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Kuhle Gruppenratswahl – Jugend in der DDR

12. November 2014 | von | Kategorie: Berlin Leninplatz, Blog

Jugendweihebuch alle Der 11. März 1985 – ein ganz normaler Montag. Mutter stand wie immer 6.50 Uhr auf und schaltete um 6.55 Uhr das Radio im Wohnzimmer an. „Was ist denn heut bei Findigs los?”, lärmte ins Kinderzimmer in Lautstärke 8. Bei Stufe 9 wäre unser Neubaublock zusammengefallen. Im Berliner Rundfunk liefen, wie gewohnt, die „Findigs“ – eine bescheuerte Familie, mit Mutter, Vater, Jani, Jockl, Pit und Peggy Findig, die in einer Art Hörspiel, den ganz gewöhnlichen DDR-Alltag darzustellen versuchten. Als die Nachrichten begannen, wurde die Kühlschranktür aufgerissen. Das Geräusch war zwar für uns Kinder nicht hörbar, wurde jedoch von Otto, dem Meerschwein, umso deutlicher wahrgenommen, denn es begann sofort derart laut zu quieken, dass Benny und ich endgültig stramm im Bett standen. Die Tür flog auf. Ein fieser Schrei: „Kinder! Aufstehen! Oder wollt ihr zu spät zur Schule kommen?“ Ein ganz normaler Montagmorgen in der Mollstraße.

Wenigstens hatten wir nicht Nullte Stunde. Müde war ich dennoch und ausgerechnet heute musste ich noch zum fakultativen Englisch in der 7. Stunde. Als wäre das nicht schon Strafe genug, würde danach eine außerplanmäßige Gruppenratswahl anstehen, da unsere Vorsitzende und Vorzeigeschülerin Coco umgezogen war, wie es eine Zeit lang hieß und wir neu wählen mussten. Lydia hatte vor zwei Wochen einen Brief von ihr bekommen und die Begriffe „Ausreiseantrag“, „Rübermachen“ und „Landesverräter“ hatten unseren Wortschatz erweitert.
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Nach dem Zähneputzen mit Putzi (unsere Eltern meinten, dass wir noch nicht im „Rot-Weiß-Zahnpasta-Alter“ wären) und einer Katzenwäsche ging ich in die Küche und packte die blaue Dose – Marke „Plaste und Elaste aus Schkopau“ – in der die von Mutter geschmierten Stullen lagen, in meine schwarze Aktentasche. Das Ding mit dem Zahlenschloss hatte vor einem Jahr den braunen Schulranzen ersetzt, da die Koffer jetzt urst einfetzten. Daneben lag ein bekritzelter Zettel: „Mark! Bring den Mülleimer runter!“ Meine Mutter konnte schon am Montag ziemlich ätzend sein. Ich hob den leicht verrosteten Eimer aus der Verankerung, ging zum Fahrstuhl und drückte auf die 1. Der Müllschlucker-Raum im 9. Stock war seit ein paar Wochen gesperrt worden, da irgendein Idiot den Schacht mit Pappe verstopft oder seine Mutter darin versenkt hatte. ‚Scheiße‘, dachte ich, als ich unten ankam. An den Briefkästen standen Ute, Anja und Lydia aus meiner Klasse, die anscheinend gerade Diana abholten. Um mir die Peinlichkeit zu ersparen, direkt vor den Weibern den stinkenden Wochenendmüll zu entsorgen, ging ich mit stierem Blick geradeaus weiter zum Hausausgang, den Eimer dabei von meinem Körper geschützt haltend, und lief in Richtung Schule. „Ey Scheppi. Haste heute ‘nen Vortrag in Bio?“, rief mir Bommel kurz vor dem Ziel lachend zu. ‚Ach du meine Nase‘, ich hatte den Müll – in Gedanken versunken – fast bis auf den Schulhof geschleppt. Eilig rannte ich zurück und versteckte das Ding im Gebüsch des Rosengartens. Wie peinlich.
Die üblichen Verdächtigen standen am Zaun und diskutierten über eine Folge von „Western von gestern“ und das 9:0 des BFCs gegen Stahl Riesa. „Wisst ihr eigentlich, dass Jan Voss bei mir im Haus wohnt?“, rief ich, da er das sechste Tor geschossen hatte. Ich war froh: die Mülleimeraktion hatte außer Bommel niemand bemerkt. „Voss, die Pfeife“, rief Trulli. „Andi Thom ist tausendmal besser!“
UNION_BFC
Das stimmte sogar, da wir beim Spiel im Jahnsport-Park gewesen waren und unseren neuen Fußballgott gemeinsam bejubelt hatten. Ich konnte keinen fetzigen Spruch entgegensetzen. Die Woche begann echt scheiße und nicht mal Andi, der zu Hause nur Osten glotzen durfte, erzählte etwas Dämliches über Winnetou-Indianer, „Ein Kessel Buntes“, „Polizeiruf 110“ oder „Außenseiter – Spitzenreiter“.
