Das schnellste Faultier der Welt – WM 2014

7. März 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

2014-06-25 13.42.56Aua! Am nächsten Morgen geht es mir gar nicht gut. Sylvie weckt uns rabiat: „Steht auf ihr versoffenen Ärsche“, ruft sie grimmig. „In einer halben Stunde müssen wir aus dem Zimmer sein“. Dann ist es 11 Uhr. Nach nur vier Stunden Schlaf. „Außerdem fahre ich jetzt mit den anderen an den Strand und will euch bis 16 Uhr nicht mehr sehen. Ihr seid ja vielleicht zwei Kranke!“ Wir hatten bei unserer Rückkehr wohl ziemlich randaliert und sie mehrfach euphorisch aufgefordert, mitzufeiern – erfahre ich am Nachmittag, als sich die Wogen allmählich wieder geglättet haben.
Bis dahin esse ich mit rebellierendem Magen 120 Gramm leichte Kost in einem Kilo-Restaurant und lungere mit Erni im Schatten einer Palme am Stadtstrand herum, wenngleich mir auch dabei am Schädel fast die Schläfen platzen. Zudem habe ich mir beim nächtlichen Gekicke dicke Beine und zahlreiche Blasen erlaufen. Klassischer Suff-Kater, den man nur mit einem Konterbier lindern kann. Könnte.
Eine Sache ist trotz Vernebelung klar: Ich werde nicht allein nach Recife fahren, auch um meine Beziehung nicht wegen einer schnöden Fußballpartie aufs Spiel zu setzen. Zum einen ist dies unser gemeinsamer Jahresurlaub und außerdem fliegen wir in den tropischen Regenwald, an einen Ort, der an den schönsten Fluss-Stränden der Welt liegen soll. Auf der in Prospekten angepriesenen Ilha do Amor (Insel der Liebe) will ich auch meine wieder auffrischen.
In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies keine Reisereportagen seien. Doch wenn jemand statt zum WM-Spiel zwischen den USA und Deutschland in einen Wald an einem großen Fluss reist, um lieber darüber zu berichten, kann er seine Storys vielleicht auch irgendwann so nennen.
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Als wir um 19 Uhr abheben, dämmere ich weg und weiß, dass ich den ätzenden Tag heil überstanden habe. Falsch gedacht! Wir befinden uns nämlich in einer Art „Lumpensammler-Flug“, der auf dem Weg von Fortaleza nach Santarem zweimal zwischenlandet. Nach einer Stunde geht es bereits in den Sinkflug. Kurz bevor die klapprige Maschine (das Fahrwerk ist längst ausgefahren) den Boden berührt, gibt es einen ohrenbetäubenden Krach. Die zwei Düsen werden erneut angeschmissen und der Pilot startet durch. Ob es an meiner Müdigkeit liegt, mag ich nicht beurteilen, denn ich bleibe relativ ruhig, obwohl die Maschine nun regelrecht bebt und fast den Tower von São Luís streift. Vielleicht verspüre ich erstmals, dass der Tod allmählich seinen Schrecken verliert, wenn man schon so viele Jahre bewusst gelebt hat. Beim zweiten Versuch setzt die Todesangst wieder ein – so weltverliebt bin ich dann schon. Ich nehme Sylvies Hand in meine verschwitze. Sie schenkt mir ein herzzerreißendes Lächeln. Da ist nach den vielen gemeinsamen Jahren noch immer dieses Gefühl, so verliebt zu sein, dass einem die Oberschenkel schlottern.
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Nach einem weiteren wackeligen Zwischenstopp in Belem erreichen wir den Mini-Flughafen von Santarem mit zwei Stunden Verspätung um 2 Uhr nachts. Ich will nur noch pennen. Mein Rucksack ist der erste auf dem Band. Ich gehe hinaus, um eine zu paffen. Vor dem Empfangskiosk steht ein einziges Auto. Vor diesem wartet ein rundlicher Mann mit einem Schild vor der Brust. Darauf steht: „Sylvie“. Ein Wunder! Während der halsbrecherischen, dreißigminütigen Fahrt, die wir keineswegs in völliger Finsternis durch den Urwald hätten laufen können, erzählt sie ganz nebenbei, dass sie auf der Landebahn von Belem eine Nachricht an das Hotel gesandt hatte, damit die einen Fahrer senden. Wunderbare Frau!
