Alles ganz simpel Leseproben

Tragische Friedensfahrt

18. Juli 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

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Rechtzeitig bevor die “Tour de France 2012” endet noch ein Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”:
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Ich weiß nicht mehr genau, wer im Stadion in Warschau am Start der Friedensfahrt 1956 meine geheimsten Wünsche aussprach: „Der Schur, das ist der Mann, der die reellste Chance hat, die Friedensfahrt zweimal hintereinander zu gewinnen.“

Gustav-Adolf Schur, genannt „Täve“, war der populärste Radrennfahrer in der Geschichte der DDR. Als erster Deutscher gewann er die Straßenrad-WM der Amateure und die Friedensfahrt. Den Gipfel seiner Beliebtheit erreichte Täve, als er als Titelverteidiger und großer Favorit bei der WM 1960 am Sachsenring antrat. Vor heimischem Publikum verzichtete Schur aus taktischen Gründen auf seine Siegchance, um seinen Teamkollegen Bernhard Eckstein zu schützen, der das Rennen schließlich gewann. Unzählige weitere Erfolge, wie die Medaillen bei Olympischen Spiele ließen sich hier aufzählen. In einer nach dem Ende der DDR durchgeführten Umfrage wurde Täve mit fast der Hälfte der Stimmen zum größten DDR-Sportler aller Zeiten gewählt.

Ich hatte den jungen Mann aus Heyrothsberge bei Magdeburg bereits 1953 bei einem Trainingslager in Kienbaum kennen gelernt. Er wirkte auf mich äußerst zuvorkommend und bescheiden. Wenn Täve den Speiseraum betrat, ging er zu den zwanzig Leuten, die dort saßen und sagte jedem freundlich „Guten Tag“. Das war kein Getue, denn bis heute hat sich daran nichts geändert. Zu seinem 80. Geburtstag war ich eingeladen und konnte das mit eigenen Augen beobachten.

Foto: Sportverlag Berlin

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Natürlich las mittlerweile ein ganzes Land hoffnungsfroh unsere Berichte, lauschte am Radio oder verfolgte in Hunderttausender Scharen das Geschehen live an der Rennstrecke. Dennoch musste man abwarten, denn die sowjetischen Fahrer galten als stark, die junge polnische Garde war zu beachten und die erstmals teilnehmenden Italiener waren für viele ein Geheimtipp.
Auf der ersten Etappe „Rund um Warschau“ würde sich zeigen, wer zum Kreise der Favoriten zu rechnen ist. Bis etwa 30 Kilometer vor dem Ziel fuhr das Hauptfeld zusammen. Doch plötzlich bliesen die Italiener zum Sturm. Während alle Augen auf Dino Bruni gerichtet waren, der immerhin den dritten Platz bei der Straßen-WM belegt hatte, trat stattdessen der schwarzhaarige Aurelio Cestari an und ehe man richtig erkannt hatte, was geschah, heftete sich Bruni an dessen Hinterrad. Schnell vergrößerten die Azzurri ihren Vorsprung. Nur ein Quartett machte sich auf die Verfolgung. Darin fuhr ein weiterer Italiener. Auch das schien Teil eines Plans zu sein. Die Ausreißer vereinigten sich zu einer Sechsergruppe und rasten dem Ziel entgegen.

Da vor allem Cestari auf den letzten Kilometern fast ununterbrochen die Führungsarbeit übernahm, opferte er sich damit für den Tagessieger Bruni. Dass er jedoch noch so viel Kraft besaß, um Zweiter zu werden, hatten wir nicht vorhergesehen. Während die Zuschauer begeistert den Sieger feierten, gab es unter den so genannten Experten die einhellige Meinung: Bruni wird diese Friedensfahrt gewinnen. Die wirklichen Fachleute hatten etwas anderes in ihre Blöcke notiert. Stärkster Mann der Italiener: Aurelio Cestari.

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Lodz war das Ziel der zweiten Etappe. Auf den ersten Kilometern wurde gebummelt bis sich schließlich eine siebenköpfige Spitzengruppe bildete – ohne ein blaues Trikot der Italiener und ohne das gelbe des Führenden Bruni. Täve Schur und fünf Begleiter spurteten hinterher und erst jetzt wachten die Italiener auf. Bruni war zu diesem Zeitpunkt durch einen Reifenschaden bereits zurückgefallen, doch der starke Cestari setzte beherzt den Ausreißern nach. Bis kurz vor dem Ziel im Stadion von Lodz war die Spitzengruppe auf etwa 50 Fahrer angewachsen und Täve Schur gewann die Etappe in großer Manier.

Jetzt geschah das Kuriose. Cestari war von den Zielrichtern in der ersten Gruppe der 50 Fahrer glatt übersehen worden. Damals war es noch sehr schwierig mit bloßem Auge und ohne Zeitlupen der Kameras, die Startnummern der Fahrer zu erkennen.
So ging die Meldung über Rundfunk und Telefon in die verschiedenen Länder Europas, dass Täve Schur nicht nur souverän die Etappe gewonnen hatte, sondern nun auch Träger des gelben Trikots wäre. Diese Nachricht wurde von allen Zeitungen, die vor 20 Uhr Redaktionsschluss hatten, auch genauso veröffentlicht. Zwar hatten viele unserem Täve das „Gelbe“ vorausgesagt, doch auf den offiziellen Ergebnislisten erschien am Abend ein anderer Name: Aurelio Cestari!

Cestari verlor auf dem dritten Tagesabschnitt das Trikot, holte es sich aber postwendend auf dem 4. Teilstück zurück. Vor dem Ruhetag auf dem Weg in die DDR hatte er 1:30 Minuten Vorsprung auf Täve, der hinter zwei Sowjets und Dino Bruni den fünften Platz der Gesamtwertung einnahm.

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Am 7. Mai brach die Karawane in Polen zur 5. Etappe auf. 190 Kilometer standen auf der Tagesordnung, die Ausläufer des Riesengebirges wurden passiert, bevor die Fahrer die DDR erreichten. Keine leichte Etappe also, doch besonders Täve Schur schien beflügelt zu sein, da es ja nun in die von Menschenmassen gesäumten Straßen der Heimat ging. Dass er sich etwas Besonderes vorgenommen hatte, lag förmlich in der Luft.
Schon nach 10 Kilometern Fahrt bildete sich eine Fluchtgruppe. 26 Fahrer machten sich auf und davon und als sie merkten, dass sich im Hauptfeld nichts rührte, legten sie noch einen Zacken zu. Nach 80 km betrug ihr Vorsprung schon über 5 Minuten und nach 120 km fast 9 Minuten. Plötzlich ging ein Ruck durch das Feld und vor allem die Azzurri um Cestari traten jetzt an. Es gelang ihnen eine 15-köpfige Verfolgergruppe auf die Beine zu stellen, doch Aurelio Cestari hatte an diesem Tag das Rennfahrerglück verlassen. Durch einen Reifenschaden fiel er weit zurück und erreichte abgeschlagen das Etappenziel im Görlitzer Stadion der Freundschaft.
Lange vor dem schwarzlockigen Italiener hatte ein blonder Bursche aus der Magdeburger Börde in einem einmaligen Endspurt sein Rad über die Ziellinie geworfen: unser Täve Schur. Wie er in der Zielkurve plötzlich angetreten war und den starken polnischen Sprinter Wiesniewski im Finish niederrang, hatte man lange nicht gesehen.

