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Abhängig – Jugend in der DDR

8. September 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog


Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend „mal“ am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern. An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus dem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Abhängigkeit war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn – mit roten Äderchen auf der Nase – zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte.

Da mir die Jugendweihe aber zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine Boutique in der Sophienstraße. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich tatsächlich alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch richtig Scheiße aus. So richtig!
Die Feierstunde verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ und “Auf, auf zum Kampf” gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.

Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später „mal“ am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder schlappe 1.540,- Mark hingeblättert! Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer, trank mein Bier in einem Zug aus und rief „Prosit!“ in die Runde. Alle lachten gerührt.

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Der Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Wie viele Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers. Beschwipst lauschte ich dem beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um einige sinnlose Artikel den Gästen vorzutragen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen, leicht schwankenden, Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und selbst in Restaurants wurden wir angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Um 20 Uhr war bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit einer Pulle in der Hand und brüllten: “Auf, auf zum Kampf zum Kampf!”. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – etliche sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.
Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts.

Heute habe ich einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf wenige Ausnahmen sind die abhängigen Säufer alles Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit den Jungs die Halben im „Rockz“ hinter die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, während sie immer noch am ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich sogar ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen.
Es war also doch der Westen schuld!
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Nachspiel: Deutschland vs. Ghana – Brasilien 2014

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110239Danny und Jenna gehen nach dem Konzert ins Hotel, doch ich habe mein Zeitgefühl längst verloren und streune mit Erni in eine vermeintlich gefährliche Ecke der Stadt. Gerade als wir einsichtig umkehren wollen, hören wir verlockende Musik auf der anderen Straßenseite. Etliche Einheimische aber auch Deutsche in Nationaltrikots stehen dort vor einer Art Disco und plaudern. Ein kahl-rasierter Typ brüllt genau in diesem Moment: „Zieh dein Scheiß-Ölaugen-Trikot aus, du Fotze“. Der Drecks-Nazi und seine Jungs, deren Herkunft ich nicht verraten will, um diesen Verein nicht in Misskredit zu bringen, beschimpfen einen Kerl, weil er ein Özil-Trikot trägt. „Verbisst euch ihr Benner“, ruft Erni unfassbar mutig. Ich zupfe ihm am Ärmel, doch seine Nase bleibt heil, da die Deutschen mit Hirn deutlich in der Überzahl sind. Die vier Spasten hauen Richtung Puff (O-Ton) ab. Solche Typen werden für immer Feinde bleiben – bis wir sterben. Wir hingegen taumeln Seit an Seit mit unseren Freunden „Özil“, „Boateng“ und „Podolski“ ins Verderben.