In der Pousada do Mingote werden wir tatsächlich noch erwartet und die erste Nacht nimmt einen unerwarteten Verlauf, da es Erni nach nur fünf Minuten gelingt, das Klo (im Zimmer von Danny und Jenna) zu verstopfen, was eine Bergungsaktion mittels Kleiderbügeln, heißem Wasser, Fäusten und dann per Pümmel (uns fehlte das portugiesische Wort) durch eine angepisste Angestellte nach sich zieht. Derweil trinken wir dann doch mal ein Ankommens-Bier im tropischen Amazonien. Erst 4 Uhr nachts liegen wir in unseren Fallen. Endlich schlafen.
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Am Morgen erwachen wir zu unterschiedlichen Zeiten, erleben aber beim Betreten der Dachterrasse in etwa das gleiche Szenario. Es sind sonnige 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit und direkt unter uns befindet sich ein farbenfrohes Plätzchen. Die tropischen Bäume ringsherum sind mit Brasilien-Wimpeln und Fahnen geschmückt, so als fände die WM in diesem Urwaldkaff und nicht in Rio, Sao Paulo und Fortaleza statt. Auf einem der Bäume wohnt zudem ein fetter, graugrüner Leguan. Zur linken ist der Rio Tapajós (einer der größten Nebenflüsse des Amazonas) nicht zu übersehen und rechterhand befindet sich der Lago Verde (Grüner See) mit seiner berühmten Liebesinsel. Befände (!), denn diese fehlt im Bild. Noch schlimmer: Es sind überhaupt keine Sandstrände und eben auch kein paradiesisches Eiland zu sehen. Lediglich die Spitzen einiger schilfbedeckter Restaurants ragen aus dem Wasser und selbst die nahegelegene Strandpromenade ist total überflutet. Autsch! Wir sind zur falschen Jahreszeit gekommen.
Was macht man in so einer beschissenen Situation ohne Badestelle und Pool, wenn der Stern von oben erbarmungslos knallt? Falsch, nicht sinnlos saufen! Ich spüre Sylvies Bereitschaft zur Hingabe und im Bett finden wir dann endlich die gesuchte Liebesinsel. Ein Statement, denn erst kurz vor 17 Uhr wird Bier vor einer Leinwand inmitten von 80 hibbeligen Dorfbewohnern geordert. Brasilien spielt gegen Kamerun – und muss gewinnen, damit es nicht peinlich wird. Die Atmosphäre erinnert mich stark an die WM 2006, die wir ja ebenso als Gäste in diesem Land verbracht hatten. Wie damals sind die Kneipen und Bars nur dann rappelvoll, wenn die Selesao spielt oder schnulzige Telenovelas laufen.
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Auch heute legen die Einheimischen den Schalter augenblicklich um und drehen durch als gebe es kein Morgen. Sogar diese spöttische Siegesgewissheit ist nach etlichen titellosen Jahren und bisher mäßigen WM-Ergebnissen geblieben. „Wir holen den Titel nach Hause, keine Frage“, geben uns alle schulterzuckend zu verstehen. Ihr Lieblingsgegner im Finale wäre Uruguay, da sie mit denen noch ein uraltes Hühnchen zu rupfen hätten.
In Alter do Chao treffen wir nur einen melancholischen Portugiesen namens Joao. Ansonsten sind wir hier die einzigen ausländischen Touristen, denn eines hatte ich – neben der fehlenden Hochwasserinformation – nicht bedacht: Wer macht gerade schon Urlaub in diesem Land abseits der Spielorte? Niemand. Alle Hotels sind stark unterbelegt. Böller explodieren, Raketen steigen in die Luft – das Spiel beginnt.