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Der Lohn für sein Können war das Trikot des Spitzenreiters. In „Gelb“ ging es also nach Berlin. „Täve soll sich lieber noch ein bisschen zurückhalten“, rief uns einer der Trainer zu, als wir nach 20 Kilometern eine 30-köpfige Spitzengruppe an uns vorbei rollen sahen. Auch wir Journalisten hielten das für eine gute Taktik, doch nach 50 Kilometern dachten wir anders, als wir sahen, wie Täve – zerschunden und zerschrammt – aus einem Haufen verbeulter Rennmaschinen hervor kroch. Das Resultat eines bösen Massensturzes. Da drei andere DDR-Fahrer ganz vorne mitfuhren, begleitete sie der Materialwagen an der Spitze und erst als die Westdeutschen Täve eine neue Maschine reichten, konnte dieser weiterfahren. Doch bis dahin war viel wertvolle Zeit vergangen. Am Tag zuvor hatte solches Pech den Italiener Cestari zurückgeworfen – nun war es umgekehrt. Cestari kam als fünfter ins Walter-Ulbricht-Stadion und schob sich damit gerade einmal auf den 20. Platz der Gesamtwertung vor. Täve lag nach der Beendigung der Etappe mit knapp 15 Minuten Rückstand auf dem 22. Platz. Was für eine Tragödie in Berlin.

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Ich war mit Täve Schur zu diesem Zeitpunkt schon befreundet. Bei einer anderen Friedensfahrt hatte ich ihn nach einem ähnlich schweren Sturz am Abend in seinem Hotelzimmer besucht. Natürlich wollte ich ihn zu seinem Pech befragen und ihm gleichzeitig von der großen Anteilnahme der Zuschauer berichten. Ich klopfte an seine Tür und er rief: „Komm rein Horst.“ Ich entdeckte ihn in dem kleinen Raum nebenan. Täve stand in der Badewanne und schrubbte mit einer harten Wurzelbürste über seinen von Schürfwunden und Hautfetzen bedeckten Körper um ihn zu reinigen. Mich schmerzte es allein schon vom Zusehen. ‚Wenn das keine Härte ist!’, dachte ich damals.

Bezüglich der Renntragik spielte die 7. Etappe von Berlin nach Leipzig keine Rolle, denn erst am darauf folgenden Tag ging die Pechsträhne einer der beiden Protagonisten weiter. Elf Fahrer hatten sich gleich zu Beginn formiert und schon nach 28 Kilometern 2 Minuten Vorsprung herausgefahren. In Halle bildeten sich erste Grüppchen, die sich auf die Verfolgung der Spitzenreiter machten. Unter ihnen wieder einmal Aurelio Cestari. Nur ihm und unserem Lothar Meister gelang es, in die Führungsgruppe aufzuschließen. Dann kam der erste „große Klassiker“ der diesjährigen Friedensfahrt: die steile Wand von Meerane. Dieser 340 Meter lange „Pickel“ inmitten der Textilstadt mit einer durchschnittlichen Steigung von über 12 % ist bei Radsportlern gefürchtet. Nun würde sich also zeigen, was die Bergspezialisten so draufhaben. Ich hatte schon einige Male oben an der „Wand“ gestanden, doch niemals zuvor sah ich eines der Asse derart mühelos diesen Berg nehmen, wie den Italiener Cestari.

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Mit der Kilometerzahl 131 war die „steile Wand“ auf unserem Etappenplan gekennzeichnet und auch Cestari musste wissen, dass es nun noch 59 Kilometer bis nach Karl-Marx-Stadt waren. Mit dem Mut der Verzweiflung trat er in die Pedalen und kurbelte ganz allein dem Ziel entgegen. Schnell gelang es ihm zwei Minuten Vorsprung herauszufahren und kurz vor dem Ziel jubelten ihm die Menschen zu, sodass er sicher schon glaubte, seinen ersten Etappensieg in der Tasche zu haben. Knapp 100 Meter vor der Einfahrt ins Ernst-Thälmann-Stadion preschten die Verfolger heran: der Pole Krolak und der Schwede Amell. Vollkommen entnervt musste der tragische Held die beiden an sich vorbeiziehen lassen.
Ruhetag! Doch schon ging es weiter mit dem Spektakel. 141 Kilometer galt es bis nach Karlovy Vary zu bewältigen und wieder einmal sorgte der Italiener für Wirbel. Die Etappe schien ihm auf den Leib geschnitten zu sein, denn in Schneeberg erspurtete er die Bergwertung vor Dumitrescu und unserem Täve, bei dem es auch wieder besser zu rollen schien. Knapp 35 km vor dem Ziel trauten wir unseren Augen nicht. Cestari hatte sich aus der 11köpfigen Spitzengruppe gelöst und strebte wieder in einer Alleinfahrt dem Ziel entgegen…

…Lesen Sie im zweiten Teil wie die Friedensfahrt 1956 ausging und über das tragische Ende einen großen Radsportlers.

Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel”
Mark Scheppert & Horst Schubert
ISBN-13: 978-3842380462

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Der Eiserne Ete – Teil 2

11. März 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

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Lesen Sie im ersten Teil wie die tragische Friedensfahrt 1956 begann.

…wir drückten dem tapferen Kerl, Aurelio Cestari, in diesen Tagen genauso die Daumen wie unserem Täve nach all den Tragödien. Der bekannte Kurort Karlovy Vary war erreicht und die Zuschauer feuerten ihn heißblütig an. Doch plötzlich – etwa 1000 Meter vor dem Ziel – lag der Italiener auf dem Pflaster: die Kette war ihm herausgesprungen. Was für eine unglaubliche Pechsträhne! Obwohl er relativ schnell wieder auf den Beinen war, jagten der Holländer van ten Hof und der Franzose Inquel noch an ihm vorbei. Cestaris „Lohn“ für seine Alleinfahrt war abermals nur der dritte Platz.
Die 10. Etappe brachte keine Veränderungen und alle freuten sich daher auf das 11. Teilstück in die mährische Hauptstadt Brno (Brünn). Sie galt als schwerste Bergetappe der diesjährigen Friedensfahrt und alle ahnten, dass zwei der besten Amateurradsportler der Welt ihr ihren Stempel aufdrücken werden: Gustav Adolf Schur und Aurelio Cestari.

Als nach etwa 50 Kilometern der kleine Ort Vyskytna auftauchte, von wo sich die Straße hoch und steil den Berg hinaufschlängelte, war dies das Signal zum Sturm. Der blonde Täve stieg aus dem Sattel und nur der dunkle Schopf eines Italieners tauchte hinter ihm auf und konnte folgen. Noch waren 125 km zu fahren und einige Fahrer konnten aufschließen. Doch für uns stand schon jetzt fest, dass nur Schur oder Cestari heute gewinnen würden. Dem einen wünschten, dem letzteren gönnten wir es. In den Straßen von Brno ging ein Ruck durch die Spitzengruppe und die beiden konnten sich tatsächlich lösen. Die 60000 Leute im Stadion gerieten schier aus dem Häuschen, als sie erfuhren, wer hier allein dem Ziel entgegen jagte.

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Cestari bog auf die Aschenbahn ein, gefolgt von Täve. Wie wild spurtete der Italiener die Gegengerade hinunter, doch Täve kam ein wenig näher. Der Italiener trat jetzt noch schneller in die Pedalen und wurde dabei in der Zielkurve nach außen getragen. Täve erkannte blitzschnell seine Chance und zog innen an ihm vorbei. In einem grandiosen Finish sprintete er als erster über den weißen Zielstreifen und errang seinen dritten Etappensieg in diesem Jahr.