Unter gewissen Umständen, wie übermäßigem Alkoholgenuss oder fiesen Adrenalin-Ausschüttungen, verliere ich im Leben noch immer die Kontrolle über den Verstand, denn in der Bar gibt es Frauen, die nicht von dieser Welt sind. Nur zögerlich kann ich den Blick von all den erotisch glänzenden Schenkeln und Brüsten dunkelhäutiger Schönheiten abwenden, die hier ekstatisch und mit Hüftschwung Lambada und Samba zelebrieren. Manchmal will ich noch immer begehrenswert sein – möchte mir nicht eingestehen, dass die besten Jahre längst vorbei sind. Auf Fotos des heutigen Tages sehe ich zehn Jahre jünger aus und habe ein lässiges Leuchten in den Augen.
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Auf dem Parkett schwebt ein Paar so unfassbar sexy durch den Laden, dass es mich nach einer Caipi packt und ich eine schönbusige Frau zum Tanz auffordere. Die Anmutige nickt und greift mir sofort an die Hüften. Doch der Schwof dauert genau eine Minute, da ich nicht in der Lage bin, ihren Rhythmus auch nur ansatzweise mitzugehen. Ich torkele und stolpere eher neben ihr her. ‚Scheiße, ein Brasilien-Gen besitze ich wahrlich nicht‘, denke ich, als sie mich sanft von sich schiebt, einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückt und „não“ flüstert.
Plötzlich spielen sie „Nossa, Nossa“ – das bisher erste bekannte Lied in meinen Ohren. Wenig später schlängelt sich eine 200köpfige „Polonaise“ durch die Disco – angeführt von Erni. Alle haben sich angeschlossen und steigen nun kreischend über Tische und Stühle bevor sie mein Freund unter den klaren Sternenhimmel führt. Das Verhältnis von Deutschen und Brasilianern liegt bei 1:7, doch in gemeinsamer Leidenschaft bricht der Laden fast zusammen.
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Die kaffeebraune Schönheit hinter mir versucht die Köpfe meiner Hose zu öffnen, um an meine Genitalien zu gelangen und Erni brüllt von vorn: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“ Plötzlich ist da ist so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Nur für diesen Moment hat sich diese Reise schon gelohnt. Behutsam führe ich die Hand zurück auf meine Schulter während eine feuchte Zunge an meinem Hals herumschleckt. Ich drehe mich um und rufe: „Não!“, da die begehrenswerteste Frau der Welt genau 2.014 Schritte entfernt schläft. Außerdem weiß ich, dass ich beim brasilianischen Sexrhythmus genauso grandios versagen würde.
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Erni kommt freudestrahlend mit einer Chica im Schlepptau an – ein Traumpaar. Er fragt: „Kannste mir mal nen Hunderter borgen?“ Auch mein Freund hat sicher keine Ambitionen fremd zu vögeln und will der Zauberfee nur noch einen Drink spendieren. Zumindest realisiere ich, dass er schon wieder pleite ist – Zeit zu gehen. Arm in Arm wanken wir aus dem Laden und singen „Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego, ai se eu te pego“. Etliche Frauen, die wir in den letzten vier Stunden gesehen und berührt hatten, haben uns fast um den Verstand gebracht. Es ist 5 Uhr.

