90 Minuten Leseproben

Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
.

.
Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
.
Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
.
.
.

[Weiter...]


Auf echt gute Freunde – Venezuela 1998

30. Januar 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Palme Klettern… ein rostiger Seelenverkäufer bringt uns nach Puerto la Cruz und mit einem Colectivo fahren wir in das Geheimtipp-Örtchen. Wir werden nicht enttäuscht! Santa Fe ist ein karibischer Traum und wir sind zusammen mit zwei süßen Mädels aus Mainz und Worms die einzigen ausländischen Touristen. Wir finden eine gemütliche Posada und trinken eisgekühlte Cocktails in einer Bar, die mitten auf dem Strand steht. Genau der richtige Flecken Erde, um den Urlaub ausklingen zu lassen.
Mit einem Fischerboot lassen wir uns auf eine Insel des Mochima Nationalparks schippern. Eine Delfinfamilie begleitet schnatternd unseren Weg und als wir das Eiland betreten, wissen wir, dass wir nun endgültig im grün-weiß-blauen Paradies gelandet sind. Große Kokospalmen werfen Schatten auf pulvrigen Sand, der in kristallklarem Wasser mündet. Wir stellen die Kühlbox unter die Bäume und schnorcheln die Küstenlinie entlang. Mit der Strömung lassen wir uns treiben. Aquariumfische begleiten uns über farbenfrohe Korallengärten. Wir sehen Tinten- und Trompetenfische, Seeigel und -sterne, Muränen und sogar einen gewaltigen Rochen. Allmählich verlieren wir das Zeitgefühl beim Eintauchen in eine andere Welt. Die Insel ist im Norden viel schroffer. Raue Felslandschaften und scharfkantige Klippen ragen hier ins Meer. Wir schwimmen von einer Bucht in die nächste und als wir erkennen, dass wir nirgendwo einen Ausstieg finden werden, machen wir uns auf den Rückweg. In kräftigen Zügen müssen wir nun gegen eine starke Strömung ankämpfen. Plötzlich sehe ich Göte aufgeregt mit den Armen rudern und schwimme hinüber. „Scheiße, ich hab einen Krampf“, ruft er mit leichter Panik in der Stimme. ‚Nicht dein Urlaub’, denke ich, denn auch bei den Mainz-Worms-Dantas waren gestern nur Matze und Jenna in die zweite Runde gekommen.
Strand
„Warte!“, brülle ich, hole tief Luft und packe unter Wasser sein rechtes Bein, um den Krampf, wie beim Fußball, herauszudehnen. Schwer atmend tauche ich wieder auf. „Das funktioniert so nicht Scheppi“, röchelt er verzweifelt. Auch die Flut scheint nun einzusetzen, denn das Meer ist auf einmal aufgewühlt und die Wellen werden immer höher. „Halt dich an meinen Schultern fest!“, schreie ich ihn an. Doch obwohl ich ein ganz guter Schwimmer bin, komme ich – mit ihm im Nacken – nur mühsam voran. Langsam werde auch ich unruhig. Doch plötzlich erblicke ich zwei Wesen, die schnatternd unseren Weg kreuzen. Nein, keine Delfine. Matze und Jenna. Abwechselnd nehmen wir Göte ins Schlepptau. Wir kraulen, wie noch nie im Leben und schlucken literweise salziges Wasser. Schließlich gelingt es uns, ruhigere Gewässer zu erreichen.
Noch Minuten später kann ich mein Herz bis zum Hals schlagen hören. Neben mir hustet sich Jenna etliche rote Marlboro aus der Lunge und auch Matze liegt auf dem Rücken im Sand und versucht, wieder gleichmäßiger zu atmen. Nur Göte sitzt im Schatten einer Palme und hat den Kopf in die Hände gestützt. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel und denke nach.
Schnorcheln
Meine vierte Reise nach Lateinamerika geht nun bald zu Ende. Ein Gefühl sagt mir, dass ich bisher oftmals, ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder gereist war. Ich hatte nie richtig hinterfragt, warum ich das überhaupt tat. Einfach nur, um einen weiteren roten Punkt, auf eine imaginäre Weltkarte zu kleben? Was war mir wirklich wichtig gewesen? Andere Kulturen kennen zu lernen, andere Landschaften zu sehen, andere Architekturen zu bestaunen, andere Lebensweisen zu begreifen, andere Menschen zu treffen, andere Bier- und Fischsorten zu testen, andere Musik zu hören, oder anderen Sex zu haben?
Göte kommt nach vorne gelaufen, drückt uns ein Bier in die Hand und stammelt: „Ich muss mich bei euch bedanken. Ihr habt mir eben echt das Leben gerettet. Ihr seid richtig gute Freunde!“ Ich drehe mich nicht um. ‚Vielleicht bin ich ja genau deswegen hier’, denke ich ergriffen. Manchmal muss man eben sehr weit reisen, um in solch einem Moment, genau das zu begreifen: Ja, auch mir ist die Freundschaft mit den Jungs mehr wert, als das Bewundern der ganzen Welt!
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.
.
.

.
.
.

[Weiter...]


Fußball-Prophezeihungen im Jahre 1994 – Fußball-WM in Mexiko

19. August 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

imm031_2A‚Die spinnt doch komplett, die alte Hexe. Das hatte sie doch bestimmt beim Fußball gesehen und will nun die Gringos damit erschrecken.’ Das alte Mütterchen schaut mich mit milchigen Augen an und verlangt das Geld. Ich schmeiße ihr den Peso-Schein wütend vor die Füße und drehe mich um. Jeannet steht neben mir. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen, während ich sie in Richtung Ausgang ziehe. Eigentlich hatte ich mir etwas Positives davon versprochen – eine aufmunternde Geste, eine Aussage, die uns erheitern soll – doch genau das Gegenteil war eingetreten. Bloß weg hier.

Meinen ersten großen Urlaub mit Jeannet wollte ich 1994 wieder im Land meiner Träume verbringen. Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding, bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen, durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen ist. Es fühlt sich gut an, mit einem dicken Reiseführer, einem beendeten Spanisch-Anfängerkurs und vor allem mit dieser hübschen Frau an der Seite, hier zu landen. Aufgeregt zeige ich ihr schon auf der Fahrt vom Flughafen „mein“ Mexiko. Im Autoradio läuft zur Begrüßung „Maná“.

Schon im Vorfeld war klar gewesen, dass es eine andere Reise werden würde. Ich wollte Orte meiden, die ich bereits auf der Tour mit den Jungs gesehen hatte und ein bisschen mehr über die Kultur des Landes erfahren. Bedeutende Pyramiden, historische Sehenswürdigkeiten oder gar Museen hatten wir damals eher gemieden.
imm126_14A
Gleich am zweiten Tag fahren wir ins knapp 50 Kilometer entfernte Teotihuacán. Im Tal des Valle de Mexico stockt uns sofort der Atem, als wir die geheimnisvolle Ruinenstadt das erste Mal erblicken. Ehrfürchtig laufen wir durch das riesige Areal. Ich muss die Stelle im Reiseführer zweimal lesen, um zu begreifen, dass bis heute unklar ist, welches rätselhafte Volk hier einst gelebt hatte. Auf unserem Weg durch die „Straße der Toten“ – gesäumt von heiligen Palästen, Tempeln und den beiden gewaltigen Pyramiden – bilde ich mir ein, noch nie etwas derart Schönes gesehen zu haben. Mir wird ein bisschen schummrig von den schmalen Stufen, die hinauf zur Sonnenpyramide führen, doch Jeannet ermuntert mich, auch die kleine Mond-Schwester zu erklimmen. Erschöpft setze ich mich am Fuße des Bauwerks auf einen Sockel und gönne mir eine Raucherpause.
Eine alte Frau mit faltigem Gesicht und einer schmutzigen, bunt gemusterten Tracht stellt sich vor mir auf und schnappt nach meiner rechten Hand. Obwohl ich ihr Gebrabbel nicht verstehe, ist schnell klar, dass sie mir aus der Hand lesen will. Im Ferienlager hatte ich anderen Kindern früher einmal ihre Zukunft vorausgesagt, indem ich mir anhand der Linien irgendetwas ausgedacht hatte. Ohne groß darüber nachzudenken, rufe ich Jeannet herbei. Die Alte greift sofort nach ihrem Arm und schaut nun abwechselnd in unsere Handflächen. Plötzlich scheint sie etwas zu entdecken. Mit tiefer Stimme murmelt sie etwas vor sich hin, streckt ihre Arme nach vorn und imitiert, hin- und herschwenkend, eine Babywiege-Bewegung. Sie zeigt auf Jeannet, dann auf mich und schüttelt mit dem Kopf. Nochmals deutet sie ein schaukelndes Baby an und verneint gleichzeitig. Jeannet schießt augenblicklich das Wasser in die Augen.
Auf dem Rückweg versuche ich sie zu trösten, denn ich weiß, wie sehr sie sich Kinder wünscht. Die Fußball-WM 1994 war vor zwei Wochen in den USA zu Ende gegangen. Der Brasilianer Bebeto war dort nicht nur durch viele Tore und den Titel weltberühmt geworden. Nach seinem 2:0 gegen Holland war er zur Außenlinie gestürmt und hatte mit seitlich schwingenden Armen ein wiegendes Kind imitiert. Romario und Mazinho hatten sich neben ihn gestellt und synchron mitgeschaukelt. Es war das Bild der WM gewesen. Diesen Jubel hatte man noch nie zuvor gesehen.
Das hatte sicherlich selbst die alte Handleserin mitbekommen, versuche ich mein Mädchen zu besänftigen. Jeannet umarmt mich und flüstert schluchzend „Danke!“ Doch auf einmal stößt sie mich weg, läuft ein paar Meter zurück und brüllt mit erhobenen Stinkefinger: „Bist du bescheuert oder was? Fick dich!“, in Richtung der überrascht aufschauenden Wahrsagerin. Ich muss schmunzeln. Auch diese Geste sorgte während der WM für Aufsehen. Effenberg hatte deutschen Fans bei seiner Auswechslung gegen Südkorea den Mittelfinger gezeigt und war dafür nach Hause geschickt worden. Ich glaube nicht, dass sie das weiß, freue mich aber, dass ihr diese Aktion gut getan hat.
imm119_9A-1
„Dos tequilas por favor“ (zwei Tequila bitte) rufe ich drei Stunden später in einer Bar und drücke die Flasche mit der pikanten Sauce in meinen Taco. Obwohl wir das Aztekenstadion soeben nur von außen besichtigt haben, bin ich glücklich, endlich das Beweisfoto für meinen Alten in der Tasche zu haben. Da die Sauce zu lasch ist, hole ich mir das Gurkenglas vom Tresen. Darin schwimmen rote Chilistücken, Tomaten und Zwiebeln. „Zum Glück kein Koriander drin!“ Ich weiß mittlerweile, dass das petersilienähnliche Kraut jedes Essen nach Seife schmecken lässt. Auch Jeannet strahlt übers ganze Gesicht. Um ihren Hals baumelt eine Kette im onyxschwarz-silbernen Muster der Ohrringe. Die Tante mit der Visa-Karte hatte zugeschlagen und nimmt mich glücklich in die Arme. Sie hat die Geschichte mit dem Baby endgültig vergessen.

In der, für seine spektakulären Panoramablicke bekannten, Pyramidenanlage von Monte Albán werde ich zwei Tage später eines Besseren belehrt. Obwohl die Tempel, Paläste und Fresken der Zapoteken nicht ganz so prachtvoll, wie die von Teotihuacán erscheinen, verströmt der „Weiße Berg“ eine einzigartige Magie. Wir trennen wir uns kurz, um die Anlage mit der Fünf-Sterne-Aussicht, in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Als ich am L-förmigen Ballspielplatz gerade darüber sinniere, dass die alten Indios so ein Feld schon 1000 Jahre vor der ersten Fußball-WM errichtet haben, sehe ich meine Freundin am anderen Ende der Steinterrassen mit Jemandem stehen. Doch erst als sie die Arme hin- und her- schwingt, denke ich: ‚Das darf doch nicht wahr sein’ und renne hinüber. Die arme Frau mit der rot bestickten Bluse, scheint überhaupt nicht zu verstehen, was mein Mädchen von ihr will, doch ich komme zu spät. Jeannet ahmt wieder diese bekloppte Babywiege nach und zeigt mit dem Finger auf ihre Brust. Gebannt schaue ich in die dunklen Augen der Mexikanerin. Vor ihr liegen bunte Armbändchen, die sie hier augenscheinlich verkauft. Doch mit einem Lächeln erhebt sie ihre Hand zu einem Zeichen in den Himmel. Jeannet beginnt zu weinen. Doch es klingt anders – nach Tränen der Erleichterung. Auf den Boden werfen die Umrisse ihrer Finger drei lange Schatten.
„Du Schwein! Du wirst mich also verlassen!“ Wir sitzen vor einem der größten Lebewesen der Welt auf einer Bank und lassen den Tag noch einmal Revue passieren. Der 2000-3000 Jahre alte „Baum von Tule“ ist der wahrscheinlich dickste Baum der Welt, doch Jeannet hat keine Augen für ihn. Sie hatte auf dem Berg noch einmal mit den Armen gewedelt und dann auf mich gezeigt. Die freundliche Verkäuferin hatte bei mir nur den Kopf geschüttelt. „Na wie soll ich denn auch Babys bekommen?“, antworte ich amüsiert. Ich hole mein Taschenmesser aus der Hosentasche und ritze in die Lehne der Bank ein Herz. An die Pfeilenden schreibe ich „J“ und „M“ und darunter „for ever“.
imm083_26
„Pasaporte, Pasaporte“, brüllt der Typ mit dem Maschinengewehr immer wieder. „Scheiße. Schönes Eigentor!“, sage ich zu Jeannet. „Meiner ist im Rucksack.“ Nervös suche ich im Gepäckfach unter dem Bus nach meinem grauen Teil, während sich die Passagiere ihre Nasen an den Scheiben platt drücken. Auch hier – mitten in der Pampa – riecht es nach verbrannten Reifen. Endlich sehe ich das gute Stück, eingeklemmt zwischen zwei schweren Baumwollsäcken. Mit voller Kraft zerre ich am Schultergurt. Langsam bewegt sich das Ding in meine Richtung, doch plötzlich gibt der Trageriemen nach und reißt. Ich verliere das Gleichgewicht und lande auf dem Rücken im Matsch. Mühsam rappele ich mich hoch. Ein kühler Metallgegenstand drückt gegen meinen Schädel. „Pasaporte!“, schreit der Kerl in den Tarnklamotten nun deutlich lauter und nimmt die Waffe wieder runter. Wir fahren mitten in der Nacht durch Chiapas – das Guerillagebiet der Zapatisten.

Noch vor zwei Jahren hatten sich Matze, Göte und ich in diesen Bundesstaat verliebt. Das abgelegene Hochland war seit Jahrhunderten Rückzugsgebiet der Maya und anderer Urvölker gewesen. Nur hier waren religiöse Bräuche, eigene Sprachen und eine kulturelle Vielfalt erhalten geblieben, wie sie es sonst nirgendwo in Mexiko mehr gab. Wir konnten in Dschungeldörfern oder auf Märkten von Kopfsteinpflaster-Städten eine völlig andere Lebensart bestaunen, so als existiere die heutige Zivilisation überhaupt nicht. In Chiapas waren wir in eine andere Welt eingetaucht und begriffen nicht, warum so viele Menschen ihre Heimat gen USA verlassen wollten, während wir in die umgekehrte Richtung fuhren.

Endlich habe ich meinen Pass herausgefischt und reiche ihn mit wackligen Knien herüber. Minutenlang blättert ein zweiter Uniformierter darin herum und vergleicht meine Visage mit dem Passbild. Ich frage mich besorgt, ob es viele Maya-Rebellen mit blonden Haaren und blaugrünen Augen auf deren Fahndungslisten gibt.
Natürlich hatte ich es in der Heimat mitverfolgt. Zu Jahresbeginn waren 2000, seit Jahrhunderten gedemütigte Mayas plötzlich aus den Urwäldern von Chiapas aufgetaucht und hatten verschiedene Städte eingenommen. Die Zapatisten wollten unter der Losung: „Eine andere Welt ist möglich“, ihren Willen zur Selbstbestimmung zum Ausdruck bringen und sogar bis nach Mexiko City weitermarschieren, um den Präsidenten zu stürzen. Doch nach acht Tagen eroberten Streitkräfte der Regierung die Städte zurück und die Rebellen verschwanden wieder im Dschungel.
imm023_22A
Der Armeetyp scheucht mich in den Bus zurück. Einige schauen mich missmutig an, denn wegen mir hatten wir hier so lange gehalten. Trotzdem sehe ich in den Augen auch Erleichterung. Ich hatte, obwohl ich die Ziele eigentlich unterstütze auch schon von Raub und Geiselnahmen gehört. In diesem Fall war es vielleicht ganz gut, dass uns „nur“ die Armee gestoppt hatte.
Schief lächelnd, setzte ich mich neben meine eingeschüchtert wirkende Freundin. „Für ein Eigentor wurden manche auch schon erschossen“, sage ich lächelnd. Vielleicht, um mich selbst ein wenig zu beruhigen, erzähle ich ihr vom Kolumbianer Escobar, der bei seiner Rückkehr von der letzten WM vor einer Bar getötet wurde. Sie kuschelt sich an mich. „Aber der hatte ja wirklich ins eigene Tor getroffen“, rede ich einfach weiter und schaue auf meine modderverschmierten Waden. An meiner Schläfe meine ich noch immer, den Abdruck des Gewehrlaufes zu spüren. Der Bus schlängelt sich halsbrecherisch die Berge empor und einsetzender Regen trommelt aufs Dach. Jeannet ist eingeschlafen.

