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113 Minuten Brasilien – Das Fußball-WM-Finale 2014

12. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014


1974- Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden.
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang hatten sich im – von uns so genannten – “Scheppert-Eck” an der Mollstraße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die westdeutschen Nachbarn wurden Fußball-Weltmeister und ich war live und in Schwarz-Weiß mit dabei.

1990 – Meine erste bewusst erlebte Fußball-WM
Einige Monate nach dem Mauerfall saßen wir mit einigen Sixpacks Schultheiss bewaffnet auf einem der mit Gras überwucherten Sockel der Oberbaumbrücke und beobachteten die grölend vorbeiziehenden Idioten. Unangenehme Zeitgenossen mit Schnauzbart und in Marmorjeans torkelten aus Friedrichshain kommend in Richtung Kreuzberg. Sie grölten: „Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt“. Dieses Land war in Italien gerade zum dritten Weltmeister geworden und ich schämte mich für meine DDR-Landsleute – zutiefst.
Wir hatten die erste Halbzeit des Finales in einer verrauchten Kneipe gesehen. Keine deutschen Devotionalien schmückten den Raum und nur vereinzelnd trauten sich Gäste, zurückhaltend und unsicher, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Einige drückten sogar Maradona und seinem Team offenkundig die Daumen. Die Jungs hatten mich zur Halbzeit überzeugt, dass wir gerade jetzt mit ein paar Bieren auf die Brücke klettern müssten. Die Stadt war wie leergefegt. Diese ausgestorbene Straße mit dem ruhig dahin fließenden Fluss würden wir vielleicht nur einmal im Leben an einem Sonntagabend in solch unfassbarer Stille erleben können. Sie hatten Recht behalten. Berlin gehörte für 45 Minuten nur uns allein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Urschrei. An der Mauer und den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Die BRD musste in Führung gegangen sein. Doch der Jubel ließ mich nicht freudig erschaudern oder hemmungslos in Tränen ausbrechen. Obwohl die Wiedervereinigung kurz bevorstand, empfand ich nichts. Das war nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es war nicht mein Schrei! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft konnte mir bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich war kein Deutscher! Ich wollte reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Wollte andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Menschen treffen, andere Biersorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.
Ich drehte mich zu meinen Freunden um und murmelte etwas, doch dann erhob ich mein Bier und rief: „Dieses Land wird sehr lange nicht mehr Fußball-Weltmeister werden!“ Raketen flogen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot oder gelb, einige grün. Auch Böller waren zu hören am Abend des 8. Juli 1990.

1994 – Meine erste Fußball-WM als Bundesbürger
Mit Matze und Göte war ich 1994 zum Viertelfinale bei Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder erwartete einen deutlichen deutschen Sieg gegen Bulgarien. Bobo hatte sogar um seinen Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir gewinnen – gegen dessen Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel: 0:3 im Viertelfinale!

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, schrie Jeannet und sprintete in den Urwald. Aus heiterem Himmel war etwas unmittelbar vor unsere Füße gefallen. In Sekunden-Bruchteilen hatte wohl auch meine Freundin realisiert: Es ist eine fette Vogelspinne! Das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen wirkte wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechelte ihr hinterher. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brüllte ich, doch sie war bereits stehengeblieben und schrie wie am Spieß. Vor uns liefen nun dutzende der Ekelviecher herum. Atemlos erreichen wir den VW-Käfer. Plötzlich krachte etwas aufs Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckerte ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Auf einmal fiel mir etwas auf, was ich in der Aufregung gar nicht begriffen hatte.

Rückblende: wir hatten uns den weißen Käfer gemietet und fuhren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollten das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Mayastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut worden war. Schon von weitem sahen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Doch auf dem Parkplatz standen viele Busse, sodass wir entschieden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Eine Stunde brauchten wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es war fast schon ein bisschen gespenstig als wir auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage im Dschungel liefen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden schienen denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlugen uns durchs Unterholz und erklommen die Stufen zum „El Castillo“. Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán war umso spektakulärer, da sie auf einem Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckte sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo.
Auf dem Weg zum Auto begann es bald sintflutartig zu schütten, aber wir entdeckten einen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion saß ein altes Männlein mit indianischem Einschlag, der gerade geschnitzte Holzfiguren in schwarze Plastiktüten verstaute. Während der Regen lautstark niederprasselte, ließ sich meine Freundin eine Jaguar-Maske zeigen.
Jeannet hatte vor einigen Tagen Tränen gelacht, als ich ihr die Story von diesem Priester erzählt hatte, der mir für 2014 den nächsten deutschen WM-Titel prophezeit hatte. Wie naiv ich nur sei: der vermeintliche Hellseher hätte doch nur die in die Erde geritzte Zahlenreihe vervollständigt. 1998, 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen. Ich schaute mir den Kunstgewerbe-Verkäufer genauer an. Okay, einen zweiten Versuch war es wert. Ich malte mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahmte die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischte Jeannet. Sie trat unter der Hütte hervor und sprintete in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst hier im Auto fiel mir ein, was ich in der ganzen Aufregung fast übersehen hatte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaute mich fragend an und ich grübelte bereits in welchem Land das Ereignis wohl stattfinden wird und ich dann schon über 40 Jahre alt bin. „Deutschland wird also tatsächlich erst 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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1998 – Meine erste Fußball-WM in Südamerika
Die Zeit drängte, denn wir mussten noch eine Kneipe finden, um live zu erleben, wie Deutschland ins Halbfinale einzog. Auf der Plaza Bolivar in Porlamar (Venezuela) stoppte plötzlich ein LKW mit quietschenden Reifen. Bewaffnete Soldaten sprangen herunter und stürmten auf uns zu. „Manos arriba“, brüllte ein Typ mit vorgehaltener Kalaschnikow. Ein zweiter Krieger schrie: „Pasaporte!“ „Den hat der da vorne“ rief Matze auf Deutsch“, „Passaporte!“ „Jenna, du Idiot, bleib doch mal stehen“, kreischte Göte, doch es war zu spät. Mit der Gewehrmündung im Rücken wurden wir auf den LKW getrieben. Als die Ladefläche mit 30 männlichen Personen gefüllt war, rasten wir im Höllentempo davon. Drei Soldaten richteten die Waffen weiterhin auf uns und ihr Anführer befahl, die Schnauze zu halten. Nach zwanzig Minuten wurden wir mit militärischem Gebrüll vom Wagen gestoßen. Sie führten uns auf eine Aschelaufbahn und forderten uns auf, dort hintereinander im Kreis zu marschieren.

Nach einer Runde erreichten wir wieder das Hauptgebäude und der Kommandeur beorderte mich aus der Kolonne. Ich hörte wie er den Truppenleiter anbrüllte und verstand: „La puta rubia“ (die blonde Nutte). Er erklärte mir, was das für eine Aktion ist: Da sich die Männer hier gern mal vor dem Wehrdienst drücken, werden in solchen Einsätzen alle Jungs im entsprechenden Alter eingesackt. Innerhalb von 24 Stunden müssten sie dann nachweisen, bereits gedient zu haben.
Vorsichtig räusperte ich mich und deutete auf meine noch immer rotierenden Jungs. Als sie das nächste Mal bei uns waren, winkte er Matze und Jenna heraus. Nur Göte musste geschockt eine weitere Runde mit den neuen Kameraden drehen. Kichernd beschlossen wir, dem Kerlchen noch 400 Meter zu gönnen. „Scheiße, das Spiel!“, rief Matze. Wir rannten zum Chef und baten ihn, Göte zu erlösen. „Ihr seid ja richtig gute Freunde!“, brüllte er als wir aus der Armee entlassen wurden und in eine Spelunke stürmten. Gleich war Halbzeit und Kroatien führte mit 1:0. Soeben war auch noch Christian Wörns vom Platz geflogen. Nachdem wir eine Lokalrunde spendiert hatten, war die Kneipe komplett auf Seite der Deutschen, doch Vlaovic und Suker verdarben mit ihren Toren eine gigantische Polarbier-Party in Polarmar: 0:3 im Viertelfinale!

2002 – Mein erstes Fußball-WM-Finale als Bundesbürger
Sylvie und ich schmissen die Sachen aufs Bett und gingen hinaus, um noch ein paar Fotos in „Torres del Paine“ in der chilenischen Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld stand eine wild gestikulierende Horde, die gerade etwas absteckte. Ein Typ kam angerannt und brüllte aufgeregt irgendetwas von „futbol“. Bevor wir ihn verstanden, waren wir schon Mitglieder der „Extranjeros“ (Ausländer). Neben uns waren noch ein Deutsches Paar, ein Japaner und zwei Argentinier mit im Team und wir durften nun gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten.
Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team hatten, wirkten sie eingespielt. Der Ball lief gut durch ihre Reihen und nach fünf Minuten hätten sie bereits 3:0 führen müssen, scheiterten jedoch immer an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause konnten wir uns besprechen und veränderten die Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bildeten nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, stand im Mittelfeld und der Argentinier Joaquin spielte allein im Sturm. Wir ließen den Gegner kommen und starteten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passte steil auf Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielte. Schuss – gehalten! Doch deren Keeperin ließ den Ball abprallen, woraufhin „Joa“ ihn mühelos über die Linie schieben konnte. Ein ohrenbetäubender Torjubel schallte durchs Tal. Das „Ausland“ führte und kurz danach gelang Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen.

Die Chilenen gratulierten fair und luden uns zur Party am Abend ein. Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlte, rief euphorisch: „Das war ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“. Selbst mir war das bisher gar nicht aufgefallen.
Wir tanzten, sangen und wurden von den Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Liter Pappen gehörig abgefüllt. An jenem Tag war ihr Nationalfeiertag. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ feierten sie sich lautstark selbst.

Auch wenn während der WM 2002 wieder die ersten Deutschland-Rufe ertönten, hatten wir bei den Spielen lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale gegen Brasilien, welches wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn sahen, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wuchs da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann: 0:2 im Finale!

2006 – Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zwar fand das Finale in meiner Heimatstadt Berlin statt, doch ich war gerade mit Sylvie auf Weltreise und tourte durch Südamerika.
Das Halbfinale verlief in etwa so: Wir verliebten uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas in Brasilien und schließlich fanden wir eine Traumunterkunft mit Pool und Hängematte vor dem Zimmer. Im Dorf lagen überall grün-gelb-blaue Girlanden im Müll. Brasilien war bereits ausgeschieden und hatte abgeschmückt. Unser Spiel gegen Italien schien hier niemanden vom Hocker zu reißen. Nach längerer Suche entdeckten wir in einer verrauchten Bar dann aber doch noch die Hardcore-Fans des Ortes. Endlich trafen wir auch Mauro, den italienischen Inhaber unserer Pousada, der uns herzlich begrüßte und sofort mit seinen Dorfkumpels bekanntmachte. Das Lokal war in grün-weiß-roter Hand. Mauro und drei Typen seiner Gang trugen sogar Trikots der „Squadra Azzurra“. Eine italienische Fahne hing von der Decke herab. Brahma-Bier und Kurze wurden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizte. Die Hütte brodelte, als ob wir uns in Sizilien befänden und schnell bildeten sich zwei Fan-Lager: Sylvie und ich in den Deutschland-Trikots – gegen den Rest.