Karl-Marx-Stadt, Karlovy Vary und Brno – zum dritten Mal wurde Cestari der bereits sicher geglaubte Lorbeerkranz entrissen und einem Besseren – einem Glücklicheren – zuteil. Damals schrieb ich für das Deutsche Sportecho die Schlagzeile: „Triumph und Tragik – hauchdünn liegen sie oft beieinander“, aber seit jenem Tag habe ich den Begriff „Tragik“ nur noch sehr selten in Sportberichten verwendet.
Wer bei der Friedensfahrt 1956 am Ende die ersten drei Plätze belegte, kann man nachschlagen. Es waren weder Schur noch Cestari, doch nur diese Namen haben sich im Rückblick auf das Jahr in mein Gehirn gebrannt.

Aber es gab noch einen anderen Mann, der die ganze Härte dieses Sports verkörperte, der stets mit eiserner Disziplin seine Ziele verfolgte und vor dem ein ganzes Land deshalb mit großer Hochachtung sprach: Erich Schulz. An einem herrlichen Julitag 1956 brach deshalb für viele Radsportanhänger in der DDR eine Welt zusammen.

Schon als 15-jähriger trat Erich dem Berliner RV Arminius bei. Ohne vermögende Eltern konnte er sich keine eigene Rennmaschine leisten, doch er hatte eine Vision. Als Botenjunge verdiente er ein paar Mark für den Familienhaushalt dazu und legte Groschen um Groschen davon zurück, bis das Geld endlich für ein gebrauchtes Rennrad reichte. Dieses Rad wurde bald sein Ein und Alles und als blutjunger Anfänger ließ er beim Jahresabschluss der Saison 1930 seine 80 Konkurrenten einfach stehen und verbuchte seinen ersten Sieg.

Foto: Sportverlag Berlin

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Schon im folgenden Jahr fuhr Erich in die Spitzenklasse der deutschen Jugendfahrer hinein und errang die inoffizielle Jugendmeisterschaft. Er trainierte weiterhin eisern und die Erfolge ließen die Fachleute aufhorchen. Sie beschlossen, ihn bei den „Großen“ mittrainieren zu lassen. Die Meistermannschaft von BRV Arminius hatte in Deutschland einen guten Ruf und wer zu ihr gehörte, konnte sich sehen lassen. Das jüngste Mitglied war nunmehr ein schmächtiger, kaum 17 Jahre alter Junge. Im Titelkampf des Jahres 1932 unterlag man zwar knapp den Jungs von Grün-Weiß – aber der vierte Mann im Team hieß bereits Erich Schulz.
Doch offenbar hatten die Trainer ihm zu viel zugemutet, denn der Körper des Jungen war noch nicht richtig entwickelt, um den harten Belastungsproben standzuhalten. Auch hier zeigte sich wieder der starke Charakter des Berliners. Er erkannte, dass eine längere Pause durchaus notwendig war und hielt diese auch durch.
Das Jahr hatte ihm gut getan und 1934 arbeitete er sich mit frischen Kräften schnell wieder in die A-Klasse vor. Große Siege blieben jedoch aus.
Immer wenn er mir später von jenen Jahren erzählte, sagte er, dass es ihm nicht an Kraft und Ausdauer gemangelt habe – sondern am Rennverständnis. Er hatte stets versucht die Entscheidung mit seinen schnellen Beinen zu erzwingen. Erst nach und nach merkte er, dass auch ein kluger Kopf einen guten Straßenfahrer ausmachte. Doch die „Alten“ im Verein erkannten das außergewöhnliche Talent ihres neuen Konkurrenten schnell und so fiel es ihnen nicht im Traum ein, taktische Schliche zu verraten. Erich musste sich dieses Können selbst erarbeiten. Und siehe da: plötzlich stellten sich auch im Männerbereich erste Erfolge ein.

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Doch. Bereits im Jahre 1936 wurde seine viel versprechende Laufbahn von heute auf morgen unterbrochen, denn Erich musste in die Kasernen der Hitlerschen Wehrmacht einrücken. Jung, gesund und voller Lebensmut. Neun Jahre später kehrte er als kranker Mann mit Geschwüren und Magenbluten ins Zivilleben zurück.
An Sport war in den Nachkriegstagen kaum zu denken. Erich besuchte wehmütig die ersten Bahnrennen im Stadion Mitte. Es begann zu kribbeln, wieder einen Rennlenker zwischen die Finger zu bekommen, und bald darauf bastelte er sich eine Rennmaschine zusammen. Allerdings lautete der Rat der Ärzte: „Bei Beschwerden unbedingt wieder aufhören!“ 1947 bestritt er bereits die ersten kleineren Wettkämpfe auf der Bahn. Doch um sein Leiden nicht zu verschlimmern, musste er alsbald zur Kur. 1950 konnte er als geheilter Mann auf das Rennrad steigen. Und er stürmte los. Platz 8 bei Berlin-Leipzig, er gewann die Harzrundfahrt und wurde 3. bei der DDR-Rundfahrt. „Eiserner Ete“ wurde er von nun an überall in der Republik genannt, denn ein jeder kannte seinen Leidensweg.
In den kommenden Jahren fuhr er von Erfolg zu Erfolg, doch im Gegensatz zu seinen Lehrjahren gab der Altmeister die Erfahrungen und Taktiktipps an Jüngere weiter. 1953, bei meiner allerersten Tour, führte er die DDR-Mannschaft als Kapitän zur Friedensfahrt. Eine Knöchelverletzung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, war am Ruhetag dick angeschwollen, doch er raunte mir zu: „Laufen kann ich nicht, aber Radfahren“. Er humpelte davon und trat am nächsten Tag wieder in die Pedalen.

Foto: Sportverlag Berlin

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Sein letztes Rennen war die DDR-Rundfahrt 1956. Nach seinem Sieg auf der ersten Etappe und beim Mannschaftszeitfahren seiner SV Post stellten sich immense Sitzbeschwerden ein. Er war die Etappe nach Halle mehr oder weniger im Stehen gefahren. Danach reinigte er erst seine Maschine und redete mit jedem Teamkollegen bevor er sich behandeln ließ. Erich war eben ein charakterfester Mensch und der beste Freund seiner Kameraden, der seine Karriere gerne mit dem Sieg dieser Rundfahrt gekrönt hätte.
Am 11. Juli geschah es. Nach 16 Kilometern gab es einen furchtbaren Massensturz auf der Rollsdorfer Höhe kurz hinter Halle. Doch während sich alle wieder erhoben, blieb ein Fahrer liegen und stand nie wieder auf. Ein doppelter Schädelbasisbruch hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Einer der liebenswertesten Menschen und besten Sportler der DDR war mit 42 Jahren von uns gegangen: der eiserne Ete.

Lesen Sie im ersten Teil wie die tragische Friedensfahrt 1956 begann.

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Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel”

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Icke bei tv.berlin

22. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

imagesAm Dienstag, den 24.01.2012, war ich beim Frühcafe von “tv.berlin” eingeladen.
Mit der Moderatorin Sarah Maria Breuer sprach ich über mein Buch “Alles ganz simpel” und über meinen Großvater ohne den dieses Werk ja nicht zustande gekommen wäre.

