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Der Bockwurst-Mann vom Leppinsee un sin Fru

31. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Meine diesjährige Kids-Tour fand am letzten Juli-Wochenende 2017 statt. Wenn ich schon nicht mehr dazu komme, eigene Reiseberichte zu schreiben, möchte ich wenigstens diesen Trip, welchen wir M. anlässlich seiner Jugendweihe geschenkt hatten, kurz zusammenfassen.

Natürlich erwarteten meine Nichte und mein Neffe am Donnerstag bei mir Daheim das traditionelle Spaghetti-Bolognese-Essen ohne Besteck, wobei sie dafür langsam ein wenig zu alt werden. Ich weiß nicht, ob sie sich noch lange das T-Shirt vor mir und N. einfach so ausziehen, um danach kopfüber im Fleischsoßen-Berg zu versinken. Allerdings entdeckten sie danach 48 Elefanten auf unserem Flicken-Wandteppich aus Senegal (wo ich bisher, ohne die Einnahme von Hackfleisch-Drogen, lediglich 36 entdeckt hatte).
Noch interessanter war das neuerliche Schauen von „Big Lebwoski“, da sie den Dude, Walter, Donny und sogar die fiktive Band „Autobahn“ dieses Mal viel lustiger fanden – oder einige Witze und Anspielungen (wie ich) erst jetzt verstanden. Um es vorweg zu nehmen: viele Dinge – auch die richtig guten – waren danach an diesem Wochenende eindeutig „bekackt“, um es in der Sprache von Big Lebowski und seinem Freund Walter zu sagen.

Am nächsten Tag ging es auf der echten Autobahn in Richtung Mecklenburg-Vorpommern in die Nähe von Mirow in einen Ferienpark. Dieser ist eigentlich ganz gut für Kinder geeignet, wobei mir die dort anwesenden, oftmals leicht gestörten Quälgeister, eher auf den Keks gingen und von unseren im Schwimmbad sogleich weggeboxt oder untergetaucht wurden.

Das Sommerwetter ließ in diesem Jahr zu wünschen übrig, sodass der Regen am Nachmittag in unsere Eisbecher (einer war sogar aus Schweden) im Schlosscafé von Mirow schüttete. Beim Wechsel ins Innere waren wir plötzlich umgeben von einer extrem hässlichen Fettfisch-Familie, die alsbald die „Nemos“ getauft wurden. „Ist das tschechisch?“, fragte ich die anderen, da man deren (wohl doch deutschen) Dialekt überhaupt nicht verstehen konnte. Der Ferienpark entpuppte sich später übrigens als Paradies für wohlgenährte Menschen aus dem Südosten der Republik, die den dort angebotenen sportlichen Aktivitäten (außer Bierkasten-Schleppen) eher wenig Beachtung schenkten.

Wir hingegen besorgten uns Minigolf-Schläger, um zu einem „bekackten Ligaspiel“ gegeneinander anzutreten. Nun ist es so, dass N. und ich leider keine fürsorglichen Eltern sind, die ihre Kinder immer knapp gewinnen lassen. Somit belegten sie nur den 3. und den 4. Platz, wobei M. beim „echten Golf“ wenigstens einmal gewinnen und L. einmal Zweite wurde, da sie ihre „Mädchen-Bier“-Flasche getroffen hatte. “Schreib ihr ne Null auf!”, wurde dennoch zu geflügelten Worten.
Mein Bruder Benny und ich fanden Krocket-Spielen im Garten früher irgendwann kotzlangweilig und benutzen die Schläger und Bälle dann eher, um weit entfernt eingegrabene Löcher zu erreichen. So auch wir in dieser Anlage, nur dass die Löcher schon vorgegeben waren – der Abschlag aber auf einem grünen Hügel von einer Bank aus stattfand. Das wir keines der Fischfamilien-Kinder am Kopf trafen, war das eigentliche Wunder im Wunderland.

Zum Sonnenuntergang machte selbige dann noch einmal den Vorgucker, sodass wir am Steg – gemütlich auf einem roten Tretboot sitzend (dort, wo es natürlich bekackte Verbotsschilder gab) ein Feierabendbier mit Blick auf den sich spiegelnden See namens „Granzower Möschen“ genießen konnten. Passend zu diesem Namen sprang in jenem Moment ein nackter Piepel – mit kleinem Schniepel – von einer hölzernen Plattform und sagte zu seinen Kumpels etwas extrem Versautes, was ich hier nicht wiedergeben möchte. Hut ab, was die Kids heute schon für Worte nutzen.

Abends (nach ein paar klassischen Mettenden) spielten wir die Kartenspiele „Lügen“ (langweilig) und „Knack“ (ich war zu überlegen), bevor wir dann doch das zuvor abgewählte Brettspiel „Scrabble“ hervorkramten. L. & M. stellten sich gar nicht so blöd an, wurden jedoch von N. deutlich in die Schranken verwiesen. Und nochmals: „AEROKUNDAQ“ ist kein Wort! Kurz nach Mitternacht entließ ich die beiden mit den Worten: „Jetzt geht bitte auf euer Zimmer und schaut Fernsehen!“ Wir Alten waren nämlich müde und wollten langsam ins Bett.

Meine Nichte L. und Neffe M., die mit ihren Eltern sonst in AI-Urlaube fahren, werden ein Apartment mit Küchenzeile irgendwann zu schätzen wissen, da man dort erst um 11 Uhr und nicht bis (!) 10 Uhr Frühstücken kann, was man sich am Vortag im Edeka selbst ausgewählt hat. Egal, der Himmel war noch immer bedeckt bei kühlen 18 Grad, sodass wir eigentlich ein Motorboot mieten wollten, uns dann aber doch fürs Kajak-Fahren entschieden. Wir sind ja keine bekackten Weicheier!

Die Mädchen und Jungs bildeten jeweils ein Team und ohne großartige Einweisung paddelten wir wie Profis hinaus auf das besagte „Granzower Möschen“, bevor es, über einen malerischen Kanal, in den „Kleinen Kotzower See“ hinausging. Gesäumt von Schilf, erblühten rechts und links tausende Seerosen und auf kleinen Röhricht-Inseln brüteten riesige weiße Schwäne gerade ihre Jungen aus.
Die Kids sabbelten ein bisschen viel, um die Natur mit innerer Ruhe genießen zu können – dafür war es mit ihnen rund um die Uhr lustig. Besonders wenn man „aus Versehen“ in einem abgelegenen Arm des Sees in eine riesige Modderpampe aus Entengrütze gerät und sich das Boot danach weder vor noch zurück bewegen lässt. Wir bewegten uns in einer Welt des Schmerzes und mussten uns freischaufeln.

Über den „Großen Kotzower See“ und einen namens „Mössel“ erreichten wir mit viel Rückenwind (eines der wenigen uns begleitenden Boote nutzte sogar einen Schirm als Segel) recht bald das Ziel unserer Reise: den Campingplatz am „Leppinsee“.
Nun kenne ich das als Kind auch noch so, dass ein Ausflug ein Ziel mit Belohnung haben sollte. Hier war auf der Karte ein Restaurant verzeichnet gewesen und ich hatte den armen, halb verhungerten Kids Champignonsuppe, Soljanka, Würzfleisch und sonst was versprochen.

Ein verwitterter Camper aus DDR-Zeiten mit einem offenen Fenster am Waldesrand stellte sich schließlich als das „Restaurant“ heraus. Davor saß ein dicker, älterer Mann mit Shorts und vollgesabberten (ehemals) weißem Träger-T-Shirt. Neben ihm hockte eine abwesend wirkende Frau, die einen leichten Bier-Anzug (Jogging-Sachen von KiK) trug. Auf meine Frage, was es zu Essen gäbe, öffnete sich sein Mund (in dem es nur noch zwei Zähne gab): „Bockwurst“ L. und M. schüttelten den Kopf „Und was noch?“, fragte ich daher. „Mit Brötchen!“
Wir bestellten vier, während ich grübelte, ob es als Getränk womöglich Bockwurst-Wasser aus der Dose gäbe. „Und vier Cola“, rief ich dennoch. „Hamm wa nüsch!“, zischte der Typ berlinerisch. „Nur Limmo!“. Die gestörte Frau nickte dümmlich grinsend.