Als die Schulklingel ertönte, kamen unsere kichernden Mädchen um die Ecke und auch Bergi und Tessi, die noch eine bei den Großen gepafft hatten. Zusammen liefen wir die Treppen hinauf ins Klassenzimmer.
Erste Stunde Mathe! „Ich melde, die Klasse 7B ist zum Unterricht bereit“, salutierte Ute vor dem Lehrertisch, da sie als Stellvertreterin diese nervige Aufgabe von Coco übernommen hatte. Ich war nicht so schlecht im Rechnen und Kombinieren, aber da mich Herr Blase nicht sonderlich mochte – was auf Gegenseitigkeit beruhte – gab ich mir in dem Fach wenig Mühe und stand zwischen Zwei und Drei. Seit letztem Jahr war Blase auch noch unser Klassenlehrer geworden. Im Zeugnis der 6. Klasse hatte er über mich geschrieben: „Mark schöpft seine geistigen Fähigkeiten nicht aus. Er ist in der Lage, besonders im Bereich logisches Denken, gute Ergebnisse zu erzielen. So könnte er durch bessere Mitarbeit den Unterricht positiv beeinflussen. Mark tritt selbstbewusst auf und ist in der Lage, frei und ohne Hemmungen zu sprechen. Wenn er sein Pflichtbewusstsein noch erhöht, kann er die Aufgaben innerhalb der Pionierorganisation vorbildlich erfüllen. Es gelingt ihm aber noch nicht immer, seine Schwächen, die in der Disziplin zu suchen sind, zu bekämpfen und die Klassenkameraden stets positiv zu beeinflussen“.
Zeugnis hinten
Das mit der schlechten Disziplin war seit kurzem allerdings wichtig geworden, denn wer in der Kopfnote „Betragen“ eine 1 bekam, galt als Streber. In Ordnung, Mitarbeit und Fleiß konnte man sich das hingegen leisten.
Heute erklärte uns Blase, wie wir die Quadratwurzel der Zahlen mit einem Wert zwischen 1 und 100 mittels Rechenschiebers (des „VEB Mantissa“ aus Dresden) ermittelten. Das war nicht besonders schwierig, da man die gesuchte Zahl mit dem Läufer auf der Skala A einstellte und das Ergebnis auf der Skala D nur ablesen musste. Bommel und Tessi lachten sich trotzdem kaputt, weil sie die Lösung auf ihren West-Taschenrechnern schon nach acht Millisekunden gewusst hatten. Vorsprung durch Technik. Währenddessen kloppte Fränki mit der ausgezogenen hellgrünen Zunge des Rechenstabs dem Oberstreber Lars dermaßen aufs rechte Schulterblatt, dass der sofort zu heulen anfing und Blase brüllte: „Ruhe, verdammt nochmal Lars Stoch! Alle schlagen Seite 14 des Tafelwerks auf.“ Man musste ihm zu Gute halten, dass er im Gegensatz zu anderen Lehrern, Streber- und NVA-Kinder niemals bevorteilte und Rowdys manchmal sogar vor der Schulleitung verteidigte.
Bei Frau Frisch, die wir in der zweiten Stunde hatten, verhielt sich das komplett anders. Seit diesem Schuljahr quälte uns die stellvertretende Direktorin im neu auf dem Stundenplan stehenden Fach „Staatsbürgerkunde“ damit, für eine gute Note genau das zu schreiben und nachzuplappern, was sie hören wollte. Auf dem Titel des Schulbuches stand „Einführung in die sozialistische Produktion“. Und das war sowas von arschlos, dass es schon im ersten Halbjahr ein Tadel für Tessi gab, der aus purer Langeweile mit seinem Druckbleistift von KOH-I-NOOR die Lehrerin mit kubanischen Apfelsinen-Schalen beschossen und sich mit dieser Aktion angeblich über hungernde Kinder in Afrika lustig gemacht hatte. Er bekam einen Eintrag ins Hausaufgabenheft und konnte sich zu Hause „frisch machen“.