Um es kurz zu machen: Brasilien gewinnt locker mit 4:1 und wird als Gruppensieger auf Chile im Achtelfinale treffen. Allerdings fehlen mir beim Heimteam irgendwie der Spielwitz und die Leichtigkeit, um auch mich das glauben zu lassen. Lediglich der Doppeltorschütze Neymar ist einer, der an die glorreichen Zeiten erinnert. Mit Fred, Hulk und Co. haben sie diesmal eher Stolper-Marios und Kampfmaschinen in ihrem Team. Joao behauptet sogar, dass der extrovertierte Scolari das schlechte WM-Team seit 60 Jahren zusammengestellt hat, das nie und nimmer den Titel holen wird. „Hoffentlich fliegen die bald raus“, ruft er nicht ohne Kolonialmacht-Häme, was ich aufgrund der dann fehlenden Stimmung, nicht unbedingt herbeisehne. Fiese Böller explodieren, Leuchtraketen steigen in die Luft, ein frenetischer Kleinstadt-Mob zieht fahnenschenkend um den Hauptplatz – das Nachspiel beginnt.
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Warum mache ich eigentlich zum zehnten Mal eine Dschungeltour in Südamerika, obwohl sich die Abläufe fast immer gleichen? Die Antwort ist simpel: man taucht sofort in eine andere Welt ein. Der tropische Regenwald steht im krassen Gegensatz zu meinem intensiven Großstadtleben und Arbeitsalltag. Augenblicklich verspüre ich auf diesen Trips keinerlei Hektik, Gestank und Zivilisationsmief mehr.
Heute tuckern wir zusammen mit Joao und Führer Pepe auf dem spiegelglatten Lago Verde herum und holen uns schnell feuchte Schwitzränder in den Achseln bevor wir in ein schmales Kanu mit erheblichen Tiefgang wechseln und in ein Kanalsystem abbiegen. Wir sitzen hintereinander und immer, wenn sich einer in der Nussschale bewegt, schwappt Wasser über die Kanten. An einigen Stellen ist das Geäst so dicht, dass wir durch Mangroven-Tunnel hindurchstaken müssen. Bäume neigen sich über den Fluss. Zudem gibt es überall stachelige Dornen-Palmen und Schnittgräser, die auf Danny und Erni eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Sie bluten schon bald aus etlichen Rissen an Händen und Armen. In den Wäldern herrscht unfassbare Stille, obwohl wir uns in einem Gebiet befinden, in dem es eine Million verschiedener Insektenarten geben soll. Als wir die Waldesruhe verlassen, wird uns sofort wieder die atemberaubende Farbenvielfalt Brasiliens um die Ohren gehauen. Pepe erklärt in holprigem Englisch, dass im Amazonasbecken etwa ein Viertel der weltweit vorkommenden Pflanzen und Tiere ihr Zuhause haben, wobei uns die allermeisten Spezies verborgen bleiben. Zumindest entdecken wir sonnentankende Schildkröten, blaue Frösche, grüne Echsen und unzählige schwarz-gelbe Dynamo-Dresden-BVB-Vögel. Die ersten Stunden sitze ich fast wortlos im Kanu und nur das Gezwitscher und Zoomgeräusche einer Kamera durchbrechen die atmosphärische Stille. Bis das Handy des Führers läutet. Mobiltelefone sind doch Scheiße mitten im Regenwald!
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Wir steigen auf ein Motorboot um und fahren den gigantischen Rio Tapajos in Ufernähe entlang. Der grünblau schimmernde Fluss könnte auch ein Meer sein. An einigen Stellen ist er mit 12 Kilometern breiter als der Amazonas. Die Mittagspause sollte eigentlich ein Badevergnügen beinhalten, aber der (angeblich) feinkörnige Sandstrand ist hier nur auf den käuflich zu erwerbenden Postkarten vorhanden. Das Wasser ist dennoch glasklar, aber so richtig traut sich keiner hinein.
Danach queren wir den riesigen Strom und erleben ein nächstes Wunder der Natur. Es sind heute 32 Grad Celsius bei 80 % Luftfeuchtigkeit. Doch kaum hat Pepe den Motor angeworfen, beginnen wir tatsächlich zu frieren. Wind und Wellen nehmen stetig zu und der Himmel öffnet, aus urplötzlich aufgetauchten dunklen Wolken, seine dicktropfigen Regenwald-Schleusen. Zusätzlich – das Boot ist erstaunlich schnell (und unbequem) – schwappen uns Gischt-Fontänen ununterbrochen auf die Schenkel. Sylvie und Danny am Bug zittern wie Espenlaub und wickeln sich bibbernd in Badehandtücher ein, die nun doch noch einen Nutzen finden.
