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Touristenfalle – der Tag nach dem Mauerfall 1989

9. November 2019 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

Am 10. Nov. 1989 sitzen wir um 10 Uhr in einer vollbesetzten S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Es ist ein Zug der Verlierer, ein Zug all jener Menschen, die gestern verpennt und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen vom Mauerfall haben anhören müssen. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit Schnurbart liest die BZ eines bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Die Titelschlagzeile lautet:

Die Mauer ist weg!

JEDER darf ab sofort durch!

Deutschland weint vor Freunde.

Die ersten sind schon da!

Wir reichen uns die Hände!

Otto reicht mir die Hand und sagt: „Jetzt muss ich auch gleich heulen, hab meine Kippen zu Hause vergessen.“ „Scheiße ich habe auch nun noch zwei“, antworte ich.

Am Grenzübergang Invalidenstraße quetschen wir uns rauchend durch kreischende Massen in Marmor-Jeans, rufen ihnen: „Scheiß Ostler“, hinterher und ärgern uns noch immer, dass wir heute mit dem nervigen Mob rüber müssen. Ausgerechnet diesen historischen Augenblick haben wir verschlafen, weil wir uns bis tief in die Nacht den Blindmachern ostdeutscher Spirituosen-Fabrikanten hingegeben hatten.

Als wir den letzten Schlagbaum passieren, geschieht dann aber doch etwas mit mir. Mein Herz beginnt zu hämmern und irgendwann scheint mein Hirn zu realisieren, dass ich mein – mir vertrautes – Heimatland sogleich für immer verlassen werde. Schon bei unserer Rückkehr wird es ein anderes sein.

Ich umarme Otto lange und eine Träne kullert mir die Wange herab, welche ich rasch mit dem Ärmel fortwische. Auch meinem besten Freund ist anscheinend gerade was ins Auge geflogen. Er sagt: „Was ist denn das für ein starker Westwind?“ „Ja, und voll der Smog hier!“, pariere ich. Wir lachen und klatschen mit erhobenen Händen ab.

Nach zwanzig Metern kommt ein etwa dreißig jähriger Typ mit Kamera auf uns zu: „Das war ja echt herzergreifend, euch gerade zu beobachten.“ Er drückt jedem von uns einen 10-D-Mark Schein in die Hand und ruft lächelnd: „Viel Glück!“

An der nächsten Ecke ist ein Zigarettenladen. Wir kaufen uns beide eine erste, echte Camel-Packung und dazu passend ein Camel-Feuerzeug.

„Wenigstens werden wir uns immer daran erinnern, dass wir uns gleich was Sinnvolles gekauft haben“, meint Otto, während er mir Feuer gibt. Ich ziehe und nicke dann beflissen.

Um 11.30 Uhr stehen wir auf dem Bahnsteig des vollkommen überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warten nun schon seit einer halben Stunde auf die S-Bahn in Richtung Charlottenburg. Otmar ruft genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimme ihm auch hierbei grinsend zu.

In einem Abteil, in dem man aufgrund der Massen nicht umfallen kann, fahren wir an den einzigen Ort, den wir zu kennen scheinen: Zoologischer Garten. Den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche, den Kurfürstendamm, das Europacenter, den Zoopalast und das KDW müssen wir in der Abendschau im Dritten Programm unterbewusst schon so oft gesehen haben, dass es gar keine andere touristische Alternative gibt. Fast alle anderen Passagiere drücken sich auch aus dem Wagen.

Auf dem Vorplatz begegnen wir einer Sachsen-Horde. „Wie sind die denn so schnell hergekommen?“, fragt Otto. „Mit dem Trabi, nehme ich an“, antworte ich und bin schon jetzt genervt von dem riesigen Menschenauflauf. Besonders vor zwei Banken bilden sich gigantische Schlangen. Die Polizei, eine Feuerwehr-Staffel und diverse Rettungssanitäter sind ebenfalls vor Ort.

„Was gibt’s denn hier?“, fragt Otto einen Kerl. „Na hunnderd Morg grischt heude jeda geschängt!“, antwortet der im tiefsten sächsisch. Wenig später erfahren wir von einem Übersetzer, dass Westberlins Bürgermeister Momper bereits in der Nacht alle Sparkassen und Banken angewiesen hat, dass die Auszahlung von 100 D-Mark Begrüßungsgeld an jeden Ostdeutschen durch Vorlage des DDR-Personalausweises erfolgen soll. Das Geld gab es wohl schon immer, aber da kamen eben nur ein paar Rentner und Privilegierte in den Genuss. Nun sind es Hunderttausende.

Von LKWs werden Zeitungen, Schokoladentafeln, Kaugummis, Seife und Tonnen von grüner Bananen in die sich davor fast prügelnde Meute geworfen und von all den „Freiheitsidioten“ in mitgebrachte Hamster-Dederon-Beutel gestopft.

„Was für eine Touristenfalle“, grummele ich. „Ist wohl eher ’ne Ossifalle! Von der Montagsdemo direkt ins Kaufhaus des Westens“, entgegnet Otto, der sich genauso zu schämen scheint.

Allerdings betrachten auch viele andere Passanten die Szenen mit Abscheu. Wir ahnen, dass der bekannte – uns alle vereinende – Schlachtruf vor dem Mauerfall: „Wir sind das Volk“, seit Stunden keine Bedeutung mehr hat.

Von diesen, dem Konsumrausch unmittelbar verfallenen Menschen möchten wir uns mit aller Kraft distanzieren. Etliche ältere DDR-Bürger benehmen sich, als wären sie hungernde Kinder eines Dritte-Welt-Landes nach einem verheerenden Bürgerkrieg. „Komm lass uns abhauen“, rufe ich.

Die Buchhandlung im Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Otto lässt sich auf einem Stadtplan zeigen, wo das „Sound and Drumland“ zu finden ist. Dann verlassen wir den Ort der Schande. Erst um 16 Uhr müssen wir wieder am Wasserklops sein, da wir uns dort mit den anderen Jungs aus der Schule verabredet haben.

Während ich einige Zeit später ganz verloren in dem Laden für Musiker herumstehe, starrt mein Schlagzeuger-Freund mit offenem Mund und leuchtenden Augen eine Stunde lang all die Instrumente an, welche er hier für Westgeld kaufen könnte.

Nach langer Diskussion überzeuge ich ihn, nun auch mal unsere Begrüßungs-Taler abzuholen. Er findet dies hochgradig peinlich. „Aber wir müssen doch auch noch Bier kaufen“, sage ich mit betont ernster Stimme.

In einer fast leeren Deutschen-Bank-Filiale an der Bismarckstraße lassen wir uns die blauen Ausweise abstempeln und sind nach 5 Minuten 100 D-Mark reicher.

„Okay Scheppi, dann gehen wir jetzt aber auch Alk besorgen, bevor wir die anderen treffen“, meint Otto, den mein letztes Argument wohl doch überzeugt hatte.

Gleich ums Eck liegt eine Kaisers-Kaufhalle, deren Warenangebot mich erstmal umhaut und total überfordert, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Sehr lange bestaune ich das riesige Regal mit den Sektflaschen, in dem nicht – wie bei uns – eine Sorte, sondern 20 verschiedene stehen. „Was ist denn das für eine Verarsche“, schreie ich Otto zu, da ich erst spät realisiere, dass die billigsten Pullen ganz unten in der Auslage versteckt sind. „Sag ich doch, voll die Ossi-Verarsche“, ruft mein Freund, der bereits zwei Flaschen der Marke Faber zu 1.99 DM herausgefingert hat. Wir sind vom Preis begeistert und kaufen letztendlich vier Pullen. Die bunte, kapitalistische Warenwelt lässt uns vergessen, dass wir eigentlich ausgemachte Biertrinker sind.