Die NVA
Fünf Minuten nach Beginn des Unterrichts meldete sich Stefan: „Frau Frisch. Was sagen sie eigentlich dazu, dass der Tschernenko gestern abgenippelt ist?“ Unsere Lehrerin starrte ihn lange mit stechendem Blick an und schrie dann mit roter Rübe: „Das ist nicht wahr! In der ‚Aktuellen Kamera‘ und im Radio wurde davon nichts berichtet! Stefan Waran, du erhältst einen Tadel auf dem nächsten Fahnenappel!“
Ich ärgerte mich. Durch die „Findigs“ hatte auch ich nur DDR-Funk gehört. Sollte schon wieder einer der alten Männer, nach Breschnew und Andropow in der SU gestorben sein? Niemand aus der Klasse stand Stefan zur Seite, obwohl die Frisch schon öfter mal gedroht hatte, ihn in den Jugendwerkhof zu schicken. Wenn das sein Vater wüsste. Der Jugendwerkhof für schwererziehbare Rüpel war neben der Kloppi-Schule für lernbehinderte Blödis und dem „Griesinger“ für geistesgestörte Spasten das Sinnbild dessen, wo man nicht so gerne hinwollte. Erstrebenswerte Ziele, außer vielleicht Kosmonaut oder Feuerwehrmann zu werden, gab es allerdings auch keine, die ein 7-Klässer gerade so vor Augen hatte.
Kosmonaut

In der Milchpause bildete sich ein Pulk um Stefan. „Na das haben sie doch heut früh beim RIAS gesagt. Der Typ ist mausetot!“, erklärte der Bäckersohn. Er wusste, dass er durch den Tadel in unseren Reihen an Achtung gewonnen hatte. Plötzlich kam über die Lautsprecheranlage krächzend die Ansage, dass die Schüler der 2. POS Käte Duncker sofort zum Fahnenappel antreten sollen. Wie gewohnt marschierten wir im Gleichschritt in Zweierreihen zu Arbeiterkampf-Liedern zum Appellplatz und bezogen vor der Schule Aufstellung. Das für Pioniere übliche „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und das „Freundschaft“ für FDJler wurde vom GOL-Vorsitzenden Jungblut gebrüllt. Alle antworteten wie befohlen mit „Immer bereit“ und hoben den rechten Arm mit der flachen Hand über den Kopf gen Himmel. Die Großen brummten „Freundschaft“ mit den Händen in den Taschen.
Unsere Direktorin Frau Seifert stellte sich auf eine kleine Empore und schmetterte ins Mikrofon: „Soeben wurde bekannt, dass der 1. Generalsekretärs des ZK der KPdSU und Vorsitzende des obersten Sowjets Konstantin Tschernenko, ein hervorragender Parteifunktionär und Kommunist, verstorben ist. Wir trauern um den Führer der ruhmreichen Sowjetunion und der sozialistischen Bruderstaaten und legen eine Schweigeminute ein.“ Jungblut kurbelte theatralisch die DDR-Fahne auf Halbmast. Verzweifelt suchte ich nach Frau Frisch, um ihr zuzurufen, dass Stefan doch recht gehabt hatte und kein vermeintlicher Konterrevolutionär ist. Was für ein Skandal!
5 Rosa Luxemburg POS
Ich ahnte, dass wir spätestens morgen wieder Appell haben würden, um zu erfahren, welcher Grauhaarige der Nachfolger geworden war. Plötzlich hatte ich eine Idee. „Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, fragte ich Stefan. „Biste jetzt total bescheuert Scheppi?“, rief er zurück und zeigte mir einen Vogel. „Na nur, um die olle Frisch ein bisschen zu ärgern“, antwortete ich und sah in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr. „Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelte er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, doch mein Freund schüttelte energisch den Kopf.

Wir holten unsere Turnbeutel aus dem Foyer und gingen hinüber zur Sporthalle in die Umkleideräume. Dort trafen wir auf die Idioten der A-Klasse. Eigentlich war die Zeit der kindlichen Sprüche: „A, wie Arschloch“ und „B, wie Blödis“, längst vorbei (im Umkehrsatz hieß es „A, wie artig“ und „B, wie besser“), aber Konkurrenz herrschte noch immer, die wir besonders im Fußball auslebten. Herr Pinka ließ uns zum Aufwärmen auf dem Sportplatz gerne mal 20 Minuten gegeneinander (an)treten, was wir natürlich viel fetziger als 3.000-Meter-Crossläufe im Friedrichshain fanden. Mit „Union-Didi“ hatten wir den besten Spieler in unseren Reihen und auch ich konnte mich ab und an in die Torschützenliste eintragen. Wir gewannen diesmal mit 2:0 und verbesserten unsere Bilanz auf 4:1 Siege in diesem Schuljahr. Danach ging es in die Halle zum Hochsprung nach Noten.

