Leseproben

Benny eiskalt – Jugend in der DDR

22. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Am 24. März 1986 sitze ich zusammen mit den Jungs im Alfclub. Wir diskutieren noch immer über das Spiel bei Lok Leipzig am Wochenende. Besonders Andi, der gerade im Chefsessel hockt, verteidigt den Stumpf-Elfmeter in der 94. Minute bis aufs Blut, wohl auch, weil seine Atze Billy der größte Union-Fan weit und breit ist und er sich das nur bei uns trauen darf. „Ein Spiel dauert 90 Minuten plus BFC-Nachspielzeit“, tönt er. Zuhause – und in der restlichen Republik – gäbe es dafür tierisch aufs Maul. Wir nicken gelangweilt, da die Meisterschaft durch das späte Tor von Frank Pastor nun fast schon wieder entschieden ist.
Plötzlich stürmen Henry und Daley zur Tür hinein. „Kinder haben hier gar nüscht zu suchen“, brüllt ausgerechnet Bommel, der einen halben Kopf kleiner als die beiden ist. Es sind Bennys beste Kumpels, die zwei bis drei Jahre jünger als wir sind. Daley wird in Anlehnung an Daley Thompson (den schwarzen Zehnkämpfer) so genannt, weil seine Haut fast durchsichtig und kreideweiß ist. Doch auch der sonst so quirlige Henry hat gerade keine gesunde Gesichtsfarbe.
„Mark, deine Keule ist verschwunden!“, ruft er mir aufgeregt zu. Es ist 19 Uhr und schon Dunkel draußen, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. „Wann habt ihr ihn denn das letzte Mal gesehen“, antworte ich daher entspannt. „Also wir haben vorhin Verstecken gespielt und suchen ihn eigentlich schon seit halb sechse“.

Augenblicklich wird mir gleichzeitig heiß und kalt. „Und wo?“ „Also ich habe mit dem Kopf am Denkmal, ohne zu Schmulen, bis 100 gezählt und dann angefangen zu suchen. Nur Mike konnte abschlagen – alle anderen habe ich vorher gefunden. Außer Benny. Der ist irgendwie nicht wieder aufgetaucht, aber ich dachte, du kennst ja deine Keule, dass …“ „Nun erzähl hier mal keine Romane Piepel“, unterbricht ihn Bergi. „Ihr wart also am Lenindenkmal?“ „Ja, aber …“ „Und wo habt ihr schon überall gesucht?“, fragt er, während ich genau diese Überlegung in Gedanken anstelle: ‚Wo könnte sich der kleine, neunmalkluge Scheißer versteckt haben? ‘
Ich liebe meinen Bruder. Wir verstehen und trotz des Altersunterschiedes prächtig und oftmals staune ich darüber, welche Energie er darin verwendet, mich in diversen Spielen zu schlagen. Versteckspielen – ohne auffindbar zu sein – hatte er mir auch schon einmal im Garten in Karow angetan. Letztendlich entdeckte ich ihn dann mit hämmerndem Herzen in einer Kiesgrube, aus der er allein nicht mehr herauskam. Ich wäre vor Sorge fast gestorben und ließ ihn zur Strafe bis zum Mittagessen darin hocken. „Marki, das kannst du doch nicht machen. Marki, ich habe Hunger“, hörte ich es aus der Ferne wimmern. Doch Benny verpetzt nie jemanden und ist nicht nur deshalb bei all seinen Freunden hochgradig beliebt.
Auch meine Jungs mögen ihn und so schließen sich alle hilfsbereit dem Suchtrupp in Richtung Leninplatz an. Auf dem Weg rätseln wir weiter, auf welche Versteck-Idee er wohl gekommen sei, stellen aber bald ernüchternd fest, dass es dafür hunderte gäbe – das Einzugsgebiet riesig ist. Bevor wir uns aufteilen, bitte ich dennoch um weitere Bedenkzeit, da ich ihn ja wahrscheinlich am besten kenne.

Ins Hochhaus hat er sich eher nicht verkrochen. Benny leidet, wie sein Bruder, unter Höhenangst und gerade die Treppenhaus-Balkone im 25-Stöcker wären der blanke Horror. Genau wie die Müllschlucker-Räume oder die regelmäßig steckenbleibenden Fahrstühle. Wobei nach denen mal einer schauen könnte.
Pattere, im Café am Leninplatz oder im Speiserestaurant Baikal, hätten sie ihn auf dem Klo oder beim Naschen von Spanferkel-Resten in der Küche schon längst entdeckt und entfernt – fällt also auch aus!
Den S-Block und den U-Block (unsere Mutter nennt sie „Schlange“ und „Bumerang“, was außer ihr kein Mensch sagt) halte ich auch für unwahrscheinlich, da sie zu weit vom Abschlage-Mal entfernt sind.
An den Volkspark Friedrichshain mit seinen gruseligen Wäldern und Büschen voller Kinderschänder, die sich im Dunkeln dort herumtreiben sollen, will ich gar nicht erst denken. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass er sich an den ollen Köhlerhütten noch schnell eine Bockwurst gekauft hat, aber spätestens nach zwanzig Minuten wäre er gut gesättigt wieder aufgetaucht.
Bliebe noch die Baugrube zwischen dem Grünen Block und der Lenin-Kaufhalle. Doch die ist laut Bommel seit letzter Woche verschwunden, obwohl ich ihn in meinem Inneren schon flehentlich „Marki“ habe rufen hören.
„Moment mal“, brülle ich Henry plötzlich an. „Hat sich von euch schon mal einer in der Kaufhalle versteckt?“ „Ach du meine Nase. Benny hat heute irgendwas von den Kühltruhen da drinnen erzählt.“ Beim Gedanken an die kalten Geräte wird mir wieder heiß, denn mir fällt ein, dass dieses Gerede schon am Sonntag begann.