Umgeben vom dichten Grün des Regenwaldes laufen wir entlang eines Flusses zu den Ruinen von Palenque. Wir hatten uns ganz in der Nähe einen Bungalow gemietet und unsere erste gemeinsame Urwaldnacht in einer unheimlichen Geräuschkulisse verbracht. Überall hatte es gesummt, geraschelt, geknackt, gejault und einige Viecher hatten im Wald sogar regelrecht gebrüllt. Doch im morgendlichen Nebel werden wir für den unruhigen Schlaf entschädigt. Gewaltige oliv- und giftgrüne Pflanzen wachsen direkt vor unserer Hütte oder ranken sich an den Stämmen der Bäume empor und Schmetterlinge umflattern die gelben und roten Blüten. Orangefarbene Früchte hängen direkt vor uns in den Bäumen und – für den kleinen Ossi noch immer wichtig – Bananen auch! Auch der große Palast, der Ballspielplatz und die Tempel der Mayaruinen sind umgeben vom Urwald. Fette Leguane sonnen sich auf den steinernen Stufen und Tukane mit bunten Schnäbeln sitzen in den Bäumen. Warum auch diese einmalig schöne Stadt von ihren Bewohnern einst verlassen wurde, ist nicht nur mir ein Rätsel.
imm027_18A-0
Obwohl Jeannet hier den ganzen Tag herumklettern könnte, überzeuge ich sie, noch heute ein weiteres Highlight zu sehen. Die feuchtwarme Luft und die Mittagshitze machen mir arg zu schaffen. Wir organisieren einen Fahrer und schon um 14 Uhr sind wir in „Agua Azul“ – bei den hellblauen Wasserfällen. Vielleicht hatte ich auch darauf gedrängt, da sich hier erstmals die Wege mit meiner Reise von 1992 kreuzen. Stundenlang war ich mit Matze und Göte in den kaskadenförmig verlaufenden Wasserfällen geschwommen, war von Baumstämmen und Steinplatten metertief in türkisfarbene Becken gesprungen. Sämtliche Verbotsschilder ignorierend, hatten wir uns einfach mit der Strömung von einem Fall zum nächsten treiben lassen. Auch heute springe ich unbekümmert ins Wasser. Um Jeannet zu beeindrucken, erklimme ich eine drei Meter hohe Klippe und hechte vor einem Wasserfall kopfüber in den weiß schäumenden Pool. Ich kenne diese Stelle noch gut. Kurz nachdem ich die Wasseroberfläche berühre, wird alles schwarz.
Als ich die Augen wieder öffne, liege ich auf dem Rücken neben Jeannet am Ufer, die mich schockiert anstarrt. Ein kräftiger Einheimischer mit indianischen Wurzeln beugt sich über mich. Ich fasse mir mit der Hand ins Gesicht. Es ist, wie meine Brust, blutverschmiert. Ich erkenne die schwarz funkelnden Augen des Mannes. Es ist unser Fahrer und ich ahne, dass er mir soeben das Leben gerettet hat. „Gracias amigo“ (Danke Freund), flüstere ich.
imm116_36A-0
Drei Stunden später baumele ich in der Hängematte mit meinem “I killed Laura Palmer Shirt” vor unserer Hütte. Jeannet liegt drinnen unter dem Ventilator und liest. Wir hatten uns ein bisschen gestritten. Sie hatte mir den Scherz: „Na dann wäre wenigstens klar gewesen, warum du drei und ich keine Kinder bekomme“, übel genommen. Bis auf die dicke Beule am Kopf hatte ich nichts weiter abbekommen. Trotzdem wäre ich ohne fremde Hilfe ohnmächtig ersoffen. Von Itzel, die unsere Anlage betreibt, erfuhr ich, dass mein Retter dem Volke der Choles entstammt. In ihren Augen war es kein Zufall, dass genau er mich aus dem Wasser gezogen hatte. Hier im Dorf wird der Kerl überall nur „El Sacerdote“ (der Priester) gerufen.
Über mir ist es längst dunkel geworden. Ich greife mir eine Dose Tecate-Bier und denke über den Urlaub nach. Es ist schön, mit ihr zu reisen. Mit staunenden Augen scheint sie die exotischen Bilder genauso in sich aufzusaugen, wie ich es bei meiner ersten Reise getan hatte. Fast immer wohnen wir komfortabler als in unserer Hinterhaus-Bruchbude in Friedrichshain und jede Nacht kann ich mich an ihren warmen Körper anschmiegen. Allerdings staune ich darüber, wie wenig selbstbewusst sie in Mexiko ist. Alle Entscheidungen überlässt sie mir. Als Paar lernen wir zudem viel weniger Leute kennen. Nicht nur deshalb realisiere ich, dass ich mir so einen Sprung in Zukunft nicht mehr leisten kann. Bei dieser Reise habe ich nicht ständig jemanden an meiner Seite, der mich rechtzeitig aus dem Wasser zerrt.
In Gedanken versunken, schaue ich hinüber zum gegenüberliegenden Bungalow. Dort sitzt „El Sacerdote“ – mein indianischer Lebensretter. Mit zwei Bier bewaffnet gehe ich hinüber, um ihm nochmals zu danken. Er lehnt die Dose lächelnd ab, bietet mir aber den Platz neben sich an. Es entwickelt sich ein holpriges Gespräch. Die ganze Zeit malt er komische Zeichen mit einem Stab in den Boden und versucht mir zu erklären, was sie bedeuten. Doch ich begreife es nicht. Wahrscheinlich sind es Sternenformationen, da er ständig in den Himmel deutet.
imm017_8A
Plötzlich habe ich eine Idee. Wenn er wirklich ein heiliger Priester wäre, dann ist er ja vielleicht auch ein Hellseher. Im Wald finde ich einen Ast und beginne etwas in die schwarze Erde zu kritzeln: 1998, 2002, 2006, 2010. Um jede Zahl ziehe ich einen ovalen Kreis und bitte ihn, eine dieser Nummern anzukreuzen. Grübelnd betrachtet er die aufgemalten Zahlenreihen, doch plötzlich schnappt er sich den Stock und macht etwas vollkommen Unerwartetes. Er malt einen neuen Kreis, schreibt eine Zahl hinein und kreuzt diese an.
Ich kann es nicht fassen. Das ist ja noch so lange hin. Unmöglich! Da wäre ich ja schon über 40. Nein, ich wollte nicht wissen, wann ich mit Jeannet das erste Kind zu erwarten habe. Meine Frage lautete: Wann wird Deutschland wieder Fußball-Weltmeister? Irgendwie glaube ich nicht mehr daran, dass sie es nie wieder schaffen werden. Er hatte sie mir beantwortet: 2014.

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischt Jeannet. Sie tritt unter dem Unterstand hervor und sprintet in den Urwald. Es schüttet, als ob Löschflugzeuge ihre Tanks über uns leeren. Auch ich bin noch geschockt. Es ist gerade etwas aus heiterem Himmel unmittelbar vor meine Füße gefallen. In Sekundenbruchteilen muss wohl auch meine Freundin realisiert haben: Das ist eine fette, haarige Vogelspinne! Obwohl sie vielleicht nur sechs Zentimeter groß ist – wirkt das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen, wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechele Jeannet fast blind hinterher. Der Regen ist so gewaltig, dass meine Augen voller Wasser sind. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brülle ich, doch sie ist bereits stehengelieben und schreit wie am Spieß. Durch den dichten Schleier der Regenwand hindurch sehe auch ich sie plötzlich. Vor uns laufen nun dutzende dieser Ekelviecher umher. Auch für sie scheint der starke Regenguss eine Bedrohung darzustellen und sie ahnen sicherlich nicht, dass ihr wildes Herumirren für uns einem Horrorszenario gleicht. Atemlos und klitschnass erreichen wir den VW-Käfer. Ich ziehe mir alle Klamotten aus und werfe sie auf den Rücksitz. Jeannet ebenso. Plötzlich kracht etwas auf unser Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckere ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Die Scheiben sind schnell beschlagen und der hektisch wedelnde Scheibenwischer kommt nicht mehr hinterher. Aber es ist momentan niemand auf der Straße, außer uns und unzähligen schwarz-roten Vogelspinnen. Wir beruhigen uns langsam und ich beobachte gerührt, wie Jeannet erst mich und dann sich mit einem Handtuch sachte trocken reibt. Sie sieht extrem süß aus, so vollkommen nackt neben mir auf dem Beifahrersitz. Auf einmal fällt mir ein, was ich ihr in der ganzen Aufregung noch gar nicht sagen konnte. Sie hatte mich die ganze Zeit dafür ausgelacht, doch es hatte sich etwas bewahrheitet. Ich bin doch nicht bescheuert oder was? Soeben wurde der endgültige Beweis erbracht!
imm006_19A
Wir haben den Endpunkt unserer Reise erreicht. Ich hatte zwar schon einige schneeweiße Pulverstrände in meinem Leben gesehen, doch die Farben, in denen das Karibische Meer hier schimmert, sind auch für mich neu. Je nach Tageszeit sehen wir hellblaue, türkise, grüne und dunkelblaue Töne. Im beschaulichen Playa del Carmen haben wir eine günstige Hütte gemietet. Es sind nur wenige Touristen hier, sodass wir in den gemütlichen Restaurants oftmals die einzigen Gäste sind. Ein idealer Ort, der geradezu dazu einlädt, einfach mal dem Nichtstun zu frönen.
Mit Matze und Göte war die Reise 1992 in Cancun zu Ende gegangen. Wir hatten zwei Nächte in einem überteuerten Hotel übernachtet und panisch versucht, unseren Rückflugtermin umzubuchen. Uns war das Geld ausgegangen und tatsächlich flogen wir eine Woche früher als geplant in die Heimat. Wären wir damals doch bloß noch ein Stück die Küste entlang gefahren.
In die entsetzliche Touristenhochburg müssen wir diesmal nur kurz. Jeannet hatte endlich einmal die Zügel in die Hand genommen und beschlossen, dass wir uns einen Inlandsflug zurück nach Mexiko City leisten werden. Die Tante mit der Visa-Karte zahlt erst einmal. Für sie sind das „Peanuts“, denn nach dem Mauerfall haben wir uns ganz unterschiedlich entwickelt. Während Jeannet arbeitet und regelmäßig Geld nach Hause bringt, dümpele ich nach wie vor eher gemächlich durchs Leben. Über meine Hamburger Freunde habe ich einen Nebenjob begonnen, der so viel Geld einbringt, dass mein Studium völlig zweitrangig geworden ist. Ich bin zufrieden. Die Kohle reicht für die Miete, einen vollen Kühlschrank, Kneipentouren, Konzerte, Festivals, für Daddelautomaten, Stadionbesuche, einen großen Rosenstrauß für Jeannet und den Mexikourlaub. Eine Kreditkarte besitze ich nicht.
Auf dem Rückweg aus Cancun lassen wir uns an einer Kreuzung herausschmeißen und fahren von der Abzweigung mit einem Taxi nach Puerto Morelos. „Hast du denn überhaupt Badezeug dabei?“, fragt Jeannet skeptisch, als ich mir in einer Bar eine Taucherbrille leihe. Doch vor uns breitet sich ein menschenleerer Sandstrand aus. Nach einigen hundert Metern ziehen wir uns aus und rennen nackt in die 25 Grad warme Badewanne. Jeannet springt mich von hinten an und hält sich an meinem Hals fest. Langsam schlängelt sie sich um mich herum, gibt mir einen zärtlichen Kuss und schaut mich an. Schon vor Tagen hatte ich sie wiederentdeckt. Es sind diese leuchtenden, rehbraunen Augen, die mich zu Beginn unserer Beziehung immer so umgehauen haben. Langsam gleitet sie an mir herab. Dann lieben wir uns.
Erschöpft liegen wir im warmen Sand. Ich hatte mich auf den Bauch gelegt und habe nun das Gefühl, als ob mich irgendetwas von unten zwackt. Ich laufe erneut ins Meer und betrachte, bevor ich den Kopf unters Wasser stecke, noch einmal mein überaus erotisch anmutendes Mädchen.
imm007_18A
Schnell erkenne ich, dass dies hier keine besonders faszinierende Unterwasserwelt ist, doch dafür entdecke ich riesige weiße Muscheln und Meeresschnecken. Diese großen, die man sich ans Ohr hält und dabei den Ozean rauschen hört. Begeistert hole ich sie vom Boden, schmeiße sie im hohen Bogen an Land und sehe erst spät, dass mir Jeannet vom Ufer aus, ganz aufgeregt zuwinkt.
Hunderte durchsichtige Krebse krabbeln nun aus Löchern im Sand und auch einige größere, graue sind in den Mulden zu sehen. „Die Mistdinger haben mich in den Po gezwickt“, ruft Jeannet lächelnd. Ich strahle zurück. Was für ein schöner Nachmittag. Voller Harmonie und neuer Erfahrungen. Erstmals hatten wir uns im Meer geliebt. Glücklich beobachte ich Jeannet beim Bestaunen der angeschleppten Schätze.
Auch Kellner Juan streckt im Restaurant anerkennend den Daumen nach oben. Nach dem Essen setzt er sich kurz zu uns und als er erfährt, woher wir kommen, entspannt er sich zusehends. Dass der Satz: „Somos alemanes“, (wir sind Deutsche – und eben keine Gringos aus den USA) in Mexiko alle Türen öffnet, hatten wir schon vor zwei Jahren schnell begriffen.
Er berichtet, dass vor drei Wochen alle Mexikaner im Viertelfinale der WM für Deutschland gewesen wären, da die Bulgaren zuvor sein Heimatland raus geschossen hatten. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle, wie ich das Spiel erlebt hatte. Zusammen mit Matze und Göte waren wir bei unseren Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder vor dem „Happy Altona“ hatte einen deutlichen Deutschen Sieg erwartet. Bobo hatte sogar um seinen roten Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir im Turnier bleiben – gegen dessen Converse Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Nur Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste – nur zum Spaß – rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel. Juan versteht die Anekdote zwar nicht ganz, spendiert uns aber dennoch eine Abschieds-Margarita und ruft ein Taxi.
imm077_28A
Im Wagen rekapituliere ich noch einmal den denkwürdigen Sommerabend in der Hansestadt. Auch Gernot, Kaschi und Steve waren dabei gewesen. Alle drei hatten sich zwei Jahre zuvor, in meiner sechswöchigen Abwesenheit, herzzerreißend um Jeannet gekümmert. Letzterer etwas zu innig, da sie miteinander gevögelt hatten. Das hatte mir meine Freundin, in Tränen aufgelöst, sofort gebeichtet. Doch während ich nach einer Bierseeligen Aussprache im Kiez schon nach zwei Monaten wieder mit Steve feierte, darf ich bis heute den Namen Veronica nicht erwähnen. Gekränkt hatte ich erlogen, dass auch ich in Zipolite fremdgegangen war. Sie ahnte ja nicht, dass ich das Mädchen nicht einmal geküsst hatte. ‚Schnee von gestern’, denke ich und nehme die Frau meiner zukünftigen Kinder in die Arme.

Am nächsten Tag mieten wir uns einen weißenKäfer und fahren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollen das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Ma yastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut wurde. Schon von weitem sehen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erheben. Doch auf dem Parkplatz stehen zu viele Reisebusse, sodass wir entscheiden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Beinahe eine Stunde brauchen wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es ist fast schon ein bisschen gespenstig, dass wir, an Seen vorbei, auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage laufen. Obwohl an den meisten Tempeln und Gebäuden „No hay paso“ (nicht passieren) steht, benehmen wir uns, wie übermütige Affen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden sollen eher denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlagen uns durchs Unterholz und erklimmen die Stufen hinauf zum „El Castillo“ (Schloss). Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán ist umso spektakulärer, da sie auf einem natürlichen Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckt sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo. Doch am Himmel drohen schwarze Wolken mit Regen.
Auf dem Weg zum Auto beginnt es sintflutartig zu schütten, aber wir entdecken einen kleinen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion sitzt bereits ein alter Mann mit indianischem Einschlag, der geschnitzte Holzfiguren und Masken in schwarze Plastiktüten verstaut. Während der Regen lautstark niederprasselt, lässt sich meine Freundin eine Jaguarmaske zeigen.
imm034_00A
Jeannet hatte Tränen gelacht, als ich die Story vom Priester erzählt hatte. Wie naiv ich nur sei. Der vermeintliche Hellseher hätte doch nur meine Zahlenreihe vervollständigt. 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen.
Ich schaue mir den Kunstgewerbe-Verkäufer etwas genauer an. Okay, ein Versuch ist es wert. Ich male mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahme die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischt Jeannet. Sie tritt unter der Hütte hervor und sprintet in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst im Auto fällt mir ein, was ich in der ganzen Aufregung noch gar nicht erzählen konnte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaut mich fragend an und ich grüble bereits in welchem Land das große Ereignis wohl stattfinden wird. „Deutschland wird also tatsächlich 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
.
Zum Weierlesen: 90 Minuten Südamerika
.
.

[Weiter...]


