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Backpackerscheiße – Willkommen in Bolivien

21. Juli 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Kurz vor der Grenze pfeffert Jenna den Sack mit den Kokablättern aus dem Busfenster. Wir hatten herausgefunden, dass man die Dinger zunächst kauen und dann, zusammen mit einem Kalkstein, in der Backe parken musste, um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern. Besonders Jenna kaute, parkte und vertrug die Höhe trotzdem nicht. Vielleicht war es ganz gut, ohne das Zeug einzureisen, denn böse drein schauende peruanische Grenzer filzen uns akribisch. Auf der anderen Seite begrüßen uns freundliche bolivianische Wachsoldaten und machen deutlich weniger Stress.
In einem Collectivo fahren wir weiter und stellen bereits auf den ersten Kilometern fest, dass dieses Land wesentlich beschaulicher zu sein scheint. Es sind kaum Autos unterwegs und nur wenige Häuser säumen den Straßenrand. Unser Gefährt tuckert gemächlich durch den nördlichen Rand des fast baumlosen Altiplano entlang des Titicacasees. Mit uns sitzen zwei ältere Frauen im Wagen, die 14 Röcke übereinander zu tragen scheinen. Nach zwanzig Kilometern haben wir die erste Reifenpanne und können zwei Dinge beobachten:
Zum einen raucht der Fahrer bei sengender Hitze erstmal entspannt eine Zigarette, bevor er sich behäbig dem zerschossenen Rad widmet und zum anderen ist das hier ein wunderschönes Plätzchen Erde. Azurblauer Himmel, saphirblaues Wasser und die rotgelbe Erde verschmelzen zu einem wahren Kunstwerk. Zwei einsame Personen laufen wie Marsmenschen durch die karge Landschaft. Der eine ruft aus der Ferne: „Mann, ist das Scheißeheiß hier“, und der andere: „Haben wir eigentlich noch Bier?“ Nach dreißig Minuten geht es weiter.
Wir erreichen Copacabana und staunen ein nächstes Mal. Hier fehlt etwas. Keine Horde von Schleppern begleitet unseren Bus auf seinen letzten Metern. Genau genommen gibt es lediglich eine einzige, auffallend hässliche, Person, die uns eine Unterkunft aufschwatzen will. Der dürre, europäische Typ sieht aus, wie ein Abbild von Tingeltangel Bob aus den Simpsons. Er hat ein schmales Gesicht, eine spitze Nase, wirre Augen und vor allem rötliche Rastahaare, die unmöglich zu allen Seiten abstehen. Als der Kerl den Mund aufmacht und in schrägem Englisch, mit französischem Akzent, fragt, ob wir uns sein Hostel anschauen wollen, läuten bei mir die Alarmglocken.

Ich kann Franzosen nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie die letzte Fußball-WM und nun auch noch die Euro 2000 gewonnen haben. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Sender gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise ins Land von Napoleon und Zidane waren es die unverschämtesten, unfreundlichsten und überheblichsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dato über den Weg gelaufen waren. Sie hatten mich nicht verstehen wollen, waren nie bei der Suche nach dem Weg behilflich gewesen und hatten es vor allem rigoros abgelehnt, eine andere Sprache zu sprechen. Arrogante Schnösel ist gar kein Ausdruck. Und auch auf den Reisen durch Südamerika zeichnen sie sich, im Gegensatz zu den meist freundlichen Schweizern, Italienern, Amerikanern, Nordeuropäern und sogar den Engländern oft dadurch aus, dass sie mit keinem anderen Volksstamm sprechen wollen – oder können.