Unsere Mutter erzählte während des Polizeirufs 110, der gerade im Fernsehen lief, dass bei ihrer Ausbildung in Zwickau mal ein Lehrling ums Leben gekommen war. Er war beim Versteckspielen (!) in einen Industriekühlschrank geklettert und wurde dort erst nach sechs Stunden gefunden. „Der war natürlich längst erfroren, weil man einen Kühlschrank von innen nämlich nicht aufbekommt!“, erklärte sie oberlehrerhaft. Benny wollte das partout nicht glauben, doch unser Gerät bot keine Gelegenheit, dies auszuprobieren. Benny, alias Paule Platsch (wie er zu Hause noch immer genannt wird), hätte dort nicht nur wegen der vielen Bierflaschen und der großen blauen Wurstschachtel einfach nicht hineingepasst.

„Scheiße, hat die Koofi noch offen?“, rufe ich in die Runde, obwohl ich ja wissen müsste, dass dies nach 19 Uhr nicht mehr der Fall sein wird. Um mich selbst zu beruhigen und nicht an den langsam einsetzenden Kältetod meines geliebten Bruders zu denken, erzähle ich den anderen, dass er am Sonnabend erfahren hat (was allerdings auch wahr ist), dass es jetzt endlich auch „Benny-Eislöffel“ gibt.

Seit ich denken kann, sucht er, tief hineingebeugt in die Kühltruhen sämtlicher Kaufhallen der DDR, nach einem dieser Miniatur-Plastik-Löffel mit seinem Namen. Fast alle Klassenkameraden schien es im Sortiment zu geben – nur seinen eben nicht. Als er in Wismar dann auch noch zwischen all dem Moskauer Waffeleis und Hexenküssen einen „Mark-Löffel“ ans Licht beförderte, verstärkte sich die Manie.
„Und dann hat er beim Suchen die Zeit vergessen und wurde eingeschlossen“, sagt Daley grinsend. Er ahnt ja nicht, dass meine Keule gerade in einer der Kühltruhe – wie in einem Sarg – liegt, weil er sie von innen nicht mehr aufbekommt. „Schnauze“, ruft Bommel, „sonst kriegste was hinter deine weißen Löffel.“ Mir ist noch immer arschwarm obwohl wir nur kühle fünf Grad haben. Ich taumele zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Und wie kommen wir jetzt in die Koofi?“, fragt Torte die einzig vernünftige Frage. „Sollen wir einbrechen?“ Ich weiß, dass er das mit einem Dietrich wahrscheinlich hinbekommen würde und falls nicht, würde Andi die brachiale Methode anwenden und eine Scheibe einschmeißen. Aber das ist mir zu heiß. Auch zur Volkspolizei in die Friedensstraße möchte ich nicht gehen, da die uns kennen und das Ganze für einen üblen Scherz halten werden – während mein Bruder längst steifgefroren ist und der Herzschlag langsam aussetzt.

„Vielleicht gehen wir erst mal kieken“, meint Torte, der heute wirklich durchdachte Ansätze hat. Ich renne über die Mollstraße hinüber zur riesigen Fensterfront der Kaufhalle. ‚Wie soll ich das meinen Eltern erklären, wie soll ich den Schmerz und die Trauer jemals verdrängen‘, denke ich und hämmere gegen das Glas. Nichts!
„Benny!“, brüllt Henry plötzlich vom anderen Ende. Er war schlauer gewesen und hatte in Höhe der Eisschränke an die Fenster gekloppt. Atemlos erreiche ich ihn und sehe, dass Benny von Innen an der Scheibe klebt. Sein Gesichtsausdruck wandelt gerade von extrem geschockt, hin zu total erleichtert. Dann grinst er sein berühmtes Grinsen. Er zuckt mit den Schultern und deutet übermütig auf den Pappbecher mit Schokoladenimitat-Eis in seiner Hand. Darin befinden sich drei dieser winzigen Plastiklöffel.
Letztendlich fällt Andi ein, dass die Mutter von Ute als hochdekorierte Verkäuferin in der Leninkaufhalle arbeitet und für Havarie-Fälle einen Schlüssel besitzt. Doch weder er noch einer Jungs traut sich zu fragen, da Ute – seit Andi sie zugunsten von Lydia entsorgt hatte – nicht sehr gut auf uns zu sprechen ist. Schließlich überzeugen wir ausgerechnet Astrid zu klingeln. Sie ist in unseren Reihen als ausgesprochene Meisterdiebin wohlbekannt. Allerdings klaut sie eher in der Büsching-Kaufhalle.
Und Assi ist kuhl. Sie gibt Benny als ihren Bruder aus, erzählt aber sonst keine Fantasie-Geschichten, sondern einfach, dass er versehentlich eingeschlossen wurde und sie deshalb zu Hause nicht reinkommt, weil er die Wohnungsschlüssel hat.

Während des Aufschließens verstecken wir uns im Gebüsch. Benny kommt heraus, das Kinn schuldbewusst auf die Brust gelegt und wir hören, wie Utes Mutter ihm hinterher ruft: „Nun aber schnell ins Bettchen, mein Kleiner“. Bommel macht sich fast in die Hose. Als er bei uns ist, packe ihn mit beiden Händen an den eiskalten Ohren. Ich bin kurz davor, ihm einen Satz heiße zu verpassen, sage jedoch: „Na du bist mir vielleicht ein Kunde!“ Meine Freunde grinsen. „Marki, eigentlich wollte ich mich nur verstecken, aber dann fiel mir der Eislöffel ein. Ich habe alle Truhen von oben bis unten durchwühlt und weißt du, was ich gefunden habe: Bernd, Benjamin, Benno und dann war plötzlich abgeschlossen.“ Die Jungs feixen, da er mal wieder fantasiert. „Aber ich hab mir überlegt, im Werken aus dem Benno einen Benny zu schnitzen. Was meinst du?“ Ohne groß zu überlegen, antworte ich: „Das kannst du sehr gerne machen. Aber versprich mir, dass du niemals probierst, ob ein Eisschrank auch von Innen wieder aufgeht, okay Dicker?“ Die anderen wundern sich zwar über meine Antwort, folgen uns aber – ohne nachzufragen – gut gelaunt in Richtung Alfclub. Auf dem Weg flüstert mir meine Keule ins Ohr: „Würde ich mich nie trauen“. ‚Schlaues Kind‘, denke ich gerührt. „Aber zusammen können wir es doch mal testen, oder?“, ruft er mir zu, bevor er lachend Henry und Daley hinterher rennt.
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Backpackerscheiße – Willkommen in Bolivien

