Leseproben

DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
FDJ
Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
Kassette
Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
Mauergewinna
Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Auf echt gute Freunde – Venezuela 1998

30. Januar 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Palme Klettern… ein rostiger Seelenverkäufer bringt uns nach Puerto la Cruz und mit einem Colectivo fahren wir in das Geheimtipp-Örtchen. Wir werden nicht enttäuscht! Santa Fe ist ein karibischer Traum und wir sind zusammen mit zwei süßen Mädels aus Mainz und Worms die einzigen ausländischen Touristen. Wir finden eine gemütliche Posada und trinken eisgekühlte Cocktails in einer Bar, die mitten auf dem Strand steht. Genau der richtige Flecken Erde, um den Urlaub ausklingen zu lassen.
Mit einem Fischerboot lassen wir uns auf eine Insel des Mochima Nationalparks schippern. Eine Delfinfamilie begleitet schnatternd unseren Weg und als wir das Eiland betreten, wissen wir, dass wir nun endgültig im grün-weiß-blauen Paradies gelandet sind. Große Kokospalmen werfen Schatten auf pulvrigen Sand, der in kristallklarem Wasser mündet. Wir stellen die Kühlbox unter die Bäume und schnorcheln die Küstenlinie entlang. Mit der Strömung lassen wir uns treiben. Aquariumfische begleiten uns über farbenfrohe Korallengärten. Wir sehen Tinten- und Trompetenfische, Seeigel und -sterne, Muränen und sogar einen gewaltigen Rochen. Allmählich verlieren wir das Zeitgefühl beim Eintauchen in eine andere Welt. Die Insel ist im Norden viel schroffer. Raue Felslandschaften und scharfkantige Klippen ragen hier ins Meer. Wir schwimmen von einer Bucht in die nächste und als wir erkennen, dass wir nirgendwo einen Ausstieg finden werden, machen wir uns auf den Rückweg. In kräftigen Zügen müssen wir nun gegen eine starke Strömung ankämpfen. Plötzlich sehe ich Göte aufgeregt mit den Armen rudern und schwimme hinüber. „Scheiße, ich hab einen Krampf“, ruft er mit leichter Panik in der Stimme. ‚Nicht dein Urlaub’, denke ich, denn auch bei den Mainz-Worms-Dantas waren gestern nur Matze und Jenna in die zweite Runde gekommen.
Strand
„Warte!“, brülle ich, hole tief Luft und packe unter Wasser sein rechtes Bein, um den Krampf, wie beim Fußball, herauszudehnen. Schwer atmend tauche ich wieder auf. „Das funktioniert so nicht Scheppi“, röchelt er verzweifelt. Auch die Flut scheint nun einzusetzen, denn das Meer ist auf einmal aufgewühlt und die Wellen werden immer höher. „Halt dich an meinen Schultern fest!“, schreie ich ihn an. Doch obwohl ich ein ganz guter Schwimmer bin, komme ich – mit ihm im Nacken – nur mühsam voran. Langsam werde auch ich unruhig. Doch plötzlich erblicke ich zwei Wesen, die schnatternd unseren Weg kreuzen. Nein, keine Delfine. Matze und Jenna. Abwechselnd nehmen wir Göte ins Schlepptau. Wir kraulen, wie noch nie im Leben und schlucken literweise salziges Wasser. Schließlich gelingt es uns, ruhigere Gewässer zu erreichen.
Noch Minuten später kann ich mein Herz bis zum Hals schlagen hören. Neben mir hustet sich Jenna etliche rote Marlboro aus der Lunge und auch Matze liegt auf dem Rücken im Sand und versucht, wieder gleichmäßiger zu atmen. Nur Göte sitzt im Schatten einer Palme und hat den Kopf in die Hände gestützt. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel und denke nach.
Schnorcheln
Meine vierte Reise nach Lateinamerika geht nun bald zu Ende. Ein Gefühl sagt mir, dass ich bisher oftmals, ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder gereist war. Ich hatte nie richtig hinterfragt, warum ich das überhaupt tat. Einfach nur, um einen weiteren roten Punkt, auf eine imaginäre Weltkarte zu kleben? Was war mir wirklich wichtig gewesen? Andere Kulturen kennen zu lernen, andere Landschaften zu sehen, andere Architekturen zu bestaunen, andere Lebensweisen zu begreifen, andere Menschen zu treffen, andere Bier- und Fischsorten zu testen, andere Musik zu hören, oder anderen Sex zu haben?
Göte kommt nach vorne gelaufen, drückt uns ein Bier in die Hand und stammelt: „Ich muss mich bei euch bedanken. Ihr habt mir eben echt das Leben gerettet. Ihr seid richtig gute Freunde!“ Ich drehe mich nicht um. ‚Vielleicht bin ich ja genau deswegen hier’, denke ich ergriffen. Manchmal muss man eben sehr weit reisen, um in solch einem Moment, genau das zu begreifen: Ja, auch mir ist die Freundschaft mit den Jungs mehr wert, als das Bewundern der ganzen Welt!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Katarina Witt – Alles ganz simpel – Alltag in der DDR

20. Januar 2017 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Deutsche Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Natürlich stand ich in engem Kontakt zu unserem DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Obwohl ihm oftmals vorgehalten wurde, dass er recht diktatorisch waltete, kam ich immer mit ihm klar. Vor allem fand ich gut, dass er nie nachtragend war. Ein Beispiel: Bei wichtigen Verlagsentscheidungen musste ich an den Sekretariatssitzungen des DTSB teilnehmen. Ewald leitete die Sitzung. Wenn er sagte: „Die Decke ist grün“, nickten seine Untergebenen und antworteten: „Ja, Genosse Ewald, hellgrün.“ Das Perfide daran war, dass man mit ihm eigentlich diskutieren konnte, die meisten trauten es sich nur nicht. Jedenfalls hatte ich in dieser Sitzung zu einer Buchproduktion eine andere Auffassung und vertrat diese dort auch engagiert. Im Verlag wertete ich die Tagung dann immer mit meinen Kollegen aus und erzählte diesmal, dass wir uns wegen der einen Geschichte gestritten hätten. Jemand musste das bei Ewald gepetzt haben, denn der bestellte mich sofort am nächsten Tag ein und mahnte: „Du hast nicht auszuwerten, wer was bei uns besprochen hat, sondern was beschlossen wurde. Dass wir uns gestritten haben, darf nicht Bestandteil deiner Auswertungen sein.“
Ein paar Wochen später fand wieder Sekretariatssitzung statt an der ich teilnahm und wieder kam es zu einem Disput zwischen Ewald und mir. Franz Rietz, einer der DTSB-Vizepräsidenten, rief mir zu: „Du musst doch ganz ruhig sein. Du hast doch schon beim letzten Mal eine Ansage von Manfred bekommen.“ Ewald widersprach energisch: „Ja, Franz, aber damit war der Fall für mich auch erledigt. Das hier ist eine neue Diskussion.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Auf der Leipziger Buchmesse im März 1988 hatte mich ein Westdeutscher Verleger angesprochen, ob wir nicht einen Bildband über Katarina Witt – exklusiv für ihre Eisrevue durch Westdeutschland – herausbringen könnten. Natürlich wollten wir das machen, schließlich ging es um ca. 8000 Exemplare für die wir harte Devisen bekommen würden. „Ich brauche das Buch aber im August“, fügte er hinzu. Das war das eigentliche Problem, denn in der DDR wurden die Produktion von Büchern und Abläufe in den Druckereien sehr lange im Voraus geplant. Flexibilität war oftmals nicht möglich. Dennoch sagte ich: „Okay, das machen wir“, und besiegelte es per Handschlag. Wir schafften es tatsächlich den wunderbaren Bildband „Katarina – Eine Traumkarriere auf dem Eis“, rechtzeitig zu produzieren. Es war ein reines Exportprodukt und wurde in der DDR nicht verkauft.
Ich verbrachte gerade mit Jutta meinen Urlaub im Garten in Priort, als mich mein Stellvertreter Werner Schreier mit einem Besuch überraschte. „Mensch, Horst, da ist große Scheiße passiert. Hast du denn das Witt-Buch ohne eine Genehmigung herausgebracht?“ Für Dienstag wurde extra eine Parteileitungssitzung einberufen, zu der sogar der Ewald kommt!“ Ich fuhr also aus dem Urlaub zurück, doch erst im Verlag begriff ich, was geschehen war. In vielen westdeutschen Zeitungen war das Buch über Katarina Witt rezensiert worden und machte überall positive Schlagzeilen. Da die Westpresse immer für die Politbüromitglieder ausgewertet wurde, bekam auch Egon Krenz, der im ZK mittlerweile für Sport verantwortlich war, davon Wind. Sofort rief er bei Manfred Ewald an und fragte: „Hast du das eigentlich genehmigt?“ Der antwortete überrumpelt: „Nein, Egon, ich kenn das Buch ja nicht einmal.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