Zurück am Bahnhof Zoo entdecke ich in dem Auflauf von nunmehr sicherlich 100.000 Menschen mein Bruderherz Benny in der Ferne. Er hört mein Brüllen nicht, da er neue schwarze Kopfhörer auf den Ohren trägt. Ich ahne, dass er keine 5 Minuten gebraucht hat, um am Kudamm sein komplettes Begrüßungsgeld in einen Walkman von Sony zu transferieren.

Mittlerweile hört man überall Einheimische schimpfen, dass die Bahnen, Banken und Geschäfte alle von den Scheiß-Ostlern verstopft werden. Die Stimmung kippt nach nicht einmal einem Tag. Nur die Sachsen singen: „Blühe, deutsches Vaterland“.

Der Mauergewinner

Als wir am weltberühmten Wasserklops – in der Realität ist es lediglich ein hässliches Wasserspiel aus roten Granitblöcken – einen freien Platz suchen, hören wir plötzlich unsere Namen rufen. Matze und Koschi haben sich an der Treppe, welche den Brunnen umgibt, niedergelassen. Vor ihnen stehen mindestens 20 Dosenbier in einem Pappkarton. Koschi kreischt: „Pornos, Nutten, Dosenbier – Helmut Kohl wir danken dir!“. Ich muss zum ersten Mal am heutigen Tag lauthals lachen.

Dann umarme ich die beiden, denn es ist ein verdammt bizarres, unwirkliches Gefühl, jemanden, den man kennt, im „Westen“ zu treffen.

Hinter mir ruft Otto: „Jetzt lasst mal die Schmusereien“, und drückt mir eine der Sektpullen in die Hand. Wir lassen die Korken knallen und spritzen uns dann gegenseitig voll, bevor wir den Flaschenhals zum Mund führen – und die Flüssigkeit sofort wieder ausspucken. „Pfui, was ist das denn für ein Zeug?“ Der Sekt ist warm und unglaublich süß, als bestünde er nur aus stark gezuckertem Sprudelwasser.

„Voll die Touri-Falle, oder? Nehmt euch mal lieber ein lecker Karlsquell“, sagt Matze und wirft mir eine Dose zu, die ich mit einer Hand fange. „Das heißt seit heute Ossi-Falle“, korrigiert ihn Otto und Koschi ergänzt: „Ist mir in der Peep-Show auch schon aufgefallen. Lasst uns mal lieber nach Kreuzberg fahren. Da soll im Kino auch ‚Blaue Strapse‘ laufen. Und außerdem ist es dort, wie man hört, nicht ganz so touristisch.“

‚Richtig‘, denke ich ‚in der Gegend um den Kudamm sollte Tag 1 nach dem Mauerfall wirklich nicht enden.‘

Mehr Mauergeschichten von mir: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Kubanische Apfelsinen – aus dem Buch “Leninplatz”

29. Oktober 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben

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Am 14. November 1986 türmen sich morgens 15 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Schule liefern wir uns eine heroische Schneeballschlacht mit den Spastis aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal der Kammer herunter und auch die verrosteten Gleiter finden wir irgendwann. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichshain.

Ich trage meinen beige-gelben Anorak, die grün-blaue Bommelmütze, welche Opa mir aus Sarajewo mitgebracht hat, schwarz-rot gestreifte Hosen und braune Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich ein Farbtupfer, der sich holprig die schneebedeckten, weißen Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene.

Der richtige Winter kehrt pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag auf. Er ist schon leicht hinüber und hat – wie immer – in allerletzter Sekunde die wahrscheinlich hässlichste Kiefer Berlins ergattert. Eine Kiste Bier, mit ausschließlich braunen Flaschen, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.
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Während der Alte im Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaumständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Boonekamp” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne, während wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die weinroten Kugeln können keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Mutters Zeug von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Wänden.
Bennys, mit seinen Wurstfingern, selbst gefertigte Scherenschnitte (es sollen wohl Friedenstauben sein) dürfen nur im Kinderzimmerfenster aufgehängt werden.
Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24.12. ein Pulle Schnaps in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom in Eierlikör schwimmenden Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche – aus purem Zynismus – mittlerweile einen gewissen Kultcharakter haben. Alle singen mit!
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Bescherung erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm – endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf.
Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, weil sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!

Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit einem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während sich Vater beim Frühshoppen im Scheppert-Eck einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachtsreigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“
Ömchen lächelt schulterzuckend, während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine polnische Mastgans, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer. Vater schenkt mir Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Benny schaut zu mir auf und zieht einen Flunsch. Er kann dann später „ausnahmsweise“ mal am Eierlikörglas nippen.
Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Bruder bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sich sofort das gute Fleisch hinein und glotzt dann ganz bedrückt, als nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen. Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig.

Klaus Essen
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Nachbarn Voss als verkleideten Geschenkeüberreicher mit Bettbezug-Sack. Benny nuschelt eilig ein sinnloses Gedicht herunter, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es nach „viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken und Nickis aus der Jugendmode, Autobahnrennteile (gewünscht), eine Schlager-Süßtafel sowie grünlich-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt noch einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen neuen schwarzen Aktenkoffer mit Zahlenschloss.
Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: Die Matchbox-Autos, die MAOAM-Stange, die zwei 90iger BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle Präsente zusammen genommen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er am 27.12. im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann. Am Abend danach wird er dann frustriert – und mit aller Gewalt – zwei Puzzleteile, die überhaupt nicht passen können, ineinander drücken, weil er seine Westwaren bereits alle aufgefuttert hat.
Intershop DDR
Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma Halle Tabac Original. Von mir gibt es Rasierwasser von Privileg, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo er mit krakeliger Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt hat.
Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er eine Kaffeeuntertasse an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch!
Mutti bekommt vom Vati Tosca und von mir eine Flasche Badusan und eine Packung Halloren-Kugeln. Auch Oma geht nicht leer aus: Sie ergattert das Parfüm Schwarzer Samt, eine Lux-Seife und ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny überreicht ein selbstgebasteltes Notizbrett mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“.
Gegen 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.

Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, weshalb wir sie im Kinderzimmer so lange mit Pupsen quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Kirsche) kommt ins Kinderzimmer geeilt und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße den Auftritt in vollen Zügen, zumal sie es ja immer ist, die nach drei, vier Gläsern Sekt schweinische Witze erzählt.

Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit einem seligen Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten Napoleon) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne heute „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Die mixt sich ja selbst die dritte Ampel aus Pfeffi, Apricot und Kirsch.
Fehlt eigentlich nur noch Onkel Wolfgang in der illustren Runde, dann würden sie bis tief in die Nacht zusammenhocken. Eigentlich schade, dass er fehlt, denn ihn, seine Frau Diana und vor allem ihre Tochter Anne kann ich sehr gut leiden. Vielleicht sehe ich sie ja nie wieder, denn meine Cousine hatte mir letzten Sommer ins Ohr geflüstert, dass ihre Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben.
Wenigstens kommt die bucklige Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurden vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 21 Uhr machen unsere Gäste endlich die Fliege. Beim Abschied lässt Tante Jana sehr lange ihre mächtigen Euter auf meiner Brust ruhen. Sie hat sich nun auch blau getrunken.

Eine Stunde später beschließe ich, doch noch nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich zum Glück nicht einseifen, und am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte auch niemand herum.
Genosse Lenin hat einen langen eisigen Bart und Schnee auf dem Kopf. Er sieht ein bisschen aus wie der Weihnachtsmann. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist.
Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball- und Granatweitwurf eher eine Niete bin).
Tessi und Bergi hatten es bis aufs Dach geschafft. Ich soll als Schiri entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Doch bei einsetzendem Schneefall kann ich das nicht einschätzen – habe aber eine Idee: In Windeseile fahre ich in unsere Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Apfelsinen. Die kann man wenigstens im leichten Schneetreiben erkennen.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“
Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl, der immer den Bewohner des Monats im Seniorenheim kürt, tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen.
„Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns wie immer alle an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, rufe ich. „Ja, ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Längst kullern Bommel Tränen über die roten Wangen und er wiehert wie ein Zebra im Tierpark.

Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, da er vermutet, der Werfer gewesen zu sein. Er brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und verpasst ihm zwei Backpfeifen. Wir sehen, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet, aber gar keine Kopfwunde hat. Die Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt, denn die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter von ihm entfernt im Schnee. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn aufs Gesicht gefallen sein. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an.
Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Das muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“ Danach rappelt er sich hoch und kotzt in eine Speckitonne.
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit dieser Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der jetzt völlig weich in der Birne?
Doch alle wollen gar nicht weiter darüber nachdenken. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Familien-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Rechtswidrig – aus dem Buch “Leninplatz”

19. September 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben


Am 21.05.1988 lungern wir seit Ewigkeiten mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem maigrünen Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Beide tragen Skateboards unter dem Arm, echte, aus dem Westen wohlgemerkt.

Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Modell gebastelt, das aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuhrädern besteht. Richtig scheiße sieht das Stullenbrett aus, obwohl er es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber verschönert hatte. Man kann damit zwar eine asphaltierte Straße herunterrollen, aber weder bremsen noch lenken.

Tessi erhebt sich übertrieben kuhl und schlendert den Jungs entgegen. Wir trotten, um Unauffälligkeit bemüht, hinterher und sehen, wie er ihnen eine seiner Pseudo-Camel-Zigaretten anbietet und gleichzeitig flüstert: „Habt ihr die Aufgaben?“ „Was für’n Ding?“, antwortet der Größere. „Na für die Abschlussprüfung in Mathe“, kreischt Bommel aufgeregt aus dem Hintergrund. „Soll es die heute hier geben?“, antwortet der Typ plötzlich mit deutlichem Interesse. „Ja, oder am Alex, wurde uns gefunkt“, klärt Tessi sie auf. „Ist doch rechtswidrig!“, murmelt der Heavy-Typ mit ernster Miene, bis er lauthals und mit tiefer Stimme zu lachen beginnt. „Wenn ihr sie habt, sagt Bescheid. Die koofen wir euch ab!“
Letztendlich stellt sich heraus, dass David und Ottmar aus der Lenin-Oberschule sind, in die 10. Klasse gehen und – wie wir – in knapp drei Wochen die schriftlichen Prüfungen vor sich haben. Sie scheinen okay zu sein und diesen Ottmar werde ich, wenn ich kurz vor Schluss nicht noch völlig verkacke, in der EOS Friedrich Engels sogar als Mitschüler wiedersehen.
Wir paffen noch eine Cabi zusammen, bevor wir uns verabschieden. Die Lenin-Jungs nehmen den polierten Granitsockel unterhalb des Denkmals in Beschlag und stellen sich gar nicht mal so doof an – sogar einen Sprung steht David beim ersten Versuch. Wir hingegen stapfen durch Neubauschluchten in Richtung Alexanderplatz.


Die Sache ist nämlich so, dass Tessi und Andi in Mathe zwischen 4 und 5 stehen und sich eine 5 in der Abschlussprüfung nicht leisten können; obwohl sie die Mündliche noch retten könnte, was aber unwahrscheinlich ist. Meine eigene Vornote ist eine glatte 3, weshalb ich eigentlich recht entspannt sein könnte. Bommel, Torte und Bergi stehen auf der Kippe zwischen 3 und 4. Doch anstatt eine sozialistische Lerngruppe zu gründen, am besten mit Mathe-Olympionike Dirk, grübeln wir seit Wochen im Alfclub, ob es vielleicht eine einfachere Lösung gibt.

Zunächst hieß es, Andis Bruder Billy würde einen kennen, der einen kennt, der in der ND-Druckerei arbeitet. Wir hatten das Gebäude am Franz-Mehring-Platz sogar schon ausgekundschaftet, da ein nächtlicher Einbruch durchaus im Rahmen des Denkbaren lag. Doch dann erfuhr ich über meinen Onkel Paul, dass die Zentrag den Druckauftrag für die Abschlussprüfungsfragen immer ganz kurzfristig vergibt, manchmal sogar nach Leipzig oder Magdeburg.

Nach dieser Information nahmen wir eine neue Fährte auf. Grossi, der die Käte im Vorjahr verließ, hatte Bergi nach deren Abschlussparty der 10. Klasse gesteckt, dass die Prüfungsaufgaben immer Wochen vorher an verschiedenen Orten der Republik unter der Hand verkauft werden. Wir müssten nur die Ohren spitzen. Sie selbst hätten sie für 300 Mark am Lenin- und einige andere am Alexanderplatz erstanden. Alle Pfeifen, sogar der Kossart, hatten so bestanden.

Leider gehört der Alex nicht gerade zu den kleinsten Plätzen unserer Stadt. Obwohl das riesige Betonareal oft als zentraler, gut überschaubarer Kundgebungsort genutzt wird, gibt es dort hunderte Ecken für geheime Übergaben wichtiger Dokumente. Am sinnvollsten erscheint es uns, zunächst an der Weltzeituhr zu schnüffeln.
Die runde, gut zehn Meter hohe Uhr, auf der die Namen von 148 Städten verzeichnet sind – von denen wir wahrscheinlich 143 nie im Leben zu Gesicht bekommen –, gilt als Touristenattraktion. Dort muss man sich immer mit Urlaubs- oder Ferienlagerbekanntschaften aus der DDR verabreden, weil die Idioten sich sonst in Berlin verlaufen. „Wir treffen uns am Alex um 20 Uhr an der Weltzeituhr“, scheinen leider auch heute hunderte Dörfler vorher ausgemacht zu haben.


„Das wird hart“, murmelt Tessi. Wir teilen uns in zwei Gruppen und versuchen am Gesichtsausdruck der Bürger festzustellen, ob sie etwas verbergen oder heimlich zu verkloppen haben. Ein bisschen kommen wir uns dabei wie „Mielkes Nachwuchstruppe“ vor und die meisten, die wir diskret von der Seite anquatschen, geben uns das auch in etwa zu verstehen.
Irgendwann hat Bommel die Schnauze voll und fragt einen Typen mit Oberlippenbart und Marmorjeans gerade heraus: „Verkaufst du vielleicht die Matheaufgaben?“ „Nuklear! Dreihunnerd Morg“ (Na klar! 300 Mark), nuschelt er im tiefsten Sächsisch. Eiligst pfeifen wir alle zusammen und verschwinden mit ihm in eine dunkle Ecke des S-Bahnhofs. Tessi zieht sechs Rotfedern (Fünfziger) aus der Tasche und nur mir ist es zu verdanken, dass er nicht den Fehler seines Lebens begeht.
„Das hatten wir doch gar nicht“, murmele ich beim Überfliegen der auf Maschine getippten Fragen. Doch Sachsen-Jens gibt mir zu verstehen, dass dies sehr wohl die Mathe-Abschlussprüfungs-Fragen 1988 sind – für die 12. Klasse! „Scheiße, weißt du, ob hier auch einer die für die 10te verkauft?“, zische ich. „Nuklear, dä Wännsdor am Delesporgel oder anne Nuddenbrosche“. Man braucht für den Typen echt einen Übersetzer – er meint wohl irgendwelche Kinder am Fernsehturm, den ein Berliner niemals „Telespargel“ nennt! Auch der Brunnen der Völkerfreundschaft wird nur von geifernden älteren Herren als „Nuttenbrosche“ bezeichnet. Fehlt nur noch „Erichs Lampenladen“, wie der Palast der Republik von Dorfis oftmals genannt wird.