21. Juli 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Kurz vor der Grenze pfeffert Jenna den Sack mit den Kokablättern aus dem Busfenster. Wir hatten herausgefunden, dass man die Dinger zunächst kauen und dann, zusammen mit einem Kalkstein, in der Backe parken musste, um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern. Besonders Jenna kaute, parkte und vertrug die Höhe trotzdem nicht. Vielleicht war es ganz gut, ohne das Zeug einzureisen, denn böse drein schauende peruanische Grenzer filzen uns akribisch. Auf der anderen Seite begrüßen uns freundliche bolivianische Wachsoldaten und machen deutlich weniger Stress.
In einem Collectivo fahren wir weiter und stellen bereits auf den ersten Kilometern fest, dass dieses Land wesentlich beschaulicher zu sein scheint. Es sind kaum Autos unterwegs und nur wenige Häuser säumen den Straßenrand. Unser Gefährt tuckert gemächlich durch den nördlichen Rand des fast baumlosen Altiplano entlang des Titicacasees. Mit uns sitzen zwei ältere Frauen im Wagen, die 14 Röcke übereinander zu tragen scheinen. Nach zwanzig Kilometern haben wir die erste Reifenpanne und können zwei Dinge beobachten:
Zum einen raucht der Fahrer bei sengender Hitze erstmal entspannt eine Zigarette, bevor er sich behäbig dem zerschossenen Rad widmet und zum anderen ist das hier ein wunderschönes Plätzchen Erde. Azurblauer Himmel, saphirblaues Wasser und die rotgelbe Erde verschmelzen zu einem wahren Kunstwerk. Zwei einsame Personen laufen wie Marsmenschen durch die karge Landschaft. Der eine ruft aus der Ferne: „Mann, ist das Scheißeheiß hier“, und der andere: „Haben wir eigentlich noch Bier?“ Nach dreißig Minuten geht es weiter.
Wir erreichen Copacabana und staunen ein nächstes Mal. Hier fehlt etwas. Keine Horde von Schleppern begleitet unseren Bus auf seinen letzten Metern. Genau genommen gibt es lediglich eine einzige, auffallend hässliche, Person, die uns eine Unterkunft aufschwatzen will. Der dürre, europäische Typ sieht aus, wie ein Abbild von Tingeltangel Bob aus den Simpsons. Er hat ein schmales Gesicht, eine spitze Nase, wirre Augen und vor allem rötliche Rastahaare, die unmöglich zu allen Seiten abstehen. Als der Kerl den Mund aufmacht und in schrägem Englisch, mit französischem Akzent, fragt, ob wir uns sein Hostel anschauen wollen, läuten bei mir die Alarmglocken.

Ich kann Franzosen nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie die letzte Fußball-WM und nun auch noch die Euro 2000 gewonnen haben. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Sender gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise ins Land von Napoleon und Zidane waren es die unverschämtesten, unfreundlichsten und überheblichsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dato über den Weg gelaufen waren. Sie hatten mich nicht verstehen wollen, waren nie bei der Suche nach dem Weg behilflich gewesen und hatten es vor allem rigoros abgelehnt, eine andere Sprache zu sprechen. Arrogante Schnösel ist gar kein Ausdruck. Und auch auf den Reisen durch Südamerika zeichnen sie sich, im Gegensatz zu den meist freundlichen Schweizern, Italienern, Amerikanern, Nordeuropäern und sogar den Engländern oft dadurch aus, dass sie mit keinem anderen Volksstamm sprechen wollen – oder können.

Ich sage zu Göte: „Ich hab echt keinen Bock auf so eine Backpackerscheiße bei dem Franzmann“ und Jenna, der sich gerade nach einem Kokablätter-Verkaufsstand erkundigt, ruft: „Nee, bloß nicht bei dem schwulen Froschfresser.“ Urplötzlich macht sich Tingeltangel Bob gerade. Ich sehe, wie seine Augen mit mörderischer Intensität zu funkeln beginnen. Er kommt auf mich zu, stellt sich vor mir auf und brüllt: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse!“
Mist, Bob kann Deutsch! Laut fluchend beginnt er uns in deutsch-französischem Slang zu beschimpfen, was wir ungebildeten Deutschen eigentlich hier im Wallfahrtsort zu suchen hätten. Matze versucht zu vermitteln, doch der Typ ist kaum zu bändigen. Nicht nur wegen der langen Anreise, der Höhe und der prallen Sonneneinstrahlung haben wir alle keine Lust auf Diskussionen.
Wir schnappen unsere Rucksäcke und gehen, ohne auf seine Frechheiten zu reagieren, einfach die Straße hinunter Richtung Ufer. Freundlich lächelnde Bolivianer winken uns in ein liebevoll eingerichtetes Hotel mit Blick auf den See. Im Kühlschrank neben der Rezeption sind die unteren Lagen mit Bier gefüllt. Jenna öffnet das Ding, greift sich eine Flasche und sagt: „Was für ein beschissener Froschfresser.“ Matze, Göte und ich antworten im Chor: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“. Wir lachen in Copacabana zum ersten Mal. Tränen!
Am nächsten Tag schippern wir auf die berühmte Isla del Sol. Dass die legendäre Insel, auf der die Inkas, der Überlieferung nach, erschaffen worden sind, übersetzt Sonneninsel heißt, merke ich bereits an Bord unseres kleinen Schiffes. Trotz Basecap und Schattenplätzchen verglühe ich fast. Auf dem Eiland selbst ist es, ohne eine Brise, unerträglich heiß, sodass wir uns nur etwa fünf Minuten die erdbraunen Schweine und verfallene Ruinen anschauen, bevor wir in der Hafenkneipe bei Bier und Skat auf die Rückfahrt warten. Auf dem Boot treffen wir einen alten Bekannten. Wieder einmal ganz allein kauert der Stuttgarter, den wir schon in Cusco getroffen hatten, auf einer der Holzpritschen. Mit knallrotem Kopf unter den strohblonden Haaren schaut er mürrisch auf den Ozeangroßen See. Eigentlich müsste man ihn fragen, ob er sich zu uns setzen will, doch das geht leider nicht.