An der Strandpromenade ist noch immer etwas los. Zwei Teams spielen auf dem warmen Pflaster Fußball und etliche Zuschauerinnen und Jungs diverser Nationen schauen dabei zu. Erni legt seine Deutschlandfahne hinter eines, der aus zwei Pullen bestehenden Tore und brüllt: „Wir fordern!“ Ein lustiger Braunschweiger namens Tommy, den wir im Club kennengelernt hatten, sieht das und ruft: „Ey, mit euch sind wir endlich sieben!“ Um eine steinerne Bank machen sich sogleich vier weitere Jungs startklar. Ich kann nicht fassen, was nun geschieht, aber Mateo und Jesus aus Kolumbien, der Chilene Amaro und David aus der Schweiz meinen es todesernst. Tommy sowieso.
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Derweil verlieren „brave Brasilianer“ gegen oberkörperfreie „Favela-Boys“ deutlich. Überheblich lächelnd winken sie uns heran. In 2 x 10 Minuten wollen sie uns, den „Bunten“ – wir tragen alle ein Trikot unseres Heimatlandes – zeigen, wer die ultimativen Herren des Strandes von Fortaleza sind.

Erni geht ins Tor. Ich bilde mit David die Abwehrkette, die Kolumbianer spielen im Mittelfeld und Tommy orientiert sich zusammen mit Amaro in die Spitze. Direkt nach dem Anstoß sprintet der Chilene nach vorn. Jesus spielt einen nahezu perfekten Pass ins Abwehrzentrum des Gegners, doch Amaro schiebt den Ball knapp an der linken Bierdose vorbei. Sofort antworten die Brasilianer mit einen langen Ball hinter unsere zu weit aufgerückten Kolumbianer. Ich döse ein wenig und mit einer leichten Körpertäuschung ist mein Gegner an mir vorbei. Der hat nun freie Bahn und schießt platziert ins linke Eck. 1:0 für Brasilien. Auf den Zuschauertribünen wird gejubelt. ‚Na das geht ja gut los‘, denke ich während Jesus und Mateo toben und Erni den Ball holt. Ich wechsele in den Kasten. Meinem knapp acht Jahre jüngeren Freund, der bis zur A-Jugend fast auf Drittliga-Niveau in der Abwehr gespielt hat, wäre dieser Fehler sicher nicht unterlaufen. Zudem bin ich schon nach drei Sprints außer Atem, triefe nach Schweiß und spüre den immensen Alkohol in meinen Adern pulsieren.
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Nach dem Anstoß sehe ich wie genial Jesus und Mateo miteinander harmonieren. Gekonnt passen sie knapp zehnmal hin- und her ohne das die verblüfften Brasilianer an den Ball gelangen. Erst jetzt grätscht einer dazwischen. Ecke. Jesus schaut kurz auf und flankt dann präzise in die Mitte. Kein einziger Gegner springt hoch und so fliegt der Ball zu Tommy, der ihn kurz fixiert und dann – etwas unbeholfen – in Richtung Tor köpft. Doch unerreichbar segelt dieser ins gegnerische Tor. „Viel zu hoch“, deutet der Torwart an, aber der bullige Chef unseres Gegners schüttelt den Kopf und schleppt den Ball zum Mittelkreis. 1:1.
Wütend rennen sie nun an, doch Erni bekommt den Ball schnell unter Kontrolle und passt hinüber zu David, der diesen augenblicklich zu Jesus hinüberschiebt. Blind spielt dieser weiter zu Amado. Drei Brasilianer schauen apathisch hinterher. Unser Chile schießt den Torwart an, aber der Abpraller kommt genau zu ihm zurück und im Nachschuss versenkt er ihn eiskalt. Wie krass – wir führen! Das ist ja so, als wenn ich mit Jenna zwei überlegene türkische Jungs in Kreuzberg zum Tischfußball bitte und wir nur durch unkonventionelle Spielweise eine Chance haben. Doch unsere Südamerikaner im Team spielen nicht unkonventionell – sondern granatenstark. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“, feiert sich Amado selbst.
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Fast schon panisch rennen sie nun gegen uns an. Ich kann einen Ball lässig vor deren Stürmer aufnehmen und werfe weit ab hinüber zu Mateo. Der passt halbhoch zu Jesus, welcher das Ding per Direktabnahme aus gut 10 Metern knallhart ins rechte Eck hineinzimmert. 1:3 – ich fasse es nicht.