Hier im Nachgang noch das Video von der Sendung, die ich selbst natürlich nicht live verfolgen konnte. Es war ziemlich früh, ich war ganz schön müde, aber es hat Spaß gemacht! Die Moderatorin und ihr Team waren außerdem sehr angenehm.

Frühcafé-Talk mit Mark Scheppert (24.01.2012) – TV Berlin Video
Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft. Die Gründung und den Aufbau der DDR vom Mauerbau bis zum Mauerfall. All das hat Horst Schubert miterlebt und später seinem Enkel erzählt. Unter einem Pseudonym verfasste dieser das Buch „Alles ganz simpel“ um den Weg vom Hitlerjungen in Schlesien bis hin zum Alterspräsidenten der Linken in Marzahn-Hellersdorf zusammenzufassen. Heute morgen ist der Autor Mark Scheppert zu Gast.

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Rekord für die Ewigkeit – DHfK Leipzig Teil 3

15. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

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(Leseprobe aus: “Alles ganz simpel”)
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…mein Sohn Klaus sollte 1958 zunächst an die KJS (Kinder- und Jugendsportschule) in Halle delegiert werden. Er war ein hoch talentierter Fußballer und Leichtathlet – besonders in den Wurfdisziplinen – doch er wurde dort nicht genommen. Inge rief aufgebracht in der Schule an. Man sagte ihr, dass sie jährlich nur vier Kinder von Nicht-Arbeitern aufnähmen. Er läge an fünfter Stelle und könne daher nicht berücksichtigt werden. Der Rektor dieser Schule war Wolfgang Lohmann, der in meiner Studienzeit noch Rektor an der DHfK gewesen war. Wütend setzte mich ins Auto und fuhr nach Halle. Lohmann strahlte: „Horst, bist du das wirklich?“ Ich schmunzelte, denn auch diesmal war ich es und fragte ihn vorwurfsvoll: „Warum hast du mich damals eigentlich in der Diplomprüfung nicht durchfallen lassen?“ Er schaute mich fragend an: „Wie meinst du denn das?“ „Tja, vor dem Studium war ich all die Jahre Arbeiter gewesen und durch euer Diplom gehöre ich plötzlich zur Intelligenz. Deswegen darf mein Sohn jetzt nicht an eure KJS!“ Mein ehemaliger Rektor schwieg einen Moment und murmelte dann: „Die Vorschriften mit der Arbeiterklasse mache ich doch nicht!“ Im nächsten Jahr wurde Klaus an der Sportschule zugelassen.

Foto: Sportverlag Berlin

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Obwohl ich während meiner Studienzeit nie der allerbeste in einem Prüfungsfach gewesen war – sogar im Schwimmen gab es zwei Jungs die schneller kraulten – sorgte Klaus Jahre später dafür, dass ich dort immerhin einen Rekord aufstellte. Er war der erste Nachkömmling eines Absolventen, der ebenfalls an der DHfK studierte. Wie auf meinen Sohn Volker, der im Leipziger Interhotel arbeitete, war ich sehr stolz auf ihn und Dr. Schingnitz hob auf unseren Jubiläumstreffen immer sein großes sportliches Potential hervor. Allerdings bescheinigte mir unser ehemaliger Lehrer Franke auch, dass mein Kind „ja noch viel fauler sei als ich.“

Für eine Sportecho-Reportage schaute ich später einmal selbst beim Training des Übungsverbandes der DHfK zur Vorbereitung auf das Turn- und Sportfest in Leipzig vorbei. Mein damaliger Mitkommilitone Erich Bunzel war dort mittlerweile als Sportlehrer tätig und leitete das Geschehen von einem hohen Gerüst aus. Irgendeinen Reporter hätte Erich wohl nicht auf seinen Kommandoturm gelassen, aber ich durfte. Bei einem Übungsteil mussten zehn bis zwölf Studenten eines von mehreren riesigen Trampolinen auf die Wiese schleppen und oben wurden dann halsbrecherische Salti gesprungen.

Foto: Sportverlag Berlin

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Die jeweiligen Träger saßen nun im Schneidersitz zu beiden Seiten der Geräte. Erich reichte mir ein Fernglas und rief mir grinsend zu: „Damit du mal siehst, auf was für verrückte Einfälle dein Junior so kommt.“ In der Mitte unter einem der Trampoline saß tatsächlich mein Sprössling mit zwei anderen Kumpels. Während über ihnen die Turner auf der Gummimatte Kopf und Kragen riskierten, spielten die drei in aller Seelenruhe Skat. Das hätten wir uns früher mit Sicherheit nicht getraut. Natürlich habe ich darüber in meiner Reportage kein Wort verloren und hoffte gleichzeitig, dass sie das bei der offiziellen Aufführung nicht machen würden…

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK) und hier zum zweiten Teil (Praxis an der DHfK).

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“Ist das nicht Scheiße…”: DHfK Leipzig – Teil 2

7. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

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(Leseprobe aus meinem Buch: “Alles ganz simpel”)
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…schienen schon einige unserer Lehrer dem Film „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann entsprungen zu sein, war einer der Sportlehrer ein echtes Original. Dr. Hans Schingnitz war ein blonder, stets etwas kauzig dreinschauender Mann Ende 30 mit markanten Gesichtszügen. Man kannte ihn wahrscheinlich in ganz Leipzig. Sein Markenzeichen waren sportliche Knickerbocker, lange Strümpfe und sein museumsreifes Fahrrad, das er überall unangeschlossen stehen ließ. Am Hauptbahnhof auch mal 14 Tage, wenn es auf eine längere Reise ging.
Schon in der Nazizeit war er aktiver Lehrkörper gewesen und hatte sich besonders auf die Bereiche Leichtathletik, Boxen, Rugby und Ringen spezialisiert. In den ersten Stunden wirkte er auf uns sehr ernst, unnahbar und weltfremd.
Foto: E. Döbler

Foto: E. Döbler

Doch das war die größte Fehleinschätzung unserer Studienzeit, denn Dr. Schingnitz wurde schon bald zu unserem Lieblingslehrer. Je länger man ihn kannte, sah man, dass in dieser rauen Schale, ein zuvorkommender und überaus humorvoller Kerl steckte, der stets auch dem Pförtner und den Putzfrauen höflich und mit Achtung entgegentrat. Und auch wir Schüler konnten immer auf Augenhöhe mit ihm sprechen.

Ein Beispiel: Rugby war neben Boxen die große Leidenschaft des Dr. Schingnitz. „Druck“, „Fassen“, „Gasse“ und „Gedränge“ höre ich ihn noch heute brüllen und erinnere mich daran, dass mir manchmal schon die Luft wegblieb, während der Lehrer von hinten weiterhin: „Druck!“, „Druck!“ brüllte, obwohl die Pille längst schon bei den Stürmern war.
Die DHfK trat ja in vielen Disziplinen auch als offizielle Mannschaft an. Oftmals spielten unsere Teams sogar in den oberen Ligen und errangen unzählige Titel. Während meiner Zeit holten zwei Mitstudenten bei den DDR-Meisterschaften in der Leichtathletik sogar einen 1. und einen 2. Platz. Unsere Nachfolger sollten die Sportschule noch zu viel größerem Ruhm führen und von 1950 bis 1990 erwarben hier ca. 16000 Studenten (davon 4000 im Fernstudium) ihr Hochschuldiplom.