Das Spiel war nicht gut, lebte aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen waren, orderten auch wir erste Beruhigungsschnäpse. Mauro, dieser heißblütige und so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ war, platzierte zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkte in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Mauros Lieblingsverein Palermo. Nach dem zweiten Tor drehte unser Hotelier dann endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italiener auf dieser Welt.
Erstmals im Leben füllten sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nahm mich tröstend in die Arme. Nach und nach kamen Gäste an unseren Tisch und drückten ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellte die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzte sich dazu. Er bettelte nun fast darum, dass wir bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spürte, wie meine Trauer allmählich verflog, erhob mein Glas und rief: „Okay, du Scheiße-Italiener“: 0:2 im Halbfinale!

2010 – Meine erste Fußball-WM als Deutschland-Fan

Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir liefen hunderte, aufgeregt plappernde Leute. Fast alle trugen ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und hatten sich die Gesichter, Arme – manche sogar die Zehennägel – „deutsch“ bemalt. Etliche imitierten einen Hornissenschwarm, indem sie in eine Vuvuzela tröteten. Doch obwohl sie damit meine Nerven strapazierten, wirkten diese Menschen nicht martialisch, böse oder gefährlich – eher zuversichtlich, hoffnungsfroh und unglaublich glücklich. An diesem Tag begann die WM 2010 erst richtig, denn Deutschland traf im Achtelfinale auf den Erzfeind aus England.
Auch ich trug das Trikot der Deutschen, ohne mich dafür zu schämen. Ein wenig „Krakengläubig“ das rote 2006er Auswärtstrikot, da unser Team bisher nur einmal gegen Serbien verloren hatte, als ich das weiß-schwarze getragen hatte. Nein, es gab da kein verpflichtendes Gefühl im Zuge der fortschreitenden „Schlandisierung“ meiner Heimat, auch keinen übertriebenen Nationalstolz. Während der WM 2006 hatte ich das Shirt erstmals in Südamerika getragen. Ich wollte den Leuten damals zeigen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um diesen wunderschönen Kontinent bereisen zu können und vor allem, wem ich die Daumen drückte! Doch im Jahr 2010 war ich erstmals die gesamte WM lang ein Fan unserer Nationalmannschaft gewesen.

Viele Freunde waren schon da und alberten nervös herum. Wir sind ein zusammen gewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch die Jungs, mit denen ich vor 20 Jahren auf den Turmsockeln der Oberbaum-Brücke gehockt und das WM-Endspiel 1990 bewusst ignoriert hatte, waren erschienen.
Durch die Straßen schob sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans. Angeblich soll die Stimmung 2006 noch viel ausgelassener gewesen sein. Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Meine Stadt erstarrte in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen. Das Spiel begann.
20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilte dem englischen Verteidiger und schob, fast im Fallen, den Ball über die Linie. Ein Schrei donnerte durch die Simon-Dach-Straße. Es war ein Urschrei, der aus tausenden Kehlen gleichzeitig ertönte. Ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex. An den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel ließ mich erschaudern. Das war mein Land. Es war mein Team und auch mein Tor. Es war mein Schrei!

Viermal jubelten wir an dem Tag und ebenso oft berauschten wir uns im Viertelfinale an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Ich war beruhigt, dass es nur Uruguay bis ins Halbfinale schaffte. So hatte ich keine gigantische Party in Südamerika verpasst. Außer die in Montevideo. Doch auch für Deutschland war im Halbfinale gegen Spanien Schluss. Müdigkeit, Trauer und Depression. Ich fiel in ein schwarzes WM-Loch, bis ich mich entschloss, nach Madrid zu fliegen: 0:1 im Halbfinale!

2014 – Mein erster WM-Titel als Bundesbürger
In Madrid erlebte ich 2010 einen Jubel, den ich niemals im Leben vergessen werde, denn wie eine zerstörerische Lawine brach ein hunderttausendstimmiges „Goool“ in der 116. Minute über Spaniens Himmel herein. Es war ein nicht enden wollender Schrei, so als ob das ganze Land jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Alle tobten und kreischten bis zum ersehnten Schlusspfiff. Es war der (!) spanische Treffer der letzten 100 Jahre, die Erlösung und der fußballerische Erinnerungsmoment eines jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Kein Einziger hatte dieses Glücksgefühl jemals zuvor verspürt, denn Spanien wird eben nur einmal zum allerersten Mal Fußball-Weltmeister! Gracias Iniesta!
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In Deutschland sind diese kollektiven Emotionsausbrüche im Jahre 2014 eigentlich nicht möglich. Es gibt zu viele Menschen, die sich noch an die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 erinnern können oder sogar live dabei gewesen waren, ob nun vor dem TV oder in einem der drei Stadien. Auch ich bin mittlerweile so alt, dass ich bei zwei Triumpfen zumindest schon existiert habe. Dennoch endet für mich heute eine lange Reise – egal wie das Spiel ausgeht – denn mehr geht einfach nicht: Argentinien gegen Deutschland im Finale einer Fußball-WM in Brasilien; einer WM, bei der ich bis zum Viertelfinale selbst mit vor Ort war. Alle Turniere danach werden nie wieder diesen ultimativen Kick auslösen können.

Auf meinen Reisen durch Südamerika wurde mir des Öfteren prophezeit, dass unser Land 2014 wieder Fußball-Weltmeister wird, aber ernsthaft glaube ich eigentlich nicht an diesen Hokuspokus, wenngleich ich die Vorhersage in „90 Minuten Südamerika“ schriftlich festgehalten hatte. Gerade heute, an einem 13ten im Juli, bin ich mir nicht mehr so sicher; denke an den unberechenbaren Messi-Zwerg, an die stimmgewaltige Übermacht der argentinischen Fans im Stadion und an die Magenkrämpfe verursachenden Deutschland-Spiele gegen Ghana und Algerien.
Zwei Stunden vor Anpfiff fahre ich in meinen Pub in Friedrichshain, um bei ein paar Vorgeplänkel-Bieren herunterzukommen. Obwohl alle, die ich im Freundeskreis mit dem „Rockz“ in Verbindung bringe, nach und nach eintrudeln, kommt zunächst keine unbändige Vorfreude auf. Viele haben wahrscheinlich, wie ich, die Vorahnung, dass uns nach dem 7:1-Wunder ein enges, hart umkämpftes und hochdramatisches Spiel bevorsteht, dessen Ausgang niemand vorsagen kann. Warum meldet sich Truman eigentlich nicht? Um 21 Uhr atmen alle auf. Das Spiel beginnt.

113. Minute: Kroos passt hinüber zu Schürrle, der im Sprint auf der linken Seite bis weit in die argentinische Spielhälfte vorstößt. Bedrängt von zwei Verteidigern schlägt er eine Flanke, die auf Höhe des Fünf-Meter-Raums landet. Der heranstürmende Götze kann den Ball mit der Brust nicht nur stoppen, sondern fast im Rutschen mit links in Richtung Tor befördern. Während der argentinische Keeper wohl eher mit einem Schuss ins kurze Eck spekuliert, landet der Ball hinter ihm im … (für den Bruchteil einer Sekunde verharren wir in ungläubigem Staunen, doch dann schreien wir es gemeinsam hinaus)…Tooor! Es ist der (!) ultimative deutsche Treffer des 21-Jahrhunderts, die Erlösung nach 24 Jahren des Wartens. Der fußballerische Erinnerungsmoment für jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Danke Mario!

Bierbänke kippen krachend nach vorn, Gläser auf Tischen verlieren ihren Halt und scheppern auf den Asphalt. All meine Freunde fallen sich in die Arme und dann in einem wirren Knäul gemeinsam zu Boden. Bis zum Abpfiff wollen wir uns dort in Jubelorgien ergehen. Es gelingt nicht, denn der Schiri will einfach nicht abpfeifen und als Messi in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, sterben nicht nur wir tausend Tode. Doch er verzieht und dann heißt es tatsächlich: 1:0 im Finale!

Jetzt kommt mit Sicherheit kein spiritueller Mist nach dem Motto: Spinnen, Krebse und Priester haben mir den WM-Titel bereits prophezeit. Auch kein sentimentaler Abgesang, dass mein Coming-Of-Age (mein Erwachsenwerden) nun vollzogen ist, weil sich Herr Scheppert, dem im Jahre 1990 die Nationalmannschaft noch völlig am Arsch vorbeiging, 2014 nun selbst wie ein Weltmeister fühlt. Nein!
Nur dies: Wir sind eine tolle Nation, die in der Welt geschätzt und gefeiert wird – nicht zuletzt durch unsere Fußballspieler, deren Eltern in allen Teilen dieser wunderbaren Erde geboren worden sind. Die Guten haben gesiegt!

Durch die Verlängerung ist es schon spät geworden, doch ich feiere als gäbe es kein Morgen – zunächst im „Rockz“ mit Freunden und wildfremden Menschen, dann weiter in der „Tagung“ mit dem Bodensatz dieser Truppe. Irgendwann habe ich im Vollrausch eine wirre Idee, die mich nicht mehr loslässt, doch erst gegen 4 Uhr, als ich längst zu Hause sein sollte, wanke ich los. Erst im dritten Späti finde Schultheiss und als ich an der Warschauer Straße angelangt bin, habe ich bereits das zweite Bier des Sixpacks intus.
Am U-Bahnhof ahne ich, dass ich im Begriff bin, Scheiße zu bauen. Adrenalinblöd renne ich in der Dunkelheit auf den Gleisen in Richtung Oberbaumbrücke. Keiner kann mich jetzt stoppen und als ich an den roten Backstein-Türmen angelangt bin, ist das Ziel einer 24jährigen Reise erreicht. Ich weiß: auf die Türme werde ich nicht gelangen, aber die Aussicht von oberhalb der Brücke reicht mir völlig. An der Kante, kurz hinter den Schienen sitzend, mit Blick auf die Spree und meine, sich noch immer rasant verändernde Stadt, mit dem Fernsehturm als Fixpunkt in der Ferne, habe ich den Platz gefunden, an dem ich unter dem Sternehimmel den Weltmeistertitel 2014 mit herunterbaumelnden Beinen ganz allein genießen kann. Meinen ersten als …

… plötzlich blendet mich etwas. Ein Lichtstrahl nähert sich in atemberaubender Geschwindigkeit: Scheiße, die U-Bahn! Bin ich bescheuert oder was?