Um uns herum ist es mittlerweile still geworden. Die Zuschauerinnen – vermutlich sind auch Freundinnen der Spieler anwesend – verharren in ungläubigem Staunen. Sie fragen sich wahrscheinlich gerade auch, ob das wirklich wahr ist. Erni kommt angerannt und singt mir ins Ohr: „Oh wie ist das schön…“
Nach dem Anstoß will keiner von denen den Ball so richtig haben. Aus frech-lachenden, barfüßigen Straßenkickern sind Feiglinge geworden. Der arrogante Glaube, die Allergrößten zu sein, ist allmählich verflogen. Ihr Boss staucht sie immer wieder – wild gestikulierend – zusammen.
Jesus nutzt die Unentschlossenheit und spielt links hinüber auf Tommy, der ihn sofort auf den nach vorne gesprinteten Kolumbianer zurückkickt. Kinderleicht schiebt er den Ball zwischen die Pfosten. Jetzt sprinten wir alle nach vorn und umarmen den Doppeltorschützen. Das Spiel ist nach 8 Minuten eigentlich entschieden. Doch noch ist nicht Halbzeit. Ich mache es mir im Tor gemütlich, denn die Brasilianer schaffen es nicht, an David und Erni vorbeizukommen. Mittlerweile brüllen Leute von draußen „Olé“ nach jedem unserer Pässe zum Mitspieler. Und das ist oft, da die planlos agierenden Gegner fast gar nicht mehr an den Ball kommen. Matteo schiebt den Ball rechts auf Jesus, der sofort durchstartet, jedoch nicht abschließt, sondern zurück in die Mitte spielt. Dort wartet bereits sein Kumpel, der ihn übermütig mit der Hacke ins Tor kickt. Ich träume nicht. Es steht 5:1 für uns Ausländer. Was für eine Tracht Prügel – was für eine Demütigung!
Während der kurzen Pause spendiert uns ein brasilianischer Familienvater eine Runde Bier. Keine Ahnung, ob er jemals auf dem Pflaster von Fortaleza eine solch peinliche Vorführung der heimischen Jungs gesehen hat. Andererseits vermute ich allmählich, dass auch Jesus, Mateo und Amado in ihrer Heimat durchaus für gute Kicks am Strand oder im Verein bekannt sind.
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Nach dem Seitenwechsel können wir es uns leisten, mich aus dem Tor zu nehmen. Ich tausche mit Tommy, der etwas außer Puste ist. Ein Gegner ist nun nicht mehr vorhanden, sodass auch ich mit dem Ball am – mittlerweile blutverklebten – Fuß ungestört auf dem Spielfeld entlang spazieren kann. Als ich quer nach innen flanke, sehe ich gar nicht, dass sich auch Erni nach vorn orientiert hat. Zum Glück verpasst Jesus, denn so gelangt mein Freund an den Ball und knallt ihn per Vollspann dem Torwart zwischen die Beine. Getunnelt – Höchststrafe – 1:6. Der Kerl sackt zwischen den Pfosten in sich zusammen, während ich Erni auf den Rücken springe und wir gemeinsam zu Boden stürzen. Tommy kommt aus dem Tor gerannt und auch der Schweizer David schließt sich uns an. Gemeinsam krauchen wir auf Knien als „Raupe“ über den Platz. Unsere Südamerikaner staunen über so viel Ekstase und in den Gesichtern des Gegners ist eine Mischung aus Schock und Scham zu sehen.
Kurz darauf geschieht das Ungeheuerliche. Nein, wie bekommen keine aufs Maul und werden auch nicht mit vorgehaltenem Haifischmesser dazu gezwungen noch sechs Stück reinzulassen. Der Chef der Brasilianer schnappt sich mit einer Fresse, die aussieht als ob er Zahnschmerzen hätte, den Ball, ruft seinen Jungs etwas zu und verschwindet dann mit ihnen in Richtung der Häuserschluchten.
Der Torwart dreht sich noch einmal um und zeigt ein Fuck-Off, doch nach dreißig Sekunden sind die entzauberten Herren des Strandes verschwunden. Kampflos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben. Deutschland-Kolumbien-Schweiz-Chile hat Brasilien auf eigenem Boden während der WM 2014 mit 6:1 bezwungen. Wir liegen uns in den Armen und brüllen kollektiv den Klassiker: „We are the champions.“
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Jeder von uns weiß nun, dass die Heimmannschaft auch in der Heimat zu schlagen ist. „Vielleicht gewinnen unser Jungs ja noch höher gegen die“, brülle ich Erni in einem Anfall von Größenwahn zu und meine damit unsere Nationalmannschaft. Frühestens im Halbfinale kann es zur Partie gegen Brasilien kommen.