Ich kann Stuttgarter nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie komisch sprechende VfB-Spieler wie Buchwald und Klinsmann hatten. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Keks gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise in die Hauptstadt Baden-Württembergs waren es die ungehobeltsten und unsympathischsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dahin über den Weg gelaufen waren. Niemand hatte mich verstanden, keiner war bei Fragen behilflich und vor allem hatten sie es stets vermieden, eine andere Sprache außer Schwäbisch zu labern. Und auch auf ihren Fahrten durch diesen Kontinent zeichnen sie sich im Gegensatz, zu den meist freundlichen Bayern, Rheinländern, Thüringern, Norddeutschen und sogar den Sachsen oftmals dadurch aus, dass sie mit niemandem reden wollen – oder können.

Göte schaut mich grinsend von der Seite an und fragt: „Na, willst du deinem Toastbrot nicht ein bisschen Gesellschaft leisten?“ Mit böse funkelnden Augen schaue ich ihn an. „Toastbrot“ wird in meinem kompletten Freundeskreis diese Technofotze mit dem vierkantigen Gesicht aus Stuttgart genannt, der mir vor Jahren Jeannet ausgespannt hatte. „Bist du bescheuert oder was“, fauche ich ihn an.
Das Boot legt pünktlich ab und entspannt genießen wir die Blautöne des Himmels und des Titicacasees, der aufgrund seiner Form, von den scheinbar farbenblinden Aymaras, „grauer Puma“ genannt wurde. Obwohl die Fahrt nicht sonderlich weit ist, bleiben wir auf der Hälfte der Strecke stehen. Wir schauen uns fragend an, denn uns klingt allen noch immer die Story des Bremerhavener Pärchens in den Ohren. Die hatten berichtet, dass auch sie mit einem Motorschaden auf dem riesigen Binnensee liegen geblieben waren. Bei schlechtem Wetter und immer größer werdenden Wellen waren sie mehrere Stunden umher getrieben. Die unter den Passagieren allmählich einsetzende Panik wurde durch die hereinbrechende Dunkelheit und besonders durch den im Führerhaus weinenden Kapitän ins Unermessliche gesteigert. Nach zehn Minuten stehe ich beunruhigt auf und schaue nach, was das Problem ist. „Das Stuttgarter Backpfeifengesicht hat sich eingeschifft und flennt mal wieder“, erzähle ich Göte bei meiner Rückkehr, obwohl das nicht stimmt. „Das iis kaine Bagpagerscheeisse“, antwortet er meckernd mit seinem neuen Lieblingssatz. Unbeschadet erreichen wir das sichere Festland.

Im Reiseführer hatten wir gelesen, dass es eine coole Kneipe geben soll, die von einem Deutschen geführt wird. Obwohl wir lieber mit Einheimischen herumhängen, klang der Tipp ganz viel versprechend. Als wir die kerzenbeleuchtete Bar betreten, trifft uns fast der Schlag. Der Raum quillt über vor billigem Kitsch. Überall hängen Webarbeiten mit Tiermustern an den Wänden, hölzerne Schamanen und Voodoopuppen, aber auch christliche Figuren stehen in den Regalen. An langen Stangen hängen talismanartige Gebilde. Außerdem riecht es in der dunklen Höhle nach verbranntem Essen, Marihuana und Räucherstäbchen. In der Heimat wäre das nicht unser Laden, aber in der Ferne interessieren wir uns immer besonders für Fremdes und Geheimnisvolles. Wir sind hier um ein Vielfaches offener. Etwas Neues zu erleben, hat höchste Priorität. Da gibt es noch diese unbändige Abenteuerlust, ein Gefühl, das wir im drögen Alltag in Berlin allmählich verlieren.
Der deutsche Besitzer ist genau so freakig wie die Inneneinrichtung und komplett zugedröhnt. Die Haare fallen ihm zottelig ins Gesicht und das schummrige Licht verstärkt seine ungesunde Gesichtsfarbe. Obwohl er uns gleich den, feucht im Mundwinkel hängenden, Joint anbietet, entscheiden wir uns für Bier. Harry schiebt sich einen Stuhl zu uns heran und beginnt zu erzählen. Von seiner angeblich so unglaublichen Auswanderer-Geschichte, von den ihm zu Füßen liegenden Damen, von ausschweifenden Fiestas zur Osterwoche und vor allem von gebratenen Enten, die man mit einem Eimer voller Bier in Cochabamba unbedingt essen müsse.

Am Gähnen der anderen sehe ich, wie sie das Gesülze finden und als der dichte Typ zum fünften Mal mit dieser unsäglichen Geflügelmahlzeit anfängt, sagt Göte: „Kommt, lasst uns abzwitschern und Skat kloppen.“ Doch Old Harry will uns noch nicht gehen lassen und schüttelt seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel: „Schaut ihr eigentlich Fußball?“ Wir glotzen ihn mit großen Augen an. „Bei mir nebenan gucken nämlich schon zwei Leute.“ Wir folgen ihm, ohne zu fragen, welches Spiel überhaupt läuft, vor die Tür. Draußen ist es mittlerweile stockdunkel, fürchterlich kalt und geradezu unheimlich still. Doch plötzlich hören wir, zwei Häuser weiter, hinter einer hölzernen Tür, ein markdurchdringendes Gebrüll. Wir brauchen ein paar Sekunden, um es zu deuten. Es ist ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex: es ist ein Torjubelschrei.
Harry öffnet die Tür und wir haben einen Blick auf den überraschend großen Fernsehapparat und die Couch mit den zwei Typen. Mir kommt augenblicklich ein französisches Wort in den Sinn: Déjà-vu. Schon einmal gesehen, oder erlebt!
Es läuft das Video vom Endspiel der letzten EM. In einer Wiederholung zeigen sie gerade, wie Wiltord in der Nachspielzeit zum 1:1 für die Franzosen gegen Italien trifft. Auf dem verschlissenen Sofa sitzen der pausbäckig grinsende Stuttgarter und ein noch immer jubelnder Tingeltangel Bob.