Unterhalb der pfeilförmig verlaufenden Betonfaltdächer des Eingangspavillons des höchsten Turms der Stadt tummeln sich etliche Skater und noch mehr angesoffene Punks. Bei den Jungs mit den bunten Frisuren fällt es uns dennoch leichter, nach den Prüfungsaufgaben zu fragen. Doch niemand hat etwas davon gehört und nicht wenige wundern sich, warum wir uns überhaupt „so ‘ne Platte“ machen. Ein Typ mit knallgelbem Irokesenschnitt wechselt sogar die Kassette und spult bis zum Song „Hurra, hurra die Schule brennt“ vor. Schon klar: Für ihn spielt ein Mathe-Abschluss der 10. Klasse eine eher untergeordnete Rolle.

Auch am Brunnen gibt es keine Verkäufer. Dafür stolzieren hier etliche aufgetakelte Plattenbaunutten in ultrakurzen Miniröcken und Weststrumpfhosen herum, für die wir nur Ostberliner Luft sind.
Noch eine Woche lungern wir stundenlang am Alex herum, bevor wir es endgültig aufgeben und eine völlig neue Strategie austüfteln.

Als Herr Blase am 15. Juni die Prüfungsfragen und die Bögen, auf die wir unsere Namen und Antworten schreiben sollen, auf die Tische wirft, sind wir bestens vorbereitet. Die karierten, doppelseitigen Blätter sind oben rechts, damit niemand bescheißen kann, mit dem Schulstempel versehen – und das ist auch gut so.

Grossi hatte uns im Vorfeld exakt diese Bögen besorgt und über Dirk waren wir an den Stempel gelangt. Keine Ahnung, was Bergi ihm angedroht hat; mit Sicherheit haben sie nicht darüber diskutiert, ob dies rechtswidrig sei. Jedenfalls entwendete er ihn inklusive Kissen aus dem Lehrerzimmer (wir mussten Dirk schicken, weil man uns dort niemals aus den Augen gelassen hätte) und legte ihn nach einer halben Stunde unauffällig wieder zurück an seinen Platz. Die im Akkord gestempelten Blätter waren für mich schon die halbe Miete, denn so konnte ich Formeln, Definitionen und Rechenwege auf die fälschungssicheren Papiere kritzeln und diese heute – nach zwanzig Minuten – einfach auf die Schulbank legen. Es ist ein Luxus-Spickzettel, da wir ja während der Prüfungsvorbereitungen erklärt bekommen hatten, was alles abgefragt wird. Lediglich Andi und Tessi verfolgen eine andere Taktik.

Eigentlich müsste Blase sich wundern, weshalb ausgerechnet seine Spezis, ab der ersten Sekunde der Prüfung, wie die Bekloppten losschreiben und nicht einmal den Taschenrechner benutzen. Doch unser Lehrer steht gelangweilt vorne herum, schaut aus dem Fenster und ärgert sich wahrscheinlich, dass er Aufsicht hat.
15 Minuten später hebt Tessi seinen schwabbeligen Arm: „Herr Blase, ich muss mal aufs Klo.“ „Warum warst du denn vorher nicht? In Ordnung, zisch ab und beeil dich.“, antwortet er ungewohnt verständnisvoll. Tessi ist tatschlich nach drei Minuten zurück und sofort ruft Andi: „Ich muss auch mal schnell für kleine Mädchen.“ Mit einer müden Handbewegung schickt er ihn zur Tür.

Was er nicht weiß: Die beiden haben soeben lediglich die Fragen abgeschrieben – Tessi die ersten sechs und Andi die letzten fünf. In der mittleren Kabine des Klos sitzt Kosbi. Den feinen Kerl aus dem Jahr über uns hatten Bergi und ich ebenso im Chorlager kennengelernt. Doch im Gegensatz zum Startenor Grossi ist er ein wahres Mathe-Ass, der auch im ersten Jahr auf der EOS eine glatte 1,0 hingelegt hat.
Ohne übertriebene Hektik verlässt er mit den Prüfungsfragen das Gebäude und beantwortet sie dann in Rekordzeit bei sich zu Hause, bevor er wieder in das Kabuff am Ende des Ganges zurückkehrt.

Bergi und Bommel wurden dazu auserkoren, die vollständigen Antworten wieder abzuholen. Ich hätte es auch getan, doch mich hat der Blase zu sehr auf dem Kieker. Die Bögen müssen ja wieder unauffällig bei Tessi und Andi auf den Bänken landen.
Es gelingt gerade so, da sich unser Freund ziemlich ungeschickt anstellt.
Wenig später ertönt seine berühmte kindliche Lache.

„Ist was, Uwe?“, fragt der Lehrer. „Nee, alles gut Herr Blase. Habe gerade die Lösung gefunden!“ Alle schmunzeln und Didi ruft: „Na dann erzähl doch mal!“ Blase ermahnt ihn, das Reden augenblicklich einzustellen.
Zwei Jungs schauen währenddessen nicht einmal auf, denn sie übertragen gehetzt Kosbis Lösungen auf ihre Blätter. Dann quäkt Herr Blase: „Stifte sofort auf den Tisch legen, wer jetzt noch schreibt, bekommt eine Fünf. Und nun einzeln nach vorne kommen und die Bögen in diese Kiste werfen.“ Er freut sich darauf, endlich in seinem Lehrerkabinett eine zu paffen. Wir uns auch – draußen an der frischen Luft mit den Jungs aus der A, die den ganzen Stress gar nicht hatten, weil sie von Vornherein wussten, dass der alte Herr Kopftisch bei ihnen Aufsicht hat.

Die Prüfungen werden – so hören wir zumindest – von Lehrern aus anderen Schulen benotet. In einigen Tagen wird Herr Blase somit erfahren, dass die größten Luschen, Versager und Verweigerer der 10 B die schriftlichen Mathematikprüfungen mit einer hervorragenden Note abgeschlossen haben.
Wird er versuchen, uns zu unterstellen oder gar zu beweisen, dass wir beschissen haben? Wird er uns in den Mündlichen ordentlich vorführen? Ich denke nicht.


Er wird rasch einsehen, dass die Bewertungen nunmehr rechtskräftig sind und die guten Zensuren im Kolloquium als Erfolg eines begabten Pädagogen verkaufen; als einer, bei dem sogar die größten Rüpel und Rowdies bestehen. Und den guten Ruf will er sich bei den mündlichen Prüfungen sicher nicht versauen lassen. Dort wird er wohl eher die Streber vorladen.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90
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Neue Rezi zum “Leninplatz” im Friedrichshain Blog

5. September 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz

Ein neuer Roman von Mark Scheppert und wieder wird die Leseschaft in die 80er Jahre der DDR geführt. Zwischen Hormonen, Pupertätsgebaren, Staatsraison und politischer Kritik.

“…die Geschichten der DDR Jugenderfahrungen erfassen viele Sphären des Lebens, nicht zuletzt auch die Schule, und die Geschichte auch reist mit seinem Autor über die Hauptjahre der beginnenden Adoleszenz. Die Erzählungen wirken authentisch und sind, wie gewohnt, sehr offenherzig. Die Schule, die Gehorsamen, gehorsamsfordernden Lehrer und der sozialistisch-pathetische Alltag bestimmen weite Teile des Buchs.

Wortscherze über die DDR-Propaganda mit ihren eigentümlichen Ausdrücken begleiten das Buch und selbstverständlich bekommen die Lehrenden ihr Fett weg.

Die Auseinandersetzung mit der Linientreue, gepaart mit den Teenagerliebeleien und dem Gehabe unter Jungs, die sich dem Zurechtfinden in der Welt der Erwachsenen vor realexistiernder Kulisse widmen.

Das Buch lohnt nicht nur für diejenigen, die in dieser Zeit in Ostberlin oder generell in der DDR groß geworden sind, sondern für alle, die sich für die damalige Zeit interessieren. Ein Stück dichte Beschreibung eines untergegangen Staates.