Ich sage zu Göte: „Ich hab echt keinen Bock auf so eine Backpackerscheiße bei dem Franzmann“ und Jenna, der sich gerade nach einem Kokablätter-Verkaufsstand erkundigt, ruft: „Nee, bloß nicht bei dem schwulen Froschfresser.“ Urplötzlich macht sich Tingeltangel Bob gerade. Ich sehe, wie seine Augen mit mörderischer Intensität zu funkeln beginnen. Er kommt auf mich zu, stellt sich vor mir auf und brüllt: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse!“
Mist, Bob kann Deutsch! Laut fluchend beginnt er uns in deutsch-französischem Slang zu beschimpfen, was wir ungebildeten Deutschen eigentlich hier im Wallfahrtsort zu suchen hätten. Matze versucht zu vermitteln, doch der Typ ist kaum zu bändigen. Nicht nur wegen der langen Anreise, der Höhe und der prallen Sonneneinstrahlung haben wir alle keine Lust auf Diskussionen.
Wir schnappen unsere Rucksäcke und gehen, ohne auf seine Frechheiten zu reagieren, einfach die Straße hinunter Richtung Ufer. Freundlich lächelnde Bolivianer winken uns in ein liebevoll eingerichtetes Hotel mit Blick auf den See. Im Kühlschrank neben der Rezeption sind die unteren Lagen mit Bier gefüllt. Jenna öffnet das Ding, greift sich eine Flasche und sagt: „Was für ein beschissener Froschfresser.“ Matze, Göte und ich antworten im Chor: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“. Wir lachen in Copacabana zum ersten Mal. Tränen!
Am nächsten Tag schippern wir auf die berühmte Isla del Sol. Dass die legendäre Insel, auf der die Inkas, der Überlieferung nach, erschaffen worden sind, übersetzt Sonneninsel heißt, merke ich bereits an Bord unseres kleinen Schiffes. Trotz Basecap und Schattenplätzchen verglühe ich fast. Auf dem Eiland selbst ist es, ohne eine Brise, unerträglich heiß, sodass wir uns nur etwa fünf Minuten die erdbraunen Schweine und verfallene Ruinen anschauen, bevor wir in der Hafenkneipe bei Bier und Skat auf die Rückfahrt warten. Auf dem Boot treffen wir einen alten Bekannten. Wieder einmal ganz allein kauert der Stuttgarter, den wir schon in Cusco getroffen hatten, auf einer der Holzpritschen. Mit knallrotem Kopf unter den strohblonden Haaren schaut er mürrisch auf den Ozeangroßen See. Eigentlich müsste man ihn fragen, ob er sich zu uns setzen will, doch das geht leider nicht.

Ich kann Stuttgarter nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie komisch sprechende VfB-Spieler wie Buchwald und Klinsmann hatten. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Keks gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise in die Hauptstadt Baden-Württembergs waren es die ungehobeltsten und unsympathischsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dahin über den Weg gelaufen waren. Niemand hatte mich verstanden, keiner war bei Fragen behilflich und vor allem hatten sie es stets vermieden, eine andere Sprache außer Schwäbisch zu labern. Und auch auf ihren Fahrten durch diesen Kontinent zeichnen sie sich im Gegensatz, zu den meist freundlichen Bayern, Rheinländern, Thüringern, Norddeutschen und sogar den Sachsen oftmals dadurch aus, dass sie mit niemandem reden wollen – oder können.

Göte schaut mich grinsend von der Seite an und fragt: „Na, willst du deinem Toastbrot nicht ein bisschen Gesellschaft leisten?“ Mit böse funkelnden Augen schaue ich ihn an. „Toastbrot“ wird in meinem kompletten Freundeskreis diese Technofotze mit dem vierkantigen Gesicht aus Stuttgart genannt, der mir vor Jahren Jeannet ausgespannt hatte. „Bist du bescheuert oder was“, fauche ich ihn an.
Das Boot legt pünktlich ab und entspannt genießen wir die Blautöne des Himmels und des Titicacasees, der aufgrund seiner Form, von den scheinbar farbenblinden Aymaras, „grauer Puma“ genannt wurde. Obwohl die Fahrt nicht sonderlich weit ist, bleiben wir auf der Hälfte der Strecke stehen. Wir schauen uns fragend an, denn uns klingt allen noch immer die Story des Bremerhavener Pärchens in den Ohren. Die hatten berichtet, dass auch sie mit einem Motorschaden auf dem riesigen Binnensee liegen geblieben waren. Bei schlechtem Wetter und immer größer werdenden Wellen waren sie mehrere Stunden umher getrieben. Die unter den Passagieren allmählich einsetzende Panik wurde durch die hereinbrechende Dunkelheit und besonders durch den im Führerhaus weinenden Kapitän ins Unermessliche gesteigert. Nach zehn Minuten stehe ich beunruhigt auf und schaue nach, was das Problem ist. „Das Stuttgarter Backpfeifengesicht hat sich eingeschifft und flennt mal wieder“, erzähle ich Göte bei meiner Rückkehr, obwohl das nicht stimmt. „Das iis kaine Bagpagerscheeisse“, antwortet er meckernd mit seinem neuen Lieblingssatz. Unbeschadet erreichen wir das sichere Festland.