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika oder 113 Minuten Brasilien
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Torres del Paine – Türme der Schmerzen in Chile

24. März 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

Torres Panorama
Ich habe mich mit meinem Vater nie groß über Frauen unterhalten. Mir wäre das eher unangenehm gewesen und was wusste er schon vom Leben in der heutigen Zeit. Dennoch ist mir ein Satz in steter Erinnerung geblieben: „Du wirst erst herausbekommen, ob jemand wirklich zu dir passt, wenn ihr gemeinsam auf Reisen gegangen seid.“ Ich ahnte, was er meinte. Fernab der behüteten Heimat war es plötzlich vorbei gewesen mit der Harmonie und Eintracht. Erst unterwegs hatte ich oftmals bemerkt, mit was für einer Frau ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Im September 2002 ist es dann endlich soweit. Ich habe sie mit dem Südamerika-Virus infiziert. Die drei Wochen Chile-Urlaub sind der große Sylvie-Test!

Gut gelaunt besteigen wir nach zwei Nächten in Santiago den Flieger nach Punta Arenas mit Zwischenlandung in Puerto Montt. Obwohl es bereits vor dem Abflug stürmt, lasse ich mir nicht anmerken, dass dies ganz und gar nicht mein Flugwetter ist. Schon auf der Rollbahn donnern heftige Winde lautstark gegen die Außenwände. Mit unsicherem Lächeln und bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Flugangst. Endlich heben wir ab. Beunruhigende Turbulenzen erfassen die stark schwankende Maschine. Luftlöcher lassen uns metertief ins neblige Nichts fallen und nur mühsam kämpft sich der dröhnende Flieger wieder empor. Die Anschnallzeichen leuchten seit dem Start bedrohlich rot. Angst! Vor uns kotzen sich Menschen die Seele aus dem Leib und neben mir schreit ein junger Peruaner, der sich als Paolo vorgestellt hatte, wie am Spieß. Sylvie bittet mich irgendwann, ihre Hand loszulassen, da sie schon schmerze und Paolo soll ich sagen, dass er die Schnauze halten soll, sonst bringe sie ihn um. Ich bin von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt. Ein Krachen erschüttert das Flugzeug, während wir nach vorn und wieder zurück in den Sitz geschleudert werden. Einige Gepäckfächer springen auf. Schreie, Motorengeräusche – dann Stille. Wir sind gelandet.
Der zweite Flugabschnitt ist ruhiger. Auch ich war vorhin kurz davor gewesen, mich zu übergeben und hatte mehrmals ängstlich gejault. Mit flauem Gefühl im Magen schaue ich möglichst cool hinüber zu Sylvie. Sie fragt mich lächelnd: „Nimmst du eigentlich Bier oder Rotwein zum Essen?“
2002 Chile Torres Weg

Unser Highlight im chilenischen Süden soll der Nationalpark „Torres del Paine“ werden und recht schnell haben wir alle Infos zusammen, um zu den „Türmen der Schmerzen“ aufzubrechen. Es ist eine denkbar ungünstige Konstellation, denn der Kerl, der uns in Puerto Natales ermahnt, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, beobachtet unsere Abreise nicht. Wir hatten unsere Klamotten in zwei Müllsäcke geworfen und nur einen Rucksack mit folgendem Inhalt gepackt: Schlafsäcke, Zahnputzzeug, zwei Äpfel, eine Packung Kekse und eine Flasche Pisco. Vor allem hätte er fragen sollen, ob wir schon jemals im Leben trekken gewesen waren, denn wir tragen: schwarze Docs, Jeans, Sylvie einen grünen DDR-Parker und ich eine uralte Winterjacke. Meine westdeutsche Freundin hatte in Berlin Gefallen an dem, mit Schafsfell gefütterten, Mantel gefunden, der, wie mein Oberteil, aus keinerlei regenabweisenden noch atmungsaktiven Materialien besteht.
Torres - Hinweg wir
Nachdem uns ein Bus am Parkeingang absetzt und wir zwei Minuten den Weg entlanglaufen, beginnt es leicht zu nieseln, bevor wir in ein mittelschweres Gewitter geraten. Doch so plötzlich wie es anfing, hört es auch wieder auf. Die Landschaft wechselt nun ständig ihr Erscheinungsbild, denn bald erreichen wir eine goldfarbene Steppe. Wir müssen heftigem Gegenwind trotzen, beginnen fürchterlich zu frieren und öffnen erschöpft die Pulle mit dem hochprozentigen Schnaps. Nur wenige Augenblicke später klart es wieder auf. Trotz der Strapazen ist die kleine Pfälzerin entspannt und nimmt mich glücklich in die Arme, als wir die nadelartigen Granitberge – die Wahrzeichen von Torres del Paine – erstmals am Horizont erblicken. In voller Schönheit pieksen sie nun in den azurblauen Himmel. Nach fast fünf Stunden erreichen wir einen Berggipfel von dem wir das Ziel unserer Wanderung sehen können: Das Refugio am Lago Pehoe. Vor uns liegt jedoch noch ein extrem steiler Abstieg auf glatten, ausgewaschenen Steinen, der seitlich in eine todbringende Schlucht abfällt. Unsicher lächelnd und mit bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Höhenangst. Mit zittrigen Beinen klettere ich rückwärts auf allen Vieren die Felswand hinab. Endlich sind wir da. Sylvie reicht mir den Pisco: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“
2002 Chile Torres Abhang
Wir schmeißen unsere Sachen aufs Doppelstockbett und gehen hinaus, um ein paar Fotos von den „Türmen“ in der Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld steht eine wild gestikulierende Horde, die scheinbar gerade etwas absteckt. Ein Typ kommt aufgeregt angerannt. Er brüllt irgendetwas von „futbol“ und noch bevor wir richtig verstehen, was los ist, sind wir schon Mitglieder des Teams der „Extranjeros“ (Ausländer). Da neben uns nur ein weiteres Deutsches Paar, ein Japaner und ein Argentinier hier sind, bekommen wir noch Renato aus Arica zugewiesen und dürfen gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten. Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team haben, wirken sie eingespielt. Der Ball läuft gut durch ihre Reihen und schon nach fünf Minuten müssten sie 3:0 führen, scheitern jedoch an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause können wir uns besprechen und verändern unsere Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bilden nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, steht im Mittelfeld und unser Argentinier Joaquin spielt allein im Sturm. Wir lassen den Gegner kommen und starten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passe steil zu Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielt. Er schießt unplatziert, doch deren Keeperin Josefa lässt abprallen. Mühelos schiebt er den Ball über die Linie. Ohrenbetäubender Torjubel schallt durch das Tal. Das „Ausland“ führt und kurz vor Schluss gelingt Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen. Die Chilenen gratulieren und laden uns zur Party am Abend ein. Als wir zur Hütte laufen, spüre ich, dass ich mein Knie verdreht habe und mir am Zeh und an der Fußsohle eine Blase gelaufen habe. Ich humpele mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlt. „War ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“, ruft sie. Selbst mir war das bisher noch gar nicht aufgefallen. Was für eine Frau!
Torres - Tanzen
Wir tanzen, singen und werden von unseren Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Literpappen gehörig abgefüllt. Heute ist ihr Nationalfeiertag. „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ Sie feiern sich lautstark selbst. Auch wenn nach der letzten – zugegeben fantastischen – WM wieder die ersten Deutschland-Rufe in meinem Land laut wurden, hatten meine Freunde und ich lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale, das wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn gesehen hatten, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wächst da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann.

Nicht der dicke Schädel macht mir am nächsten Morgen Sorgen. Mein Knie kann ich kaum noch beugen und die Blasen sind aufgegangen. Heute geht es an den Grey Gletscher. Da es ein Frühstück gab, nehmen wir lediglich die zwei Äpfel mit. Der Weg ist nicht sonderlich schwierig. Mir geht es nur leider beschissen. Neben den Schmerzen im Knie lassen mich starke Böen fast ununterbrochen in 30 Grad Schieflage laufen und in den Docs spüre ich jeden einzelnen Kieselstein am offenen Fleisch der Blasen. An einem Flussbett rutsche ich ab und stehe mit beiden Füßen im eiskalten Wasser. Ich beginne zu jammern, was in pure Verzweiflung umschlägt, als wir vor dem Refugio am Lago Grey vor verschlossenen Türen stehen. Wir müssen also noch heute wieder zurück. Eine Katastrophe.
Torres - Gletscher Grey
Am Gletscher vergesse ich für einen Augenblick die vor uns liegenden Strapazen. Es ist ein Anblick unvergleichlicher Schönheit. Gigantische Eisbergtürme werden aus den Bergen in den See gedrückt. Die Wände des Gletschers und die der großen Eisschollen sind nicht weiß, oder grau, wie der Name besagt, sondern glitzern in verschiedenen Blautönen.
Nicht nur mir bereitet der Rückmarsch Höllenqualen. Auch Sylvie ist noch nie im Leben acht Stunden mit Doc Martens und dicker Schafsfelljacke durch unwegsames Gelände gelaufen. Es ist ein Wunder der Natur, dass wir, wie schon auf dem Hinweg, permanent auf starken Gegenwind stoßen. Im Dämmerlicht teilen wir den letzten Apfel und sprechen uns Mut zu, dass wir auch in völliger Dunkelheit zurück finden werden. Kurz nach acht kommen uns zwei Typen auf Pferden entgegen geritten. Kopfschüttelnd schauen sie herab und weisen uns den Weg. Vor der Hütte steht Josefa und fragt aufgeregt: „Dónde estan los Chilenos?“ (Wo sind die Chilenen?)
Torres ich liegend
Wenig später erscheinen dann auch die noch Fehlenden in tiefschwarzer Nacht. Mario bereist mit Renato ganz Chile. Er möchte, dass sein Sohn mit ihm das Land kennen lernt, von Norden bis ganz in den Süden. Dafür bräuchte man eben Zeit erklärt er achselzuckend. Es stellt sich heraus, dass er Arzt ist und nach dem Essen schaut er sich meinen Fuß an. An den offenen Stellen leuchtet das rosafarbene Fleisch und mein Zeh ist bereits bläulich gefärbt und angeschwollen. Das Desinfizieren der Wunde ist eine brutale Tortur und gerade als ich dabei bin, vor Schmerz in den Schlafsack zu beißen, erscheint Sylvie im Zimmer. „Weißt du eigentlich, dass ‚Torres del Paine’ gar nicht ‚Türme der Schmerzen’ bedeutet?“ „Ist mir scheißegal“, brülle ich, doch sie spricht einfach weiter. „Paine heißt in der Sprache der Mapuche-Indianer ‚blau’. Es sind also die ‚blauen Türme’.“ Ich verdrehe die Augen. „So blau wie dein großer Zeh!“

Zwei Tage später liege ich im Hostal von Punta Arenas und kann überhaupt nicht mehr laufen. Sylvie sitzt mit meinen besten Freunden Göte und Jenna in einem Restaurant in der Innenstadt. Sie hatten sich hier mit uns verabredet und werden morgen nach Feuerland weiterreisen. Was wird sie den beiden erzählen von unserer ersten Woche? Dass man mit mir nicht verreisen kann? Dass ich eine riesengroße Pfeife und Memme bin? Dass dieser Urlaub für sie der große Scheppert-Test ist?
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Anpfiff am Ende der Welt

24. Oktober 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

777 salickMeine allererste Fußball-WM auf deutschem Boden! Es hätte ein großes, bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel 1974 verlief in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang haben sich im von uns so genannten „Scheppert-Eck“ Mollstraße / Ecke Hans-Beimler-Straße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die BRD, der kapitalistische Klassenfeind, wurde Weltmeister im eigenen Land und ich – trotz allem – irgendwann zum Fußballfan.