Als wir endlich ein Gebiet, mit durch das Hochwasser entstandenen Inseln erreichen, steht die Sonne wieder hoch am Himmel und lässt die Wasseroberfläche silbrig glitzern. Das Nass in den Klamotten verdampft in Minuten. Um uns herum bedecken nun hunderte grüne Teller, manche mit einem Durchmesser von fast zwei Metern, das Gewässer. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten der Amazonas-Seerose. Gleichzeitig erleben wir eine gigantische Vogelschau. Ornithologen würden einen Herzkasper kriegen, denn so viele Wasser-, See-, Greif- und Singvögeln habe ich noch nie zuvor auf einem Flecken gesichtet. Langsam gehen mir auf Reisen die Superlative aus. Auch mehrere der fast urzeitlich wirkenden Hoatzins (Stinkvögel), mit roten Augen und wilden Hauben auf dem Kopf, sehe ich erstmals im Leben.
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Mitten in diesen Lagunen erreichen wir ein Haus auf Stelzen, welches dort wie ein Ufo aus den Fluten ragt. Dort, am Arsch der Welt, wohnt ein altes, zivilisationsmüdes Ehepaar. In „Normalzeiten“ steht ihre Behausung, wie die Kirche gegenüber (von der nur das Kreuz aus dem Wasser ragt) auf einer Insel mit festem Grund. Doch momentan leben die wunderlichen Greise inmitten einer Seenlandschaft und das nächste bewohnte Haus ist weit entfernt. Der Alte plappert sofort drauflos, während Pepe übersetzt. Seit über 40 Jahren leben sie nun schon glücklich und zufrieden hier draußen am Fluss und haben es noch nicht einmal bereut, der restlichen Menschheit „Adeus“ gesagt zu haben.
Das Gebiet um die Hütte befindet sich durch die Flut in einer Mischwasser-Zone mit einer großen Piranha-Population. Im klaren Rio Tapojos kommen die aggressiven Fieslinge sonst eher selten vor. Besonders an der überschwemmten Jesuiten-Kirche wären die rotbauchigen Aasfresser gerade in regelrechten Schwärmen unterwegs. Das rustikale Wohnhaus des Ehepaares ist daher per wackeliger Holzstege mit Schuppen und Hühnerstall verbunden. Ihre eierlegendes Hennen und der ulkig rülpsende Hund würde sonst schnell von unten angeknabbert werden. Vermuten wir.
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Auch zur Toilette, deren Abfluss direkt in den See führt, gelangt man nur über solch ein schmales Brett. Sylvie muss mal und balanciert mit wackeligen Knien hinüber. Wir nippen derweil an gereichtem Tee. „Aus welchem Wasser ist der denn gebrüht?”, murmelt Jenna, während ich dem vielstimmigen Vogelkonzert lausche – bis es hinter uns mit lautem Getöse „Platsch“ macht. Eine weibliche Stimme brüllt: „Ist doch Kacke!“ Den Rückweg hatte Sylvie dann doch nicht gepackt. Die Szene hat Wucht, denn sie schwimmt in der Fisch- und Klobrühe unterhalb des Stegs und schimpft wie ein Rohrspatz. Aber nicht über die „Süßwasser-Hyänen“, die sie wahrscheinlich gerade von unten begutachten, sondern über die Tatsache, dass sie heute bereits ein zweites Mal klitschnass geworden ist.
Ich greife ihre Hand und hole sie mit einem Ruck zurück auf den Anleger. „Sind ja noch alle Zehen dran“, rufe ich beim Betrachten der kleinen Füße. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich tot, doch als ich sie umarme, lächelt sie und flüstert: „Mal sehen, ob wir in 30 Jahren auch noch so glücklich, wie die Alten zusammen sind.“ „Die streiten bestimmt ganz fürchterlich sobald wir die Hütte verlassen haben“, antworte ich und weiß wieder einmal, dass Sylvie die End-Richtige ist.