Im Reiseführer hatten wir gelesen, dass es eine coole Kneipe geben soll, die von einem Deutschen geführt wird. Obwohl wir lieber mit Einheimischen herumhängen, klang der Tipp ganz viel versprechend. Als wir die kerzenbeleuchtete Bar betreten, trifft uns fast der Schlag. Der Raum quillt über vor billigem Kitsch. Überall hängen Webarbeiten mit Tiermustern an den Wänden, hölzerne Schamanen und Voodoopuppen, aber auch christliche Figuren stehen in den Regalen. An langen Stangen hängen talismanartige Gebilde. Außerdem riecht es in der dunklen Höhle nach verbranntem Essen, Marihuana und Räucherstäbchen. In der Heimat wäre das nicht unser Laden, aber in der Ferne interessieren wir uns immer besonders für Fremdes und Geheimnisvolles. Wir sind hier um ein Vielfaches offener. Etwas Neues zu erleben, hat höchste Priorität. Da gibt es noch diese unbändige Abenteuerlust, ein Gefühl, das wir im drögen Alltag in Berlin allmählich verlieren.
Der deutsche Besitzer ist genau so freakig wie die Inneneinrichtung und komplett zugedröhnt. Die Haare fallen ihm zottelig ins Gesicht und das schummrige Licht verstärkt seine ungesunde Gesichtsfarbe. Obwohl er uns gleich den, feucht im Mundwinkel hängenden, Joint anbietet, entscheiden wir uns für Bier. Harry schiebt sich einen Stuhl zu uns heran und beginnt zu erzählen. Von seiner angeblich so unglaublichen Auswanderer-Geschichte, von den ihm zu Füßen liegenden Damen, von ausschweifenden Fiestas zur Osterwoche und vor allem von gebratenen Enten, die man mit einem Eimer voller Bier in Cochabamba unbedingt essen müsse.

Am Gähnen der anderen sehe ich, wie sie das Gesülze finden und als der dichte Typ zum fünften Mal mit dieser unsäglichen Geflügelmahlzeit anfängt, sagt Göte: „Kommt, lasst uns abzwitschern und Skat kloppen.“ Doch Old Harry will uns noch nicht gehen lassen und schüttelt seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel: „Schaut ihr eigentlich Fußball?“ Wir glotzen ihn mit großen Augen an. „Bei mir nebenan gucken nämlich schon zwei Leute.“ Wir folgen ihm, ohne zu fragen, welches Spiel überhaupt läuft, vor die Tür. Draußen ist es mittlerweile stockdunkel, fürchterlich kalt und geradezu unheimlich still. Doch plötzlich hören wir, zwei Häuser weiter, hinter einer hölzernen Tür, ein markdurchdringendes Gebrüll. Wir brauchen ein paar Sekunden, um es zu deuten. Es ist ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex: es ist ein Torjubelschrei.
Harry öffnet die Tür und wir haben einen Blick auf den überraschend großen Fernsehapparat und die Couch mit den zwei Typen. Mir kommt augenblicklich ein französisches Wort in den Sinn: Déjà-vu. Schon einmal gesehen, oder erlebt!
Es läuft das Video vom Endspiel der letzten EM. In einer Wiederholung zeigen sie gerade, wie Wiltord in der Nachspielzeit zum 1:1 für die Franzosen gegen Italien trifft. Auf dem verschlissenen Sofa sitzen der pausbäckig grinsende Stuttgarter und ein noch immer jubelnder Tingeltangel Bob.

Wir hatten über die beiden geschimpft, gelästert und gehetzt. Wir hatten sie links liegengelassen und waren unseren Vorurteilen gefolgt. Doch in diesem Augenblick, das sehen wir in ihren leuchtenden Augen, haben sie den Sieg über uns davon getragen. Ernüchtert machen wir kehrt. „Das dumme Freibiergesicht schuldet uns noch ein Bier“, faselt Matze, doch er kann uns damit nicht mehr erheitern. „Allez le bleu“, schallt es uns hinterher. Im Video wird Frankreich in wenigen Minuten nochmals Europameister. Mir kommt ein Zitat von Jürgen Klinsmann in den Sinn: „Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.“

Am Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Bahnfrei Kartoffelbrei – Surf baby, surf! – Byron Bay Australien

11. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Koalaland

img_1849Nina möchte am nächsten Halt ein paar Tage verweilen. Dass wir in Byron Bay landen, ist eigentlich Zufall. Mit Reiseführer hätte sie unter Umständen anders entschieden, denn schon bei der Fahrt durchs Städtchen laufen uns viele ultralässige Backpacker in Markenklamotten über den Weg. Die meisten sind halbnackt und oftmals lässt sich ein Blick in die Poritze nicht vermeiden. Darauf steht sie ja besonders! Mich animieren die vielen Läden und das Ambiente eher dazu, nun endlich einmal surfen zu gegen. Meine wohlhabende Begleitung mietet uns ein Appartement mit Terrasse, offener Küche, Wohncouch, Plasma-TV, zwei Schlafzimmern und einem Gemeinschaftspool im Garten. Eine Traumunterkunft! Ihr scheint jedoch lediglich der W-LAN-Anschluss wichtig zu sein, doch wie abgemacht, zahle ich nur 50 AU$ pro Nacht.
Auf einer Kommode liegen Flyer von Surfschulen. Ich leihe mir ihr Handy und buche einen Tageskurs beim Anbieter „Kool Katz“ für 39 AU$. Nach einer ersten Strandbesichtigung (Wahnsinn, was die Jungs auf ihren Brettern vollführen) kaufen wir im Supermarkt Essen und im Liquor-Store Getränke für die nächsten Tage.
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Ein völlig verplanter Kerl, der ein bisschen wie Gérard Depardieu aussieht, holt mich am nächsten Morgen mit einem Minibus ab. Um Australien, seine Menschen und ihr Lebensgefühl zu begreifen, gebe es nur eine Möglichkeit: „Surf Baby – Surf!“, erklärt er mir schief lächelnd. Unterwegs laden wir noch seinen Kiffer-Kumpel „Wolle Petri“ ein, der sich freut, dass wir heute „nur“ zu zehnt sind und bei „dem“ Wind richtig gute Bedingungen vorfinden werden. Ein bisschen bezweifele ich schon jetzt, dass die billigste Surfschule auch zu den besten der Stadt gehört. Zumindest verstehe ich mich mit dem Typen und den zwei süßen Mädchen aus Halle an der Saale, die später zusteigen, auf Anhieb blendend.
An einer 30 Kilometer entfernten Flussmündung bekommen wir klitschnasse, stinkende Wetsuits von „Gerald“ und „Wolle“ gereicht. Da es trotz feinen Nieselregens warm ist, entscheiden sich alle Jungs, ohne Neoprenanzüge zu surfen. Nur Antje, Bianca und ich (das dritte Mädchen) schlüpfen in die Strampelanzüge. Eine weise Entscheidung, denn nach ein paar Trockenübungen paddeln wir mit den kastenförmigen Styroporteilen los und ein Finne macht gleich zu Beginn Bekanntschaft mit den Tentakeln einer Qualle. Dummerweise nesseln sie ihn genau an seinem besten Stück. Er schreit wie von Sinnen, während sich die Mädchen – mit den Gummifellen am Körper – angrinsen. Von Wolle erfahren wir, dass Hoden in Australien „Knacker“ genannt werden. Aua!
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Die Wellen rollen vom Meer kommend, wie künstlich erzeugt, schnurrgerade hunderte Meter den Fluss „bergauf“ ins Land hinein. Schon beim ersten Versuch – noch mit Anschieben – stehe ich etwa 30 Meter auf der riesigen Bohle. Daniel, der andere Deutsche, staunt nicht schlecht, bis er es selbst probiert und auf Anhieb 40 Meter abreitet. „Dib-Dob“ (wahrscheinlich „Tip-Top“) schreit er mir zu. Wir klatschen uns wie alte Hasen ab und strahlen. Nur 20 Meter wurden uns vorher vom Chef garantiert.
Bereits nach wenigen Minuten machen wir unter Rufen wie „Bahn frei, Kartoffelbrei“ den Anfängern unser Wellenrecht klar. Die Girls aus Sachsen-Anhalt rufen während der Fahrt: „Hupen naus, iss Sommer!“, obwohl ich es erst beim zweiten Mal verstehe und vergeblich darauf warte. Nach drei Stunden surfe ich mit 200 Metern die Welle meines Lebens. Ich fühle mich frei und wild und verlängere sofort um zwei Tage beim „coolen Kätzchen“. Die anderen Deutschen hatten sowieso den 3-Tage-Kurs gebucht.
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Bei einem Nachmittagsbier in der Stadt überbieten wir uns mit Heldengeschichten. Ganz nebenbei stelle ich fest, dass Daniel und Antje im selben Dilemma zu stecken scheinen wie Nina und ich. Sie sind befreundet, mögen sich irgendwie, aber so richtig ist der Funke noch nicht übergesprungen. Bianca zwinkert mir derweil auffällig oft zu und fragt mich, ob ich am Abend mit in ihren Geburtstag reinfeiern möchte.
Im Appartement liegt Nina vor der Glotze, schaut „Friends“ und lackiert sich die Nägel. Sie hatte sich eine komplette DVD-Staffel aus der Heimat mitgebracht. Ohne groß zu fragen, wie es war, erzählt sie mir von ihrem „Arbeitsscheiß“ und den Anweisungen, die sie per E-Mail versandt hat. Interesse heuchelnd, höre ich zu, obwohl ich es nicht mehr hören kann, und gönne mir später ein kurzes Schläfchen. Danach hockt sie schon wieder vor dem Rechner und möchte in Ruhe gelassen werden. Es scheint ihr nichts auszumachen, dass ich in die Stadt düse, um meine neuen Bekannten zu treffen.