3 Turnhalle
Für die 1 mussten wir 1,34 springen, was außer den richtig Fetten (wie Tessi) egal ob im Scherensprung, Wälzer oder Flop, allen gelang. Andi schaffte später beim Rekordspringen sogar sensationelle 1,64 Meter, womit er locker auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) kommen könnte. Das war eigentlich auch noch ein erstrebenswertes Ziel in unserer sportverrückten Nation. Lediglich Boschi sorgte für allgemeine Belustigung. Alle Weiber, die „sportfrei“ (oder „Erdbeerwoche“, wie Enrico aus der A das nannte) hatten, saßen hinter der dicken Hochsprungmatte und lachten sich scheckig. Boschi trug – wie alle – ein ärmelloses gelbes Shirt und eine weiße Turnhose. Er hatte aber keinen Schlüpfer darunter! Bei jedem Sprung zeigte er seine nackte Nudel, die dann aus der Seite herausbaumelte. Die Mädels kreischten und da er jede Höhe immer erst im dritten Versuch meisterte, vermutete ich, dass er seinen halbsteifen Pimmel ganz gerne zur Schau stellte. Ungeduscht und ausgebuht ging er allein hinüber zur Schule. Das war vielleicht ein Kunde. Wir indessen ärgerten uns auf dem Rückweg, den Weiber-Hochsprung mit diversen Wackeltitten und Saftmuschis während des Fußballs verpasst zu haben – besonders die Versuche von der Oberfotze Anja Richter! Die kuhlen Wörter hatte auch Enrico aufgebracht.
Russisch-Unterricht. In der sechsten Klasse hatte ich eine aus Moskau kommende Lehrerin einmal mit dem Spruch „Russki, Russki, du musst wissen, deine Sprache ist beschissen!“, zum Heulen gebracht. Dafür handelte ich mir meinen bisher einzigen Tadel ein und zu Hause gab es richtig Ärger. Bis ich beim heimlichen Lauschen im Wohnzimmer mitbekam, dass mein Vater den Satz eigentlich ziemlich lustig fand und ihn nach vier Bieren und drei Korn etliche Male wiederholte.
Silvester früher
Unsere neue Lehrerin, Frau Nina Ebert, war Deutsche, strenger und nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, doch die Sprache blieb nach wie vor beschissen, da wir sie nie – wie uns immer weißgemacht wurde – auf dem Alex oder im FDGB-Urlaub anwenden konnten. Es gab einfach keine Komsomolzen (oder normale Bürger der Sowjetunion) in unserem Umfeld, außer im internationalen Pionier- und Mathelager in der Wuhlheide, wo nur die Streber hinfuhren. Die unzähligen Kasernen der „Freunde“ im Umland Berlins waren hermetischer als die Mauer nach Westberlin abgeriegelt. Dabei fanden wir die Sprache in der 5. Klasse zunächst noch ganz spannend, vor allem wegen der kyrillischen Buchstaben und weil die Worte so komisch klangen. Das Wort „Dostoprimetschatelnosti“ (Sehenswürdigkeiten) werden wir auch noch in 50 Jahren fehlerfrei aussprechen können. Doch die Euphorie flachte schnell wieder ab. Niemand wollte eine Brieffreundin in Leningrad, Baku oder Moskau haben. Unser heimlicher Spruch lautete nunmehr: „Nina, Nina, tam kartina. Eto traktor i motor.“ (Nina dort ist die Karte. Das ist ein Traktor und ein Motor). Nach drei Rotkäppchen-Sekt im Lehrerzimmer und spätestens während der Heimfahrt in ihrem knallroten „Zappelfrosch“ hätte wahrscheinlich sogar „Tawarisch“ Ebert darüber gelächelt. Alle waren froh, als die Pausenklingel ertönte.
In den Schulkeller zur Essensausgabe, die vom Vollalki-Hausmeister Meier bewacht wurde, ging kaum noch einer. Enrico hatte mich in der 6. Klasse dort unten mal einen „Wichser“ genannt und ich traute mich nicht, ihm eine zu scheuern, da er im Judo war. Was das Wort bedeutete, wusste ich damals auch nicht.
Heute gab es „Tote Oma“, doch Blutwurst hatte ich schon in Scheibenform auf den Pausenstullen gehabt. Obwohl ich zu Hause immer das Essensgeld abkassierte, ging ich in der großen Pause lieber in die Koofi oder zu jemand nach Hause. Bei schönem Wetter spielten wir Autokarten, Skat, Offiziersskat oder Telespiele aus sowjetischer Produktion auf dem Sockel des Lenin-Denkmals.