In der Sonderparteileitungssitzung wurde ich minutenlang niedergemacht, dass ich nicht nur den Sportverlag, den DTSB und alle Werktätigen der DDR betrogen hätte, sondern auch das komplette sozialistische Lager. Obwohl in dem Bildband nicht ein einziges böses oder verwerfliches Wort über unser Land stand – ganz im Gegenteil – hatte ich scheinbar den Weltfrieden aufs Spiel gesetzt. Ewald saß neben mir und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Manfred, ich hab dir doch sofort nach der Messe einen Brief geschrieben und da du dich nicht geäußert hast, dachte ich, dass alles in Ordnung geht.“ Er antwortete: „Weißt du wie viele Briefe mich am Tag erreichen? Du hättest mich einfach mal anrufen sollen.“ Eigentlich alles ganz simpel, doch in der DDR wurden oftmals aus Lappalien Dramen gemacht.
Im November 1988 wurde Ewalds Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben und der Nachfolger vorgestellt. Doch auch mit Klaus Eichler, der von Egon Krenz vorgeschlagen worden war, konnte ich sehr gut zusammenarbeiten. Da er zuvor viele Jahre Generaldirektor des FDJ-Reisebüros „Jugendtouristik“ gewesen war, verstand er eben auch, wie man einen Betrieb leitete – er hatte Ahnung von dem, was wir taten.
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Zu unserem 40-jährigen Betriebsjubiläum lernte ich ihn persönlich kennen. Unser Verlag sollte den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen, den uns Krenz überreichen würde. Es war klar, dass ich zu diesem Anlass eine Rede halten müsse. Wie es in der DDR offenbar üblich war, musste ich diese zuvor im Zentralkomitee der SED, Abteilung Sport, zum Absegnen einreichen. Mitarbeiter Rühmann sagte mir nach der Durchsicht: „Du, der Egon hört das Wort ‚Athleten’ nicht so gern – mach da mal lieber ‚Sportler’ draus.“ Obwohl das gegen meine Journalistenehre verstieß, da ich nun unzählige Wortwiederholungen im Text hatte, änderte ich die Passagen und gab sie wieder rüber. Als ich die genehmigte Rede abholte, fragte Rühmann: „Sag mal, wenn der Egon euch den Orden überreicht, musst du doch auch noch ein paar Dankesworte sagen.“ Ich nickte. Das war doch selbstverständlich. „Dann schreib die mal bitte auch auf und lass sie prüfen.“ So ein Schwachsinn – doch ich tat wie mir geheißen.
Die Veranstaltung fand im großen Saal des Berliner Verlages statt. Vor der Tür traf ich Krenz und fragte ihn, ob er denn zu der kleinen Zusammenkunft kommen würde, die im Anschluss stattfand. Doch er erklärte mir, dass er dafür keine Zeit habe. Ich hielt also meine überprüfte Rede und las sogar die Dankesworte vom Zettel ab. Thomas Köhler, der Vizepräsident für Wintersport im DTSB, saß danach neben mir und sagte: „Die Worte zum Schluss hättest du ja wenigstens mal aus dem Stehgreif sagen können Horst.“ Viel zu laut antworte ich: „Können ja, aber nicht dürfen.“ Die Idiotie an der Sache: ich war nicht der Einzige in unserem Land, dem das so erging. Abertausende mussten ihre Reden zuvor von zuständigen Stellen freigeben lassen. Wie viel unnütze Zeit damit verbracht wurde!
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mir erzählte mal ein Kollege, der eine Ansprache vorbereitet hatte, weil ein bedeutender Sportler den „Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ überreicht bekommen sollte, was ihm widerfuhr. Erich Honecker las den Text, machte ein „X“ an die Seite und schrieb an den Rand „großer“. Unser Staatsratsvorsitzender hatte also diese unwichtige Rede persönlich gelesen, um dann lediglich festzustellen, dass derjenige den „großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ erhielt.
Egon Krenz blieb dann doch noch zur anschließenden Verlagsfete, als er hörte, dass ich nicht nur die Funktionäre, sondern auch die Kraftfahrer, Putzfrauen und Aushilfen unseres Verlages eingeladen hatte. Das gefiel ihm.

Doch schon 1990 hörte mein Land auf zu existieren. Der Niedergang mit den vorangegangenen Massenfluchten über Polen, Ungarn und die CSSR und der spätere Mauerfall erfolgten jedoch in einem Tempo, das nicht nur mich vollkommen überraschte.
Honecker hatte kurz davor noch geschwafelt: „Wir weinen niemandem eine Träne nach, der unser Land verlassen will.“ Ich hatte mich entsetzt in der folgenden Parteiversammlung zu Wort gemeldet und gesagt: „Ich teile diese Auffassung nicht. Ich weine den Leuten Tränen nach, denn es kann doch nicht sein, dass wir hier den Sozialismus errichten wollen und so viele Leute unser Land verlassen.“ Dass ich dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, zeugte allerdings schon davon, dass wir am Scheideweg standen. Ein Parteiverfahren wäre üblich gewesen.

