Alles ganz simpel Leseproben

Katarina Witt – Alles ganz simpel – Alltag in der DDR

20. Januar 2017 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Deutsche Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Natürlich stand ich in engem Kontakt zu unserem DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Obwohl ihm oftmals vorgehalten wurde, dass er recht diktatorisch waltete, kam ich immer mit ihm klar. Vor allem fand ich gut, dass er nie nachtragend war. Ein Beispiel: Bei wichtigen Verlagsentscheidungen musste ich an den Sekretariatssitzungen des DTSB teilnehmen. Ewald leitete die Sitzung. Wenn er sagte: „Die Decke ist grün“, nickten seine Untergebenen und antworteten: „Ja, Genosse Ewald, hellgrün.“ Das Perfide daran war, dass man mit ihm eigentlich diskutieren konnte, die meisten trauten es sich nur nicht. Jedenfalls hatte ich in dieser Sitzung zu einer Buchproduktion eine andere Auffassung und vertrat diese dort auch engagiert. Im Verlag wertete ich die Tagung dann immer mit meinen Kollegen aus und erzählte diesmal, dass wir uns wegen der einen Geschichte gestritten hätten. Jemand musste das bei Ewald gepetzt haben, denn der bestellte mich sofort am nächsten Tag ein und mahnte: „Du hast nicht auszuwerten, wer was bei uns besprochen hat, sondern was beschlossen wurde. Dass wir uns gestritten haben, darf nicht Bestandteil deiner Auswertungen sein.“
Ein paar Wochen später fand wieder Sekretariatssitzung statt an der ich teilnahm und wieder kam es zu einem Disput zwischen Ewald und mir. Franz Rietz, einer der DTSB-Vizepräsidenten, rief mir zu: „Du musst doch ganz ruhig sein. Du hast doch schon beim letzten Mal eine Ansage von Manfred bekommen.“ Ewald widersprach energisch: „Ja, Franz, aber damit war der Fall für mich auch erledigt. Das hier ist eine neue Diskussion.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Auf der Leipziger Buchmesse im März 1988 hatte mich ein Westdeutscher Verleger angesprochen, ob wir nicht einen Bildband über Katarina Witt – exklusiv für ihre Eisrevue durch Westdeutschland – herausbringen könnten. Natürlich wollten wir das machen, schließlich ging es um ca. 8000 Exemplare für die wir harte Devisen bekommen würden. „Ich brauche das Buch aber im August“, fügte er hinzu. Das war das eigentliche Problem, denn in der DDR wurden die Produktion von Büchern und Abläufe in den Druckereien sehr lange im Voraus geplant. Flexibilität war oftmals nicht möglich. Dennoch sagte ich: „Okay, das machen wir“, und besiegelte es per Handschlag. Wir schafften es tatsächlich den wunderbaren Bildband „Katarina – Eine Traumkarriere auf dem Eis“, rechtzeitig zu produzieren. Es war ein reines Exportprodukt und wurde in der DDR nicht verkauft.
Ich verbrachte gerade mit Jutta meinen Urlaub im Garten in Priort, als mich mein Stellvertreter Werner Schreier mit einem Besuch überraschte. „Mensch, Horst, da ist große Scheiße passiert. Hast du denn das Witt-Buch ohne eine Genehmigung herausgebracht?“ Für Dienstag wurde extra eine Parteileitungssitzung einberufen, zu der sogar der Ewald kommt!“ Ich fuhr also aus dem Urlaub zurück, doch erst im Verlag begriff ich, was geschehen war. In vielen westdeutschen Zeitungen war das Buch über Katarina Witt rezensiert worden und machte überall positive Schlagzeilen. Da die Westpresse immer für die Politbüromitglieder ausgewertet wurde, bekam auch Egon Krenz, der im ZK mittlerweile für Sport verantwortlich war, davon Wind. Sofort rief er bei Manfred Ewald an und fragte: „Hast du das eigentlich genehmigt?“ Der antwortete überrumpelt: „Nein, Egon, ich kenn das Buch ja nicht einmal.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


In der Sonderparteileitungssitzung wurde ich minutenlang niedergemacht, dass ich nicht nur den Sportverlag, den DTSB und alle Werktätigen der DDR betrogen hätte, sondern auch das komplette sozialistische Lager. Obwohl in dem Bildband nicht ein einziges böses oder verwerfliches Wort über unser Land stand – ganz im Gegenteil – hatte ich scheinbar den Weltfrieden aufs Spiel gesetzt. Ewald saß neben mir und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Manfred, ich hab dir doch sofort nach der Messe einen Brief geschrieben und da du dich nicht geäußert hast, dachte ich, dass alles in Ordnung geht.“ Er antwortete: „Weißt du wie viele Briefe mich am Tag erreichen? Du hättest mich einfach mal anrufen sollen.“ Eigentlich alles ganz simpel, doch in der DDR wurden oftmals aus Lappalien Dramen gemacht.
Im November 1988 wurde Ewalds Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben und der Nachfolger vorgestellt. Doch auch mit Klaus Eichler, der von Egon Krenz vorgeschlagen worden war, konnte ich sehr gut zusammenarbeiten. Da er zuvor viele Jahre Generaldirektor des FDJ-Reisebüros „Jugendtouristik“ gewesen war, verstand er eben auch, wie man einen Betrieb leitete – er hatte Ahnung von dem, was wir taten.
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Zu unserem 40-jährigen Betriebsjubiläum lernte ich ihn persönlich kennen. Unser Verlag sollte den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen, den uns Krenz überreichen würde. Es war klar, dass ich zu diesem Anlass eine Rede halten müsse. Wie es in der DDR offenbar üblich war, musste ich diese zuvor im Zentralkomitee der SED, Abteilung Sport, zum Absegnen einreichen. Mitarbeiter Rühmann sagte mir nach der Durchsicht: „Du, der Egon hört das Wort ‚Athleten’ nicht so gern – mach da mal lieber ‚Sportler’ draus.“ Obwohl das gegen meine Journalistenehre verstieß, da ich nun unzählige Wortwiederholungen im Text hatte, änderte ich die Passagen und gab sie wieder rüber. Als ich die genehmigte Rede abholte, fragte Rühmann: „Sag mal, wenn der Egon euch den Orden überreicht, musst du doch auch noch ein paar Dankesworte sagen.“ Ich nickte. Das war doch selbstverständlich. „Dann schreib die mal bitte auch auf und lass sie prüfen.“ So ein Schwachsinn – doch ich tat wie mir geheißen.
Die Veranstaltung fand im großen Saal des Berliner Verlages statt. Vor der Tür traf ich Krenz und fragte ihn, ob er denn zu der kleinen Zusammenkunft kommen würde, die im Anschluss stattfand. Doch er erklärte mir, dass er dafür keine Zeit habe. Ich hielt also meine überprüfte Rede und las sogar die Dankesworte vom Zettel ab. Thomas Köhler, der Vizepräsident für Wintersport im DTSB, saß danach neben mir und sagte: „Die Worte zum Schluss hättest du ja wenigstens mal aus dem Stehgreif sagen können Horst.“ Viel zu laut antworte ich: „Können ja, aber nicht dürfen.“ Die Idiotie an der Sache: ich war nicht der Einzige in unserem Land, dem das so erging. Abertausende mussten ihre Reden zuvor von zuständigen Stellen freigeben lassen. Wie viel unnütze Zeit damit verbracht wurde!
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

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Mir erzählte mal ein Kollege, der eine Ansprache vorbereitet hatte, weil ein bedeutender Sportler den „Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ überreicht bekommen sollte, was ihm widerfuhr. Erich Honecker las den Text, machte ein „X“ an die Seite und schrieb an den Rand „großer“. Unser Staatsratsvorsitzender hatte also diese unwichtige Rede persönlich gelesen, um dann lediglich festzustellen, dass derjenige den „großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ erhielt.
Egon Krenz blieb dann doch noch zur anschließenden Verlagsfete, als er hörte, dass ich nicht nur die Funktionäre, sondern auch die Kraftfahrer, Putzfrauen und Aushilfen unseres Verlages eingeladen hatte. Das gefiel ihm.

Doch schon 1990 hörte mein Land auf zu existieren. Der Niedergang mit den vorangegangenen Massenfluchten über Polen, Ungarn und die CSSR und der spätere Mauerfall erfolgten jedoch in einem Tempo, das nicht nur mich vollkommen überraschte.
Honecker hatte kurz davor noch geschwafelt: „Wir weinen niemandem eine Träne nach, der unser Land verlassen will.“ Ich hatte mich entsetzt in der folgenden Parteiversammlung zu Wort gemeldet und gesagt: „Ich teile diese Auffassung nicht. Ich weine den Leuten Tränen nach, denn es kann doch nicht sein, dass wir hier den Sozialismus errichten wollen und so viele Leute unser Land verlassen.“ Dass ich dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, zeugte allerdings schon davon, dass wir am Scheideweg standen. Ein Parteiverfahren wäre üblich gewesen.

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

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Mitte September 1989 waren wir zusammen mit den Senioren (ehemaligen Mitarbeitern) zu unserem jährlichen Betriebsausflug aufs Land aufgebrochen. In dem Ort und an der Kirche hingen große Aushänge mit Forderungen, die ein so genanntes „Neues Forum“ verbreitete. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Ich glaube, wir sollten lieber nach Berlin zurückfahren, wer weiß, was hier heute noch passiert.“ Alle stimmten mir zu und so brachen wir den Aufenthalt ab. Es war uns – im eigenen Land – zu gefährlich geworden, denn selbst die Menschen, welche die DDR nicht aus Wut und Enttäuschung verlassen hatten, begehrten nun auf.
Noch einen abschließenden Satz zum Ende unserer Republik: Ich wollte nicht, dass die DDR untergeht, denn ich baute sie ja maßgeblich mit auf. Seit ihrer Gründung hatte ich mich für einen gerechten und lebenswerten sozialistischen Staat auf deutschem Boden eingesetzt. Dass in diesem Land unzählige Fehler gemacht wurden und wir meilenweit von den einstmals gut gemeinten Zielen entfernt gewesen waren, bestreite ich allerdings nicht.
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Breslauer Lerge – Zurück in der Heimat

28. März 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag

Foto: Sportverlag


Im Jahr 1953 hatte ich zum ersten Mal das Glück, die Internationale Friedensfahrt als Berichterstatter des Sportechos vom Start bis ins Ziel mitzuverfolgen. Erst zum zweiten Mal war die DDR in das größte Etappenrennen der Welt für Radamateure mit einbezogen worden und diesmal hieß der Streckenverlauf: Prag – Berlin – Warschau. Vom ersten Tag an war es ein einzigartiges Erlebnis gewesen, diesen Tross zu begleiten, doch mit besonderer Spannung sah ich jenem Tag entgegen, an dem wir die Grenze zu Polen überschreiten sollten. Nach nunmehr acht Jahren konnte ich mir endlich ein eigenes Bild von den Verhältnissen in unserem Nachbarland machen und die Stadt besuchen, in der ich einstmals groß geworden war. Natürlich lasen auch wir in den westlichen Gazetten von den schrecklichen Zuständen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und ehrlich gesagt, einigen „Originalberichten“ schenkte sogar ich Glauben.

Sportverlag Berlin

Sportverlag Berlin

Am Morgen des 11. Mai überschritt ich also die Neißebrücke, die Görlitz mit dem polnischen Zgorzelec verbindet, und begleitete den Tross in Richtung Wroclaw – meiner ehemaligen Heimatstadt Breslau. Natürlich sah ich einige Ruinen am Straßenrand, beobachtete Menschen, die noch immer damit beschäftigt waren, ihre zerstörten Dörfer und Städte wiederaufzubauen, doch von „Verwahrlosung und unbestellten Äckern in Westpolen“ konnte nun wirklich keine Rede sein. Der erste Eindruck war eher der, dass die polnischen Menschen mit der gleichen Beharrlichkeit wie wir und oftmals in Eigeninitiative versuchten, ein neues Land zu errichten. Bis zum Horizont erstreckten sich goldgelbe Felder und plötzlich tauchte sie auf: die schönste Stadt der Welt.

Privatsammlung Höcker

Privatsammlung Höcker

Ich habe damals alle Berichte über meine Heimatstadt gelesen. Noch im April 1945 – der Krieg war fast überall schon vorbei – wurde hier geschossen. In der „Festung Breslau“ wurde um jedes Haus und jede Straße ein aussichtsloser Kampf geführt – so hatte es die Partei und SS beschlossen. Gauleiter Hanke ließ hunderte Menschen an die Wand stellen und erschießen, nur weil sie sich gegen die sinnlose Zerstörung wandten und womöglich das Wort „Kapitulation“ in den Mund genommen hatten. General Niehoff, der sein Hauptquartier auf der Sandinsel der Unibibliothek aufgeschlagen hatte, ließ all die wertvollen alten Handschriften, Bücher, Stiche und Landkarten in die unweit gelegene Annenkirche verbringen. Wenige Tage später brannte das von einer Granate getroffene Gebäude lichterloh und über 400000 Bücher und Schriften gingen in Flammen auf. Der vor den Toren der Stadt gelegene Flughafen war da schon von den Sowjets eingenommen worden und Gauleiter Hanke ließ das Gebiet zwischen Kaiserbrücke, dem Scheitnitzer Stern und der Passbrücke in die Luft sprengen und platt walzen, um dort eine neue Landebahn zu errichten. Unzählige historische Gebäude wurden in diesem Wahn vernichtet und von diesem Flugplatz startete eine einzige Maschine: die des braunen „Festungskommandanten“ Hanke, der so aus Breslau floh.