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Zurück auf dem Hof gab es Krach. Die komplette A-Klasse umringte Kosert aus der 8., der sich wie immer, wenn er geärgert wurde, in die Handfläche biss. Sie schubsten ihn von einer Seite zur anderen. Wenn es darum ging, Schüler aus höheren Klassen fertig zu machen, hielten wir meistens zusammen. „Der Spasti gehört doch ins Griesinger“, brüllte Bergi, der sich gerne mal bei den A-Typen einschleimte, wobei er mit seiner Aussage nicht ganz Unrecht hatte. Ulf Kosert schien echt eine Vollmeise zu haben, nicht zuletzt, weil er ständig seine Popel fraß, irgendwo herumkokelte oder in Speckitonnen wühlte und stets irgendwie keimig aussah. Niemand half ihm und sein Martyrium endete erst, als die 5. Stunde begann.
Wir hatten Geografie beim Gahler. Der Typ mit dem leicht ergrauten Vollbart, der morgens immer in Lederjacke auf einer schwarzen MZ angebraust kam, war urst in Ordnung. Auch wenn das bei Geo gar nicht nötig war, fand der Unterricht im Laborzimmer im dritten Stock am Ende des Flures statt. Hier war sein Reich, denn auch Biologie hatten wir dort bei ihm, wo wir dicke Regenwürmer zentimeterweise durchtrennen und die Großen sogar Frösche sezieren durften. Unser Blätter- und Pflanzenbuch, welches durch ständige Exkursionen in den Volkspark, die Wuhlheide und sogar bis nach Hirschgarten erweitert wurde, hatte mittlerweile die Stärke des Kapitals, welches uns die Frisch ständig um die Ohren schlug. Doch im Gegensatz zu Marx-Zitaten konnten wir uns die mit DUOSAN eingeklebten Gewächse auch merken. Die Laborzimmer waren außerdem viel fetziger, da wir dort – getrennt von einer Mittelkonsole – zu dritt in einer Reihe an einer Art Werkbank sitzen konnten und nicht, wie gewohnt, in einem frisch gebohnerten Raum an exakt ausgerichteten Tischen nur zu zweit.
Was Geo besonders spannend machte, war der Wettbewerbscharakter, den der Gahler in den Vordergrund stellte. Fast immer holte er eine große DDR-Karte auf einem Kartenständer aus dem Lehrerkabinett, die auch in unserem Schulatlas in Klein vorkam, stellte sie vor uns auf und rief: „Merkt euch bitte alle Salz-, Kali und Braunkohle-Vorkommen.“ Nach fünf Minuten drehte er die Karte um und holte eine stinknormale DDR-Landkarte. Nun wurde ein Schüler nach vorne gerufen und musste auf dieser mit dem Zeigestock auf die zuvor gesehenen Bodenschätze deuten. Wenn man Glück hatte und wirklich alle Standorte noch wusste, gab es sofort eine 1 ins Klassenbuch. Komischerweise war hier niemand richtig schlecht. Die 14 Bezirkshauptstädte der DDR plus Berlin – sogar Suhl oder Gera – hätten wir ihm mit verbundenen Augen zeigen können. Meine Begeisterung für diese Art der Wissenserweiterung ging so weit, dass ich irgendwann sogar alle Hauptstädte der Welt auswendig wusste und mein kleiner Bruder Benny, der mich immer abfragen musste, auch! Doof fanden wir dabei nur, erst zwei dieser Metropolen gesehen zu haben. Berlin und Prag in der ČSSR. Aber im kommenden Jahr hatte uns Vater Budapest fest versprochen – das erzählte ich auch Herrn Gahler voller Stolz. Obwohl es heute nur um farblich unterschiedlich gekennzeichnete Bodenarten ging – was wohl für die LPGs ziemlich wichtig war– vergingen die 45 Minuten wie im Flug.
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Nun ging es zur Deutschstunde bei Frau Wagenbach. Die dunkelhaarige Lehrerin mit dem verschmitzten Lächeln mochte eigentlich jeder. Sie war jung, lustig, fair und vor allem sauhübsch. Wenn sie in kurzen Röcken und mit Schlafzimmerblick die Gänge entlang schwebte, schauten sich alle Jungs um und die Großen pfiffen ihr hinterher oder machten unmoralische Angebote. Aber auch ich würde diese Traumfrau gerne mal küssen wollen, wenn ich alt genug dazu wäre. Außerdem war der Unterricht bei ihr nie langweilig, da sie in verschiedenen Stimmlagen, die Rollen aus Büchern lebensecht vortrug und so auch Lesemuffel überzeugte, dass Pflichtlektüre urst einfetzen konnte. Wir verschlangen regelrecht Bücher wie „Käuzchenkuhle“; „Ede und Unku“, „Bootsmann auf der Scholle“, „Das siebte Kreuz“, „Nackt unter Wölfen“, „Djamilja“ und „Timur und sein Trupp“.