Wir hatten über die beiden geschimpft, gelästert und gehetzt. Wir hatten sie links liegengelassen und waren unseren Vorurteilen gefolgt. Doch in diesem Augenblick, das sehen wir in ihren leuchtenden Augen, haben sie den Sieg über uns davon getragen. Ernüchtert machen wir kehrt. „Das dumme Freibiergesicht schuldet uns noch ein Bier“, faselt Matze, doch er kann uns damit nicht mehr erheitern. „Allez le bleu“, schallt es uns hinterher. Im Video wird Frankreich in wenigen Minuten nochmals Europameister. Mir kommt ein Zitat von Jürgen Klinsmann in den Sinn: „Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.“

Am Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Generation Jan Ullrich – Tour de France 1997

30. Juni 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

I know him, but he doesn’t know me. We grew up at the same time and are nearly the same age. He is a star and I am a nobody. This is a very common sentence when we see all these famous people on television, in the movies or in sports competition broadcasts. But in my case it was a little bit different, more complex, tragic and maybe even a little bit touching. In our early youth Jan and I met for the first time.

My mother is quite scared of nearly everything. I can’t remember how often we were screamed at when we just stood kneedeep in the Baltic Sea, how often she instructed us – up until adult age – not to cross the road against the red light. And how happy she was when we lay in our beds sleeping and not having any injuries or wounds. Therefore, cycling was an extreme sport in my mother’ eyes. One of my most uncomfortable memories of my childhood is that I secretly tried to cycle when I was already 13 years old. Still I can recall the pain caused by my blue bollocks that lasted more than 2 weeks.
Approximately at the same time a young tot moved from Rostock to Berlin. He had already been very good at cycling – in contrast to me. At the age of nine he won the first race at his school and one year later an official competition having a lent bicycle and normal trainers. Soon he was said to be a real talent and the new star in cycling, leaving all his contemporaries behind. This boy’s name was Jan Ullrich.

And now comes the big surprise, not only for me: my dad – as we called him at this time – had studied at the College for Physical Culture in Leipzig. He himself was quite a good javelin thrower, but that would take us too far afield. Anyway, directly after his studies he got a job at the Berlin sports club SC Dynamo, training the cyclists. Why him of all people, as he had nothing in particular to do with cycling, nobody knows. However, soon he had climbed up the career ladder, since he was quite popular not only among the cyclists, who already called him Scheppi or simply coach.
Dynamo Berlin had excellent cyclists like Carsten Wolf, Emanuel Rasch or Bill Huck, who Benny and I had already known personally, because of our dad. But the problem with them was that the best talents only did track cycling and nobody knew them, except real fans or experts. The ultimate heroes at that time were the peace cyclists, which was the counterpart of the eastern European countries to the gladiators of the Tour de France. Absolutely everybody in my class knew the complete team of the GDR – Hans-Joachim Hartnik, Bernd Drogan or Olaf Ludwig – we loved them all. However, these top athletes all were from other clubs in Leipzig, Gera or Erfurt. The big boss of the Berlin club Dynamo – Erich Mielke (also the head of the Stasi) – had been very angry about this situation. But in Rostock they had discovered a boy that was directly “delegated” to Berlin. Now they had at least one super talent for the future in the capital of the GDR – right: Jan Ullrich.
Many of our weekend trips at that time ended for my brother and me in some hicksvilles in Brandenburg where some sweating boys raced against each other on their stupid bicycles. My dad probably thought that we liked these trips – we did not! By this time I was 14 years old and I sneered at these panting idiots, who asked my father with big eyes: “Mister Scheppert, when will we get back?” Secretly I went into the cold and damp woods and smoked some Cabinet (popular East German brand of cigarettes) cigarettes while I asked myself the same question.

Also in winter the spook wasn’t over, as then the cycling races of the teens took place in the Werner-Seelenbinder-sports hall. On the breakneck circuit with the extreme inclination angle brutal croppers and severe injuries happened – on the road sometimes even a dead person. Innerly I thanked my mother whose genes were responsible for me being absolutely not sporty. When my father introduced us to the cycling boys I was grinning disdainfully. In the cafeteria I could puff a cigarette secretly.
My dad wasn’t lucky with success. The so called Olympia mission wasn’t accomplished yet again. Therefore, also in the GDR somebody had to go. Furthermore, my dad was accused to be too friendly to the young cyclist that wasn’t conducive to successful results. The first achievements of Jan Ullrich and his coach Peter Becker he didn’t experienced in a leading position anymore. Becker was said to be the hardliner among the coaches. This tough person was also the one that got me my first road bike. In case he had known that the son of his boss started cycling at the age of 13, my dad would have sacked completely at Dynamo. As fortunately nobody knew he was only redeployed to the swimming team, because of persistent unsuccessfulness.

There he was responsible to search for new talents and incredible as it sounds he recommended Franziska van Almsick to the children’s and youth sports school. I am sure that my father (not a really good swimmer) was just lucky with that decision. However, after the Wall came down in 1989 the bubble of socialist high-performance sports had been pricked. My dad whom I had always been admired – even though I didn’t like cycling – had to look for another job.
Jan Ullrich stayed with his coach Peter Becker, he became world champion of the amateurs on the road and gained a highly remunerated contract in the Team Telekom. “Ulle” – as we called him – was the second superstar of the united Germany after the swimmer “Franzi”. However, at the end of his career he was regrettably the most ham-handed and tragically fallen hero – naturally from the former GDR.

