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Die Trueman-Story – Die Fussball-WM in Brasilien 2014

7. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

trueman-3Was für ein WM-Halbfinale! Ob man es nun im Stadion, auf einer Fanmeile, im Pub oder zu Hause erlebt hat, spielt dabei kaum eine Rolle. Für Millionen Menschen war es das (!) Spiel ihres Lebens – ein kollektiver „Wo-war-ich-damals-Tag“. Wir haben uns zeitlose Erinnerungen erschaffen und ich war beim 7:1 in Belo Horizonte sogar live vor Ort. Da ich etwas vergesslich bin, muss ich meine Gefühle wenigstens für meine Kinder festhalten. Seit zwei Tagen denke ich sogar: Vielleicht kann ich ihnen den Sinn des Lebens anhand eines Fußballspiels erklären.

Zurzeit befinde ich mich wieder in Rio und eines steht fest: die Argentinier sind unglaubliche Fanatiker. Hunderttausende laufen hier durch die Stadt und singen überall – in jeder Straße, an jedem Strand, in jedem Park, früh, mittags und nachts – gemeinsam, dass Maradona viel besser als Pele ist. Die nächste Schmach für die Brasilianer nach dem Deutschlandspiel. Ihre südlichen Nachbarn sind nicht immer ganz fair, aber – objektiv gesehen – schon jetzt Fan-Weltmeister!
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Doch wer ist schon immer fair? Die deutschen Fans etwa? Als wir nach dem Spiel die gebückten Gegner im Mineirão-Stadion nachstellten? Haben wir das gemacht, weil brasilianische Fans nach dem 5:0 in unseren Block gestürmt sind und begonnen haben, uns ins Gesicht zu schlagen? Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es der (mit viel mehr Deutschen besetzte) Oberrang mitbekommen hat. Die Bullen schritten ein und riegelten ab. Erst zwei Stunden nach Abpfiff durften wir das Stadion mit gehörigem Polizeischutz verlassen. Die Tracht Prügel wurde den Einheimischen auf dem Spielfeld verabreicht.
Die Rückfahrt mit meinen brasilianischen Freunden war sehr ruhig. Nein anders: es herrschte Grabesstille. Um genau zu sein, wurde mit mir fünf Stunden lang gar nicht geredet. Zu tief saßen Schock, Scham und Schmerz. Auch ich wagte es nicht, nur ein Wort über das irrationale Spiel zu verlieren. Trotzdem war es für mich einer der größten Momente dieser WM. Genau der Kontrast war es, der das soeben Erlebte unwirklich erscheinen ließ.
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Diese unbändige Vorfreude an jenem Tag ist schwer zu beschreiben. Es überhaupt geschafft zu haben, ins Stadion zu gelangen und die vielen Umarmungen nur deshalb, dabei sein zu dürfen. Vielleicht lag es auch daran, dass sich beide Seiten ihres Sieges sicher waren. Die überheblich lächelnden Brasilianer mit ihren Neymar-Pappmasken oder wir mit ausgebreiteten Armen, wie die Schwingen eines Vogels, im arroganten Glauben, die Herrscher der Fußballwelt zu sein. Bis heute habe ich meinen Freund Mauro nicht gefragt, wohin er sich nach dem 4:0 verkrümelt hat. Hat er das Spiel zu Ende gesehen? Hat er hemmungslos geweint, wie dieser Junge mit der Brille auf der Videoleinwand? Kann er unsere Gesänge jemals vergessen?
Und wir haben gesungen: „Oh wie ist das schön“ und „Ohne Deutschland wär hier gar nix los“ und „Finale oho“ und „Einer geht noch rein“ und „Auswärtssieg!“ und „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ und „Rio de Janeiro oh-oh-ohoho“. Doch als wir das Lied sangen, wie denn wer nun genau geht, war kein einziger Brasilianer mehr im Stadion. Ich habe mich gebückt und mit geballten Fäusten mitgemacht. Unwohl habe ich mich dennoch gefühlt.
Schon Wochen vor dem Spiel war klar: wir sind richtig gute Freunde und vor dem Anpfiff hat sich dieses Gefühl noch verstärkt. Während des 7:1 ging etwas kaputt und es tat auch mir weh. Das Wort Mitgefühl ist für das brasilianische Jahrhundert-Drama unzureichend. Die Geschichte des Landes, nicht nur die des Fußballs, war in 90 Minuten eine andere geworden. Das merkte ich nicht erst, als ich zögerte beim besagten Lied mitmachen. Aber warum tat ich es dennoch? Wer bin ich?
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Beim Brettspiel daheim bin ich ein fürchterlicher Gewinner. Ich koste den Sieg aus und versuche vor allem Mitspieler, die unbedingt siegen wollten, danach zu ärgern. Es macht mir gerade deshalb Freude, weil ich weiß, wie schlecht ich selbst verlieren kann. Es ist ein Spiel und es endet erst dann, wenn man sich wieder besinnt, was wirklich wichtig im Leben ist.