Meine zweite Fußball-Weltmeisterschaft auf deutschem Boden! Es sollte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden. Aber nein!
Ich befinde mich im fußballbegeisterten Südamerika, doch am Tag des bedeutenden Eröffnungsspiels gegen Costa Rica, renne ich im Deutschlandtrikot panisch durch die staubigen Straßen eines bolivianischen Hochgebirgskaffs. Das kann doch jetzt alles nicht wahr sein. Tupiza hat 24.000 Einwohner und niemand interessiert sich hier für Fußball? „Seid ihr alle bescheuert, oder was?“, frage ich fast schon weinerlich in den Kneipen auf meinem Weg. In einer Bar schauen vier junge Kerle gelangweilt zu mir auf. Im Fernseher läuft ein asiatischer Actionfilm in voller Lautstärke. Irritiert hetze ich weiter und ahne langsam, warum sich Bolivien nicht für diese WM qualifiziert hatte.
Endlich sehe ich eine Art Kino, wo ein paar Leute gerade eine große Leinwand aufbauen und an einem antiken Beamer herumfummeln. Das muss die örtliche Fußballkneipe sein, denke ich erleichtert. Ich frage – nur zur Sicherheit – einen der Betreiber: „Futbol después aqui?“ (Fußball nachher hier?). Er schaut mich an, als ob ich nicht ganz dicht wäre und deutet auf ein Plakat im Eingangsbereich. Um 12 Uhr, um 16 Uhr und um 20 Uhr läuft heute der Hau-Drauf-Streifen „Showdown in Seoul“. Das ist das Kino! Ich beginne stark zu schwitzen.
Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass sich die berühmten amerikanischen Outlaws Butch Cassidy und Sundance Kid eine beträchtliche Zeit in Tupiza aufgehalten hatten und im Jahr 1908, nach einem Raub im nahe gelegenen San Vicente vom Militär gestellt und bei der Festnahme kaltblütig erschossen wurden. Ich gehe zurück in die erste Kneipe und drohe den bolivianischen „Karatekids“ mit vorgehaltenem Colt, dass ich gleich mit Sylvie zum Fußballschauen vorbeikommen werde.

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Natürlich lege ich nur 50 Bolivianos auf den Tresen und sage mit drei Ausrufezeichen in der Stimme: „Futbol después aqui!!!“ Sie nicken, wenn auch gequält und widmen sich sofort wieder dem herum springenden Freak in der Glotze.
Nun sitzen wir also vor dem Miniaturfernseher mit verrauschtem Bild in der scheinbar einzigen Kneipe, in der das Eröffnungsspiel läuft. Und unsere neuen Freunde sehen aus, als würden sie gerade das Sandmännchen schauen. Für Millionen Deutsche, Europäer, aber eben auch Südamerikaner ist es das Spiel der Spiele, einfach nur deshalb, weil das jahrelange Warten vom Endspiel der letzten Fußball-WM bis zum erlösenden Wiederanpfiff endlich vorbei ist. Der Jubel der Massen im Münchner Stadion, die unter die Haut gehende Stimmung bei den Nationalhymnen, das wunderbare Tor von Phillip Lahm – all das finden die hiesigen bolivianischen Zuschauer ausgesprochen langweilig und am liebsten würden sie sofort in der Halbzeitpause zum Actionfilm auf Kanal 2 zurückschalten. Dabei bestätigen mir nur Tage später sogar einige Engländer, dass das 4:2 gegen Costa Rica fantastisches Entertainment gewesen war. Aber den vier „Chicos“ bedeutet das alles rein gar nichts. So ist meine Fußball-uninteressierte Sylvie, diejenige, die an meiner Seite am zweitlautesten jubelt. Wenige Minuten nach dem stimmungsgeladenen Spiel bereue ich, nicht vor einer Großbildleinwand auf einer ohrenbetäubend lauten Fanmeile in „good old“ Deutschland gestanden zu haben.
In Bolivien wird nur Sekunden nach dem Abpfiff zum Actionkracher zurückgeschaltet. Bedacht zärtlich nehme ich meine Sylvie in die Arme und flehe sie an, schon heute ins fußballverrückte Argentinien zu fahren. Bereits eine halbe Stunde später sitzen wir im Bus an die Grenze. Ich muss zwar fast in meine Wasserflasche pinkeln, so sehr drückt das Siegerbier, aber schon kurz hinter dem Schlagbaum beglückwünscht mich ein argentinischer Grenzer – ich trage noch immer mein Deutschlandtrikot – zu unserem Sieg und erzählt mir, dass die Polen gerade gegen die Ecuadorianer 0-2 verkackt hätten. Ganz Südamerika jubelt nun auch!
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Geschafft! Ich sehe eine Fußball-WM in Argentinien. Im Land von Mario Kempes, Gabriel Batistuta und von Diego Maradona. Das war schon immer ein großer Traum, der nun endlich in Erfüllung geht. Pünktlich zum ersten Spiel der „Gauchos“ landen wir in San Salvador de Jujuy im äußersten Norden des Landes am Ostrand der Anden. Die Menschen sind völlig am Durchdrehen. Es gibt es praktisch kein anderes Thema außer „futbol“. Jede Werbung im Fernsehen – und damit meine ich wirklich jede – dreht sich um das Spiel. Überall hängen Fahnen, Wimpel und Banner aus den Fenstern oder an Laternen und viele Lebensmittel gibt es nun auch in Fußball-Form. Sogar die circa 60-Jährige, offensichtlich halbblinde Friseuse, bei der sich meine Freundin die Haare schneiden lässt, ist so ein riesengroßer Fußballfan, dass sie Sylvie zum Abschied ganz begeistert umarmt und abgeknutscht, nur weil aus „Alemania“ kommt. Schon am Tag vor dem ersten Argentinienspiel laufen tausende Menschen in himmelblau-weißen „Messi“-Trikots durch die Stadt. Den jungen Spieler kenne ich bisher noch gar nicht richtig, weiß nur dass er bei „Barca“ kickt.
Um 15 Uhr, eine Stunde vor Spielbeginn gegen die Elfenbeinküste, sind die Straßen der 230.000 Einwohnerstadt menschenleer. Jujuy hält den Atem an. Kein einziges Auto fährt, es herrscht eine gespenstische Stille und das schmucke Kino hat heute Ruhetag. Nur wir rennen durch die Innenstadt, denn auch in Argentinien scheint Public Viewing ein Fremdwort zu sein. Endlich entdecken wir eine geöffnete Kneipe. Der Pub ist enttäuschend. Es gibt zwar eine Leinwand, doch wir sind umzingelt von zwanzig Familien, die mehr auf ihre schreienden Gören achten, als auf das eigentlich aufregende Spiel zweier guter Mannschaften. Zur richtigen Zeit am falschen Ort. Schon zum zweiten Mal brüllen Sylvie und ich am lautesten herum – von Reporter im TV einmal abgesehen. Sein „Goooool de Argentinaaa!” dehnt er auf gefühlte fünf Minuten. Wahnsinn!
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Die Einheimischen schütteln über das irre Deutsche Pärchen nur die Köpfe und nach dem knappen 2:1 für die „Argies“ gehen alle brav nach Hause. Kein Autokorso, keine wilde Straßenparty – gar nichts in Downtown Jujuy. Die nordargentinischen Spaßbremsen laufen fast nüchtern nach Hause. Lediglich zwei leicht angetrunkene Deutsche taumeln durch die einsamen Straßen und brüllen „Olé, olé“.
Unverhofft finden wir dann doch noch eine vernünftige Bar wo siegestrunkene Jungs eine Runde Bier nach der anderen auf die „Albiceleste“ spendieren. Wenig später fahren sie eine nationale Spezialität auf. Sie bringen uns einen tiefen Teller mit grünen Coca-Blättern und einen kleinen mit feinem weißem Pulver darauf. Der Kellner schaut uns ermunternd an und da wollen wir ja auch nicht unhöflich sein. Also ab in den Mund und abwarten was passiert. Natürlich ist das weiße Zeug nur ein kalkhaltiger Geschmacksverstärker, der vom etwas unangenehmen bitteren Aroma der Blätter ablenken soll. Trotzdem schniefe ich davon eine gehörige Nase mit einem 100 Peso Schein vom Tisch. In falschem Spanisch rufe ich dem Kellner zu: „Una linea para Argentina“ (eine Linie für Argentinien). Die Leute in der Kneipe und meine nun schon stark schwankende Sylvie finden das lustig. Weil ich bescheuert bin!
Zum ersten Mal nehme ich nun auch die Flimmerkiste über dem Tresen wahr. Sie bringen ununterbrochen hintereinander die Wiederholung des Argentinien-Spiels. Augenblicklich denke ich: ‚Spielfilme wird es im Lande Maradonas wohl bis zum Abpfiff der WM nicht mehr im Abendprogramm geben. Keine argentinischen, keine englischen und vor allem keine asiatischen Actionfilme. Solamente futbol.’

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Fußballweltmeister 2014 in Brasilien

16. Juli 2014 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

FortalezaOkay, ich habe in meinen “90 Minuten Südamerika” recht behalten: Deutschland ist 2014 Fußballweltmeister geworden. Das wird in diesem Buch für immer – wie in Stein gemeißelt – stehen.
Doch viel wichtiger: Wir haben unsere Träume nicht nur angeträumt, sondern waren tatsächlich live in Brasilien dabei. Es war fantastisch!