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mitte September 1989 waren wir zusammen mit den Senioren (ehemaligen Mitarbeitern) zu unserem jährlichen Betriebsausflug aufs Land aufgebrochen. In dem Ort und an der Kirche hingen große Aushänge mit Forderungen, die ein so genanntes „Neues Forum“ verbreitete. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Ich glaube, wir sollten lieber nach Berlin zurückfahren, wer weiß, was hier heute noch passiert.“ Alle stimmten mir zu und so brachen wir den Aufenthalt ab. Es war uns – im eigenen Land – zu gefährlich geworden, denn selbst die Menschen, welche die DDR nicht aus Wut und Enttäuschung verlassen hatten, begehrten nun auf.
Noch einen abschließenden Satz zum Ende unserer Republik: Ich wollte nicht, dass die DDR untergeht, denn ich baute sie ja maßgeblich mit auf. Seit ihrer Gründung hatte ich mich für einen gerechten und lebenswerten sozialistischen Staat auf deutschem Boden eingesetzt. Dass in diesem Land unzählige Fehler gemacht wurden und wir meilenweit von den einstmals gut gemeinten Zielen entfernt gewesen waren, bestreite ich allerdings nicht.
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Kubanische Apfelsinen – Fidel Castros Rache – Jugend in der DDR

14. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!
leninplatz

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen empfiehlt sich: Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen
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Mein 9. November 1989 – der Mauerfall in der DDR

8. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Die Mauer ist wegIch werde vor allem von Westdeutschen oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:

Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
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Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
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Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.

Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
Mauerloch
Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen.
Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.
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Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!

Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.
Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.
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Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße (wie passend) entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?
Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.
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Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Oder bei Spiegel Online als “Mauerfall verpennt”
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Ein 7. Oktober mit dem Honeckerzombie – Kindheit in der DDR

13. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Ohne Palast der Republik
Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde. Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
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Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten. Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober. Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
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Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

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Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah. Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.
Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.
Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
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Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.
Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
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In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.
Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.
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Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Als ich abends an den Häusern der Karl-Marx-Allee vorbeikam, war die einsame DDR-Fahne, die hier heute früh baumelte, verschwunden. Ich steckte mein Fotohandy wieder ein und dachte: „Dann gibt es das Bild eben nächstes Jahr.“ 2009, zum 60. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik. Mit eigener Fahne!

Zum Weiterlesen im Buch Mauergewinner

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Fußball-Prophezeihungen im Jahre 1994 – Fußball-WM in Mexiko

19. August 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

imm031_2A‚Die spinnt doch komplett, die alte Hexe. Das hatte sie doch bestimmt beim Fußball gesehen und will nun die Gringos damit erschrecken.’ Das alte Mütterchen schaut mich mit milchigen Augen an und verlangt das Geld. Ich schmeiße ihr den Peso-Schein wütend vor die Füße und drehe mich um. Jeannet steht neben mir. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen, während ich sie in Richtung Ausgang ziehe. Eigentlich hatte ich mir etwas Positives davon versprochen – eine aufmunternde Geste, eine Aussage, die uns erheitern soll – doch genau das Gegenteil war eingetreten. Bloß weg hier.

Meinen ersten großen Urlaub mit Jeannet wollte ich 1994 wieder im Land meiner Träume verbringen. Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding, bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen, durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen ist. Es fühlt sich gut an, mit einem dicken Reiseführer, einem beendeten Spanisch-Anfängerkurs und vor allem mit dieser hübschen Frau an der Seite, hier zu landen. Aufgeregt zeige ich ihr schon auf der Fahrt vom Flughafen „mein“ Mexiko. Im Autoradio läuft zur Begrüßung „Maná“.

Schon im Vorfeld war klar gewesen, dass es eine andere Reise werden würde. Ich wollte Orte meiden, die ich bereits auf der Tour mit den Jungs gesehen hatte und ein bisschen mehr über die Kultur des Landes erfahren. Bedeutende Pyramiden, historische Sehenswürdigkeiten oder gar Museen hatten wir damals eher gemieden.
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Gleich am zweiten Tag fahren wir ins knapp 50 Kilometer entfernte Teotihuacán. Im Tal des Valle de Mexico stockt uns sofort der Atem, als wir die geheimnisvolle Ruinenstadt das erste Mal erblicken. Ehrfürchtig laufen wir durch das riesige Areal. Ich muss die Stelle im Reiseführer zweimal lesen, um zu begreifen, dass bis heute unklar ist, welches rätselhafte Volk hier einst gelebt hatte. Auf unserem Weg durch die „Straße der Toten“ – gesäumt von heiligen Palästen, Tempeln und den beiden gewaltigen Pyramiden – bilde ich mir ein, noch nie etwas derart Schönes gesehen zu haben. Mir wird ein bisschen schummrig von den schmalen Stufen, die hinauf zur Sonnenpyramide führen, doch Jeannet ermuntert mich, auch die kleine Mond-Schwester zu erklimmen. Erschöpft setze ich mich am Fuße des Bauwerks auf einen Sockel und gönne mir eine Raucherpause.
Eine alte Frau mit faltigem Gesicht und einer schmutzigen, bunt gemusterten Tracht stellt sich vor mir auf und schnappt nach meiner rechten Hand. Obwohl ich ihr Gebrabbel nicht verstehe, ist schnell klar, dass sie mir aus der Hand lesen will. Im Ferienlager hatte ich anderen Kindern früher einmal ihre Zukunft vorausgesagt, indem ich mir anhand der Linien irgendetwas ausgedacht hatte. Ohne groß darüber nachzudenken, rufe ich Jeannet herbei. Die Alte greift sofort nach ihrem Arm und schaut nun abwechselnd in unsere Handflächen. Plötzlich scheint sie etwas zu entdecken. Mit tiefer Stimme murmelt sie etwas vor sich hin, streckt ihre Arme nach vorn und imitiert, hin- und herschwenkend, eine Babywiege-Bewegung. Sie zeigt auf Jeannet, dann auf mich und schüttelt mit dem Kopf. Nochmals deutet sie ein schaukelndes Baby an und verneint gleichzeitig. Jeannet schießt augenblicklich das Wasser in die Augen.
Auf dem Rückweg versuche ich sie zu trösten, denn ich weiß, wie sehr sie sich Kinder wünscht. Die Fußball-WM 1994 war vor zwei Wochen in den USA zu Ende gegangen. Der Brasilianer Bebeto war dort nicht nur durch viele Tore und den Titel weltberühmt geworden. Nach seinem 2:0 gegen Holland war er zur Außenlinie gestürmt und hatte mit seitlich schwingenden Armen ein wiegendes Kind imitiert. Romario und Mazinho hatten sich neben ihn gestellt und synchron mitgeschaukelt. Es war das Bild der WM gewesen. Diesen Jubel hatte man noch nie zuvor gesehen.
Das hatte sicherlich selbst die alte Handleserin mitbekommen, versuche ich mein Mädchen zu besänftigen. Jeannet umarmt mich und flüstert schluchzend „Danke!“ Doch auf einmal stößt sie mich weg, läuft ein paar Meter zurück und brüllt mit erhobenen Stinkefinger: „Bist du bescheuert oder was? Fick dich!“, in Richtung der überrascht aufschauenden Wahrsagerin. Ich muss schmunzeln. Auch diese Geste sorgte während der WM für Aufsehen. Effenberg hatte deutschen Fans bei seiner Auswechslung gegen Südkorea den Mittelfinger gezeigt und war dafür nach Hause geschickt worden. Ich glaube nicht, dass sie das weiß, freue mich aber, dass ihr diese Aktion gut getan hat.
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„Dos tequilas por favor“ (zwei Tequila bitte) rufe ich drei Stunden später in einer Bar und drücke die Flasche mit der pikanten Sauce in meinen Taco. Obwohl wir das Aztekenstadion soeben nur von außen besichtigt haben, bin ich glücklich, endlich das Beweisfoto für meinen Alten in der Tasche zu haben. Da die Sauce zu lasch ist, hole ich mir das Gurkenglas vom Tresen. Darin schwimmen rote Chilistücken, Tomaten und Zwiebeln. „Zum Glück kein Koriander drin!“ Ich weiß mittlerweile, dass das petersilienähnliche Kraut jedes Essen nach Seife schmecken lässt. Auch Jeannet strahlt übers ganze Gesicht. Um ihren Hals baumelt eine Kette im onyxschwarz-silbernen Muster der Ohrringe. Die Tante mit der Visa-Karte hatte zugeschlagen und nimmt mich glücklich in die Arme. Sie hat die Geschichte mit dem Baby endgültig vergessen.