Im Stadion, auf den Fanmeilen und vor den Bildschirmen gab es viele gute Gewinner und Verlierer. Ich sah in Belo Horizonte einige schlechte. Charakterisieren diese also den brasilianischen Fußballfan? Nein! Sie beschreiben lediglich einige Idioten, die zugeschlagen haben. Ich glaube nicht an den Deutschen oder den Brasilianer. Ich glaube nicht einmal an Grenzen. Wenn ich könnte, würde ich sie ignorieren. Mauern wird es immer irgendwo geben – sie werden nur ständig schmaler – nicht zuletzt durch das Reisen, das Kennenlernen, die Späße, das gegenseitige Sich-auf-die-Schippe-nehmen und durch den Fußball!
Wie sich das äußert, wurde schon in Recife deutlich: Deutschland gegen die USA. Man muss vorab sagen, dass der gegnerische Fan kein gewöhnlicher US-Amerikaner ist. Soccer ist in den USA eher eine Randerscheinung. Wer dort Fußball spielt, ist meist auch Rebell. Oft wird das Spiel in den Staaten allerdings auch als Mädchensport bezeichnet.
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Wo wir bei der Frage sind, wofür stehen Mädchen? Was ist ein Mädchensport? Rennt eine Frau anders? Wirft sie anders? Anatomisch gesehen hat das weibliche Geschlecht in der Regel weniger Kraft, obwohl ich da nur bedingt zustimmen kann, wenn ich meine Art, krank zu sein, mit der meiner Frau vergleiche, ganz zu schweigen von den Geburten unserer drei Kinder.
Meinen Töchtern werde ich zeigen, wie man schnell rennt, wie man effektiv wirft, wie man gewinnt und wie man verliert. Und ich werde meinen Kindern beibringen, nicht zu fallen wie Arjen Robben. Aktionen, wie jene im Spiel gegen Mexiko, wo er in der letzten Minute wie ein Sack Mehl einfach umfiel, machen den Fußball kaputt und sind der Grund für das Unverständnis an diesem Sport in den USA. In meinen Augen gibt es nichts Schlimmeres, als ein Spiel so zu gewinnen. Und es gibt nichts Größeres als einen Sportler, der seinem Gegner fair gegenübertritt. Das hat mir mein Vater früh beigebracht. Ich mag es wie Robben Fußball zelebriert, aber seine Schwalben sind Momente, wo ich mich für diesen Sport fremdschäme. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Welche Botschaft wird damit Nachwachsenden vermittelt? Soll eine Welt voller Kinder mit aufgeblasenen Egos einfach umfallen und brüllen: „Elfer!“? Fußballer haben die Verantwortung, sich gerecht zu verhalten. Sein Ego ablegen zu können, ist die allergrößte Kunst im Leben.