Genau in diesem Moment trat ein Riese an den versiffen Wohnwagen heran. Seine Schuhgröße war mit Sicherheit 52, wobei die aufgequollenen Quanten auch 20 Zentimeter breit waren. „Bigfoot“ rief dem „Bockwurst-Mann“ mit hoher Stimme zu: „Ich nehm dann noch so ein Bierchen“. Bei dem Zwei-Meter-Typen wirkte die 0,5 Literflasche Herforder tatsächlich wie ein „Mini-Bierchen“, wobei es vermutlich schon sein sechstes war. Gegen 14 Uhr aßen wir also vier Bockwürste mit Schrippe und tranken genüsslich Orangen-Limo. Ein lohnenswertes Ziel muss so ein Trip schon haben …

Bei der Rücktour durften die Kinder zusammen in einem Kajak fahren. Wären N. und ich ihre Eltern, hätten wir womöglich auf den einsetzenden Sturm mit starkem Gegenwind geachtet, ein Gewitter mit Blitzen vorhergesehen, oder daran gedacht, dass man beim Kentern (natürlich hatten wir auf bekackte Schwimmwesten verzichtet) nirgends im morastigen Schilf zum Wiedereinstieg anlegen kann.
Kurz (bei einsetzendem Wellengang in der Mitte des Sees) mache ich mir tatsächlich Sorgen, genoss dann aber mit meiner Freundin die herrliche Stille in der wunderschönen Naturlandschaft. Weit hinter uns hörte man L. und M. singen, lachen und manchmal sogar ihre Paddel ins Wasser schlagen. Eigentlich stellten sie sich auch allein ziemlich gut an – muss man ja fairerweise sagen. Außer, dass sie vielleicht den wasserdichten Sack richtig zu machen hätten sollen. Aber es war ja nicht mein bekacktes Handy. Nach über vier Stunden endete der Paddelausflug zum Bockwurst-Mann am Leppinsee in der Kanustation von Granzow.

Am Abend wollten wir unser Essen-Versprechen für die Zeugnisse (obwohl ich bei L. von ihrem Notenschnitt von 1,58 etwas enttäuscht gewesen war) dann doch noch einlösen. Dies erwies sich zunächst als schwierig, da die ersten beiden Gasthäuser (wir wollten nicht unbedingt in der Ferienanlage essen) geschlossen waren.
Somit landeten wir dann doch im so genannten „Pfannenkuchenhaus-deluxe“, wo sie auch das – ebenso versprochene – Schnitzel auf der Karte hatten. Die Sonne kam raus, das Essen schmeckte überraschenderweise gut und die Bedienung war nett.
Lediglich beim Nachtisch verstand sie mich bei meiner Bestellung eines „White Russian“ (den Dude-Drink wollten alle unbedingt mal kosten) überhaupt nicht und brachte einen „Lillet Wild Berry“. Da fragt man sich allerdings, was ich für eine beschissene Aussprache habe. Das eiswürfel-gekühlte, spritzige Getränk mit den Him-, Brom-und Preiselbeeren zogen sich unseren Jugendlichen letztlich genussvoll per Strohhalm hinein und taufen es Prinzessin „Lillifee“.

Den Abend verbrachten wir wieder mit einem Absacker am Sonnenuntergangs-Ufer des Sees bevor sich alle auf die Revanche-Partie im Scrabble freuten. Mittlerweile war auch dies ein „bekacktes Liga-Spiel“ geworden und dieses Mal ging es viel enger zu, besonders, da L. als allerletzten Buchstaben noch ihr „C“ bei „HITCH“ (der Date Doktor) loswurde. Wir ließen es gelten, da sie auch mit diesen Punkten nur den zweiten Platz erreichte. Zum Gewinnen dieses, oder anderer Spiele und Wettkämpfe müssen sie wohl noch ein bisschen üben und öfter mit uns verreisen.
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Ich freue mich schon auf das kommende Jahr 2018!
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Benny eiskalt – Jugend in der DDR

22. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Am 24. März 1986 sitze ich zusammen mit den Jungs im Alfclub. Wir diskutieren noch immer über das Spiel bei Lok Leipzig am Wochenende. Besonders Andi, der gerade im Chefsessel hockt, verteidigt den Stumpf-Elfmeter in der 94. Minute bis aufs Blut, wohl auch, weil seine Atze Billy der größte Union-Fan weit und breit ist und er sich das nur bei uns trauen darf. „Ein Spiel dauert 90 Minuten plus BFC-Nachspielzeit“, tönt er. Zuhause – und in der restlichen Republik – gäbe es dafür tierisch aufs Maul. Wir nicken gelangweilt, da die Meisterschaft durch das späte Tor von Frank Pastor nun fast schon wieder entschieden ist.
Plötzlich stürmen Henry und Daley zur Tür hinein. „Kinder haben hier gar nüscht zu suchen“, brüllt ausgerechnet Bommel, der einen halben Kopf kleiner als die beiden ist. Es sind Bennys beste Kumpels, die zwei bis drei Jahre jünger als wir sind. Daley wird in Anlehnung an Daley Thompson (den schwarzen Zehnkämpfer) so genannt, weil seine Haut fast durchsichtig und kreideweiß ist. Doch auch der sonst so quirlige Henry hat gerade keine gesunde Gesichtsfarbe.
„Mark, deine Keule ist verschwunden!“, ruft er mir aufgeregt zu. Es ist 19 Uhr und schon Dunkel draußen, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. „Wann habt ihr ihn denn das letzte Mal gesehen“, antworte ich daher entspannt. „Also wir haben vorhin Verstecken gespielt und suchen ihn eigentlich schon seit halb sechse“.

Augenblicklich wird mir gleichzeitig heiß und kalt. „Und wo?“ „Also ich habe mit dem Kopf am Denkmal, ohne zu Schmulen, bis 100 gezählt und dann angefangen zu suchen. Nur Mike konnte abschlagen – alle anderen habe ich vorher gefunden. Außer Benny. Der ist irgendwie nicht wieder aufgetaucht, aber ich dachte, du kennst ja deine Keule, dass …“ „Nun erzähl hier mal keine Romane Piepel“, unterbricht ihn Bergi. „Ihr wart also am Lenindenkmal?“ „Ja, aber …“ „Und wo habt ihr schon überall gesucht?“, fragt er, während ich genau diese Überlegung in Gedanken anstelle: ‚Wo könnte sich der kleine, neunmalkluge Scheißer versteckt haben? ‘
Ich liebe meinen Bruder. Wir verstehen und trotz des Altersunterschiedes prächtig und oftmals staune ich darüber, welche Energie er darin verwendet, mich in diversen Spielen zu schlagen. Versteckspielen – ohne auffindbar zu sein – hatte er mir auch schon einmal im Garten in Karow angetan. Letztendlich entdeckte ich ihn dann mit hämmerndem Herzen in einer Kiesgrube, aus der er allein nicht mehr herauskam. Ich wäre vor Sorge fast gestorben und ließ ihn zur Strafe bis zum Mittagessen darin hocken. „Marki, das kannst du doch nicht machen. Marki, ich habe Hunger“, hörte ich es aus der Ferne wimmern. Doch Benny verpetzt nie jemanden und ist nicht nur deshalb bei all seinen Freunden hochgradig beliebt.
Auch meine Jungs mögen ihn und so schließen sich alle hilfsbereit dem Suchtrupp in Richtung Leninplatz an. Auf dem Weg rätseln wir weiter, auf welche Versteck-Idee er wohl gekommen sei, stellen aber bald ernüchternd fest, dass es dafür hunderte gäbe – das Einzugsgebiet riesig ist. Bevor wir uns aufteilen, bitte ich dennoch um weitere Bedenkzeit, da ich ihn ja wahrscheinlich am besten kenne.