Vielleicht ist auch für jene interessant, die im Land des Klassenfeinds groß geworden sind und sich fragen, wie die Pubertät wohl hinter dem antifaschischtischen Schutzwall verlief…”

Zur vollständige Rezi gehts hier: https://friedrichshainblog.de/literatur-mark-scheppert-leninplatz/

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Ungarische Würste – aus dem Buch “Leninplatz”

1. August 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben

Hungarn wirAm 1. August 1986 gehen wir anlässlich meines 15. Geburtstags zum Essen in den Palast der Republik. Während sich Benny nach stundenlangem Studium der Karte wie üblich fürs „Steak-au-four“ mit Pommes Frites entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Mein Alter ruft: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“ Was für eine Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur anstarren, sondern auch kaufen. Levi‘s-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravos, Sticker und Glitzersteine – einfach alles, was das Herz begehrt.
„Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, erst in drei Ländern gewesen zu sein: DDR, ČSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter auf der Schneekoppe über die Grenze geflitzt waren. „Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest.“ Der Satz trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel mit Szegediner Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz! „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. Mein Bruderherz ruft: „Krieg ich noch einen Pittiplatsch-Eisbecher? Köszönom!“ Alle lachen.

Ich bin euphorisch, auch weil Vater über seine Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt hat, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 440 Mark pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld mal sinnvoll verbraten. Obwohl auch Mutter durch diese Papiere der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch unsere Mutter ist ja eher rundlich. Als sich dann noch wir beiden Jungs hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicherlich doppelt so viel wie bei Auslieferung in der Rummelsburger Straße.
Mein Vater erzählt auf dem Weg in Richtung Adlergestell mal wieder die Geschichte der Anmeldung im Jahre 1972: „Ihren Trabi können sie am 10. Juli 1984 abholen“ und er: „Vormittags oder nachmittags?“ „Warum wollen sie das denn wissen?“ „Na am Vormittag wird doch schon unser Waschmaschine geliefert!“ Niemand lacht.

An der Grenze zur ČSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Ständen, an denen Hotdogs, die bei uns Ketwürste heißen, in champagnerbeigen Senf gebettet werden.
Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich nicht daheim ist. Wie peinlich: Eine Stunde lang sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Speckstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir ihn besuchen, und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.

Vater
Am nächsten Tag geht es mit verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei sengender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt Vater aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Alter lehnt mit den Händen in den Hüften an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden.
Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass Ede und Michel aus Sachsen jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Ofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt. Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu Land Nummer 4 ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich plötzlich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir ein Leben lang bewahren möchte. Eine Sehnsucht geht in Erfüllung.

Endlich angekommen, meint sich Mutter nach 20 Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, wobei sie Vater danach von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der wirkt stark unterhopft. Während sich die Alten vorne anschreien, als ob unser Rücksitz weit von ihnen entfernt wäre, pieke ich Benny in den Bauch: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda.“ Wir machen uns darüber lustig, dass die Eltern nicht mal wissen, in welchen Stadtteil wir müssen. Irgendwann hat der Alte die Schnauze voll, hält mitten auf einer Kreuzung und fragt einen Polizisten. Auf dem Rückweg fährt ihm fast ein Skoda über die Füße und er hämmert mit voller Wucht mit der Faust auf das Wagendach. Mir wird mal wieder klar, warum ich noch immer solch einen Respekt vor ihm habe. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist danach – trotz 34 Grad im Schatten – frostig.

Icke Bad Boy
Die Gastwirte haben für uns das Schlafzimmer geräumt, um nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch zu campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbenfrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vati mit dem Opa noch zwei Pálinka-Schnäpse, während mir die ältere Dame mit der Hand durch die Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15-jährige Jugendliche können das besonders gut leiden.
Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 gestorben sei und ich ihm wohl ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund, mich so zu betätscheln. Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt, auch wenn er kein so schönes Kind ist – was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir eine Backpfeife: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher.“ Der juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mir verschwörerisch zu.

Wir wohnen nicht weit von der Donau entfernt. Doch für den riesigen Fluss habe ich keinen Sinn, weil mich ausschließlich die quietschbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben dem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein schäumendes Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer berühmten Kettenbrücke, wobei Mutti in den nächsten Tagen alles als „weltberühmt“ betitelt, entdecken wir einen Imbissstand. Vater spendiert zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar “, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir, trotz des Russischunterrichts, nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen schön!
Außerdem kostet die Cola nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschleift werden. Vaters Gastgeschenk (Nordhäuser Doppelkorn) ist nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Dann machen wir noch einen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häusern, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich die Moderatoren mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!

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Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, gibt es zum Frühstück nur löchrige Marmeladen-Graubrote, und danach will Mutter auf Sehenswürdigkeitstour gehen. Doch wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis zum Mittag frei. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die anschmiegsame Gastwirtin versichert mir, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.
Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat begrenzt ist, muss ich in den Shops die DDR-Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck sogar ein ganz gutes Alibi. Eine Levi‘s, ein Nike-Pullover, Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“ und „Kim Wilde“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, noch ein „Honda-Nicki“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchen! In einem Plattenladen hole ich mir die „Black Celebration“ von Depeche Mode. Obwohl ich alle Songs davon auf Kassette habe, kann ich zu Hause damit extrem angeben.

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Vati nippt genüsslich am Bier und Mutti schlägt sich die Hände vor den Mund, als sie uns kommen sieht. „Graf Koks hat ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie mir zu, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten stehen. Ich habe Spendierhosen an, gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Würschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. „Nee, Genosse, 80!“ Ich lass mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte eine ja lediglich 20 gekostet. Doch er beharrt darauf, bis ich Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein.
„Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die Worte unserer Stabi-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppeln die hier gleich mal die Preise?“, schimpfe ich. Doch Vater antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen!“ Er trinkt sein überteuertes Bier auf ex aus, rülpst und ruft: „Nastarowje!“ Da kann auch ich wieder lachen.

Im Zimmer breiten wir stolz unsere Einkäufe aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Abends laden uns die Eltern in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Am Einlass werden wir gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Wie unkuhl.

Ungarn
Tags darauf scheinen wir wirklich Betteltouristen zu sein, die trotz toller Metro alles ablaufen müssen und das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg, wegen der „Aussicht“, bis wir das „berühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Route zu überlassen war keine gute Idee. Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an. Darauf haben wir echt keine Böcke. Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die im Fluss befindliche Margareteninsel erreichen. Wir lechzen nach einem Eis und wollen vor allem endlich baden.
Auch das Palatinus-Bad kennt Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor 20 Jahren dort gewesen war. Unaufhörlich schwärmt sie von riesigen Schwimmbecken, großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden von Menschen. Hier sind es eher Mütter mit kreischenden Gören. „Alle Männer sind ja beim Formel-1-Rennen“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich nullstens für Autos interessiert.

Das Bad ist nichts im Vergleich zum modernen SEZ in Friedrichshain. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind extrem popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!

„Benny, gleich kommt die nächste.“ „Mark, ist das nicht schau?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest.
Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie wegzustoßen, und treffe versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt sie auch noch zu weinen. Das wird Vater, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist, überhaupt nicht gefallen. Mehrmals entschuldige ich mich und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Plötzlich beginnt meine Mutter mit tränennassen Augen zu erzählen, dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hatte. In diesem Wellenbad küssten sie sich das erste Mal. Ich staune mit offenem Mund darüber, wie wenig Söhne eigentlich über ihre Mütter wissen. Allerdings überlege ich auch, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Rein klamottentechnisch!
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham in die Arme und flüstere ganz leise: „Ich hab dich lieb.“
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Auf der Suche nach dem Grottenolm – Gibt es ihn wirklich?