Im gut gefüllten „Beach Hotel“ steckt mich die positive Stimmung sofort an. Wie gerne wäre ich mit so einer Truppe unterwegs! Außerdem scheine ich heute eine undefinierbare Ausstrahlung zu haben, denn auf dem Weg zum Klo kneift mir eine Frau frivol in den Hintern, die Kellnerin flirtet mit mir und auch Bianca lässt meinen Kopf beim Geburtstagsküsschen gar nicht mehr los. Sie versucht mir sogar die Zunge in den Hals zu schieben, doch ich erkläre ihr, dass es da eigentlich noch jemanden gibt. „Schau mir ma in de Oochen!“, flüstert sie. Mittlerweile verstehe ich den Dialekt einigermaßen und weiß, dass damit ihre grünen, mandelförmigen Augen gemeint sind. ‚Sie sieht ja schon sehr verführerisch aus und mit Nina läuft ja eh nichts’, denke ich auf dem Heimweg.
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Schon am zweiten Tag haben wir die Surfersprache von Gerald und Wolle verinnerlicht. „Duck“ rufe ich Daniel zu, was in etwa das Gleiche bedeutet wie „Buoy“, also jemand, der in der „Lineup“ sitzt und nie die „Guts“ hat, eine Welle zu nehmen. „Shark Biscuit“ brüllt er zurück. Ich antworte mit „Decoy“, was einem verschärften „Duck“ entspricht. Er schreit mir „Asshole“ entgegen. So werden auch hier draußen krasse Anfänger und Arschlöscher genannt. Wir überlegen, wann wir den ersten „Twenty-Footer“ nehmen werden, rufen „Kamikaze“ und paddeln los. Dann hört man nur noch: „Duck“, „Buoy“, „Decoy“ und „Asshole“. Laut kreischend, reiten wir die Mörderwellen zunächst als „Floater“ auf dem Kamm und rasen dann durch eine glasige „Tube“, bevor wir springen. Oder so ähnlich…
Diesmal ist Nina bei meiner Ankunft ansprechbar. Sie hat nichts dagegen, dass meine Freunde heute zum Abendessen in unsere „Surfervilla“ kommen. Während sie, mit Fotoapparat bewaffnet, zum Strand läuft, kaufe ich im „Coles“ ein. Die Auswahl an frischem Fleisch, Gambas, Krebsen, Fisch und Muscheln ist gigantisch. Ich hätte jedoch nicht mit knurrendem Magen herkommen sollen, denn der Wagen ist schnell randvoll. Im Liquor-Shop packe ich noch zwei 24er-Kisten Stubbys und sechs Flaschen Rotwein ein.
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Pünktlich um 8 Uhr erscheinen Antje, Bianca und Daniel und zu meiner Erleichterung ist auch Nina ganz gut drauf. Wir quatschen, lachen, singen deutsche Lieder und tanzen ausgelassen in allen möglichen Konstellationen. Als sich die Gespräche mal wieder um den Surfkurs und die nächste Mörderwelle drehen, verabschiedet sich Nina wankend ins Bett. Sie hatte ordentlich Gin Tonic und Wein durchlaufen lassen. Die anderen wollen jedoch keineswegs schon gehen. Antje und Daniel liegen eng umschlungen auf der Couch und stehen kurz davor, den entscheidenden Schritt zu wagen. Bianca blinzelt mir zu und fragt, ob sie mir die Fotos auf ihrer Digitalkamera zeigen kann – im anderen Zimmer natürlich. Schon nach zwei Bildern legt sie den Apparat zur Seite und ruft: „Hupen naus, iss Sommer!“ Diesmal lässt sie Taten folgen und zieht sich – wie selbstverständlich – das T-Shirt samt BH über den Kopf.
Lange rote Haare bedecken ihre hoch aufgerichteten dunklen Brustwarzen. Ich giere nach etwas Greifbarem und streiche sie zur Seite. Dann umfasse ich den zierlichen Hals und beginne, sie, mich dabei abwärts begebend, zu küssen. Ganz langsam schlängelt sie ihre langen Beine um meinen Körper bis sie sich – den Kopf weit nach hinten geworfen – auf mich setzt. Die Erektion in der Jeans beginnt zu schmerzen und ich überlege, wo ich um diese Uhrzeit noch Kondome herbekomme. Doch plötzlich sehe ich den ringförmigen Gummi zwischen ihren Fingern. Sie beugt sich vor, schaut mich mit katzenhaften Augen an und flüstert: „Wollen wir?“
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Genau in diesem Moment öffnet sich die Tür und nur Sekunden später steht Nina mit entsetztem Blick im Raum. Unsere Klamotten liegen im ganzen Zimmer verstreut. Mit hochrotem Kopf brüllt sie: „Verpiss dich, du dumme Schlampe“. Bianca ist genauso überrascht wie ich, zieht sich eilig an und rennt kopfschüttelnd hinaus. Ohne Nina eines Blickes zu würdigen, stolpere ich hinterher. Auch Antje und Daniel stehen schon abmarschbereit da. Ich bin stinksauer. Mit 1,8 Promille im Kopf fahre ich die drei mit dem Auto nach Hause und entschuldige mich auf dem Weg etliche Male. Bianca nimmt den Zwischenfall locker. Sie legt mir während der Fahrt die Hand auf den Schoß und haucht mir ins Ohr: „Wollen wir das bei mir nicht fortsetzen?“ ‚Bei ihr’ ist ein Backpacker-Hostel, wo sie zu sechst (mit vier bereits schlafenden Mädchen) in einem muffigen „Dorm“ hausen. Nicht nur deshalb ist mir die Lust längst vergangen. Ich fahre zurück und rufe Nina, die apathisch vor einer Pulle Rotwein hockt, zu: „Wir reden morgen!“, bevor ich ins Bett verschwinde.