Die Deutschen spielten nach dem 5:0 unfassbar seriös und fair. Sie verarschten die verängstigten Gegner nicht noch mit sinnlosen Übersteigern. In der zweiten Halbzeit wurden sie dafür vom brasilianischen Publikum mit „Olé-Rufen“ bedacht. Aber nur bis Schürrle eingewechselt wurde. Der hielt sich nicht an die Anti-Demütigungs-Taktik, sondern freute sich diebisch über seine Tore zum 6:0 und 7:0. Der Block stimmte: „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ an. Unfair, oder einfach nur lustig in Gedenken an Mertesackers Wutausbruch nach dem Achtelfinale?
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Womit ich auf die US-Boys zurückkomme. Als viele Deutsche im Stadion in Recife brüllten: „U are gay. U are gay.“ in Parodie auf „Uuu-S-Aaa, USA“, begannen deren Supporter einfach zu rufen: „We are gay. We are gay.“ Selten hat mich eine Schar Fußballfans mehr beeindruckt. Der Soccer-Fan ist anders, er ist besonders, er ist weiter. Hätten wir das gesungen? Nein! Zu so einer schrägen Begeisterung und coolen Antwort sind Nicht-Amerikaner kaum in der Lage.
Wenn mir mein Sohn eines Tages sagen sollte, er sei schwul, dann würde ich mich ärgern, keine Enkel von ihm zu bekommen, aber enttäuschen könnte mich das nicht. Ich würde die ersten Tage einige schlechte Witze machen, die jedem Homosexuellen unglaublich auf den Wecker gingen und es dann aber gut sein lassen. Hauptsache er bleibt mein Junge. Nein: Hauptsache er ist glücklich. Das möchte ich wenigstens einmal festhalten – bevor ich es vergesse – denn ich fühle mich gerade so lebendig wie noch nie und spüre: jeder Tag sollte eigentlich ein „Wo-war-ich-damals-Tag“ sein.
Vielleicht werden meine Kinder irgendwann einmal erzählen, dass ihr Papa am 8. Juli 2014 beim 7:1 in Belo Horizonte im Stadion live mit dabei war und versucht hat, ihnen den Sinn des Lebens anhand eines Fußballspiels zu erklären.
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Doch so harmonisch wird diese Story leider nicht enden, denn nur wenige Monate später musste ich diese Zeilen von meinem Freund Trueman lesen: „Ich habe Krebs und mir steht erneut eine Chemotherapie bevor, die es diesmal in sich hat. Mit 26 verspürte ich einmal den Gedanken, falls es jetzt vorbei ist mit dem Leben, dann war es wenigstens bisher fantastisch. Ich hatte bereits so viel erlebt und ein derart freies Leben gehabt, dass ich zufrieden sein konnte. Das ist heute, sieben Jahre später, anders. Ich darf nicht sterben. Ich habe drei Kinder, eine Frau und Verantwortung. Verantwortung, am Leben zu bleiben und meine Hauptaufgabe ist es, Teil dieser Familie zu sein. Der Tod ist keine Option!
Wenn man tot ist, kann man nicht mehr Teil dieses Lebens sein. Soll ich also meinen Kindern einen Brief schreiben, bevor es nicht mehr geht? Was kann darin stehen? Sollen es Zeilen sein, die ihnen auf Augenhöhe im Erwachsenenalter begegnen? Weisheiten aus meinem Leben? Nein: Ich glaube wichtiger ist es, ihnen von unserer gemeinsamen Zeit zu berichten, denn sie sitzen immer gebannt da, sobald man von Erlebnissen erzählt als sie noch kleiner waren. Wie ist unser Leben aktuell? Welche Beziehung haben wir zueinander? Dinge, über die man sich viel zu selten Gedanken macht. Ist es meine Pflicht diesen Brief zu schreiben? Meine jüngste Tochter wird sich an ihren Vater nie erinnern können. Mein Sohn, gerade vier, wird Bruchstücke aus dieser Zeit mitnehmen – meine Große (5) vielleicht ein paar mehr. Doch alles was vor dem siebten Lebensjahr passiert, wird in der Masse an Eindrücken Platz für Neues machen. Für mich ist das gerade ein äußerst schrecklicher Gedanke.“

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Mit diesen Sätzen eröffnete Trueman damals sein Online-Tagebuch und fast jeden Tag schaute ich hinein – selbst an Tagen, wo ich wusste, dass aufgrund seines Zustandes nichts Neues zu erwarten war. Ich hatte die Hoffnung, lebensbejahende, oder eben auch krasse Texte vorzufinden – Hauptsache er lebt noch! Irgendwann war zumindest klar, dass sich mein Freund die Frage: „Muss ich diesen Brief schreiben?“ nicht mehr stellte – er hatte ja bereits damit begonnen.