Ins Hochhaus hat er sich eher nicht verkrochen. Benny leidet, wie sein Bruder, unter Höhenangst und gerade die Treppenhaus-Balkone im 25-Stöcker wären der blanke Horror. Genau wie die Müllschlucker-Räume oder die regelmäßig steckenbleibenden Fahrstühle. Wobei nach denen mal einer schauen könnte.
Pattere, im Café am Leninplatz oder im Speiserestaurant Baikal, hätten sie ihn auf dem Klo oder beim Naschen von Spanferkel-Resten in der Küche schon längst entdeckt und entfernt – fällt also auch aus!
Den S-Block und den U-Block (unsere Mutter nennt sie „Schlange“ und „Bumerang“, was außer ihr kein Mensch sagt) halte ich auch für unwahrscheinlich, da sie zu weit vom Abschlage-Mal entfernt sind.
An den Volkspark Friedrichshain mit seinen gruseligen Wäldern und Büschen voller Kinderschänder, die sich im Dunkeln dort herumtreiben sollen, will ich gar nicht erst denken. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass er sich an den ollen Köhlerhütten noch schnell eine Bockwurst gekauft hat, aber spätestens nach zwanzig Minuten wäre er gut gesättigt wieder aufgetaucht.
Bliebe noch die Baugrube zwischen dem Grünen Block und der Lenin-Kaufhalle. Doch die ist laut Bommel seit letzter Woche verschwunden, obwohl ich ihn in meinem Inneren schon flehentlich „Marki“ habe rufen hören.
„Moment mal“, brülle ich Henry plötzlich an. „Hat sich von euch schon mal einer in der Kaufhalle versteckt?“ „Ach du meine Nase. Benny hat heute irgendwas von den Kühltruhen da drinnen erzählt.“ Beim Gedanken an die kalten Geräte wird mir wieder heiß, denn mir fällt ein, dass dieses Gerede schon am Sonntag begann.

Unsere Mutter erzählte während des Polizeirufs 110, der gerade im Fernsehen lief, dass bei ihrer Ausbildung in Zwickau mal ein Lehrling ums Leben gekommen war. Er war beim Versteckspielen (!) in einen Industriekühlschrank geklettert und wurde dort erst nach sechs Stunden gefunden. „Der war natürlich längst erfroren, weil man einen Kühlschrank von innen nämlich nicht aufbekommt!“, erklärte sie oberlehrerhaft. Benny wollte das partout nicht glauben, doch unser Gerät bot keine Gelegenheit, dies auszuprobieren. Benny, alias Paule Platsch (wie er zu Hause noch immer genannt wird), hätte dort nicht nur wegen der vielen Bierflaschen und der großen blauen Wurstschachtel einfach nicht hineingepasst.

„Scheiße, hat die Koofi noch offen?“, rufe ich in die Runde, obwohl ich ja wissen müsste, dass dies nach 19 Uhr nicht mehr der Fall sein wird. Um mich selbst zu beruhigen und nicht an den langsam einsetzenden Kältetod meines geliebten Bruders zu denken, erzähle ich den anderen, dass er am Sonnabend erfahren hat (was allerdings auch wahr ist), dass es jetzt endlich auch „Benny-Eislöffel“ gibt.

Seit ich denken kann, sucht er, tief hineingebeugt in die Kühltruhen sämtlicher Kaufhallen der DDR, nach einem dieser Miniatur-Plastik-Löffel mit seinem Namen. Fast alle Klassenkameraden schien es im Sortiment zu geben – nur seinen eben nicht. Als er in Wismar dann auch noch zwischen all dem Moskauer Waffeleis und Hexenküssen einen „Mark-Löffel“ ans Licht beförderte, verstärkte sich die Manie.
„Und dann hat er beim Suchen die Zeit vergessen und wurde eingeschlossen“, sagt Daley grinsend. Er ahnt ja nicht, dass meine Keule gerade in einer der Kühltruhe – wie in einem Sarg – liegt, weil er sie von innen nicht mehr aufbekommt. „Schnauze“, ruft Bommel, „sonst kriegste was hinter deine weißen Löffel.“ Mir ist noch immer arschwarm obwohl wir nur kühle fünf Grad haben. Ich taumele zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Und wie kommen wir jetzt in die Koofi?“, fragt Torte die einzig vernünftige Frage. „Sollen wir einbrechen?“ Ich weiß, dass er das mit einem Dietrich wahrscheinlich hinbekommen würde und falls nicht, würde Andi die brachiale Methode anwenden und eine Scheibe einschmeißen. Aber das ist mir zu heiß. Auch zur Volkspolizei in die Friedensstraße möchte ich nicht gehen, da die uns kennen und das Ganze für einen üblen Scherz halten werden – während mein Bruder längst steifgefroren ist und der Herzschlag langsam aussetzt.

„Vielleicht gehen wir erst mal kieken“, meint Torte, der heute wirklich durchdachte Ansätze hat. Ich renne über die Mollstraße hinüber zur riesigen Fensterfront der Kaufhalle. ‚Wie soll ich das meinen Eltern erklären, wie soll ich den Schmerz und die Trauer jemals verdrängen‘, denke ich und hämmere gegen das Glas. Nichts!
„Benny!“, brüllt Henry plötzlich vom anderen Ende. Er war schlauer gewesen und hatte in Höhe der Eisschränke an die Fenster gekloppt. Atemlos erreiche ich ihn und sehe, dass Benny von Innen an der Scheibe klebt. Sein Gesichtsausdruck wandelt gerade von extrem geschockt, hin zu total erleichtert. Dann grinst er sein berühmtes Grinsen. Er zuckt mit den Schultern und deutet übermütig auf den Pappbecher mit Schokoladenimitat-Eis in seiner Hand. Darin befinden sich drei dieser winzigen Plastiklöffel.
Letztendlich fällt Andi ein, dass die Mutter von Ute als hochdekorierte Verkäuferin in der Leninkaufhalle arbeitet und für Havarie-Fälle einen Schlüssel besitzt. Doch weder er noch einer Jungs traut sich zu fragen, da Ute – seit Andi sie zugunsten von Lydia entsorgt hatte – nicht sehr gut auf uns zu sprechen ist. Schließlich überzeugen wir ausgerechnet Astrid zu klingeln. Sie ist in unseren Reihen als ausgesprochene Meisterdiebin wohlbekannt. Allerdings klaut sie eher in der Büsching-Kaufhalle.
Und Assi ist kuhl. Sie gibt Benny als ihren Bruder aus, erzählt aber sonst keine Fantasie-Geschichten, sondern einfach, dass er versehentlich eingeschlossen wurde und sie deshalb zu Hause nicht reinkommt, weil er die Wohnungsschlüssel hat.