Die Widmung im Buch lautete: Du lebst nur einmal im Jetzt und Hier. Genieße den Augenblick …

Ach so. Wer mein Buch “90 Mintuten Südamerika” bisher noch nicht kennt, kann hier einen Einkauf tätigen.

Und für alle, die das noch immer nicht kapiert haben: “Say NO to rasism! Viva Brasil
90 Minuten Rio
Morro

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Machu-Pichu

„90 Minuten Südamerika“ ist eine Art nonfiktiver Coming-of-Age-Roman, in dem der Fußball sukzessive stärker in den Fokus rückt. Schepperts Berichte sind keine abgehangenen Weisheiten, sondern großartig geschriebene Momentauf-nahmen einer riesigen Weltkarte.”
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11 Freunde – Magazin für Fußballkultur, Juli 2011

Südamerika und Fußball. Natürlich war dies mein erster Ansatzpunkt für ein neues Buchprojekt. Ich hatte so viele Geschichten in meinem Hirn gespeichert und könnte sicherlich mit großer Hingabe davon berichten. Nur wie?

Cover 90 mittel

“Fernweh und Fußballfieber garantiert.”
AMERICALATINA – Magazin für Lateinamerika, März 2012

Keinen neuen Reiseführer oder öde Erlebnisberichte in Tagebuchform wollte ich schreiben. Auch ein Werk über die südamerikanische Begeisterungsfähigkeit kam für mich nicht in Frage. Nichts über den besonderen Stellenwert, der diesem Spiel im Lande Pelés und Maradonas beigemessen wird. Etwas Neues, Originelles und Ungewöhnliches sollte entstehen und dennoch ein Buch, das zwei große Leidenschaften meines Lebens vereint: Südamerika und Fußball.

“Ich habe rumgestöhnt, weil ich das Buch verdammt schnell fertig gelesen habe, weil ich es geil fand, und weil ich – dafür verfluche ich dich Mark Scheppert – jetzt unbedingt nach Südamerika will.”
Fritten, Fussball & Bier, Aug. 2011

Klappentext:
„Schon wieder Südamerika? Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding, bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen ist.“

Mark Scheppert nimmt uns mit auf eine einzigartige Reise durch Lateinamerika und lässt uns an einer ganz besonderen Suche teilhaben. Auf seinen abenteuerlichen Trips durch Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru und Venezuela verändert sich in zwanzig Jahren nicht die Welt um ihn herum, sondern auch sein Heimatland. Parallel dazu entwickelt sich eine Beziehung zum Fußball, die 1990 ablehnend beginnt, in jugendliche Schwärmerei umschlägt und in euphorischer Begeisterung mündet.

“Heiss auf die Fussball WM 2014? „90 Minuten Südamerika“ heizt ein.”
Reisemagazin Lateinamerika, Jan. 2012

Die facettenreichen, mal lustigen, mal berührenden Anekdoten lassen Erinnerungen an große Lieben, Freundschaften, Enttäuschungen und Sehnsüchte lebendig werden. Mit einer Sprache, die nicht nach Reiseführer und Merian-Heft schmeckt, versucht Scheppert, den Leser mit dem Südamerika-Virus zu infizieren und ihn auf die Fußball-WM 2014 in Brasilien einzustimmen.

“Blond, deutsch und Fußball-Fan: So zieht man in Paraguay schnell die Blicke auf sich. Besonders dann, wenn man beim 1:0 für die Heimat vor Glück einen ganzen Häuserblock zusammenbrüllt – und dem Gastgeber später bei einer WM im Armdrücken doch noch zum Sieg verhilft.”
Spiegel Online

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“Suff, Sex & Nationalmannschaft”
Der Tödliche Pass, Okt. 2011

Rezensionen “90 Minuten Südamerika”:

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Rezi von “90 Minuten” bei “WM 2014-Rio.de”

9. Mai 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

Fussball-WM-2014Seit ein paar Tagen gibt es eine wunderbare Rezension von Marco & Robert, den coolen Jungs von WM2014-Rio.de aus Weißenfels, zu meinem Buch “90 Minuten Südamerika”. Demnächst stelle ich ihr Projekt noch einmal genauer vor. Vorerst nur das, was sie über mich verzapft haben…
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“…im Buch erzählt Mark Scheppert von seinen abenteuerlichen Reisen durch Lateinamerika. Auf seinen Reisen durch Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru und Venezuela verändert sich nicht nur die Welt um ihn herum. Auch Mark Schepperts Einstellung zum Fußball, welche zu Beginn (1990) eher ablehnend war, ändert sich im Laufe von 20 Jahren. “90 Minuten Südamerika” erzählt von großen Lieben, Freundschaften, Enttäuschungen, Sehnsüchten und stellt den Leser auf die kommende WM in Brasilien ein…”
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Schwarz & ziemlich bunt – Salvador da Bahia!

10. Februar 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog, Fußball-WM 2014

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Pascal, einer meiner besten Freunde in Berlin, ist ein Mischling. Ja, ein Schwarzer, Dunkelhäutiger, Mulatte, oder eben Deutsch-Afrikaner. Er begreift diese Begriffe nicht als Schimpfwörter, da auch er seine Mitmenschen nach Äußerlichkeiten umschreibt.
Vor vielen Jahren erzählte er mir mal folgende Geschichte: Bis zum Alter von 8 Jahren realisierte er gar nicht, dass er anders aussah, als die anderen Kinder seiner Klasse. Er sprach dieselbe Sprache (mit urigem Berliner Dialekt), hatte dieselben Hobbys und spielte den Erwachsenen die gleichen Streiche wie all die Kids in seinem Alter. Er duldete keine Einschränkung seiner Freiheit. Vielleicht war es aber auch eine Frage der fehlenden Eitelkeit in jungen Jahren, in denen man Spiegeln eine eher untergeordnete Rolle beimaß – in einer Epoche, in der es lediglich matte, schwarz-weiß Fotos gab. Außerdem wuchs er bei einer Pflegemutter auf, die bis an ihr Lebensende aufopferungsvoll für ihn sorgte und ihm nie das Gefühl gab, dass die Hautfarbe eines Menschen eine Rolle spielt.
Es kam der Tag, an dem ein dunkelhäutiger Onkel über ein Tagesvisum aus Westberlin erschien und mit Pascal in der U-Bahn zum Alex fuhr. Und genau während dieser Fahrt merkte er erstmals, dass mit ihm etwas nicht „stimmte“. Unzählige Passagiere drehten sich nach den beiden um, tuschelten und kurz vor der Endstation zeigte ein kleines Kind mit dem Finger auf ihn und rief laut zu seinen Eltern: „Guck mal, die Negerpuppe kann ja sprechen!“
Sicherlich muss man dazu wissen, dass es in der DDR eine Spielzeugpuppe für Mädchen gab, die tatsächlich unter dem sinnfreien Namen „Negerpuppe“ in volkseigenen Läden verkauft wurde. Zwei „lebendige“ schwarze Menschen waren in jener Zeit in Ostberlin eine echte Sensation – für das geschockte weiße Kind sicherlich umso mehr.
Neger – ich tue mich heutzutage schwer damit, dieses Wort zu niederzuschreiben, denn ich komme aus einem Land der politischen Korrektheit, in dem man, historisch bedingt, äußerst vorsichtig in seiner Wortwahl gegenüber Andersfarbigen sein muss. In diversen, historisch bedeutsamen Büchern musste diese Bezeichnung mittlerweile entfernt werden. Gleichzeitig lebe ich in einem Land der „Weißen“, in dem unterschwelliger Rassenhass noch immer an der Tagesordnung ist.

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Während der langen Busfahrt dachte ich an die Story von Pascal, da ich vor kurzem das Buch „Herren des Strandes“ von Jorge Amado gelesen hatte. In wenigen Stunden würden wir also Salvador da Bahia erreichen, die Stadt der Negerpriesterinnen, Negerheiligen und Negergöttinnen – wie der Autor sie wortwörtlich nannte, der Ort mit dem seltsamsten Menschenschlag Brasiliens, in dem kräftige Mulatten und schwarze Vagabunden ihr Unwesen treiben und ihre Blicke kaum von den Brüsten und Schenkeln kleiner Negerinnen mit tänzelndem Gang wenden können (in Amados Werk wurden schwarzen Menschen ausschließlich – ohne rassistische Hintergedanken – Neger genannt). In Reiseführern heißt es, dass 80 % der Bevölkerung Salvadors Afro-Brasilianer sind und die ehemalige Hauptstadt die kulturelle, religiöse und musikalische afrikanische Seele das Landes sein soll.
Als wir den Busbahnhof erreichten, war ich dennoch geschockt. Alle (!) waren schwarz und ich hatte das Gefühl, dass uns auch jeder anstarrte. Die braungebrannte Sylvie fiel mit ihren dunklen Haaren und dem eher arabisch anmutendem Äußeren gar nicht so sehr auf. Doch ich, mit meinem flatternden Blondhaar und dem käseweißen Gesicht, fühlte mich, als ob ich soeben im Dschungel von Schwarz-Afrika abgeworfen wurde. Ein dunkelhäutiger Krakeeler zeigte mit dem Finger auf mich und brüllte etwas, was den halben Busbahnhof zu amüsieren schien. „Guck mal, das bleiche Persil-Paket kann ja sprechen“, könnte es gewesen sein.
Es gab dort keine Harmonie und Ausgewogenheit der Rassen, dass es einem augenblicklich ganz warm ums Herz wurde und zum allerersten Mal im Leben ahnte ich, wie es ist, „anders“ zu sein. Wir waren umgeben von Mördern, Frauenschändern und Dieben. Nein! Niemand krümmte uns ein Haar und mit unerwarteter Herzlichkeit erklärte man uns, mit welchem Bus wir ins Zentrum gelangten.
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Auf dem Weg dorthin trafen wir unseren ersten weißen Menschen seit einer halben Stunde. Im Buch von Amado gab es ein Foto vom Autor – mit weißem Haar und Oberlippenbart – und wenn ich nicht gewusst hätte, dass er bereits 2001 gestorben war, hätte ich gedacht, wir säßen ihm nun genau gegenüber. Das Krasse: es war ein Deutscher, der vor über 50 Jahre ausgewandert war, um in der schönsten Stadt der Welt zu leben. Mit viel Witz und Charme begleitete uns Bruno auf der fast einstündigen Fahrt nach Pelorinho und stellte uns – wie bei einer teuer erkauften Stadtrundfahrt – seine Stadt, mit eingeworfenen Anekdoten, vor. Zu fast jeder Häuserzeile, aber auch zum altehrwürdigen Fußball-Stadion kannte er unzählige Geschichten und recht schnell merkten wir, dass er „die Negerstadt“ Amados über alles auf der Welt liebte. Die noch im 17. Jahrhundert größte Stadt der Südhalbkugel und ehemalige Hauptstadt Brasiliens ist noch heute mit seinen fast 3 Millionen Einwohnern die drittgrößte Metropole und das eigentliche kulturelle Zentrum des Landes.
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Wir waren fast ein wenig traurig als wir das historische Altstadtzentrum in der so genannten „Oberstadt“, erreichten, da wir uns nun per Umarmung voneinander verabschieden mussten. Leider hatte ich Bruno vergessen zu fragen, ob die „Herren des Strandes“ noch immer in der „Capital da Alegria“ (Hauptstadt der Freude) ihr Unwesen treiben, zumal er uns eindrücklich geraten hatte, das Museum von Jorge Amado zu besuchen.