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Ein bisschen sind Opa und Oma dann doch an den Tourismus angewiesen, denn mit ihrem Kahn, der diesen Booten im Spreewald gleicht, stakt uns Pepe in den stark zu gewucherten Regenwald auf der Suche nach Preguiças oder Sloths, wobei wir weder das portugiesische noch englische Wort übersetzen können – das macht die Sache spannend. Ich war eigentlich der Meinung, in Südamerika schon alle spektakulären Tiere gesehen zu haben, seien es Lamas, Pinguine, Gürteltiere, Ameisenbären, Tukane, Tapire, Kondore, Brüllaffen, Riesenotter, Kaimane, Pumas, Schlangen, Spinnen und so weiter. Sogar seltene Arten wie Rosa-Flussdelfine, hyazinthfarbene Aras und ein Jaguar stehen auf meiner Lebensliste. Doch als ich das zottelige Wollknäul heute das erste Mal sehe, weiß ich, dass eine Spezies bisher noch fehlte: das Faultier. In den Baumkronen über uns entdecken wir bald etliche dieser, sich nur in Super-Zeitlupe bewegenden Viecher kopfunter. Eines hält sogar ein faules Baby mit seinen drei Krallen am Körper fest. Filmaufnahmen sehen nun aus wie Standbilder und lediglich die wehenden Zweige zeugen davon, dass dem nicht so ist. Dennoch fantastisch, da die Tiere mit ihren kleinen, runden Köpfen und den Popper- oder Topfschnitt-Frisuren fast menschlich Züge haben.
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Zurück bei den Aussteigern sehen wir, dass sie sich mittlerweile diesem Tempo angepasst haben. Beide liegen schnarchend in einer Hängematte. Pepe legt Geld für den Boot-Verleih in eine Schale und fährt uns zurück auf den Fluss. Unser letzter Stopp soll ein Spot im „Floresta Nacional do Tapajos“ (Nationalpark) sein, von dem wir mit Herrscherblick den Sonnenuntergang beobachten wollen. Nach einer Stunde würgt Pepe den Motor ab und wenige Zeit später fällt dieser komplett aus. Kein Problem, da wir in Ufernähe sind und per Paddel schnell an jenes gelangen. Allerdings befinden wir uns nun weit von Alter do Chao entfernt, erklärt Pepe und zückt sein Smartphone. Wie krass: noch vor wenigen Jahren wären wir hier hilflos gestrandet und nun (es gibt in der Nähe sogar einen Funk-Mast) plappert unser Führer munter drauflos. Kompliziert wird es dennoch. Joao übersetzt, dass uns heute kein anderes Boot mehr abholen wird. Wir könnten entweder in finsterer Nacht drei Stunden durch den Dschungel zurücklaufen oder in einem in der Nähe befindlichen Indio-Dorf übernachten. Bei der Abstimmung zeigt sich, wer die Mädchen in unserer Truppe sind (eher die Jungs). Fuck! Das alles erinnert mich extrem an ein Dover-Konzert. Erst alles Scheiße, dann alles himmelhöllengut. Eine Mehrheit einigt sich diesmals aufs Dschungelcamp.

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Das 20 Minuten entfernte Urwalddorf ist jedoch keine Ansammlung von Stroh-Hütten vor denen halbnackte Bewohner mit Speeren um ein Lagerfeuer tanzen, sondern ein Ort mit Holzhäusern am Fluss, das durch eine unbefestigte Straße mit der Außenwelt verbunden ist. Wir sehen Kinder mit Handys und werden von einem Typen, der ein Tablet in der Hand hält, empfangen. Nach einer professionellen Verhandlung können wir für 5,- US-Dollar pro Person seine Gäste sein. In dem gemauerten Zimmer liegen sechs muffige Matratzen mit Bettlaken und es gibt sogar ein annehmbares Plumsklo. Ein bisschen sieht die Sache nun wie arrangiert aus. Nur die dunkeläugigen Kinder in raffiniert geschnittenen Kautschuk-Sandalen, welche uns wie weiße Außerirdische anstarren, erinnern daran, dass diese Zwischen-Übernachtung wohl doch eher Zufall war. Schnell haben sie Vertrauen gefasst und zeigen uns eine dicke Würgeschlange, die sich in der Nähe um einen Plastikstuhl gewunden hat. Mangos, Melonen, Ananas und Stinkfrüchte gedeihen dort. Auch auf den, mit kniehohem Gras überwucherten, Fußballplatz werden wir gelotst und müssen ein paar haltbare Treffer kassieren, um sie kreischend-glücklich zu machen. Es gibt sogar eine wackelige, hölzerne Tribüne, die etwa 12 Dauerkartenbesitzern – oder eben den Dorfältesten – Platz bietet.