Während des Aufschließens verstecken wir uns im Gebüsch. Benny kommt heraus, das Kinn schuldbewusst auf die Brust gelegt und wir hören, wie Utes Mutter ihm hinterher ruft: „Nun aber schnell ins Bettchen, mein Kleiner“. Bommel macht sich fast in die Hose. Als er bei uns ist, packe ihn mit beiden Händen an den eiskalten Ohren. Ich bin kurz davor, ihm einen Satz heiße zu verpassen, sage jedoch: „Na du bist mir vielleicht ein Kunde!“ Meine Freunde grinsen. „Marki, eigentlich wollte ich mich nur verstecken, aber dann fiel mir der Eislöffel ein. Ich habe alle Truhen von oben bis unten durchwühlt und weißt du, was ich gefunden habe: Bernd, Benjamin, Benno und dann war plötzlich abgeschlossen.“ Die Jungs feixen, da er mal wieder fantasiert. „Aber ich hab mir überlegt, im Werken aus dem Benno einen Benny zu schnitzen. Was meinst du?“ Ohne groß zu überlegen, antworte ich: „Das kannst du sehr gerne machen. Aber versprich mir, dass du niemals probierst, ob ein Eisschrank auch von Innen wieder aufgeht, okay Dicker?“ Die anderen wundern sich zwar über meine Antwort, folgen uns aber – ohne nachzufragen – gut gelaunt in Richtung Alfclub. Auf dem Weg flüstert mir meine Keule ins Ohr: „Würde ich mich nie trauen“. ‚Schlaues Kind‘, denke ich gerührt. „Aber zusammen können wir es doch mal testen, oder?“, ruft er mir zu, bevor er lachend Henry und Daley hinterher rennt.
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Backpackerscheiße – Willkommen in Bolivien

21. Juli 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Kurz vor der Grenze pfeffert Jenna den Sack mit den Kokablättern aus dem Busfenster. Wir hatten herausgefunden, dass man die Dinger zunächst kauen und dann, zusammen mit einem Kalkstein, in der Backe parken musste, um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern. Besonders Jenna kaute, parkte und vertrug die Höhe trotzdem nicht. Vielleicht war es ganz gut, ohne das Zeug einzureisen, denn böse drein schauende peruanische Grenzer filzen uns akribisch. Auf der anderen Seite begrüßen uns freundliche bolivianische Wachsoldaten und machen deutlich weniger Stress.
In einem Collectivo fahren wir weiter und stellen bereits auf den ersten Kilometern fest, dass dieses Land wesentlich beschaulicher zu sein scheint. Es sind kaum Autos unterwegs und nur wenige Häuser säumen den Straßenrand. Unser Gefährt tuckert gemächlich durch den nördlichen Rand des fast baumlosen Altiplano entlang des Titicacasees. Mit uns sitzen zwei ältere Frauen im Wagen, die 14 Röcke übereinander zu tragen scheinen. Nach zwanzig Kilometern haben wir die erste Reifenpanne und können zwei Dinge beobachten:
Zum einen raucht der Fahrer bei sengender Hitze erstmal entspannt eine Zigarette, bevor er sich behäbig dem zerschossenen Rad widmet und zum anderen ist das hier ein wunderschönes Plätzchen Erde. Azurblauer Himmel, saphirblaues Wasser und die rotgelbe Erde verschmelzen zu einem wahren Kunstwerk. Zwei einsame Personen laufen wie Marsmenschen durch die karge Landschaft. Der eine ruft aus der Ferne: „Mann, ist das Scheißeheiß hier“, und der andere: „Haben wir eigentlich noch Bier?“ Nach dreißig Minuten geht es weiter.
Wir erreichen Copacabana und staunen ein nächstes Mal. Hier fehlt etwas. Keine Horde von Schleppern begleitet unseren Bus auf seinen letzten Metern. Genau genommen gibt es lediglich eine einzige, auffallend hässliche, Person, die uns eine Unterkunft aufschwatzen will. Der dürre, europäische Typ sieht aus, wie ein Abbild von Tingeltangel Bob aus den Simpsons. Er hat ein schmales Gesicht, eine spitze Nase, wirre Augen und vor allem rötliche Rastahaare, die unmöglich zu allen Seiten abstehen. Als der Kerl den Mund aufmacht und in schrägem Englisch, mit französischem Akzent, fragt, ob wir uns sein Hostel anschauen wollen, läuten bei mir die Alarmglocken.

Ich kann Franzosen nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie die letzte Fußball-WM und nun auch noch die Euro 2000 gewonnen haben. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Sender gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise ins Land von Napoleon und Zidane waren es die unverschämtesten, unfreundlichsten und überheblichsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dato über den Weg gelaufen waren. Sie hatten mich nicht verstehen wollen, waren nie bei der Suche nach dem Weg behilflich gewesen und hatten es vor allem rigoros abgelehnt, eine andere Sprache zu sprechen. Arrogante Schnösel ist gar kein Ausdruck. Und auch auf den Reisen durch Südamerika zeichnen sie sich, im Gegensatz zu den meist freundlichen Schweizern, Italienern, Amerikanern, Nordeuropäern und sogar den Engländern oft dadurch aus, dass sie mit keinem anderen Volksstamm sprechen wollen – oder können.

Ich sage zu Göte: „Ich hab echt keinen Bock auf so eine Backpackerscheiße bei dem Franzmann“ und Jenna, der sich gerade nach einem Kokablätter-Verkaufsstand erkundigt, ruft: „Nee, bloß nicht bei dem schwulen Froschfresser.“ Urplötzlich macht sich Tingeltangel Bob gerade. Ich sehe, wie seine Augen mit mörderischer Intensität zu funkeln beginnen. Er kommt auf mich zu, stellt sich vor mir auf und brüllt: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse!“
Mist, Bob kann Deutsch! Laut fluchend beginnt er uns in deutsch-französischem Slang zu beschimpfen, was wir ungebildeten Deutschen eigentlich hier im Wallfahrtsort zu suchen hätten. Matze versucht zu vermitteln, doch der Typ ist kaum zu bändigen. Nicht nur wegen der langen Anreise, der Höhe und der prallen Sonneneinstrahlung haben wir alle keine Lust auf Diskussionen.
Wir schnappen unsere Rucksäcke und gehen, ohne auf seine Frechheiten zu reagieren, einfach die Straße hinunter Richtung Ufer. Freundlich lächelnde Bolivianer winken uns in ein liebevoll eingerichtetes Hotel mit Blick auf den See. Im Kühlschrank neben der Rezeption sind die unteren Lagen mit Bier gefüllt. Jenna öffnet das Ding, greift sich eine Flasche und sagt: „Was für ein beschissener Froschfresser.“ Matze, Göte und ich antworten im Chor: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“. Wir lachen in Copacabana zum ersten Mal. Tränen!
Am nächsten Tag schippern wir auf die berühmte Isla del Sol. Dass die legendäre Insel, auf der die Inkas, der Überlieferung nach, erschaffen worden sind, übersetzt Sonneninsel heißt, merke ich bereits an Bord unseres kleinen Schiffes. Trotz Basecap und Schattenplätzchen verglühe ich fast. Auf dem Eiland selbst ist es, ohne eine Brise, unerträglich heiß, sodass wir uns nur etwa fünf Minuten die erdbraunen Schweine und verfallene Ruinen anschauen, bevor wir in der Hafenkneipe bei Bier und Skat auf die Rückfahrt warten. Auf dem Boot treffen wir einen alten Bekannten. Wieder einmal ganz allein kauert der Stuttgarter, den wir schon in Cusco getroffen hatten, auf einer der Holzpritschen. Mit knallrotem Kopf unter den strohblonden Haaren schaut er mürrisch auf den Ozeangroßen See. Eigentlich müsste man ihn fragen, ob er sich zu uns setzen will, doch das geht leider nicht.

Ich kann Stuttgarter nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie komisch sprechende VfB-Spieler wie Buchwald und Klinsmann hatten. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Keks gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise in die Hauptstadt Baden-Württembergs waren es die ungehobeltsten und unsympathischsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dahin über den Weg gelaufen waren. Niemand hatte mich verstanden, keiner war bei Fragen behilflich und vor allem hatten sie es stets vermieden, eine andere Sprache außer Schwäbisch zu labern. Und auch auf ihren Fahrten durch diesen Kontinent zeichnen sie sich im Gegensatz, zu den meist freundlichen Bayern, Rheinländern, Thüringern, Norddeutschen und sogar den Sachsen oftmals dadurch aus, dass sie mit niemandem reden wollen – oder können.