Privatsammlung Tix

Privatsammlung Tix

Fast alle Fabriken waren durch die Durchhaltetaktik bis auf die Grundmauern zerstört worden und der Teil der Südstadt, in der sich die Belagerungsfront befand, wurde während der Kämpfe in eine Wüste verwandelt. Die Stadt stand noch immer in Flammen, als die Sowjets die Verwaltung an polnische Behörden übertrugen. Die Zerstörung der Stadt, in der vor dem Krieg noch 630000 Menschen wohnten, betrug 68 Prozent.

Einen ganzen Nachmittag und Abend lief ich wie parallelisiert durch die Straßen und war kaum ansprechbar. Oftmals standen mir Tränen in den Augen, wenn ich nach Gebäuden oder Straßen suchte, die nun einfach nicht mehr existierten.

Doch überall waren auch deutliche Zeichen des Wiederaufbaus zu sehen. Die PAFAWAG-Werke interessierten mich, die ich noch aus der Zeit vor dem Krieg als „Linke & Hoffmann“ kannte. Das Werk für Güterwagons stand mehrere Wochen unter starkem Beschuss und man konnte 1945 sicherlich nicht mehr von einer Fabrik sprechen. Die erste Belegschaft bestand im Juli 1945 aus den historischen „Sieben von der PAFAWAG“. Bei meiner Besichtigung arbeiteten hier schon wieder über Tausend Menschen. Das fast neu errichtete Werk galt als eines der modernsten in Polen, gehörte zu den größten Waggonfabriken Europas und exportierte seine Produkte in die ganze Welt.

Auch für eine Stippvisite meiner alten Wohngegend und der ehemaligen Hydrometer AG, in der ich meine ersten Schritte ins Berufsleben machte, reichte die Zeit.

Privatsammlung Tix

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Auch dieses Werk war bei den Kriegskämpfen fast völlig zerstört worden und die Nazis hatten den Wasserturm, das Kesselhaus und das Gerätewerk gesprengt. Inzwischen war hier eine Wassermesserfabrik praktisch neu entstanden, die wesentlich moderner und zweckmäßiger anmutete. Auch sie war mit ihrem Produktionsvolumen die größte ihrer Art in Europa. Der Aufbau war in Wroclaw im vollen Gange, denn überall gab es neu errichtete Wohnviertel mit Kinos, Kulturstätten und Krankenhäusern. Mit eigenen Augen konnte ich sehen, wie an der Wiederherstellung der alten Kulturdenkmäler, wie dem weltbekannten Rathaus und dem Dom gearbeitet wurde und dass in der Universität des Landes wieder viel Leben herrschte.

Privatsammlung Tix

Privatsammlung Tix

Natürlich würde die Stadt nicht wie Phönix aus der Asche steigen, doch die Zahl von 400000 Einwohnern, die hier mittlerweile wieder lebten, bewies nachdrücklich, dass es keine „tote Stadt Breslau“ gab. Reinste Propaganda.
Und da waren ja auch noch die Menschen. Das Kriegsende lag gerade einmal acht Jahre zurück, jeder kannte nun die schrecklichen Geschichten über das Warschauer Ghetto oder Auschwitz, doch mit welcher Herzlichkeit wir hier empfangen wurden, haute mich schlichtweg um. Überall wimmelte es von begeisterten Jungs und Mädchen, die uns umringten und sogar mich – den Journalistenneuling – nach Autogrammen fragten. Ältere ehrwürdige Herren nahmen uns freundschaftlich in die Arme, sprachen immer wieder von den „guten Nachbarn“ und bildschöne Frauen in schicken Kleidern blinzelten uns zu. Das hatte ich nicht erwartet!
Erstmals begriff ich, dass diese Friedensfahrt nicht nur ein überragendes sportliches Ereignis war, sondern dass sie auch zur Verständigung zwischen den beiden Ländern diente und den Blick für das Neue öffnete.

Sportverlag Berlin

Sportverlag Berlin

Heute – in einem geeinten Europa – ist es für mich als „Breslauer Lerge“ nur noch ein Katzensprung in die Stadt an der Oder und wenn ich den Ring entlanglaufe, bin ich kein Heimwehtourist. Ich bin sogar regelrecht Stolz, dass dieses wunderschöne Wroclaw mit seinen zahlreichen Brücken nun Venedig Polens genannt wird. Die dortigen Bewohner kann man nur beglückwünschen, denn sie haben eine richtig gute Entscheidung bei der Wahl ihrer Heimat getroffen.

Hier gehts zum zweiten Teil von Breslauer Lerge und hier kann man den ersten Teil lesen.

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Breslauer Lerge. Kurz vor der Hölle – Teil 2

1. März 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog
Historische Postkarte

Historische Postkarte

Mein Sohn Klaus war etwa 13 Jahre, als mich einmal mein alter Kumpel Heinz Sachse in Berlin besuchte. Wir redeten in der Küche stundenlang über unsere Jugend und den Krieg – und haben uns kaputtgelacht! Klaus sagte am nächsten Tag bestürzt: „Also wenn man euch so reden hört, wünscht man sich ja fast, dass wieder Krieg ist.“ Ich verstand was er meinte, doch wenn man so eine schlimme Zeit überlebt hatte, will man das Erlebte verdrängen und redet nur noch über die schönen Dinge.

Bei Hitlers Machtantritt 1933 war ich noch keine acht Jahre alt. Zur damaligen Zeit war ich in den Augen der neuen Machthaber ein so genannter „Vierteljude“, da ein jeder Deutsche dazu verpflichtet wurde, seinen Stammbaum drei Generationen zurück nachzuweisen. Mein Großvater mütterlicherseits, der die Nazi-Zeit glücklicherweise nicht mehr erleben musste, war Jude und trug zudem mit „Kohn“ einen typisch jüdischen Namen. Zunächst bekamen wir keine Probleme. Dennoch erinnere ich mich an jenen Novembertag ’38, als man sich überall erzählte, dass die Synagoge in Brand gesteckt wurde und die eintreffende Feuerwehr nur das daneben liegende Polizeipräsidium vor den Flammen geschützt hatte. Ich weiß noch, dass es nach dieser Nacht unzählige jüdische Läden am Ring nicht mehr gab. Auch waren plötzlich einige Nachbarn „umgezogen“ und meine Eltern tuschelten nun öfter in der Küche.

Privatsammlung Höcker

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Tante Agnes klebte sich sogar „arisch“ unter „Kohn“ auf das Klingelschild, damit man sie in Ruhe ließ. Ich verstand das alles nicht, auch nicht, dass sie mir immer, wenn ich in HJ-Uniform bei ihr erschien, mit dem Nudelholz hinterher rannte. Ich dachte, sie mache Spaß, denn ich war ja ein glühender Anhänger und marschierte mit meiner Gefolgschaft immer singend durch die Straßen. Meine Jugend war also eher eine Mischung aus Schule, Schwimmverein und dieser neuen Gemeinschaft der Hitlerjugend.
Ich sah darin nichts Verwerfliches, denn viele Lehrer, Radiosendungen und Zeitungsberichte ließen mich glauben, dass es nichts Ehrenwerteres gäbe.

Zu Hitlers Geburtstag bekamen wir immer eine Bockwurst mit Brötchen und als er 1934 einmal zu Besuch nach Breslau kam, war das ein gigantisches Volksfest. Überall hingen Transparente, unzählige Buden waren aufgebaut und fast alle schwenkten Hakenkreuzfähnchen hinter den Absperrungen der SA-Truppen. Unzählige BdM-Mädels mit geflochtenen Zöpfen versammelten sich vor dem Rathaus und Kreischten: „Lieber Führer sei so nett, komm zu uns ans Fensterbrett. Heil, Heil, Heil.“ Unvorstellbar? Nein! Auch ich reckte den rechten Arm zum „Deutschen Gruß“, als er dann endlich erschien.

Historische Postkarte

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Natürlich wunderte ich mich, dass meine Eltern diese Euphorie nie teilten und erst Jahre später ahnte ich, dass sie mit einem stolzen Hitlerjungen als Sohn nicht über politische Einstellungen haben sprechen können – es wäre für uns durchaus gefährlich gewesen, wenn ich mich in der Schule verplappert hätte.
Meinem Vater, dem langjährigen SPD-Mann und Gewerkschafter war das Hitlerbild, welches ich in der Stube anbringen lassen wollte, gleich zweimal heruntergefallen. Er war eigentlich ein Handwerker mit „goldenen Händen“ und ich begriff nicht, dass es pure Absicht gewesen war. Der „Führer“ hatte bei uns nichts zu suchen und auch in der Nachbarschaft grüßte man sich weiterhin mit „Guten Tag“ statt mit „Heil Hitler“.

Um zu beschreiben, wie schwierig es für mich war, diese Welt zu verstehen, ein Beispiel aus späteren Zeiten: Auf einer Messe traf ich jemanden, der Goldmann hieß. Schnell stellte sich heraus, dass auch er eine „Breslauer Lerge“ war. Mit dem Wissen über Verfolgung und KZs fragte ich etwas genauer nach, da der jüdische Name Goldmann in der damaligen Zeit praktisch nicht mehr existierte. Bis er erwähnte, dass er damals noch Quiel hieß. Ich schaute ihn an und rief: „Mensch du bist das! HJ-Gefolgschaft 27.“

Historische Postkarte

Historische Postkarte

Obwohl die Kriegsvorbereitungen überall in vollem Gange waren, lebten wir auch zu dieser Zeit – gefühlt – in einer normalen Welt. Im September 1939 spielte mein Vater mit einem Kollegen und Rudi, dem Freund von Tante Agnes, bei uns zu Hause Skat, als wir im Hof militärisches Stiefeltrampeln hörten. „Jetzt hol´n se mich“, rief Vater und tatsächlich hievte er noch an diesem Abend den Pappkarton vom Schrank in dem seine Wehrmachts-Uniform lag und zog wenige Tage später in seinen zweiten Krieg. In den folgenden Monaten stimmten die Erfolgsmeldungen aus unserem Volksempfänger noch mit den Berichten meines Vaters überein. Wir bekamen unzählige Briefe, in denen er uns schrieb, dass es ihm gut ginge und der Krieg bald gewonnen sei. Als er das erste Mal auf Heimaturlaub am Breslauer Hauptbahnhof ankam, sah er aus wie ein „Paket auf zwei Beinen“, so viele Geschenke brachte er mit. Sogar eine geschlachtete Ziege, die wir in einem großen Fest mit den Nachbarn verspeisten, schleppte er in einem Zinkeimer an. Auch für Familien von Freunden, die mit ihm an der Front waren, hatte er stets etwas dabei. Als ich nach dem Krieg einmal bei Heinz Schreckenbach in Westdeutschland klingelte und „einen schönen Gruß von Bruno Schubert“ bestellte, rief seine Frau aus der Küche: „Ach der Horst – das ist ja schön!“ Sie kannte mich nur, weil ich als Jugendlicher zweimal die Präsente meines Vaters vorbeigebracht hatte.

Privatsammlung Höcker

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Ich wurde zunächst von der Hydrometer AG nach der Ausbildung übernommen und 1942 zum Reichsarbeitsdienst in den Sudetengau nach Wichstadl einbestellt. Auch wenn wir dort Bäume fällten und Gräben aushuben, war der „Ehrendienst am deutschen Volke“ militärisch organisiert. In erdbrauner Uniform und mit einer Mütze, die wir aufgrund ihrer Form „Arsch mit Griff“ nannten, sollten wir Achtung vor körperlicher Arbeit bekommen. Ich machte mich wohl ganz gut, denn man wollte mich als Ausbilder da behalten. Eines Tages rief mich der Oberfeldmeister zu sich und sagte mir ab, da ich ja wohl ein „Nichtarier“ sei. Ich akzeptierte es, ohne zu hinterfragen, warum nur Leute mit „Ariernachweis“ andere Menschen ausbilden dürfen. Wahrscheinlich war es mir sogar recht, denn ich wollte ja sowieso lieber als Technischer Zeichner arbeiten.

Doch Ende 1942 kam der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht.
Am ersten Tag mussten wir uns um 10 Uhr im Wehrbezirkskommando melden und da ich meinen Kumpel Edmund Schuster unterwegs traf, verquatschten wir uns, sodass wir zu spät erschienen. Der Buchstabe „S“ war schon durch und so saßen bald nur noch wir auf den Bänken im Gang. Ein Offizier kam heraus und rief: „Ist hier noch jemand, der nicht aufgerufen wurde?“ „Ja, wir!“, nuschelten wir kleinlaut. Wir hatten mitbekommen, dass bisher alle nach Brieg, unweit von Breslau, einberufen wurden.