„Pelorinho“ – so der Name des Stadtteils, den wir nun betraten, bedeutet übersetzt Pranger oder Steinpfosten und – so viel wussten wir bereits – war einmal Teil des größten Sklavenmarktes in Südamerika, wo der Hauptteil der fünf Millionen Sklaven vor einigen Jahrhunderten aus Westafrika ankam und nicht wenige von ihnen an diesem Steinpfosten ausgepeitscht wurden. Noch heute ist die bestimmende Hautfarbe auch hier „oben“ eher schwarz, doch das vormals heruntergekommene Viertel wurde aufwendig saniert und gehört seitdem zum UNESCO-Weltkulturerbe. Demnach waren die Menschen weiße Touristen gewohnt. Niemand beachtete uns bei der Suche nach einer Unterkunft.
Dummerweise hatten wir im Vorfeld nichts gebucht, sodass wir ziemlich lange herumirrten. Die ersten vier Hotels waren ausgebucht. Zum Glück gab es weitere Alternativen und von der, von uns schließlich gebuchten Behausung, konnten wir direkt auf einen Platz mit futuristischem Springbrunnen schauen und das bunte Treiben auf den Straßen beobachten. Wir hielten uns gar nicht lange am Fenster auf, sondern stürzen uns sofort ins pralle Leben!

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Die Menschen in Salvador sollen für ihre Lebensfreude, ihre Lust am Musizieren und am Tanzen bekannt sein. Bereits bei den ersten Schritten über die heißen Pflastersteine der beeindruckend hübschen Altstadt bekamen wir das zu spüren. Überall erklang Musik aus Bars und Cafés, die Menschen tanzten spontan – und recht wild – auf der Straße und das alles ohne, dass es aufgesetzt wirkte. Direkt vor dem berühmten Art-Deco-Fahrstuhl „Elevador Lacersa“, mit dem man in 30 Sekunden die 72 Meter tiefergelegene „Unterstadt“ erreichen kann, zelebrierte eine Gruppe dunkelhäutiger Typen gerade eine Capoeira-Vorstellung. Wir waren beeindruckt, was man mit seinem Körper in dieser Mischung aus Kampf, Tanz, Geschicklichkeit und Spiel alles so anstellen kann.
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Vor der Aussichtsplattform – mit herrlichem Blick auf das Büro- und Hafenviertel mit dem berühmten „Tor des Meeres“ – stand eine große, schwarze und vor allem vollbusige Figur. So viel wusste ich schon durch Amado: in Salvador werden vor allem die mutigsten und tapfersten Frauen von der schwarzen Bevölkerung nach ihrem Tode als Heilige verehrt.
Wir fühlten uns gut aufgehoben und sicher, denn durch die Restaurierung des historischen Zentrums war hier eine Gegend wiederbelebt worden, die zuvor als extrem gefährlich galt. Das hatten wir noch von Bruno erfahren. Als tapfere Touristen trauten wir uns demnach bis tief in die Nacht sogar in dunkle Seitenstraßen, wo vermeintliche Messerstecher lauerten. Leider viel zu spät bemerkten wir jedoch, dass uns bei der Hotelwahl einen Fehler unterlaufen war, denn der moderne Brunnen begann alle halbe Stunde riesige Fontänen auszuspucken. Doch damit nicht genug: dazu erklang eine unfassbar laute und vor allem nervige klassische Musik. Am Tage wäre das ja alles zu ertragen gewesen, aber nicht nachts, halbstündlich und vor unserem Fenster. Sylvie lehnte sich um 4 Uhr neben mir ungläubig mit hängenden Brüsten weit über die Brüstung, da sie das alles nicht glauben konnte. Der Mond übergoss den Platz mit gelben Licht. Irgendwo in der Ferne sang jemand eine traurige Samba und das Schluchzen eines Mädchens war zu hören.

Nach zu wenig Schlaf tauchten wir wieder in das faszinierende Leben der Altstadt ein. Die Sonne überzog die Straßen und pastellfarbenen Häuserfassaden mit einer sanften Helligkeit. Schon nach kurzer Zeit spürten wir die Herrlichkeit des Tages und die einzigartige Freiheit, die Straßen dieser Stadt durchstreifen zu dürfen. Nach einem Cafezinho, den wir an einem rollenden Kiosk von einem frech grinsenden Jungen gekauft hatten, der so schwarz, wie der von ihm gereichte kleine Kaffee war, kamen wir an unzähligen Galerien, Kunst- und Trödelläden vorbei. Die Kopfsteinpflaster-Plätze und alten Kirchen zogen uns magisch in ihren Bann. Besonders die mächtige Catedral Basilica, die barocke Igreja de Sao Francisco und die auffallend blau getünchte Igreja do Rosario dos Petros, aber auch der Terreiro de Jesus (ein Brunnen mit Figuren, welche die vier großen Flüsse Brasiliens symbolisieren) ergaben prächtige Fotomotive.
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Später entdeckten wir endlich das Wohnhaus von Jorge Amado. Schräg gegenüber befand sich das Museum, wobei uns die ausgestellten Fotos und die Übersicht seiner Bücher nicht gerade zu Begeisterungsstürmen veranlassten. Aber sagen wir es mal so: Salvador zu besuchen, ohne seinen bedeutendsten Bewohner zu huldigen, ist in etwa so, als verbrächte man erstmals einige Tage in Ostberlin und hätte zuvor nicht den „Mauergewinner“ gelesen. Vor der Museumstür gab es eine Skulptur aus Stahl, namens Exu, welche laut Amado ein Kind darstellen soll, dass es liebt, sich vagabundierend auf den Straßen herumzutreiben, Streiche zu spielen und keine Einschränkung seiner Freiheit duldet.
Nach einem Mittagsschlaf und ein paar Bahia-Frikadellen (Bällchen aus brauen Bohnen, Salz, Zwiebeln und serviert mit einer Creme aus zermahlenen Krabben, Nüssen, Öl und Kokosmilch) stürzten wir uns einmal mehr ins lebendige Nachtleben.
Schon zuvor hatten wir erfahren, dass wir genau zur richtigen Zeit in der Stadt waren. Am Abend fand, wie jeden Dienstag, in „Pelo“ das Open Air Fest „Dia & Noite“ statt. Unglaublich, aber die Stadtverwaltung bezahlt tatsächlich allwöchentlich die diversen Rhythmusgruppen, Trommler und Musiker damit wir kalkweißen Touristen uns die Darbietungen kostenlos anhören können. In Berlin feiert man einmal im Jahr beim „Karneval der Kulturen“ das Miteinander aller Hautfarben – in Salvador da Bahia jeden Dienstag. Muito bom!

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Eine ständig wachsende Menschenmenge wälzte sich wenig später durch die nunmehr eng wirkenden Straßen der Stadt, denn nicht nur auf dem Hauptplatz des Viertels sangen und tanzten die Gruppen – die ganze Altstadt war nun eine Bühne. Die Leute bewegten sich rhythmisch im Strom durch die Gassen. Zusätzlich gab es überall fliegende Händler bei denen wir günstige Snacks und Dosenbier bekamen. Allerdings gab es noch immer keine Spur von den räuberischen und stolzen „Herren des Strandes“ aus meinem Buch. Wir sahen aber auch nirgends verwahrloste Straßenkinder in Lumpen und Taugenichtse die Klebstoff schnüffelten, stahlen oder Frauen (und blonde Männer) belästigten. Der größte Barock-Slum der Welt – aus den Zeiten Amados – hatte sich in dieser Hinsicht deutlich verändert. Lediglich ein einziger schwarzgelockter Junge im Alter von etwa 10 Jahren, der gekonnt mit fünf Kokosnüssen jonglierte und dabei freudestrahlend seine blitzenden weißen Zähne zeigte, erinnerte mich an die Jungs mit Namen wie Hinkebein, Kater, Joao Grande, Gottesliebling und Pedro Bala, die trotz allerlei Flausen im Kopf, immer einen Stern an der Stelle des Herzens trugen.
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Die Polizei lief dennoch ein paar Runden, kontrollierte aber lediglich, ob alle Bierverkäufer Genehmigungen besaßen. Die leeren Dosen wurden uns von Blechsammlern regelrecht aus den Händen gerissen. Obwohl mir das bunte Treiben sehr gefiel, konnte besonders Sylvie nicht genug bekommen und wollte bis weit nach Mitternacht um die Häuser ziehen. Aber auch ich konnte die Blicke kaum von den Schenkeln und Brüsten der dunkelhäutigen Frauen abwenden, die ekstatisch und mit elegantem Hüftschwung Lambada und Samba tanzten. Doch die schönste Frau, mit dem zärtlichsten Blick der Welt, befand sich an meiner Seite. In diesem Moment wusste ich, dass unter den abertausenden Sternen über Salvador da Bahia gerade nur einer für mich leuchtete.
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Urplötzlich waren die Straßen stockdunkel und menschenleer. Ich hielt es daher für keine schlaue Idee, ganz allein in der Finsternis zu flirten, denn die verlassenen Ecken wirkten nun nicht mehr sehr sicher. Um 3 Uhr nachts war Feierabend und nur der singende Brunnen erklang noch klagend bis zum Morgengrauen.