In der, für seine spektakulären Panoramablicke bekannten, Pyramidenanlage von Monte Albán werde ich zwei Tage später eines Besseren belehrt. Obwohl die Tempel, Paläste und Fresken der Zapoteken nicht ganz so prachtvoll, wie die von Teotihuacán erscheinen, verströmt der „Weiße Berg“ eine einzigartige Magie. Wir trennen wir uns kurz, um die Anlage mit der Fünf-Sterne-Aussicht, in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Als ich am L-förmigen Ballspielplatz gerade darüber sinniere, dass die alten Indios so ein Feld schon 1000 Jahre vor der ersten Fußball-WM errichtet haben, sehe ich meine Freundin am anderen Ende der Steinterrassen mit Jemandem stehen. Doch erst als sie die Arme hin- und her- schwingt, denke ich: ‚Das darf doch nicht wahr sein’ und renne hinüber. Die arme Frau mit der rot bestickten Bluse, scheint überhaupt nicht zu verstehen, was mein Mädchen von ihr will, doch ich komme zu spät. Jeannet ahmt wieder diese bekloppte Babywiege nach und zeigt mit dem Finger auf ihre Brust. Gebannt schaue ich in die dunklen Augen der Mexikanerin. Vor ihr liegen bunte Armbändchen, die sie hier augenscheinlich verkauft. Doch mit einem Lächeln erhebt sie ihre Hand zu einem Zeichen in den Himmel. Jeannet beginnt zu weinen. Doch es klingt anders – nach Tränen der Erleichterung. Auf den Boden werfen die Umrisse ihrer Finger drei lange Schatten.
„Du Schwein! Du wirst mich also verlassen!“ Wir sitzen vor einem der größten Lebewesen der Welt auf einer Bank und lassen den Tag noch einmal Revue passieren. Der 2000-3000 Jahre alte „Baum von Tule“ ist der wahrscheinlich dickste Baum der Welt, doch Jeannet hat keine Augen für ihn. Sie hatte auf dem Berg noch einmal mit den Armen gewedelt und dann auf mich gezeigt. Die freundliche Verkäuferin hatte bei mir nur den Kopf geschüttelt. „Na wie soll ich denn auch Babys bekommen?“, antworte ich amüsiert. Ich hole mein Taschenmesser aus der Hosentasche und ritze in die Lehne der Bank ein Herz. An die Pfeilenden schreibe ich „J“ und „M“ und darunter „for ever“.
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„Pasaporte, Pasaporte“, brüllt der Typ mit dem Maschinengewehr immer wieder. „Scheiße. Schönes Eigentor!“, sage ich zu Jeannet. „Meiner ist im Rucksack.“ Nervös suche ich im Gepäckfach unter dem Bus nach meinem grauen Teil, während sich die Passagiere ihre Nasen an den Scheiben platt drücken. Auch hier – mitten in der Pampa – riecht es nach verbrannten Reifen. Endlich sehe ich das gute Stück, eingeklemmt zwischen zwei schweren Baumwollsäcken. Mit voller Kraft zerre ich am Schultergurt. Langsam bewegt sich das Ding in meine Richtung, doch plötzlich gibt der Trageriemen nach und reißt. Ich verliere das Gleichgewicht und lande auf dem Rücken im Matsch. Mühsam rappele ich mich hoch. Ein kühler Metallgegenstand drückt gegen meinen Schädel. „Pasaporte!“, schreit der Kerl in den Tarnklamotten nun deutlich lauter und nimmt die Waffe wieder runter. Wir fahren mitten in der Nacht durch Chiapas – das Guerillagebiet der Zapatisten.

Noch vor zwei Jahren hatten sich Matze, Göte und ich in diesen Bundesstaat verliebt. Das abgelegene Hochland war seit Jahrhunderten Rückzugsgebiet der Maya und anderer Urvölker gewesen. Nur hier waren religiöse Bräuche, eigene Sprachen und eine kulturelle Vielfalt erhalten geblieben, wie sie es sonst nirgendwo in Mexiko mehr gab. Wir konnten in Dschungeldörfern oder auf Märkten von Kopfsteinpflaster-Städten eine völlig andere Lebensart bestaunen, so als existiere die heutige Zivilisation überhaupt nicht. In Chiapas waren wir in eine andere Welt eingetaucht und begriffen nicht, warum so viele Menschen ihre Heimat gen USA verlassen wollten, während wir in die umgekehrte Richtung fuhren.

Endlich habe ich meinen Pass herausgefischt und reiche ihn mit wackligen Knien herüber. Minutenlang blättert ein zweiter Uniformierter darin herum und vergleicht meine Visage mit dem Passbild. Ich frage mich besorgt, ob es viele Maya-Rebellen mit blonden Haaren und blaugrünen Augen auf deren Fahndungslisten gibt.
Natürlich hatte ich es in der Heimat mitverfolgt. Zu Jahresbeginn waren 2000, seit Jahrhunderten gedemütigte Mayas plötzlich aus den Urwäldern von Chiapas aufgetaucht und hatten verschiedene Städte eingenommen. Die Zapatisten wollten unter der Losung: „Eine andere Welt ist möglich“, ihren Willen zur Selbstbestimmung zum Ausdruck bringen und sogar bis nach Mexiko City weitermarschieren, um den Präsidenten zu stürzen. Doch nach acht Tagen eroberten Streitkräfte der Regierung die Städte zurück und die Rebellen verschwanden wieder im Dschungel.
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Der Armeetyp scheucht mich in den Bus zurück. Einige schauen mich missmutig an, denn wegen mir hatten wir hier so lange gehalten. Trotzdem sehe ich in den Augen auch Erleichterung. Ich hatte, obwohl ich die Ziele eigentlich unterstütze auch schon von Raub und Geiselnahmen gehört. In diesem Fall war es vielleicht ganz gut, dass uns „nur“ die Armee gestoppt hatte.
Schief lächelnd, setzte ich mich neben meine eingeschüchtert wirkende Freundin. „Für ein Eigentor wurden manche auch schon erschossen“, sage ich lächelnd. Vielleicht, um mich selbst ein wenig zu beruhigen, erzähle ich ihr vom Kolumbianer Escobar, der bei seiner Rückkehr von der letzten WM vor einer Bar getötet wurde. Sie kuschelt sich an mich. „Aber der hatte ja wirklich ins eigene Tor getroffen“, rede ich einfach weiter und schaue auf meine modderverschmierten Waden. An meiner Schläfe meine ich noch immer, den Abdruck des Gewehrlaufes zu spüren. Der Bus schlängelt sich halsbrecherisch die Berge empor und einsetzender Regen trommelt aufs Dach. Jeannet ist eingeschlafen.