Historische Postkarte

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„Na das passt ja“, rief er, „ich brauche noch zwei Leute für die Kaserne in Breslau am Schwimmstadion.“ Wir schmunzelten und freuten uns, dass Zuspätkommen beim Militär sogar noch belohnt wurde. Gut gelaunt fuhren wir los, doch der Posten am Eingangstor sagte verwundert: „Die Ausbildungskompanie ist nicht mehr hier.“ „Wo ist die denn jetzt?“, fragte ich entsetzt. „Na in der Kürassierkaserne.“ Volltreffer! Das war in unmittelbarer Nähe von meinem Zuhause – besser hätte es nicht laufen können. Als wir die Anlage erreichten, war es bereits später Nachmittag. Wir meldeten uns beim Hauptfeldwebel, der uns mit den Worten begrüßte: „Unsere Rekruten beginnen doch erst nächste Woche.“ Edmund reagierte trocken: „Das ist ja nicht so schlimm, dann kommen wir eben erst nächste Woche wieder.“ „Nee, nee Jungs, wer hier einmal hineingekommen ist, kommt so schnell nicht wieder raus“, antwortete der neue Vorgesetzte grinsend.

In der Kleiderkammer händigten sie uns die Uniform und alle anderen Utensilien aus, doch als wir unsere Stube betraten, beobachteten wir, dass nach und nach die Leute die Kaserne wieder verließen. Ungläubig fragte ich einen Kerl: „Habt ihr denn Ausgang?“ Er antwortete beiläufig: „Bei uns gibt es keinen Ausgang. Wir haben um 18 Uhr Dienstschluss.“ Wir schlussfolgerten also: da hier viele Bedienstete in der Verwaltung arbeiteten, die einfach nach Hause gingen, fielen sicher auch Rekruten gar nicht auf, wenn sie abends durchs Tor marschierten. „Ihr müsst bloß Glück haben, dass nicht gerade Alarm ist und vor 24 Uhr zurück sein.“ Ich hatte an jenem Tag um 9 Uhr die elterliche Wohnung verlassen und stand also abends um 19 Uhr bei meiner Mutter vor der Tür und fragte, was es zu Essen gäbe. Nachdem sie den Schreck überwunden hatte und ich ihr klarmachte, dass ich nicht desertiert wäre, stellte sie mir glücklich lächelnd einen Teller Bohnensuppe vor die Nase.
Das war also die Wehrmacht. Eine Art Cowboy- und Indianerspiel, bei dem es einfach nur darum ging, Glück zu haben und möglichst clever zu sein. Im Prinzip alles ganz simpel!

Historische Postkarte

Historische Postkarte

Im Februar 1943 brüllte Goebbels im Berliner Sportpalast, seine berühmt berüchtigten Worte: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ und Anfang März, ich war noch keine 18 Jahre, saß ich in einem Zug gen Russland auf dem Weg an die Ostfront. Beim Abschied hatte ich meine Mutter sehr lange umarmt und ihr ins Ohr geflüstert: „Jetzt ist der Vater bald zu Hause, denn nun kommen wir ja und machen Schluss!“ Ich ahnte nicht, dass mich nun die Hölle auf Erden erwarten würde, dass ich meine Eltern und die geliebte Heimatstadt sehr lange nicht mehr sehen würde. An diesem Tag wurde mir ein Stück meiner Identität, ein Teil meiner Vergangenheit und für lange Zeit auch das Gefühl der Geborgenheit genommen.

…lest auch im dritten und letzten Teil dieser Leseprobe wie Schubert 1953 die Rückkehr in seine Heimatstadt erlebte.

Hier gehts zurück zum ersten Teil und zum Weiterlesen: Alles ganz simpel
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Breslauer Lerge – Alles ganz simpel

12. Januar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

Historische Postkarte

Historische Postkarte


“Heimat ist für mich kein Ort sondern eher ein Gefühl. Sie ist oftmals dort, wo meine Familie, meine Freunde und die meisten meiner Bekannten leben. Mein Zuhause lässt sich eher mit einer Empfindung umschreiben: Geborgenheit.
Von 1925 bis 1943 gab es dieses Gefühl nur in einer Stadt an der Oder. Immer wenn ich später Formulare ausfüllen sollte, ermahnten mich gestrenge DDR-Beamte, dass mein Geburtsort Wroclaw hieße. Noch heute muss ich darüber schmunzeln, denn es gibt sicherlich Tausende Menschen, die in Karl-Marx-Stadt und eben nicht Chemnitz zur Welt gekommen sind. „Nein meine Herren. Der Ort meiner Geburt, meiner Kindheitstage und Jugend heißt Breslau!“

Privatsammlung Tix

Privatsammlung Tix

Ich wurde 1925 in den Zeiten der Weimarer Republik im Stadtteil Gräbschen im Westen der Stadt geboren. Unser Haus in der Hochstraße gehörte Bäckermeister Hartmann, dessen Backstube sich im Hof befand. Sein Sohn Heinz war in meinem Alter und immer wenn wir uns unten keilten, schaute meine Mutter auf der einen und die Mutter von Heinz auf der anderen Seite zum Fenster hinaus, quasselten und tranken dabei Lorke. „Guck mal, die Jungs hauen sich.“ „Ach, die vertragen sich auch wieder“, riefen sie sich lachend zu.
Bald zogen wir in die Rehdiger Straße ins Hinterhaus. Wir nannten es Gartenhaus, da sich das vornehmer anhörte. Die Menschen in unserer Gegend grüßten sich herzlich und freuten sich darüber, dass sie den Schuster, Schneider und Gastwirt persönlich kannten. Hier wohnten all meine Freunde und die Schule war unweit am Sauerbrunnen.

Breslauische Sammlung Höcker

Breslauische Sammlung Hoecker

Es ging uns gut, denn meine Eltern hatten immer eine Arbeit. Während meine Mutter Gretel nachmittags die Breslauer Neuesten Nachrichten austrug, arbeitete mein Vater Bruno als Packer bei Stiebler, dem größten Versandhaus für Lebensmittel im Osten Deutschlands, am Zwingerplatz. Wir hatten genug zu Essen – sogar Eisbein mit Sauerkraut gab es ab und an und zu Weihnachten den verzauberten Karpfen polnisch. Die Küche war dann vom Duft seiner markanten Schwarzbiersoße mit Brühe, Gemüse und Fischpfefferkuchen erfüllt. Wir schmissen zusätzlich Knacker und Weißwürste in den großen Topf mit der Tunke und bis zum heutigen Tag wird dieses Gericht an Heilig Abend als „Schubert-Essen“ aufgetafelt.
Die Küche war das Zentrum unserer Wohnung. Hier traf man sich zum Reden, hier wurden die Klöße geformt, die Schulbrote geschmiert, der Streuselkuchen gegessen, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und Skat gespielt; kurz – hier fand das Leben statt. Dass unsere Toilette eine Treppe tiefer war und Vater das Klopapier fein säuberlich aus Zeitungspapier in Streifen schnitt, störte uns nicht. Auch, dass die Wäsche in derselben Blechwanne gekocht wurde, in der ich am Sonntag badete, war völlig normal. Wir wohnten nun sogar regelrecht nobel, denn in der Hochstraße hatten wir nicht einmal Elektrizität und mussten noch die Gasmarken für 19 Pfennig das Stück kaufen.

Privatsammlung Tix

Privatsammlung Tix

Breslau war mit über 600000 Einwohnern eine der größten Städte des Deutschen Reiches und so war es für mich als Kind, gefühlt, fast eine Weltreise bis zum Ring. Unsere Verkehrsmittel waren das Fahrrad und die Straßenbahn und als ich das erste Mal in einem Automobil mitfahren durfte, wurde mir regelrecht schlecht.

Meine kleine Welt bestand bald nur noch aus Schule und Schwimmtraining bei „Borussia Silesia“. Der Verein befand sich im Zentrum und besonders an langen Sommertagen schlenderten wir danach noch durch den gigantischen Bahnhof, von wo aus Züge nach Berlin und sogar nach Paris fuhren. Wir klauten am Naschmarkt ein paar Äpfel, machten aus Jux vor dem steinernen alten Kaiser Wilhelm einen militärischen Gruß, rannten um die Wette den Ring entlang und endeten oft am Rathaus, da dort immer so viel Trubel war. An heißen Tagen sprangen wir abends unter der Kaiserbrücke noch einmal in die Oder und bestaunten vom Ufer aus das Farbenspiel der versinkenden Sonne über meiner wunderschönen Heimatstadt.

Historische Postkarte

Historische Postkarte

Ich war stets ein braver Junge, der in den Kopfnoten – sogar in Betragen – immer eine Eins mit nach Hause brachte. Nur einmal bekam ich richtig Ärger. Ich saß in der Klasse an einer Doppelbank auf der linken Seite und in den Pausen trafen wir uns oft bei mir und setzten uns auf die Fensterbänke. Eines Tages lehnte ich mich dort mit dem Rücken gegen die Scheibe. Von mir unbemerkt löste sie sich aus dem Rahmen, flog auf die Straße und zerschepperte.
Es gab großes Theater, wer den Schaden übernehmen sollte. Zwei Tage später wollte ich Heinz zeigen, wie das geschehen konnte, denn er hatte meine Panne wegen Krankheit versäumt. Ich setzte mich also ans Fenster, drückte meinen Rücken ganz sachte gegen die Scheibe und sie flog tatsächlich ein zweites Mal in die Tiefe. Ich bekam von Lehrer Sanke ein paar Hiebe mit dem Rohrstock und von meiner Mutter gab es zu Hause eine schallende Backpfeife. Sie ließ mich zwei Wochen nicht ins Freibad fahren. Das war die eigentliche Höchststrafe, nicht nur weil man dort die neuesten Bademoden der Mädels bewundern konnte. Vater sagte lediglich: „Na du bist mir vielleicht ‘ne Lerge (Type).“

Pfingsten ’37 fertigte die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft Dänemark in unserem Olympiastadion mit 8:0 ab und begründete damit ihren Ruf als „Breslau-Elf“. Noch Tage später sprachen wir über nichts anderes – auch mit Herrn Sanke. Unser Lehrer war nämlich ansonsten ein feiner Kerl.

Historische Postkarte

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Wir waren nicht nur Fußball-, sondern auch große Karl-May-Fans und gaben uns untereinander Indianer- und Cowboynamen. Bruno Sanke schien das so gut zu gefallen, dass auch er uns bald nur noch mit unseren Fantasienamen anredete: „Old Shatterhand nach vorn an die Tafel.“, oder „Winnetou trägt nun als nächster das Gedicht vor.“ Die Schulzeit verging wie im Fluge. Abitur wollte ich gar nicht machen und meine Eltern hätten sich das auch nicht leisten können. Wenngleich meine Mutter allen erzählte, dass „ihr Schubsele“ (Kleiner) früher immer „Arbeitsloser“ als Berufswunsch angegeben hatte, begann ich eine Ausbildung bei der Hydrometer AG als Technischer Zeichner.

Wir stellten dort Wassermesser in allen Größen und Formen her und in den drei Jahren lernte ich den ganzen Betrieb kennen: die Lehrwerkstatt, die Gießerei, die Automatenwerkstatt und schließlich das Konstruktionsbüro. In der Uhrmacherwerkstatt nebenan ließ ich die Uhren unserer kompletten Familie reparieren. Der Meister, ein großer Kerl mit riesigen Pranken, behob den Fehler meist in Windeseile und packte die Uhr dann in eine Schublade. Er erklärte mir, dass ich sie erst morgen abholen könne, da es ja komisch aussehen würde, wenn sie bereits am selben Tag fertig wäre. Er fragte mich immer lächelnd nach meinen Fortschritten in der Ausbildung und ich erklärte ihm jedes Mal voller Stolz, dass es mir vor allem Spaß mache, Entwurfs- und Montagezeichnungen zu fertigen und diese dann wie ein Gemälde mit „Schb“ – für Schubert – abzuzeichnen. Noch heute ist dies mein Kurzzeichen, nur weil bei der Hydrometer AG das Kürzel „Schu“ schon vergeben war.

Historische Postkarte

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Im Schwimmbad bandelte ich nun mit den ersten Mädels an und in die „Lichtburg“ ging ich provokativ mit kurzer Hose, um meinen Freunden zu zeigen, dass ich auch in diesem Aufzug in die Filme ab 18 hinein käme. Ich hätte mir keinen schöneren Beruf vorstellen können und mein Leben schien, wie auf dem Reißbrett vorgezeichnet zu sein. Eigentlich war alles ganz simpel.”