Göte schaut mich grinsend von der Seite an und fragt: „Na, willst du deinem Toastbrot nicht ein bisschen Gesellschaft leisten?“ Mit böse funkelnden Augen schaue ich ihn an. „Toastbrot“ wird in meinem kompletten Freundeskreis diese Technofotze mit dem vierkantigen Gesicht aus Stuttgart genannt, der mir vor Jahren Jeannet ausgespannt hatte. „Bist du bescheuert oder was“, fauche ich ihn an.
Das Boot legt pünktlich ab und entspannt genießen wir die Blautöne des Himmels und des Titicacasees, der aufgrund seiner Form, von den scheinbar farbenblinden Aymaras, „grauer Puma“ genannt wurde. Obwohl die Fahrt nicht sonderlich weit ist, bleiben wir auf der Hälfte der Strecke stehen. Wir schauen uns fragend an, denn uns klingt allen noch immer die Story des Bremerhavener Pärchens in den Ohren. Die hatten berichtet, dass auch sie mit einem Motorschaden auf dem riesigen Binnensee liegen geblieben waren. Bei schlechtem Wetter und immer größer werdenden Wellen waren sie mehrere Stunden umher getrieben. Die unter den Passagieren allmählich einsetzende Panik wurde durch die hereinbrechende Dunkelheit und besonders durch den im Führerhaus weinenden Kapitän ins Unermessliche gesteigert. Nach zehn Minuten stehe ich beunruhigt auf und schaue nach, was das Problem ist. „Das Stuttgarter Backpfeifengesicht hat sich eingeschifft und flennt mal wieder“, erzähle ich Göte bei meiner Rückkehr, obwohl das nicht stimmt. „Das iis kaine Bagpagerscheeisse“, antwortet er meckernd mit seinem neuen Lieblingssatz. Unbeschadet erreichen wir das sichere Festland.

Im Reiseführer hatten wir gelesen, dass es eine coole Kneipe geben soll, die von einem Deutschen geführt wird. Obwohl wir lieber mit Einheimischen herumhängen, klang der Tipp ganz viel versprechend. Als wir die kerzenbeleuchtete Bar betreten, trifft uns fast der Schlag. Der Raum quillt über vor billigem Kitsch. Überall hängen Webarbeiten mit Tiermustern an den Wänden, hölzerne Schamanen und Voodoopuppen, aber auch christliche Figuren stehen in den Regalen. An langen Stangen hängen talismanartige Gebilde. Außerdem riecht es in der dunklen Höhle nach verbranntem Essen, Marihuana und Räucherstäbchen. In der Heimat wäre das nicht unser Laden, aber in der Ferne interessieren wir uns immer besonders für Fremdes und Geheimnisvolles. Wir sind hier um ein Vielfaches offener. Etwas Neues zu erleben, hat höchste Priorität. Da gibt es noch diese unbändige Abenteuerlust, ein Gefühl, das wir im drögen Alltag in Berlin allmählich verlieren.
Der deutsche Besitzer ist genau so freakig wie die Inneneinrichtung und komplett zugedröhnt. Die Haare fallen ihm zottelig ins Gesicht und das schummrige Licht verstärkt seine ungesunde Gesichtsfarbe. Obwohl er uns gleich den, feucht im Mundwinkel hängenden, Joint anbietet, entscheiden wir uns für Bier. Harry schiebt sich einen Stuhl zu uns heran und beginnt zu erzählen. Von seiner angeblich so unglaublichen Auswanderer-Geschichte, von den ihm zu Füßen liegenden Damen, von ausschweifenden Fiestas zur Osterwoche und vor allem von gebratenen Enten, die man mit einem Eimer voller Bier in Cochabamba unbedingt essen müsse.

Am Gähnen der anderen sehe ich, wie sie das Gesülze finden und als der dichte Typ zum fünften Mal mit dieser unsäglichen Geflügelmahlzeit anfängt, sagt Göte: „Kommt, lasst uns abzwitschern und Skat kloppen.“ Doch Old Harry will uns noch nicht gehen lassen und schüttelt seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel: „Schaut ihr eigentlich Fußball?“ Wir glotzen ihn mit großen Augen an. „Bei mir nebenan gucken nämlich schon zwei Leute.“ Wir folgen ihm, ohne zu fragen, welches Spiel überhaupt läuft, vor die Tür. Draußen ist es mittlerweile stockdunkel, fürchterlich kalt und geradezu unheimlich still. Doch plötzlich hören wir, zwei Häuser weiter, hinter einer hölzernen Tür, ein markdurchdringendes Gebrüll. Wir brauchen ein paar Sekunden, um es zu deuten. Es ist ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex: es ist ein Torjubelschrei.
Harry öffnet die Tür und wir haben einen Blick auf den überraschend großen Fernsehapparat und die Couch mit den zwei Typen. Mir kommt augenblicklich ein französisches Wort in den Sinn: Déjà-vu. Schon einmal gesehen, oder erlebt!
Es läuft das Video vom Endspiel der letzten EM. In einer Wiederholung zeigen sie gerade, wie Wiltord in der Nachspielzeit zum 1:1 für die Franzosen gegen Italien trifft. Auf dem verschlissenen Sofa sitzen der pausbäckig grinsende Stuttgarter und ein noch immer jubelnder Tingeltangel Bob.

Wir hatten über die beiden geschimpft, gelästert und gehetzt. Wir hatten sie links liegengelassen und waren unseren Vorurteilen gefolgt. Doch in diesem Augenblick, das sehen wir in ihren leuchtenden Augen, haben sie den Sieg über uns davon getragen. Ernüchtert machen wir kehrt. „Das dumme Freibiergesicht schuldet uns noch ein Bier“, faselt Matze, doch er kann uns damit nicht mehr erheitern. „Allez le bleu“, schallt es uns hinterher. Im Video wird Frankreich in wenigen Minuten nochmals Europameister. Mir kommt ein Zitat von Jürgen Klinsmann in den Sinn: „Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.“

Am Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Generation Jan Ullrich – Tour de France 1997

30. Juni 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

I know him, but he doesn’t know me. We grew up at the same time and are nearly the same age. He is a star and I am a nobody. This is a very common sentence when we see all these famous people on television, in the movies or in sports competition broadcasts. But in my case it was a little bit different, more complex, tragic and maybe even a little bit touching. In our early youth Jan and I met for the first time.

My mother is quite scared of nearly everything. I can’t remember how often we were screamed at when we just stood kneedeep in the Baltic Sea, how often she instructed us – up until adult age – not to cross the road against the red light. And how happy she was when we lay in our beds sleeping and not having any injuries or wounds. Therefore, cycling was an extreme sport in my mother’ eyes. One of my most uncomfortable memories of my childhood is that I secretly tried to cycle when I was already 13 years old. Still I can recall the pain caused by my blue bollocks that lasted more than 2 weeks.
Approximately at the same time a young tot moved from Rostock to Berlin. He had already been very good at cycling – in contrast to me. At the age of nine he won the first race at his school and one year later an official competition having a lent bicycle and normal trainers. Soon he was said to be a real talent and the new star in cycling, leaving all his contemporaries behind. This boy’s name was Jan Ullrich.

And now comes the big surprise, not only for me: my dad – as we called him at this time – had studied at the College for Physical Culture in Leipzig. He himself was quite a good javelin thrower, but that would take us too far afield. Anyway, directly after his studies he got a job at the Berlin sports club SC Dynamo, training the cyclists. Why him of all people, as he had nothing in particular to do with cycling, nobody knows. However, soon he had climbed up the career ladder, since he was quite popular not only among the cyclists, who already called him Scheppi or simply coach.
Dynamo Berlin had excellent cyclists like Carsten Wolf, Emanuel Rasch or Bill Huck, who Benny and I had already known personally, because of our dad. But the problem with them was that the best talents only did track cycling and nobody knew them, except real fans or experts. The ultimate heroes at that time were the peace cyclists, which was the counterpart of the eastern European countries to the gladiators of the Tour de France. Absolutely everybody in my class knew the complete team of the GDR – Hans-Joachim Hartnik, Bernd Drogan or Olaf Ludwig – we loved them all. However, these top athletes all were from other clubs in Leipzig, Gera or Erfurt. The big boss of the Berlin club Dynamo – Erich Mielke (also the head of the Stasi) – had been very angry about this situation. But in Rostock they had discovered a boy that was directly “delegated” to Berlin. Now they had at least one super talent for the future in the capital of the GDR – right: Jan Ullrich.
Many of our weekend trips at that time ended for my brother and me in some hicksvilles in Brandenburg where some sweating boys raced against each other on their stupid bicycles. My dad probably thought that we liked these trips – we did not! By this time I was 14 years old and I sneered at these panting idiots, who asked my father with big eyes: “Mister Scheppert, when will we get back?” Secretly I went into the cold and damp woods and smoked some Cabinet (popular East German brand of cigarettes) cigarettes while I asked myself the same question.