Umgeben vom dichten Grün des Regenwaldes laufen wir entlang eines Flusses zu den Ruinen von Palenque. Wir hatten uns ganz in der Nähe einen Bungalow gemietet und unsere erste gemeinsame Urwaldnacht in einer unheimlichen Geräuschkulisse verbracht. Überall hatte es gesummt, geraschelt, geknackt, gejault und einige Viecher hatten im Wald sogar regelrecht gebrüllt. Doch im morgendlichen Nebel werden wir für den unruhigen Schlaf entschädigt. Gewaltige oliv- und giftgrüne Pflanzen wachsen direkt vor unserer Hütte oder ranken sich an den Stämmen der Bäume empor und Schmetterlinge umflattern die gelben und roten Blüten. Orangefarbene Früchte hängen direkt vor uns in den Bäumen und – für den kleinen Ossi noch immer wichtig – Bananen auch! Auch der große Palast, der Ballspielplatz und die Tempel der Mayaruinen sind umgeben vom Urwald. Fette Leguane sonnen sich auf den steinernen Stufen und Tukane mit bunten Schnäbeln sitzen in den Bäumen. Warum auch diese einmalig schöne Stadt von ihren Bewohnern einst verlassen wurde, ist nicht nur mir ein Rätsel.
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Obwohl Jeannet hier den ganzen Tag herumklettern könnte, überzeuge ich sie, noch heute ein weiteres Highlight zu sehen. Die feuchtwarme Luft und die Mittagshitze machen mir arg zu schaffen. Wir organisieren einen Fahrer und schon um 14 Uhr sind wir in „Agua Azul“ – bei den hellblauen Wasserfällen. Vielleicht hatte ich auch darauf gedrängt, da sich hier erstmals die Wege mit meiner Reise von 1992 kreuzen. Stundenlang war ich mit Matze und Göte in den kaskadenförmig verlaufenden Wasserfällen geschwommen, war von Baumstämmen und Steinplatten metertief in türkisfarbene Becken gesprungen. Sämtliche Verbotsschilder ignorierend, hatten wir uns einfach mit der Strömung von einem Fall zum nächsten treiben lassen. Auch heute springe ich unbekümmert ins Wasser. Um Jeannet zu beeindrucken, erklimme ich eine drei Meter hohe Klippe und hechte vor einem Wasserfall kopfüber in den weiß schäumenden Pool. Ich kenne diese Stelle noch gut. Kurz nachdem ich die Wasseroberfläche berühre, wird alles schwarz.
Als ich die Augen wieder öffne, liege ich auf dem Rücken neben Jeannet am Ufer, die mich schockiert anstarrt. Ein kräftiger Einheimischer mit indianischen Wurzeln beugt sich über mich. Ich fasse mir mit der Hand ins Gesicht. Es ist, wie meine Brust, blutverschmiert. Ich erkenne die schwarz funkelnden Augen des Mannes. Es ist unser Fahrer und ich ahne, dass er mir soeben das Leben gerettet hat. „Gracias amigo“ (Danke Freund), flüstere ich.
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Drei Stunden später baumele ich in der Hängematte mit meinem “I killed Laura Palmer Shirt” vor unserer Hütte. Jeannet liegt drinnen unter dem Ventilator und liest. Wir hatten uns ein bisschen gestritten. Sie hatte mir den Scherz: „Na dann wäre wenigstens klar gewesen, warum du drei und ich keine Kinder bekomme“, übel genommen. Bis auf die dicke Beule am Kopf hatte ich nichts weiter abbekommen. Trotzdem wäre ich ohne fremde Hilfe ohnmächtig ersoffen. Von Itzel, die unsere Anlage betreibt, erfuhr ich, dass mein Retter dem Volke der Choles entstammt. In ihren Augen war es kein Zufall, dass genau er mich aus dem Wasser gezogen hatte. Hier im Dorf wird der Kerl überall nur „El Sacerdote“ (der Priester) gerufen.
Über mir ist es längst dunkel geworden. Ich greife mir eine Dose Tecate-Bier und denke über den Urlaub nach. Es ist schön, mit ihr zu reisen. Mit staunenden Augen scheint sie die exotischen Bilder genauso in sich aufzusaugen, wie ich es bei meiner ersten Reise getan hatte. Fast immer wohnen wir komfortabler als in unserer Hinterhaus-Bruchbude in Friedrichshain und jede Nacht kann ich mich an ihren warmen Körper anschmiegen. Allerdings staune ich darüber, wie wenig selbstbewusst sie in Mexiko ist. Alle Entscheidungen überlässt sie mir. Als Paar lernen wir zudem viel weniger Leute kennen. Nicht nur deshalb realisiere ich, dass ich mir so einen Sprung in Zukunft nicht mehr leisten kann. Bei dieser Reise habe ich nicht ständig jemanden an meiner Seite, der mich rechtzeitig aus dem Wasser zerrt.
In Gedanken versunken, schaue ich hinüber zum gegenüberliegenden Bungalow. Dort sitzt „El Sacerdote“ – mein indianischer Lebensretter. Mit zwei Bier bewaffnet gehe ich hinüber, um ihm nochmals zu danken. Er lehnt die Dose lächelnd ab, bietet mir aber den Platz neben sich an. Es entwickelt sich ein holpriges Gespräch. Die ganze Zeit malt er komische Zeichen mit einem Stab in den Boden und versucht mir zu erklären, was sie bedeuten. Doch ich begreife es nicht. Wahrscheinlich sind es Sternenformationen, da er ständig in den Himmel deutet.
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Plötzlich habe ich eine Idee. Wenn er wirklich ein heiliger Priester wäre, dann ist er ja vielleicht auch ein Hellseher. Im Wald finde ich einen Ast und beginne etwas in die schwarze Erde zu kritzeln: 1998, 2002, 2006, 2010. Um jede Zahl ziehe ich einen ovalen Kreis und bitte ihn, eine dieser Nummern anzukreuzen. Grübelnd betrachtet er die aufgemalten Zahlenreihen, doch plötzlich schnappt er sich den Stock und macht etwas vollkommen Unerwartetes. Er malt einen neuen Kreis, schreibt eine Zahl hinein und kreuzt diese an.
Ich kann es nicht fassen. Das ist ja noch so lange hin. Unmöglich! Da wäre ich ja schon über 40. Nein, ich wollte nicht wissen, wann ich mit Jeannet das erste Kind zu erwarten habe. Meine Frage lautete: Wann wird Deutschland wieder Fußball-Weltmeister? Irgendwie glaube ich nicht mehr daran, dass sie es nie wieder schaffen werden. Er hatte sie mir beantwortet: 2014.

