Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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