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Besonders das Werk von Arkadi Gaidar hatte es uns angetan. Alle wollten danach „Kommissar“ sein, wie Timur manchmal genannt wurde, oder wenigstens Kolja, Geika, Wassili oder Sima aus seiner Truppe. Der fiese Anführer der Bösen, „Kwakin“, war natürlich immer einer aus der Parallelklasse, den wir, falls wir mal einen allein erwischten, in den Bauch boxten oder wenigstens die Beine von hinten stellten. Die verrückte Ina aus der A wurde eine Zeit lang Shenja (wie Timurs Freundin) genannt, aber vielleicht hatte sie das auch selbst aufgebracht. Einige organisierten sich sogar als Timurhelfer, die in ihrer Freizeit Nachbarschaftshilfe oder Subbotnik bei alten und kranken Leuten leisteten, für sie einkauften oder deren Altstoffe selbstlos abgaben, denn Timurhelfer wollten keinen Dank.
In Deutsch hatte ich immer eine 1 und Frau Wagenbach ermutigte mich, auch Bücher aus höheren Stufen zu lesen. So war ich der erste meiner Klasse, der „Die Abenteuer des Werner Holt“ gelesen hatte, welches dann durch die Bank weitergereicht wurde. Timur geriet alsbald in Vergessenheit, da nun alle den kuhlen Flakhelfern – mit Namen wie Wolzow, Gomulka oder eben Holt – nacheifern wollten.
Danach verabschiedeten sich all meine Freunde, da niemand von ihnen am Fakultativ-Unterricht Englisch teilnahm, wenngleich auch der bei Frau Wagenbach stattfand. Es hieß: „Ich mach hier doch keine Zusatzstunden“, was ich eigentlich ähnlich sah. Lediglich weil man ohne eine zweite Fremdsprache nicht zum Abitur zugelassen werden würde, hatte mich mein Vater nach langer Diskussion und dem Hinweis, dass ich dann endlich die „Beatles-Songs“ verstehen würde (die wir gar nicht hörten), überzeugt, doch mitzumachen. Aber bei „Hey Music“, der Hitparade des SFBs, waren ja auch fast alle Titel in Englisch, gestand ich mir irgendwann ein.
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Die Entscheidung bereute ich nicht, da der Unterricht zusammen mit der A-Klasse stattfand – ohne deren Obermacker Enrico, Thomas und Höhne, dafür aber mit den hübschesten Mädchen der Schule. Wahrscheinlich hatten sie bei der Einschulung allen gut aussehenden weiblichen Kindern das Prädikat „A-Klasse“ verpasst. Nein, ganz so hässlich waren unsere Weiber auch wieder nicht, aber die richtigen Topbräute gingen nun mal in die Nachbarklasse.
Ina war mit ihren zwei blonden Zöpfen und den knallblauen Augen tatsächlich das Sahnetörtchen schlechthin. Dummerweise war sie verrückt. Sie klaute Blumen, um sie vor der Kaufhalle zu verkaufen, kam öfter barfuß oder halbnackt zur Schule und war vor allem im Ferienlager mal abgehauen und drei Tage allein durch die Wälder von Thüringen getingelt, was sie supergeil gefunden hatte, obwohl ihre Eltern und ein riesiger Suchtrupp in großer Sorge gewesen waren. Ina war zudem die Einzige, die sich mit dem Mongo Kostert – natürlich in Geheimsprache – unterhielt und ihn oft in Schutz nahm. Ich mochte das süße Zopfmädchen dennoch, aber sie anzubaggern, barg die Gefahr, schnell mal ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen. Ina konnte aus der Hand lesen und dabei wunderbar unser Schicksal und die Welt erklären. Angeblich hatte sie auch schon mal gefickt.
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Dann waren da noch Simone und Nadja. Die gaben sich mit uns „Spastis“ überhaupt nicht ab und gingen mit Typen aus der 9. auf anderen Schulen. Obwohl die eine dünn und brünett und die andere schon vollbusig und schwarzhaarig war, benahmen sie sich wie eineiige Zwillinge. Man traf sie niemals allein und wenn man sich trotzdem mal traute, eine der beiden anzusprechen, machten sie sich sofort über einen lustig. Sie wussten, dass sie toll aussahen, zumal sie Westverwandte hatten und die schärfsten Klamotten der Schule trugen. Bei ihnen waren Füller, Tintenkiller und sogar die Radiergummis ausschließlich von „Pelikan“. Besonders in Nadja war ich schwer verliebt, doch es bestand keine Chance, jemals an sie heranzukommen.