28. Juli 2019 | von | Kategorie: Blog

GO22Im Sommer 2014 musste ich zum Babysitten ins Haus meines Bruders, da er zu seinem 40igsten mit meiner Schwägerin Sandra nach London geflogen war.

Obwohl man mir oftmals jegliche Kreativität abspricht, wollte ich mit meiner Nichte Laura (13) und meinem Neffen Michel (11) an jenem Wochenende Tonfiguren aus brennbarer Modelliermasse basteln. Um es kurz zu machen: die Bude sah danach aus wie Sau, aber sie stand noch und war nicht vollständig abgefackelt.

Außerdem waren ein paar wirklich bemerkenswerte Dinge, wie ein „Big Ben“ oder das „Magische-Ei“ entstanden, wobei deren Kern – also die Kümmerling-Pulle und ein rohes Ei – mittlerweile sicherlich ungenießbar geworden sind.

Nach getaner Arbeit gönnte sich der Onkel ein Bier und schaute mit den Kindern im TV eine Sendung, in der es um vom Aussterben bedrohten Tiere ging. Ein ziemlich ungewöhnliches Wesen schlossen wir dabei alle sofort in unsere Herzen. Am Abend beim Film „Kindsköpfe“ mit Kevin James und Adam Sandler schlief ich völlig geplättet auf der Couch ein und überlies Nichte und Neffe ihrem Schicksal.

Das Geschenk von den Kids zu meinem Geburtstag im darauffolgenden Jahr war ein sich schlängelndes, rosa-fleischfarbenes Vieh mit spitzen roten Ohren und blauen Augen aus Muschelhälften. Etwas abweichend vom Original, aber selbst modelliert und herrlich anzusehen. Laura und Michel hatten also Spaß am Töpfern gefunden und wollten mich mit dem Präsent daran erinnern, dass ich ihnen während der Sendung vor einem Jahr versprochen hatte, in den Ferien auf die Suche nach dem Schwanzlurch aus der Urzeit zu gehen. Auf die Suche nach dem Grottenolm!

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Mitte August 2015 war es dann soweit: wir fuhren mit Benny und Sandra in den Harz. In der Hermannshöhle bei Rübeland sollte es die einzigen und letzten 13 Grottenolme in Deutschland geben. Hieß es bei Wikipedia. Wie große Entdecker fühlten wir uns nicht, als uns eine etwa 50jährige Emma zusammen mit 20 weiteren Menschen am Eingang der Schauhöhle empfing. Sie hatte den Charme eines Berliner Busfahrers und brüllte ständig in militärischem Ton: „Nicht anfassen“, „Kein Blitzlicht!“, „Keine Taschenlampe!“, „Nicht zurückbleiben!“

Mit gezückten Handy-Taschenlampen, weit hinter der Gruppe zurück, blieben wir natürlich am sogenannten Olmensee hängen. Doch nirgends konnten wir eines der lichtscheuen Wesen entdecken. „Weiterlaufen und die Lampen aus!“, rief Emma aus den Tiefen der Tropfsteinhöhle. Dann kam sie zurück: „Die Grottenolme sind heute nicht da. Pech gehabt. Aber die gibt es ja auch woanders!“

„Und wo ist woanders?“, fragte ich. „Na dort, von wo wir die Viecher ursprünglich herhaben!“ „Und wo ist das?“, maulte Michel. Die Führerin schien mittlerweile völlig genervt von uns zu sein: „Mann, in Slowenien!“, fauchte sie, als würde sie eine Gruppe geistig Behinderter begleiten. „Und jetzt weiter!“  

Das Wochenende war lustig, doch ich merkte schnell: wir hatten ein Problem.

Auf Schloss Wernigerode wurde die Grottenolm-Religion „Trompf“, mit den Präsidenten Kevin James und Adam Sandler, gegründet und an der Rappbode-Talsperre erstmals der geheime Grottenolm-Gruß zelebriert.

Mein Bruder war danach so neben der Spur, dass er den Parkschein (ungelöst) in den Müll zu tausenden anderen warf und „Ach du Olm-Scheiße!“ murmelte. Dafür flirtete ich mit ihm später die hübsche Kellnerin in Elbingerode an, bis ihr riesiger Freund mit einem American Football Trikot aus der Küche kam. Die Kids amüsierten sich köstlich und tauften ihn „Mücken-Olm“. Auf dem Weg zum Hexentanzplatz, auf den die „Trompfs“ nur mit lilafarbenen Gondeln fahren durften, zeigte eine Frau im Wald ihren nackten Hintern (der „Torpedo-Olm“) und ein kleiner Junge flog wenig später aus der Sommerrodelbahn. Ein „Flug-Olm“ – na logisch, und so weiter. Als wir auf der Heimreise nochmals an der Hermannshöhle vorbeifuhren, schrien alle im Chor: Grottenolm! Grottenolm! Grottenolm!

Seit jenem Jahr fuhr ich einmal im Jahr mit den Kindern und Sylvie über ein Sommer-Wochenende an einen schönen Ort in Deutschland. Doch trotz aller Abenteuer wusste ich stets: die eine Geschichte ist noch nicht ausgestanden.

Anlässlich des 18. Geburtstags meiner Nichte sollte die Reise dann woanders hingehen …

Sie ahnten nicht wohin wir fuhren. Laura riet: „nach Polen mit dem Zug zum Kippen kaufen“ und selbst vor der riesigen Anzeigetafel in Schönefeld tippten sie auf alle anderen Flugziele. Michel meinte irgendwann: „Wir fliegen doch nicht nach Libulina?“ Auch im Flugzeugsitz konnte er Ljubljana noch nicht richtig aussprechen und dem Land Slowenien zuordnen.

Doch wir hatten Zeit, denn 10.30 Uhr (zum geplanten Abflug) kam der Kapitän aus dem Cockpit und machte eine Durchsage: „Leider können wir nicht starten, weil Copilot fehlt. Aber ich habe gerade mit einem Ersatz telefoniert. Raik ist der Beste und wird spätestens in 50 Minuten hier sein“. Zwei Stunden später hoben wir ab.

Jubel kam auf, als wir die Hauptstadt erreichten, doch wir wollten mit dem Mietwagen weiter an die schmale Küste Sloweniens. Auf der Höhe von Postojna begann es plötzlich wolkenbruchartig zu hageln. Sämtliche Autos fuhren auf den Standstreifen. Auch Sylvie wollte sich die Windschutzscheibe nicht von den Götterboten der Grottenolme zertrümmern lassen – bei Postojna befand sich nämlich ihre Grotte, die wir in zwei Tagen besuchen wollten.

In Piran am Adriatischen Meer klarte es auf und nach einer chaotischen Parkplatz-Suche fanden wir schließlich unser höhlenartiges Apartment in einer schmalen Gasse der historischen Altstadt. Es war ein zauberhafter Ort, mit tausend Häusern im venezianischen Stil, einer Strandpromenade und einem kleinen Hafen, gesäumt von schönen Restaurants und Bars – solange es hell war!

Am Abend verdunkelte sich der Himmel so sehr, dass die grellen Blitze über dem Meer das einzige zu sein schienen, was überhaupt noch leuchtete. Dann öffnete sich der Himmel und Sturzfluten brachen über uns hernieder.

Mein Gerücht, dass die Olme für das Wetter verantwortlich waren, hatte mittlerweile die Runde gemacht. Alle glaubten den Mist – aber zumindest hatten wir schon 4,9-Sterne-Muscheln gegessen und noch eisernes Union-Bier (eine Marke von dort) auf der Bude.  

 

Auch für den Sonntag war schlechtes Wetter angesagt. Also fuhren ziellos durch die Gegend, befanden einen Salinen-Park mit Flamingos als zu teuer, Kroatien als zu nervig (da es Stau vor der Grenze gab) und Venedig war dann doch zu weit weg. Bei einsetzendem Regen entschieden wir, schon heute zu den Grottenolmen zu fahren.

