist die Partie, auf welche ich seit Jahren eigentlich immer gehe (auswärts wie home). Das Match war in meinen Augen noch schlechter, als das gegen den FCK, obwohl es für Fußball-Nostalgiker (und Eiserne Fans) denkbar schön mit einem Tor in der 89. Minute 1:0 für die Köpenicker ausging. Aber es war ein Freitagabend-Flutlichtspiel! Eine riesige Truppe (mit befreundeten Hamburgern) hatte sich zusammengefunden, hunderte Liter “Berliner Pilsner” wurden nicht nur am „Warsteiner-Stammtisch“ angesaugt und der Abend endete verdammt spät in der „Tagung“ in Friedrichshain. Was für eine Fußballwoche!
Union Crystal Palace

… und am 18.07.2015 schloss sich der Kreis dann irgendwie. Ich habe nicht herausgefunden, warum sie sich den Gegner ausgesucht haben & es war mir auch vollkommen egal. Jedenfalls spielte der 1. FC Union Berlin gegen Crystal Palace FC in einem Freundschafsspiel gegen das Premierleague-Team kurz vor Saisonbeginn.
Das Match endete unterwartet 2:0 für die Eisernen, doch auch die 400-500 angereisten Palace-Fans hatten sichtlich Spaß, das Stadion zu entern, gegen die knapp 8.000 Einheimischen anzusingen, im strahlenden Sonnenschein frisch gezapftes Berliner zu trinken und im Anschluss ordentlich zu versacken. An der Alten Försterei ist eben auch für die Supporter des “Stolz aus Südlondon” ein Leben abseits von Arbeitsfrust, Langeweile und Lethargie möglich. Sie werden dies in ihren Herzen bewahren und mit in den Selhurst Park tragen.

Ich jedoch war, wie mein Freund Bielefeld das treffend kommentierte, lediglich gekommen, um ein bißchen frische Luft zu schnappen. Vor, während und nach der Partie war ich über diese Entscheidung allerdings „glad all over“!


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