My dad got a job after quite a while of searching which was less lucrative. He worked as a caretaker in a dubious real estate agency, split up with my mother because of a younger one and from now on he stumbled from one personal catastrophe to the other until he finally lost everything, even his dignity, but that had nothing to do with the united Germany but with alcohol. When he appeared at my brother’s marriage – scruffy and drunk – I observed him with a mixture of shame and bewilderment. Being stressed out I smoked – not secretly anymore – one of my Cabinet cigarettes, the last remnant from the old days.
No! This story will and must not end so sadly.
In July 1997 my former girlfriend Danny visited me surprisingly in my student digs. Actually I must admit that we didn’t have a real relationship at that time. Intricately she explained that I had to get up very early on the next morning and pack my bags for a trip at the weekend. On the next day I found myself very early in a train to France. She had booked a weekend in Paris for us. We didn’t know each other very well, but Danny learned a lot about my past in these days.
The city was decorated with a flags, pennants and huge posters that promoted an important event on Sunday. I was excited like a small child – not because of the beautiful girl on my side, who didn’t even know that the 84th Tour de France finished exactly at this weekend. My Jan Ullrich would cycle the yellow jersey to Paris as the first German cyclist. I couldn’t talk about anything else but the small hicksville in Brandenburg called Forst where the teen races took place, about my super dad, who somehow had detected this new cycling king and even about my blue bollocks.

I was so proud and touched when the boys rolled by several times through the inner city of Paris. Tears flooded my eyes. I cheered him, this sweating boy from my childhood. How did he crucify himself in his youth without drinking binges and smoking Cabinet cigarettes. Now he rode past me with a beaming smile in his shiny yellow jersey of the winner. This moment was one of the most amazing ones in my entire life so far – for me it was like history passes by – not only the history of the two Germanys or of cycling, but also my very own. After the stage win we went to see the stars of the team Telekom. I didn’t dare to approach them instead I lit a French cigarette frantically. I knew him, but he didn’t know me.
With the help of the family, strict discipline and most of all without any alcohol my old man slowly gained control of his life step by step. He is in good health again and as a pensioner voluntarily committed in sports again. Today I am really proud of him again, when he knows nearly everybody at the Berlin six-day-race every year and also many ex-cyclists still cat-call at him: “Hey coach, you all right?” In these moments I can feel that he is happy.

Generation Wall


And I? Well, because of both of them I became the generation Jan Ullrich. We are neither fish nor fowl, neither East nor West, not yesterday, today or tomorrow. We share the past with our parents who define themselves about their GDR and with children who don’t know this not existing country at all. We are often asked what life in this vanished country was like and when we start talking about that time nobody really listens anymore. We try to be like prosperous Wessis, but secretly we especially root for successful Ossis. We never say that in former times everything was much better, but neither we say that this is the case today. It is time to take us seriously.
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Read more: Generation Wall by Mark Scheppert
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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
FDJ
Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
Kassette
Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
Mauergewinna
Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Auf echt gute Freunde – Venezuela 1998

30. Januar 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Palme Klettern… ein rostiger Seelenverkäufer bringt uns nach Puerto la Cruz und mit einem Colectivo fahren wir in das Geheimtipp-Örtchen. Wir werden nicht enttäuscht! Santa Fe ist ein karibischer Traum und wir sind zusammen mit zwei süßen Mädels aus Mainz und Worms die einzigen ausländischen Touristen. Wir finden eine gemütliche Posada und trinken eisgekühlte Cocktails in einer Bar, die mitten auf dem Strand steht. Genau der richtige Flecken Erde, um den Urlaub ausklingen zu lassen.
Mit einem Fischerboot lassen wir uns auf eine Insel des Mochima Nationalparks schippern. Eine Delfinfamilie begleitet schnatternd unseren Weg und als wir das Eiland betreten, wissen wir, dass wir nun endgültig im grün-weiß-blauen Paradies gelandet sind. Große Kokospalmen werfen Schatten auf pulvrigen Sand, der in kristallklarem Wasser mündet. Wir stellen die Kühlbox unter die Bäume und schnorcheln die Küstenlinie entlang. Mit der Strömung lassen wir uns treiben. Aquariumfische begleiten uns über farbenfrohe Korallengärten. Wir sehen Tinten- und Trompetenfische, Seeigel und -sterne, Muränen und sogar einen gewaltigen Rochen. Allmählich verlieren wir das Zeitgefühl beim Eintauchen in eine andere Welt. Die Insel ist im Norden viel schroffer. Raue Felslandschaften und scharfkantige Klippen ragen hier ins Meer. Wir schwimmen von einer Bucht in die nächste und als wir erkennen, dass wir nirgendwo einen Ausstieg finden werden, machen wir uns auf den Rückweg. In kräftigen Zügen müssen wir nun gegen eine starke Strömung ankämpfen. Plötzlich sehe ich Göte aufgeregt mit den Armen rudern und schwimme hinüber. „Scheiße, ich hab einen Krampf“, ruft er mit leichter Panik in der Stimme. ‚Nicht dein Urlaub’, denke ich, denn auch bei den Mainz-Worms-Dantas waren gestern nur Matze und Jenna in die zweite Runde gekommen.
Strand
„Warte!“, brülle ich, hole tief Luft und packe unter Wasser sein rechtes Bein, um den Krampf, wie beim Fußball, herauszudehnen. Schwer atmend tauche ich wieder auf. „Das funktioniert so nicht Scheppi“, röchelt er verzweifelt. Auch die Flut scheint nun einzusetzen, denn das Meer ist auf einmal aufgewühlt und die Wellen werden immer höher. „Halt dich an meinen Schultern fest!“, schreie ich ihn an. Doch obwohl ich ein ganz guter Schwimmer bin, komme ich – mit ihm im Nacken – nur mühsam voran. Langsam werde auch ich unruhig. Doch plötzlich erblicke ich zwei Wesen, die schnatternd unseren Weg kreuzen. Nein, keine Delfine. Matze und Jenna. Abwechselnd nehmen wir Göte ins Schlepptau. Wir kraulen, wie noch nie im Leben und schlucken literweise salziges Wasser. Schließlich gelingt es uns, ruhigere Gewässer zu erreichen.
Noch Minuten später kann ich mein Herz bis zum Hals schlagen hören. Neben mir hustet sich Jenna etliche rote Marlboro aus der Lunge und auch Matze liegt auf dem Rücken im Sand und versucht, wieder gleichmäßiger zu atmen. Nur Göte sitzt im Schatten einer Palme und hat den Kopf in die Hände gestützt. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel und denke nach.
Schnorcheln
Meine vierte Reise nach Lateinamerika geht nun bald zu Ende. Ein Gefühl sagt mir, dass ich bisher oftmals, ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder gereist war. Ich hatte nie richtig hinterfragt, warum ich das überhaupt tat. Einfach nur, um einen weiteren roten Punkt, auf eine imaginäre Weltkarte zu kleben? Was war mir wirklich wichtig gewesen? Andere Kulturen kennen zu lernen, andere Landschaften zu sehen, andere Architekturen zu bestaunen, andere Lebensweisen zu begreifen, andere Menschen zu treffen, andere Bier- und Fischsorten zu testen, andere Musik zu hören, oder anderen Sex zu haben?
Göte kommt nach vorne gelaufen, drückt uns ein Bier in die Hand und stammelt: „Ich muss mich bei euch bedanken. Ihr habt mir eben echt das Leben gerettet. Ihr seid richtig gute Freunde!“ Ich drehe mich nicht um. ‚Vielleicht bin ich ja genau deswegen hier’, denke ich ergriffen. Manchmal muss man eben sehr weit reisen, um in solch einem Moment, genau das zu begreifen: Ja, auch mir ist die Freundschaft mit den Jungs mehr wert, als das Bewundern der ganzen Welt!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Katarina Witt – Alles ganz simpel – Alltag in der DDR