Angst vor Italien-WM 2006 in Brasilien

1. Juli 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

width="225"

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hohe Wellen türmen sich vor mir auf und plötzlich springen zwei Delfine über die Schaumkronen. Langsam kommen sie mir entgegen geschwommen und lassen sich schließlich sogar berühren. Ein Glücksschauer läuft mir über den Rücken, als meine Hand über ihre elastische Haut gleitet. Ich hatte das immer als Unsinn abgetan, doch die beiden scheinen mich tatsächlich anzulächeln. Selbst als ich längst mit einer Zigarette am Strand sitze, strecken sie uns vergnügt die Köpfe entgegen. Sylvie legt einen Arm um mich. Unsere Zehen berühren die angespülte Brandung. Gebannt schauen wir aufs Meer und beobachten das einmalige Schauspiel. Ich weiß in diesem Moment: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – vor einem WM-Halbfinale mit deutscher Beteiligung – sein. Niemals!

Wir verlieben uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas mit seinen sandigen Wegen. Eine Pousada ist hier schöner als die andere und schließlich finden wir eine Traumunterkunft mit Pool und gemütlichen Hängematten vor den Zimmern. Marie zeigt uns den Weg zum Strand. Wir überqueren einen Fluss und hinter dem Nationalparkschild verstehen wir, warum alle Gassen des Ortes so weichgespült aussehen. Die sich vor uns auftürmenden Wanderdünen wehen unablässig beigefarbenen Sand in den Ort hinein. Dahinter liegt der blaue Atlantik.
Rechtzeitig sind wir zurück, duschen und streifen unsere Trikots über. Überall im Ort liegen grün-gelb-blaue Girlanden im Dreck. Brasilien hat abgeschmückt. Wieder einmal sitzen wir allein in einer Kneipe. Deutschland gegen Italien. Das scheint hier niemanden vom Hocker zu hauen. Nach der torlosen ersten Halbzeit gehen wir kurz in unsere Pousada und sehen im Restaurant nebenan, wo sich die Hardcore-Fans des Ortes aufhalten. Hier! Endlich treffen wir Mauro, den italienischen (!) Inhaber unseres Hotels, der uns, trotz falscher Trikotfarben, herzlich begrüßt und sofort mit seinen Dorfkumpels und drei Freunden aus dem Land des Stiefels bekanntmacht. Die zweite Halbzeit beginnt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Das Lokal ist in grün-weiß-roter Hand. Mauro und seine Gang tragen Trikots der „Squadra Azzurra“ und eine riesige italienische Fahne hängt von der Decke herab. Brahma-Bier und reichlich Kurze werden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizt. Ich habe endlich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Hütte brodelt, als ob wir uns in Sizilien befänden. Wir hatten nichts von dem italienischen Sender gehört, der mit seinen Anschuldigungen den Ausschluss von Torsten Frings verursacht hatte. Wir wussten nicht, dass gehässige Internetforen in Deutschland zum „Pizza bestellen“ während des Halbfinales aufgerufen hatten. Wir empfanden auch nicht, dass Italien unberechtigt so weit gekommen war. Dennoch bilden sich sehr schnell zwei Fan-Lager: Sylvie und ich gegen den Rest.
Das Spiel ist nicht gut, lebt aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen sind, ordern auch wir erste Beruhigungsschnäpse.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Mauro, der heißblütige und zugleich so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ ist, platziert zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkt in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso ist der Torschütze. Der spielt bei Mauros Lieblingsverein: Palermo. Nach dem zweiten Tor dreht unser Hotelier endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italien-Fans auf dieser Welt.

Erstmals im Leben füllen sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nimmt mich tröstend in die Arme. Nach und nach kommen die Gäste an unseren Tisch und drücken ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellt die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzt sich dazu. Er bettelt fast, dass wir nun bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spüre, wie meine Trauer allmählich verfliegt, erhebe mein Glas und rufe: „Du bist eine Scheiße-Italiener!“
.
Zum Nachlesen: “Abpfiff am Ende der Welt” bei Spiegel Online
.
Das Buch: “90 Minuten Südamerika” von Mark Scheppert
.

[Weiter...]


Deutschland vs. Algerien mit Hausmeister Krause – WM 2014

18. April 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

WP_20140702_046Im Vorfeld der WM 2014 gab es in Brasilien in vielen Orten massive und zum Teil gewalttätige Proteste gegen die allgegenwärtige Korruption, gegen Kinderarmut, Arbeitslosigkeit, Misswirtschaft und soziale Ungerechtigkeiten. Mit Anpfiff der Spiele hatten sich die Demonstranten eine Pause verordnet – das große Volksfest mit Menschen aus aller Welt war ihnen dann doch wichtiger. Kurzzeitig.
In Belem werde ich jedoch sofort daran erinnert, worum es den gastfreundlichen Menschen eigentlich ging, denn die Stadt im Nordosten des Landes ist ein abgeranztes, muffiges Rattenloch und wirkt wie eine überdimensionale Favela. Von der lieblichen „Stadt der Mangobäume“ mit fantastischen Prachtbauten – wie es im Reiseführer heißt – keine Spur. Die größtenteils dunkelhäutigen Bewohner wirken seltsam traurig und vom Leben ernüchtert. Belem war leider das einzig bezahlbare Flugziel gewesen, um das Amazonasgebiet zu verlassen. Eine dreitägige Bootstour wäre eine Alternative gewesen, wobei wir dann auch hier gestrandet wären.
„Bitte nicht zu ‘nem Franzosen“, bettelt Jenna am Flughafen. „Doch!“, rufe ich, da das „Hotel le Massilia“ unsere Unterkunft im Zentrum sein wird. Und es ist die richtige Entscheidung, denn das zweistöckige Haus ist Oase und Festung zugleich. Im Innenhof befinden sich ein verwunschener Garten mit seidigem Pool und ein Bistro mit französischer Küche. Am liebsten würde ich das Kleinod nie wieder verlassen. Doch kurz nach der Ankunft rennen wir schon wieder los. In wenigen Augenblicken spielt Deutschland sein letztes Gruppenspiel gegen die USA. Es ist kurz vor 13 Uhr.
Am Estação das Docas haben das dortige Brauhaus und zwei Cafés zwar geöffnet, aber die TV-Geräte nicht angeworfen. So sitzen wir in einer Art Shoppingmall mit den Ausmaßen des Leipziger Hauptbahnhofs zu fünft mit zwei Einheimischen vor einem Bildschirm, auf dem man aufgrund der Sonneneinstrahlung fast gar nichts erkennen kann.
P1010581
Der Ton ist ein Witz und von allen Seiten erschallt brasilianische Mallorca-Musik. „Das ist ja wohl die allergrößte Scheiße. So möchte ich nie mehr ein Spiel der Deutschen sehen“, wüte ich. Obwohl unsere Fußball-Leidenschaft ganz unterschiedlich ausgeprägt ist: hier haben wir alle die Arschkarte gezogen.
„Wasserschlacht! Chaos! Ich bin drin! Wie geil ist das denn!“, schreibt Trueman in einer SMS. In Recife muss es gerade so stark regnen, dass die Straßen der Stadt hüfthoch geflutet und einige Fans noch immer nicht im Stadion sind, ermittelt unser Telefonfräulein Erni via Live-Ticker. So gesehen, kann ich Truemans Euphorie zwar verstehen, bin aber froh, mir das extrem langweilige Spiel – Deutschland „müllert“ sich irgendwie zum 1:0 – nicht vor Ort bei Starkregen angeschaut zu haben. Wobei: wenn ich mich hier so umschaue, wäre das durchaus klüger gewesen. Jenna und ich sitzen wie zwei Doofs in National-Trikots herum während der dritte im Bunde (Erni) gerade mal wieder versucht, Kohle aus einem Geldautomaten zu ziehen. Als die deutschen Fans in Recife und Daheim den Einzug als Gruppensieger ins Achtelfinale feiern, trödeln wir auf zugemüllten Straßen an offenen Abwasserkanälen entlang. In den Shops gibt es ausschließlich Plaste- und Elektroschrott zu kaufen aber auch Fußballtrikots für unter 5 €, die man sicherlich nur einmal tragen kann, bevor sie verrotten. Willkommen in der dritten Welt Brasiliens.
Lediglich rings um das Eisenkonstrukt des „Ver-o-Peso-Marktes“ kommt Amazonas-Feeling auf, da es viele der angebotenen Fisch-, Kräuter-, Gemüse- und Obstsorten nur in dieser Region gibt. Im Gegensatz zu den hunderten tiefschwarzen Aasgeiern am Hafen sind wenigstens die Menschen Belems friedlich und lassen uns an vielen Ständen Dinge kosten. Doch nur Sylvie und ich trauen dem Frieden (für den Magen) und essen Fisch mit Reis zu erschwinglichen Preisen. Der Rest futtert Burger im einzigen globalen Ketten-Restaurant weit und breit.
IMG_6181
Zeit für den Zauberpool beim Franzosen, den ich nach dem dornenreichen Tag bis zur Nachtruhe nicht mehr verlassen will. Auch das Spiel Algerien gegen Russland schaue ich dort, um unseren „Freilos-Gegner“ im Achtelfinale (Algerien wird es) wenigstens einmal zu begutachten. Meine Freunde versuchen ihr Glück in der verruchten Gegend rund um das Hotel und kehren nach einer Stunde konsterniert zurück, wenngleich sie das Bündel kleiner Geldnoten, welches bei einem Überfall auszuhändigen ist, noch bei sich tragen.

Okay, ich möchte nicht überall und jederzeit erreichbar und online sein. Das Internet ist auf solchen Reisen jedoch ein Segen. Man muss keine kiloschweren Reiseführer mehr herumschleppen oder stundenlang in zwielichtigen Reisebüros darauf warten, überteuerte Angebote unter die Nase gerieben zu bekommen. Nach eingehender Recherche im hiesigen W-LAN buchen wir einen Flug von Paranaiba nach Recife – dem Endziel für den Heimflug. Dorthin werden wir in einer 14stündigen Busfahrt gelangen. Auch diesen Ritt können wir bei Zigaretten und Bier im Netz reservieren. Nach getaner Arbeit ruft Jenna: „Wisst ihr eigentlich was über Parnaiba bei Wikipedia steht? Ein einziger Satz: Parnaíba ist eine Stadt des Bundesstaates Piauí im Nordosten Brasiliens und hatte im Jahr 2010 etwa 146.000 Einwohner.“ „Na das klingt doch spannend“, antworte ich und meine es auch so, denn was gibt es Schöneres, als irgendwo in der Fremde mit einem dreckigen Rucksack zu landen. Danny sieht das anders und recherchiert sofort hektisch, was man dort überhaupt machen kann und ob es Hotels gibt. „Wird schon was geben“, antworte ich, da Ungewissheit noch immer ein berauschender Zustand für mich ist. „Es gibt was!“, ruft sie todesglücklich. So unterschiedlich sind die Vorstellungen Abenteuerreisen!
P1110291
Danny hatte folgendes herausgefunden: Das eher unscheinbare Parnaiba am Ufer des gleichnamigen Flusses ist umgeben von vielen Stränden und vor allem das Einfallstor zum drittgrößten Delta der Welt, welches mit spektakulären Ansichten zu überraschen weiß. Was sie jedoch nicht gegoogelt hatte, dass Brasilien nach der (dann doch) 16stündigen Reise gerade sein Achtelfinale gegen Chile spielt. Am Busbahnhof stehen Taxis und Stadtbusse bereit, aber kein einziger Fahrer sitzt in seinem Gefährt. Was soll’s – für mich beginnt die WM nun sowieso erst richtig. Bei angenehmen 28 Grad und salziger Luft darf ich bereits um 13 Uhr das erste Bier in der Mitropa mit den Jungs ordern. Inmitten der versammelten Bahnhofstruppe schauen wir an einem Ort mit angenehmer Atmosphäre eine rasante erste Halbzeit, die 1:1 endet.
Sylvie kommt auf die wahnwitzige Idee, in der 15minütige Pause eine Unterkunft zu suchen und überredet einen Mann, auf komplett autofreien Straßen an einen der Strände zu rasen. Der Atlantik ist dann doch ein Stück entfernt und als uns weder das erste (zu teuer) noch das zweite Hotel (zu einsam) zusagt, wird der Fahrer allmählich unruhig. Ich auch, weil die Partie längst wieder läuft. Da dann auch die nächste Unterkunft (zu dreckig) am nunmehr dritten Beach nichts taugt, bettelt er regelrecht darum, dass wir zahlen, damit er endlich verduften kann. Nix da: nach einer extrem teuren Irrfahrt (nach 90 Minuten steht es weiterhin 1:1) landen wir in der „Vila Parnaiba“ in der Nähe der Altstadt, in genau jener Pousada, in die wir Jungs von Anbeginn eigentlich wollten.
P1110271
Die Frauen suchen in der Verlängerung (!) tatsächlich noch weiter, obwohl wir unsere Traumhütten in einem liebevoll gestalteten Garten vor blauem Pool mit großer Bar und Flachbildschirm längst gefunden haben. „Soll’n se mal alle machen“, äffe ich den Spruch eines verschollenen Freundes nach, ordere drei Brahma und setze mich mit Jenna und Erni vor die Kiste. Riesige Leguane sind außer und die einzigen Gäste.
In der letzten Minute der Verlängerung – ein Chilene ballert gerade einen Schuss an die Querlatte der Brasilianer und sorgt für Entsetzensschreie – kommen unsere Damen zurück und murmeln: „Wir bleiben.“ „Die Suche hat ja auch nur ein WM-Spiel lang gedauert“, lästert Jenna mit Augenzwinkern in meine Richtung. ‚Und was für eins‘, denke ich beim Blick auf den Bildschirm.
Der Elferkrimi beginnt und der Hotelfachwirt stellt ungefragt Schnäpse auf den Tisch. Das nun folgende Schauspiel verursacht Ohrenchaos. Wir sitzen in einer ruhigen Runde beisammen, aber aus der Ferne sind Detonationen zu hören, als befänden wir uns in der Nähe eines Kriegsschauplatzes – so als würden hunderte polnische Knalltöpfe gleichzeitig explodieren. Die Zeit ist zu knapp, um zu schauen, was da eigentlich los ist. David Luiz schnappt sich das Leder. Bomben und Granaten verstummen, während im Stadion, aber auch in unmittelbarer Hörweite, „Eu sou Brasilero“ erklingt. Gänsehaut überzieht meine Arme und Beine großflächig. Als der Spieler den Elfmeter-Punkt erreicht, wird es wüstenstill. Luiz läuft an – und versenkt. Knall, Bumm, Peng – Raketenstart in Cape Canaveral und Baikonur gleichzeitig!
IMG_6435
Brasilien gewinnt das Herzinfarkt-Drama – nach etlichen Fehlschüssen auf beiden Seiten – mit 3:2 und zieht ins Viertelfinale ein. Die zwei Angestellten schreien ihre Freude heraus, doch ganz in der Nähe breitet sich eine Druckwelle aus, die mich in einer noch nie zuvor erlebten Intensität überrollt.
Ich war beim allerersten WM-Erfolg der Spanier 2010 in Madrid und auch den Titel von Chelsea in München 2012 habe ich live im Stadion erlebt, aber hier – in Parnaiba – werden die Vulkanausbrüche der Fans allesamt getoppt; und das bei einem piefigen WM-Achtelfinale! Wir gehen jetzt doch mal nachschauen. Letztendlich stellt sich heraus, dass die hiesige Fanmeile nur vier Straßen entfernt – mit Leinwand, Musikbühne, Boxentürmen, Fress- und Getränkeständen – aufgebaut ist. Sicher 10.000 Leute tanzen sich dort bei lauter Musik in einen Siegesrausch.
WP_20140629_008
Das ist uns nach der langen Fahrt zu anstrengend, wobei sich nach zwei Stunden Mittagsschlaf nicht viel verändert hat – außer, dass die hin und her flutenden Fans nun noch aufgedrehter und betrunkener sind. Jenna und ich tragen alte Deutschland-Trikots und werden alle zwei Minuten angequatscht: „Final? Brasil – Alemanha?“ Beim ersten schüttele ich noch den Kopf, da das die Auslosung gar nicht hergibt und rufe „Semifinal“. Den nächsten zwanzig antworten wir einfach „Claro, amigo“, und müssen alsbald vor dem spendiertem Bier flüchten, um nicht granatenbesoffen unterzugehen. Das momentan laufende Spiel von Kolumbien gegen Uruguay (2:0) interessiert dann wieder einmal niemanden.
Wir finden ein Restaurant in welchem die Fisch- und Garnelengerichte fantastisch schmecken. Allerdings hatte sich der neugierige Erni „Caranguejo toc-toc“ bestellt, was sich als Eimer gekochter Schalentiere entpuppt hatte und mit „Klopf-Klopf-Krebsen“ zu übersetzten wäre. Über zwei Stunden müssen wir warten bis er mittels Holzkolbens alle Panzer aufgeklopft und aus jedem noch so dünnen Ärmchen – mit den Bewegungsabläufen eines Faultiers – die Fleischanteile herausgezutscht hat. Ein Spaß, während um uns herum noch immer alle freidrehen. Irgendwann ruft er: „Könnmageen“, was ich mit „Wir können jetzt gehen“ übersetzen würde.
P1110360