Also in winter the spook wasn’t over, as then the cycling races of the teens took place in the Werner-Seelenbinder-sports hall. On the breakneck circuit with the extreme inclination angle brutal croppers and severe injuries happened – on the road sometimes even a dead person. Innerly I thanked my mother whose genes were responsible for me being absolutely not sporty. When my father introduced us to the cycling boys I was grinning disdainfully. In the cafeteria I could puff a cigarette secretly.
My dad wasn’t lucky with success. The so called Olympia mission wasn’t accomplished yet again. Therefore, also in the GDR somebody had to go. Furthermore, my dad was accused to be too friendly to the young cyclist that wasn’t conducive to successful results. The first achievements of Jan Ullrich and his coach Peter Becker he didn’t experienced in a leading position anymore. Becker was said to be the hardliner among the coaches. This tough person was also the one that got me my first road bike. In case he had known that the son of his boss started cycling at the age of 13, my dad would have sacked completely at Dynamo. As fortunately nobody knew he was only redeployed to the swimming team, because of persistent unsuccessfulness.

There he was responsible to search for new talents and incredible as it sounds he recommended Franziska van Almsick to the children’s and youth sports school. I am sure that my father (not a really good swimmer) was just lucky with that decision. However, after the Wall came down in 1989 the bubble of socialist high-performance sports had been pricked. My dad whom I had always been admired – even though I didn’t like cycling – had to look for another job.
Jan Ullrich stayed with his coach Peter Becker, he became world champion of the amateurs on the road and gained a highly remunerated contract in the Team Telekom. “Ulle” – as we called him – was the second superstar of the united Germany after the swimmer “Franzi”. However, at the end of his career he was regrettably the most ham-handed and tragically fallen hero – naturally from the former GDR.

My dad got a job after quite a while of searching which was less lucrative. He worked as a caretaker in a dubious real estate agency, split up with my mother because of a younger one and from now on he stumbled from one personal catastrophe to the other until he finally lost everything, even his dignity, but that had nothing to do with the united Germany but with alcohol. When he appeared at my brother’s marriage – scruffy and drunk – I observed him with a mixture of shame and bewilderment. Being stressed out I smoked – not secretly anymore – one of my Cabinet cigarettes, the last remnant from the old days.
No! This story will and must not end so sadly.
In July 1997 my former girlfriend Danny visited me surprisingly in my student digs. Actually I must admit that we didn’t have a real relationship at that time. Intricately she explained that I had to get up very early on the next morning and pack my bags for a trip at the weekend. On the next day I found myself very early in a train to France. She had booked a weekend in Paris for us. We didn’t know each other very well, but Danny learned a lot about my past in these days.
The city was decorated with a flags, pennants and huge posters that promoted an important event on Sunday. I was excited like a small child – not because of the beautiful girl on my side, who didn’t even know that the 84th Tour de France finished exactly at this weekend. My Jan Ullrich would cycle the yellow jersey to Paris as the first German cyclist. I couldn’t talk about anything else but the small hicksville in Brandenburg called Forst where the teen races took place, about my super dad, who somehow had detected this new cycling king and even about my blue bollocks.

I was so proud and touched when the boys rolled by several times through the inner city of Paris. Tears flooded my eyes. I cheered him, this sweating boy from my childhood. How did he crucify himself in his youth without drinking binges and smoking Cabinet cigarettes. Now he rode past me with a beaming smile in his shiny yellow jersey of the winner. This moment was one of the most amazing ones in my entire life so far – for me it was like history passes by – not only the history of the two Germanys or of cycling, but also my very own. After the stage win we went to see the stars of the team Telekom. I didn’t dare to approach them instead I lit a French cigarette frantically. I knew him, but he didn’t know me.
With the help of the family, strict discipline and most of all without any alcohol my old man slowly gained control of his life step by step. He is in good health again and as a pensioner voluntarily committed in sports again. Today I am really proud of him again, when he knows nearly everybody at the Berlin six-day-race every year and also many ex-cyclists still cat-call at him: “Hey coach, you all right?” In these moments I can feel that he is happy.

Generation Wall


And I? Well, because of both of them I became the generation Jan Ullrich. We are neither fish nor fowl, neither East nor West, not yesterday, today or tomorrow. We share the past with our parents who define themselves about their GDR and with children who don’t know this not existing country at all. We are often asked what life in this vanished country was like and when we start talking about that time nobody really listens anymore. We try to be like prosperous Wessis, but secretly we especially root for successful Ossis. We never say that in former times everything was much better, but neither we say that this is the case today. It is time to take us seriously.
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Australien gegen Deutschland beim Confed-Cup 2017 in Russland

16. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Zum Conved-Cup 2017 in Russland haben wir eine Tipprunde gegründet, damit wir das (mit Sicherheit ziemlich langweilige Turnier) nicht ganz so öde finden. Es geht also wieder um einen Jackpot – und dazu fällt mir eine Geschichte ein, die zum ersten Spiel der Deutschen gegen Australien passt, oder auch nicht – egal …

“Als Kinder träumten Benny und ich in unserem Neubaublock in Ostberlin oft von Australien. Wir hängten uns sogar eine große Fahne über das Bett und wünschten uns, einmal im Leben so weit reisen zu dürfen. 2006 – viele Jahre nach Benny – erfüllte ich mir mit Sylvie endlich diesen Traum. Wozu eine Weltreise doch alles gut sein kann! Nur wegen meiner „Erfahrungen“ hatte ich danach einen Job bekommen, der jährlich eine dreiwöchige Dienstreise nach Down Under beinhaltete. Anfang des Jahres übermittelte mir mein Boss den nächsten Termin: Juni 2008.

Am Tag des Viertelfinales Deutschland gegen Portugal, fährt mich Sylvie um 19 Uhr zum Flughafen. Mit hinein kommt sie nicht – schließlich will sie noch einen guten Platz im „Rockz“ bekommen. Heute trifft sich die komplette Tipperrunde in unserer Stammkneipe. Im Gegensatz zu den, in Vorfreude auf das Match, gefüllten Straßen gleicht der Flughafen Tegel einer Geisterstadt. Noch nie habe ich den Parkplatz so verlassen gesehen. Nur ein einziger Inlandsflug ist an der Abflugtafel für die Zeit des Spiels aufgelistet. Meiner. Im Wartebereich steht ein Fernseher, doch der zeigt Nachrichten auf n-tv. Wütende Reisende kriechen unter den Apparat und versuchen, auf einen anderen Kanal umzuschalten. Kurz nach Anpfiff haben wir endlich den Typen mit der Fernbedienung gefunden und sehen unsere Jungs über den Platz flitzen. Genau in diesem Moment wird zum Boarding aufgerufen. Ich reihe mich ein und denke daran, dass ich über Göte bei jedem Spiel an Karten heran gekommen wäre. In Wien sogar mit Hotel. Betröpfelt drücke ich einer Frau meinen Boardingpass mit falschem Flugziel in die Hand.

Am Eingang zum Flieger frage ich die Stewardess, ob denn der Kapitän die Zwischenergebnisse durchsagen würde. Sie ruft ins Cockpit: „Sagst du die Ergebnisse durch?“ Eine leicht tuntige Stimme fragt zurück: „Welche Ergebnisse?“ Verstört lasse ich mich auf meinen Platz fallen. Als eine der letzten Passagiere kommt eine aufgeregte ältere Dame ins Flugzeug gerannt. „1:0 für Deutschland durch den Schweinsberger!“, brüllt sie. Ich könnte heulen vor Wut. „Schweinsteiger!“, schreie ich überraschend laut zurück. Als wir in Frankfurt landen und ich den Ankunftsbereich betrete, höre ich nur noch den Schlusspfiff. Das Spiel war 3:2 ausgegangen und ich hatte kein einziges Tor gesehen.