Vor Englisch ging ich trotzdem immer aufs Klo, um meine Haare zu richten und Pickel im Gesicht auszudrücken (was die Sache meist schlimmer machte). Auch wenn ich gerne mal zu „übersteigertem Selbstbewusstsein“ (O-Ton Herr Blase) tendierte, bekam ich im Unterricht kaum einen geraden Satz heraus, da sich die A-Tanten sofort umdrehten und kicherten. Mitarbeit 5 – very good! Ich war daher immer froh, wenn Frau Wagenbach den Fernseher anschaltete und wir „English for you“ mit Dave und Jenny schauen durften, die in Großbritannien alles scheiße fanden, weil es dort Staus, Streiks, Arbeitslosigkeit, hohe Mietpreise, Kriegstreiberei, Profitgier oder einfach nur Kapitalismus gab.
Um 13.45 Uhr wurde ich auf den Hof entlassen, wo nach und nach meine Kumpels mit weißem Pionierhemd zur anstehenden Gruppenratswahl eintrudelten und sich das rote Halstuch liederlich zum Pionierknoten banden. Auch ich holte die zerknitterten Sachen aus meinem Koffer und zog mich um.
Zwanzig Minuten später saßen wir in gewohnter U-Form an Tischen. In der Mitte hatten Herr Blase, die Frisch, welche gleichzeitig auch Freundschafts-Pionierleiterin der Schule war und „Gummiohr“ Herr Hohlmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen immer mit dabei war. Vor ihnen lag die „TROMMEL“, welche vor zwei Jahren die bei allen beliebte „FRÖSI“ als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hatte.
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„Seid bereit“, rief Ute. Wir antworteten und stimmten danach gemeinsam „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“ an. Die Wahl des neuen Gruppenrats war heute der einzige Tagesordnungspunkt. Sabine und Lars konnten nicht gewählt werden, da sie im Freundschaftsrat eine Funktion ausübten, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem Emblem „JP“, der jungen Pioniere, stolz zeigten. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gab es nicht. Nur die Farbe der Halstücher unterschied uns seit Jahren von den Babys mit den blauen.
Lydia meldete sich: „Also ich schlage Diana als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkte: „Ich auch!“ Die Mädchen hatten sich also auf Diana Genz aus meinem Haus geeinigt – diese doofe Ziege, welche stets darauf bedacht war, wie ein Junge auszusehen. Ihre mittelblonden Haare klebten im Topfschnitt auf der viel zu kleinen Omme unter dem sich ein Gesichtseimer und Zahnfleischzähne befanden. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch stand ihr sogar, denn so konnte sie ihre MALIMO-Klamotten – Marke „VEB-Jugendmode“ – wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem galt sie neben der Richter als die allergrößte Petze, wenn es darum ging, jemanden anzuschwärzen.
Das war zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, rief Ute, die sah, dass ich meine Hand gehoben hatte. „Ich schlage Stefan vor“, und schaute dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelte er den Kopf, aber ich wusste, auch er hasste Diana! Man konnte beobachten, wie die Frisch tief durchatmete und ihre Gesichtsfarbe von blass ins rötliche wechselte, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln schien. Wir waren 13 Jungs und nur 12 Mädchen in der 7B.
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Siegessicher ließ ich den Blick durch unsere Reihen schweifen – und fing plötzlich an zu schwitzen. Der dicke Tessi war nicht gekommen. Natürlich nicht, denn der war ja gar kein Pionier. Auch wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, ließen ihn seine Eltern nicht und schleppten ihn lieber in die Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Ute fragte bereits: „Also, wer ist alles für Stefan?“
Zwölf Arme – immerhin einschließlich seines eigenen – reckten sich in die Höhe. Das würde nicht reichen, da bei einem Unentschieden sicher die Gruppenpionierleiterin Frisch zum Wohle der Organisation entscheiden würde.
Ich war stinksauer und schaute zur stets unter Rotlichtbestrahlung stehenden Stabi-Lehrerin, die sich allmählich wieder zu entspannen schien. Ute begann zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feierte innerlich schon. Gleich würde ein ihr stets alles zutragender, vorbildlicher Thälmann-Pionier zum Gruppenratsvorsitzenden des Klassenkollektivs der 7B gewählt werden.
„Elf, zwölf – und dreizehn“, rief Ute. Geschockt starrte ich in die Runde. Wer hatte sich denn auf unsere Seite geschlagen? Astrid blinzelte mir zu und ich nickte zurück. Doch sie deutete mit dem Daumen nach links. Oh Mann! Diana Genz war die alles entscheidende Wählerin gewesen. Um 15.30 Uhr gingen wir nach Hause. Ute war Stellvertreterin geblieben, Lydia Schriftführerin, Dirk zum Altstoffbeauftragten gewählt worden (was Vati sichtlich stolz machte) und ich blieb Kulturfunktionär. Lediglich bei Anja Richters Wahl zum Agitator war es nochmals knapp zugegangen, aber die Jungs stellten ja schon den Chef und so konnte die das ruhig wieder machen. Wir hatten der Frisch gehörig eins ausgewischt.