P1110278
Was für ein Land! Was für eine Zeit! Am von rauen Felsen umgebenen Leuchtturm-Strand „Pedra do Sal“ schauen wir Holland gegen Mexiko (2:1). In einer rustikalen Strandhütte bei einer Caipi das Elferschießen von Costa Rica gegen Griechenland (5:3), während Surfer dem roten Sonnenuntergang davonreiten und am kommenden Tag Frankreich gegen Nigeria (2:0) am wohlklingenden „Praia do Coquero“ (Strand der Kokospalmen) mit Crepés am Stil in der Hand. Überall spielen die Menschen Fußball: Kinder, Jugendliche, alte Männer, Frauen und später auch wir. Ich bin im schönsten Land der Erde und es laufen die Achtelfinals einer Fußball-WM. Kann das nicht immer so bleiben? Nein. Schon um 15 Uhr dränge ich zur Rückfahrt, denn das Deutschland-Spiel müssen wir schon anders zelebrieren.
P1110275
Jetzt putzen sich sogar die Mädchen heraus – vermutlich wollen sie den Brasilianern zeigen, dass auch Europäerinnen in voller Montur abgehen können. Froh gelaunt schlendern wir zur Fanmeile. Doch was ist im Kneipenviertel „Beira Rio“ los? Nichts, gar nichts – null nüscht! Keine einzige Bar hat um 16.30 Uhr geöffnet und die Bühne ist sowieso verwaist. Okay, das ist nicht dramatisch; in der Pousada läuft ja auch die Übertragung, aber irgendwie bin ich traurig. Ein bisschen mehr Euphorie, wenigstens während der Ausscheidungs-Spiele, hätte ich in Brasilen (bei ihrer Heim-WM) dann doch erwartet.
Letztendlich finden wir dann doch noch die Frittenbude „Lanchonete Crespo – Route 66“. Der Besitzer sieht aus wie Tom Gerhardt aus der Serie „Hausmeister Krause“ und schleppt den klobigen Röhren-TV auf einen der Plastiktische, während Erni etwas lustlos die Deutschland-Fahne davor aufhängt. Hammer-Atmosphäre! In der Halbzeit – es steht lediglich 0:0 gegen die Typen aus Nordafrika – wollen uns zumindest ein paar Dorfkids als WM-Touristen fotografieren.
P1110303
Obwohl Krause total verschnupft ist und ständig durch die Gegend rotzt, bestellt Jenna einen Hamburger und alle schließen sich an. Danach brauchen wir Schnaps, da der Wirt in der Küche ununterbrochen und lautstark auf unser Essen genießt hatte. Das dramatische Spiel in Porto Alegre – Neuer fängt halsbrecherisch etliche Konter der Algerier schon im Mittelfeld ab – nötigt uns dazu, die Cachaça-Flasche gleich am Tisch anzuketten. Eigentlich alle Deutschen spielen unterirdisch während der Gegner sein Bestniveau abruft. Tausende Kinder in der Heimat wollen nach dem Spiel sicherlich Torwart werden. Aber auch wir staunen über das leere Tor und die Heldentaten von Manu dem Libero. Mittlerweile schreien sich alle die Seele aus dem Leib, sodass sich ein kleiner Trupp neugieriger Einheimischer hinter uns aufreiht. Einen richtig peinlichen Moment liefert unser Team in der 87. Minute. Wahrscheinlich will Müller über den Ball springen, um den Gegner zu verwirren und Kroos dann schießen lassen, aber er rutscht unelegant weg und sorgt für eine unfreiwillige Slapstick-Einlage, da auch Toni danach nur zu einem sinnlosen Lupferchen ansetzt. Ach du Scheiße – Verlängerung!
P1110297
„Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus und wo ist eigentlich Sschhgodraan?“, nuschelt Danny, wobei mir der Satz noch aus dem Ghana-Spiel in den Ohren klingt und Mustafi längst ausgewechselt ist „Und das gegen diese Luschen aus Algerien, Meiner“, gibt auch noch Erni seinen Senf dazu. „Wat willste? Glaubste etwa, unter den letzten 16 iss noch ‘ne Karnevalstruppe? Tooor!“, antworte ich kreischend und springe wie ein Rumpelstilzchen auf. Schürrle trifft zu Beginn der Nachspielzeit. Mit der Hacke. Aus vollem Lauf. Als Aufsetzer. Geiles Tor! „Mann, hätte der das nicht drei Minuten vorher machen können?“, ruft Jenna gewohnt nüchtern. Ich atme durch und warte bis mein Puls wieder auf Normalfrequenz runtergefahren ist. Noch fast eine halbe Stunde zittern. Özil trifft in der 119. Minute zum 2:0, wobei kurz darauf das 2:1 (und Danny) fast in Ohnmacht fällt. Dann ist das Spiel endlich aus. Ich liege Silvie glücklich und schweißgebadet in den Armen.
Dieter Krause aus Parnaiba-Kalk spendiert eine Runde vollgehustetes Feuerwasser und sorgt somit endgültig dafür, dass wir uns blau trinken – und vermutlich Dengue-Fieber bekommen. „Para Alemanha“, röchelt er und prostet uns alkoholblöd zu. Deutschland steht im Viertelfinale gegen Frankreich. „Kasalla!“ – würde der echte Kölner Hausmeister Krause wohl sagen. Prüfung bestanden!
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten – Neue Fußballgeschichten
.

.

[Weiter...]


Das schnellste Faultier der Welt – WM 2014

7. März 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

2014-06-25 13.42.56Aua! Am nächsten Morgen geht es mir gar nicht gut. Sylvie weckt uns rabiat: „Steht auf ihr versoffenen Ärsche“, ruft sie grimmig. „In einer halben Stunde müssen wir aus dem Zimmer sein“. Dann ist es 11 Uhr. Nach nur vier Stunden Schlaf. „Außerdem fahre ich jetzt mit den anderen an den Strand und will euch bis 16 Uhr nicht mehr sehen. Ihr seid ja vielleicht zwei Kranke!“ Wir hatten bei unserer Rückkehr wohl ziemlich randaliert und sie mehrfach euphorisch aufgefordert, mitzufeiern – erfahre ich am Nachmittag, als sich die Wogen allmählich wieder geglättet haben.
Bis dahin esse ich mit rebellierendem Magen 120 Gramm leichte Kost in einem Kilo-Restaurant und lungere mit Erni im Schatten einer Palme am Stadtstrand herum, wenngleich mir auch dabei am Schädel fast die Schläfen platzen. Zudem habe ich mir beim nächtlichen Gekicke dicke Beine und zahlreiche Blasen erlaufen. Klassischer Suff-Kater, den man nur mit einem Konterbier lindern kann. Könnte.
Eine Sache ist trotz Vernebelung klar: Ich werde nicht allein nach Recife fahren, auch um meine Beziehung nicht wegen einer schnöden Fußballpartie aufs Spiel zu setzen. Zum einen ist dies unser gemeinsamer Jahresurlaub und außerdem fliegen wir in den tropischen Regenwald, an einen Ort, der an den schönsten Fluss-Stränden der Welt liegen soll. Auf der in Prospekten angepriesenen Ilha do Amor (Insel der Liebe) will ich auch meine wieder auffrischen.
In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies keine Reisereportagen seien. Doch wenn jemand statt zum WM-Spiel zwischen den USA und Deutschland in einen Wald an einem großen Fluss reist, um lieber darüber zu berichten, kann er seine Storys vielleicht auch irgendwann so nennen.
IMG_6051
Als wir um 19 Uhr abheben, dämmere ich weg und weiß, dass ich den ätzenden Tag heil überstanden habe. Falsch gedacht! Wir befinden uns nämlich in einer Art „Lumpensammler-Flug“, der auf dem Weg von Fortaleza nach Santarem zweimal zwischenlandet. Nach einer Stunde geht es bereits in den Sinkflug. Kurz bevor die klapprige Maschine (das Fahrwerk ist längst ausgefahren) den Boden berührt, gibt es einen ohrenbetäubenden Krach. Die zwei Düsen werden erneut angeschmissen und der Pilot startet durch. Ob es an meiner Müdigkeit liegt, mag ich nicht beurteilen, denn ich bleibe relativ ruhig, obwohl die Maschine nun regelrecht bebt und fast den Tower von São Luís streift. Vielleicht verspüre ich erstmals, dass der Tod allmählich seinen Schrecken verliert, wenn man schon so viele Jahre bewusst gelebt hat. Beim zweiten Versuch setzt die Todesangst wieder ein – so weltverliebt bin ich dann schon. Ich nehme Sylvies Hand in meine verschwitze. Sie schenkt mir ein herzzerreißendes Lächeln. Da ist nach den vielen gemeinsamen Jahren noch immer dieses Gefühl, so verliebt zu sein, dass einem die Oberschenkel schlottern.
IMG_6140
Nach einem weiteren wackeligen Zwischenstopp in Belem erreichen wir den Mini-Flughafen von Santarem mit zwei Stunden Verspätung um 2 Uhr nachts. Ich will nur noch pennen. Mein Rucksack ist der erste auf dem Band. Ich gehe hinaus, um eine zu paffen. Vor dem Empfangskiosk steht ein einziges Auto. Vor diesem wartet ein rundlicher Mann mit einem Schild vor der Brust. Darauf steht: „Sylvie“. Ein Wunder! Während der halsbrecherischen, dreißigminütigen Fahrt, die wir keineswegs in völliger Finsternis durch den Urwald hätten laufen können, erzählt sie ganz nebenbei, dass sie auf der Landebahn von Belem eine Nachricht an das Hotel gesandt hatte, damit die einen Fahrer senden. Wunderbare Frau!
In der Pousada do Mingote werden wir tatsächlich noch erwartet und die erste Nacht nimmt einen unerwarteten Verlauf, da es Erni nach nur fünf Minuten gelingt, das Klo (im Zimmer von Danny und Jenna) zu verstopfen, was eine Bergungsaktion mittels Kleiderbügeln, heißem Wasser, Fäusten und dann per Pümmel (uns fehlte das portugiesische Wort) durch eine angepisste Angestellte nach sich zieht. Derweil trinken wir dann doch mal ein Ankommens-Bier im tropischen Amazonien. Erst 4 Uhr nachts liegen wir in unseren Fallen. Endlich schlafen.
IMG_5932
Am Morgen erwachen wir zu unterschiedlichen Zeiten, erleben aber beim Betreten der Dachterrasse in etwa das gleiche Szenario. Es sind sonnige 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit und direkt unter uns befindet sich ein farbenfrohes Plätzchen. Die tropischen Bäume ringsherum sind mit Brasilien-Wimpeln und Fahnen geschmückt, so als fände die WM in diesem Urwaldkaff und nicht in Rio, Sao Paulo und Fortaleza statt. Auf einem der Bäume wohnt zudem ein fetter, graugrüner Leguan. Zur linken ist der Rio Tapajós (einer der größten Nebenflüsse des Amazonas) nicht zu übersehen und rechterhand befindet sich der Lago Verde (Grüner See) mit seiner berühmten Liebesinsel. Befände (!), denn diese fehlt im Bild. Noch schlimmer: Es sind überhaupt keine Sandstrände und eben auch kein paradiesisches Eiland zu sehen. Lediglich die Spitzen einiger schilfbedeckter Restaurants ragen aus dem Wasser und selbst die nahegelegene Strandpromenade ist total überflutet. Autsch! Wir sind zur falschen Jahreszeit gekommen.
Was macht man in so einer beschissenen Situation ohne Badestelle und Pool, wenn der Stern von oben erbarmungslos knallt? Falsch, nicht sinnlos saufen! Ich spüre Sylvies Bereitschaft zur Hingabe und im Bett finden wir dann endlich die gesuchte Liebesinsel. Ein Statement, denn erst kurz vor 17 Uhr wird Bier vor einer Leinwand inmitten von 80 hibbeligen Dorfbewohnern geordert. Brasilien spielt gegen Kamerun – und muss gewinnen, damit es nicht peinlich wird. Die Atmosphäre erinnert mich stark an die WM 2006, die wir ja ebenso als Gäste in diesem Land verbracht hatten. Wie damals sind die Kneipen und Bars nur dann rappelvoll, wenn die Selesao spielt oder schnulzige Telenovelas laufen.
P1110248
Auch heute legen die Einheimischen den Schalter augenblicklich um und drehen durch als gebe es kein Morgen. Sogar diese spöttische Siegesgewissheit ist nach etlichen titellosen Jahren und bisher mäßigen WM-Ergebnissen geblieben. „Wir holen den Titel nach Hause, keine Frage“, geben uns alle schulterzuckend zu verstehen. Ihr Lieblingsgegner im Finale wäre Uruguay, da sie mit denen noch ein uraltes Hühnchen zu rupfen hätten.
In Alter do Chao treffen wir nur einen melancholischen Portugiesen namens Joao. Ansonsten sind wir hier die einzigen ausländischen Touristen, denn eines hatte ich – neben der fehlenden Hochwasserinformation – nicht bedacht: Wer macht gerade schon Urlaub in diesem Land abseits der Spielorte? Niemand. Alle Hotels sind stark unterbelegt. Böller explodieren, Raketen steigen in die Luft – das Spiel beginnt.
Um es kurz zu machen: Brasilien gewinnt locker mit 4:1 und wird als Gruppensieger auf Chile im Achtelfinale treffen. Allerdings fehlen mir beim Heimteam irgendwie der Spielwitz und die Leichtigkeit, um auch mich das glauben zu lassen. Lediglich der Doppeltorschütze Neymar ist einer, der an die glorreichen Zeiten erinnert. Mit Fred, Hulk und Co. haben sie diesmal eher Stolper-Marios und Kampfmaschinen in ihrem Team. Joao behauptet sogar, dass der extrovertierte Scolari das schlechte WM-Team seit 60 Jahren zusammengestellt hat, das nie und nimmer den Titel holen wird. „Hoffentlich fliegen die bald raus“, ruft er nicht ohne Kolonialmacht-Häme, was ich aufgrund der dann fehlenden Stimmung, nicht unbedingt herbeisehne. Fiese Böller explodieren, Leuchtraketen steigen in die Luft, ein frenetischer Kleinstadt-Mob zieht fahnenschenkend um den Hauptplatz – das Nachspiel beginnt.
P1110255
Warum mache ich eigentlich zum zehnten Mal eine Dschungeltour in Südamerika, obwohl sich die Abläufe fast immer gleichen? Die Antwort ist simpel: man taucht sofort in eine andere Welt ein. Der tropische Regenwald steht im krassen Gegensatz zu meinem intensiven Großstadtleben und Arbeitsalltag. Augenblicklich verspüre ich auf diesen Trips keinerlei Hektik, Gestank und Zivilisationsmief mehr.
Heute tuckern wir zusammen mit Joao und Führer Pepe auf dem spiegelglatten Lago Verde herum und holen uns schnell feuchte Schwitzränder in den Achseln bevor wir in ein schmales Kanu mit erheblichen Tiefgang wechseln und in ein Kanalsystem abbiegen. Wir sitzen hintereinander und immer, wenn sich einer in der Nussschale bewegt, schwappt Wasser über die Kanten. An einigen Stellen ist das Geäst so dicht, dass wir durch Mangroven-Tunnel hindurchstaken müssen. Bäume neigen sich über den Fluss. Zudem gibt es überall stachelige Dornen-Palmen und Schnittgräser, die auf Danny und Erni eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Sie bluten schon bald aus etlichen Rissen an Händen und Armen. In den Wäldern herrscht unfassbare Stille, obwohl wir uns in einem Gebiet befinden, in dem es eine Million verschiedener Insektenarten geben soll. Als wir die Waldesruhe verlassen, wird uns sofort wieder die atemberaubende Farbenvielfalt Brasiliens um die Ohren gehauen. Pepe erklärt in holprigem Englisch, dass im Amazonasbecken etwa ein Viertel der weltweit vorkommenden Pflanzen und Tiere ihr Zuhause haben, wobei uns die allermeisten Spezies verborgen bleiben. Zumindest entdecken wir sonnentankende Schildkröten, blaue Frösche, grüne Echsen und unzählige schwarz-gelbe Dynamo-Dresden-BVB-Vögel. Die ersten Stunden sitze ich fast wortlos im Kanu und nur das Gezwitscher und Zoomgeräusche einer Kamera durchbrechen die atmosphärische Stille. Bis das Handy des Führers läutet. Mobiltelefone sind doch Scheiße mitten im Regenwald!
IMG_5960
Wir steigen auf ein Motorboot um und fahren den gigantischen Rio Tapajos in Ufernähe entlang. Der grünblau schimmernde Fluss könnte auch ein Meer sein. An einigen Stellen ist er mit 12 Kilometern breiter als der Amazonas. Die Mittagspause sollte eigentlich ein Badevergnügen beinhalten, aber der (angeblich) feinkörnige Sandstrand ist hier nur auf den käuflich zu erwerbenden Postkarten vorhanden. Das Wasser ist dennoch glasklar, aber so richtig traut sich keiner hinein.
Danach queren wir den riesigen Strom und erleben ein nächstes Wunder der Natur. Es sind heute 32 Grad Celsius bei 80 % Luftfeuchtigkeit. Doch kaum hat Pepe den Motor angeworfen, beginnen wir tatsächlich zu frieren. Wind und Wellen nehmen stetig zu und der Himmel öffnet, aus urplötzlich aufgetauchten dunklen Wolken, seine dicktropfigen Regenwald-Schleusen. Zusätzlich – das Boot ist erstaunlich schnell (und unbequem) – schwappen uns Gischt-Fontänen ununterbrochen auf die Schenkel. Sylvie und Danny am Bug zittern wie Espenlaub und wickeln sich bibbernd in Badehandtücher ein, die nun doch noch einen Nutzen finden.
Als wir endlich ein Gebiet, mit durch das Hochwasser entstandenen Inseln erreichen, steht die Sonne wieder hoch am Himmel und lässt die Wasseroberfläche silbrig glitzern. Das Nass in den Klamotten verdampft in Minuten. Um uns herum bedecken nun hunderte grüne Teller, manche mit einem Durchmesser von fast zwei Metern, das Gewässer. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten der Amazonas-Seerose. Gleichzeitig erleben wir eine gigantische Vogelschau. Ornithologen würden einen Herzkasper kriegen, denn so viele Wasser-, See-, Greif- und Singvögeln habe ich noch nie zuvor auf einem Flecken gesichtet. Langsam gehen mir auf Reisen die Superlative aus. Auch mehrere der fast urzeitlich wirkenden Hoatzins (Stinkvögel), mit roten Augen und wilden Hauben auf dem Kopf, sehe ich erstmals im Leben.
IMG_6009
Mitten in diesen Lagunen erreichen wir ein Haus auf Stelzen, welches dort wie ein Ufo aus den Fluten ragt. Dort, am Arsch der Welt, wohnt ein altes, zivilisationsmüdes Ehepaar. In „Normalzeiten“ steht ihre Behausung, wie die Kirche gegenüber (von der nur das Kreuz aus dem Wasser ragt) auf einer Insel mit festem Grund. Doch momentan leben die wunderlichen Greise inmitten einer Seenlandschaft und das nächste bewohnte Haus ist weit entfernt. Der Alte plappert sofort drauflos, während Pepe übersetzt. Seit über 40 Jahren leben sie nun schon glücklich und zufrieden hier draußen am Fluss und haben es noch nicht einmal bereut, der restlichen Menschheit „Adeus“ gesagt zu haben.
Das Gebiet um die Hütte befindet sich durch die Flut in einer Mischwasser-Zone mit einer großen Piranha-Population. Im klaren Rio Tapojos kommen die aggressiven Fieslinge sonst eher selten vor. Besonders an der überschwemmten Jesuiten-Kirche wären die rotbauchigen Aasfresser gerade in regelrechten Schwärmen unterwegs. Das rustikale Wohnhaus des Ehepaares ist daher per wackeliger Holzstege mit Schuppen und Hühnerstall verbunden. Ihre eierlegendes Hennen und der ulkig rülpsende Hund würde sonst schnell von unten angeknabbert werden. Vermuten wir.
IMG_6042
Auch zur Toilette, deren Abfluss direkt in den See führt, gelangt man nur über solch ein schmales Brett. Sylvie muss mal und balanciert mit wackeligen Knien hinüber. Wir nippen derweil an gereichtem Tee. „Aus welchem Wasser ist der denn gebrüht?”, murmelt Jenna, während ich dem vielstimmigen Vogelkonzert lausche – bis es hinter uns mit lautem Getöse „Platsch“ macht. Eine weibliche Stimme brüllt: „Ist doch Kacke!“ Den Rückweg hatte Sylvie dann doch nicht gepackt. Die Szene hat Wucht, denn sie schwimmt in der Fisch- und Klobrühe unterhalb des Stegs und schimpft wie ein Rohrspatz. Aber nicht über die „Süßwasser-Hyänen“, die sie wahrscheinlich gerade von unten begutachten, sondern über die Tatsache, dass sie heute bereits ein zweites Mal klitschnass geworden ist.
Ich greife ihre Hand und hole sie mit einem Ruck zurück auf den Anleger. „Sind ja noch alle Zehen dran“, rufe ich beim Betrachten der kleinen Füße. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich tot, doch als ich sie umarme, lächelt sie und flüstert: „Mal sehen, ob wir in 30 Jahren auch noch so glücklich, wie die Alten zusammen sind.“ „Die streiten bestimmt ganz fürchterlich sobald wir die Hütte verlassen haben“, antworte ich und weiß wieder einmal, dass Sylvie die End-Richtige ist.
IMG_6018
Ein bisschen sind Opa und Oma dann doch an den Tourismus angewiesen, denn mit ihrem Kahn, der diesen Booten im Spreewald gleicht, stakt uns Pepe in den stark zu gewucherten Regenwald auf der Suche nach Preguiças oder Sloths, wobei wir weder das portugiesische noch englische Wort übersetzen können – das macht die Sache spannend. Ich war eigentlich der Meinung, in Südamerika schon alle spektakulären Tiere gesehen zu haben, seien es Lamas, Pinguine, Gürteltiere, Ameisenbären, Tukane, Tapire, Kondore, Brüllaffen, Riesenotter, Kaimane, Pumas, Schlangen, Spinnen und so weiter. Sogar seltene Arten wie Rosa-Flussdelfine, hyazinthfarbene Aras und ein Jaguar stehen auf meiner Lebensliste. Doch als ich das zottelige Wollknäul heute das erste Mal sehe, weiß ich, dass eine Spezies bisher noch fehlte: das Faultier. In den Baumkronen über uns entdecken wir bald etliche dieser, sich nur in Super-Zeitlupe bewegenden Viecher kopfunter. Eines hält sogar ein faules Baby mit seinen drei Krallen am Körper fest. Filmaufnahmen sehen nun aus wie Standbilder und lediglich die wehenden Zweige zeugen davon, dass dem nicht so ist. Dennoch fantastisch, da die Tiere mit ihren kleinen, runden Köpfen und den Popper- oder Topfschnitt-Frisuren fast menschlich Züge haben.
IMG_6052
Zurück bei den Aussteigern sehen wir, dass sie sich mittlerweile diesem Tempo angepasst haben. Beide liegen schnarchend in einer Hängematte. Pepe legt Geld für den Boot-Verleih in eine Schale und fährt uns zurück auf den Fluss. Unser letzter Stopp soll ein Spot im „Floresta Nacional do Tapajos“ (Nationalpark) sein, von dem wir mit Herrscherblick den Sonnenuntergang beobachten wollen. Nach einer Stunde würgt Pepe den Motor ab und wenige Zeit später fällt dieser komplett aus. Kein Problem, da wir in Ufernähe sind und per Paddel schnell an jenes gelangen. Allerdings befinden wir uns nun weit von Alter do Chao entfernt, erklärt Pepe und zückt sein Smartphone. Wie krass: noch vor wenigen Jahren wären wir hier hilflos gestrandet und nun (es gibt in der Nähe sogar einen Funk-Mast) plappert unser Führer munter drauflos. Kompliziert wird es dennoch. Joao übersetzt, dass uns heute kein anderes Boot mehr abholen wird. Wir könnten entweder in finsterer Nacht drei Stunden durch den Dschungel zurücklaufen oder in einem in der Nähe befindlichen Indio-Dorf übernachten. Bei der Abstimmung zeigt sich, wer die Mädchen in unserer Truppe sind (eher die Jungs). Fuck! Das alles erinnert mich extrem an ein Dover-Konzert. Erst alles Scheiße, dann alles himmelhöllengut. Eine Mehrheit einigt sich diesmals aufs Dschungelcamp.