Vergesslichkeit gilt gemeinhin als eine niedliche und schrullige Eigenschaft, doch das ist sie in meinen Augen nicht! Zu viele Menschen vergessen dabei schlichtweg, wie sie ihr Dasein verbracht haben. Daher empfinde ich es als Pflicht eines jeden, einen Lebensbericht abzulegen. Das können Fotoalben, Tagebuch-Einträge, Blogs oder eben auch Briefe sein. Wie sehr ärgere ich mich darüber, dass dies meine Vorfahren nur unzureichend getan haben, denn viel zu oft habe ich mich gefragt, wer bin ich, woher komme ich – wer wart ihr?

Sterben ist Scheiße und mit Anfang Dreißig umso mehr – das steht fest. Dennoch setzen sich zu wenige Leute mit dem Tod auseinander – leben vor sich hin, als ob es ihn nicht gäbe. Sie verdämmern kostbare Zeit scheintot vor der Glotze oder einem Handy, verbringen als Büroleiche Urlaube auf Balkonien, verhausschweinen oder saufen sich täglich ins Koma, um den Trübsal des Alltags zu vergessen.

Der weltoffene Trueman gehörte nie zu einer dieser Kategorien und hatte in jungen Jahren schon mehr erlebt und gesehen als manch 90jähriger im ganzen Leben. Am liebsten hätte ich mich an sein Krankenbett gestellt und mit einem Aufnahmegerät all das – nicht nur für seine Kinder – aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Aber nun hatte er ja von sich aus angefangen, zu schreiben. Sein zweites Leben begann, als er begriff, dass er nur eines besaß.

„Fick dich Krebs, Fick dich einfach selbst!“ Mit diesen Worten endete sein Tagebuch …

…aber nein: diese Geschichte darf kein tragisches Ende nehmen, denn ich habe den Anfang des Satzes unterschlagen: „Morgen nach dem Arztbesuch weiß ich, ob ich mir abends einen hinter Binde kippen kann und angetrunken herausschreien werde: Fick Dich Krebs, Fick dich einfach selbst!“

Oh ja: Du warst an jenem Tag betrunken und glücklich und verfickt nochmal geheilt. Um all die schrecklichen Erfahrungen beneide ich dich nicht, aber seit jenen Tagen um deine Kraft, deinen Optimismus, deinen Mut, deine Kinder und bis ans Lebensende um dieses Ticket beim WM-Halbfinale 2014 in Brasilien. Auch das habe ich nicht vergessen, mein Freund!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
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Blau in München 2012

30. Mai 2012 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

Mir san mir
„Sind wir bescheuert oder was?“, ruft mir Benny entsetzt zu. Am „Olympiazentrum“ hatte er bemerkt, dass wir in die falsche U-Bahnlinie gestiegen waren. Ich muss grinsen, denn irgendwie komme ich mir vor, wie ein chinesischer Tourist, der anstatt in der „Allianz-Arena“ im „Olympiastadion“ gelandet ist. Zudem haben wir Zeit. Es ist gerade einmal 19 Uhr als wir in einem fast leeren Abteil mit der U3 zurück zur „Münchner Freiheit“ fahren. Wir kommen mit einem älteren Paar ins Gespräch. Der Mann fragt, wo wir das Match sehen werden und nachdem ich es ihm voller Stolz erzähle, berichtet er mit leuchtenden Augen, dass er beim Endspiel der WM 1974 auch im Stadion gewesen war. Ich beuge mich vor und flüstere: „Es gibt nur zwei Spiele, die ich im Leben unbedingt einmal live sehen möchte: Ein Finale der Fußball-WM mit deutscher Beteiligung und das heutige Match.“ Ich habe Karten für das Endspiel der Championsleague 2012 zwischen Bayern München und Chelsea London und erfülle mir gerade 50 % eines Traums!

Dazu braucht man entweder viel Geld, was ich nicht besitze, oder gute Freunde. Nein, nicht diese Virtuellen, sondern Kumpels, die man ein halbes Leben lang kennt und die sich für einen den Arsch aufreißen. In meinem Fall sitzt dieser Mensch in London. Göte ist seit vielen Jahren im Chelsea-Supporter-Club und kann nur deswegen nicht mit mir nach München reisen, da seine Frau laut eigener Aussage „genau an diesem Wochenende werfen muss.“ Ich habe Verständnis dafür, dass er kein vollkommen durchgeknallter Fußballidiot ist, sondern bei der Geburt seines ersten Kindes mit dabei sein möchte. Allerdings ist das gut für mich, denn so kann meinen Bruder Benny mit nach Bayern nehmen. Wir müssen ein paar Formulare mit Passnummer ausfüllen (da sie in England die bösen Buben aussortieren wollen) und bekommen irgendwann per E-Mail die Zusage, dass uns ein Ryan die Tickets für je 70,- € am 19.05. in einem Hotel in München übergeben wird. Wahnsinn!

