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Gruppenratswahl – aus dem Buch “Leninplatz”

12. November 2014 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

Jugendweihebuch alle
Als wäre ein Montag nicht schon Strafe genug, findet in der darauffolgenden Woche auch noch eine außerplanmäßige Gruppenratswahl nach dem Unterricht statt, weil unsere Vorsitzende Steffi umgezogen war und unsere Klasse – obwohl wir bald in die FDJ aufgenommen werden – deshalb neu wählen muss.

„Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, frage ich Andi auf dem Schulhof. „Bist du jetzt total bescheuert, oder was?“, pariert er und zeigt mir einen Vogel. „Na nur, um die Frisch ein bisschen zu ärgern“, antworte ich und sehe in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr.
„Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelt er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, bettele ich, doch mein Freund schüttelt energisch den Kopf.
Um 15.00 Uhr trudeln die restlichen Jungs im weißen Pionierhemd und mit schlampig gebundenem rotem Pionierhalstuch ein. Zwanzig Minuten später sitzen wir in U-Form an Tischen. Vor uns haben Herr Blase, Frau Frisch und Herr Hohmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen fast immer mit dabei ist. Vor ihnen liegt die TROMMEL, welche vor zwei Jahren die bei allen einigermaßen beliebte FRÖSI als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hat.
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„Für Frieden und Sozialismus, seid bereit“, ruft Uta, die bisherige Stellvertreterin. Wir antworten gelangweilt mit: „Immer bereit“ und singen danach „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“. Die Wahl des Gruppenrats ist der einzige Tagesordnungspunkt.
Sabine und Lars können nicht gewählt werden, weil sie im Freundschaftsrat eine hohe Funktion ausüben, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem „JP-Emblem“ zeigen. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gibt es nicht.
Lena meldet sich: „Ich schlage Daniela als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkt: „Ich auch!“ Die Mädchen haben sich also auf Daniela aus meinem Haus geeinigt – diese Ziege, die stets darauf bedacht ist, wie ein Junge auszusehen. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch und der blaue Rock stehen ihr sogar, denn so kann sie ihre Klamotten, die aus Konsumjeans und einem 10er-Pack Nikis aus der Jugendmode zu bestehen scheinen, wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem riecht sie, trotz der kurzen Haare, immer extrem nach Action-Haarspray und gilt – neben der fetten Anja – als größte Petze der Klasse.

Das ist zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, ruft Uta, die sieht, dass ich meine Hand gehoben habe. „Also ich schlage Andi vor“, und schaue dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelt er den Kopf und auf seinen Lippen kann ich ablesen: „Bei dir piept’s wohl“, aber ich weiß: Auch er hasst Daniela wie die Pest. Ich beobachte, dass die Frisch tief durchatmet und ihre Gesichtsfarbe von blass ins Rötliche wechselt, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln scheint. Wir sind seit Steffis Weggang 13 Jungs und nur noch 12 Mädchen in der Klasse.
Zeugnis hinten
Siegessicher lasse ich den Blick durch die Reihen schweifen – und fange plötzlich an zu schwitzen. Didi ist nicht gekommen. Natürlich nicht, denn er ist ja kein Mitglied. Selbst wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, lassen ihn seine Eltern nicht und schleppen ihn lieber in die evangelische Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Uta fragt: „In Ordnung, wer ist alles für Andi?“
Zwölf Arme – einschließlich seines eigenen – recken sich in die Höhe. Doch das wird nicht reichen, da bei einem Unentschieden Pionierleiterin Frisch, unter Abwesenheit jeglichen Humors, zum Wohle der Pionier-Organisation entscheiden wird.
Ich blicke hinüber zur Stabi-Lehrerin, die sich allmählich zu entspannen scheint. Uta beginnt zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feiert schon innerlich. Gleich wird mit Daniela ein ihr stets alles zutragender Pionier zur Gruppenrats-Vorsitzenden des Klassenkollektivs der 7 B gewählt werden. „Elf, zwölf – und dreizehn“, ruft Uta.
Irritiert schaue ich in die Runde. Wer hat sich denn da auf unsere Seite geschlagen? Astrid lächelt und ich nicke ihr anerkennend zu, doch sie deutet mit dem Daumen nach links. Daniela selbst ist die entscheidende Wählerin und Andi damit neuer Gruppenrats-Vorsitzender. Wie arschkuhl ist das denn!

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Uta bleibt Stellvertreterin, Lena Schriftführerin, Dirk wird zum Altstoff-Beauftragten und Milchgeld-Kassierer gewählt (was seinen Vati sichtlich stolz macht) und ich bleibe Sport- und Kulturfunktionär. Lediglich bei Anjas Wahl zum Agitator wird es noch einmal eng, aber da die Jungs schon den Chefposten stellen, kann sie den ungeliebten Job ruhig weiterhin machen. Wir haben der Frisch gehörig eins ausgewischt!

Auf dem Heimweg steht Andi natürlich im Mittelpunkt. Alle lachen sich darüber kaputt, dass erstmals ein Schüler der Käte zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden ist, der in Betragen gerade eine 5 hat und in der Vorwoche nur knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt ist. Das Gebot „Wir Thälmannpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert“ trifft auf ihn wahrlich nicht zu.

Sogar Lars darf nun Teil der Truppe sein, da er sich der Stimme nicht enthalten hat. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Kragen seines Anoraks an die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er alsbald wimmernd Nasenbluten bekommen hätte.

Kurz vor meinem Hauseingang nehme ich Andi zur Seite. „Warum hat Daniela eigentlich für dich gestimmt? Kapiere ich nicht.“ Ich bemerke seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen Kuhlen macht. „Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Dani seit über einem Jahr zusammen.“

Ich bin eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – dies bisher verschwiegen hatte, denn „wir Thälmannpioniere lieben die Wahrheit, sind zuverlässig und einander freund“, besagt ein anderes Gebot.
Erst vor dem Fernseher auf der Couch wird mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem allerengsten Umfeld zutragen, nicht die geringste Ahnung habe. Irgendwo wird sogar gemunkelt, dass Steffi gar nicht nach Querfurt, sondern in die USA „umgezogen“ ist, was auch den weißen Flor an der Autoantenne ihres Vaters erklären würde. Aber wer weiß denn eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal sogar in die verrückte Ina verknallt bin? Niemand!

Kurz darauf beginnen die Heute-Nachrichten im ZDF. Die Top-Meldung des Tages widmet sich dem 54-jährigen Michael Gorbatschow, der vorige Woche zum neuen 1. Generalsekretär der KPdSU der UdSSR gewählt worden war. Der Mann mit dem Muttermal auf der Glatze ist verhältnismäßig jung und sieht nicht einmal besonders unsympathisch aus. Doch große Reformen, wie sie die Leute im Westen nun erhoffen, sind auch von ihm sicherlich nicht zu erwarten. Ebenso wenig wird Andi eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7 B einleiten. Dafür sind die Strukturen unserer Pionierorganisation viel zu eingefahren.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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