WP_20140625_033
Das 20 Minuten entfernte Urwalddorf ist jedoch keine Ansammlung von Stroh-Hütten vor denen halbnackte Bewohner mit Speeren um ein Lagerfeuer tanzen, sondern ein Ort mit Holzhäusern am Fluss, das durch eine unbefestigte Straße mit der Außenwelt verbunden ist. Wir sehen Kinder mit Handys und werden von einem Typen, der ein Tablet in der Hand hält, empfangen. Nach einer professionellen Verhandlung können wir für 5,- US-Dollar pro Person seine Gäste sein. In dem gemauerten Zimmer liegen sechs muffige Matratzen mit Bettlaken und es gibt sogar ein annehmbares Plumsklo. Ein bisschen sieht die Sache nun wie arrangiert aus. Nur die dunkeläugigen Kinder in raffiniert geschnittenen Kautschuk-Sandalen, welche uns wie weiße Außerirdische anstarren, erinnern daran, dass diese Zwischen-Übernachtung wohl doch eher Zufall war. Schnell haben sie Vertrauen gefasst und zeigen uns eine dicke Würgeschlange, die sich in der Nähe um einen Plastikstuhl gewunden hat. Mangos, Melonen, Ananas und Stinkfrüchte gedeihen dort. Auch auf den, mit kniehohem Gras überwucherten, Fußballplatz werden wir gelotst und müssen ein paar haltbare Treffer kassieren, um sie kreischend-glücklich zu machen. Es gibt sogar eine wackelige, hölzerne Tribüne, die etwa 12 Dauerkartenbesitzern – oder eben den Dorfältesten – Platz bietet.
IMG_6128
Nach einem scharf-würzigen Mahl aus Reis mit Fleisch, welches niemals Hühnchen ist (Faultierpastete – vermutet Erni) versiegeln wir uns mit Cachaça in einer Open-Air-Bar, die per Generator mit fahlem Licht versorgt wird und einen antiken Billardtisch beherbergt. Insekten zerplatzen knallend an der herunterhängenden Glühbirne. So ist er also, der Dschungel des 21. Jahrhunderts. Versaut? Banal? Unspektakulär? Nein! Wir fühlen uns sauwohl und schlafen trotz unheimlicher Geräusche in diesem Loch von einem Zimmer – mit Spinnen, Kakerlaken und Dreck – wie Steine.
Da wir nun schon mal hier sind, organisiert Pepe einen Einheimischen, der uns auf eine Dschungeltour mitnimmt. Bereits nach wenigen Minuten schlägt er Schneisen in den fast undurchdringlichen Regenwald, damit wir gigantische Bäume mit 10 Meter dicken Stämmen entdecken und an knallbunten Blüten riechen können, die zuvor von anderen Pflanzen überdeckt waren. Manchmal scheint der Boden gar keinen Platz für all diesen Bewuchs zu haben. Die Frauen fotografieren krasse Früchte und Insekten, die es wahrscheinlich nur hier gibt. Der brasilianische Amazonas-Urwald ist botanischer Garten, Restaurant und Apotheke. Und Weltwunder! Als wir eine steile Erhebung erklimmen und den nebeligen Regenwald von oben betrachten, könnte ich heulen vor Lebensglück. Ein Tukan schaut neugierig herüber bevor er abhebt.
IMG_6080
Auf dem Rückweg beginnt es in einem Wolkenbruch so heftig zu schütten, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Donner rollt über uns hinweg. Okay, wir müffeln alle, aber es müssen ja nicht gleich 200-Liter-Eimer über einem ausgegossen werden. Alles was wir anhaben, aber auch das, was sich in den Taschen der Hosen befindet, wird auswring-nass. Mittlerweile rennen wir mit wassergefüllten Schuhen durch den Wald, doch der Indio-Führer ruft uns zurück. In Augenhöhe greift er in einen Strauch und holt ein glitschiges Tier zum Vorschein. Es ist ein Dreifinger-Faultier mit prägnanten Gesichtszügen. Hape 36 (taufen wir ihn später) wedelt bedächtig mit den Armen und grinst dabei unsicher. Sein zottlig-graues Fell, auf dem hunderte kleiner Insekten hausen, scheint regelrecht zu dampfen und schimmert leicht grünlich. Fast sieht es so aus, als ob auch diverse Algenkulturen auf ihm gedeihen. Niemand möchte den lustigen Müßiggänger anfassen oder gar streicheln.

„Achtung, da kommt jemand!“, ruft Danny, und obwohl das nicht stimmt, setzt der Typ das verstörte Vieh zurück in einen Baum. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Kerkeling sprintet den Stamm regelrecht empor.
IMG_6122 Im Verlauf eines Tages bewegen sich Faultiere meist weniger als 36 Meter, wissen wir längst durch Joao. Wir sehen also gerade 20 davon und somit das vermutlich schnellste Faultier der Welt. Gebannt beobachten wir die hektischen Bewegungen, bis dem Spaßvogel wieder einfällt, dass er ja eigentlich ein stoffwechselarmes Zeitlupen-Wesens ist.
Als wir das Dorf erreichen, hört es von einem auf den anderen Moment auf zu regnen und nur wenig später bringt uns Pepe per Ersatzmotor zurück in die Zivilisation, die sich noch immer inmitten des Amazonas-Beckens – also im Nirgendwo – befindet.
Was für eine spektakuläre Welt. Wie unwichtig und unbedeutend eine Fußball-WM doch manchmal sein kann. Ich freue mich schon riesig auf die Achtelfinals!
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
.
.

.
.
.

[Weiter...]


Halbgare Gürteltiere in Tikal – Guatemala zur WM 2002

26. Februar 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Wir Tikal„Wisst ihr eigentlich, wo das Abflussrohr endet?“, brüllt uns Jenna vom Steg aus zu. „Dort, wo ihr gerade schwimmt!“ Wir zeigen ihm ein Fuckoff und gleiten weiter über den malerischen See. Der Lago de Peten-Itza ist kilometerlang, das wird sich schon einigermaßen verteilen. „Ich war aber gerade auf dem Klo!“, fügt unser Freund lachend hinzu. Göte und ich paddeln merklich schneller in Richtung der Seerosen.
Flores liegt auf einer kleinen Insel und ist nur durch einen Damm mit dem Festland verbunden. Obwohl sämtliche Spuren der ehemaligen Maya-Bewohner vernichtet wurden, ist es wunderschön. An den schmalen, gepflasterten Straßen haben sich kleine Hotels und Restaurants angesiedelt und der Hauptplatz mit der Kirche liegt auf einem Hügel im Zentrum.

Miguel hatte uns vor einem Haus auf der Westseite abgesetzt und während die Jungs mit ihm noch ein „Gallo“ trinken, übernehme ich die Verhandlungen. Eigentlich haben wir es längst nicht mehr nötig, um Zimmerpreise zu feilschen. Doch gerade ich hatte dies, durch viele Reisen mit finanziellen Engpässen, so sehr verinnerlicht, dass ich auch hier nicht anders kann. Jenna muss die Flüche der Frau gehört haben und erkundigt sich bei mir, welchen Preis ich für den Raum mit Seeblick ausgemacht habe. „Na, die wollte erst 50 Dollar, also 40 Quetzal“, sage ich empört. „Und jetzt seid ihr bei?“, fragt er gespannt. „Na bei der Hälfte, 20 von den komischen Dingern.“ Jenna grinst: „Du weißt aber schon, das 20 Quetzal nur 2,50 Dollar sind?“
‚Ach du Scheiße’, denke ich. Ich hatte mich durch die vielen Wechselkurse total vertan und schäme mich regelrecht. Eine weltweit bekannte Backpackergruppe steht normalerweise für das Handeln bis aufs Blut und nun komme ich mir selbst wie einer von ihnen vor. Ich entschuldige mich kleinlaut bei der alten Dame und sage ihr, dass wir selbstverständlich die 40 für das Dreibettzimmer zahlen würden. Nun schaut sie mich allerdings an, als ob ich dämlich wäre.
2004 Guate Flores
Wir spülen uns mögliche Fäkalien vom Körper, auch wenn die Dusche vom Wasser des Sees gespeist wird und gehen gemeinsam zum Abendessen in ein uriges Restaurant. Obwohl wir nicht alles, was auf der Karte steht, korrekt übersetzen können, ahnen wir, dass die Speisen ein Querschnitt der heimischen Tierwelt sind. Aus der Küche meinen wir das Knacken eines Panzers zu hören, denn Jenna hatte sich sofort für das „Armadillo“ (Gürteltier) entschieden. Göte und ich wollen uns ein „Tepezcuintle“ (ein kaninchengroßes Nagetier) und „Venado“ (Wild) teilen. Die „Pizotes“ (Nasenbären) müsse man leider vorbestellen. Nein, wir verspeisen nicht die letzten ihrer Art. Die Viecher sollen hier noch in großer Zahl im Dschungel herumlaufen. Mittlerweile verstehen wir uns wieder ganz gut und haben uns damit arrangiert, dass wir diesmal nur zu dritt unterwegs sind. Wie in alten Zeiten, liefern sich meine Freunde einen köstlichen Dialog bezüglich der Chilisoße.
Göte: „Aber Jenna, ich kann nicht verstehen, warum du immer solche Schärfe rein bringst?“; Jenna: „Die Schärfe bringt ihr beiden doch rein. Muss ich mir denn alles gefallen lassen“; Göte: „Ich hab doch da jetzt keine Schärfe rein gebracht!“;
Jenna: „Ja, du nicht! Du sitzt hier bequem auf deinem Stuhl, hast drei Gallo getrunken und bist schön locker.“
Zum x-ten Mal stoßen wir auf Rudi Völlers Wutrede an und bis weit nach Mitternacht sitzen wir am Ufer des Sees und quatschen über alte Zeiten. Als Göte bereits schlafen gegangen ist, hören wir ganz in der Nähe Musik. Wir kennen die Band und werden magisch hinaus in die Nacht gezogen. Auch in Guatemala spielen sie also „Maná“. Wir stellen zwar fest, dass die immer schnulziger klingen, dennoch ist die Disko ein guter Ort, um noch diverse rumhaltige Mixgetränke zu testen. Jenna genehmigt sich zudem drei Schnäpse pur. Wegen des nur halbgaren Gürteltiers hatte er beschlossen, sich sicherheitshalber „zu versiegeln“.
Wir Kneipe
Es war ihm nicht gelungen. Ganz im Gegenteil. Kurz vor 6 Uhr meckert Göte ihn an: „In fünf Minuten fahren wir ab!“ Der arme Kerl sitzt auf dem Klo und hält den Kopf über das Waschbecken. Seit zehn Minuten entleert er sich nun schon aus zwei Körperöffnungen gleichzeitig. Mit verquollenem Gesicht besteigt er den Minibus. Es geht zu den Maya-Pyramiden von Tikal, dem Highlight unserer diesjährigen Reise. „Ihr hättet mich ja ruhig mal früher wecken können. Ich konnte mir nicht mal die Lunge bräunen“, schnauzt er mürrisch. Er müffelt ein bisschen, doch auch ich schwitze gerade literweise Alkohol aus. Gestern Nacht hatte ich zudem den „Scheppert“ gemacht. Das war schon zum geflügelten Wort geworden, wenn man einfach aufsteht, geht und zu wenig bezahlt. Jenna bekommt noch Geld von mir.
Nur Göte scheint es gut zu gehen. Er unterhält sich hinter uns angeregt mit zwei britischen Paaren. Mein Freund kann sich fast akzentfrei verständigen. Dafür spreche ich besser Spanisch als der Amerikaner, der vorne hockt und den Fahrer ununterbrochen mit seinem Wissen über „Teicel“ nervt. Der schweigt jedoch eisern und lädt kurz hinter der Stadt noch einen Kumpel ein, der sich zwischen Jenna und mich quetscht. Von hinten bekomme ich nur Gesprächsfetzen mit.
Tikal
Anscheinend fragen die Engländer, ob eigentlich alle Deutschen so pünktlich und penibel wären, wie die, die sie bisher getroffen hätten. Ich ahne, was sie meinen. Auch wir hatten in Südamerika schon viele Landsleute erlebt, die mit den teuersten Klamotten aus dem „Globetrotterkatalog“ zu sehr früher Stunde und vor allem völlig humorlos in eine besonders undurchdringliche Pampa gestiefelt waren. Das scheint unser Markenzeichen zu sein. Göte erklärt in seiner charmanten Art, dass wir anders wären und auch nicht den Bus um 4 Uhr genommen hätten, um als Erster in Tikal zu sein. Wir müssten nicht jeden Brüllaffen per Handschlag begrüßen.