Koalaland - Roman

Koalaland – Roman


Am letzten Kurstag bedanken sich die drei Sachsen-Anhalter für den lustigen Abend. Es hört sich ehrlich an und über meine Mitbewohnerin verlieren sie kein Wort. Heute surfen wir erstmals im offenen Meer und mit Daniel stelle ich überrascht fest, dass wir es dort nicht einmal schaffen, bei einem „Two-Footer“ aufs Brett zu springen, geschweige denn, darauf stehen zu bleiben. Wir schlucken etliche Liter Salzwasser, nehmen den Profis, die uns „Duck“ und „Asshole“ zurufen, die Wellen weg und liegen um 11 Uhr völlig geplättet am Strand. Die Mädels aus Halle rufen aus der Ferne „Bahn frei, Kartoffelbrei“ und stürzen mit wogenden Hüften auf uns zu. Ich kann meine Oberarme kaum mehr bewegen, um Bianca von mir runterzuschubsen. Dann ein Abschiedskuss.

Als ich die Wohnung betrete, ist Nina nicht da. Ich mache mir ein Bauernfrühstück mit Schrimps und da es auf unserer Terrasse nach Erbrochenem riecht, schalte ich den Fernseher ein. Es läuft ein Bericht über die größte australische Surfer-Legende Kelly Slater. Ganz allmählich ahne ich, dass ich wohl Jahre in Australien wohnen müsste, um dieses Lebensgefühl zu verinnerlichen. Dafür habe ich in den letzten Tagen etwas anderes begriffen!

Zum Weiterlesen im Buch: Koalaland
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Messi, Totti und Sylvie van der Vaart

13. April 2012 | von | Kategorie: Blog

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Heute mal wieder ein kurzer Auszug aus meinem Fußball- und Reiseroman “90 Minuten Südamerika”
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Im Fischerörtchen Taganga an der Karibikküste Kolumbiens treffen wir eine Spezies, der wir aufgrund unserer Reiseroute lange erfolgreich aus dem Weg gegangen waren. Es sind nicht nur fünf oder sechs Leute, sondern regelrechte – vorzugsweise englisch, hebräisch und französisch sprechende – Backpackerhorden. Alle Hotels direkt am Strand sind von ihnen blockiert und stylishe Typen und gackernde Bikini-Püppchen beobachten hinter schwarzen Marken-SoBannenbrillen, unsere Suche nach einem geeigneten Quartier.
Für die globalisierte Gemeinschaft der „Lonely Planet Generation“ scheint dieser Ort der Endpunkt ihres Südamerika-Kreuzzuges zu sein, denn tatsächlich liegen auch zwei Schottinnen im Sand, die wir zuletzt kotzend in Nordargentinien gesehen hatten. Sie wären seit Monaten mit der gleichen Truppe unterwegs gewesen, berichten sie stolz, und sind nach Bolivien, Peru und Ecuador nun in Kolumbien gelandet. Die coole Gang hatte fast alle wichtigen Inkaruinen, Berggipfel, Flussläufe und Wasserfälle des Kontinents gesehen und auf tausenden Digitalfotos verewigt. Ob in großen Städten oder bei zurückgezogenen Indiostämmen, überall hätten sie extrem gechillt und legendäre Partys gefeiert. „Amazing!“, ist ihr bevorzugtes Wort.
Als wir uns von den Hühnern verabschieden, denke ich darüber nach, was mich von diesen stumpfsinnigen und dennoch so unbekümmerten Rucksackreisenden auf unserer Reise unterschieden hatte. War ich gebildeter, kultivierter oder niveauvoller gewesen? Nein! Auch ich war in Landschaften und Orte gereist, in denen ich mit meinem weißen Arsch eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatte. Oftmals ohne Sinn und Verstand war ich durch vormals unberührte Landschaften gefahren und in eine heile Welt mit bis dato glücklichen Menschen eingedrungen, die von mir weder etwas brauchten noch etwas lernen konnten. Allein durch mein Erscheinen hatte ich vielleicht ein letztes Stück Paradies zerstört.

Was werde ich also zu Hause erzählen auf die Fragen: „Was hat dir die Weltreise gebracht? Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“ Wir haben nur noch wenige Tage bevor es zurück nach Deutschland geht. Ich nehme mir vor, nun endlich auf eine intensive Suche zu gehen.