…lest hier im zweiten Teil wie mein Opa die Nazizeit und den Einzug zur Wehrmacht erlebte.
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Kriegsende vor 70 Jahren – Alles ganz simpel

15. Mai 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Opa SchlittenAnfang Februar 1945 war ich nach einem fast zweijährigen Marsch gen Westen mit meiner Kompanie in der Nähe von Namslau in Niederschlesien angekommen. Wenn meine Söhne später bei Wanderungen jammerten und fragten wie weit es noch wäre, habe ich immer mit „ein Katzensprung“ geantwortet und ihnen erzählt, dass ich schon einmal von Demjansk in Russland bis an die Oder gelaufen bin. „Und die Russen sind gerannt“, war damals ein geflügeltes Wort in unserer Truppe, „und wir immer vor ihnen her!“
Unsere Erwartungen auf einen Sieg waren nach zwei Jahren selbst erfahrener Schlachten weit unter den Nullpunkt gesunken. Ich erlebte diesen Feldzug fast ausschließlich als Rückzug durch zerstörte Dörfer und Städte. Das EK II, EK I und das Infanterie-Sturmabzeichen bekam ich für besonderen Mut – oder Leichtsinnigkeit – in den ersten fünf Monaten an der Front während der letzten verzweifelten deutschen Offensiven. Doch danach war es vorbei mit meinem Heldentum. Glücklicherweise erinnerte ich mich an den Rat meines Vaters, der da lautete: „Wenn es heißt Freiwillige vor, dann schnell zur Seite treten, damit die Freiwilligen vor können!“.Das hat mir sicherlich oft das Leben gerettet. Wahrscheinlich bewahrte es mich auch davor, an Erschießungskommandos teilzunehmen.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich so andere Menschen hätte töten können, denn wenn man in dieser Scheiße drinsteckt, ist klares Denken und menschliches Handeln oftmals nicht mehr möglich. Befehlsverweigerung hätte unter Umständen den eigenen Tod bedeutet. Doch zum Glück bin ich nie in diese Verlegenheit geraten, denn wir hatten immer vernünftige Vorgesetzte ohne „Halsschmerzen“. Um das begehrte Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes zu bekommen, welches als Halsbandorden getragen wurde, verheizten einige ehrgeizige Heroen ihre Einheiten oftmals in besonders riskanten Unternehmungen. Wahrscheinlich wollten viele meiner Befehlshaber irgendwann auch einfach nur noch lebendig zu ihren Familien nach Hause kommen. Sie bekamen also keine „Halsschmerzen“.

Wir waren schon jenseits der Oder, also westlich des Stromes, mit dessen Wasser ich als Breslauer sozusagen getauft worden bin und in dessen Fluten wir uns als Jungen nicht immer vorschriftsmäßig getummelt hatten. Mein Unteroffizier, zwei Kameraden und ich hatten in einem einzeln stehenden Haus am Ortsrand eines kleinen Dorfes Stellung bezogen und russische Panzer T34 rollten auf uns zu. Höchste Zeit also, sich zu verdrücken. Wir vier waren uns da völlig einig. Ich stürmte als Erster hinaus. Warum, weiß ich bis heute nicht. Genau in diesem Moment traf eine Panzergranate das Haus. Ich war schon draußen, als das Geschoß mit einem ohrenbetäubenden Krach detonierte. Meine Kameraden leider nicht.
Eine Außenwand stürzte auf mich herab. Dann wurde alles schwarz über mir. Wie lange meine Ohnmacht, verschüttet unter den Ziegeln, dauerte? Ich habe keine Ahnung. Ein Feldwebel buddelte mich schließlich aus. Er schaute mich mit besorgter Miene an und fragte irgendetwas. Ich griff mir ins Gesicht, schaute gleichzeitig auf meine Hand, meinen Mantel und die große Lache um mich herum. Das viele Blut, der Dreck und der Staub der Ziegelsteine hatten sich zu einem Farbton vermischt, den ich mein Leben lang nicht mehr sehen kann. Orange!

Der Feldwebel war Waffenmeister, wie er unter Hinweis auf zwei, mir riesig erscheinende, Holzkisten sagte, die er mitschleppte. Über die Felder machten wir uns in Richtung Autobahn davon. Ich schrie nach meinen Kameraden, doch er schüttelte nur den Kopf und zerrte mich weiter. Mühsam humpelte ich ihm hinterher. Die Entrüstung des Mannes werde ich nie vergessen, als ich ihn bat, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen und doch um Himmelswillen die blöden Kisten stehen zulassen. Ich weiß nicht, ob das „tausendjährige“ Reich dem Deutschpreußen später noch ausreichend gedankt hatte, ob der Rettung der Dinger. Auf den Kriegsausgang hatte die Korrektheit des Feldwebels jedenfalls keinen entscheidenden Einfluss mehr gehabt.
Ein auf der Autobahn vorbeikommender, schon mit Verwundeten voll gestopfter Sanka lud mich ein. Obwohl ich kaum Schmerzen verspürte, muss ich furchtbar ausgesehen haben und auch mein feldgrauer Mantel leuchtete noch immer in dieser schrecklichen Signalfarbe. Als wir endlich hielten, befand ich mich vor dem Eingang des Elisabethinerinnen-Krankenhauses in der Gräbschener Straße in Breslau, einmal um die Ecke – nur fünf Minuten Fußweg – von der Rehdigerstraße 11 in der wir wohnten. Ich atmete tief durch. Endlich wieder zu Hause!
postkarte rathaus
Den Schwestern, die mich zur Untersuchung bringen wollten, entwischte ich erst einmal. Ich fand ein Telefon und rief in der Bäckerei in der Hochstraße an. Im Gegensatz zu uns besaßen Hartmanns ein Telefon. Von ihm erfuhr ich, dass Muttel (Mutter) zu ihrer Schwester nach Gablonz an der Neiße aufgebrochen und mein Vater noch immer an der Front war. Wo genau konnte er nicht sagen.
Im Krankenhaus, das einem katholischen Kloster angeschlossen war, verarztete man mich provisorisch. Granatsplitter, die dabei in meinem Schädel entdeckt wurden, rührte man zunächst nicht an. Die Schwestern in ihren schwarzen Kutten sorgten sich rührend um uns. Ich glaube sie hätten uns auch Händchen gehalten und ein Gute-Nacht-Lied gesungen, wenn das erforderlich gewesen wäre. Immer wenn wir früher mit unserer HJ-Gefolgschaft 27 an der Kirche und dem Kloster vorbeigelaufen waren, hatten wir respektlos ein Lied gebrüllt: „Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Klosterdach den roten Hahn! Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Kirchendach den roten Hahn!“ – zündet es an, bedeutete das. Jetzt schämte ich mich zutiefst dafür.
Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich recht fit. Erst als ich im Bett lag, kamen die Schmerzen. Sie wurden so stark, dass ich öfter für mehrere Stunden in Ohnmacht fiel. So richtig denken konnte ich eigentlich erst wieder, als ich nach einer wohl mehrtägigen Fahrt mit einem Lazarettzug in Ulm an der Donau landete.

Erst viel später erfuhr ich, dass dies einer der letzten Züge gewesen war, der meine Heimatstadt verlassen hatte, bevor die Schlacht um die „Festung Breslau“ begann, bei der nochmals zigtausende Menschen ums Leben kamen.
Im Ulmer Lazarett diagnostizierte man eine Schädelfraktur und eben diverse Granatsplitter im Kopf. Zum Glück bat ich den Arzt rechtzeitig, in mein rechtes Ohr zu schauen. Dort steckten dann tatsächlich noch unzählige orangefarbene Ziegelstücken, die sie ohne Operation entfernen konnten. Sie wollten mir eigentlich schon den halben Schädel aufschneiden.
Offenbar wehrt sich der Körper gegen Beschwerden und Schmerzen solange man noch in Gefahr ist und gibt erst nach, wenn man sich in Sicherheit wähnt. Ich habe mir diese sehr persönliche Erfahrung nie von Medizinern bestätigen lassen, wie ich es ohnehin vermeide, bei jeder kleinen Unpässlichkeit gleich zum Arzt zu rennen. Geholfen haben mir meine Erkenntnisse später dennoch. Beschwerden, die im Augenblick nicht erwünscht waren, habe ich einfach immer weggeredet.
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In Ulm erlebte ich in den letzten Monaten des Krieges etliche Luftangriffe. Uns Verwundete schaffte man in tiefer gelegene Kellerräume – es waren wohl die ehemaligen Katakomben einer Burg. Und plötzlich kam die Angst. An der Front hatten wir immer in behelfsmäßig ausgehobenen, gammligen Löchern gehockt, die gerade mal so tief waren, dass mein eingezogener Kopf nur Zentimeter unter der Erdoberfläche war. Doch hier im scheinbar sicheren Kellergewölbe hatte ich mehr Angst als jemals zuvor als Infanterist. Überall krachte, bebte und spritzte es und mir kam die Einsicht, dass all die Menschen daheim, Frauen, Kinder und Greise bei den Luftangriffen genauso litten wie wir draußen im Graben.
Ich vermisse diese Tatsache leider bei vielen Beschreibungen des Krieges. Genauso wenig kann ich verstehen, wenn in Schlachtfilmen, die ja heute massenhaft über den Bildschirm flimmern, all jene verherrlicht werden, die keine Angst haben. Was müssen das nur für Dummköpfe sein? Keine Angst zu haben, bedeutet doch nichts anderes, als sich der Gefahr, die auf einen zukommt, nicht bewusst zu sein. Und das ist dumm. Diese Angst zu überwinden, um anderen Menschen zu helfen, sie zu retten oder zu beschützen, das nenne ich Mut. Doch den bekommt man erst im Laufe seines Lebens, schneller oder langsamer – oder niemals.

Ich erinnere mich noch meine „Feuertaufe“. Wir standen im Feld hinter einer Kartoffelmiete, die etwa 1,20 Meter hoch und 15 Meter lang war. An ihrem Fuß war der Länge nach ein schmaler Graben von ca. 30 cm Tiefe ausgehoben, offenbar zum Wasserauffangen bei starkem Regen. Plötzlich setzte feindliches Gewehrfeuer ein. Doch ich rannte nicht etwa leicht gebückt ans andere Ende der Miete, denn ihre Höhe hätte mich ohne weiteres vor Treffern geschützt, sondern kroch angstgeschüttelt, rückwärts, eng an den kleinen Graben gepresst, zurück. Einige Kameraden lachten mich später aus und tatsächlich: in den Monaten danach bin auch ich, ohne mich groß um das Pfeifen der Kugeln zu kümmern und teilweise nicht einmal geduckt, von Deckung zu Deckung gelaufen. Man hatte sich an die Gefahr gewöhnt und wusste: nicht jede Kugel würde treffen. Ich war leichtsinnig geworden. An jenem Tag in Russland rauchte ich übrigens zitternd meine allererste Zigarette und habe erst neulich mit 86 Jahren wieder aufgehört.
Opa und icke
Nach relativ kurzem Lazarettaufenthalt wurden viele, die schon wieder halbwegs auf zwei Beinen laufen konnten, zu regulären Wehrmachtseinheiten versetzt. Mit zwei anderen Infanteriefunkern musste auch ich mich auf den Weg nach Bermaringen, einem Dorf in der Nähe von Ulm, machen. Uns kam das kalte Grausen, als wir sahen, dass die ganze Truppe, mit der wir drei den Krieg nun zu Ende spielen sollten, im kleinen Saal des Dorfgasthauses einquartiert war. Dem Kompaniechef, einem Oberleutnant, erzählten wir deshalb, dass uns in wenigen Tagen Funkgeräte und Fernmeldematerial folgen würden und wir uns deshalb nach einem zweckmäßigeren Quartier umschauen müssten. Er fiel auf unseren Schwindel rein und so erhielten wir eine separate Unterkunft bei einem Bauern in der Nähe der Dorfkneipe. Der winzige Raum mit Sofa und einer Strohschütte war zwar keineswegs luxuriös, aber immerhin konnten wir so in der Nacht und nach einiger Zeit auch am Tage, dem Kompanietrott aus dem Wege gehen.
Der Lange, wie wir ihn nannten, kam aus Kornwestheim und hatte zwei prima Ideen. Zum einen liefen wir abends los, klopften mal hier und da und erzählten etwas von einem geplanten Kompaniefest. Die schwäbischen Bauern waren nicht geizig und schnell hatten wir einen großen Vorrat an Eiern, Speck, Wurst, Butter, aber auch eingelegte Leckereien zusammen geschnorrt. Wir aßen von nun an fürstlich und die Dorfkinder freuten sich über unser Kochgeschirressen, das wir uns täglich bei der Kompanie abholten, damit unser kulinarisches Eigenleben nicht auffiel.
Der zweite Trick war schon etwas krimineller. Wir hatten spitz bekommen, wenn wir im Dunkeln auf unseren Verpflegungstouren durchs Dorf bummelten, dass aus manchen – pflichtgemäß verdunkelten – Hauskellern noch tief in der Nacht Licht drang. Die beiden schönen Töchter unseres Bauern vermuteten, dass da sicher aus Äpfeln, Birnen oder Pflaumen Schnaps gebrannt werde. Das sei zwar verboten, aber alle schönen Angewohnheiten wollten die Schwaben dem Krieg ja auch nicht opfern. Also zockten wir nun auch frisch gebrannten Obstschnaps für „die Kompanie-Feierlichkeiten“ ab. Den Genuss mussten wir allerdings stark limitieren, da einen der Fusel mächtig umhaute.
Mark Scheppert Horst Schubert 2
Und diese lasche Moral schien sich auf die gesamte Truppe übertragen zu haben. Die Kompanie bekam eines Tages ganz neu eingeführte Schnellfeuergewehre geliefert, aber keinen einzigen Schuss passender Munition. Als sich während der Einweisung ein Unteroffizier die Frage erlaubte, wie man denn im Ernstfall reagieren solle, wenn man zwar hochmoderne Waffen aber keine Patronen dazu habe, meldete sich der Spieß zu Wort. Der Stabsfeldwebel – die so genannte Mutter der Kompanie – fragte vor der versammelten Mannschaft ganz trocken: „Aber weiße Taschentücher habt ihr doch wohl?“ Keiner muckte auf, nicht einmal der Kompaniechef. Klar war damit, dass mit unseren Jungs nicht mehr groß zu rechnen wäre, wenn die Amerikaner kämen.
Und die kamen früher als gedacht. Wir wurden in Marsch gesetzt und zogen gen Süden. Bei einem der unzähligen Halte hatte der Kompaniechef seinen Gefechtsstand in einem Frisiersalon eingerichtet. Wir drei Funker saßen bei ihm und zehrten von unseren Bermaringer Obstlerreserven, als es dem Chef gelang, am Radiogerät einen Sender zu finden, der uns über den aktuellen Stand der militärischen Lage in unserem Gebiet informierte. Einen „Feindsender“!
Plötzlich klopfte es an der Tür, die vom Laden zur Wohnung der Friseurfamilie führte. Schnell schalteten wir aus und öffneten leichenblass die Tür. Vor uns stand die Friseursfrau und stammelte: „Wir haben oben in der Wohnung auch noch einen zweiten Lautsprecher.“ Langsam kehrte die Farbe in unsere Gesichter zurück. Für das „feindliche Mithören“ hätte uns die Frau auch beim Ortsgruppenleiter der NSDAP verpfeifen können. Zu jener Zeit wurden dafür sogar noch Zivilisten gehängt. Hat sie aber nicht.
Am Tag, als wir die Iller überquert hatten, versammelte der Bataillonskommandeur alle auf einer Lichtung. Er kam, wie zu Kaisers Zeiten, auf einem Pferd angeritten, stieg ab, hinkte gotterbärmlich die gesamte Aufstellung ab und verkündete, dass er das Bataillon am kommenden Tag ordentlich, diszipliniert und in allen Ehren an die Amerikaner übergeben werde. Wer zufällig in unmittelbarer Nähe zu Hause wäre, könne ja versuchen, die Heimat ohne den Umweg einer Kriegsgefangenschaft zu erreichen. Mein Freund Heinz Böder und ich befanden, dass unsere Heimatstädte Berlin und Breslau eigentlich in unmittelbarer Umgebung wären. Wir verkrochen uns in einer Scheune, süffelten den Rest unseres Schnapses und hörten in der Nacht nicht einmal die ersten durchfahrenden Amis. So einfach, ganz simpel, endete für mich der zweite Weltkrieg im April 1945.
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Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel” im Buchhandel
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Nachtrag: 2012 war ich, der Enkel, erstmals mit Freunden zu Besuch in der Heimatstadt meiner Großeltern – und Wroclaw ist eine großartige Stadt mit superfeinen Menschen!
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Alles Gute zum 90igsten!