Das faltige Männlein neben uns redet nun mit dem Fahrer und isst dabei mit den Händen etwas aus einer grauen Plastiktüte, die auf seinem Schoß liegt. Jenna blickt angewidert zu mir herüber und beginnt, hustend zu würgen. Das Zeug sieht aus wie ein Mix der Fleischreste unseres gestrigen Abendmahls. Ich schaue etwas genauer hin und auch mir wird kotzübel. In der Tüte mit der unappetitlichen Masse krabbeln unzählige schwarze Käfer herum. „Stop! Pare!“. Der Fahrer reagiert nicht, doch Jenna klopft ihm fest auf die Schulter und wiederholt sein Anliegen lautstark.
Icke Tikal
Nach zehn Minuten kommt er leichenblass aus dem finsteren Waldstück zurück. In seiner Hand hält er eine kleine weiße Rolle. Hinter mir erklärt Göte den verdutzten Briten trocken, dass unser Freund ihre Vorurteile bestätigen würde. Ein ordentlicher Deutscher habe eben immer Klopapier dabei, falls er im Dschungel mal gleichzeitig kotzen und scheißen müsste. Alle lachen. Nur der Ami will zügig weiter nach „Teicel“.
Während wir am Besucherzentrum darauf warten, dass Jenna vom Klo kommt, quatschen wir mit den Engländern, die ihre Frauen im Souvenirladen abgegeben haben. Sie erkundigen sich nach der WM 2006 in Deutschland. Wie weit wir mit den Stadien wären, wie es mit der Sicherheit aussehe und vor allem, ob die Kneipen vorbereitet wären. „Ja, der Biervorrat könnte mit euch das größte Problem werden“, antwortet Göte, „denn der Deutsche an sich, trinkt ja nicht so viel.“ Sie schauen in mein aufgeschwemmtes Gesicht und schmunzeln. Zehn Minuten nach ihnen betreten wir eine der bedeutendsten Stätten der klassischen Mayaperiode.

Tikal macht einen sprachlos. Es ist das Ambiente. Die Anlage, die inmitten eines riesigen Nationalparks liegt, scheint die verlorene Stadt zu sein, nach der die Spanier so lange gesucht hatten. Ein undurchdringlicher Dschungel hatte sie lange vor fremden Augen geschützt und geheimnisvolle Tiere sorgen für eine Geräuschkulisse, wie ich sie an keinem anderen Ort jemals gehört habe. Wir sehen Brüllaffen, die den Schrei von Raubkatzen nachahmen und Kletteraffen, die sich kreischend von Baum zu Baum schwingen. Bunt gefiederte Vögel stimmen in das Konzert ein und Baumfrösche sorgen mit ihrem Quaken für den Bass. Nasenbären, einige Tepezcuintle und sogar ein fettes Gürteltier kreuzen unseren Weg. Jenna ruft: „Merke! Gürteltier immer gut durchbraten!“ „Well done“, ergänzt Göte meckernd.
P1000628

Plötzlich ragen die steinernen Pyramiden, wie Wolkenkratzer aus dem Urwald empor. Erstmals möchte ich meinen: sie sind unbeschreiblich. Nachdem wir drei von ihnen erklommen haben, ist das allgemeine Unwohlsein und das Bereuen der gestrigen Fiesta fast völlig verschwunden. Wir haben lediglich Durst und rechtzeitig kommt uns ein kleiner Kerl mit einer Kühltasche um die Schulter entgegen gelaufen. Ich könnte jetzt alles trinken, außer Alkohol. Zwei Minuten später sitzen wir jeder mit zwei Flaschen „Gallo“ auf der Treppe an der Nord-Akropolis. Er hatte nur Bier. Ich stehe auf, betrachte meine Freunde und sage: „Ihr sitzt hier bequem auf euren Steinen, habt zwei Gallo getrunken und seid schön locker.“ Göte grinst, erhebt die Flasche und brüllt über mich hinweg: „Germans don’t drink that much“. Die Engländer laufen gerade vorbei. Es ist 9 Uhr Ortszeit.
Stundenlang laufen wir durch einen Irrgarten von Tempeln, Pavillons und kleinen Höfen. Am Komplex „der verlorenen Welt“ sehe ich eine Gruppe Maya-Männer – wahrscheinlich Arbeiter – sitzen. Wie gerne würde ich hinüber gehen und fragen, ob sich ein Wahrsager unter ihnen befindet. Meine letzte Hellseher-Info war die, dass Deutschland erst 2014 wieder Weltmeister wird. Aber vielleicht stimmt das sogar. Jeannet hatte gerade ihr drittes Kind (zum Glück von einem coolen Schweizer) bekommen. Auch das hatten wir damals hinterfragt. Zum Sonnenuntergang springen wir noch einmal in den glitzernden See. Was für ein fantastischer Tag.
2004 Guate Flores See
Auf dem Weg in die Heimat relaxen wir in Belize am Strand von Placencia, schnorcheln mit handzahmen Haien und Rochen am Riff vor Caye Caulker und landen einige Zeit später wieder in Carrillo Puerto in Mexiko. Manni scheint seit Tagen auf uns gewartet zu haben. Aufgeregt begrüßt er uns in der Dorfkneipe und organisiert sogleich ein Auto für die nächtliche Fahrt nach Tulum. Im Jeep eines Amis, namens Sammy, fehlen zwar sämtliche Kotflügel, die Motorhaube, ein Sitz und beide Türen, doch mit Zwischenstopp an einem Kühlhaus, in dem ausschließlich „Cerveza Sol“ gelagert wird, erreichen wir sicher die Cabanas am Traumstrand. Sammy fragt, ob uns eine Unze (28,35 Gramm) Marihuana für den ersten Abend erstmal reichen würde. Nach wenigen Tagen in Belize und Guatemala sehen wir also schon aus, wie verlotterte Kiffer-Idioten. „Mit euch mache ich mir eher Sorgen, dass hier gleich eine mittelschwere Bierkrise eintritt“, ruft Manni und schaut besorgt auf die vielen leeren „Sol“-Flaschen im Sand. Vier durstige Jungs sitzen am Lagerfeuer und erzählen sich lustige Geschichten. Ich werde an das ursprüngliche Mexiko erinnert, dass ich vor vielen Jahren lieben gelernt hatte. Gerne würde ich noch ein wenig verweilen.
Strand Tulum
.

Zum Weiterlesen: “90 Minuten Südamerika” von Mark Scheppert
.
.
.
.
.
.

[Weiter...]


Europameister Dänemark? Fussball-EM 1992

20. Januar 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

Icke Schwertfisch
„Wart ihr denn schon im Aztekenstadion?“, brüllt mein Vater in den Hörer. Obwohl ich sofort verneine, plappert er einfach drauflos und erzählt vom EM-Halbfinale, das vor zwei Tagen stattgefunden hatte. Endlich hätten die mal vernünftig gespielt und wären durch das 3:2 ins Finale gegen Dänemark eingezogen. „Häßler und zweimal Riedle“, berichtet er, als ob das für mich eine Rolle spielt. „Danke Alter, aber eigentlich wollte ich euch nur sagen, dass ich gut angekommen bin!“ Erstmals wird mir bewusst, wie gerne mein Vater zur Fußball-WM 1986 nach Mexiko gefahren wäre. Doch den göttlichen Maradona einmal live im Aztekenstadion zu sehen, war ihm nicht vergönnt gewesen. Der Mauerfall kam für ihn ein paar Jahre zu spät.
Mit einem grün-weißen Käfer-Taxi geht es zum Busbahnhof. Auch die Jungs wollten sofort den Pazifik sehen. ‚Gegen Dänemark?’, sinniere ich. ‚Dann werden die jetzt auch noch Europameister. Sollte Beckenbauer also recht behalten, dass die BRD nun auf Jahre hin unbezwingbar wäre.’ Ich entdecke einen Obststand. Viele der exotischen Früchte habe ich noch nie zuvor gesehen. „Ist mir doch scheißegal“, murmele ich vor mich hin. „Was?“, fragt Matze. „Nichts Wichtiges!“
.

Ein paar Tage später…
.
Es ist 6.20 Uhr als wir die Wohnung verlassen. Wir haben verpennt. „Sag mal, hast du gestern eigentlich alle Touris gefragt, wie Deutschland gespielt hat?“, will Göte im Wagen neben mir wissen. „Mmmh?“, überlege ich mit schwerem Kopf. „Und du hast jeder zweiten Tante ‚Te quiero’ ins Ohr gebrüllt“, antworte ich. Matze freut sich, dass wir uns freuen. „Ich liebe dich“ (Te quiero), „Herz“ (Corazón) und „Aschenbecher“ (Cenicero) können wir neben „drei Bier“ und „Danke“ (Gracias) nun auch schon sagen. Das Finalergebnis der Fußball-EM weiß ich noch immer nicht.

Hunde

An der Marina sehen wir einer Yacht hinterher. Gabriela rennt zum Hafenmeister und über Funk informiert, kehrt das Boot wieder um. Jimmy grinst etwas säuerlich, während Göte und ich sofort unter Deck verschwinden. Verschwitzt wache ich wieder auf und schwanke nach oben. Am Heck herrscht hektisches Treiben. Matze sitzt neben Jimmy auf einem Campingstuhl und umfasst die, im Boden stabilisierte, Angel mit beiden Händen. „Attention! It´s a blue marlin. It´s a big trophy“, brüllt eines der Crewmitglieder aufgeregt. Mit angespanntem Bizeps spult mein Freund die Sehne immer weiter auf, bevor er sich und dem riesigen Fisch eine kleine Atempause gönnt. Jimmy wirkt angepisst. Es ist der erste Biss am heutigen Tag – ausgerechnet an der Angel, die er meinem Kumpel zuvor großzügig angeboten hatte. Matze hat ihn jetzt bis kurz vors Boot herangezogen. Mit dem Speer voraus springt er im Todeskampf immer wieder aus dem Wasser. Sein Oberkörper glänzt kobaltblau, während die Unterseite silbern-weiß schimmert. Ich gehe zu Jimmy hinüber. „This must be the most beautiful fish in the ocean“, flüstere ich begeistert.
Der Speerfisch hat nun das Heck erreicht. Der Typ, der das mit der Trophäe gesagt hatte, springt auf und hämmert ihm mit einer Baseballkeule auf den Schädel. Zu zweit wuchten sie ihn schließlich an Bord. Innerhalb weniger Sekunden verliert das Tier sämtliche Farbpigmente und den Glanz seiner Schuppen. Ein über zwei Meter großer, grauer Fisch liegt vor uns auf den Planken. Ernüchtert setze ich mich zu Abby und Emily, die ihre Leiber mit den Bikini-Titten lasziv auf dem Bug bräunen und beschreibe ihnen meine Gefühle. Doch sie scheinen mich nicht zu verstehen.
An Land verabschieden sich Jimmy, Liz und die Mädels emotionslos von uns und schenken den Marlin der Fischfabrik. Ich weiß, dass wir sie nie wieder sehen werden.
Schwertfisch

Göte und ich wollen noch ein bisschen am Hafen bleiben und lassen die Beine über die Kaimauer baumeln. Auf einer Yacht nebenan läuft „Summer of 69“ von Bryan Adams, als zwei Typen quatschend an uns vorbei laufen. Ich drehe mich um. ‚Das war doch Deutsch!’, denke ich und rufe die beiden zurück: „Wisst ihr zufällig wie das Finale ausgegangen ist?“ Sie scheinen zu verstehen. „2:0“, sagt der eine und fügt hinzu: „Aber Achtung! Für Dänemark.“ Ich schaue an meinen Füßen herab. Das Meer funkelt in der Sonne, wo es gegen die Steine der Mauer schlägt. Exotische Muscheln kleben an den Wänden und bunte Fische sind zu sehen. Was werde ich vom Sommer 1992 aufbewahren? Dass in jener Zeit eine Fußball-EM stattgefunden hatte? Aus dem Radio nebenan erklingt der Refrain „Those were the best days of my life“, doch ich ahne, dass die besten Tage meines Lebens noch vor mir liegen.
.
.

Wieder ein paar Tage später…

Oh Mann, hab ich einen Schädel! Ich lege mir das Handtuch über die Schultern und laufe hinunter zum Strand. Matze kommt mir entgegen und ruft kopfschüttelnd: „Geh lieber nicht weiter, wir haben da gerade eine Leiche herausgezogen.“ Seine Augen sind vor Entsetzen geweitet. Ich schaue mich um. Dulce sitzt schluchzend neben den Hängematten. Christoph hat einen Arm um sie gelegt und versucht sie zu trösten. Auch Xochil läuft barfuss durch das kleine Restaurant und weint. Ich schaue gebannt auf ihre Füße. Am rechten fehlen zwei Zehen. Reste-Knut starrt irritiert auf die vielen stehen gelassenen Teller der Gäste und auf einem Hügel hockt Veronica in sich zusammengekauert. Mit leerem Blick schaut sie an mir vorbei. Wie in Trance laufe ich weiter. Fünf Meter vor mir steht Robert, der mit einem Polizist spricht. Vor ihm liegt etwas im Sand. Doch die Plane ist viel zu kurz, sodass man die Füße und den Kopf mit den vollen schwarzen Haaren erkennen kann. ‚Ist das Göte? Bitte nicht! Scheiße!’ Geschockt bleibe ich stehen. Sein dümmliches „Live fast, die young“-Gequatsche kommt mir in den Sinn. Doch nun erkenne ich das aufgeschwemmte Gesicht. Es ist einer der Einheimischen, mit denen wir gestern gefeiert hatten. Mir wird kotzübel. Wir befinden uns seit acht Tagen in Zipolite. Was war geschehen?