20. Januar 2017 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Deutsche Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Natürlich stand ich in engem Kontakt zu unserem DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Obwohl ihm oftmals vorgehalten wurde, dass er recht diktatorisch waltete, kam ich immer mit ihm klar. Vor allem fand ich gut, dass er nie nachtragend war. Ein Beispiel: Bei wichtigen Verlagsentscheidungen musste ich an den Sekretariatssitzungen des DTSB teilnehmen. Ewald leitete die Sitzung. Wenn er sagte: „Die Decke ist grün“, nickten seine Untergebenen und antworteten: „Ja, Genosse Ewald, hellgrün.“ Das Perfide daran war, dass man mit ihm eigentlich diskutieren konnte, die meisten trauten es sich nur nicht. Jedenfalls hatte ich in dieser Sitzung zu einer Buchproduktion eine andere Auffassung und vertrat diese dort auch engagiert. Im Verlag wertete ich die Tagung dann immer mit meinen Kollegen aus und erzählte diesmal, dass wir uns wegen der einen Geschichte gestritten hätten. Jemand musste das bei Ewald gepetzt haben, denn der bestellte mich sofort am nächsten Tag ein und mahnte: „Du hast nicht auszuwerten, wer was bei uns besprochen hat, sondern was beschlossen wurde. Dass wir uns gestritten haben, darf nicht Bestandteil deiner Auswertungen sein.“
Ein paar Wochen später fand wieder Sekretariatssitzung statt an der ich teilnahm und wieder kam es zu einem Disput zwischen Ewald und mir. Franz Rietz, einer der DTSB-Vizepräsidenten, rief mir zu: „Du musst doch ganz ruhig sein. Du hast doch schon beim letzten Mal eine Ansage von Manfred bekommen.“ Ewald widersprach energisch: „Ja, Franz, aber damit war der Fall für mich auch erledigt. Das hier ist eine neue Diskussion.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Auf der Leipziger Buchmesse im März 1988 hatte mich ein Westdeutscher Verleger angesprochen, ob wir nicht einen Bildband über Katarina Witt – exklusiv für ihre Eisrevue durch Westdeutschland – herausbringen könnten. Natürlich wollten wir das machen, schließlich ging es um ca. 8000 Exemplare für die wir harte Devisen bekommen würden. „Ich brauche das Buch aber im August“, fügte er hinzu. Das war das eigentliche Problem, denn in der DDR wurden die Produktion von Büchern und Abläufe in den Druckereien sehr lange im Voraus geplant. Flexibilität war oftmals nicht möglich. Dennoch sagte ich: „Okay, das machen wir“, und besiegelte es per Handschlag. Wir schafften es tatsächlich den wunderbaren Bildband „Katarina – Eine Traumkarriere auf dem Eis“, rechtzeitig zu produzieren. Es war ein reines Exportprodukt und wurde in der DDR nicht verkauft.
Ich verbrachte gerade mit Jutta meinen Urlaub im Garten in Priort, als mich mein Stellvertreter Werner Schreier mit einem Besuch überraschte. „Mensch, Horst, da ist große Scheiße passiert. Hast du denn das Witt-Buch ohne eine Genehmigung herausgebracht?“ Für Dienstag wurde extra eine Parteileitungssitzung einberufen, zu der sogar der Ewald kommt!“ Ich fuhr also aus dem Urlaub zurück, doch erst im Verlag begriff ich, was geschehen war. In vielen westdeutschen Zeitungen war das Buch über Katarina Witt rezensiert worden und machte überall positive Schlagzeilen. Da die Westpresse immer für die Politbüromitglieder ausgewertet wurde, bekam auch Egon Krenz, der im ZK mittlerweile für Sport verantwortlich war, davon Wind. Sofort rief er bei Manfred Ewald an und fragte: „Hast du das eigentlich genehmigt?“ Der antwortete überrumpelt: „Nein, Egon, ich kenn das Buch ja nicht einmal.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