3. Mai 2015 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Cover Alles ganz simpel - DruckMein Opa ist ein „Geschichtsbuch auf zwei Beinen“, denn er hat fast ein komplettes deutsches Jahrhundert hautnah erlebt.
Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und zwei Kriegsgefangenschaften. Die Gründung und den Aufbau der DDR mit Jobs als Telegrafenarbeiter in Lübben, Dachdecker in Osternienburg, Hilfsschlosser und Technischer Zeichner in den Buna-Werken. Ein Sportstudium an der DHfK in Leipzig und den Berufsstart als Reporter der Friedensfahrt für das Deutsche Sportecho. Den 17. Juni und den Mauerbau. Die Zeit als Verlagsdirektor des Sportverlages in Berlin mit Teilnahmen an Olympischen Spielen und Buchmessen. Den Niedergang der DDR, den Mauerfall und den linken Neubeginn in der Bundesrepublik Deutschland.
Das wollte ich unbedingt aufbewahren und teilen.
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Deshalb bin ich noch heute sehr froh darüber, dass wir zusammen unser Buch “Alles ganz simpel” realisert haben!
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Alles Gute zum 90. Geburtstag, lieber Opa Horst – wir sehen uns nachher zum Anstoßen!
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Amerikanische Kriegsgefangenschaft

30. Januar 2015 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

Opa Portrait
Früh morgens krabbelten Heinz und ich aus dem Stroh. Mein Schädel brummte, was „natürlich nicht“ am billigen Fusel vom Vorabend lag. Wie viele andere hatten wir uns Klamotten von Einheimischen zusammen geschnorrt. Wir verbuddelten unsere Uniform und sahen mit den neuen Sachen endlich wieder wie normale Menschen aus. Als einziges Erinnerungsstück an unsere Soldatenzeit behielten wir ausgerechnet unsere Soldbücher. Vielleicht könnten die uns ja später noch einmal nützlich sein. Die Amis waren durch. Alles, was hinter uns lag, war bereits von ihnen „besetzt“. Wir wollten in Richtung Osten und ließen es, um nicht noch einmal an die Front zu geraten, gemächlich angehen. Als Zivilisten getarnt, gestatteten wir den amerikanischen Truppen immer ein paar Kilometer Vorsprung, bis wir in Seelenruhe hinterher wanderten.
Eile war also nicht geboten und es störte uns auch nicht, dass der Vormarsch nur schleppend vorankam. Wir hatten diesen Krieg nur aus der Perspektive von Infanteristen kennen gelernt und staunten nun über die Vorgehensweise des Gegners. Sie schickten immer erst Panzer vor, zur Not gab es noch einen kurzen Artillerieeinsatz, und erst wenn ganz sicher war, dass in dem zu erobernden Geländestück kein militärischer Widerstand mehr zu erwarten war, kam das US-amerikanische Fußvolk, wobei dieses keineswegs „zu Fuß“ kam. Selbst die Infanteristen liefen hier kaum einen Meter auf eigenen Beinen, sondern saßen Lucky Strike rauchend auf LKWs und vollzogen die Besetzung eines Ortes, indem sie auf dem Marktplatz behäbig vom LKW kletterten.
Natürlich waren wir nicht die Einzigen, die hier herumirrten. Viele fröhlich pfeifende Burschen – meistens zu zweit – bevölkerten die Landstraßen und hilfsbereite Einheimische machten uns rechtzeitig auf Militärkontrollen aufmerksam, die wir dann umgehen konnten. Irgendwann kam uns die Idee, eine Zwischenstation einzulegen.
Bermaringen schien uns dafür besonders geeignet zu sein, da wir dort durch unsere Kompaniefest-Sammlungen eine Menge Leute kannten. Auch die beiden Töchter des Bauern freuten sich sehr, als wir wieder auftauchten.
Nach nur zwei erquicklichen Nächten im Stroh schmissen wir unsere Pläne wieder um, da uns der Bürgermeister ein Angebot machte, dass wir nicht ablehnen konnten. Er schrieb uns eine Bescheinigung in deutscher und englischer Sprache, die uns als ehemalige kriegsdienstverpflichtete Schlosser bei den Magirus-Werken in Ulm auswies. Mit Amtssiegel! Ganz ehrlich: Leckereien, Obstler und Dorfschönheiten hin oder her – es zog uns magisch in die Heimat. Mit diesen Papieren, so glaubten wir, könnten wir nun einen Zahn zulegen.
Klaus Essen

Wir passierten unzählige Sperren mit unseren „Dokumenten“ und niemand hielt uns auf. Schnell erreichten wir den Thüringer Wald, als uns ein älterer Mann auf der Landstraße zwischen Weimar in Richtung Eckartsberga vor einer erneuten Militärkontrolle warnte. Wir grinsten als er mit seinen Pferdchen weiter zog. Mit unseren Papieren würden wir doch keinen Meter Umweg laufen. Doch als wir diesmal vor den sechs bewaffneten Amerikanern standen, verschwand das Lächeln recht schnell aus unseren Gesichtern.
„Bürgermeister guter Deutscher!“, brummte deren Kommandant, als wir unsere beglaubigten Dokumente vorzeigten. „Aber auch guter Nazi!“ In diesem Moment waren wir Kriegsgefangene der US-Army. Ganz undramatisch. Ohne durchgeladene MP oder Hände-Hoch-Gebrülle. Im Verlauf der nächsten Stunden sammelten sie weitere Leute von der Straße ein und verfrachteten sie auf den LKW. Die Fahrt dauerte nicht lange. Unser Gefährt hielt in Kölleda vor der Sparkasse, die augenscheinlich die einzige Behausung im Städtchen war, welche Gitter vor den Fenstern hatte. Man erklärte uns, dass hier bis zum kommenden Tag Station gemacht werde. Viele Einwohner hatten den Rummel mitbekommen und versammelten sich vor unserem ebenerdigen Kerker. Es waren vor allem junge Mädchen, die uns mit allerlei Leckereien durch die Stäbe versorgten. Verhungern würden wir in dieser Nacht definitiv nicht.
Es wurde streng reguliert, wer wie lange am Gitterfenster stehen durfte und als ich mal wieder an der Reihe war, traf mich fast der Schlag. „Mensch Horst, bist du das wirklich?“, kreischte jemand. Ich war’s, und die es rief, war ein wunderschönes dunkelhaariges Mädchen. Mein euphorisch gebrülltes: „Regina“, erschreckte den vor dem Eingang postierten Ami so sehr, dass er mit seinem an die Häuserwand angekippten Stuhl, nach vorne auf vier Beine fiel. Mit Regina hatte ich in Breslau meine Lehre absolviert. Wir hatten uns seit ich eingezogen wurde, nicht mehr gesehen. Obwohl die Wiedersehensfreude durch die uns trennenden Gitterstäbe getrübt wurde, verspürten wir ohne viele Worte ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wir hatten beide die mörderischen Kriegsjahre überlebt!

Das Hauptthema war die Frage, in welches Gefangenenlager sie uns wohl am nächsten Tag bringen würden. Ein Mitgefangener erzählte von Gerüchten, dass in einigen Lagern die Haare geschoren werden, in Naumburg dagegen – dem angeblich besten Lager – nicht. Schon komisch, dass dies unsere größte Sorge war. Wie eitel und ahnungslos wir nur waren.
Am nächsten Tag gab es das große Aufatmen, als wir am Ortseingangsschild von Naumburg vorbei fuhren. Es war ein riesiges eingezäuntes Gelände in dem zigtausende Menschen apathisch auf ebener Erde oder in flachen Gruben hockten. Keine Zelte, keine Baracken, wie man das heute in Filmen immer darstellt.
Wir fuhren durch eine Öffnung im Zaun und mussten absteigen. Nun waren wir also Insassen eines US-amerikanischen Kriegsgefangenenlagers. „Wo muss man sich hier denn registrieren?“, fragte ich einen Herumliegenden. Erstmals erlebte ich, was mit dem Ausdruck „müdes Lächeln“ gemeint ist. Es gäbe keine Registrierung, erklärte er und es interessiere die Amis auch gar nicht, wer und wie viele Menschen in ihrem Camp hausten. Frustriert suchten Heinz und ich ein freies Plätzchen, was gar nicht so einfach war. Fast jeder Insasse hatte nur knapp zwei Quadratmeter zur Verfügung und wer Pech hatte musste direkt neben dem Latrinengraben liegen. Auch der verbale Kontakt mit den Alteingesessenen erwies sich als schwierig, da die in der Regel recht maulfaul waren. Selbst auf die simple Frage nach der Verpflegung gab es wieder nur dieses „müde Lächeln“ und hinsichtlich unseres Durstes eine „lahme Handbewegung“. Irgendwo solle es einen intakten Wasserhahn geben.
Opa erzählt
Unser Gemütszustand sank auf den Nullpunkt, denn auf unseren Wanderungen durch halb Deutschland waren wir zuvor von den jeweiligen Gastgebern geradezu verwöhnt worden. Die meisten hatten ihre Söhne oder Männer noch immer im Krieg und hofften, dass diese in der Fremde genauso gut behandelt würden. Außerdem hatten wir uns fast immer Familien mit Töchtern in unserem Alter gesucht. Es sollte ja nicht langweilig werden. Wenn ich daran denke, dass wir wie Huckleberry Finn und Tom Sawyer mit einem Floß laut lachend auf dem Main in Richtung Würzburg geschippert sind, kommt es mir manchmal sogar so vor, als wäre dies die unbeschwerteste Zeit meines Lebens gewesen.