Als wir von Veronica mit „café americano“ geweckt werden, strahlt die Sonne. Sie erklärt uns, dass wir die Nacht in der „Piña Palmera“ verbracht hatten – einer Fürsorgeeinrichtung für wahrnehmungsgestörte Kinder. In unserer Hütte schlafen eigentlich die Studentinnen der Uni von Mexiko City, die hier ihren sozialen Dienst leisten. Heute werden alle nach den Ferien wieder eintreffen. Veronica ist eine von ihnen und auch das überaus erotische Mädchen vom Vortag arbeitet hier. Ein Traum wird Wirklichkeit, denn sie kommt zusammen mit einer Freundin, die einen weißen Bikini und schwarze Gummistiefel trägt, zu uns herüber gelaufen. Veronica stellt sie uns als Dulce und Xochil vor. Die Brüste und der Hintern der Gummistiefelfrau sind fast schon zu gewaltig, um ästhetisch zu sein.
Palmen

Dennoch geht von ihrem prallen Körper und dem zynischen Lächeln, eine gewisse Versautheit aus. Dulce ist sowieso zuckersüß. Schüchtern bedanken wir uns für das rettende Nachtasyl und verlassen die Anlage. Die drei winken uns kichernd hinterher.
Wir durchqueren einen verwüsteten Palmenhain und erreichen Zipolite. Der Ort scheint nur aus hellem Sandstrand, blauem Pazifik, sattgrünen Pflanzen und ein paar Holzverschlägen zu bestehen. Wir laufen zu einer kleinen Ansammlung dieser Bretterbuden, mieten uns ein Zimmer und drei Hängematten am Strand.
Respektvoll beobachten wir die gigantischen Wellen, während unser „Filete de Atun“ zubereitet wird. Zwei langhaarige Kiffer-Typen setzen sich an den Nachbartisch. „Warum ist denn hier keiner im Wasser?“, fragt Matze. Es sind Deutsche und der Kerl mit der Brille erklärt, dass Zipolite in der Sprache der Zapoteken „Strand der Toten“ bedeutet. Besonders dieser Abschnitt ist für gefährliche Rückströmungen und extreme Sogs bekannt. Jedes Jahr ertrinken hier Menschen. „Lauft runter zum Playa del Amor“, endet er freundlich. Am Strand der Liebe könne man nicht ersaufen.
Christoph und Robert kommen aus dem Wedding in Berlin und scheinen in Ordnung zu sein. Obwohl der Mauerfall nun schon über zwei Jahre zurück liegt, hatten wir noch keinen einzigen Menschen aus dem anderen Teil der Stadt richtig kennen gelernt. Ost- und Westberliner waren unter sich geblieben.
Bei einer zweiten Scheibe des fleischartigen Fischs am Abend nähern wir uns langsam an. „Hey Knut, komm mal her!“, ruft Christoph einem völlig verpeilt wirkendem Typen zu, der aus der Ferne auf unsere Teller gestarrt hatte. Obwohl nur ein paar Pommes übrig geblieben waren, stürzt er sich gierig auf die labbrigen Teile und verschlingt sie schmatzend am Nachbartisch. „Jetzt habt ihr auch gleich mal Reste-Knut kennen gelernt“, sagt Robert schmunzelnd. „Der kriegt gar nichts mehr mit. Völlig durch den Wind!“ Der arme Kerl mit dem Rauschebart wäre wohl auf einer Droge hängen geblieben – Meskalin vermutlich – und habe dabei, die Fähigkeit zu Sprechen verloren. Er ist der erste Däne, den wir auf unserer Reise treffen und lebt hier von Speiseresten. Ich rufe hinüber: „Hey Knut, du alte Rinde. Dänemark ist gerade Europameister geworden!“ Er starrt mich mit ängstlichen Augen an, steht auf und verschwindet im Hain der Palmen. Christoph kullert sich eine Tüte und lacht.

Cabo San Lucas

Mein erstes westeuropäisches Reiseziel war Dänemark gewesen. Elli, Göte, Matze und ich hatten im Dezember 1989 am Bahnhof an der alten Anzeigetafel das Reiseziel „Kopenhagen“ entdeckt und spontan entschieden, in den Zug zu steigen. Die Dänen hatten uns mit einer unerwarteten Herzlichkeit und Wärme empfangen und – da wir nur wenig Westgeld mit uns führten – auch mit unzähligen Kronen aus der Patsche geholfen. Allein wegen dieser zwei Tage werde ich ihnen ein Leben lang dankbar sein. Manchmal hätte ich mir sogar gewünscht, dass dieses kleine Land unser Partner bei einer Wiedervereinigung gewesen wäre.

Wir sitzen im Sand unter den Hängematten und mischen Cola mit Bacardi. Robert ist auf das Thema Fußball angesprungen. Er hatte das EM-Finale auf dem Darß an der ostdeutschen Ostsee gesehen und beschwert sich bitterlich bei mir, dass die meisten Leute in der Bar bei den Toren der Dänen gejubelt hätten. „Seid ihr Ossis eigentlich alle bescheuert oder was?“, fragt er mit höhnischem Grinsen. Ich versuche es zu erklären. Viele meiner Landsleute hatten in den letzten zwei Jahren den Bezug zu ihren lokalen Teams verloren. Bekannte ostdeutsche Mannschaften kicken nun in tieferen Ligen und Fankurven wurden von Hooligans übernommen. Die Menschen hatten, wie ich, ihre Identifikation verloren. Millionen Ostdeutsche waren Fans von Dynamo Dresden und Hansa Rostock geworden, nur weil sie die Einzigen waren, die in der Bundesliga spielten. Warum sollten wir also nicht auch für die Dänen jubeln?
In diesem Moment sehe ich etwas Schwarzes mit zwei Scherenbeinen über den Sand krabbeln. Am Ende der panzerartigen Ringe seines Hinterleibes ragt ein sichelförmiger Stachel nach oben. Robert ruft: „Okay, ihr seid bescheuert.“ Ich springe auf, deute nervös auf das unbekannte Krebsding und brülle: „Ja!“
.
yeah

Sieben Tage später: Wir hatten unsere Abreise immer wieder verschoben, doch jetzt hängen wir regelrecht fest. Göte, der bereits zweimal durch den Fluss geschwommen war, berichtete, dass die Straßen noch immer unpassierbar wären. Kein Bus, kein Taxi, kein Telefon. Wir versacken im Paradies. Ich liege in der Hängematte, schaue aufs rauschende Meer und denke an die zurückliegenden Tage. Wir hatten viele angenehme Leute getroffen und Christoph und Robert waren zu richtigen Freunden geworden. Mit Veronica, Dulce und Gummistiefel – wie sie nun alle nannten – da sie die Dinger immer trug, waren wir gleich auf die hübschesten Studentinnen der Pina Palmera gestoßen. Fast jeden Abend sitzen wir zusammen am Lagerfeuer, philosophieren über Gott und die Welt und kommen uns immer näher.
Am Ende des Strandes sehe ich Veronica winken und erwache aus meinem Tagtraum. Ich bin am Playa del Amor mit ihr und einigen, der zum Teil auch körperlich behinderten Kindern verabredet. Waren sie mir gegenüber anfangs noch ängstlich und zurückhaltend gewesen, rennen wir nun schon seit Tagen gemeinsam über den Strand und schaufeln kleine Wannen in den Sand, in denen wir stundenlang plantschen. Die kleinen Wesen, mit den schwarzen Knopfaugen, strahlen, sobald sie Vertrauen gefasst haben, eine so ansteckende Lebensfreude aus, dass ich immer ganz traurig bin, wenn wir uns verabschieden müssen. Veronica genießt meine Anwesenheit sichtlich und empfindet scheinbar auch mehr für mich. Sie hatte mir viele Wörter erklärt, indem sie Sachen mit dem Finger in den Sand malte. „Te quiero“ umschrieb sie mit einem Herz, in welchem ein Pfeil in der Mitte steckte. An die Enden zeichnete sie ein „V“ und ein „M“. Doch ich kann ihre Gefühle nicht erwidern. Eine unverbindliche, heiße Nacht, das könnte ich mir vielleicht sogar vorstellen, aber eben nicht mit Veronica. Sie ist ein naives, katholisches Mädchen, viel zu gut und zerbrechlich, um verletzt zu werden.

Veronica
Nach unserem Treffen laufe ich am Strand zurück und entdecke zwei Körper eng umschlungen im Sand liegen. Es sind Dulce und Christoph. Die Traumfrau, die so unerreichbar erschien, gibt sich vor meinen Augen, dem verpeilten, tätowierten, Kiffer-Taxifahrer aus Westberlin hin. Mann, bin ich naiv! Ich laufe zum Restaurant, bestelle Thunfisch und beschließe, mich heute abzuschießen. Reste-Knut grinst, als er sieht, dass ich die Hälfte des Essens liegen lasse und zum Lagerfeuer laufe.
Davor hockt Göte mit ein paar Einheimischen. Sie trinken Mezcal – da bin ich dabei. Auch Robert und Gummistiefel stoßen dazu. ‚Bitte nicht die beiden auch noch’, denke ich kurz, doch die Rubensfrau mit den Riesentitten setzt sich neben mich. Aus den Lautsprechern der Bar ertönt Reggae-Musik und nachdem die ersten zwei Pullen im Sand liegen, kreisen die Joints. Obwohl ich damit sonst immer sehr vorsichtig bin, ziehe ich in kräftigen Zügen, wenn ich an der Reihe bin. Das Zeug ist heftig. Die Gesichter vor mir verschwimmen und die Gespräche werden zu zusammenhangslosen Fetzen. Andererseits sehe ich bestimmte Dinge in überraschender Klarheit. Reste-Knut läuft im Schatten der lodernden Flammen vorbei. Seine Lippen bewegen sich. Er scheint: „Mark, du alte Rinde. Dänemark ist gerade Europameister geworden!“, zu sagen. Das Zeug ist zu heftig!
Mexikobilder-232
Ich lasse mich nach hinten in den Sand fallen, schaue zu den Sternen und spüre eine warme Hand auf meinem Bauch. Ein Schuh aus Gummi berührt meine Wade. Doch jemand ruft: „Hey Scheppi, lass uns baden gehen!“ Göte zieht mich nach oben. Er hatte soeben mal wieder den Mezcal-Wurm verspeist und scheint, wie ich, dicht zu sein. Eine Abkühlung könnte uns nicht schaden. Als ich meine Short ausziehe, beobachte ich, wie Gummistiefel lächelnd meinen Schwanz betrachtet.
Nackt stürzen wir uns in den tiefschwarzen Ozean. Wir sind bereits hüfttief im Wasser und ich bilde mir ein, dass die nächtliche Brandung nun noch viel gewaltiger gegen den Strand donnert. Eine Welle trifft mich mit voller Wucht. Sie wirbelt mich herum und drückt mich zu Boden. Mein Körper wird von einem kräftigen Sog erfasst und als ich den Kopf endlich wieder über die Wasseroberfläche bekomme, habe ich die Orientierung verloren. Ich kann nicht mehr erkennen, wo Horizont und Ufer sind, und rufe in panischer Angst nach Göte. Der nächste Brecher haut mich um. Es fehlt mir die Kraft, mich aufzurichten und ich ahne, dass ich jetzt sterben werde. Die nächste Mörderwelle rollt über mich hinweg. Plötzlich umfasst jemand von hinten meinen Arm. Ich schreie, spüre aber zugleich, dass mir die bärenstarke Hand zu helfen versucht. Meine Füße berühren wieder den Meeresboden und an Land ist ein kleines Licht zu sehen. Zusammen mit Matze falle ich entkräftet in den Sand.
Copper Canon 2

Nach fünf Minuten steht er auf und geht wortlos zurück zu unserer Hütte. Ich bin kurz davor laut loszuheulen, als sich Göte neben mich setzt. Matze, der seit Tagen fiebrig erkältet ist, hatte ihn noch vor mir an Land gezogen. Auch Göte geht schlafen, doch ich brauche noch etwas Zeit für mich. Mit pochenden Schläfen schraube ich den Verschluss der Flasche auf und trinke in kräftigen Zügen. Meine, um den Schnaps geschlungenen, Fingerknöchel werden immer weißer…

– Die hier nun folgende krasse Sexszene gibt es nur im Buch –

…gegen 12 Uhr wache ich auf. Oh Mann, hab ich einen Schädel! Ich lege mir das Handtuch über die Schultern und laufe zum Strand. Matze kommt mir entgegen…

Zum Weiterlesen…


.
.
.
.
.

[Weiter...]


Was haben Sie denn in Venezuela gemacht?

6. November 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Alle wollen nur noch weg aus Santa Fe. Sylvie und mir geht das überfüllte Strandgedöhns auf den Sender, Göte hatte „die schlimmste Nacht seines Lebens“, da er von Mücken zerstochen wurde und Matze jammert, dass der Ventilator so laut wie eine MiG 21 gewesen sei. Er schreit nach einem HILTON. Jenna hat lediglich keine roten Marlboro mehr. Alf hatte sich angeboten, uns nach Puerto la Cruz, das Miami ähneln soll, zu begleiten. Vielleicht könnten wir ja dort auch noch eine Tour buchen.
Wir halten am teuersten Hotel der Stadt, einem staatlichen 5-Sterne-Bunker. Es gibt kein HILTON. Als Göte und Matze aus dem Foyer kommen, glotzen Sylvie und ich erstmals, wie Schweine im Weltall. Die beiden haben eine Suite für 320 Dollar die Nacht gebucht und laden uns ein. „Ich hätte es mir teurer vorgestellt“, sagt Matze zu allem Überfluss. Der graue Luxusschuppen sieht von außen aus, wie ein FDGB-Ferienheim im Ost-Harz. Innen eigentlich auch. Na fast …

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Weiter geht’s mit Alfi in einer einstündigen Fahrt durch den Stau ins Shopping-Center. Angeblich gibt es nur dort Internet. Alvaro ist die gesamte Zeit sehr zuvorkommend und anständig. Er trinkt kaum Alkohol, liebt seine Frau abgöttisch und hasst Leute zutiefst, die Drogen ins Land schleppen. Nachdem wir in einem Cafe eine Lagebesprechung abhalten und er die spendierten Biere rülpsend in einem Zug leert, taut er allmählich auf und erzählt voller Stolz, wie er die örtlichen Damen durchknallt. Er will sogar Sylvie mit Nutten versorgen. Bedacht leise flüstert er, dass er den besten kolumbianischen Stoff der Stadt besorgen könne. Touren kann man hier allerdings nirgendwo buchen und wir werden den schizophrenen Vogel nicht mehr los. „Everything is possilbe.“ Wir wissen alle, dass man Bekloppte nicht provzieren sollte. Er läuft mit uns durch die Stadt und als er mal pinkeln muss, verduften wir um die nächste Ecke. Erleichtert schlendern wir zurück zur Deluxe-Herberge. Und wer ist schon da? Alfi liegt zugedröhnt in unserer Badewanne. Jetzt reicht es aber! Wir lassen die Security holen. Ein Albtraum.
Im besten Hotel der Stadt gibt es keine gefüllte Minibar, absolute Handtuchknappheit und keinen funktionierenden Roomservice, obwohl der mit 24 Stunden angepriesen ist. Wir gehen an die Poolbar und werden schroff abgewiesen. Dem Tonfall nach zu urteilen, hätten sie auch „Verpisst euch, ihr Penner!”, sagen können. Draußen finden wir einen Kiosk, an dem wir frustriert ein paar Bier trinken. Aus den Boxen erschallt venezolanische Mallorca-Musik. Es fängt an zu regnen.
Wir trauen uns in der Dunkelheit nach Downtown zum Essen, doch bereits kurz vor 21 Uhr beschließen wir, einen Heimabend zu machen, da wir uns ja in einer sehr gefährlichen Stadt befinden. Göte, Jenna und ich kaufen beim Liquorshop zwei Literflaschen Cacique-Rum, Pepsi und 5 kg Eis. Sylvie nimmt sich Rotwein und Matze vier kleine Light-Bier mit. „Der Rum ist das Einzige, was noch genauso gut ist, wie vor zehn Jahren“, sagt Göte meckernd. Wie Recht er nur hat.
Die Cacique-Fraktion ist um 23.30 Uhr schrankfertig abgefüllt und Sylvie gibt dem bettelnden Matze noch eine viertel Flasche Wein ab. Dennoch versucht Mr. Lightbier danach vergeblich den Zimmerservice anzurufen und auch an der Rezeption rücken sie keinen Alk mehr heraus. Auf die Frage, warum er denn nicht noch in die Stadt geht, antwortet er: „Für drei Bier lass ich mir doch nicht den Schädel einkloppen.“
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Am Morgen kommen Göte und Matze freudestrahlend ins Zimmer zurück und erklären, dass wir die Suite weiter behalten können. Somit sind auch die letzten Pläne gekippt, doch noch zum Salto Angel zu fahren. Wir gehen bei Sonnenschein in die Stadt frühstücken und bei Regen wieder zurück. Da es den ganzen Tag weiter schüttet, lassen wir uns an der heute geöffneten Poolbar nieder.
Göte und Matze hatte ich lange nicht gesehen und während unserer Gespräche fällt mir auf, wie sehr ich sie vermisst habe. Wir reden über ihre Jobs im Ausland, über Berlin, andere Freunde und die letzte Fußball-EM. Göte war bei vielen Spielen dabei gewesen. Er schwärmt noch immer von Spanien, wie sie im Halbfinale Russland auseinander genommen und auch uns Deutschen im Finale eigentlich keine Chance gelassen hatten.
Ich berichte von meinem Auswärtsspiel in Australien, doch die schönste Geschichte erzählt Matze von der WM 2006. Die kannte ich noch gar nicht. Er hatte sich damals fünf Stunden vor das Olympiastadion gestellt, um eine Karte für das Spiel gegen Argentinien zu ergattern. Als er siegestrunken, Stunden nach dem Match, nach Haus fuhr, herrschte noch immer eine unglaubliche Euphorie in der S-Bahn. Wildfremde Menschen umarmten sich und jeder musste dem anderen mitteilen, dass sie gerade etwas Einzigartiges, Unvergleichbares erlebt hatten. Bis sich ein älterer Mann schüchtern zu Wort meldete und von der „Nacht von Sevilla“ berichtete. Er hatte 1982 das WM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich live im Stadion gesehen. In der Bahn herrschte für Minuten ehrfurchtsvolle Stille.
Am Abend finden wir ein gemütliches Lokal, mit exzellentem Essen, schaumigem Fassbier, guter Weinkarte und vor allem lächelnden Bedienungen. Von Matze kommt die unvermeidliche Frage nach einem Diskobesuch. Jenna hat keine Lust und so begleiten wir ihn noch nach Hause. Vorher wollen wir Bier kaufen, doch die sozialistischen Spätverkaufsstellen haben alle schon dicht gemacht. Wir laufen, wider besseren Wissens, in eine dunkle Seitenstrasse und sind plötzlich umringt von zehn schimpfenden Venezolanern. Es stellt sich jedoch schnell heraus, dass sie über „El Commandante“ Chávez keifen, der ihnen hier alles versaut, auch das späte Saufen. Zu uns sind sie freundlich und besorgen über einen geheimen Kanal ein Sixpack. Als ob ihnen ihr Land peinlich wäre, schenken sie es uns.
An der Promenade von Venezuelas Miami Beach steht ein blau beleuchtetes Kreuz, dass uns den Weg in eine Bar weist. Auch hier sind die Leute wie ausgewechselt und spendieren uns Kakao- und Kaffeelikör, nur weil wir die Liveband beklatschen. Die zwei süßen Opas spielen ausschließlich „Guantanamera“, und wir singen dazu „es gibt nur ein’ Rudi Völler“ mit.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Wenngleich es heute die ersten Lichtblicke gab und es über unsere beiden alleinigen Urlaubswochen auch einige positive Dinge zu berichten gibt, sind wir noch immer schockiert. Wir fragen uns: Wem kommen die Einnahmen des Erdölreichtums zugute? Wo sind die blühenden Landschaften? Was hat Chávez mit seiner Anti-Armuts-Kampagne bewirkt? Ist er der Retter der südamerikanischen Völker?
Obwohl ich viele der sozialen Vorhaben durchaus begrüße, werde ich in diesem Land seit Tagen daran erinnert, wo ich herkomme. Die letzten ostalgischen Gefühle werden hier aus dem Herzen verbannt. Wenn das der erstrebenswerte Sozialismus des 21. Jahrhunderts sein soll, bin ich glücklich, dass die DDR nur noch in meiner Erinnerung existiert. Nicht zum ersten Mal wird mir klar, dass ich nicht hier bin um Südamerika zu ändern, sondern dass es mich verändert.
Absatz neu
Gegen Mitternacht wird die Kneipe zu einer Karaokebar und danach zur Disko umfunktioniert. Etliche Speckbarbies werden uns vom Barchef für harte Devisen feilgeboten. Sylvie amüsiert sich prächtig und gegen 3 Uhr wanken wir heim. Als sich die Fahrstuhltür öffnet, sitzt ein völlig dichter Typ, nackt auf einem der Stand-Aschenbecher und scheißt offenbar hinein. Wenn wir sein Gebrabbel richtig deuten, war er auf dem Weg zum Klo gewesen und hatte sich in der Tür geirrt, die dann zugefallen war. Er hätte es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Sylvie gibt ihm ein Handtuch und ruft unten an, dass man sein Zimmer wieder aufschließt.
Wir sind überrascht, dass bei uns noch Licht brennt und uns Jenna mit verquollenen Augen begrüßt. Er hätte die ganze Zeit wach gelegen, weil Kätzchen im Zimmer wären. Ich suche unter dem Bett tatsächlich nach Samtpfoten, bis mich Jenna aufklärt, dass es sich um Riesenkakerlaken handelt. Schon prima, dass wir in der 320-Dollar-Suite solche Tiere haben (und nur noch zwei Handtücher). Mir gelingt es zudem auf der Terrasse, die letzte Flasche Rotwein fallen zulassen. Matze hatte für zwei Pullen 40 Dollar bezahlt. Ich sammle die Scherben auf und verziehe mich schuldbewusst ins Bett. Zumindest wurde ich dafür nicht totgeschlagen!
Brasilien-Kolumbien 224
Ich wache auf und fühle mich beschissen. Einzelheiten? Übelkeit, Kopfweh, Durchfall, Rückenschmerzen, Blasenschwäche, eine Ekelgriebe und allgemeines Unbehagen. Macht schon Spaß so eine Wellness-Woche mit alten Freunden. Aus dem Ascher im Gang müffelt es und am schmierigen Pool müssen wir wiederholt um Handtücher betteln. Die Diskomucke ist heute nochmals deutlich lauter und 60 aufgedrehte Deppengesichter machen den Animateuren die Übungen nach. Andere beschmeißen sich im Wasser besoffen mit Sahnetorte, oder brutzeln in der Karibik unter der Sonnenbank! Sind die hier alle total bescheuert oder was?
Am Nachmittag verabschieden sich Matze und Jenna, die ihren wohlverdienten Urlaub nach fünf Tagen beendet haben und sich auf den Rückweg nach Miami – ins Original – machen. Wir verbringen den Rest des Abends in unserem neuen Stammlokal, schauen Baseball, essen flambierten Salzfisch und quatschen. Später verschlägt es uns auf unsere kleine Oase, die Terrasse, mit dem Blick auf das Meer und den Hafen. Ab und an hören wir Schüsse aus Schnellfeuerwaffen.
Per Inlandsflug geht es nach Caracas. In der Hauptstadt quatscht uns das örtliche Sicherheitspersonal an und fragt: „Was haben sie in Venezuela gemacht? Warum sind sie hier gewesen?“ Wir finden spontan keine Antwort darauf.
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.