Mit meinem Vater gab es mal ein gemeinsames Fußballereignis welches uns bis zu seinem Tod für immer zusammengeschweißt hatte. Schon bevor wir das Auto besteigen, habe ich im Gefühl, dass dies das (!) Brüder-Match sein könnte. Allerdings ist Benny seit vielen Jahren großer Drogba- und Chelsea-Fan. Bei mir schlägt eher das deutsche Herz wenn es eine Mannschaft von „uns“ so weit geschafft hat.

Wir stellen am Samstag gegen 11 Uhr das Auto in München-Freimann ab und fahren mit der U6 in die Innenstadt. Gestern hatten wir noch in „Bayern 3“ gehört, dass alle Münchner dazu aufgefordert wurden, die Stadt „rot-weiß“ zu schmücken und auch im TV hatte es zuvor ununterbrochen geheißen, dass alle Deutschen den Bayern beim Finale „Dahoam“ die Daumen drücken müssen.

Ich muss zugeben, dass sie mich als Berliner mit dem „Mir san mir“-Gequatsche nicht so richtig ins Boot geholt hatten. Selbst Manuel Neuer hatte dieses „Dahoam“ (mit lustiger Betonung) aufsagen müssen. Okay, mir sind die Bayernspieler fast alle sympathisch, aber leider auch ein bisschen zu omnipräsent. In jeder zweiten Werbeanzeige sieht man eines ihrer Gesichter und der Auftritt von Robben in der Reklame für einen Sportwetten-Anbieter ist genauso grausam, als wenn man sich alle Werbespots von „Carglass“ in einer Dauerschleife anschauen müsste. Nicht nur weil wir abends bei den „Blauen“ stehen werden, trage ich ein neutrales „Flamengo Rio de Janeiro“-Shirt, als wir gen Marienplatz tuckern.

Benny ist vermeintlicher Ärger jedoch scheißegal. Er trägt ein Chelsea Basecape, ein blaues Chelsea-Trikot (Drogba) und einen blau-weißen Chelsea-Schal. Als großer Bruder fühle ich mich noch immer ein wenig in der Beschützerrolle, doch der „Kleine“ ist mittlerweile 38 und wird schon wissen was er macht. Dennoch entspanne ich mich erst als wir den Untergrund verlassen. Überall laufen „Blues“ in kleinen Gruppen herum und keiner der vielen „Roten“ bepöbelt oder bespuckt sie, obwohl einige bereits zur Mittagszeit ordentlich Weißbier getankt haben. Lediglich ein paar jugendliche Bayernfans laufen Fahnen schwenkend durch die Straßen und brüllen provokativ: „Who the fuck is Chelsea London? Heh, Heh!“

In einem Hof in der Sendlinger Straße trinken wir Kaffee. Plötzlich springt mich jemand von hinten an. Der Barmann – ein Brasilianer – hatte entdeckt, dass ich das Trikot seines Lieblingsvereins trage. Es scheint heute ein völkerverbindender Spaß zu werden.

Wenig später treffen wir den „Frittenmeister“ aus München, einen bisher nur virtuellen Freund, der sich innerhalb einer Stunde gute Chancen erarbeit, einmal ein echter zu werden. Zu diesem Zeitpunkt sind er und Benny noch das einzige „Pärchen“, welches mit Chelsea- und Bayerntrikot lachend nebeneinander sitzt – einige Weißbier später folgen etliche Jungs und Mädels diesem Beispiel. Dann gibt es auch die Szene wo ein „Roter“ und ein „Blauer“ direkt vor uns gemeinsam „Schuhplattler“ tanzen und das komplette Lokal johlt. Eine Sache fällt jedoch auf. Die Londoner scheinen fast alle älter als die bayrischen Fans zu sein. Immer wenn der Schlachtgesang „Who the fuck is Chelsea?“ ertönt, sieht man in vernarbten, rauen Gesichtern ein weises Lächeln, das zu sagen scheint: „Nach dem Spiel werdet ihr es wissen!“