In Naumburg gab es nur einmal pro Tag Verpflegung. Einen Tag eine Dose Schmalzfleisch, am nächsten eine mit Schmelzkäse, die man mit acht Gefangenen millimetergenau stückeln musste. Auch das Brot gab es aus der Konserve und musste mit Vieren geteilt werden. Die leeren Dosen musste man übrigens aufbewahren, da dort die unfassbar dünne Suppe hinein gegossen wurde, die wir manchmal als Tagesration bekamen. Wer dann kein Gefäß besaß, musste hungern.
Es passierte, dass man an einem Tag, nachts um 1.30 Uhr diese Ration bekam und die nächste erst am darauf folgenden um kurz vor Mitternacht. Das hieß, dass wir manchmal fast zwei Tage gar nichts zu Essen hatten. So geschah es, dass täglich, mitten im besetzten Deutschland, zig Männer verhungerten. Andere starben direkt neben uns an Krankheiten und Erschöpfung. In der Nacht war es nämlich empfindlich kühl und starke Regengüsse prasselten auf uns herab. Lediglich Gefangene, welche sich mit Glück, Geschick und vor allem Brutalität einen Pappkarton besorgt hatten, mit dem sie sich behelfsmäßig bedecken konnten, blieben ein wenig trockener.
Was wurde nicht alles über die Kameradschaft der deutschen Soldaten in guten wie in schlechten Zeiten geschrieben. Hier in Naumburg war davon nichts zu spüren. Jeder war sich selbst der nächste – wichtig war nur das nackte Überleben.
Opa und icke
Tatsächlich hatten auch Heinz und ich nicht vor zu verrecken. Auf dem Gelände entdeckten wir irgendwann die ehemaligen Getreidesilos. Sie waren mit kranken und verletzten Gefangenen belegt und wurden von den Amis mit einem Posten bewacht. Die „Silobewohner“ hatten primitive Zettelchen, die ihnen das Betreten der Anlage gestattete. Nachdem Heinz zwei ähnlich aussehende Papierfetzen besorgt hatte, sprachen wir einen Kriegsverwundeten an. Ich prägte mir das auf dem Zettel Geschriebene ein und fälschte uns zwei solcher „Eintrittskarten“. Als Technischer Zeichner war das ein Leichtes. Endlich hatten wir also ein Dach über dem Kopf, was schon die halbe Miete für ein längeres Überleben bedeutete. Außerdem lagen auf den kahlen Böden überall noch Getreidekörner. Wir sammelten sie eifrig ein, pusteten den Staub heraus und klopften mit einem Stein wichtige Zusatznahrung aus den Hafer-Rispen. Vielleicht rührt daher meine spätere Abneigung gegen Haferflocken, die ich heute nur noch beim Angeln zum Anfüttern benutze.
Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, dass die Amis die ersten Leute entlassen würden – zunächst allerdings nur einfache Soldaten. Ich muss mich noch heute wundern, wie viele Soldbücher plötzlich wieder auftauchten. Auch wir hatten unser Beweismittel – den „Pass in die Freiheit“ – ja glücklicherweise aufgehoben. Schon am Folgetag ging es los und man begann sogar mit dem Silo. Wir mussten in Viererreihen antreten, die Amis zählten 25 Leute ab und dann trottete ein so gebildeter Hunderterblock mit unbekanntem Ziel durchs Lager. Ich hatte mit Heinz ausgemacht, dass wir uns – falls wir uns verlieren würden – in Kölleda bei Regina treffen würden, um von dort aus nach Berlin bzw. Breslau weiterzugehen. Und tatsächlich verlor ich meinen Freund bei der Drängelei zum Antreten aus den Augen. Kurz darauf erfuhr ich, dass es drei verschiedene Gruppen Gefangener geben würde, die über Ent- oder Nichtentlassung entscheiden würden.
1. Angehörige der Waffen-SS und aktive Mitglieder der NSDAP
2. Soldaten, deren Heimatorte in russisch besetzten Gebieten lägen
3. Soldaten, die im besetzten Teil der westlichen Alliierten zu Hause wären
Was mit den drei Gruppen geschehen würde, konnte keiner sagen. Da ich keine Tätowierung der Blutgruppe unter der Achselhöhle hatte, war klar, dass ich nicht bei der Waffen-SS gewesen sein konnte und auch in die NSDAP war ich nie eingetreten. Ich, die Breslauer Lerge, schrieb deshalb in den Fragebogen: „Wohnort: Kölleda, Hauptstraße 17.“ Eine Hauptstraße, vermutete ich, würde es in jedem größeren Ort Deutschlands geben. Und siehe da: ich wurde Gruppe 3 zugeordnet. Am nächsten Tag drückte man mir den offiziellen Entlassungsschein aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft in die Hand. Ein LKW brachte die Leute aus der näheren Umgebung sogar in ihre Heimatorte. Als ich in Kölleda vor der Sparkasse von der Ladefläche stieg, war ich ein freier Mann. So simpel war das wieder einmal für mich.
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Ich kann bis heute kein gutes Wort über diese Wochen verlieren. Mein späterer Kollege Willy Conrad erzählte mir einmal, wie es ihm bei den Russen ergangen war. Dort hatten sie nach knüppelharter Arbeit einmal pro Tag eine heiße Suppe bekommen und 400 Gramm klitschiges Brot. Laut Willy war das jedoch noch mehr als das, was die russische Bevölkerung zu jener Zeit bekam. Und eben mehr, als wir bei den Amis. Doch die Zeit machte den Unterschied. In Russland saßen die deutschen Soldaten oftmals schier endlos erscheinende Jahre fest und viele kamen nie wieder. Als einer von Wenigen überlebte Willy dort und spielte später sogar noch jahrelang bei Chemie Leipzig Fußball.

Mein bester Freund Heinz hatte immer voller Optimismus gesagt: „Sie werden in Berlin alles zerbomben – außer die Prinzenstraße 13.“ Er hatte Recht behalten. Als ich Ende 1945 nach ihm suchte, stand das Haus noch und eine Frau öffnete mir sogar die Tür. Sofort begann die ältere Dame zu jammern, dass sie noch immer nichts von ihrem Sohn gehört habe. Ich beruhigte sie, da ja zumindest klar war, dass er den Krieg überstanden hatte. Nur in Kölleda war er leider nie aufgetaucht.
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Vor ca. acht Jahren blätterte ich aus purer Langeweile im Berliner Telefonbuch. Ich entdeckte einen Heinz Böder im Westteil Berlins und rief einfach mal an. Eine Frau meldete sich und nachdem ich ihr erklärt hatte, wer ich bin, begann sie sofort zu weinen. Ihr Mann Heinz war gerade vor vier Wochen verstorben. Er hatte oft von mir und unseren abenteuerlichen Erlebnissen vor und während der Zeit im „besten Lager“ berichtet. Als sie das sagte, heulte auch ich schon längst Rotz und Wasser. Wir hatten ein halbes Leben lang in ein und derselben Stadt gewohnt und uns trotzdem nie wieder gesehen. Ich hätte ihn sogar zu DDR-Zeiten anrufen können – ja müssen!
Deshalb eine Mahnung an nachfolgende Generationen und dies ist wahrlich kein Gerücht: Ein Krieg lässt einen bis ans Lebensende nicht mehr los.
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Faszination DDR-Sport

5. Dezember 2014 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Opa Sport Mein Opa erzählte neulich: Beileibe nicht nur Rekorde und Medaillen der Olympiasieger machten die Faszination Sport in der DDR aus. Der DTSB hatte bis zur Wende etwa 3,7 Millionen Mitglieder, die sich sportlich betätigten. Das waren immerhin über 20 % der gesamten DDR-Bevölkerung.
Schon im Kindergarten wurde viel wert auf Bewegung gelegt und fast jeder zweite Jugendliche war danach in Schulsportgemeinschaften organisiert. Ich kann versichern, dass die meisten dort freiwillig aktiv waren und sich gerne mit anderen Schulen in Pionierpokalen und Kinder- und Jugendspartakiaden maßen. Für die besten bestand natürlich die Aussicht, in die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Aber auch für jene, die das nicht schafften – zugegeben die meisten – gehörte der Sport danach weiterhin zum Leben. Neben anderen Zeitungen unseres Landes unterstützte das Deutsche Sportecho den Fernwettkampf „Stärkster Lehrling“ und „Sportlichstes Mädchen“ in den Betrieben. Wir waren immer aufs Neue erstaunt, zu welchen Höchstleistungen die Jugendlichen fähig waren. 60 Kniebeugen mit 25 Kilogramm Belastung in 60 Sekunden, 100 Beugestütze in drei Minuten oder 35 Klimmzüge musste man schon bringen, um im Spitzenfeld dabei zu sein. Beim Schlussdreisprung kamen die Besten auf Weiten von bis zu 9,50 Metern. Bei den Mädchen schafften im Seilspringen nicht wenige 150 Seildurchschläge, einige sogar über 200 innerhalb von einer Minute.
Familienwettkampf Für Dich

Auch in den FDGB-Ferienheimen gab es unzählige Sportanlagen. Wer in seinem Urlaub keine Lust auf das heimeigene Schwimmbad, die Sauna, den Volleyballplatz hinterm Haus, oder die Kegelbahn hatte, konnte sich immer noch auf den Tanzabenden sportlich verausgaben. Etliche Leute machten sogar ihr Sportabzeichen während dieser Tage, um ihren Kindern, die das längst in der Schule erlangt hatten, in Nichts nachzustehen. Die eigentliche Funktion des Sports, die Gesundheit zu fördern, war also auch in der DDR stark ausgeprägt. So gab es alljährlich die „Meile“ am Neujahrsmorgen, bei denen einige allerdings nur teilnahmen, um ihren Kater loszuwerden. Ich will hier keine Namen nennen.
Opa erzählt

Das Fernsehen! Die beliebte Reihe: „Mach mit – mach’s nach – mach’s besser“ unter der Anleitung von „Adi“ erfreute sich einer sensationellen Beliebtheit und auch „Mach mit – bleib fit!“ schauten die Menschen gern.
Während der Wochen des größten Amateur-Radrennens der Welt, gab es immer eine „kleine Friedensfahrt“, bei der schon die Jüngsten um die Siegerschleife rangen.
Auch die Frauenzeitschrift „Für Dich“ hatte irgendwann einen „Familien-Wettkampf“ ins Leben gerufen. Eine Übung war dabei beispielsweise, dass man sich auf eine Parkbank stellen und den Rumpf so weit wie möglich nach vorn beugen musste. Wer mit den Fingerspitzen am weitesten unter die Sitzleisten der Bank kam, hatte familienintern gewonnen.
Ebenso gab es das „TTT – Tischtennis-Turnier der Tausenden!“ Als das Ereignis organisiert wurde, waren noch alle pessimistisch, doch schon im ersten Winter traten über 3000 Berliner – also Tausende – in der Sporthalle in der Karl-Marx-Allee gegeneinander an. Dem Beispiel folgten viele andere Städte und eigentlich hätte man den Namen schon bald in „TTZ – Tischtennis-Turnier der Zehntausenden“ umbenennen müssen.
Selbst das mittlerweile sehr beliebte „Wandern“ hatte in der DDR eine ernstzunehmende Anhängerschaft. Viele Menschen liefen schon damals fröhlich auf dem Rennsteig des Thüringer Waldes. Manche wanderten in ihrem Urlaub sogar von Eisenach bis nach Katzhütte. Auch Rad- und Kanutouren und die Wanderungen im Umland von Berlin, welche die Zeitung „Neues Deutschland“ organisierte, waren beliebt. Einige Veranstaltungen gibt es noch heute. Der Sport hatte eben viele Gesichter in der DDR.
Schach

Oftmals wurden über unsere Köpfe hinweg vollkommen hirnrissige Entscheidungen getroffen, da sich die Parteiführung in jede noch so bedeutungslos wirkende Angelegenheit einzumischen pflegte. Kleinste Fehler wurden dann sofort zur Staatsaffäre hochstilisiert. So hatten wir beispielsweise das Pferdesportbuch „Sieger in Sattel und Sulky“ herausgebracht. Irgendein Verrückter hatte sich in einem Beschwerdebrief an das ZK der SED bitterlich darüber beschwert, dass wir dort „Werbung für einen Kapitalisten“ machen würden.
Wir mussten ein Rundschreiben an alle Buchhandlungen der Republik verfassen, in dem wir mitteilten, dass das Buch zurückgezogen wurde und an den Verlag zu schicken sei. In der Neustädtischen Straße ist jedoch kein einziges Exemplar angekommen, denn blitzschnell hatte sich herumgesprochen, dass in dem Werk etwas ganz „Gefährliches“ stehen musste. Es wurde zur „Bückware“ und heimlich unter dem Ladentisch weiterverkauft. Ich bin mir bis heute sicher: 99 % der Leser haben die verwerfliche Stelle nie gefunden, denn im Buch stand lediglich der Satz: „Dieses berühmte Pferd hatte Opel einst seiner Tochter geschenkt.“ Der böse Imperialist, Herr Opel, sorgte also auch in der DDR für Bestseller.
Wenn jedoch ein Buch den Literaturpreis des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) bekommen hatte, war es von heute auf morgen erschossen. Die Bauchbinde „Literaturpreis des FDGB“ vermittelte den Lesern scheinbar augenblicklich: „Das kann man ja sicherlich nicht lesen.“ Obwohl da auch gute Werke dabei waren, hatten die Menschen an vermeintlich „linientreuem Gesülze“ kein Interesse.
Tischtennis

Der Sportverlag war über all die Jahre sicher ein Erfolgsbetrieb. In vielen Jahren haben wir große Gewinne erwirtschaftet und oftmals auch zwei Millionen Exporterlöse – davon eine Million in harten Devisen. Unsere Sportbücher (und Lizenzen) waren auch in der westlichen Welt hoch angesehen, schließlich wurde jedes vierte Buch außerhalb der DDR verkauft. Und wir hätten noch erfolgreicher sein können!
Aus Geldmangel durften oftmals keine Journalisten zu bestimmten Ereignissen geschickt werden. Somit konnten wir natürlich auch nicht vernünftig darüber berichten. Unzählige Sportveranstaltungen wurden von meinen Kollegen und mir „live“ bei Fernseh-Übertragungen geschrieben. Wir taten dabei einfach so, als ob jemand von uns vor Ort wäre und hatten sogar einen „Sepp Stadlmeyer“ erfunden, der dann zum Beispiel von der Winterstudenten-Olympiade berichtete: „Als ich heute Morgen aus dem Fenster meines Hotels blickte, schneite es in dicken Flocken.“ Wir wollten dem Leser das Gefühl vermitteln, dass sich der Reporter in einer winterlichen Berglandschaft befände, während er eigentlich vor der Glotze hockte.
Dennoch war auch das sehr zeitaufwendig, sodass ich mehrere Male bei der Zentrag vorsprach: „Gebt uns doch bitte ein paar D-Mark, damit wir uns einen Videorekorder kaufen können!“ So hätten wir die Veranstaltungen wenigstens aufzeichnen können. Doch das Geld wurde nicht genehmigt.
Auch Mittel für die handlichen, leichten Reiseschreibmaschinen, die es längst in der Bundesrepublik gab, wurden nie bewilligt. Damals durften wir nur mit 20 Kilogramm Gepäck ins Ausland fahren und unsere Schreibmaschinen waren so schwer, dass wir auf manche Dinge verzichten mussten. So kam es, dass etlichen DDR-Journalisten ausgerechnet im Westen ihr Arbeitsmittel kaputt ging. Dann brauchten sie natürlich dringend eine neue Maschine und mussten sie vor Ort kaufen. Das wurde genehmigt. So simpel war das. Aber seien wir mal ehrlich: es wäre auch einfacher gegangen!