Foto: R. Schramme

Foto: R. Schramme


Beim großen Auftritt unseres Rugbyteams war ich nur Zuschauer. Das Spiel gegen Hennigsdorf fand in Leipzig Leutsch vor dem Fußballmatch „Chemie Leipzig“ gegen „Horch Zwickau“ statt. In den Tagen zuvor hatte es stark geregnet. Das Spielfeld bestand eigentlich nur noch aus Schlamm und großen Pfützen. Gleich zu Beginn der Partie rutschte ein Hennigsdorfer in Dr. Schingnitz hinein und riss ihn um, sodass er der Länge nach in die schmutzig-braune Pampe fiel. Danach kannte er kein Halten mehr. Wehe der Ball besitzende Spieler befand sich in der Nähe einer Pfütze. Sofort sprintete Schingnitz dort hin und warf ihn mit einem Hechtsprung zu Boden. Es entwickelte sich eine legendäre Schlammschlacht, die zur Halbzeit beim Stand von 0:0 abgebrochen werden musste, damit danach auf dem Acker noch Fußball gespielt werden konnte. Unter dem Jubel der Zuschauer verließ unser Lehrer das Stadion.

Foto: Sportverlag Berlin

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Doch seinen berühmtesten und bis heute am häufigsten wiederholten Satz gab unser Lehrer beim Schwimmen von sich. Das war eigentlich gar nicht seine Sportart. Doch als Vertretungslehrer stand Dr. Schingnitz in einer der ersten Stunden am Beckenrand und rief mir seiner knorrigen Stimme: „Kann hier jemand nicht schwimmen?“ Schüchtern meldete sich einer meiner Kommilitonen. Vollkommen unerwartet schubste ihn Schingnitz ins Wasser und ließ ihn dann sekundenlang panisch zappeln. Kopfschüttelnd zeigte er mit dem Finger auf ihn und meckerte: „Na, sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht schwimmen kann?“ Zu seiner Ehrenrettung: im gleichen Moment sprang er ins Wasser und holte den nach Luft japsenden Studenten hinaus. Sobald sich später ein Mitstudent in einer Disziplin, z. B Volleyball, etwas unbeholfen anstellte, riefen alle anderen im Chor: „Sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht Volleyball spielen kann?“

Foto: H.G. Winkler

Foto: H.G. Winkler

Ich erinnere mich auch noch gut an das Semester, in dem wir Boxen mussten. Mein Mitstudent Richard Fehlinger, ein eher schmächtiger Junge mit Brille, der allerdings beim Bodenturnen ohne mit der Wimper zu zucken einen Auerbachsalto sprang, war mein Gegner. Wir tasteten uns ab, doch besonders Richard blieb – ohne seine Sehhilfe – stets in der Defensive. Dr. Schingnitz brüllte ihn an: „Willst du denn nicht endlich mal boxen?“, doch Fehlinger rief zurück: „Herr Doktor, ich sehe doch gar nichts!“ „Was siehst du denn?“ „Nur Nebel.“ Schingnitz antwortete ungerührt: „Dann hau rinn in den Nebel!“ Auch das wurde zum geflügelten Wort. Noch heute verabschieden wir uns bei DHfK-Treffen immer mit: „Na dann hau rinn in den Nebel!“
Ein letzter Satz zu diesem bemerkenswerten Lehrer. Gegen Ende der Studienzeit schilderte er uns mal einen eigenen Boxwettkampf. Der starke Gegner war einer seiner besten Freunde und im Publikum saß seine Angebetete. Bildlich beschrieb er das Duell in allen Einzelheiten, auch, wie er immerzu dachte, dass er die Frau auf den Rängen beeindrucken müsse. In der 3. Runde ging plötzlich alles ganz schnell: „Und eins und zwei – und noch eine rechte Gerade und dann lag er unten.“ Kurz darauf schaute er betröpfelt zu Boden: „Ich hatte gewonnen“, flüsterte er und nach einer längeren Pause fügte er traurig hinzu „und dann hat sie den anderen geheiratet.“

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel


Übrigens waren wir immer ganz brave Studenten. Im Ernst: gleich im ersten Semester entdeckte Heinz Sachse das „CT“ – ein vornehmes Lokal mit Damenkapelle und Tanz im Schauspielhaus. Sofort war klar: das erste Haus am Platze wird unsere Stammkneipe. Man muss sagen: wir waren nicht oft dort – nur von Montag bis Freitag jeden Tag. Natürlich ging das ins Geld, zumal ich die 180 Mark Stipendium zu Hause bei Inge abgab. Doch nebenbei verdiente ich mir bereits ein kleines Taschengeld als Übungsleiter und durch die Bombenverpflegung im Internat brauchte ich ja sowieso nur Kohle für Alkohol und meine Caro-Zigaretten. „Zwanzisch Mark – und dann ins CT“ wurde unser Leitspruch.
Außerdem spürte Lothar Mosler in Panitzsch, unweit von Leipzig, eine Fabrik auf, die Obstwein herstellte. Er hatte erfahren, dass man dort, wenn man 300 Gramm Zucker abgab, die Literflasche für nur 90 Pfennig erhielt. Als so genannte Spitzensportler kamen wir ohne weiteres an massenhaft Zucker heran, welchen wir alsbald nicht mehr zur Leistungssteigerung einnahmen, sondern (zu unserer späteren Schwächung) in der Panitzscher Weinfabrik abgaben.
Im „CT“ und anderen Lokalen konnte man damals nämlich eigene Flaschen mitbringen, wenn man am Eingang ein vorgeschriebenes „Korkengeld“ bezahlte. Auch das sparten wir uns, denn wir schmuggelten unsere Pullen einfach hinein und bestellten zu sechst eine Flasche Weißwein. Nun hatten wir sogar Gläser, um unseren Fruchtwein zu süffeln.
Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel

Damals war Bier im Verhältnis zu unserem Obstwein relativ teuer, doch einmal bekam das „CT“ auch Porter, also dunkles Bier, geliefert. Da wir es alle einmal probieren wollten, bestellten wir bei unserer Stammkellnerin Frau Weimann jeder eine Flasche. Doch am Ende des Abends vergaß sie, diese abzurechnen.
Beim nächsten Besuch hatten alle gerade ihr Stipendium bekommen. Als sie abkassieren wollte, sagten wir: „Frau Weimann und dann bezahlen wir noch die sechs Porter, die Sie beim letzten Mal vergessen haben!“ Sie zog sich einen Stuhl zu uns heran und murmelte: „So etwas ist mir ja mein ganzes Leben noch nicht passiert.“ Seit jenem Tag hatten wir bei ihr unbegrenzten Kredit und kamen auch mit auffälligen Taschen immer problemlos hinein. Manchmal habe ich heutzutage das Gefühl, dass sich unser halbes Studentenleben im „CT“ abgespielt hat, denn sogar wenn ich Inge später einmal dorthin ausführte, traf ich immer einen meiner Spezies, sei es Karl-Heinz Balzer den Stabhochspringer, den Fußballer Horst Scherbaum oder eben Heinz Sachse den Turner.