Und noch etwas anders töne ich: „Ich fahre übrigens zurück nach Recife zum Spiel gegen die Amis. Wir sind ja nur einmal bei einer Fußball-WM. Sylvie wird das ganz sicher verstehen. Bist du dabei?“ „Nuklear“ (na klar) schallt es zurück. Auch er will eine Fortsetzung des Gesamtkunstwerkes aus Spiel, Spaß und Emotionen!

Noch lange sitzen wir mit Menschen aus aller Welt zusammen und erleben während des Sonnenaufgangs über Fortalezas Honiglippenbucht einen weiteren Augenblick für die Ewigkeit. Ein sehr junges Mädchen, die mit ihrer Familie noch immer hier und wach ist, entdeckt meine DDR-Fahne und klettert mit dieser auf einen Betonsockel. Dort breitet sie sie vor dem Körper aus und beginnt mit liebreizender Stimme zu singen: „Eu sou alemão, com muito orgulho, com muito amor.“ Tommy und Erni stimmen sofort ein. Ich jedoch bestaune mit offenem Mund das Schauspiel und suche in meinem Hirn nach einem Wort, welches auch nur ansatzweise meine Gefühle beschreiben kann.
Dieses Wort gibt es nicht. Also stimme ich mit Inbrunst ein und schmettere es in Richtung Pazifik: „Ja, ich bin Deutscher, mit Stolz und mit viel Liebe!“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Generation Tony Martin & Simon Geschke – Jugend in der DDR

21. Juli 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

König der BergeDurch Pechvogel Tony Martin, John Degenkolb, André Greipel und Simon Geschke, dessen Vater “Tutti” Geschke mein Vater noch sehr gut kannte, werde ich nach langer Zeit wieder an Momente erinnert, in denen der Radsport & die Tour de France eine ziemlich wichtige Rolle in meinem Leben gespielt haben…

“Ich kenne ihn, doch er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast im gleichen Alter. Er ist ein Star, und ich bin ein Nichts. Das kommt öfter vor – nicht nur bei mir. In diesem speziellen Fall aber ist die Sache noch etwas anders – komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend sind wir uns das erste Mal begegnet.

Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war, wenn wir ohne “Loch im Kopf” in unserem Roll-Bettchen lagen und schliefen. Radfahren gehörte somit ihrer Meinung nach zu den Extremsportarten.

Es ist eine meiner unangenehmsten Kindheitserinnerungen, dass ich erst mit 13 Jahren heimlich übte, mit so einem Drahtesel nicht auf die Schnauze zu fallen. An den Schmerz und die zwei Wochen lang blau gefärbten Hoden, die ich mir beim Absteigen von der Fahrradstange meines neuen Herrenrennrades zugezogen habe, kann ich mich noch heute erinnern.

Etwa zu dieser Zeit zog ein junges Kerlchen in meinem Alter von Rostock nach Berlin. Er hatte sich in meinem neuen Lieblingssport schon in jungen Jahren mit besonderen Leistungen hervorgetan. Bereits mit neun Jahren gewann er sein erstes Schulrennen und ein Jahr darauf – mit geliehenem Rad und in normalen Turnschuhen – einen offiziellen Wettkampf. Er galt schnell als das ganz große Radsporttalent und fuhr allen seinen Altersgenossen davon. Der Kleine hieß Jan Ullrich…”

Hier geht es zum Weiterlesen bei Spiegel Online
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Und hier zum Buch “Mauergewinner”
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Generation Jan Ullrich – Kindheit in der DDR

26. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

6 Tage Rennen Berlin

In Gedenken an Lance, Ulle und die “Tour de France” eine kleine Leseprobe aus “Mauergewinner”:
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Ich kenne ihn und er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast gleichen Alters. Er ist ein Star und ich bin ein Nichts. Mit sicherlich hunderten Personen aus Film, Fernsehen und Sport geht uns das so – nicht nur mir. In diesem speziellen Fall ist die Sache jedoch etwas anders – komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend begegneten wir uns das erste Mal.

Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns bis ins Erwachsenenalter belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war, wenn wir ohne „Loch im Kopf“ in unseren Roll-Bettchen lagen und schliefen. Somit gehörte Radfahren ihrer Meinung nach auch zu den Extremsportarten. Eine meiner unangenehmsten Erinnerungen an meine Kindheit ist, dass ich erst mit 13 Jahren heimlich übte, mit so einem Drahtesel nicht auf die Schnauze zu fallen. An den Schmerz und die zwei Wochen lang blau gefärbten Hoden, die ich mir beim Absteigen von der Fahrradstange meines neuen Herrenrennrades zuzog, kann ich mich noch heute erinnern.
Etwa im gleichen Alter zog ein junges Kerlchen von Rostock nach Berlin. Er hatte sich, im Gegensatz zu mir, genau in meinem neuen Lieblingssport schon in jungen Jahren mit besonderen Leistungen hervorgetan. Bereits mit neun gewann er sein erstes Schulrennen und ein Jahr darauf einen offiziellen Wettkampf mit geliehenem Rad und in normalen Turnschuhen. Er galt recht schnell als das ganz große Radsporttalent und fuhr alle seine Altersgenossen in Grund und Boden. Der Kleine hieß Jan Ullrich.
Sicherlich nicht nur in meinen Augen kommt jetzt die große Überraschung: Mein Papi, wie wir damals noch sagten, hatte an der DHfK in Leipzig Sport studiert. Dass er selbst eigentlich einmal aktiver Speerwerfer war, würde hier zu weit führen. Jedenfalls bekam er anscheinend durch die solide, alle Sportarten umfassende Ausbildung bald nach dem Studium eine Arbeitsstelle beim SC Dynamo in Berlin in der Sektion Radsport. Schnell stieg er dort sogar zum Sektionsleiter auf. Mein Vater war beliebt, die älteren Fahrer durften ihn duzen und einige nannten ihn “Scheppi” oder einfach nur “Trainer”.

Winterbahn

Dynamo Berlin hatte Klassefahrer, die Benny und ich wegen des Papas natürlich bereits als Kleinkinder persönlich gut kannten, wie Carsten Wolf, Emanuel Rasch und Bill Huck. Das Problem daran war, dass die Besten in seiner Talentschmiede alles Bahnradfahrer waren, die bis auf wenige Fachleute und echte Fans kein Schwein kannte. Die eigentlichen Helden dieser Zeit waren aber die Friedensfahrer, das Gegenstück zu den Gladiatoren der Tour de France des Westens. Wirklich jeder aus meiner Schulklasse kannte das komplette DDR-Team. Ob nun Hans-Joachim Hartnik, Bernd Drogan oder Olaf Ludwig – alle liebten sie. Nur waren diese Spitzensportler, sehr zum Ärger des obersten Dynamo-Chefs Erich Mielke, allesamt Fahrer von Vereinen aus Leipzig, Erfurt und Gera. Doch in Rostock hatten sie einen Jungen entdeckt, den der Cheftrainer meines Vaters nach Berlin “delegierte”. Jetzt hatten sie wenigstens ein Supertalent für die Zukunft in der Hauptstadt der DDR – richtig: Jan Ullrich.
Viele unserer Wochenendausflüge endeten für mich und meinen Bruder Benny in dieser Zeit in irgendwelchen Käffern von Brandenburg, wo verschwitzte, ungeduschte Jungs mit ihren blöden Rennrädern um die Wette fuhren. Mein Vater dachte wahrscheinlich, dass wir das ganz unterhaltsam finden würden – fanden wir nicht! Ich war mittlerweile 14 Jahre alt und belächelte diese kleinen hechelnden Idioten, die meinen Vater mit großen Augen fragten: “Herr Scheppert, wann fahren wir zurück?” Ich ging in die kalten, feuchten Wälder, rauchte heimlich ein paar Cabinet Zigaretten und fragte mich das auch.
Auch im Winter war der Spuk nicht vorbei, da dann am Wochenende die Jugendrennen in der Werner-Seelenbinder-Halle stattfanden. Auf dem halsbrecherischen Rund der so genannten Winterbahn mit ihrem extremen Neigungswinkel gab es oft brutale Stürze und schwere Verletzungen des ehrgeizigen Nachwuchses – auf der Straße übrigens bei Unfällen sogar manchmal Tote. Ich dankte innerlich meiner Mutter, deren Genen ich meine Unsportlichkeit verdankte, und grinste die Jungs – wenn uns mein Vater vorstellte – verächtlich an. Im Kantinenbereich konnte ich heimlich eine paffen.