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Nach einem scharf-würzigen Mahl aus Reis mit Fleisch, welches niemals Hühnchen ist (Faultierpastete – vermutet Erni) versiegeln wir uns mit Cachaça in einer Open-Air-Bar, die per Generator mit fahlem Licht versorgt wird und einen antiken Billardtisch beherbergt. Insekten zerplatzen knallend an der herunterhängenden Glühbirne. So ist er also, der Dschungel des 21. Jahrhunderts. Versaut? Banal? Unspektakulär? Nein! Wir fühlen uns sauwohl und schlafen trotz unheimlicher Geräusche in diesem Loch von einem Zimmer – mit Spinnen, Kakerlaken und Dreck – wie Steine.
Da wir nun schon mal hier sind, organisiert Pepe einen Einheimischen, der uns auf eine Dschungeltour mitnimmt. Bereits nach wenigen Minuten schlägt er Schneisen in den fast undurchdringlichen Regenwald, damit wir gigantische Bäume mit 10 Meter dicken Stämmen entdecken und an knallbunten Blüten riechen können, die zuvor von anderen Pflanzen überdeckt waren. Manchmal scheint der Boden gar keinen Platz für all diesen Bewuchs zu haben. Die Frauen fotografieren krasse Früchte und Insekten, die es wahrscheinlich nur hier gibt. Der brasilianische Amazonas-Urwald ist botanischer Garten, Restaurant und Apotheke. Und Weltwunder! Als wir eine steile Erhebung erklimmen und den nebeligen Regenwald von oben betrachten, könnte ich heulen vor Lebensglück. Ein Tukan schaut neugierig herüber bevor er abhebt.
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Auf dem Rückweg beginnt es in einem Wolkenbruch so heftig zu schütten, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Donner rollt über uns hinweg. Okay, wir müffeln alle, aber es müssen ja nicht gleich 200-Liter-Eimer über einem ausgegossen werden. Alles was wir anhaben, aber auch das, was sich in den Taschen der Hosen befindet, wird auswring-nass. Mittlerweile rennen wir mit wassergefüllten Schuhen durch den Wald, doch der Indio-Führer ruft uns zurück. In Augenhöhe greift er in einen Strauch und holt ein glitschiges Tier zum Vorschein. Es ist ein Dreifinger-Faultier mit prägnanten Gesichtszügen. Hape 36 (taufen wir ihn später) wedelt bedächtig mit den Armen und grinst dabei unsicher. Sein zottlig-graues Fell, auf dem hunderte kleiner Insekten hausen, scheint regelrecht zu dampfen und schimmert leicht grünlich. Fast sieht es so aus, als ob auch diverse Algenkulturen auf ihm gedeihen. Niemand möchte den lustigen Müßiggänger anfassen oder gar streicheln.

„Achtung, da kommt jemand!“, ruft Danny, und obwohl das nicht stimmt, setzt der Typ das verstörte Vieh zurück in einen Baum. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Kerkeling sprintet den Stamm regelrecht empor.
IMG_6122 Im Verlauf eines Tages bewegen sich Faultiere meist weniger als 36 Meter, wissen wir längst durch Joao. Wir sehen also gerade 20 davon und somit das vermutlich schnellste Faultier der Welt. Gebannt beobachten wir die hektischen Bewegungen, bis dem Spaßvogel wieder einfällt, dass er ja eigentlich ein stoffwechselarmes Zeitlupen-Wesens ist.
Als wir das Dorf erreichen, hört es von einem auf den anderen Moment auf zu regnen und nur wenig später bringt uns Pepe per Ersatzmotor zurück in die Zivilisation, die sich noch immer inmitten des Amazonas-Beckens – also im Nirgendwo – befindet.
Was für eine spektakuläre Welt. Wie unwichtig und unbedeutend eine Fußball-WM doch manchmal sein kann. Ich freue mich schon riesig auf die Achtelfinals!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
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