Natürlich buchen wir die Bootsfahrt in den Tayrona Nationalpark nicht bei den marktschreierischen Touranbietern im Ort, sondern bei einem Fischer namens Francesco, der mich mit den Worten „Ah! Messi!“ begrüßt. Ich habe mich daran gewöhnt, dass dies überall geschieht, sobald ich mein Barcelona-Trikot in Südamerika trage. Ich antworte überschwänglich: „Ah! Totti!“
Wir sind uns nicht ganz schlüssig, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben, denn das, mit 25 kreischenden Backpackern, beladene Boot, welches zehn Minuten vor uns ablegt, sieht wenigstens vertrauenerweckend aus. Unser Äppelkahn gleicht einem Ruderboot mit Außenborder, mit dem man maximal auf einem Baggersee herumgondeln kann. Als wir den deutschen Namen auf der Seite der Nuss-Schale lesen, müssen wir dennoch schmunzeln. Das Ding heißt „Schnecke“.
Neben Sylvie, Victoria, dem Kapitän und mir haben wir noch den kleinen „Siete“ (Sieben) an Bord. Er ist ein Frühchen, ein Sieben-Monats-Kind und wird seit seiner Geburt deshalb überall nur „Siete“ gerufen, erklärt uns Opa „Totti“ stolz. Als wir die Bucht gemächlich tuckernd verlassen, lächele ich in mich hinein. Was für eine Gurkentruppe: „Siete“, „Totti“, „Messi“, Victoria „Beckham“ und Sylvie „van der Vaart“ stechen auf der kriechenden „Schnecke“ in See. Da das die anderen wahrscheinlich eh nicht verstehen würden, behalte ich es lieber für mich.

Es ist ein sonniger Tag und eine sanfte Brise sorgt für angenehme Temperaturen. Auf dem offenen Meer wird mir jedoch sofort ein bisschen mulmig, da hier draußen ein gehöriger Wellengang herrscht. Knatternd rast eine weitere Touristendschunke an uns vorbei. Die zwei Schottinnen winken uns zu, während der Steuermann verständnislos mit dem Kopf schüttelt und Totti einen Vogel zeigt. Ich verstehe nicht ganz warum, da ich es auf unserem Boot nun ganz angenehm finde. Frau van der Vaart und Frau Beckham sonnen sich im Bikini am Bug, während ich mit Siete versuche, Fische zu fangen. Der Motor röhrt monoton und Totti steuert uns sicher über gleichförmig laufende Wellen. An Land sehen wir die Schnorchelbucht bevor wir eine größere Landzunge mit scharfkantigen Felsen umschiffen. Der Wind nimmt ein wenig zu. Obwohl ich bereits jetzt finde, dass wir ziemlich weit vom Land entfernt fahren, steuern wir hinter der Klippe noch weiter aufs offene Meer hinaus. Das Boot beginnt sich immer mehr zu heben und wieder zu senken. Die Wellen werden um einiges höher, bedenklich viele Strudel kräuseln die Wasseroberfläche und es weht ein böiger Wind, der immer weiter auffrischt.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, erwischt uns frontal eine riesige Monsterwelle. Alle schreien panisch auf, da wir gleichzeitig von der schäumenden Wasserfontäne nach hinten geworfen werden. Das Boot schlingert sekundenlang bedenklich hin und her. Während Totti hektisch versucht, uns wieder auf Kurs zu bringen, sucht Sylvie ihre Sonnenbrille und Victoria rubbelt ihre Kamera trocken. Siete kauert sich ängstlich unter die Sitzbank. Dort sehe ich auch, dass wir blassgelbe Schwimmwesten an Bord haben. Drei! Es sieht jetzt so aus, als ob auch von unten Wasser durch die Holzplanken eindringt, denn meine Füße stehen bereits knöcheltief darin. Als ich dies gerade an Sylvie weitergeben will, trifft uns seitlich der nächste Kaventsmann mit voller Wucht. Die „Schnecke“ neigt sich um 40 Grad. Ich bekomme Angst und brülle irgendwas von Schwimmwesten durchs Boot. Doch es rauscht bereits die nächste drei Meter hohe Wand auf uns zu. Wassermassen türmen sich vor uns auf und wie in einem Katastrophenfilm fahren wir in Zeitlupe die Welle hinauf, um auf der Kammspitze im Höllentempo wieder herunterzurasen. Mir wird schlecht.
Totti beginnt Wasser aus dem Bootsinneren zu schöpfen. Er benutzt dazu, ein winziges Plastikschüsselchen und ich helfe ihm mit bloßen Händen. Die Brecher, die nun aus allen Richtungen zu kommen scheinen, sind so laut, dass ich es nicht höre. Aber ich spüre es und als ich in Tottis panische Augen schaue, weiß ich es auch. Die „Schnecke“ stellt sich quer. Der Motor ist ausgegangen!