Foto: Tobias Volke

Foto: Tobias Volke

Mittlerweile haben alle dieses „What-a-perfect-day“-Leuchten in den Augen. Das Wetter ist saugut, die Stimmung grandios und die Vorfreude auf das Spiel unbeschreiblich. Nach einer Stärkung (Pizza, Pasta & Bier) laufen wir gemeinsam zum Sendlinger Tor in Richtung des vereinbarten Hotels. Langsam werde ich nervös, denn Stimmung hin oder her – ich will das Spiel jetzt wirklich im Stadion verfolgen.

Der letzte Stand war der, dass wir uns hier mit ein paar Norwegern und besagtem Ryan aus England treffen werden. Eric, der Wikinger und zwei seiner Freunde – alle in Chelsea-Kluft – sind da. Wer fehlt, ist der Mann mit den Karten. Der Frittenmeister, den ich heiß gemacht hatte, dass er vielleicht noch ein Ticket abgreifen kann, führt uns in ein Café an dem eine Regenbogen-Fahne flattert und macht den zwei Nordländern (Eric wartet im Hotel auf Ryan) klar, dass ein Toilettenbesuch hier kein Zuckerschlecken ist. Die glauben das sogar, obwohl das natürlich ein Scherz ist.

Erst jetzt stelle ich fest, dass das Englisch meines Bruders noch schlechter als meines ist, was den Gang in den Chelsea-Block sicherlich nicht erleichtern wird. Endlich kommt Eric. Allein! In seinem Gesicht erkenne ich pure Verzweiflung und als wir ihn nach den Karten fragen, schüttelt er niedergeschlagen den Kopf…um im nächsten Moment einen Umschlag aus seiner Jacke zu holen. Er überreicht uns die bedeutendsten Fußball-Eintrittskarten des Lebens. Wahnsinn!

Wir legen nun noch eine Schippe drauf und es entwickelt sich ein denkwürdiger, biergeschwängerter Nachmittag. Leider ist keine Karte mehr für den Frittenmeister übrig, doch dank ihm fühle ich mich nun wie „Daheim“. Als wir uns verabschieden, denke ich an einen Songtext von Dritte Wahl: „Liebe gute alte Zeit, bleib ein bisschen stehen, ruh dich aus für eine Weile, denn es ist grad so schön. Lass uns hier und heute bleiben, halt die Uhren alle an. Diesen Augenblick wollen wir die nächsten hundert Jahre lang!“

Vor dem U-Bahnhof holt mein Bruder ein schwarzes Auswärtstrikot von Drogba aus seinem Rucksack und zwingt mich, es überzustreifen. Also doch Auswärtsspiel!

„Sind wir bescheuert oder was?“, ruft Benny entsetzt. Erst am „Olympiazentrum“ hatte er bemerkt, dass wir in die falsche Linie gestiegen waren. Wir machen kehrt und stellen gegen 19.30 Uhr an der „Münchner Freiheit“ ernüchtert fest, dass wir uns nun total angeschissen haben. Der Bahnsteig ist komplett überfüllt und in den ankommenden Bahnen lassen sie niemand mehr hinein. Die Norweger, die eh woanders im Stadion sind, rennen aufgeregt zum Taxistand. Doch „Ihr seid Ihr“, denn die MVG lässt wenig später einen komplett leeren Zug in den Bahnhof einrollen. Lauter Jubel brandet auf, denn alle Verzweifelten passen in die Wagons. Engländer überwiegen mittlerweile, was womöglich daran liegt, dass sie sich länger dem Münchener Bier gewidmet haben. „Blue is the colour“, tönt es überall lautstark.