Das Höhlensystem von Postojna beherbergt nicht nur die zweitgrößte begehbare Tropfsteinhöhle der Welt. Es ist auch die größte Touristenattraktion Sloweniens.

Vor allem ist sie das an einem regnerischen Sonntag im Hochsommer – stellten wir an der 500 Meter langen Schlange vor den Kassen fest. Die Menschen hatten Schirme oder trugen Regencapes, während wir schon nach 10 Minuten klitschnass und total durchgefroren waren. Es war nun schon 15 Uhr, die letzte Führung startete um 17 Uhr und in der Höhle sollte es 9 Grad kalt sein. 

Ich gab den Kids je einen Zehner damit sie sich Cola und Eis holen konnten. Nach zehn Minuten – die Schlange hatte sich zehn Zentimeter bewegt – kamen sie mit zwei 30 Zentimeter langen, schneeweißen Grottenolm-Plüsch-Lurchen wieder. Und Laura im Müllsack.

In der nächsten halben Stunde rutschten nacheinander drei Kinder auf dem glitschigen Asphalt beim Herumtollen aus und fielen spektakulär auf den Hinterkopf. Laura bekam jedes Mal einen Lachanfall und Michel rief: „Gleich schreit es!“ Nur Sekunden später hörten wir lautes Gequäke, was sich anhörte wie „Oooolllmm“ 

Irgendwann sagte Sylvie: „Hey, die Olme gibt’s ja auch woanders“ „Wo denn?“, fragte Laura. „In der verfickten Hermannshöhle“. Keiner lachte, aber wir gaben auf.

Am nächsten Morgen verließen wir um 9.30 Uhr das bezaubernde Piran und standen 10.30 Uhr an der Schlange für die Onlinetickets, die wir gestern gebucht hatten. Sie war länger als die „normale Kasse“, denn dort stand heute kein einziger Mensch!

Bei strahlendem Sonnenschein sahen wir überall Grottenolme: auf den Gehwegen als Richtungspfeile, auf Gardinen im Restaurant, als Eis-Sorte im Café, aber vor allem auf T-Shirts, auf Kapuzenpullis, auf Tassen, Tellern, Magneten, Schirmen und Feuerzeugen.

Bis zur Führung hatten wir noch Zeit und so huldigten die „Trompfs“ ihren Lieblingen, indem sie tonnenweise Merchandise kauften, um sie gnädig zu stimmen.

An den Gesichtern der anderen konnte ich erkennen, alle grübelten: ‚Würden wir sie nun endlich sehen? Gab es sie wirklich?‘

Ja, es gab sie. Die Grottenolme, welche wir in der beeindruckenden Höhle sahen – den ersten ganz kurz in einem See, weitere im Aquarium am Ausgang der Grotte und etliche im Vivarium – waren so ungefähr die unspektakulärsten Tiere, die ich jemals gesehen hatte. Es waren weiße, blinde – fast durchsichtige – aalförmige Lurche von 20 cm Länge. Jeder an der Wand klebende Gecko, aber auch jeder Aal ist interessanter. Außerdem verharrten sie mit ihren drei Vorderbein-Fingern und den je zwei Zehen stoisch auf der Stelle, als wären sie eingeschlafen, oder weit über 80 Jahre alt.

Aber (!) die lange Suche nach ihnen hatte mich meiner Familie nähergebracht. Wir sind die harmonische Gemeinschaft der „Tromps“, mit einem wachen Blick für das Ungewöhnliche, das Unscheinbare und das Kleine geworden.

Eine neugierige Gruppe, die unsere fantastische Welt erkundet und sich dabei auch ihre Vergänglichkeit vor Augen führt. Und deshalb wollen wir noch ganz oft woanders hin!   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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28.07.2019, Postojna/Slowenien

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Der “Leninplatz” in der “Berliner Woche”

14. Juli 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz

Mein neuestes Buch “Leninplatz” findet sich nun auch als Buchtipp für den Sommer in der aktuellen “Berliner Woche” wieder.

 

“…anekdotische Erinnerungen an die eigene Jugendzeit in den 1980er-Jahren. Also in der Spätphase der DDR, wobei damals kaum jemand ahnte, dass sich ein Epochenwechsel anbahnte. Der Leninplatz, heute Platz der Vereinten Nationen, war der Wohnort des Autors. Aber auch andere Orte spielen eine Rolle. DDR-typisches von Staatsbürgerkunde bis FDJ bilden einerseits die Kulisse, die auch den Alltag der Pubertierenden bestimmt. Gleichzeitig agieren die nicht viel anders als Gleichaltrige in vielen Teilen der Welt. Es geht um Musik, Partys oder erste erotische Lektionen. Um exzessiven Alkoholkonsum und andere Grenzerfahrungen. Und fast nebenbei wird eine Zustandsbeschreibung nicht zuletzt der Verhältnisse in Friedrichshain vor Beginn der friedlichen Revolution transportiert …” (Thomas Frey, Berliner Woche 13.07.2019).

Hier gehts zum vollständigen Artikel in der Berliner Woche

 

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Lesebühne “Die Unerhörten” am 11.07.2019 in Berlin

5. Juli 2019 | von | Kategorie: Blog, Termine

Liebe Freunde der Unerhörten und alle, die es noch werden wollen. Am 11.07. lesen die “Unerhörten” wieder im Café Tasso in Berlin-Friedrichshain.

Bevor also auch der Rest Berlins sich alienhaft von Einheimischen in Touristen verwandelt, lesen wir für Euch bis dato hiergebliebenen noch mal zur Einstimmung in den anstehenden Urlaub.

Ist ja immer gut, Überraschungen gegenüber gewappnet zu sein. Daher hier schon mal eine Triggerwarnung für alle Reisenden nach nah und fern – es gibt sie: Touristenfallen. Und, damit Ihr gut vorbereitet seid, gibt es von uns Geschichten dazu.
Wann?
11. Juli 2019 um 20 Uhr
Wo?
Café Tasso, Frankfurter Allee 11 (10247 Berlin)
Wir freuen uns auf Euch.

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Und am Freitag in den Garten …

23. Juni 2019 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Die Reise mit meinen Kumpels war eine einzige Katastrophe. Ich kam richtig frustriert zurück nach Berlin und beschloss etwas: Diesmal merkst du dir aber genau, dachte ich mir, warum das so eine beschissene Tour war. Bevor ich noch einmal nach Mittelamerika oder mit denselben Idioten wegfahre. Man muss nicht jeden Fehler zweimal machen.

Vor einigen Tagen bekam ich die Fotos aus diesem Urlaub wieder in die Hände. Darauf ist Folgendes zu sehen: Jenna, Göte und ich liegen lachend und bekifft an einsamen mexikanischen Traumstränden, schnorcheln mit riesigen Riffhaien und Manta-Rochen in der Nähe von tropischen Inseln, paddeln durch geheimnisvolle dunkle Höhlen in Belize und bestaunen mit offenen Mündern die Pyramiden der Maya im Regenwald von Guatemala. Es gibt kein einziges Bild von dieser Reise, auf dem nicht mindestens einer von uns glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, was ich daran nur jemals auszusetzen hatte oder was schief gelaufen ist, ob wir uns gestritten haben. Die Bilder zeigen einen fantastischen, abenteuerlichen und entspannten Abschnitt meines Lebens. Ich habe alle negativen Erlebnisse komplett verdrängt.

Doch es gibt eine Entschuldigung dafür: “I was born in the GDR”, wie ich auch auf dieser Reise immer wieder erklären musste – ich bin in der DDR geboren. Es gibt viele Beschreibungen und Lieder, Bücher und Filme über dieses verschwundene Land hinter der dicken weißen Mauer. Besonders jungen Menschen muss es wohl heute oftmals vorkommen wie ein fantastisches Märchenland, mit niedlichen Pappautos und Legoland-Neubaublöcken, in denen verschrobene, komisch bekleidete Menschen wohnten, die lustigen Bräuchen nachgingen. Eine Fantasiewelt aus dem Spielwaren-Katalog, die sich irgendjemand ausgedacht hat und von der er uns jetzt erzählt. Doch wer hat dies alles erstunken und erlogen? Wer hat die Historie zu seinen Gunsten geschönt?

