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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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So muss auswärts! Borussia Dortmund gegen Union Berlin

1. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

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Warum ich am 26.10.2016 zum Spiel zwischen Dortmund und Union gefahren bin? Weil ich noch nie im Westfalen-Stadion war. Weil ich mit dieser Truppe schon immer mal ein Auswärtsspiel sehen wollte. Weil ich Fußballfan bin!

Im Prinzip wurde in den Medien längst ausführlich über das Match berichtet und da ich hier eh keine Bilder von den Jungs veröffentlichen will, da ich nicht weiß, ob sie unbedingt im Internet abgebildet werden wollen (obwohl es keine bösen Buben sind & sogar die 18jährige Tochter von B. mit dabei war), schreibe ich auch keine Hymne auf die epische Stimmung – sondern stelle lediglich drei kurze Videos ein. Eine Sache jedoch noch: All die Geschichten der Jungs, die zum Teil schon seit 1984 mit Union auf Reisen gehen, müssen wahr sein – solch lustige aber auch kranke Erlebnisse kann man nicht erfinden. Ich habe sie diesmal leibhaftig erlebt.
Ein anderer Freund schrieb mir kurz danach: “So muss auswärts!” Damit ist eigentlich alles gesagt …
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Hier geht’s zu meinen neuen Fußballgeschichten
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Und nun die drei Bewegtbilder:
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Genosse Gehorsam – aus dem Buch “Leninplatz”

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

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Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen meine Freunde seit einiger Zeit „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht. Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Hof schüchtern in die Reihen der entscheidenden Leute schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, der den nächsten Brüller raushaut. Bei ihm zu Hause herrscht nämlich Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat er dauerhaften Stubenarrest. Niemals darf er abends noch runter, stets wird er durch den grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters um 18 Uhr nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb weniger Sekunden im Hauseingang verschwunden. Manchmal frage ich mich, wie viele Tage er schon unglücklich in seinem Zimmer herumlungern musste.

In der großen Mittagspause am 12. Juni 1986 stehen wir in der Raucherecke. Tessi bietet mir lässig eine Kippe an. Wie gewohnt, hat er seine Cabinet-Zigaretten in eine Camel-Schachtel umgefüllt und wieder einmal wundere ich mich, dass die gelbe Schachtel noch immer wie neu aussieht. Warum tut er eigentlich vor uns so, als ob er Westzigaretten rauchen würde? Das ist doch albern. Wir stellen uns zu Andi, Bergi und Bommel, paffen gemeinsam dicke Rauchschwaden in die Luft und schauen hinüber zu Lars. Der steht allein, etwa zehn Meter entfernt, am Zaun und kaut mürrisch auf einer mitgebrachten Stulle herum.
Nein, er ist kein besonders großer Streber (ich habe bessere Noten), ist weder zu dick noch zu klein (Tessi ist eine Tonne und Bommel ein Zwerg), aber Lars hat sich vor drei Wochen für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee verpflichtet. Das kann und will selbst in unserer Vorzeigeschule niemand verstehen. Bei uns darf man sich Einiges leisten, ohne dafür Prügel oder Häme von der Clique zu beziehen, doch 25 Jahre NVA gelten auch hier als größtmögliche Arschkriecherleistung. Wir reagieren darauf so, wie es Schüler in unserem Alter nun mal tun: Niemand von uns will irgendwas mit ihm zu tun haben.

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Tessi deutet mit Kippe in der Hand zu ihm hinüber und pöbelt: „Jetzt wird der Idiot sicher auch noch Gruppenführer im GST-Lager.” Plötzlich hören wir ein lautes „Platsch!” und beobachten, wie Lars erschreckt zusammenzuckt und sich dabei fast an seiner Stulle verschluckt. Aus etwa zehn Metern Höhe hat ihm eine dort oben grölende Möwe direkt auf den Kopf gekackt.
Es ist das Bild des Jahres 1986. Bommel liegt heulend vor Lachen auf dem Boden und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!”, während Lars wie angewurzelt dasteht und wahrscheinlich gerade spürt, wie sich der grünlich-graue Möwenschiss verflüssigt und über seinen Hals auf die Schultern des Nikis hinunter tröpfelt. Dicke Tränen kullern ihm über die Wangen.
In der Raucherecke gibt es kein Halten mehr. Ich bilde mir ein, dass wir noch nie so herzhaft gelacht haben. Mit feuchten Augen biete ich Tessi eine Cabinet aus meiner Cabinet-Schachtel an. Plötzlich kommt Torsten angelaufen und fragt trocken: „War das vielleicht eine Lachmöwe?“ Bommel, der das hört, bekommt seinen nächsten Anfall und steckt uns alle von neuem an. Heulend zieht Lars von dannen.

Der restliche Schultag ist nicht so spektakulär – bis auf die letzte Stunde. Tessi hatte im Schlafzimmer seines Alten in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und es in Physik heimlich herumgereicht. Beim Blick auf – und in – das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Großaufnahme muss ich fast kotzen. Bommel lässt die Sache beinahe auffliegen, weil er beim Blättern in den glänzenden Seiten zunächst dunkelrot anläuft, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllt: „Was für eine riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullern.


Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas intensiver widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kenne ich bisher nur aus Mosaik-Heften, und eine Frau in dem Hochglanzmagazin sieht aus wie Andis Mutter.
Tessi ist verschwunden, doch über Dirk, der immer weiß, wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert sich durch Seiten voller Ekelkram. Ich krieche hocherfreut dazu.
Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf die versauten Bilderrätsel. Plötzlich steht Torsten am Ende der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel im Funzellicht, während Tessi hektisch das Heft in seinem Koffer verstaut und aus der Röhre robbt. Wir treten ins Freie. „Kommt, lasst uns klauen gehen“, murmelt Bergi konsterniert.
„Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du bei Mutti petzt, kriegst du auf die Fresse“, keift Bommel, da er noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Kaufhalle dabei gewesen ist. Torsten ist der Sohn eines ständig in einem kackbraunen ASV-Trainingsanzug herumlaufenden, strengen NVA-Offiziers und einer äußerst ängstlichen Mutter.
Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Astrid davor, die sich uns anschließt. Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit KaLi (Kaffee-Likör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, jeder eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.

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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit dann seelenruhig zum Ausgang.
Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein kuhler Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu. „Und jetzt mit Fassbrause die Birne wegschießen?“, frage ich. Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat – Torsten hat sogar eine schwer zu klauende Falkner-Whisky Pulle eingesackt – im Alfclub mit Hochprozentigem begießen müssen.

Doch Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive seines Heftes), Assi folgt wenig später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt mich: „Noch schnell ein Telefonstreich bei dir?“ – „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny bäuchlings auf der Couch, fummelt an seinem roten Tresor aus Plaste wie Egon Olsen herum und schaut nebenbei die Schlümpfe in der ARD. Andi klingelt an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und fragte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“ – „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“ So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Auslegeware. „Klärgrube, ich dreh durch!“

Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Andi schnappte sich sofort den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein reiner Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel.
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. Doch so machte das keinen Spaß. Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Karsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen.
Danach gingen meine Freunde, denen unser Lehrer, Herr Schönlein, stets jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass fantastische Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Anne Gurgel gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Brüderlein dabei waren, denn die lachten mit einer derart kindlichen Naivität oftmals minutenlang. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja gar kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Ein typischer Kugelwitz. Keine Ecke zum Lachen.
Als Bergi noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul?“, musste ich alle bremsen, bevor noch unser angesoffener Nachbar Voss erschien und fragte, was wir hier eigentlich treiben. Als dann der Wäschemann von Rewatex unten klingelte, beendete ich die Veranstaltung.

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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen Tessis Heft im Kopf herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss), ich suche einen Bruce Twarze und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ – „Kriegst ja ‘n Harten!“ Der zieht und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene.
Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem da auch nichts Neues ein.
Plötzlich ruft er: „Hat mal jemand die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen?‘, frage ich mich. Er schnappt sich das graue Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang – bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“
„Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals von einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Flade aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingstraße. Sie wurden soeben angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen bei uns vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang!“
Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, sagte ich, oder es erwarten Sie ernsthafte Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ All meine Freunde beginnen zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte, Scheppi, ich habe drei Tage sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist. Heute wollte ich auch mal ein bisschen Spaß haben.“

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fenstersims reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich zusammen das Pornoheft angeglotzt!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, dass er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht.

Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits eifrig. „Was machst du denn hier?“, fragt Bommel. Er sieht aus, als ob er sich gleich vor Lachen in seine abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich auch fegen soll“. Astrid läuft puterrot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Jahres. Bommel quiekt: „Ich kann nicht mehr“, während Astrid: „Ihr geht mir echt auf die Klöten“, schnauzt, obwohl ihr dafür leider die Voraussetzungen fehlen, was Bergi ihr sicherlich gleich mitteilen wird.
Bommel biegt sich derweil noch immer vor Freude, sodass Assi schließlich gegen ihren Willen auch grinsen muss. In diesem Moment kommt der echte Kaufhallen-Leiter Flade in einem versifften Dedoron-Kittel herausgestürmt und brüllt: „Was ist hier los? Verpisst euch, ihr Penner!“

Wir zischen ab und Tessi murmelt: „Der Typ heißt bestimmt Sigmund Jähn?“ „Warum?“ frage ich, obwohl ich den Witz schon kenne. „Er kennt sich mit leeren Räumen aus.“ Bommel quiekt dennoch wie ein Viertklässler.
Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Astrid und sagt dann: „Ey Assi, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt geschockt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem Finger unter die Nase und ruft: „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wird Torsten in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schließe ich den Alfclub auf und wenig später verlagern wir die Veranstaltung – inklusive einiger Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelt sich eine legendäre Party, von der ich nichts berichten darf, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und kindlichen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen (und beinahe seine Unschuld). Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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Magisches Dreieck bei “Fritten, Fussball & Bier” – Jugend in der DDR

24. April 2014 | von | Kategorie: Blog

Triangel“Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden! Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!

Zum einen fand dieses Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel 1974 verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang haben sich im von uns so genannten “Scheppert-Eck” Mollstraße / Ecke Hans-Beimler-Straße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die BRD wurde Weltmeister und ich – trotz allem – zum Fußballfan.

Mein Berlin hatte zwei Mannschaften zu dieser Zeit: Union Berlin und den BFC Dynamo. Wir wohnten in Friedrichshain, und da war es zu Union nach Köpenick in Kinderaugen genauso weit wie nach Magdeburg oder Halle. Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg hingegen war gleich um die Ecke – also wurde ich weinrot-weiß Dynamo.

Ich war noch sehr klein und wusste nicht, welchen zweifelhaften Ruf meine Mannschaft in unserer Republik besaß. Wahrscheinlich haben mich Sprüche der Gästefans wie: „Ihr bekackten Mielke-Stasi-Arschlöscher-Bonzen!“ in diesem Alter nur verwirrt. Es war eine Frage der sozialistischen Ideologie: BFC-Fan hieß, man war dafür, Unioner waren dagegen. Egal – ich hatte ein Team, das ständig gewann!”
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Hier gehts zum Weiterlesen bei: Fritten, Fussball & Bier

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