Nach meiner Ankunft in Australien finde ich im Internet heraus, dass es den irischen Bezahlfernsehsender „Setanta“ gibt, der in einigen Städten auch in bestimmten Kneipen zu empfangen sei. Meine letzte Hoffnung das gigantische Halbfinale gegen unsere türkischen Freunde doch noch live zu verfolgen.
Der Taxifahrer in Brisbane empfiehlt mir, es in einem englischen Pub zu versuchen, da dort zuletzt ziemlich viel los gewesen sei. Am nächsten Morgen laufe ich frierend durch die Straßenschluchten der schlafenden Metropole zum „Pigs N Whistle“. Nach und nach tauchen aus den Seitenstraßen weitere müde Zombies auf. Zu meiner Erleichterung tragen die meisten, wie ich, ein Deutschland-Trikot. Rechtzeitig vor Anpfiff um 4:45 Uhr Ortszeit bekomme ich einen guten Platz. Auch dutzende Türkei-Anhänger sind hier, doch die Stimmung ist friedlich. Um diese Uhrzeit wird auch im „Traditional British Pub“ kein Bier mehr ausgeschenkt.

Bis zur Mitte der zweiten Halbzeit bleibt es, obwohl die Bar jetzt brechend voll ist, relativ ruhig. Doch dann geschieht das Unglaubliche. Beim Stand von 1:1 fällt plötzlich das Bild aus. Einige Leute rufen entsetzt zu Hause an und erfahren, dass auch dort nur Schnee auf dem Bildschirm zu sehen wäre. Doch in Australien gibt es keinen Bela Rethy, der das Spiel in Radiomanier weiter kommentiert. Endlich taucht das Spielfeld wieder auf, aber ein Zwischenstand wird nicht eingeblendet. So sehen ich und die gut hundert anderen Leute erst nach einem ins Aus geschlagenen Ball die Wiederholung von Kloses 2:1. Wir können es gar nicht glauben. Erst als der Reporter das aktuelle Ergebnis bestätigt, liegen wir uns in den Armen. Frenetischer jubeln nur die australischen Türken beim Ausgleich fünf Minuten vor Schluss – doch das 3:2 von Lahm entflammt uns erneut für Deutschland. Schlusspfiff – Brisbane brennt! Ab 7 Uhr wird wieder Bier ausgeschenkt. Ein tobender, schwarz-rot-goldener, Mob verstört nach Spielende die Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit. Die meisten haben ein wenig Angst vor uns.
Fußball ist natürlich mein Thema im Taxi, als ich am nächsten Tag zum Flughafen fahre. Auch der koreanische Fahrer ist von unserem Team schwer begeistert. Fast im Sekundentakt drückt er seine Begeisterung aus, indem er wiederholt ruft: „Ballack. Oh my god!”, „Podolski. Oh my god!“, „Sneileger. (vermutlich Schweinsteiger) Oh my god!“ Erst als ich aussteige, fällt ihm scheinbar wieder ein, wer unser Finalgegner sein wird, und er brüllt mir hinterher: „Spain. Oh my god!“

Seit der WM 1994 tippe ich immer auf Spanien als Titelträger. So auch dieses Mal. Doch bisher hatten sie immer kläglich versagt. Um unsere Tipprunde sicher zu gewinnen, müsste ich nun auch im Finalspiel auf sie setzen. Gegen Deutschland! Zum ersten Mal verstehe ich die Leute, die grundsätzlich patriotisch tippen. Was soll ich machen: Herz oder Verstand?

Ich komme zu spät in den tropischen Norden nach Cairns. Der örtliche Irish-Pub zeigt das Spiel nicht live und es bleibt nun auch keine Zeit mehr für Recherchen. Doch ich habe „Setanta“ auf dem Zimmer. Halb fünf klingelt der Wecker. Unsere Mannschaft spielt schlecht und Torres schießt das einzige Tor. Spanien ist Europameister 2008.
Eine halbe Stunde nach Abpfiff steige ich, noch immer ein wenig bedrückt, aus dem monströsen Pool und gehe zu meiner Liege. Unter dem Deutschland-Trikot, das ich auch allein im Zimmer getragen hatte, liegt mein Handy. „Eine neue Nachricht.“ Jenna, der das Spiel, zusammen mit unserer Tipprunde, 20000 Kilometer entfernt geschaut hatte, schreibt: „Du hast den Jackpot gewonnen. Verräter!“
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Zum Nachlesen bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: “90 Minuten” von Mark Scheppert
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Vergänglichkeit – Jugend in der DDR

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

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Am 6. Oktober 1989 werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Direktor Seibt darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Wink-Elementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Frankfurter Allee gehen werden. Michael Gorbatschow würde in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 40igsten Jahrestag der Republik eintreffen.
Gorbi ist natürlich in aller Munde. Was in der Sowjetunion gerade in Sachen Öffnung und Reformen geschieht, die Nachrichten erreichen uns seit Monaten ausschließlich aus dem Westfernsehen, ist fast schon zu unglaublich, um wahr zu sein. Die Bedeutung seiner Ankunft in der DDR ist all meinen Freunden sofort klar: wir haben drei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen ohne Gesänge in die „Broilerbar“ zum gemeinsamen Frühshoppen absetzen!
Mit Ottmar, Roman, Ecki, Koffer, Bernd und Matze ist die Trinkerjugend der Friedrich-Engels-EOS bald vollzählig angetreten. Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand der großen Allee vermissen und schon gar nicht hier auftauchen. Im hiesigen Radio läuft „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ von Stefan Remmler.
Nach dem dritten Halben schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, den sympathisch wirkenden Mann mit dem Muttermal auf der Glatze würde ich auch gerne mal aus der Nähe sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten feixender Jungs und erfreue mich des Lebens. Irgendwann ertönt von draußen aus tausenden Kehlen: „Gorbi, Gorbi, Gorbi!“ Als wir uns endlich entschließen hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Wagen aber schon auf Höhe des Frankfurter Tors. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt Matze. Alle wissen: er ist hacke und blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich bereits in Richtung Schule verduftet, doch als Ottmar und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch: unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar Noten hinein, die das Problem vorerst beheben. Doch was macht mein bester, angetrunkener Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel. Und dann geschieht das Unglück: der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf der Ablage der Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine schmale Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Ottmar klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das Klassenbuch zu gelangen. „Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Ulf befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Der Tisch steht eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Spinner verschwindet. Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“ „Blumberg, du Arschloch“ zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. André Blumberg ist der Klassenbuch-Beauftragte und eigentlich ganz okay, auch weil er nicht zu den Spackos gehört, die sich 25 Jahre für die NVA verpflichtet haben. Ottmar klärt ihn auf und wir versprechen, das Ding nach der Stunde heraus zu fummeln. Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits einige Noten manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.

Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch die alte Kamerat ihren Auftritt hat. Unsere Geschichtslehrerin ist eine Hundertprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Ottmar und ich murmeln: „Immer breit“, wobei wir heute wirklich mal einen im Turm haben. Die Lehrerin will sich setzen – und knallt mit den Knien scheppernd gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibfachs. „Auuuua“, jault sie. Ottmar flüstert: „Der steht ja falsch herum“, während Ronny und Mirco eilig den Lehrertisch wieder so drehen, dass die Kamerat ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Blumberg glotzt uns fragend an. Wir lachen innerlich bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheits-Eintrag im Buch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 40. Jahrestag der DDR einzustimmen, ohne dabei ein einziges Mal die Worte Perestroika und Glasnost zu erwähnen, welche tagtäglich aus dem West-TV auf uns niederprasseln. Stattdessen hat sie Honeckers Losung „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ verinnerlicht und hält langatmige Reden über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 40 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Ja, wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Claudia und weckt Ottmar und mich damit aus dem Wachkoma. Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute der Schule zum Fackelzug am Abend treffen, so als ob das alle beträfe. Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das stark eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Blumberg schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.
Als ich in die Raucherecke komme, steht dort Nadja Mustar. Wir sind allein. Es war in der 7. Klasse als ich mich an der POS das erste Mal in sie verliebte. Auch dort ging sie in die Parallelklasse, sodass ich die schwarzhaarige Traumfrau nur während der Hofpausen und beim Englisch sah und mit klopfendem Herzen beobachten konnte. Sie war das mit Abstand schönste Mädchen der Schule und jetzt, vier Jahre später, das erotischste Wesen weit und breit.
Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Damals in der „Käte Duncker“ hatte ich versucht, über ihre Freundin Simone Jungblut an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis zur EOS nie wieder ein Wort mit mir sprach.

Während Nadja sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich, obwohl ich längst keine Wisent- und Boxerjeans mehr trage, noch immer wie ein grauer Ostschlumpf auf. Fast erwarte ich, dass sie mich mit den Worten „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Sie fragt jedoch: „Mark, gehst du mit zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das „Schrauben-Locker“-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja. Irgendwie ist diese Zeit doch etwas ganz Besonderes. Außerdem will ich Gorbi noch einmal sehen. Aus meiner Klasse gehen aber nur Idioten hin. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“
Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt dort, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckungssuchend im Schatten des Denkmals warte ich. Nadja scheint sich zu freuen. Sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße fahren.
Zum Fackelzug der FDJ wurden die 80.000 Besten, oder Staatstreuesten aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass wieder einmal die Vokohila-Fraktion aus Sachsen in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd aus Polyestergemisch mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel. Auch ich – allerdings locker aus der Hose hängend, mit hochgeklappten Kragen und großzügig aufgeknöpft, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, muss ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt vor Erregung fast kotzen. Sie trägt nicht einmal einen BH und ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit dieser Frau!

Stabilehrer Koschwitz ist auch erregt und brüllt: „Schön dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Wir haben sogar noch eine Fackel übrig. Der Blumberg hat sich den Fuß umgeknickt“ Ich binde mir den Anorak, wie Nadja zuvor ihre Lewis-Jeansjacke, um die Hüften und trabe mit einer mittlerweile unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor. Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast weitermarschieren. Ein Sachsen-Paul, der mit riesiger FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „FDJ, SED, alles ist bei uns okay!“. Wahrscheinlich soll er damit die Dankbarkeit der Jugend zum Ausdruck bringen und ist sich der Zweideutigkeit seiner Worte gar nicht bewusst, denn bei „uns“ ist doch eigentlich immer (!) alles okay. Etliche Jugendliche brüllen mit und stimmen danach „Spaniens Himmel“ an. Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der FDJler haben dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze noch weiter aufknöpft. Mein Herz!

Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast der Republik angelangt sind, gibt diese zarte Frau plötzlich Urschreie von sich: „Gorbi, Gorbi, Gorbi“, kreischt sie und Hunderte, wenn nicht gar Tausende schließen sich an.

Besonders „Honni“ Honecker, Aurich und Ceausescu glotzen blöd aus der Wäsche, während der Angehimmelte würdevoll lächelnd in die Menge winkt. Vor uns sind „Perestroika“-Rufe zu hören und weiter hinten hält jemand ein Schild in die Höhe, auf dem einfach nur „Scheiße“ steht. Junge Männer in Kunstleder-Jacken versuchen sich zum Träger durchzukämpfen. Ich schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht und flüstere: „Ist ja doch ganz spannend hier“ Sie lächelt. Man bin ich verknallt!
Auf Höhe des Alex löst sich der Pulk auf, da dort Container für die Fackeln und Busse für die Dörfler stehen. Ich will mit Nadja noch einkehren, doch sie überredet mich im Café am Leninplatz, zwei Flaschen Rotwein an der Bar zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Der Wein ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, zieht mich langsam zu sich heran und gibt mir den zärtlichsten Zungenkuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.

Am Donnerstag, den 11. Oktober treffe ich mich mit Ottmar und Roman im HDJT. Irgendwann kommen wir auf Nadja zu sprechen, woraufhin ich den Fackelzug rekapituliere. Doch Ottmar stutzt: „Davon hast du mir gar nichts erzählt! Dann bist du ja einer der wenigen, abgesehen von den MfS-Schweinen, die am 6. und am 7. Oktober mit dabei waren.“ „Habe ich auch noch nicht drüber nachgedacht“, sage ich.
Am 7.10. 89 war ich mit ihm, Matze und Bernd auf der Demo am Alex zusammen mit einer „Gorbi, hilf uns“ und „Wir sind das Volk“ skandierenden Menge von etwa 3.000 Leuten gewesen. Vor der Spree wurden wir von bewaffneten Organen jäh gestoppt.

An diesem Tag feierten die Oberen und ihre Staatsgäste im grell erleuchten Palast gerade den 40. Geburtstag der DDR, während die Untergebenen aufbegehrten.
„Vielleicht haben die Idioten vor drei Tagen ja den letzten Jahrestag der Republik gefeiert“, sagt Roman mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. „Dann können sie auch gleich den Palazzo Prozzo entsorgen“, stimmt Ottmar ein. „Aber bitte nicht das Lenindenkmal“, gebe ich meinen Senf dazu. Was an dem Abend nach dem Fackelzug geschehen ist, habe ich bisher wohlweislich verschwiegen. „Nichts ist unvergänglich“, protestiert Roman „Alles hat ein Ende. Selbst unsere Freundschaft wird irgendwann vorbei sein, spätestens wenn wir sterben.“ ‚Allerspätestens jedoch‘, denke ich ‚wenn diese schaurig-schöne Welt in Flammen untergeht‘.
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Zum Weiterlesen: “Berlin Leninplatz” von Mark Scheppert
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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Lesung am 8. Juni 2017 im Café Tasso. Thema diesmal: Heiß & Kalt

22. Mai 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Termine

Eistee im März, Schnee im April, kurze Hosen im Mai und edelsüße, sonnenverwöhnte Weine aus dem hohen Norden. Auf das Wetter ist doch irgendwie kein Verlass mehr, oder?! Verläßlich sind aber die Unerhörten, die für alle Temperaturen heißkalte Texte für euch geschrieben haben und diese nach dem Wetterbericht zu Gehör bringen werden. Stargast: Mikis Wesensbitter

Lesung am 8. Juni 2017 ab 20 Uhr im Café Tasso in Berlin Friedrichshain mit der Lesebühne “Die Unerhörten” (icke dabei), Frankfurter Allee 11. Thema: Heiß & Kalt.
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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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Lesung am 13. April 2017 mit der Lesebühne “Die Unerhörten” und Stephanie Mattner

17. März 2017 | von | Kategorie: Blog, Termine

Im April widmet sich unsere Lesebühne “Die Unerhörten” zusammen mit dem Stargast Stephanie Mattner dem Thema “Vergänglichkeit”.

Aber keine Angst: es wird neben nachdenklichen & traurigen Geschichten auch wieder genug zu lachen geben, denn selbst die auf der Bühne stehenden Protagonisten erfahren erst am Tag der Lesung, wie ihre Lesebühnen-Kolleginnen und Kollegen an die Textaufgabe herangegangen sind.

Kommt vorbei, denn die Vergänglichkeit des Lebens wird vielen erst bewusst, wenn sie uns wieder einmal verpasst haben …

Wo: Café Tasso, Frankfurter Allee 11 in Berlin-Friedrichshain
Wann: 13.04.2017 von 20 bis 22 Uhr
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten”
Stargast: Stephanie Mattner Webseite
Eintritt: Frei
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