Foto: G. Hafenberg

Foto: G. Hafenberg

Immer an einem Montag hatten wir Parteilehrjahr. Am Tage des Faschings machte sich Unruhe breit. Überall flüsterte man: „Geht ihr denn hin?“ Erich Bunzel war es schließlich, der sich traute den Parteisekretär zu fragen, ob wir den „heiligen“ Termin verschieben können. Der Grund: im großen Saal am Zoo fand der Rosenmontagsball mit dem Rundfunktanzorchester unter Kurt Henkels statt. Da mussten wir hin!
Es gelang und so schlüpften wir in unsere eleganten weißen Hosen und Hemden vom Berliner Deutschlandtreffen, ließen uns die Arme und Gesichter von der kleinen Knilch (alias Sigrid) mit Mickey Mäusen bemalen und gingen so tätowiert feiern. Jemand besorgte sechs beDHfK-Fasching, reits abgerissene Karten, sodass wir ohne Eintritt hineingelangten. Als ich mit Heinz gerade mal einen Tanz ausließ und durch das Lokal bummelte, entdeckten wir Hans „Bolle“ Bolt mit einer Studentin an einem Tisch. „Der Schweinepriester hat noch Kohle“, murmelte ich, denn sie tranken genüsslich eine teure Flasche Weißwein. Als er uns sah, winkte er herüber und rief: „Setzt euch doch dazu!“ Wir kamen ins Gespräch, doch als die Tanzkappelle aufhörte zu spielen, sagte Bolle plötzlich: „Oh, jetzt müssen wir aber verschwinden. Dort hinten kommen die Leute, die eigentlich hier sitzen.“ Der Trick sprach sich schnell unter uns Mittellosen herum und so wurde der Rosenmontag nicht nur ein äußerst amüsantes Tanzvergnügen, sondern auch noch ein feuchtfröhliches.
Doch irgendwann war auch das schönste Studium einmal zu Ende. Nach dem offiziellen Festakt floss der „Sovetjskoje Schampanskoje“ auf den Zimmern, bevor wir die Gaststätte an der Pferderennbahn belagerten und bis zum Schankschluss böse versackten. Wie wir von dort zurückgefunden haben – und ob wir noch im „CT“ waren – weiß ich bis heute nicht…
Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK).
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Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Leseprobe, wie mein Opa an der DHfK doch noch einen Rekord aufstellte.

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“Verstehe nur Bahnhof”: DHfK Leipzig – Teil 1

3. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel


Leseprobe aus dem Buch “Alles ganz simpel”
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…der Wunsch nach Freizeitbeschäftigungen war schon in den Nachkriegsjahren sehr groß und so hatten sich Ende 1949 in den Buna-Werken bereits 17 Sportabteilungen gebildet. Dort gab es mittlerweile sogar eine Betriebssportleitung mit vier hauptamtlichen Mitarbeitern. Einer von ihnen sprach mich eines Tages an, ob ich an einem Übungsleiterlehrgang an der Landessportschule teilnehmen wolle. Da ich dafür sechs Wochen freigestellt wurde, war das wie ein bezahlter Urlaub und so ließ ich mich gerne nach Freyburg an der Unstrut schicken.
Da ich mich dort scheinbar nicht ganz dumm angestellt hatte, delegierte man mich direkt im Anschluss zu einem fünfmonatigen Übungsleiterlehrgang, der auf höherem Niveau in Leipzig stattfand. Dieser sollte die Kursteilnehmer zur Hochschulreife führen und zur Vorbereitung der Gründung einer Sporthochschule dienen. Wir waren sozusagen die Versuchskaninchen. Im Anschluss daran wurde ich gefragt: „Willst du denn nun hier studieren oder nicht?“ Wollte ich nicht! Mir gefiel meine Arbeit in den Buna-Werken und höhere Ziele hatte ich mir nie gesteckt.
Foto: G. Hafenberg

Foto: G. Hafenberg

Letztendlich war es mein Vater, der stundenlang auf mich einredete und immer wieder betonte: „Wir hatten nie diese Möglichkeit. Nutze deine Chance!“ Somit gehörte ich im Herbst 1950 zusammen mit 91 anderen Frauen und Männern zu den ersten Studenten an der neu gegründeten DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur) in Leipzig. Um es vorweg zu nehmen: trotz der wenigen Damen (26) gab es in unserem Studienjahrgang am Ende sage und schreibe 14 Paare und 13 davon heirateten später sogar.
Zwei Dinge änderten sich in meinem Leben als angehender Diplomsportlehrer maßgeblich. Zum einen musste ich nun ins Internat in die Friedrich-Ebert-Straße ziehen und zum anderen begann ich meine verloren gegangene Jugend nachzuholen. Wir hatten allesamt diesen fürchterlichen Krieg und die bitteren Jahre danach erlebt, doch während des Studiums kehrten wir endgültig ins Leben zurück.

Das Studium war für mich überraschend einfach zu bewältigen, wahrscheinlich auch, weil ich es nicht so bitterernst nahm. Natürlich hatten die meisten – wie ich – nur eine achtjährige Volksschulbildung absolviert und die lag oftmals schon Jahre zurück, sodass man sich ans Pauken erst wieder gewöhnen musste. Doch wir verstanden uns alle vom ersten Tag an prächtig und halfen uns gegenseitig, wenn Not am Mann war, aus der Patsche.

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel

In Leipzig zeigte sich schnell, dass meine vielleicht größte Stärke das Organisieren ist. Ich wurde zum 2. Sekretär der FDJ-Hochschul-Gruppenleitung gewählt, um zusammen mit Günter „Paddel“ Hegewald die Interessen der Studenten zu vertreten. Oftmals mussten wir Hannelore Bänder vom Deutschen Sportausschuss energisch bearbeiten, dass man Studenten, die die Hausordnung mal eigenmächtig außer Kraft gesetzt hatten, nicht bestrafte. Nachtruhe war nämlich bereits um 22 Uhr, doch man durfte sich eigentlich bloß nicht vom Pförtner erwischen lassen und musste am nächsten Tag anwesend sein. Obwohl wir um 6 Uhr von Lautsprechern geweckt wurden und die Vorlesungen zum Teil schon um 7 Uhr begannen, gab es nie Klagen.
Wir verteilten Handzettel, gestalteten Partys und organisierten sogar einen DHfK-Funk, indem wir die Sprechfunkanlage in den Gängen mit einem Radio und Mikrofon koppelten. Günter und Manfred richteten sogar ein eigenes Fotolabor ein und zweckentfremdeten dafür nachts eine Toilettenkabine. Mein Freund Günter war sowieso ein Multitalent, denn er konnte sogar die singende Säge melodisch erklingen lassen, während sie bei mir nur quälende Jammertöne hervorbrachte.