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischt Jeannet. Sie tritt unter dem Unterstand hervor und sprintet in den Urwald. Es schüttet, als ob Löschflugzeuge ihre Tanks über uns leeren. Auch ich bin noch geschockt. Es ist gerade etwas aus heiterem Himmel unmittelbar vor meine Füße gefallen. In Sekundenbruchteilen muss wohl auch meine Freundin realisiert haben: Das ist eine fette, haarige Vogelspinne! Obwohl sie vielleicht nur sechs Zentimeter groß ist – wirkt das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen, wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechele Jeannet fast blind hinterher. Der Regen ist so gewaltig, dass meine Augen voller Wasser sind. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brülle ich, doch sie ist bereits stehengelieben und schreit wie am Spieß. Durch den dichten Schleier der Regenwand hindurch sehe auch ich sie plötzlich. Vor uns laufen nun dutzende dieser Ekelviecher umher. Auch für sie scheint der starke Regenguss eine Bedrohung darzustellen und sie ahnen sicherlich nicht, dass ihr wildes Herumirren für uns einem Horrorszenario gleicht. Atemlos und klitschnass erreichen wir den VW-Käfer. Ich ziehe mir alle Klamotten aus und werfe sie auf den Rücksitz. Jeannet ebenso. Plötzlich kracht etwas auf unser Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckere ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Die Scheiben sind schnell beschlagen und der hektisch wedelnde Scheibenwischer kommt nicht mehr hinterher. Aber es ist momentan niemand auf der Straße, außer uns und unzähligen schwarz-roten Vogelspinnen. Wir beruhigen uns langsam und ich beobachte gerührt, wie Jeannet erst mich und dann sich mit einem Handtuch sachte trocken reibt. Sie sieht extrem süß aus, so vollkommen nackt neben mir auf dem Beifahrersitz. Auf einmal fällt mir ein, was ich ihr in der ganzen Aufregung noch gar nicht sagen konnte. Sie hatte mich die ganze Zeit dafür ausgelacht, doch es hatte sich etwas bewahrheitet. Ich bin doch nicht bescheuert oder was? Soeben wurde der endgültige Beweis erbracht!
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Wir haben den Endpunkt unserer Reise erreicht. Ich hatte zwar schon einige schneeweiße Pulverstrände in meinem Leben gesehen, doch die Farben, in denen das Karibische Meer hier schimmert, sind auch für mich neu. Je nach Tageszeit sehen wir hellblaue, türkise, grüne und dunkelblaue Töne. Im beschaulichen Playa del Carmen haben wir eine günstige Hütte gemietet. Es sind nur wenige Touristen hier, sodass wir in den gemütlichen Restaurants oftmals die einzigen Gäste sind. Ein idealer Ort, der geradezu dazu einlädt, einfach mal dem Nichtstun zu frönen.
Mit Matze und Göte war die Reise 1992 in Cancun zu Ende gegangen. Wir hatten zwei Nächte in einem überteuerten Hotel übernachtet und panisch versucht, unseren Rückflugtermin umzubuchen. Uns war das Geld ausgegangen und tatsächlich flogen wir eine Woche früher als geplant in die Heimat. Wären wir damals doch bloß noch ein Stück die Küste entlang gefahren.
In die entsetzliche Touristenhochburg müssen wir diesmal nur kurz. Jeannet hatte endlich einmal die Zügel in die Hand genommen und beschlossen, dass wir uns einen Inlandsflug zurück nach Mexiko City leisten werden. Die Tante mit der Visa-Karte zahlt erst einmal. Für sie sind das „Peanuts“, denn nach dem Mauerfall haben wir uns ganz unterschiedlich entwickelt. Während Jeannet arbeitet und regelmäßig Geld nach Hause bringt, dümpele ich nach wie vor eher gemächlich durchs Leben. Über meine Hamburger Freunde habe ich einen Nebenjob begonnen, der so viel Geld einbringt, dass mein Studium völlig zweitrangig geworden ist. Ich bin zufrieden. Die Kohle reicht für die Miete, einen vollen Kühlschrank, Kneipentouren, Konzerte, Festivals, für Daddelautomaten, Stadionbesuche, einen großen Rosenstrauß für Jeannet und den Mexikourlaub. Eine Kreditkarte besitze ich nicht.
Auf dem Rückweg aus Cancun lassen wir uns an einer Kreuzung herausschmeißen und fahren von der Abzweigung mit einem Taxi nach Puerto Morelos. „Hast du denn überhaupt Badezeug dabei?“, fragt Jeannet skeptisch, als ich mir in einer Bar eine Taucherbrille leihe. Doch vor uns breitet sich ein menschenleerer Sandstrand aus. Nach einigen hundert Metern ziehen wir uns aus und rennen nackt in die 25 Grad warme Badewanne. Jeannet springt mich von hinten an und hält sich an meinem Hals fest. Langsam schlängelt sie sich um mich herum, gibt mir einen zärtlichen Kuss und schaut mich an. Schon vor Tagen hatte ich sie wiederentdeckt. Es sind diese leuchtenden, rehbraunen Augen, die mich zu Beginn unserer Beziehung immer so umgehauen haben. Langsam gleitet sie an mir herab. Dann lieben wir uns.
Erschöpft liegen wir im warmen Sand. Ich hatte mich auf den Bauch gelegt und habe nun das Gefühl, als ob mich irgendetwas von unten zwackt. Ich laufe erneut ins Meer und betrachte, bevor ich den Kopf unters Wasser stecke, noch einmal mein überaus erotisch anmutendes Mädchen.
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Schnell erkenne ich, dass dies hier keine besonders faszinierende Unterwasserwelt ist, doch dafür entdecke ich riesige weiße Muscheln und Meeresschnecken. Diese großen, die man sich ans Ohr hält und dabei den Ozean rauschen hört. Begeistert hole ich sie vom Boden, schmeiße sie im hohen Bogen an Land und sehe erst spät, dass mir Jeannet vom Ufer aus, ganz aufgeregt zuwinkt.
Hunderte durchsichtige Krebse krabbeln nun aus Löchern im Sand und auch einige größere, graue sind in den Mulden zu sehen. „Die Mistdinger haben mich in den Po gezwickt“, ruft Jeannet lächelnd. Ich strahle zurück. Was für ein schöner Nachmittag. Voller Harmonie und neuer Erfahrungen. Erstmals hatten wir uns im Meer geliebt. Glücklich beobachte ich Jeannet beim Bestaunen der angeschleppten Schätze.
Auch Kellner Juan streckt im Restaurant anerkennend den Daumen nach oben. Nach dem Essen setzt er sich kurz zu uns und als er erfährt, woher wir kommen, entspannt er sich zusehends. Dass der Satz: „Somos alemanes“, (wir sind Deutsche – und eben keine Gringos aus den USA) in Mexiko alle Türen öffnet, hatten wir schon vor zwei Jahren schnell begriffen.
Er berichtet, dass vor drei Wochen alle Mexikaner im Viertelfinale der WM für Deutschland gewesen wären, da die Bulgaren zuvor sein Heimatland raus geschossen hatten. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle, wie ich das Spiel erlebt hatte. Zusammen mit Matze und Göte waren wir bei unseren Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder vor dem „Happy Altona“ hatte einen deutlichen Deutschen Sieg erwartet. Bobo hatte sogar um seinen roten Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir im Turnier bleiben – gegen dessen Converse Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Nur Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste – nur zum Spaß – rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel. Juan versteht die Anekdote zwar nicht ganz, spendiert uns aber dennoch eine Abschieds-Margarita und ruft ein Taxi.
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Im Wagen rekapituliere ich noch einmal den denkwürdigen Sommerabend in der Hansestadt. Auch Gernot, Kaschi und Steve waren dabei gewesen. Alle drei hatten sich zwei Jahre zuvor, in meiner sechswöchigen Abwesenheit, herzzerreißend um Jeannet gekümmert. Letzterer etwas zu innig, da sie miteinander gevögelt hatten. Das hatte mir meine Freundin, in Tränen aufgelöst, sofort gebeichtet. Doch während ich nach einer Bierseeligen Aussprache im Kiez schon nach zwei Monaten wieder mit Steve feierte, darf ich bis heute den Namen Veronica nicht erwähnen. Gekränkt hatte ich erlogen, dass auch ich in Zipolite fremdgegangen war. Sie ahnte ja nicht, dass ich das Mädchen nicht einmal geküsst hatte. ‚Schnee von gestern’, denke ich und nehme die Frau meiner zukünftigen Kinder in die Arme.