Vor der langen Busfahrt ins weiter nördlich gelegene Recife schliefen wir gemütlich aus, frühstückten in einem Straßencafé und bummelten nochmals durch die entzückende Stadt. Bei einigen Galerien kehrten wir sogar ein und kauften – erstmals auf dieser Reise – ein paar farbenfrohe Bilder. Die postkartengroßen Malereien im typisch salvadorianischen Stil haben bis heute einen Ehrenplatz in unserer Wohnung. Nach einer nochmaligen Bahia-Buletten-Stärkung stiegen wir in den Bus zum Fernreisebahnhof. Und wen trafen wir wieder? Richtig, unseren Freund Bruno. Mit überschäumender Begeisterung berichteten wir ihm von unseren Erlebnissen in seiner tiefschwarzen aber doch so bunten Stadt. Er hatte uns nicht zu viel versprochen. Lediglich die „Herren des Strandes“ hatten wir nicht getroffen, erzählte ich ihm. Bruno schaute mich groß an und sagte: „Wie der Name schon sagt, werdet ihr sie am Strand treffen, doch heutzutage…“. Bruno überzeugte uns, mal wieder alle Pläne über den Haufen zu werfen, denn am Busbahnhof kauften wir uns Tickets bis nach Valencia (statt nach Recife), um zuvor an die – laut seiner Aussage – schönsten Strände Brasiliens zu gelangen. Auf nach Morro de Sao Paulo!
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Brasiliens Norden: Von Matthäus nach Manaus. Teil 1

27. Dezember 2013 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog, Fußball-WM 2014

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Es hieß also von Itaunas, Abschied zu nehmen, von Mauro, Maria, Cassio und so vielen lieben Leuten mehr. Wir verließen gerührt einen Ort, der uns für immer im Leben in fantastischer Erinnerung bleiben wird – nicht nur in Zusammenhang mit der Fußball-WM 2006.

Um 13.30 stiegen wir in den Bus und bereits um 16.30 Uhr erreichten wir ein Städtchen namens Sao Matheus. Doch dort gab es ein Problem: der Bus für die Weiterfahrt war bereits ausgebucht und der nächste würde erst weit nach Mitternacht fahren. Das bedeutete, dass wir über acht Stunden in einem Ort ausharren müssten, der den Charme von Merseburg Hauptbahnhof hatte, relativ gefährlich wirkte – und vor allem so hieß, wie der in Brasilien so verehrte „Loddar“ mit Nachnamen. Matthäus hätte womöglich gesagt „Sis’ are different exercises. Not only bumm!“ Okay, das Internetcafé, welches wir nach langem Suchen fanden, war trotz der Kiddies, die sich leidenschaftlich irgendwelchen Ballerspielen hingaben, ein „Zeittotschlager“. In aller Ruhe las ich nach, was meine Freunde und die restliche Welt über die soeben beendete Fußball-WM berichteten. Deutschland feierte scheinbar noch immer den dritten Platz – und sich selbst.
Porto Seguro 2

Gegen 20 Uhr kehrten wir in ein räudiges Restaurant ein, um zwei weitere Stunden herumzubekommen, denn gegen 22 Uhr machten sie dicht – mit dem freundlich gemeinten Hinweis, dass es in dieser Gegend viel zu gefährlich wäre, um noch länger geöffnet zu haben. Nun hieß es, drei Stunden auf einem gruseligen Bushahnhof zu sitzen und zu hoffen, dass uns keine Gang anhaut und mit gezücktem Messer freundlich fragt, ob Sie unsere Rucksäcke samt Wertgegenstände mitnehmen dürfen? Wie sagte schon Lothar M.: „I hope, we have a little bit lucky.“ Wir kauften zwei Dosenbier bei einen Mann mit zerknautschtem Gesicht am unbeleuchteten Kiosk – lachten, quatschten und fast pünktlich um 1 Uhr trudelt auch der Bus ein. Wir waren mittlerweile völlig kaputt, sodass uns sogleich die Augen zufielen. „Ein Wort gab das andere – wir hatten uns nichts zu sagen“, flüsterte mir Lothar leise zu.
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Eine Alkoholpassage in Porto Seguro
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Wir befanden uns noch immer in italienischer Hand, denn in Porto Seguro holte uns Mauros Kumpel Rino ab, um uns in seine hübsche Appartementanlage zu fahren. Es war bei ihm zwar etwas teurer, dafür hatten wir ein separates Schlafzimmer, Wohnzimmer und vor allem eine voll ausgestattete eigene Küche. Die riesige Terrasse mit Hängematten gehörte bei italienischen Brasilianern scheinbar sowieso zur Grundausstattung.
Rios Buranhem

Nachdem wir etwas Schlaf nachgeholt hatten, schlenderten wir auf Kopfsteinpflastern durch die gemütliche, bunte Stadt, welche unter anderem dafür bekannt ist, dass dies der Ort war, wo Portugiesen erstmals auf ein Land trafen, welches heute Brasilien genannt wird. Auf den ersten Eindruck mochte man meinen Porto Seguro mit seinen farbenfrohen Häusern im Kolonialstil und einer Straße namens „Passarela do Alcool“ sei eine Touristenhochburg, wo es nachts wie in Mallorca zugehen würde – nur eben rhythmischer – brasilianischerer. Um es vorwegzunehmen: So war es nicht. Porto Seguro ist ein ruhiger, entspannter Ort mit ein bisschen Nightlife in dieser Alkohol-Passage. Ein sicherer Hafen.
Porto Seguro

Es war nun bereits schon Mittag – und eigentlich Zeit für Alkohol. Nein, wir leisteten uns lediglich extrem gutes Eis in einem kleinen Café am Wegesrand. Das Wetter war ein wenig durchwachsen, sodass wir uns nach dem Supermarktbesuch auf unsere eigenen vier Wände, die selbst gemachten Spagetti, das Schnitzel und den ersten Wein seit Wochen freuten. Endlich hatten wir auch Spielkarten gekauft, und beim Rommé zog ich Sylvie sogleich böse ab. Der „Alcohol Walkway“ musste also bis morgen warten.
Wir schliefen sehr lange und merkten somit erst spät, dass draußen fantastisches Wetter war. Sofort packten wir die Badesachen und dackelten zum Fähranleger. Porto Seguro hat zwar auch einige fußläufige Strände, doch „die Hammerbuchten“ sollen auf der anderen Seite der Lagune liegen – erklärte und Rino.
Auf der Autofähre tranken die meisten Passagiere in knalliger Sonne bereits ihre ersten Literflaschen „Cerveca Brahma“ des Tages. Nicht wenige krakelten lauthals irgendwelche Lieder. Ich glaube in Deutschland wäre mir das ziemlich auf den Keks gegangen, doch in Brasilien genoss ich – wie zumeist auf dieser Reise – die ausgelassene Ferienstimmung. Die Bucht mit ihren Fischerbooten und Seglern war außerdem atemberaubend schön.
Rios Buranhem 3

Auf der anderen Seite des Rios Buranhem waren wir uns nicht sicher, ob wir hier schon richtig waren. Da es jedoch dort, wo das Boot angelegt hatte, nicht besonders gemütlich aussah, beschloss ich, in den Bus nach Arraial d‘ Ajuda zu steigen. Sylvie zeigte mir zwar einen Vogel und als wir ankamen, gab ich ihr zunächst Recht, da wir auch dort nicht sofort sahen, wo es zum angepriesenen Strand ging. Dennoch klarte die Stimmung bald auf, als wir auf sandigen Straßen den gemütlichen Ortskern mit der niedlichen Kirche und endlich auch die beeindruckende, langgezogene Badebucht entdeckten.
Arraial d‘ Ajuda

Von einer Hügelspitze – das Arial des eigentlichen Ortes lag auf einem begrünten Berg – sah das türkisfunkelnde Meer mit den vorgelagerten Riffen absolut fantastisch aus. Nach einem steilen Weg bergab bemerkten wir zum wiederholten Male einen ungewöhnlichen Spleen der Brasilianer. Es gab direkt an der Straße zwei große Bars mit unzähligen Stühlen, Liegen und riesigen Boxen aus denen extrem laute Musik erschallte. Und genau dort lagen, bzw. saßen sie – alle! Rechts und links erstreckten sich einsame, kilometerlange Strände mit Schatten spendenden tropischen Bäumen im Hintergrund, doch die Einheimischen hockten alle auf einem Haufen lachten, tanzen und tranken Bier oder Caipirinhas – dabei meist hüfttief im Wasser stehend.
Arraial d‘ Ajuda 3

Nur dreißig Meter weiter sah man dann keine Menschen mehr und der Strand war gut und gerne sieben Kilometer lang. Wir jedenfalls bevorzugten es, abseits der Menschenmassen zu liegen. Allerdings verschwanden auch wir nicht außer Sichtweite, denn vielleicht gab es hier ja irgendein Gefahrenproblem, weshalb die alle zusammen blieben. Somit wurden wir weder überfallen, vergewaltigt, aber auch nicht gestört. Ich fand ein schattiges Plätzchen und das Wasser war, vom Naturriff umgeben, eine übergroße Schnorchel-Badewanne.
Hätten wir nicht vorher so eine tolle Zeit bei Mauro in Itaunas verbracht – hier wären wir definitiv wieder versackt, denn überall im Ort gab es günstige Hotels und Bungalows, Open-Air-Restaurants, Bars und sogar einen Italiener, der einen übergroßen Weltmeister-Pokal aus Pappmasche stolz vor seiner Pizzeria präsentierte.
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Leider mussten wir wegen fehlender Zeit weiter in Richtung Norden düsen. Auf dem Weg zu unserem Apartment kamen wir in Porto Seguro diesmal nicht an der berüchtigten „Passarela do Àlcool“ – ohne ein, zwei Kaltgetränke – vorbei. Ein wunderschöner Tag endete tief in der Nacht auf unserer Terrasse.
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Surfer- und Hippiestadt Itacaré
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Am Bushahnhof sahen wir am nächsten Tag, dass auch Porto Seguro seine Favelas hat. Hier waren es Zelte mit Plastikplanen in denen die arme Bevölkerung hauste. Vor dem umzäunten Areal standen riesige Schilder, die Luxusimmobilien anpriesen. Wie krass!
Nach einer anstrengenden Busfahrt landeten wir um 16 Uhr in Ilhéus. Nach kurzem Grübeln beschlossen wir, noch weiter nach Itacaré zu fahren. Zum einen sollte dieser Ort nur 18.000 Einwohner – statt 220.000 in Ilhéus – haben, zum anderen schwärmten schon einige unserer bisherigen Wegbegleiter von der (!) Surfer- und Hippiestadt Brasiliens.
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In einem vollbesetzen Minibus erreichten wir kurz vor 19 Uhr den angepriesenen Ort und ließen uns, da wir wie immer völlig planlos und ohne Reiseführer unterwegs waren, von einer Schleppertruppe in eine Unterkunft führen. Das Hostel „International“ war furchtbar räudig und die Inhaber besaßen sogar die Frechheit, für ihre verkeimten, dunklen Zimmer, 80 Real pro Person zu verlangen. Zum Vergleich: bei Mauro in Itaunas und Rino in Porto Seguro hatten wir jeweils 40 für die Nacht bezahlt, mit Swimmingpool, Hängematten-Terrasse und kostenlosem Caipirinha-Service.
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Wir überließen das Hostel den zahlreichen europäischen Backpackern und fanden ein ähnlich schlechtes Hotel für die Hälfte des Preises. Das Zimmer war eigentlich gar nicht so übel, aber bereits jetzt brüllten etliche Traveller-Kids ununterbrochen auf dem Hof herum. Der ganze Ort war komplett auf diesen Backpacker-Scheiß ausgelegt, von Hippies und coolen Durchgeknallten jedoch keine Spur. Unzählige Bars, Lokale und Reiseagenturen (für die ganz großen Abenteurer, wie Surfen, Reiten, Kanufahren, Mountainbiking und Rafting) warben um Kundschaft. Vielleicht waren wir auch einfach nur zu kaputt und konnten die laut kreischenden Mädels (die alles „amazing“ und „awesome“ fanden), momentan einfach nur nicht ertragen. Wir aßen eine äußerst lasche Moqueca (Brasiliens sonst so vorzüglichen Fischeintopf), tranken lauwarmes Bier mit Cooler und gingen recht früh ins Bett. Dies hätten wir uns durchaus schenken können, da es bis 4 Uhr nachts unerträglich laut auf unserem Hof und der gegenüberliegenden Straße war. Und bereits früh um 7 Uhr trampelten die ersten Spinner auf ihrem Weg zum Adventuretrip durch die Gänge.
Itacare