Foto: M. Reichenbach

Foto: M. Reichenbach

Im Russischunterricht verstand zum Beispiel nicht nur Lothar Mosler beim Thema „Woksal“ (Bahnhof) oftmals nur selbigen. Legendär waren seine Antworten, wenn er von Lehrer Georg Franke angesprochen wurde, um etwas zum jeweiligen Sachgebiet zu sagen. Er sagte dann immer „Da.“ (Ja) Der Lehrer: „Geht das auch ein bisschen zusammenhängender?“ Lothar nickte: „Da, da, da!“ Doch auch Franke schmunzelte in sich hinein. Als er uns mal ein russisches Lied beibringen wollte, welches wir nicht kannten, rief er: „Mensch, das grölen die Russen doch immer auf ihren LKWs.“
Weder das Wort „grölen“ war nun noch erwünscht noch „Russen“, da es nur noch im Wortschatz der Westdeutschen vorkam. In der DDR waren es längst die „sowjetischen Freunde“. Erst im Laufe der Zeit verstanden wir, dass der Schorsch (Georg) nur das tat, wozu er beauftragt war: uns die russische Sprache zu lehren. Eine sowjetische gab es nämlich nicht.
Franke war sowieso ein ungewöhnlicher Mann. Einmal nahm er eine Zeitung vom Katheder, zeigte sie uns und sagte: „Dies ist die ‚Prawda’. Das ist in der Sowjetunion das, was früher bei uns der ‚Völkische Beobachter’ war.“
Erst Jahre nach Stalins Tod, ahnte ich, dass er mit seiner krassen Einschätzung der damaligen Parteizeitung gar nicht so falsch gelegen hatte. 1951 bekam er für diese Aussage nur deshalb keinen Ärger, weil ihn niemand verpfiffen hatte. Wir mochten seine direkte Art und die Antwort auf die Frage, ob bei diesem eigenwilligen Lehrer alle den Abschluss erlangt haben, lautet: „Da!“ Manche Mädchen auch nur: „Weil sie immer so gut gerochen haben“, gestand uns Schorsch auf einem späteren Treffen.

Foto: J. Cords

Foto: J. Cords

Im Biologie- und Geografieunterricht galt mein bester Freund Heinz Sachse als Wackelkandidat, der in diesen Fächern zwischen zwei Noten schwankte. Nur diese Studenten wurden mündlich getestet. Es gab also einen Aushang mit den Namen der Prüflinge, doch das Prüfungsfach fehlte. Heinz spekulierte auf Biologie, da er dort ziemlich dicht vor dem Abgrund stand. Er hatte gebüffelt und aalte sich mit uns am offenen Fenster in der Sonne, als die Geografie-Lehrerin vorbeikam. „Na den Herrn Sachse sehen wir ja gleich!“ Wie von der Tarantel gestochen, rannte er aus dem Zimmer und stürmte den Gang entlang. Er hatte Glück und konnte die Lehrerin abpassen. Mit zittriger Stimme erklärte er ihr, dass er lediglich von Mitteldeutschland etwas Ahnung hätte. Vom Titicacasee und Popocatepetl habe er auch schon mal was gehört.
In der Prüfungskommission ergriff sie sofort die Initiative und schickte einige Prüflinge auf eine Reise um die komplette Erde. „So und nun zu Herrn Sachse“, sagte sie irgendwann. „Kommen wir bei Ihnen einmal zu heimischen Gefilden, genauer gesagt zu den mitteldeutschen Gebieten der DDR.“
Es muss eine denkwürdige Geografieprüfung gewesen sein, denn Lothar Mosler korrigierte den Fragesteller aufgebracht, als es darum ging, welche Getreidesorte in einem bestimmten Teil der Sowjetunion angebaut wird. „Nein, da muss ich ihnen widersprechen. In dieser Region wird überwiegend Roggen angebaut! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ Die Weisheiten aus einem Lehrbuch kamen gegen die Lebenserfahrung eines deutschen Soldaten oftmals nicht an. Als ein anderer Schüler bei den höchsten Vulkanen Amerikas stockte, fragte die Geografielehrerin: „Herr Sachse, können sie vielleicht weiterhelfen?“ „Ja, z.B. der Popocatepetl bei Mexiko Stadt.“ Bald wurde nach dem größten Binnensee von Südamerika gefragt. „Da können wir ja sicherlich noch einmal den Herr Sachse fragen?“ „Klar, kein Problem“, antwortete dieser selbstbewusst. „Gesucht ist der Titicacasee zwischen Peru und Bolivien.“ Für Heinz war alles prima gelaufen. In Biologie wurde er nicht mehr geprüft und in Geografie hatte er sich, dank einer herzensguten Lehrerin, sogar um eine Note verbessert.

In Deutsch gehörte Heinz Sachse zu den Besten und da auch ich mit dieser Sprache ganz gut umgehen konnte, hatte uns Studienrätin Dr. Malige ins Herz geschlossen. Viele andere hatten das Volksschuldeutsch fast vergessen und vor allem Probleme mit der Kommasetzung. Uns lobte sie immer als Gegenbeispiel und fragte, wo wir das so gut gelernt hätten. „Ich setze die Kommata eigentlich einfach nach Gefühl“, sagte ich beiläufig. Heinz nickte bestätigend. „Um Himmels Willen“, sagte die Lehrerin. „Aber gut, jetzt habt ihr ja die Regeln gelernt und macht es bitte nun auch danach.“ In der nächsten Arbeit schrieben wir beide eine Vier. Der Text wimmelte nur so vor Fehlern. Frau Dr. Malige bat uns, nach der Stunde kurz zu bleiben. „Setzt die Zeichen in Gottes Namen bitte wie vorher nach Gefühl!“ Und siehe da: danach flutschte es wieder.

Foto: R. Schramme

Foto: R. Schramme

Dann gab es da noch die Abschlussprüfung in Physiologie bei Dr. Kurt Tittel. Der hatte angekündigt, dass er aus den vier Problemkreisen der Physiologie drei Themen für die schriftliche Prüfung auswählen werde, aus denen wir Delinquenten ein uns genehmes aussuchen könnten. Wir waren kühle Rechner: man müsse sich dann ja nur auf zwei Themen vorbereiten. Zum Beispiel Atmung und Blutkreislauf oder Ernährung und Muskel. Im ungünstigsten Fall wäre eines dieser Themen auf jeden Fall mit dabei.
Am Prüfungstag stellte sich Dr. Tittel vor den Pult und erklärte nuschelnd: „Leider sind ja einige Studenten heute nicht anwesend, da sie Wettkämpfe haben. Deshalb werde ich heute nur zwei Themengebiete zur Auswahl stellen, damit für die anderen noch etwas übrig bleibt.“ Totenstille im Saal. Als die Fragen kamen, hörte man einige erleichtert aufatmen. Bei nicht wenigen hingegen wechselte die Gesichtsfarbe von leichenblass in tiefrot. Es waren genau die Themen, die sie nicht gelernt hatten.
Obwohl wir die Toilette nur einzeln und nacheinander aufsuchen sollten, marschierten wir unter dem Vorwand eines „plötzlichen, fürchterlichen Durchfalls“ oder einer „hartnäckigen Nierenerkrankung“ scharenweise aufs Klo, wo sich dann die „Glücklichen“ mit den „Pechvögeln“ trafen. Bei so viel Kameradschaft und auch wegen der wohl gesonnen Einstellung des Lehrkörpers, was die Einhaltung der Toiletten-Vorschriften betraf, konnten am Ende fast alle die Abschlussprüfung in Physiologie bestehen. So gesehen: Eigentlich war alles ganz simpel…
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Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil der Leseprobe, wie mein Opa die Praxis an der DHfK erlebte.

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“Alles ganz simpel” in “Die Hellersdorfer”

13. Dezember 2011 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Die Hellersdorfer 12-2011-kleinSeit dieser Woche gibt es eine neue (sehr positive) Rezension zu meinem Buch “Alles ganz simpel”. Es freut mich, dass besonders die lokale Presse in Berlin Marzahn-Hellerdorf von meinem Werk so ausführlich Kenntnis genommen hat.
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Gleichzeitig wurde mein Buch in dieser Woche auf Sarahs Bücherwelt besprochen. Immerhin gab es vier von fünf Sternen und da Sarah sehr rührig ist, erscheint diese Rezension nun auch auf diversen anderen Buchforen.