Am nächsten Tag mieten wir uns einen weißenKäfer und fahren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollen das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Ma yastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut wurde. Schon von weitem sehen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erheben. Doch auf dem Parkplatz stehen zu viele Reisebusse, sodass wir entscheiden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Beinahe eine Stunde brauchen wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es ist fast schon ein bisschen gespenstig, dass wir, an Seen vorbei, auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage laufen. Obwohl an den meisten Tempeln und Gebäuden „No hay paso“ (nicht passieren) steht, benehmen wir uns, wie übermütige Affen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden sollen eher denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlagen uns durchs Unterholz und erklimmen die Stufen hinauf zum „El Castillo“ (Schloss). Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán ist umso spektakulärer, da sie auf einem natürlichen Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckt sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo. Doch am Himmel drohen schwarze Wolken mit Regen.
Auf dem Weg zum Auto beginnt es sintflutartig zu schütten, aber wir entdecken einen kleinen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion sitzt bereits ein alter Mann mit indianischem Einschlag, der geschnitzte Holzfiguren und Masken in schwarze Plastiktüten verstaut. Während der Regen lautstark niederprasselt, lässt sich meine Freundin eine Jaguarmaske zeigen.
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Jeannet hatte Tränen gelacht, als ich die Story vom Priester erzählt hatte. Wie naiv ich nur sei. Der vermeintliche Hellseher hätte doch nur meine Zahlenreihe vervollständigt. 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen.
Ich schaue mir den Kunstgewerbe-Verkäufer etwas genauer an. Okay, ein Versuch ist es wert. Ich male mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahme die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischt Jeannet. Sie tritt unter der Hütte hervor und sprintet in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst im Auto fällt mir ein, was ich in der ganzen Aufregung noch gar nicht erzählen konnte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaut mich fragend an und ich grüble bereits in welchem Land das große Ereignis wohl stattfinden wird. „Deutschland wird also tatsächlich 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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Zum Weierlesen: 90 Minuten Südamerika
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Ungarn-Urlaub in der DDR 1986 zur Jugendweihe

30. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Hungarn wirAn meinem 15. Geburtstag gehen wir in den Palast der Republik, wo wir an einem Tisch im Palastrestaurant platziert werden. Während sich Benny nach stundenlangem Studiums der Karte dann doch nicht für das „Braumeister-Steak“, sondern wie üblich fürs „Steak-au-four“ entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er immer Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie komischerweise daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Doch mein Alter unterbricht ihre Schwelgerei und ruft mir zu: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“
Blöde Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur sehen und anfassen, sondern auch kaufen. Levis-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravo-Zeitschriften, Glitzersteine und Sticker – einfach alles, was das Herz begehrt. „Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, mit 15 Jahren erst in drei Ländern gewesen zu sein: in der DDR, in der CSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter über die Grenze auf der Schneekoppe geflitzt waren.
„Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest“. Der Satz trifft es mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel voller Szegeginer Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz. „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. „Kriegen wir noch einen Pittiplatsch- oder einen Bummi-Eisbecher? Köszönom!“, antwortet mein Bruderherz spontan. Alle lachen.
Ich bin extrem begeistert, auch weil Vater über Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 2.650 Forint (knapp 440 Mark) pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld sinnvoll verbraten. Und obwohl auch Mutter durch diese Zettel der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt (wobei ich auf die Kiste Bier verzichtet hätte) und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch seine Frau ist ja eher rundlich. Als sich dann auch noch ihre beiden dicken Kinder hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.
An der Grenze zur CSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen, Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Coca Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Hotdog-Ständen an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden. Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden Fahrt im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich noch nicht daheim ist. Wie peinlich: fast zwei Stunden sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Hackepeter- und Specksstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir bei ihm pennen und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, sofort mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den zwei tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.
Vater
Am nächsten Tag geht es mit leicht verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei brüllender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt er aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Vater lehnt derweil mit den Händen in den Hüften, an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michel jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Backofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt.
Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu meinem Land Nummer 4 wieder ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir für immer im Leben bewahren möchte. In Ungarn weht ein laues Lüftchen und auf gut geteerten Straßen erreichen wir endlich die sagenumwobene Stadt an der blauen Donau.
Das Quartier bei Privatleuten hatte Mutter organisiert und nun wird es lustig: Sie meint sich nach gut zwanzig Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, was leider nicht stimmt, da sie Vater von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der ist in solchen Situationen nicht sonderlich entspannt, zumal er stark unterhopft wirkt und das erste ungarische Bier herbeisehnt. Während sich die Alten vorne anschreien, pieke ich mein Brüderchen in den Bauch und liefere mir ein Wortgefecht: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda“. Wir machen uns darüber lustig, dass unsere Alten nicht einmal wissen, in welchen Teil der Stadt wir überhaupt müssen. Irgendwann hat Vater die Schnauze voll, hält mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung und fragt einen Verkehrspolizisten nach dem Weg. Es werden fünf weitere Befragungen von Passanten folgen bis wir am Ziel der Reise sind. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist mittlerweile – trotz 34 Grad – frostig.
Das Haus ist ganz alt, mit verschnörkelten Wänden und hohen, stuckverzierten Decken. Wir Kinder aus dem Neubau-Block wissen das natürlich nicht zu würdigen. Auch nicht, dass die Gastwirte extra für uns das Schlaf- und Jugendzimmer geräumt haben und nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur in Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbefrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vater „Schluckspecht“ mit dem Opa zwei Pálinka-Schnäpse, während die ältere Dame fünfmal mit der Hand durch meine Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15jähjrige Jugendliche können das besonders gut leiden. Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 mit 18 Jahren gestorben sei und ich ihm wohl sehr ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund mich so zu betätscheln. Schmuseäffchen Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt; auch wenn er kein so schönes Kind ist, was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir ein Backpfeife und brüllt: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher“. Benny juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mit verschwörerisch zu.
Icke Bad Boy
Schwein gehabt, wir wohnen in „Buda“ und gar nicht mal weit entfernt von der Donau. Doch für den riesigen Fluss und die ihn überspannenden Brücken haben wir keinen Sinn, da uns ausschließlich die knallbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben unserem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas, Nike- und Reebok-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer für Mutter berühmten Kettenbrücke, wobei sie in den nächsten Tagen alles „berühmt“ oder „weltberühmt“ betitelt – entdecken wir einen Imbisstand. Vater spendiert uns zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar a szemle“, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir – trotz Russischunterrichts – nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen fantastisch!
Außerdem kostet die Cola umgerechnet nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschliffen werden. Dort ist Vaters mitgebrachtes Gastgeschenk (Berliner Pilsner) nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Es sind die letzten dieser Tour. Für Morgen wird uns echtes ungarisches Gulasch im Restaurant versprochen.
Am Abend machen wir noch einen kleinen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häuserzeilen, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich Moderatoren schon öfter mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!
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Am Morgen gibt es dennoch Stress. Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, in der man einfach alles kaufen kann, gibt es zum Frühstück nur Brötchen mit Marmelade oder Honig und danach will Mutter auch noch auf Sehenswürdigkeits-Tour gehen, wohingegen wir natürlich die Kauftempel der Stadt plündern wollen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis Mittag Ausgang. Wir treffen uns erst um 13 Uhr an dieser Würstchenbude wieder. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die Gastwirtin streichelt Benny über die Omme und versichert dabei, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.

Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat keinen Kleiderschrank füllt, muss ich in den Boutiquen meine Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck vielleicht sogar ein ganz gutes Alibi. Eine dunkelgraue Levis, ein weißer Nike-Pullover, blau-weiße Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen so in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“, „Kim Wilde“ und „Sandra“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, ein günstiges Nicki mit einer Werbung von „Honda“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchten. Im Plattenladen greife ich dann nochmals tief in die Tasche und hole mir die „Black Celebration“ von „Depeche Mode“ und „Standing on a Beach“ von „The Cure“. Obwohl ich fast alle Songs auf Kassette habe, kann ich damit zu Hause richtig einfetzen. Goldstaub ist gar kein Ausdruck. Die Scheiben kosten zusammen 500 Forint (83 Mark), allerdings könnte ich sie im Plänterwald sicher für das Fünffache verkaufen – was natürlich nie und nimmer geschehen wird. Benny hilft mir beim Tragen und vollbepackt wie zwei DDR-Esel erreichen wir den Imbiss von gestern Abend.
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Vater nippt genüsslich am Fassbier und Mutter schlägt sich die Hände vor den Mund als sie uns kommen sieht. „Ihr habt ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten auf dem Boden stehen. Ich habe meine rot-schwarz längsgestreifte „Lee“ an, die mir Oma mal mitgebracht hatte. Die Röhrenjeans fühlt sich heute wie eine Spendierhose an, vor allem, weil ich sie nun auch mal mit der „Levis“ wechseln kann. Ich gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Wüschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. Eine Matheschwäche habe ich nicht. „Nee Genosse Towarisch, 80!“ Ich lasse mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte ja eine nur 20 gekostet. Doch er beharrt auf dem Wucherpreis, bis ich meinen Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch schon das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein. „Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die ständig gebrüllten Worte unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppelt Watzlav hier gleich mal die Preise“, schimpfe ich. Doch Vater, der sich noch ein zweites überteuertes Bier geleistet hat, antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen, Prost!“ Darüber kann auch ich dann wieder ablachen.
Im ehemaligen „Attila-Zimmer“ breiten wir stolz unsere Einkäufe auf dem Bett aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel voller Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Eigentlich brauche ich jetzt nur noch Kleinkram, wie Kassetten, Camel und eine Bravo, die es hier an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt.
Nach einem Stadtbummel laden uns die Eltern – wie versprochen – in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Im Land des „Gulasch-Kommunismus“ werden wir am Einlass gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des ersten Formel-1-Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Reisen bildet!
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Zum Frühstück gibt es diesmal zwar U-SA (Ungarische Salami) aber ansonsten scheinen wir nun wirklich DDR-Betteltouristen zu sein, die trotz Metro alles ablaufen und die das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg und dessen Zitadelle, nur wegen der „fantastischen Aussicht“ bis wir endlich das „weltberühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Sonntagsroute zu überlassen, war keine gute Idee.
Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an, um ihre verschrumpelten alten Körper in Heilwasser zu tunken. Darauf haben wir echt keine Böcke.
Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die Margareten-Brücke und die im Fluss befindliche Margareten-Insel erreicht haben. Wir lechzten nach einem Eis und vor allem wollen wir nun endlich baden gehen. Auch das hiesige Palatinus-Bad kennt unsere Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor zwanzig Jahren dort gewesen war. Ununterbrochen schwärmt sie von den riesigen Schwimmbecken, den großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden Menschen. Hier scheinen es eher Mütter mit drei kreischenden Gören zu sein. „Alle anderen Männer sind beim Grand-Prix“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich absolut nicht für Autorennen interessiert.
Richtig schlimm wird es erst im Wasser. Die Konstruktion des Wellenbades ist wahrscheinlich von 1937 und nichts im Vergleich mit unserem hochmodernen SEZ in Friedrichshain, welches die Schweden vor kurzem erbaut hatten. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!
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„Mark, Benny, ist das nicht schau? Benny, gleich kommt die nächste Welle. Mark, ist das nicht schau hier?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie grob wegzustoßen und treffe dabei versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt meine Mutter auch noch zu heulen. Das wird Vater überhaupt nicht gefallen, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist. Nicht nur deshalb entschuldige ich mich auf dem Weg zum Handtuch mehrmals und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Und plötzlich beginnt meine Mutter ganz unerwartet mit tränennassen Augen zu erzählen …
… dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hat. In diesem Wellenbad haben sie sich das erste Mal geküsst. Ich staune mit offenem Mund und überlege sogleich, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Allein Klamottentechnisch.
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham oder ein Gefühl des Unwohlseins in die Arme. Diese Reise wird mir nicht nur deshalb sehr lange in Erinnerung bleiben und vielleicht werde ich in 30 Jahren einmal darüber berichten?!
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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