Zwar konnten wir nochmals ein wenig pennen; trotzdem waren wir gerädert und vor allem genervt von dem Ort mit seinen äußerst gut gelaunten, lässigen Backpacker-Touristen. Ich versuchte Sylvie zu überreden, einen dreitägigen Surfkurs zu buchen und das bescheuerte Treiben in den Wellen des Meeres einfach zu ignorieren. Als wir im Foyer unsers Hostels jedoch einen äußerst bedrückten Amerikaner kennenlernten, überzeuge auch mich seine Story, dass wir stattdessen schleunigst abhauen sollten.
Dem armen Jungen hatten sie nämlich gestern (in unserem Hotel!), sein komplettes Gepäck aus dem Zimmer geklaut als er sich gerade beim Surfen an einem „lovely beach“ befand. Die Diebe waren scheinbar von außen durchs Fenster in seinen Raum geklettert und hatten sich nicht mal die Mühe gemacht, nach Wertsachen zu suchen. Sie hatten einfach alles komplett mitgenommen: seinen großen und den kleinen Rucksack, natürlich inklusive des Geldes, der Kamera und vor allem seines Passes. Er besaß nun buchstäblich nur noch das, was er am Leibe trug. Bei uns hätte dies wahrscheinlich die Heimreise bedeutet. Der Engel mit dem Engelsgesicht (Sylvie) schenkte ihm daraufhin 100 R$ für die Fahrt nach Salvador.
Danach verrammelten wir unser Zimmer, schlossen die Fenster und gingen für ein paar Stunden an den überfüllten Stadtstrand „Praia da Concha“. So richtig genießen konnten wir die ausgelassene Beachstimmung nun aber nicht mehr. Die Kulisse mit den überdrehten Menschen nervte zusehends. Einen schönen Augenblick gab es dennoch. Als wir auf die Mole gingen, sahen wir eine riesige Meeresschildkröte durchs Wasser gleiten. Die hatte sich wohl leider im Ort geirrt! Der Tag dümpelte vor sich hin und in der Nacht freuten wir uns bereits auf neue, entspanntere Erlebnisse auf unserer Reise durch den Norden Brasiliens.
Itacare 2
Ungewöhnlich früh standen wir auf. Sylvie kaufte Frühstück aus dem Minimarkt während ich die Bustickets holte damit wir keine weitere Zeit verschwenden mussten. Während der Fahrt atmeten wir mehrmals tief durch und genossen die beeindruckend schöne Landschaft. Auf Schotter- und Sandpisten fuhren wir durch tropische Regenwälder, entlang an malerischen Flüssen, sahen spektakuläre Wasserfälle und äußerst idyllisch wirkende Käffer. Ein bisschen ärgerten wir uns nun sogar, dass wir noch immer keinen Reiseführer besaßen, denn hier hätte sich sicherlich ein kurzer Zwischenstopp gelohnt.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update

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“90 Minuten” in der Friedrichshainer Chronik

11. September 2012 | von | Kategorie: Blog

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In der Online-Ausgabe der Friedrichshainer Chronikkann man nun auch einen Auszug aus meinem Buch “90 Minuten Südamerika” lesen. Auszug:

…die Oberbaumbrücke zwischen den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg symbolisiert in diesen Tagen im Sommer 1990 für meine Freunde und mich grenzenlose Freiheit. 28 Jahre lang war es DDR-Bürgern nahezu unmöglich gewesen, über sie in den Westen zu gelangen. Kurz nach dem Mauerfall hatten wir sie für uns entdeckt. Hoch oben auf den verfallenen Stümpfen der Türme haben wir einen phantastischen Blick über die Spree, bis hin zum Hotel »Stadt Berlin« und dem Fernsehturm. Wir können die neugierigen Menschen aus Richtung Friedrichshain kommend und gleichzeitig das bunte Treiben in Kreuzberg beobachten. Der Sonnenuntergang, über dem sich verändernden Berlin, ist hier der schönste in meiner Stadt. Es ist ein magischer Ort.

Zum Weiterlesen

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Tobias Gürteltier – WM-Maskottchen 2014

10. September 2012 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

Tobias GürteltierWie lautete die Widmung in meinem (2011 erschienenen) Buch “90 Minuten Südamerika”?
Richtig: “Du lebst nur einmal. Alles was zählt, ist das Jetzt und Hier. Genieße den Augenblick Tobias Gürteltier!” .
Immerhin ist dies schon meine dritte richtige Vorhersage im Werk:
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1. Deutschland wird nicht Frauenfußball-Weltmeister 2011
2. Spanien wird Fußball-Europameister in Polen und der Ukraine 2012
3. Ein gütiges Gürteltier wird 2013 zum Maskottchen der WM gekürt
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Womit bewiesen ist:
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4. Deutschland wird Fußball-Weltmeister 2014

Wir sehen uns!
Mark S.

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Meine Schwarz-Rot-Gold-Trilogie

10. Juli 2012 | von | Kategorie: Aktuelles

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Mit dem Buch “Alles ganz simpel” ist meine Trilogie endlich vollständig. Nunmehr werden drei Generationen vor, während und nach dem Mauerfall literarisch eingefangen.

Nach meinem Werk “Mauergewinner”, welches – nicht nur wegen der Auszüge bei Spiegel Online – noch immer gelesen wird, war ich natürlich besonders nervös gewesen, wie der Fußball- und Reiseroman „90 Minuten Südamerika“ beim Leser ankommt.
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Ich hatte das Buch in einer guten Schreibphase verfasst und für mich ging es dabei – obwohl ich das nie zugeben würde – um viel. Entweder: „Das war´s dann wohl mit der Schreiberei“, oder „na siehst du, es geht doch.“
Es ging! Nachdem die freundlich gemeinten Lobhudelein aus dem Freundes- und Bekanntenkreis durch waren, flatterten die ersten Rezensionen ein, und derer nicht zu wenig. Eigentlich möchte ich hier keine Zeitschrift explizit erwähnen, aber dass mein Buch bei 11freunde sehr gut wegkam, war schon saucool.
Etliche, mir vormals größtenteils unbekannte Fußball- und Reisemagazine haben (manchmal auch kritisch) über die „90 Minuten“ berichtet und selbst SPON veröffentlichte wieder eine Leseprobe. Bei Fritten, Fußball und Bier gibt es mittlerweile sogar eine Rubrik unter dem Namen „Schepperts Weltreise“.
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Mein drittes Werk „Alles ganz simpel“ ging dann auch leichter (fast simpel) von der Hand. Im Prinzip ist es ja nur durch den Tod meines Vaters entstanden, da ich mich in der Zeit danach viel mit meinem Opa unterhalten hatte. Insofern ein Glücksfall, denn wer hat schon einen (noch so fitten) 86jährigen Großvater der zudem so viel erlebt hat? Sehr schön war übrigens auch, dass die Aufzeichnungen dazu bei etlichen kühlen Bieren im Paule in Biesdorf entstanden sind – das nenne ich dann mal Schriftstellerleben!
Die Zielgruppe war zwar hier nicht so richtig greifbar, dennoch wurde das Buch in der lokalen Presse bisher ganz gut besprochen und besonders unsere erste gemeinsame Lesung war der Knaller. Volles Haus und richtig gute Stimmung. Heute bin ich froh, dass ich mir die Zeit genommen habe, seine Geschichte niederzuschreiben.
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Parallel dazu entwickelte sich unsere Lesebühne „Die Unerhörten“ nach ein paar Störfeuern prima. Wir hatten erstmals unzählige „Auswärtsspiele“ in anderen Stadtteilen, waren zu Lesungen und im Radio eingeladen. Außerdem gehören wir zu den Nominierten für die Beste Lesebühne Berlins 2011 und treten regelmäßig einzeln in der Feuerwache in der Studiobühne Friedrichshain auf.
Im Mai 2012 erschien unsere erste Kurzgeschichtensammlung unter dem Titel Süß-Sauer bis Schaf.

Hört sich alles toll an, oder? Okay, um ehrlich zu sein: leben kann ich davon nicht – auch wenn der eine oder andere eines meiner Bücher für sich, die Oma, Mutti oder den liebenswerten Freund bei Amazonien oder im Buchhandel bestellt.

Aber die unzähligen positiven Reaktionen haben mir Mut gemacht, in irgendeiner Form weiterzumachen.
Wie, wann und was werde ich noch sehen.

In diesem Sinne
Lasst es scheppern!

Mark S.

(Nachtrag 1: Zu “90 Minuten” habe ich 2012 sogar noch ein Ebook als Nachtrag veröffentlicht: 90 Minuten Update – Was bis zur Fußball-WM 2014 geschah)

(Nachtrag 2: Den “Mauergewinner” gibt es auch in Englisch als “Generation Wall”)

(Nachtrag 3: Douglas Adams sagte einmal in etwa: “Jede gute Trilogie hat mindestens vier Bände!”)

Frühcafé-Talk mit Mark Scheppert (24.01.2012) – TV Berlin Video
Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft. Die Gründung und den Aufbau der DDR vom Mauerbau bis zum Mauerfall. All das hat Horst Schubert miterlebt und später seinem Enkel erzählt. Unter einem Pseudonym verfasste dieser das Buch „Alles ganz simpel“ um den Weg vom Hitlerjungen in Schlesien bis hin zum Alterspräsidenten der Linken in Marzahn-Hellersdorf zusammenzufassen. Heute morgen ist der Autor Mark Scheppert zu Gast.

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