Icke Benny

Meinem Vater fehlten die Erfolge. Der so genannte Olympiaauftrag wurde wiederholt nicht erfüllt und so mussten auch schon im Osten Köpfe rollen. Ihm wurde außerdem ein zu freundschaftliches Verhältnis zum Kollektiv der Sportler vorgeworfen. Die ersten Erfolge Jan Ullrichs und seines Trainers Peter Becker erlebte er nicht mehr in leitender Funktion. Becker galt als der härteste Hund unter den Trainerkollegen meines Vaters. Er war es auch, über den ich mein erstes Rennrad bekommen hatte. Wenn er geahnt hätte, dass ich, der Sohn des Sektionsleiters, also seines Vorgesetzten, mit 13 Jahren gerade erst begann, Radfahren zu lernen, wäre mein Vater sicherlich ganz bei Dynamo rausgeflogen.
So wurde er wegen anhaltender Erfolglosigkeit nur in die Sektion Schwimmen delegiert.
Dort war eine Planstelle frei. So unglaublich es klingt, als dortiger Sichtungstrainer in den Trainingszentren empfahl er unter anderem, eine gewisse Franziska van Almsick auf die Kinder- und Jugendsportschule zu schicken. Ich bin mir sicher, mein Vater (kein besonders geübter Schwimmer) hatte kein gutes Händchen – er hatte einfach nur Glück. Doch kurz nach dem Mauerfall 1989 war die ganze Blase „sozialistischer Leistungssport“ endgültig geplatzt. Mein von mir – trotz des Missfallens am Radsport – immer bewunderter Vater musste sich nach etwas Neuem umsehen.
Jan Ullrich blieb auch nach der Wende bei seinem Trainer Peter Becker, wurde 1993 Amateurweltmeister auf der Straße und bekam einen gut dotierten Vertrag beim Team Telekom. „Ulle“ wurde nach der Schwimmerin “Franzi” der zweite gesamtdeutsche Superstar im vereinten Land und am Ende seiner Karriere leider der bislang tollpatschigste, tragischste gefallene Held – natürlich aus dem ehemaligen Osten. Mein Vater bekam nach längerem Suchen einen weniger lukrativen Job als Hausmeister bei einer dubiosen Immobilienfirma, trennte sich wegen einer Jüngeren von meiner Mutter und stolperte danach von einer persönlichen Katastrophe in die nächste, um am Ende – und hier war nicht der Westen, sondern der Alkohol schuld – alles zu verlieren, sogar seine Würde. Als er ungepflegt und vor allem besoffen zur Hochzeit meines Bruders Benny erschien, beobachtete ich ihn mit einer Mischung aus Scham und Bestürzung. Genervt rauchte ich – jetzt nicht mehr heimlich – irgendwo weiterhin meine Cabinet Zigaretten, das letzte Relikt aus alten Tagen.
Nein! So traurig darf und wird diese Geschichte nicht enden!