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Rückblick in MaHeli zur Lesung am 23.11.2011

6. Dezember 2011 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

In der aktuellen Ausgabe 12/2011 von MaHeli gibt es noch einen schön geschriebenen Rückblick auf die gemeinsame Lesung mit meinem Opa im Sportmusuem Marzahn-Hellerdorf am 23.11.2011.
Lediglich, dass es “eine Breslauer Lerge” heißen muss und nicht “ein Breslauer Lerge” möchte ich hier noch anmerken. Sonst ist natürlich alles prima was Sabine Behrens da berichtet.

MaHeli 12-2011-klein1

Außerdem – wie niedlich – haben die Kollegen des Sportmuseums noch eine eigene farbige Collage zu dieser Veranstaltung angefertigt, die ich heute bekommen habe. Scheinbar hat es also auch dem Veranstalter sehr gut gefallen. Vielen Dank nochmals an diese hilfsbereiten und freundlichen Menschen.

Sportmuseum klein

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Rezension “Alles ganz simpel” in joT w.d. 12/11

3. Dezember 2011 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Jot Wd. 12-2011-klein

In der aktuellen Dezember-Ausgabe von joT w.d. – der Bürgerzeitung von Marzahn-Hellersdorf – gibt es eine schöne Rezension von Ralf Nachtmann meines Buches “Alles ganz simpel”.
Übrigens hatte ich das Buch erst ohne Fragen & Antworten geplant und geschrieben (da ich das auch spannender gefunden hätte), aber mein Opa war dagegen, da er sich nicht “selbstbeweihräuchern” wollte (so ist ihm das in der Romanform vorgekommen). So sind es eben ein spannender Dialog mit seinem Enkel…

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Rückblick: Die Lesung am 23.11.2011 in Marzahn

26. November 2011 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog
Foto: Sabine Behrens

Foto: Sabine Behrens

Was soll ich sagen? Es war ein gemütlicher Abend im Sportmuseum Marzahn und wir, mein Opa und ich, waren sehr entspannt (wie hier auf dem Foto vor der Lesung). Ohne uns vorher groß abzustimmen, bzw. zu besprechen, haben wir gut harmoniert. Ich glaube auch, dass es dem zahlreich erschienen Publikum gefallen hat – so zumindest die ersten Rückmeldungen. Eine ältere Dame sagte mir beispielsweise beim Abschied: “Das hat sich ja gelohnt, dass ich extra 1,5 Stunden Anfahrt in Kauf genommen habe.” Das war schon rührend.

Hier ein Auszug einer neutralen Betrachtung der Lesung vom 23.11.2011, die Hilmar Bürger auf www.laptopwerk.de mit dem Titel “Dann hau doch in den Nebel!” verfasst hat.
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…Horst Schubert brachte seinen Enkel mit – oder umgekehrt. Mark Scheppert hatte ein Buch über seinen jetzt 86-jährigen Großvater geschrieben. Schubert und Scheppert – wie geht das zusammen? Der Autor ist der Sohn einer der Söhne des BVV-Alterspräsidenten und einstigen Sportverlagdirektors. Er hatte nach der Wende, die er als 18-Jähriger erlebte, ein Buch über die Familie Schubert geschrieben – unter diesem Pseudonym. Und das behielt er nun auch beim Opa bei.

Foto: Sabine Behrens

Foto: Sabine Behrens

Um es gleich vorwegzunehmen: Es fand im Buch und auch bei dessen heutiger Lesung im Sportmuseum-Marzahn-Hellersdorf keine Glorifizierung des Horst Schubert statt. Sein Leben ist spannend, brachte fast immer Überraschungen, die im Buchtitel „Alles ganz simpel“ simpel zum Ausdruck kommen.

Der Lebensbogen – im Buch als Frage- und Antwort-Dialog gestaltet – spannte sich von der Kindheit in Breslau, über die Zeit als HJ-Pimpf, als Landser der deutschen Wehrmacht, Kriegsgefangener bei den Amis und den Russen, Flucht und Wanderschaft durch das Nachkriegsdeutschland, als Buna-Arbeiter, DHfK-Student, über das Schicksal der eigenen Familie, als Journalist, Olympiaberichterstatter und Leiter des Sportverlags bis hin zum aktiven Rentnerstand.

Foto: Sabine Behrens

Foto: Sabine Behrens

Mark Scheppert las und Horst Schubert erzählte. Man fühlte mit ihm den Schmerz an die Erinnerung, dass genau heute vor zwei Jahren er den Sohn Klaus und der Enkel seinen Vater verlor. Aber man musste auch viel Schmunzeln über seine Schnurren und Anekdoten. So, als er beim Sportstudium gegen einen kurzsichtigen Kommilitonen boxen musste. Als dieser vom Sportlehrer gerügt wurde, dass er aktiver werden solle, meinte er: „Ich sehe nur Nebel…“ Darauf der Lehrer: „Dann hau doch in den Nebel!“ Übrigens auch ein Bezug zum Wetter draußen, das bei dieser ohnehin gut besuchten Veranstaltung doch weitere am Kommen hinderte.

Mit verschmitztem Lächeln erklärte der Senior auch, dass er nun schon in der sechsten Partei sei, ohne jemals ausgetreten zu sein – von der KPD 1945 bis zu den Linken dieser Tage. Kein Wunder, dass die Buchexemplare (die eine örtliche Buchhandlung verkaufte / Anm. M.S.) reißend Absatz fanden. Obendrein gab es Autogramme von Großvater und Enkel.
Und als alle nach Hause gingen, hatte sich dann auch der Nebel verzogen….

Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel”

Und hier noch ein Auszug aus den “Literaturnotizen von Sabine Behrens:

Foto: Sabine Behrens

Foto: Sabine Behrens

…Alles ganz simpel

So lautet der Titel des Buches über den Lebensweg von Horst Schubert. Ganz simpel gestaltete sich auch der Ablauf der Buchlesung am 23. November. Autor und Enkel Mark Scheppert las, das „Geschichtsbuch auf zwei Beinen“ namens Schubert gab in gewohnter Weise mit dem verschmitzten Lausbubenlächeln eines Breslauer Lergen einige Anekdoten zum Besten.

Die beste Ehre, die er seinem auf den Tag genau vor zwei Jahren verstorbenen Sohn Klaus, Vater des Autors, zu teil werden lassen konnte.

Gelegentliches ins Wort fallen seitens des Seniors war ausdrücklich erwünscht! Unverkennbar, dass es Großvater und Enkel Spaß machte vor einem interessierten Publikum in den Dialog über erlebte Geschichte in drei deutschen Staaten zu treten.

Foto: Sabine Behrens

Foto: Sabine Behrens

Die Zuhörer, und derer waren es viele im Haus des Sports in der Eisenacher Straße, mussten unweigerlich den Eindruck gewinnen, dass Schubert in zahlreichen Lebenssituationen mehr Glück als Verstand hatte. Letzteren wird ihm angesichts seines vielseitigen und erfolgreichen beruflichen Lebens und politischen Engagements bis zum heutigen Tag niemand absprechen.

Wer erfahren möchte, was ein Breslauer Lerge ist, wie man in der sechsten Partei sein kann ohne das Mitgliedsbuch zu wechseln und welche Vorteile es haben kann, statt auf den Verstand auf das Bauchgefühl zu hören, der greife zum Buch…

Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel”

Sportmuseum klein

Berliner Woche Nov 2011

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