Ich kenne die Antwort: Wir Ossis haben euch diese Geschichte erzählt und wirklich nicht mit Absicht gelogen – wir haben sämtliche negativen Erinnerungen aus unserem Lebensabschnitt in der Deutschen Demokratischen Republik einfach verdrängt! Nicht erst jetzt, als alles vorbei war, sondern schon vorher, und natürlich in Verbindung mit unglaublich viel Alkohol. Ein ganzes Volk hat bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Es gab ungewöhnlich viele Sorten Alkoholika in den Plastik-Regalen der Kaufhallen. Pfeffi, Goldi, KiWi und Stoni waren liebevolle Kosenamen für hochprozentigen Stoff. Wenn eine Pulle 14,50 kostete, wurde sie „zehn vor drei“ genannt, der etwas bessere Schnaps hieß „zehn vor sechs“ und auch „blauen Würger“ durfte man trinken. Man könnte meinen, die Staatsführung hatte kollektives Verdrängungssaufen angeordnet.

Richtig: Es gab viele Opfer meines Ex-Staates, grausame Geschichten von missglückten Fluchten, menschenverachtenden Stasi-Gefängnissen und Polizeiterror. All das wird mit der Zeit aber immer mehr in Vergessenheit geraten – die DDR wird in Zukunft viel freundlicher und immer bunter! Das muss zwangsläufig so kommen, ist meine These.

Als ich sechs Jahre alt war, bekamen meine Eltern ein Grundstück in der Kleingartenanlage
Panke-Niederungen in Berlin-Karow. Genauer gesagt war es eine winzige Parzelle auf einem riesigen Maisfeld ganz in der Nähe der so genannten Rieselfelder, also dort, wo die Scheiße der Ostberliner entsorgt wurde. Diese 300-m²-Acker hatten weder Strom- noch Wasseranschluss, weder Wege noch Straßen führten dort hin. Es dauerte gefühlte fünf Jahre, bis dort unsere eigene Datsche stand und nochmals fünf, bis man sich hier auch ohne zu erfrieren aufhalten konnte. Meine Kindheitserinnerungen bestehen deshalb auch nur aus dreckigen Fingernägeln, Fäulnis durchtrieften Klamotten, eiskalten Füßen und der Vorstellung davon, in dem behelfsmäßig aufgestellten Geräteschuppen, unter dem die komplette Familie Schutz vor sintflutartigen Regenfällen suchte, in einen Zinkeimer zu keckern.

Mein Bruder Benny und ich teilten aus Langeweile Regenwürmer bis ins Unendliche und aßen Stücke davon, zählten ertrunkene Maikäfer und quälten kleine Frösche. Wir mussten mit unhandlichen manuellen Ostrasenmähern die Wiese stutzen, meterhohes Unkraut jäten und dann zu dem riesigen modrigen Komposthaufen karren. Selbst Obst und Gemüse bleiben in schlechter Erinnerung, da besonders Benny bereits nach fünf gepflückten Erdbeeren stöhnend eine halbe Stunde Pause einlegte und wir beide, besonders ich, der Ältere, dafür entsprechend angeschnauzt wurden. Schwarze Johannisbeeren einzeln zu pflücken, war eine Arbeit, die ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind auferlegen würde.
„Und am Freitag in den Garten!“, war der Horrorsatz meiner Kindheit, zumal er freudig an jedem Wochenende von Mai bis September erklang. Falls mein Vater noch nicht so früh mit unserem Trabi von der Arbeit weg kam, fuhren wir mit der S-Bahn.

Es war eine ätzende Fahrt – mit nur einem Highlight: Wir hatten nämlich, wie so oft, einen schönen Wettkampf ersonnen: Wer zwischen den S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Pankow die meisten Schäferhunde zählte, die dort unterhalb der Brücke – zwischen der weißen Mauer und einem Stacheldrahtzaun – auf und ab liefen, hatte gewonnen. Auch die angeketteten Hunde zählten. Die Sache wurde dadurch erschwert, dass der Zug auf diesem Abschnitt mit einem Höllentempo entlang raste. Doch wir konnten jedes Jahr neue Rekorde im Schäferhunde-Zählen bejubeln.
Jahre später gelangten genau hier, an der Bornholmer Brücke, die ersten Ostberliner nach 28 Jahren wieder in den benachbarten Westteil der Stadt. Zufall oder nicht: Der von mir gezählte Weltrekord an Wachhunden im Grenzstreifen wird bis in alle Ewigkeit bei 28 liegen.

Sonst war in unseren Kinderaugen alles an dem Garten Mist. In den Anfangsjahren hatten wir gar keinen und später nur einen rauschenden Schwarzweiß-Fernseher mit Zimmerantenne in der Laube. Wir lagen in dem winzigen Zimmer in unserem ungemütlichen Doppelstockbett, umgeben von Monster-Mücken, in viel zu dünnen Decken frierend, und konnten vor allem wegen der ohrenbetäubenden Lautstärke nicht schlafen.
Meine Eltern und die umliegenden Gartennachbarn feierten jeden Abend ein lustiges Beisammensein, und zwar meistens auf unserer Terrasse. Es kann sich gar kein Mensch vorstellen, schon gar nicht ein kleines Kind, wie viel Flüssigkeit, vor allen Dingen kistenweise Bier, süßen bulgarischen Rotwein und Nordhäuser Doppelkorn dieses Gartenkollektiv in sich hinein schütten konnte. Zunächst hörten wir sie nur lachen und singen – tief in der Nacht wurde dann bei lauter Musik getanzt und die letzten Honecker-Witze gebrüllt. Zumindest wussten wir immer, wer gerade am besoffensten war. Der hatte am meisten zu verdrängen!

Mit 14 Jahren fragte ich meine Eltern, ob ich am Wochenende auch allein in unserer herrlichen Neubauwohnung in Friedrichshain bleiben dürfte und mit 15 beschloss ich das einfach.

Doch Stopp! Ich muss mich entschuldigen. Die Geschichte von unserer kleinen Datsche hat so niemals stattgefunden. Denn unsere Familie besitzt ein Fotoalbum, das die wirkliche Historie unseres Gartens zeigt. Es sind Bilder voller Lebensfreude und Harmonie. Wir Kinder planschen im Bassin, spielen mit unseren Krocketschlägern und Wurfspielpfeilen, bauen bunte Indianerzelte auf und schneiden fast immer lustige Grimassen. Unsere Eltern stehen neben uns und beobachten stolz ihren Nachwuchs, grundsätzlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Mein Vater hält dabei fast immer ein halbvolles Glas Bier in der Hand. Es gibt kein einziges Foto von unserem Leben in der Datsche, auf dem nicht mindestens einer glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, ob es an der damaligen Zeit etwas auszusetzen gab, ob etwas schief gelaufen ist, ob wir uns jemals gestritten haben. Das Album aus unserem Garten zeigt die DDR, wie sie wirklich war: Bunt!
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Zum Weiterlesen:“Mauergewinner” – Das Buch
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Lesung “Die Unerhörten” am 13.06.2019 im Café Tasso

11. Juni 2019 | von | Kategorie: Blog, Termine

Am 13.06.2019 findet die nächste Lesung der “Unerhörten” ab 20 Uhr im Café Tasso (Frankfurter Allee 11, 10247 Berlin) statt.

Das vielversprechende Thema lautet diesmal: Was bleibt?

Stargast: Mikis Wesensbitter!

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