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Auf dem Heimweg stand Stefan im Mittelpunkt. Alle, bis auf ihn, schienen sich zu freuen und lachten sich darüber kaputt, dass wohl erstmals ein Schüler der Käte Duncker zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden war, der in „Betragen“ fast immer eine 4 hatte und noch am Vormittag knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt war. Sogar Lars durfte Teil der Truppe sein, da er sich nicht der Stimme enthalten hatte. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Haken seines Anoraks an den Zaun der Rosa oder die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er Beine baumelnd und wimmernd bald Nasenbluten bekommen hätte.
Kurz vor meinem Hauseingang nahm ich Stefan zur Seite. „Warum hat die Genz eigentlich für dich gestimmt? Bloß weil die sich nicht selbst wählen wollte? Ich kapiere das nicht.“ Ich bemerkte seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen auf Kuhlen machte. „Na Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Diana seit über einem Jahr zusammen.“ „Wie bitte?“
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Ich war eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – das bisher verschwiegen hatte. Erst vor dem Fernseher auf der Couch wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem engsten Umfeld abspielten, nicht die geringste Ahnung hatte. Aber wer wusste eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal auch in Simone oder Ina verknallt bin? Niemand!
Als die Nachrichten im ZDF begannen, ging das Türschloss. Meine Mutter! Die Top-Meldung des Tages widmete sich dem 54jährigen Michael Gorbatschow, der heute zum neuen Staats- und Parteichef der Sowjetunion gewählt worden war. Er schien demnach verhältnismäßig jung zu sein und sah nicht mal besonders unsympathisch aus. Doch Veränderungen in Richtung Offenheit, Rede- und Informationsfreiheit oder gar eine Lockerung in der Politik der zentralen Planwirtschaft – wie sie im Westen immer forderten – waren auch mit ihm sicherlich nicht zu erwarten. Und ebenso wenig würde Stefan eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7B einleiten – dazu waren die Strukturen unserer Pionierorganisation einfach viel zu eingefahren.
„Mark, wo ist eigentlich unser Mülleimer?“, kreischte es aus der Küche. ‚Mist, den habe ich glatt im Gebüsch vergessen‘, dachte ich und spurtete sofort zur Tür. Es gab in meinem Leben eben noch wichtigere Dinge als irgendwelche Neuwahlen. Mit meiner Mutter durfte man es sich nämlich echt nicht verscherzen – auch nicht am 11. März 1985, einem ganz normalen Montag.
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz – Neues vom Mauergewinner
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Mein 9. November 1989 – Mauerfall in der DDR

9. November 2012 | von | Kategorie: Blog

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Ich werde vor allem von westdeutschen Freunden oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich – wie jeder meiner Generation – die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:
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18.53 Uhr: Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees, gibt gerade die neue Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt. Auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die Regelung in Kraft treten soll, antwortet Schabowski: „Ab sofort, unverzüglich!”
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Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
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20.15 Uhr: Laut Lagebericht der Berliner Volkspolizei haben sich insgesamt 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße eingefunden. Anweisung an die Grenzwächter: Die Menschen auf den nächsten Tag zu vertrösten und zurückzuschicken.
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Kadarka
Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.
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21.30 Uhr: Zwischen 500 und 1.000 Menschen haben sich am Grenzübergang Bornholmer Straße eingefunden. Die Staatssicherheit setzt auf eine „Ventillösung”.
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Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
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22.28 Uhr: In den Spätnachrichten der „Aktuellen Kamera” des DDR-Fernsehens wird noch einmal darauf hingewiesen, dass Ausreisen erst erfolgen könnten, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind.” Es ist ein letzter Versuch, die Entwicklung zu bremsen.
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Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen. Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Blick Fernseturm Sonne

Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.
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23.00: In der Bornholmer Straße wird die Lage für die überforderten Kontrolleure bedrohlich. Tausende Menschen drücken auf den Grenzübergang. Die Ventillösung hat sich als unklug erwiesen. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge derjenigen, die noch warten müssen. Als der Drahtgitterzaun vor dem Grenzübergang beiseitegeschoben wird, bangen die Grenzwächter um ihr Leben. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen strömen in die Grenzanlage, überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt.
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Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!
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0.00 Uhr: Bis gegen Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Übergänge erzwungen.
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Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.

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Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.

Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?
Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.
Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

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Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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