Opa Schlitten

1961 fuhr ich erstmals zur Frankfurter Buchmesse. Am Hauptbahnhof gab es eine Vermittlung mit Zimmernachweis und so landete ich, ziemlich weit draußen, bei einer herzensguten Bäckerfamilie. Bei schönem Wetter lief ich manchmal zur Messe, um die Straßenbahn-Tickets zu sparen. Über die Jahre wurden wir Freunde, denn bis 1989 habe ich dort immer übernachtet. Ich sah ihren Betrieb wachsen, die Kinder groß werden und die Gastgeber altern. Vom ersten Tag an ließen sie mich erst aus dem Haus, wenn die große Thermoskanne mit Kaffee gefüllt und der riesige belegte Brötchenberg in meiner Tasche verstaut war. Die Vorräte reichten für mich und unsere Standbesatzung den ganzen Tag.
Die Bäckerei war ein Privatunternehmen und ich staunte fast jedes Jahr aufs Neue, dass sie wieder nicht im Urlaub gewesen waren. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, den Betrieb für drei Wochen zu schließen, sonst hätten sich unter Umständen die Lebensmittelgeschäfte einen anderen Zulieferer gesucht. Jeden Tag um 4 Uhr morgens startete die Teigknetmaschine in den Räumen unter mir und sie hatten oft Angst, dass mich das stören könnte. Doch ich schlief immer tief und fest und fragte mich, ob ich mit diesem Leben tauschen wolle.
Auch dass auf der Toilette altes abgestandenes Wasser vom Wäschewaschen aufbewahrt wurde, das sie zum Spülen benutzten, war für mich ungewohnt. „Wassersparen“ kannten wir in der DDR nicht. Sie erzählten mir zudem immer, wo man in Frankfurt günstig Fleisch, Käse oder Wurst kaufen könne. Ich kannte nur unsere einheitlichen Verkaufspreise und begriff lange nicht, dass es im Westen gehörige Unterschiede gibt.
Obwohl ich immer zwei Stangen filterlose Caro mitgenommen hatte, musste ich mir eines Tages auch einmal Zigaretten in Frankfurt kaufen, da ich meine Schachtel bei den Bäckern vergessen hatte. Völlig ahnungslos ging ich in den kleinen Kiosk und als mich der freundliche Mann fragte, was ich wolle, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: „Eine Schachtel Stuyvesant.“ Die Dinger waren weder filterlos, noch schmeckten sie mir, doch innerhalb weniger Tage in einer Stadt mit riesigen Plakatwerbungen war ich auf die Reklame hereingefallen.
Volleyball

Natürlich habe ich meiner Familie und Freunden immer Geschenke aus Frankfurt oder von Olympia mitgebracht. Auf einer meiner letzten Reisen kaufte ich beispielsweise in der Innenstadt der Mainmetropole vom ersparten Tagesgeld einen weißen Doppelkassetten-Rekorder für Jenny, Juttas Tochter, zur Jugendweihe. Der kostete immerhin 99,- DM und ich fragte die Kassiererin besorgt: „Können wir den nicht wenigstens mal kurz ausprobieren?“ Sie schaute mich verwundert an und antwortete: „Wenn der nicht funktioniert, kommen Sie einfach wieder und wir tauschen ihn um!“ Die Verkäuferin ahnte ja nicht, dass ich erst zur Buchmesse im kommenden Jahr reklamieren könnte.

Im Prinzip schon. In einem Jahr hielt der Zug jedoch, aus Frankfurt kommend, für 40 Minuten am Bahnhof Zoo in Westberlin und da sich ein Kollege ein bisschen auskannte, stiegen wir einfach aus und fuhren mit der S-Bahn zur Friedrichstraße. Der dortige Zöllner fragte uns streng: „Wo kommen sie denn her?“ Wir hatten natürlich reichlich Gepäck und antworteten arglos: „Von der Frankfurter Buchmesse.“ Er plusterte sich jetzt regelrecht auf: „Aber der Zug ist doch noch gar nicht da!“ Wir erklärten ihm, dass wir im Bahnhof Zoologischer Garten nicht 40 Minuten warten wollten, doch er belehrte uns nur: „Für einen Aufenthalt in Westberlin hatten sie keine Genehmigung!“
Kopfschüttelnd wurden wir doppelt und dreifach gefilzt und mussten uns anhören, dass es auch eine Mitteilung an die zuständigen Organe geben würde. Wir waren tagelang unbehelligt durch Frankfurt am Main gelaufen und durften in Westberlin nicht einmal den Bahnsteig wechseln, um früher in unser geliebtes Heimatland zu gelangen? Diese Dummheit ärgerte mich. Leider gab es Tausende solcher Leute in der DDR und die wurden zudem auch noch richtig gut bezahlt!

Kampfreserve
Bei der ersten Armeespartakiade in Leipzig war ich als Leiter des Pressezentrums bestellt. Mit meinem Ausweis hatte ich überall ungehinderten Zutritt und einige Kollegen, die oftmals vor verschlossenen Türen standen, beschwerten sich: „Du hast es leicht, du kommst ja überall hinein!“ Daher wollte ich ihnen beweisen, dass ich mir auch ohne „wichtige Papiere“ Zugang verschaffen könne.
Vor den Eingängen des Stadions standen überall zwei NVA-Soldaten (Nationale Volksarmee) in braun-rot-gelben Trainingsanzügen. Ich packte meinen Ausweis weg und sagte den drei Journalisten, dass sie mal zuschauen sollen. Forschen Schrittes lief ich zu den Bewachern und rief: „Passt mal genau auf, dass in dieses Tor in den nächsten zwei Stunden niemand mehr hineingelassen wird!“ Die beiden nickten, brüllten „Jawohl“ und ließen mich einfach passieren. In ihren Augen musste ich ein General gewesen sein, denn sonst hätte ich ihnen ja keinen Auftrag erteilen können.

Sportverlag DHfK
Fußball war nie meine Sportart gewesen. Nicht, dass er mich nicht interessierte. Es gab einfach bessere und kompetentere Journalisten, die darüber leidenschaftlicher berichten konnten. Im März 1984 war ich dennoch zusammen mit Klaus Schlegel, dem Chefredakteur der FuWo (Fußballwoche), nach Hannover zum Länderspiel gefahren. Es spielte die BRD in einem Testmatch gegen die Sowjetunion und wir sahen ein ordentliches 2-1 der Westdeutschen mit Toren von Litowschenkow, Brehme und Völler. Nach Spielende sagte mir mein Kollege, dass er ganz gerne noch ein Interview mit dem sowjetischen Trainer machen wolle. Doch der war längst in den Räumen einer VIP-Party abgetaucht. Vor dem Eingang standen etliche muskulöse Bewacher und unzählige junge Frauen drängelten sich davor, um ein Autogramm ihrer Helden zu ergattern. Ich lief zum vermeintlichen Boss der Aufpasser, tippte ihn an und rief: „Ihr müsst die Mädels hier mal wegschicken. Wenn man da drin sitzt, sieht das so blöde aus.“ Er schaute mich mit Augen an, die zu sagen schienen: „Okay, der muss hier etwas zu melden haben“, und winkte Klaus und mich durch. Dann kümmerte er sich um den Auftrag, den ich ihm erteilt hatte. Die Autogramm-Jägerinnen wurden verjagt.
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Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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Du bist Olympiasieger! Olympia 1980 Lake Placid

3. August 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

W-1980 Eishockey
Pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 in London gibt es mal wieder einen Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”. Im zweiten Teil berichtet mein Opa, wie er die Olympischen Winterspiele in Lake Placid erlebt hat.
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1980 gaben sich die Klassenfeinde praktisch die olympische Fackel in die Hand. Die Winterolympiade fand in Lake Placid/USA im Bundesstaat New York und der Sommer in Moskau, Hauptstadt der Sowjetunion statt.
Die Athleten aus aller Welt wohnten in Lake Placid in Häusern, die nach den Spielen zu einem Hochsicherheitsgefängnis umfunktioniert wurden. Ein Sportler erzählte mir später, dass er sich an keine einzige ruhige Nacht erinnern kann, da es in diesem Neubau ununterbrochen schallte und die Metalltüren der „Zellen“ derart laut ins Schloss fielen, dass man sofort aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich weiß nicht, ob der US-Verband, deren Spitzenleute in komfortablen Quartieren außerhalb der Stadt untergebracht waren, damit unsere Siegchancen schmälern wollten oder ob das nur eine lustige Idee gewesen war. Die UdSSR holte übrigens zehn Goldmedaillen, die DDR neun und die USA lediglich sechs. Allein fünf davon gewann ein gewisser Eric Heiden. Er siegte auf allen Strecken zwischen 500 und 10000 Metern im Eisschnelllauf und war neben dem US-Eishockeyteam, das die Sowjets überraschend schlug, der große Star beim heimischen Publikum.
W-1980 Heiden

Am Tag als ich erstmals zur Eisschnelllauf-Bahn fuhr, welche von einer wunderschönen Bergkulisse eingerahmt wurde, hätte ich ihn unter den vielen Startern niemals erkannt. Als ich gerade mit einem unserer Trainer sprach, spielten hinter uns an den Hängen der Berge ein paar Kinder mit einem Erwachsenen „Fangen“ und kreischten dabei lautstark vor Freude. „Das da ist übrigens Eric Heiden“, sagte der Trainer und deutete auf den Mann mit der Pudelmütze in der Kinderschar. „Du, der muss doch gleich laufen!“, antwortete ich irritiert. „Das ist ja das Problem. Der gewinnt auch so!“ Richtig! Viermal mit olympischem Rekord und auf der längsten Strecke sogar mit Weltrekord. Heiden war übrigens auch in anderer Hinsicht ein bemerkenswerter Mensch. In einer Pressekonferenz hatte er, der später auch erfolgreich in Radrennen antrat, verkündet: „Es ist wirklich schlimm, dass bestimmte Leute verlangen, dass die USA die Olympiade in Moskau boykottieren sollen. Ich bin darüber enttäuscht.“
W-1980 Heiden 2

Ein Erlebnis beim Rennrodeln werde ich nie im Leben vergessen. Dettlef Günter, unser Olympiasieger von 1976, galt auch in Lake Placid 1980 als großer Favorit. Tatsächlich führte er nach zwei Läufen deutlich, doch tragischerweise stürzte er im dritten auf der anspruchsvollen Bahn. Er konnte sich zwar wieder aufrappeln und über die Ziellinie fahren, fiel dadurch aber auf Platz neun zurück.