Tour de France

Im Juli 1997 überraschte mich meine damalige Freundin Danny mit einem Besuch in meiner Studentenbude. Eigentlich waren wir noch gar nicht so richtig zusammen – wie auch immer. Sie erklärte mir umständlich, dass ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen und ein paar Sachen für das Wochenende packen müsste. Zu früher Stunde saß ich tags darauf in einem Zug in Richtung Frankreich. Sie hatte ein Wochenende Paris für uns gebucht! Wir kannten uns noch kaum, doch Danny lernte zumindest mich – und meine Vergangenheit – in diesen Tagen kennen.
Die Stadt war geschmückt, als ob sie gerade eine Jubiläums-Feier ausrichtete. Überall hingen Fahnen, Wimpel und riesige Plakate, die auf ein großes Ereignis am Sonntag hinwiesen. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind – jedoch nicht wegen des hübschen Mädchens an meiner Seite, die vorher nicht einmal wusste, dass die 84. Tour de France genau an diesem Wochenende hier enden würde! Mein Jan Ullrich würde als erster Deutscher das gelbe Trikot nach Paris radeln! Ich konnte über nichts anderes mehr sprechen als über Forst, das kleine Kaff in Brandenburg mit seinen Jugendrennen, über meinen tollen Papi, der den neuen Radsportkönig irgendwie mit entdeckt hatte, sogar über meine blauen, geschwollenen Eier.

Tour de France 3

Ich war so stolz, ich war so gerührt, als am Sonntag dann endlich die Jungs im Stadtkurs der Pariser Innenstadt mehrere Male an uns vorbei rollten. Tränen standen mir in den Augen. Ich jubelte ihm zu, dem verschwitzten Jungen aus meiner Kindheit. Wie hatte er sich gequält: durch eine Jugend ohne Biersaufen und Cabinet-Zigaretten – jetzt fuhr er an mir vorbei, mit einem strahlenden Lächeln, in seinem leuchtend gelben Trikot des Siegers. Es war einer der bewegendsten Momente meines bisherigen Lebens – für mich war es, als führe Geschichte an mir vorbei. Nicht nur die der beiden Deutschlands, nicht nur die des Radsports, sondern auch meine ureigene. Nach dem Etappensprint standen wir aufgeregt in der Nähe des Teams Telekom. Ich traute mich nicht, hinüberzugehen, und zündete mir stattdessen hektisch eine französische Zigarette an. Ich kannte ihn – doch er kannte mich nicht.

Tour de France 2

Mit Hilfe der Familie, eiserner Disziplin und vor allem ohne jeglichen Alkohol bekam mein alter Herr sein Leben nach und nach wieder geregelt. Er ist gesund, fit und als Rentner sogar wieder ehrenamtlich im Sport engagiert. Ich bin heute wieder richtig stolz auf ihn, wenn er beim jährlichen Berliner Sechs-Tage-Rennen immer noch jeden kennt und viele ehemalige Radrennfahrer ihm noch heute hinterherrufen: „Ey Coach, alles klar?“ In diesen Momenten fühle ich, dass er glücklich ist.
Und ich? Durch die beiden wurde ich zur Generation Jan Ullrich. Wir sind weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Wir haben eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Kindern, die diese nicht mehr kennen. Wir werden oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn wir zu erzählen beginnen, wird uns nicht mehr richtig zugehört. Wir versuchen zu sein wie Vorzeige-Wessis und drücken noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Wir sagen nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.
Es wird Zeit, dass wir ernst genommen werden.
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Mauergewinner

Mauergewinner

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Rezi von “90 Minuten” im Schweizer Fussballmagazin “Zwölf”

22. Dezember 2011 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

ZWOELF_28_cover_250Gestern hat mir ein Freund eine Rezension von “90 Minuten Südamerika” gesandt, die im unabhängigen Schweizer Fussballmagazin “Zwölf” erschienen ist.
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Leider habe ich keine Ahnung, was das Journal inhaltlich hergibt. Ich werde daher demnächst mal an größeren Zeitschriftenkiosken schauen, ob es dort ausliegt (und es natürlich auch kaufen).
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Natürlich freut es mich, dass mein Buch nun nicht nur von meiner lieben Ex-Freundin Jeannet (und ihren Leuten) in der Schweiz gelesen wurde. Außerdem konnte ich die meisten Eidgenossen, die mir auf meinen Reisen bisher über den Weg gelaufen waren, immer ganz gut leiden. So gesehen: Hopp Schwiiz!

Hier noch die Rezi:

Zwölf-klein

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