[Weiter...]


Venezuela – gute Freunde & fiese Krebse

22. Oktober 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Brasilien-Kolumbien 241
Ein Nachtbus bringt uns nach Ciudad Bolivar. Bei der Ankunft werden wir vom Busbegleiter unsanft geweckt, nachdem ihn sein Kollege angewiesen hatte: „Die Gringos mal aus dem Bus zu schmeißen“, was sich wohl auf Sylvie, mich und zwei Engländer bezieht. Leicht geschockt vom Zustand des Busbahnhofes und den Menschen, die dort herumlungern, überzeugen wir die Briten sich mit uns ein „Por Puesto“ – eine Art Sammeltaxi – zu teilen, um an die Küste zu gelangen.
Sie wollen direkt weiter nach Kolumbien „because, Venezuela is too dangerous.“ Die Karre ist ein uralter Ami-Schlitten mit riesigem Kofferraum und einer Sitzbank für drei Leute vorn. Sie wird nur noch von Rost zusammen gehalten und von einem Möchtegern-Schumi in halsbrecherischer Art über die Straßen gejagt. Bei unserer Nobelkarosse ist die Kilometeranzeige bei 630000 Meilen stehen geblieben! Dank der Fahrweise brauchen wir für die Strecke, für die der Bus sechs Stunden benötigt hätte, nur vier, inklusive einer Kaffeepause. Der ist mit zwei Dollar genauso teuer, wie eine komplette Tankfüllung. Willkommen im sozialistischen Erdölland!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Die Jungs von der Insel hatten in der Zwischenzeit beschlossen, sich uns anzuschließen, da sie ganz gerne den karibischen Traumstrand sehen wollten, von dem ich ihnen vorgeschwärmt hatte. Doch in Santa Fe muss sich in den letzten Jahren Schreckliches ereignet haben. Der Ort hat sich in ein Drecksloch verwandelt, mit hässlichen Betonbauten und Posadas, die durchweg schäbig wirken. Der Strand ist voll gepackt mit fetten Venezolanern, die den ganzen Tag Bier und Rum in sich hineinlaufen lassen, ständig am Fressen sind und das Meer mit Plastiktüten zumüllen. Das Schlimmste: alle Häuser sind komplett vergittert und umzäunt. Es wird empfohlen, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr nach draußen zu gehen.
In einem Land, das als viertgrößter Rohöl-Lieferant der Welt gilt, erwartet man einfach nicht, dass ein Großteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt und die Hauptstadt Caracas als zweitgefährlichste Stadt der Welt – nach Bagdad – gilt. Wir bekommen die letzten zwei Zimmer in einer Posada, in der es weder Strom noch Wasser gibt. Dafür rennen unzählige Kakerlaken in den gefängnisartigen Räumen umher. Was machen vor allem Engländer in so einer beschissenen Situation, um nicht völlig zu verzweifeln? Genau. Und wir trinken mit!
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Am nächsten Morgen geht es zum Flughafen, um unsere Freunde abzuholen. Für heute haben wir extra zwei Zimmer woanders vorreserviert. Die sollen dort Elektrizität und eine funktionierende Dusche haben. Endlich angekommen, kaufen wir Inlandtickets für den Tag unserer Abreise. Nach drei Versuchen haben sie meinen Namen mir „Schrllt“ fast richtig geschrieben. Um 12.30 Uhr begrüßen wir unsere Freunde mit einem Schild auf dem „Major, Leutnant y Meisner“ steht. Per Taxi geht es in „unser“ Santa Fe. Nach der Venezuela-Reise vor zehn Jahren hatten wir uns feierlich geschworen, dass wir das unberührte Fischerdorf mit dem Strand unter Palmen unbedingt noch einmal im Leben sehen müssten.

Als wir am schmuddeligen Marktplatz an der ehemaligen Eisfabrik vorbeilaufen, kommen sie mir mit ihren Rollkoffern ein bisschen vor, wie Schweine im Weltall. Matze stellt sich zudem beim Ziehen des Gepäcks durch Schlamm und Dreck ziemlich dämlich an. „Bist du bescheuert oder was?“, frage ich ihn grinsend. Er schubst mich genervt zur Seite, sodass ich fast in den knietiefen Fluss aus Abwasser und Fäkalien falle. Der Bach ist die Trennlinie zwischen Dorf und Touristenbereich.
Verwundert schütteln sie den Kopf, als sie die, von uns gewählte, Posada sehen. Die zweitbeste Unterkunft im Ort ist durch eine hohe Mauer, Stromzaun und Gittern vor den Fenstern gesichert. Der Opa hat unsere Reservierung natürlich vergessen, findet dann aber doch noch zwei Zimmer im Keller seines Ferienparadieses.
Brasilien-Kolumbien 263
Sofort beginnt die Jammerei, dass das Klo stinken würde, die Dusche (doch) nicht funktioniert und der Ventilator zu laut sei. Einige Geckos kleben an den Wänden, was entweder ein gutes Zeichen ist, da sie die Mücken fressen, oder ein schlechtes, dass es hier viele Stechviecher gibt. Wir müssen sie besänftigen und gehen in die ehemals schönste Bar der Welt. Die steht zumindest immer noch direkt auf dem Strand und hält Mixgetränke und Bier bereit. Leider schwimmen davor auch heute etliche besoffene Einheimische, zusammen mit dem von ihnen verursachten Müll.
Nach ein paar eisgekühlten Polar-Bieren haben sich die Gemüter ein wenig beruhigt. „18“, „20“, „Zwo“, „23“, „24““, rufen wir nacheinander und gehen lachend gemeinsam pinkeln. Dort lernen wir zwei lustige Gesellen aus Chemnitz kennen, die ihre Lebensweisheiten in tiefstem Sächsisch kundtun. Der eine: „Arbeiten ist doch echt Scheiße, das sollen lieber andere für mich machen.“ Der zweite: „Also ehrlich, die Nutten sind in Brasilien viel besser.“ „Echt?“, fragt Göte und die beiden antworten im Chor: „Nuklear!“ (Na klar!). Sie tragen noch immer DDR-Frisuren und Sylvie flüstert mir nicht ganz zu Unrecht ins Ohr: „Mann sind die hässlich.“ Matze murmelt: „Solln se’ mal alle machen.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Den Sachsen macht es sichtlich Freude, riesige Taschenkrebse, die in der Dämmerung über den Strand marschieren, mit bloßen Händen zu fangen und auf unseren Tisch zu werfen. Ich schaue mir die grauen Scherentiere mit den schwarzen Kulleraugen eine Weile an und habe eine Idee. Wir könnten ein Wettrennen veranstalten. Jeder von uns wählt ein Tier und darf ein Land benennen, für das es an den Start geht. Sylvie beginnt und nimmt den allerkleinsten Krebs. Er läuft für Brasilien. Udo und Rico wollen unbedingt den Deutschland-Gliederfüßer haben und einigen sich gemeinsam auf ein 15 cm großes Ungeheuer. Da unser Team nun schon weg ist, nehme ich Spanien und die Viecher von Jenna, Matze und Göte starten für Mexiko, die USA und England. Wahrscheinlich versteht meine gepanzerte Riesenkrabbe als einzige den Sinn unseres Spieles und läuft auf der Tischplatte allen davon. Im Finale schlägt sie das „deutsche Monster“ deutlich. „Zählt nicht! Das war ja das letzte EM-Finale“, meckert Göte. Doch auch im WM-Lauf für 2010 und im 2012er EM-Rennen ist der „Spanien-Krebs“ unschlagbar. „Okay, dann also 2014“, brüllt Udo und tunkt seinen Starter ins Cuba Libre Glas. Von Rico euphorisch angefeuert, schlägt ihr Biest Spanien diesmal schon im Halbfinale. Zur Überraschung aller, folgt ihm die brasilianische Minikrabbe in den Endlauf. Mittlerweile stehen auch ein paar Einheimische um unseren Tisch herum und verfolgen das Spektakel amüsiert. Erst im entscheidenden dritten Lauf, gewinnt Deutschland den Titel gegen Brasilien. Auch wenn Sylvie protestiert und eine „Dopingkontrolle“ verlangt, sehe ich nur in glückliche Gesichter, denn niemand hat etwas dagegen, dass unser Land 2014 Fußball-Weltmeister wird.
Brasilien-Kolumbien 246
Noch am Abend hatten wir Alvaro kennen gelernt. Der freundliche Typ versprach in gutem Englisch: „Everything is possible“, was mich beruhigte, da er sicher etwas für meine anspruchsvollen Kumpels organisieren könnte. Göte hatte per Handschlag auch sofort eine Bootstour für 25 Dollar pro Person in den Nationalpark besiegelt. Der ortsübliche Preis liegt bei 5,- $ pro Nase.
Wie ein Schwein ins Uhrwerk schaut vor allem Matze als er beim Frühstück von einem Sechsjährigen bedient wird. Aber es kommt fast alles, was bestellt wurde. Pünktlich um 10 Uhr legen wir ab. Wir haben den Führer Toni an Bord, etliche eisgekühlte Biere, Fisch zum Grillen und einen zweiten Bootsmann – den niedlichen kleinen Kellner. Da er uns seinen Namen nicht verrät, taufen wir ihn Horst 6. Um Schnorchelzeug zu leihen, müssen wir an einem anderen Ort anlegen. Dort liegt eine Knarre im glasklaren Wasser auf dem Grund. Es ist keine Wasserpistole.
Doch gleich nach den ersten zwei Bieren stoßen wir auf eine Gruppe Delfine, die direkt neben unserem Kutter zu springen beginnt. Besonders Sylvie brüllt unentwegt: „Da!“, „Da!“, „Da!“, wie in einem Trio-Song. Zum ersten Mal, seit sie hier sind, sehe ich auch in den Augen meiner Jungs dieses ganz spezielle Funkeln. Wenngleich wir uns über die Jahre ein wenig voneinander entfernt haben, weiß ich, dass auch sie bis ans Lebensende das Jetzt und Hier genießen können, dass die Neugier niemals sterben wird. Wir sind wieder gemeinsam unterwegs. Für einen Moment gibt es nur uns und die Delfine im glitzernden Meer. Und kein Morgen.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Wir ankern an der vermeintlich schönsten Schnorchelstelle unseres Trips. Es gibt hier abgebrochene und tote Korallenbänke, einige bunte Fische, die umgeben von Ölkanistern und Plastiktüten, nach Luft schnappen und unsere weißen Bäuche umkreisen. Vor zehn Jahren war das hier das Schönste, was ich jemals unter Wasser gesehen hatte. „Aua, ich bin von einer Qualle gepiekst worden“, ruft Jenna und gibt damit seinen ersten vollständigen Satz des Tages von sich.
Die kleine Insel, auf der wir landen, erinnert nur noch entfernt an einen Karibiktraum, da sie durch gigantische Müllberge entstellt wird. Wie ist bloß dieser ganze Dreck hergekommen? Toni und Horst 6 ignorieren unsere entsetzten Blicke und entzünden den Grill mit Benzin aus einem Kanister. Der Red Snapper schmeckt gut, auch wenn uns hunderte Sandfliegen die Beine zerstechen. Um 13.00 Uhr fragt Matze, ob wir nicht langsam nach Hause fahren können, da er Angst hat, dass das Bier knapp wird. Doch Jenna und Sylvie setzen sich durch und gehen nochmals mit klein Horsti schnorcheln. Das Bier wird knapp! Auf dem Rückweg fahren wir durch extrem Delfin-verseuchtes Wasser und entspannen uns wieder.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Gegen 22 Uhr sind wir völlig abgefüllt. Matze krakeelt: „Jetzt trinken wir aber mal richtig einen“ und fragt Alf (Alvaro), wo die örtliche Disko ist. Der antwortet emotionslos, dass wir dort, fünf Strassen vom Strand entfernt, wahrscheinlich totgeschlagen werden. Schon ab 20 Uhr hätte man da nichts mehr zu suchen. Wir gehen geplättet in unseren Hochsicherheitstrakt. Endgültig schwöre ich mir, nie wieder an einen Ort zu fahren, mit dem so schöne Erinnerungen verbunden sind.
Vor Götes und Matzes Zimmer laufen der Mexiko- und der Spanienkrebs auf und ab. Wir erkennen sie gut, da das „M“ und „S“, was Udo mit Edding auf ihre Panzer gemalt hatte, noch immer sichtbar ist. Wahrscheinlich suchen sie besorgt ihr Kind, den kleinen Brasilien-Flitzer. Doch sie werden es nicht finden. Die Chemnitzer hatten die Babykrabbe, zusammen mit dem „D“-Krebs, als Erinnerung mitgenommen.
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.

[Weiter...]