In der Sonderparteileitungssitzung wurde ich minutenlang niedergemacht, dass ich nicht nur den Sportverlag, den DTSB und alle Werktätigen der DDR betrogen hätte, sondern auch das komplette sozialistische Lager. Obwohl in dem Bildband nicht ein einziges böses oder verwerfliches Wort über unser Land stand – ganz im Gegenteil – hatte ich scheinbar den Weltfrieden aufs Spiel gesetzt. Ewald saß neben mir und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Manfred, ich hab dir doch sofort nach der Messe einen Brief geschrieben und da du dich nicht geäußert hast, dachte ich, dass alles in Ordnung geht.“ Er antwortete: „Weißt du wie viele Briefe mich am Tag erreichen? Du hättest mich einfach mal anrufen sollen.“ Eigentlich alles ganz simpel, doch in der DDR wurden oftmals aus Lappalien Dramen gemacht.
Im November 1988 wurde Ewalds Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben und der Nachfolger vorgestellt. Doch auch mit Klaus Eichler, der von Egon Krenz vorgeschlagen worden war, konnte ich sehr gut zusammenarbeiten. Da er zuvor viele Jahre Generaldirektor des FDJ-Reisebüros „Jugendtouristik“ gewesen war, verstand er eben auch, wie man einen Betrieb leitete – er hatte Ahnung von dem, was wir taten.
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Zu unserem 40-jährigen Betriebsjubiläum lernte ich ihn persönlich kennen. Unser Verlag sollte den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen, den uns Krenz überreichen würde. Es war klar, dass ich zu diesem Anlass eine Rede halten müsse. Wie es in der DDR offenbar üblich war, musste ich diese zuvor im Zentralkomitee der SED, Abteilung Sport, zum Absegnen einreichen. Mitarbeiter Rühmann sagte mir nach der Durchsicht: „Du, der Egon hört das Wort ‚Athleten’ nicht so gern – mach da mal lieber ‚Sportler’ draus.“ Obwohl das gegen meine Journalistenehre verstieß, da ich nun unzählige Wortwiederholungen im Text hatte, änderte ich die Passagen und gab sie wieder rüber. Als ich die genehmigte Rede abholte, fragte Rühmann: „Sag mal, wenn der Egon euch den Orden überreicht, musst du doch auch noch ein paar Dankesworte sagen.“ Ich nickte. Das war doch selbstverständlich. „Dann schreib die mal bitte auch auf und lass sie prüfen.“ So ein Schwachsinn – doch ich tat wie mir geheißen.
Die Veranstaltung fand im großen Saal des Berliner Verlages statt. Vor der Tür traf ich Krenz und fragte ihn, ob er denn zu der kleinen Zusammenkunft kommen würde, die im Anschluss stattfand. Doch er erklärte mir, dass er dafür keine Zeit habe. Ich hielt also meine überprüfte Rede und las sogar die Dankesworte vom Zettel ab. Thomas Köhler, der Vizepräsident für Wintersport im DTSB, saß danach neben mir und sagte: „Die Worte zum Schluss hättest du ja wenigstens mal aus dem Stehgreif sagen können Horst.“ Viel zu laut antworte ich: „Können ja, aber nicht dürfen.“ Die Idiotie an der Sache: ich war nicht der Einzige in unserem Land, dem das so erging. Abertausende mussten ihre Reden zuvor von zuständigen Stellen freigeben lassen. Wie viel unnütze Zeit damit verbracht wurde!
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mir erzählte mal ein Kollege, der eine Ansprache vorbereitet hatte, weil ein bedeutender Sportler den „Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ überreicht bekommen sollte, was ihm widerfuhr. Erich Honecker las den Text, machte ein „X“ an die Seite und schrieb an den Rand „großer“. Unser Staatsratsvorsitzender hatte also diese unwichtige Rede persönlich gelesen, um dann lediglich festzustellen, dass derjenige den „großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ erhielt.
Egon Krenz blieb dann doch noch zur anschließenden Verlagsfete, als er hörte, dass ich nicht nur die Funktionäre, sondern auch die Kraftfahrer, Putzfrauen und Aushilfen unseres Verlages eingeladen hatte. Das gefiel ihm.

Doch schon 1990 hörte mein Land auf zu existieren. Der Niedergang mit den vorangegangenen Massenfluchten über Polen, Ungarn und die CSSR und der spätere Mauerfall erfolgten jedoch in einem Tempo, das nicht nur mich vollkommen überraschte.
Honecker hatte kurz davor noch geschwafelt: „Wir weinen niemandem eine Träne nach, der unser Land verlassen will.“ Ich hatte mich entsetzt in der folgenden Parteiversammlung zu Wort gemeldet und gesagt: „Ich teile diese Auffassung nicht. Ich weine den Leuten Tränen nach, denn es kann doch nicht sein, dass wir hier den Sozialismus errichten wollen und so viele Leute unser Land verlassen.“ Dass ich dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, zeugte allerdings schon davon, dass wir am Scheideweg standen. Ein Parteiverfahren wäre üblich gewesen.

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mitte September 1989 waren wir zusammen mit den Senioren (ehemaligen Mitarbeitern) zu unserem jährlichen Betriebsausflug aufs Land aufgebrochen. In dem Ort und an der Kirche hingen große Aushänge mit Forderungen, die ein so genanntes „Neues Forum“ verbreitete. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Ich glaube, wir sollten lieber nach Berlin zurückfahren, wer weiß, was hier heute noch passiert.“ Alle stimmten mir zu und so brachen wir den Aufenthalt ab. Es war uns – im eigenen Land – zu gefährlich geworden, denn selbst die Menschen, welche die DDR nicht aus Wut und Enttäuschung verlassen hatten, begehrten nun auf.
Noch einen abschließenden Satz zum Ende unserer Republik: Ich wollte nicht, dass die DDR untergeht, denn ich baute sie ja maßgeblich mit auf. Seit ihrer Gründung hatte ich mich für einen gerechten und lebenswerten sozialistischen Staat auf deutschem Boden eingesetzt. Dass in diesem Land unzählige Fehler gemacht wurden und wir meilenweit von den einstmals gut gemeinten Zielen entfernt gewesen waren, bestreite ich allerdings nicht.
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Kubanische Apfelsinen – Fidel Castros Rache – Jugend in der DDR

14. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!
leninplatz

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen empfiehlt sich: Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen
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Mein 9. November 1989 – der Mauerfall in der DDR

8. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Die Mauer ist wegIch werde vor allem von Westdeutschen oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:

Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
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Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
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Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.

Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
Mauerloch
Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen.
Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.
1
Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!

Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.
Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.
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Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße (wie passend) entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?
Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.
4
Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Oder bei Spiegel Online als “Mauerfall verpennt”
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