Der Ozean spielt jetzt mit uns. Riesige Wellen rollen auf die nun steuerlose Nussschale zu und neben dem Boot öffnen Strudel ihren Schlund in die Tiefe. Die schroffen Felsen am Ufer scheinen auch für gute Schwimmer, unerreichbar zu sein. Der kleine Siete klammert sich an mein Bein. Er zittert am ganzen Leib und weint. Ein neues Ungeheuer prescht heran. Doch obwohl der, vielleicht letzte, Aufprall kurz bevorsteht, werde ich mit einem Mal ganz ruhig. Ich weiß plötzlich, was mir die Weltreise gebracht hat. Ich habe die Antwort gefunden.

Es war kein langer Trip auf der Suche nach dem Glück, keine Auseinandersetzung mit mir selbst und kein Fahnden nach neuen Werten gewesen. Keine spirituelle Reise. Auch nicht das Aufspüren zufriedenerer Menschen, oder anderer Länder, in denen ich lieber wohnen wollte, war das primäre Ziel. Nein! Ich hatte mich vor unserem Trip oft mit Sylvie gestritten – fast hätten wir uns sogar getrennt. Doch in den letzten Monaten waren wir wieder ein perfektes Team geworden. Wir konnten uns jederzeit blind auf den anderen verlassen, uns vertrauen, aufbauen und glücklich in die Arme nehmen. Und wir waren der absoluten Freiheit begegnet.
Plötzlich begreife ich, was das Reisen mit ihr bedeutet hatte. Ich musste nicht täglich dem Israeli-Amerikaner-Sachsen in einer Rooftop-Bar unterm Sternenhimmel zuhören, wie er einem Pinguin in Chile, oder einem Lama in Peru einen Zungenkuss gegeben hatte. Nicht wieder und wieder anhören, wie jemand in die größten Geysire und höchsten Vulkankrater des Kontinents gespuckt hatte. Keine Geschichten von Urwald-Indianerkindern, die ihren ersten Kaugummi freudestrahlend verschluckten und von Drogen eines mystischen Schamanen, die einen drei Tage lang, bunte Kreise haben sehen lassen. Auch wenn ich den meisten Rucksacktouristen sehr ähnlich sehe, hatte ich keine wildfremden Menschen gebraucht, um ihnen von meinen Erlebnissen zu berichten, musste keine Handynummern speichern, lustige Filmchen auf Mini-Laptops vorspielen und nicht mit anderen den „Lonely Planet“ auf der Suche nach dem nächsten Acht-Mann-Schlafsaal durchgehen.
Wir hatten uns durch Südamerika treiben lassen und fast jeden Abend in einem eigenen Zimmer das Erlebte reflektiert. Sylvie war mein Ruhepol, mein vorgehaltener Spiegel, meine Zuhörerin und mein Gewissen gewesen. Die vorbeiziehende Welt war lediglich die Kulisse für unseren Liebesfilm. Genau danach hatte ich gesucht! Trotzdem musste ich sehr weit reisen, um das herauszufinden. Ich hatte es die ganze Zeit dabei gehabt, das Glück namens Sylvie.

Ich schrecke hoch, schaue zum Bug auf mein süßes Mädchen und das vor ihr hereinbrechende Meeresmonster. Jetzt werden wir also sterben, denn hinter mir zieht Totti noch immer vergeblich am Starterseil. Siete krallt sich, mit der viel zu großen Schwimmweste um den Hals, an meiner Wade fest. Es sind nur noch Sekunden bis zum Einschlag, doch plötzlich stellt sich das Boot ein wenig gerade. Ich schaue zu Totti und kann es kaum fassen. Er grinst mich an, streckt den Daumen nach oben und kramt dann in seiner Hemdstasche nach Zigaretten. Der Motor ist angesprungen.

Auch wenn wir unsere Pläne ändern und erst zwei Tage später per Bus und Dschungelwanderung in den Nationalpark kommen, verbringt die Crew der „Schnecke“ noch einen herrlichen Tag am sich beruhigenden Meer. Wir fangen bunte Fische nur mit Sehne und Haken, schnorcheln in traumhaften Korallenbuchten, rennen mit Siete um die Wette und grillen gemeinsam am einsamen Strand von Playa del Amor. Dort fragt mich Sylvie irgendwann, warum ich eigentlich in den kritischen Minuten so komische Sachen gebrüllt hätte. Ich sehe sie fragend an. „Ich meine, was sollte das denn? Beckham, van der Vaart und Siete: Schwimmwesten anziehen! Hab ich nicht ganz kapiert.“ Ich zucke mit den Schultern und lächle in mich hinein. Da sie es wahrscheinlich eh nicht verstehen würde, behalte ich es lieber für mich, nehme sie in die Arme und sage stattdessen: „Ich liebe dich!“

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