Fröttmaning – Endstation für Fußballjunkies. Die Arena sieht der Ferne wie ein eierschalenfarbenes Schlauchboot oder eine Monsterbienenwabe aus. Wir standen beide noch nie so nah davor und sind wie paralysiert. Überall laufen zwielichtige Gestalten herum und fragen nach Tickets. „Benny, leg deine Hand auf die Hosentasche“, brülle ich ihn an. Endlich erreichen wir den Eingang. Die Kontrollen sind lasch und als der Code meiner Karte am Drehkreuz funktioniert, reiße ich auf der anderen Seite jubelnd die Arme in die Höhe. Ein Bayernfan kommt auf mich zu, haut mir auf die Schultern und ruft: „Good luck.“ Längst habe ich vergessen, dass ich ein Chelsea-Trikot trage. „Fiel Glug“, antworte ich mit unerwarteter Leichtigkeit.

Wir laufen ums Stadion herum, um in Block 346 zu gelangen. Hier ist München blau und viele quatschen uns auf Englisch an. Da ich nur die Hälfte verstehe, rufe ich lächelnd „yes“ und strecke den Daumen nach oben. Mein Bruder folgt dem Beispiel.

Auf dem steilen Weg zu unseren Plätzen spüren wir die zahllosen Zigaretten des Tages und als wir endlich in Reihe 15 angelangt sind, sehen wir, dass wir im gigantischen Stadion fast direkt unter dem Dach stehen werden. Wie üblich wurden die Gäste in der Nordkurve platziert. Die Ränge sind momentan jedoch lediglich zu 2/3 gefüllt – einige Chelsea-Jungs scheinen sich immer noch in der Innenstadt warm zu saufen (ein Typ kommt übrigens erst in der 99. Minute), während die Südtribüne schon bis auf den letzten Platz gefüllt zu sein scheint. Unser Block liegt genau an der Schnittstelle zu den „neutralen Zuschauern“. Zäune oder eine Polizeikette gibt es nicht. Gut so!

Langsam beginnt das große Kribbeln. Auf dem Gang unterhalten wir uns über den Medienhype, der um dieses „Finale Dahoam“ seit vielen Tagen gemacht wurde. Die Frage in fast allen Sendern und Zeitungen war allerdings lediglich gewesen, wie hoch die Bayern das Spiel gewinnen werden. In meinen Augen wurde das Chelseateam aufgrund ihres Alters und der defensiven Spielweise regelrecht verspottet. „Who the fuck is Chelsea“ – in zehn Minuten werden wir es sehen!

Das Spektakel beginnt. Fahneträger laufen ein und im Kessel beginnt es zu brodeln. Die Fans im Süden zeigen eine beeindruckende rot-weiße Choreografie, in deren Mitte der Pott zu sehen ist. Auf drei Spruchbändern steht: „Unsere Stadt“, „Unser Stadion“, „Unser Pokal“. Diese Forderung gefällt mir, da sie damit ihr München meinen und eben nicht ganz Deutschland zwangsverpflichten.

In unserem Bereich liegt auf jedem Platz eine blau-weiße Fahne. Die Leute in der noch immer nicht vollzählige Kurve schwenken sie im Flutlicht und singen voller Inbrunst: „Blue is the colour, football is the game. We’re all together and winning is our aim. So cheer us on through the sun and rain, cos Chelsea, Chelsea is our name.“ Gänsehaut – und als ein Tenor die Championsleague-Hymne singt, läuft sicherlich nicht nur mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Mein Bruder nimmt mich in den Arm – wir sind gemeinsam hier. Wahnsinn!

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Genau in diesem Moment kommt ein vollkommen besoffener, etwa 50 Jahre alter Glatzkopf angetorkelt und fragt, ob dies Reihe 15 wäre. Ja, und der Platz neben mir gehört ihm auch. Um es vorwegzunehmen: in der Folge ruft „England-Marc“ fast ohne Unterbrechung: „Come on Chelsea“, zerrt an mir oder klammert sich fest, um nicht umzufallen. Doch er ist schwer in Ordnung, ebenso wie Peter, ein Punk mit blauem Iro, der neben Benny Platz steht. Vor und hinter uns gibt es etliche ältere Männer, die uns erklären, dass Peter Osgood, der in den 60igern und 70igern für Chelsea spielte, noch immer ihr Lieblingsspieler ist. Tätowierten Haudegen – Marke „The nightmare returns“ – denen man in den 80igern lieber nicht begegnet wäre, sieht man an, dass sie fix und fertig sind. Die Fans waren, wie ihre heutigen Helden Drogba, Terry und Lampard, ins Alter gekommen. Einige haben ihre Söhne mitgebracht und Frauen sind nur sehr wenige am Start. Anpfiff!