Plötzlich war Bernhard Glass unser aussichtsreichster DDR-Medaillenkandidat. Sein Start war zu Beginn der Spiele noch unsicher, da er sich den Finger gequetscht hatte. In einem internen Ausscheidungsrennen qualifizierte er sich jedoch, startete und lag vor dem vierten und entscheidenden Lauf auf Platz zwei. Es führte mittlerweile der Weltklassemann Ernst Haspinger aus Südtirol in Italien.
Den finalen Lauf wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mit Werner Schreier, dem Chefredakteur vom Sportecho, stand ich in der letzten Kurve vor dem Auslauf. Bernhard Glass musste als Erster fahren und ihm gelang eine außerordentlich gute Fahrt, mit der er erstmal in Führung ging. Er nahm seinen Helm ab und stellte sich lächelnd zu uns. Wir gratulierten ihm und warteten gemeinsam auf die kommenden Starter. Dettlef Günther gab noch einmal alles und fuhr eine sensationell gute Zeit im vierten Lauf. Der nächste Rennrodler stürzte.
W-1980 Haspinger
Glass rief neben uns aufgeregt: „Mensch, jetzt ist der Dettlef ja schon Achter“. Der nächste Athlet fuhr langsamer als Glass und Günther und der übernächste stürzte wieder. „Wahnsinn, nun ist der Dettlef ja schon Sechster“, rief Glass glücklich. Und tatsächlich überschlug sich ein weiterer Rennrodler im Eiskanal, bevor endlich der führende Ernst Haspinger an der Reihe war. Für die Goldmedaille hätte er eigentlich nur noch herunterfahren müssen. Bis 150 Meter vor dem Ziel sah es auch gut für den Italiener aus, doch in Kurve 12 riskierte Haspinger zu viel. Sein Schlitten stellte sich in der Einfahrt quer und kippte um. Der Sieg war dahin. Die beiden letzten Fahrer spielten keine Rolle mehr.
W-1980 Glass 2
Bernhard Glass sprang neben uns in die Höhe, ballte die Fäuste und brüllte: „Wahnsinn, da ist der Dettlef ja noch Vierter geworden!“ Wir schauten ihn ungläubig an. Werner Schreier tippte ihm auf die Schulter: „Ja Bernhard. Und du bist Olympiasieger!“ Für einen Moment sahen wir, dass er die Information erst mal verarbeiten musste. Dann murmelte er staunend: „Ach ja!“

Hier geht’s zum Ersten Teil (Olympia 1960 in Rom und 1976 in Montreal)

Im dritten und letzten Teil berichtet mein Opa über seine Erlebnisse bei der Olympiade 1980 in Moskau.

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Schon wieder ‘ne Goldene – Olympische Spiele 1960 in Rom und 1976 in Montreal

27. Juli 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

1976 Turnen

Pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 in London gibt es mal wieder einen Auszug aus meinem Buch “Alles ganz simpel”. Im ersten Teil berichtet mein Opa vor allem, wie er Olympia 1976 in Montreal erlebt hat.
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Meine persönlich erste Olympiade im Sportverlag erlebte ich am Radiogerät und gewissermaßen auf den Straßen von Berlin. Der Boxer Wolfgang Behrendt hatte 1956 in Melbourne die erste Goldmedaille für die DDR im Bantamgewicht errungen. Als der Volksheld in einer gigantischen Parade auf der Karl-Marx-Allee in Berlin empfangen wurde, winkte ich ihm begeistert zu und hoffte einmal im Leben beim größten Sportereignis der Welt, selbst mit dabei zu sein.
Schon 1960 gingen meine Träume in Erfüllung. In einem großen Tross von DDR-Sportjournalisten, Funktionären (und Aufpassern) fuhren wir mit dem Zug nach Rom und wohnten dort in einem Kloster. Zu elft in einem Raum war das weder luxuriös noch ruhig, da mindestens ein Kollege immer Dienst hatte und wir uns fast 24 Stunden die Klinke in die Hand gaben. Doch das fantastische Rom mit seiner einmaligen Architektur und die Atmosphäre, die herrschte, wenn so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern aufeinander trafen, entschädigten für den unruhigen Schlaf.
1960 Vierermannschaft mit Schur-Bild

Die Segelwettkämpfe fanden in der Bucht von Neapel statt. Im olympischen Dorf traf ich einen westdeutschen Kollegen, der in Südamerika lebte und von dort aus auch für das Sportecho Artikel schrieb. Da er für einige Verlage im Westen zudem Fahr- und Testberichte über die neusten Automodelle verfasste, hatte er in Rom wieder einen schicken Wagen zur Verfügung gestellt bekommen. Er sprach mich an: „Ich fahre heute runter nach Neapel zum Segeln und will mir dann mal die Stadt anschauen.“ „Können wir mitfahren?“, rief ich sofort. „Na klar. Ich habe genug Platz im Auto!“ Und schon bestieg ich mit unserem Fotografen Herbert Kronfeld die Luxuskarosse.
1960 Fahnenträger-Bild

Dort angekommen, parkten wir etwas oberhalb des Yachthafens. Ich schaute hinab und erkannte sofort jemanden. „Herbert, komm mal schnell her. Dort unten stehen gerade die Olympiasieger in der Drachen-Klasse. Mach doch mal ein paar Fotos!“ Der ließ sich nicht lange bitten, rannte hinunter und sprach die drei Männer an. Ganz professionell ließ er sie auf- und abmarschieren und gab Befehle, in welchem Winkel sie sich vor ihrem Boot „Nirefs“ aufzustellen hatten. Zufrieden kehrte er zurück, zückte sein Notizbuch und sagte: „Horst, sag mir mal schnell noch die Namen.“ Ich antwortete: „Zaimis, Eskidioglou und Kronprinz Konstantin von Griechenland.“ Herbert sah mich geschockt an: „Das ist jetzt nicht dein Ernst? Das hättest du mir doch mal vorher sagen können. Weißt du eigentlich wie ich den angefahren habe, als er sich nicht in die richtige Position stellen wollte.“ Ich musste grinsen. Er hatte soeben den späteren König von Griechenland herumkommandiert.
1960 Golf von Neapel
Es waren genau diese kleinen Begebenheiten am Rande, die für mich die große Faszination Olympia ausmachten. Geschichten, die man nur dann erzählen konnte, wenn man sie selbst erlebt hatte.

Die Kirche hatte im Vorfeld der Spiele übrigens überall Grundstücke und Immobilien in der Innenstadt gekauft, die sie danach gewinnbringend verkaufen konnte. Überall klebten Plakate: „An Gott kommt niemand vorbei.“ Auf vielen stand schon bald darunter: „Doch! Sante Gaiardoni!“ Als Radsportexperte hatte ich seine beiden Olympiasiege im Sprint und 1000 Meter Zeitfahren im Stadion erlebt und begeisterte mich nun für den Humor der Italiener und die Euphorie um ihren Champion. Gegen Ende der Wettkämpfe war an einigen Transparenten sogar das Wort „Gott“ durchgestrichen und durch „Franco“ ersetzt worden. Auch den italienischen Box-Olympiasieger im Schwergewicht Francesco de Piccoli hatte ich bei einem Kampf live bewundern können. Ich ahnte damals nicht, dass Piccoli wieder in der Versenkung verschwinden und der Junge, der im Halbschwergewicht gewonnen hatte, eine ganz große Nummer werden würde. Sein Name: Cassius Clay.

1960 Segeln-Bild

Auch in Montreal 1976 erinnere ich mich komischerweise zuerst an die Segelwettbewerbe, obwohl ich beileibe kein ausgewiesener Experte für diese Sportart war. Die Regatten fanden auf dem Ontariosee, knapp 280 Kilometer vom eigentlichen Austragungsort entfernt statt und da an einem Tag nicht sonderlich viel los war, fuhr ich mit einem Pressebus hinaus. Dort angekommen organisierte eine befreundete Presse-Verantwortliche, dass ich auf einer Yacht eines einheimischen Motorbootbesitzers mitfahren konnte. Zusammen mit einem schwedischen Kollegen schipperten wir also auf den ozeangroßen See. Sofort bot uns der Kapitän ein Bier an, was wir natürlich nicht ablehnen konnten. Als ich meine 6×6 Praktika herausholte, beugte sich der Schwede interessiert zu mir herüber. Wir brauchten diese Kamera, da unsere Druckerei für ganzseitige Farbaufnahmen nur diese Bilder verwenden konnte. Der Journalist aus dem Norden konnte ganz gut Deutsch. „Ist das noch eine von vor dem Krieg?“, fragte er mich plötzlich. Ich sah ihn erstaunt an und reichte ihm das gute DDR-Fabrikat. „Oh, entschuldigen sie bitte“, rief er, nachdem er sie etwas genauer begutachtet hatte. Das Ding sah tatsächlich antiquiert aus und war zudem riesengroß, doch die Qualität schien auch ihn zu überzeugen. Wir prosteten uns zu und genossen den herrlichen Sommertag. Segeln ist ja relativ langweilig, aber auf unserem Boot war es nach etlichen Bieren sehr lustig. Zufällig wurde unser Jochen Schümann an diesem Tag auch noch Olympiasieger in der Finn-Dinghy-Klasse.
1976 Segeln Schümann

Doch das war ja schon fast keine Sondermeldung mehr. 40 Goldmedaillen sollten am Ende für unser kleines Land zu Buche stehen. Journalisten aus anderen Ländern lästerten schon: „Immer wenn ihr euch trefft, freut ihr euch über die vielen Olympiasieger, dabei wisst ihr ja teilweise die Namen am nächsten Tag schon nicht mehr.“ Ehrlicherweise musste ich das sogar zugeben. Wir hatten in Kanada am Ende tatsächlich die USA (34 x Gold) in der Länderwertung hinter uns gelassen. Das schmerzte die stolze Großmacht, die gerade ihren 200. Jahrestag der Unabhängigkeit feierte, sehr. Auch die Sowjetunion (49 x Gold) vermieste ihnen die Feierlichkeiten.
1976 Rudern 1
Nach den vielen Erfolgen, war ich bei den Ruderwettbewerben so heiser, dass ich kaum noch sprechen konnte und eigentlich wollte ich es nur leise zu unserem Fotografen herüberflüstern. Doch plötzlich war die Stimme wieder da und die gesamte Tribüne hörte meinen Schrei: „Schon wieder ‘ne Goldene!“ Alle schauten mich an – man, war das peinlich. Daran erinnere ich mich noch. Wer allerdings die Medaille für unsere großartige Sportnation gewonnen hatte, habe ich längst vergessen.

DTSB-Präsident Manfred Ewald erzählte mir später einmal, dass der Schweizer Präsident der Internationalen Ruderförderation zu ihm gesagt habe: „Manfred, so geht das aber nicht. Ihr macht das Rudern kaputt, wenn ihr so viel gewinnt.“ In anderen Ländern würden die Fördermittel gestrichen, wenn sie der DDR immer mit fünf Bootslängen hinterher fahren.
Und ein westdeutscher Kollege erzählte mir folgendes: Als er im Taxi in Montreal gefragt wurde, aus welchem der beiden Deutschlands er eigentlich käme und er etwas genervt mit „Bundesrepublik“ geantwortet hatte, drehte sich der Fahrer um und sagte: „Na, da müssen sie sich aber nicht gleich ärgern!“
„Der wusste wenigstens, dass es zwei deutsche Staaten gibt!“, rief mir der Kollege empört zu, denn in den Stadien dieser Spiele war die DDR-Hymne mittlerweile als die deutsche bekannt. Dennoch musste er schmunzeln und klopfte mir auf die Schultern. Bei Olympiaden war es nämlich so, dass wir Journalisten uns untereinander oft sehr gut verstanden. Da gab es kein Ost oder West, sondern nur Sympathie oder Antipathie – wie im normalen Leben.
1976 Schwimmen 4
Neben unserem sensationellen Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski war die Schwimmerin Kornelia Ender 1976 der große Star im DDR-Team. Sie allein holte vier Goldmedaillen und gewann zwei Finalläufe innerhalb von nur 25 Minuten. Bei den 100 Metern Schmetterling egalisierte sie ihren eigenen Weltrekord und bei den 200 Metern Freistil verbesserte sie ihn sogar. Die weltweite Presse war hinter ihr her, als sich eines Tages eine ältere Dame aus den USA im Pressezentrum meldete. „Wen wollen Sie denn sprechen?“ „Kornelia Ender. Das ist meine Enkelin!“ Kein Mensch, so erfuhr ich später, nicht einmal die „Journalisten aus der Normannenstraße“ (MfS) hatte gewusst, dass Frau Ender Verwandtschaft in Amerika hatte. Und das, wo doch jeder und alles hundertfach vorher überprüft worden war. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde das Treffen dann organisiert – so simpel hätte das alles sein können.
1976 Waldemar
Bei meiner Rückkehr von Olympia erzählte mir mein Sohn Klaus immer, dass er ganz gebannt vor dem Fernseher gesessen und geschaut hatte, ob er mich irgendwo entdeckte. Über Montreal berichtete er zum Beispiel folgendes:
Als die kleine Marija Filatowa gerade ihre Bodenkür vollführte, hatte er anerkennend genickt und einen kräftigen Schluck aus der vorsorglich in Reichweite deponierten Bierflasche genommen. Dann starrte er ungläubig auf seine beiden Kinder – meine Enkel. Der zweijähriger Benny und sein vierjähriger Bruder Marko wirbelten, tanzten und sprangen wie wild auf dem Wohnzimmerteppich herum. Sie haben Purzelbäume geschlagen und versucht an den Wänden einen Kopfstand zu machen. Ausgelöst hatte diese außerplanmäßige „Sportstunde“ eine kleine sowjetische Turnerin und beendet wurde sie von der Mutter, die berechtigte Angst um die große Bodenvase hatte.
1976 Turnen 2

Im zweiten Teil berichtet mein Opa, wie er die Olympischen Spiele 1980 in Lake Placid erlebte.

Im dritten und letzten Teil berichtet mein Opa über seine Erlebnisse bei der Olympiade 1980 in Moskau.

Zum Weiterlesen: Alles ganz simpel

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