Zum Spiel wurde schon alles gesagt und geschrieben. Obwohl wir nach 80 Minuten fast jeden Chelsea-Song mitsingen können, kühlt der Support spürbar ab. Alle hatten die große Überlegenheit der Bayern mit eigenen Augen beobachten können und als wenig später das folgerichtige 1-0 durch Müller fällt, weiß im Prinzip jeder Londoner, dass man diese Partie (zurecht) verlieren wird. Doch wie aus dem Nichts köpft Didier Drogba kurz vor Abpfiff zum 1-1 ein. Die Nordkurve explodiert und in der Pause klopfen uns etliche Chelsea-Leute auf die Schultern, nur weil wir in unserem Bereich die beiden einzigen sind, die den Namen des Torschützen auf dem Rücken tragen. Benny platzt fast vor Stolz. Der Rest ist schon jetzt Fußballgeschichte. Die Bayern bleiben weiter hoch überlegen, Robben verschießt den Foulelfmeter in der Verlängerung und im Elfmeterschießen verliert – gefühlt – erstmals eine deutsche Mannschaft gegen eine englische. „Didi“ schießt auch hier den entscheidenden Strafstoß. Chelsea holt den Pott!

Marc erwürgt Benny fast mit dessen Schal und ich kann mich gerade so festhalten, um nicht mehrere Stufen hinunterzustürzen. Wir versinken in einer Jubelorgie, wie ich sie noch nie bei einem Spiel zweier Vereinsmannschaften erlebt habe.

Bayern München hatte nicht gegen Milan, Real oder ManU verloren, die den Titel, wie sie selbst, schon zig mal geholt haben, sondern gegen ein Team, deren Fans dieses Gefühl überhaupt noch nicht kannten. Obwohl es abgedroschen klingt: „Man wird eben nur einmal zum ersten Mal Championsleague-Sieger!“ Neben uns werden unzählige Tränen vergossen – einige harte Männer heulen wie kleine Kinder. Ein Leben lang hatten sie daran geglaubt und auf diesen Augenblick gewartet. „Who the fuck is Chelsea London?“ Die Fragesteller hatten soeben ihr blaues Wunder erlebt.

Dann geschieht etwas Außergewöhnliches. Als die betröpfelten Bayernspieler ihre wertlose Medaille überreicht bekommen, gibt es aus unserer Kurve minutenlang Beifall. Ohne jegliche Häme, sondern voller Respekt für die gezeigte Leistung. Alle begreifen, dass sie dem wesentlich besseren Team in „Ihrer Stadt“ und in „Ihrem Stadion“ in wenigen Minuten „Ihren Pokal“ klauen werden.

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Nach der Übergabe leert sich das Stadion in Windeseile, nur im Norden wird noch geweint, gesungen und getanzt. Als dann auch noch „One step beyond“ von „Madness“ gespielt wird, flippen 20000 Fans regelrecht aus und rocken hüpfend die Arena. Man spürt bis in die Fingerspitzen, dass viele von ihnen länger auf diesen Tag gewartet haben als dieser Mr. Abramowitsch überhaupt lebt. Man sollte den Chelsea-Fans den Titel deshalb auch gönnen. Das Gegenteil von Neid ist Wohlwollen.

Bald sind die Bayern wieder dran, nicht Daheim – sondern Auswärts!

Ach so. Didier Drogba wird nach dem Spiel auch noch zum „Man of the match“ gewählt, was für Benny natürlich ein zusätzliches Schmankerl ist.

Doch vor allem wird ihm diese Partie als das (!) Brüder-Spiel in Erinnerung bleiben. Bis ans Lebensende werden wir uns die Erlebnisse vor Augen führen und wissen, dass wir uns fantastisch verstehen und immer füreinander da sind.

P.S.: Bei der EURO 2012 hauen wir die Engländer dann allerdings wieder weg, falls sie unseren Weg kreuzen sollten. Sportlich, rein sportlich.

Hier noch der Bericht bei “Fritten, Fussball und Bier” mit mehr Bildern!

Madness!

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