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Lesung am 8. Juni 2017 im Café Tasso. Thema diesmal: Heiß & Kalt

22. Mai 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Termine

Eistee im März, Schnee im April, kurze Hosen im Mai und edelsüße, sonnenverwöhnte Weine aus dem hohen Norden. Auf das Wetter ist doch irgendwie kein Verlass mehr, oder?! Verläßlich sind aber die Unerhörten, die für alle Temperaturen heißkalte Texte für euch geschrieben haben und diese nach dem Wetterbericht zu Gehör bringen werden. Stargast: Mikis Wesensbitter

Lesung am 8. Juni 2017 ab 20 Uhr im Café Tasso in Berlin Friedrichshain mit der Lesebühne “Die Unerhörten” (icke dabei), Frankfurter Allee 11. Thema: Heiß & Kalt.
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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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113 Minuten Brasilien – Das Fußball-WM-Finale 2014

12. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014


1974- Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden.
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang hatten sich im – von uns so genannten – “Scheppert-Eck” an der Mollstraße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die westdeutschen Nachbarn wurden Fußball-Weltmeister und ich war live und in Schwarz-Weiß mit dabei.

1990 – Meine erste bewusst erlebte Fußball-WM
Einige Monate nach dem Mauerfall saßen wir mit einigen Sixpacks Schultheiss bewaffnet auf einem der mit Gras überwucherten Sockel der Oberbaumbrücke und beobachteten die grölend vorbeiziehenden Idioten. Unangenehme Zeitgenossen mit Schnauzbart und in Marmorjeans torkelten aus Friedrichshain kommend in Richtung Kreuzberg. Sie grölten: „Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt“. Dieses Land war in Italien gerade zum dritten Weltmeister geworden und ich schämte mich für meine DDR-Landsleute – zutiefst.
Wir hatten die erste Halbzeit des Finales in einer verrauchten Kneipe gesehen. Keine deutschen Devotionalien schmückten den Raum und nur vereinzelnd trauten sich Gäste, zurückhaltend und unsicher, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Einige drückten sogar Maradona und seinem Team offenkundig die Daumen. Die Jungs hatten mich zur Halbzeit überzeugt, dass wir gerade jetzt mit ein paar Bieren auf die Brücke klettern müssten. Die Stadt war wie leergefegt. Diese ausgestorbene Straße mit dem ruhig dahin fließenden Fluss würden wir vielleicht nur einmal im Leben an einem Sonntagabend in solch unfassbarer Stille erleben können. Sie hatten Recht behalten. Berlin gehörte für 45 Minuten nur uns allein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Urschrei. An der Mauer und den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Die BRD musste in Führung gegangen sein. Doch der Jubel ließ mich nicht freudig erschaudern oder hemmungslos in Tränen ausbrechen. Obwohl die Wiedervereinigung kurz bevorstand, empfand ich nichts. Das war nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es war nicht mein Schrei! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft konnte mir bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich war kein Deutscher! Ich wollte reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Wollte andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Menschen treffen, andere Biersorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.
Ich drehte mich zu meinen Freunden um und murmelte etwas, doch dann erhob ich mein Bier und rief: „Dieses Land wird sehr lange nicht mehr Fußball-Weltmeister werden!“ Raketen flogen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot oder gelb, einige grün. Auch Böller waren zu hören am Abend des 8. Juli 1990.

1994 – Meine erste Fußball-WM als Bundesbürger
Mit Matze und Göte war ich 1994 zum Viertelfinale bei Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder erwartete einen deutlichen deutschen Sieg gegen Bulgarien. Bobo hatte sogar um seinen Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir gewinnen – gegen dessen Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel: 0:3 im Viertelfinale!

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, schrie Jeannet und sprintete in den Urwald. Aus heiterem Himmel war etwas unmittelbar vor unsere Füße gefallen. In Sekunden-Bruchteilen hatte wohl auch meine Freundin realisiert: Es ist eine fette Vogelspinne! Das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen wirkte wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechelte ihr hinterher. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brüllte ich, doch sie war bereits stehengeblieben und schrie wie am Spieß. Vor uns liefen nun dutzende der Ekelviecher herum. Atemlos erreichen wir den VW-Käfer. Plötzlich krachte etwas aufs Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckerte ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Auf einmal fiel mir etwas auf, was ich in der Aufregung gar nicht begriffen hatte.

Rückblende: wir hatten uns den weißen Käfer gemietet und fuhren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollten das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Mayastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut worden war. Schon von weitem sahen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Doch auf dem Parkplatz standen viele Busse, sodass wir entschieden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Eine Stunde brauchten wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es war fast schon ein bisschen gespenstig als wir auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage im Dschungel liefen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden schienen denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlugen uns durchs Unterholz und erklommen die Stufen zum „El Castillo“. Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán war umso spektakulärer, da sie auf einem Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckte sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo.
Auf dem Weg zum Auto begann es bald sintflutartig zu schütten, aber wir entdeckten einen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion saß ein altes Männlein mit indianischem Einschlag, der gerade geschnitzte Holzfiguren in schwarze Plastiktüten verstaute. Während der Regen lautstark niederprasselte, ließ sich meine Freundin eine Jaguar-Maske zeigen.
Jeannet hatte vor einigen Tagen Tränen gelacht, als ich ihr die Story von diesem Priester erzählt hatte, der mir für 2014 den nächsten deutschen WM-Titel prophezeit hatte. Wie naiv ich nur sei: der vermeintliche Hellseher hätte doch nur die in die Erde geritzte Zahlenreihe vervollständigt. 1998, 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen. Ich schaute mir den Kunstgewerbe-Verkäufer genauer an. Okay, einen zweiten Versuch war es wert. Ich malte mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahmte die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischte Jeannet. Sie trat unter der Hütte hervor und sprintete in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst hier im Auto fiel mir ein, was ich in der ganzen Aufregung fast übersehen hatte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaute mich fragend an und ich grübelte bereits in welchem Land das Ereignis wohl stattfinden wird und ich dann schon über 40 Jahre alt bin. „Deutschland wird also tatsächlich erst 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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1998 – Meine erste Fußball-WM in Südamerika
Die Zeit drängte, denn wir mussten noch eine Kneipe finden, um live zu erleben, wie Deutschland ins Halbfinale einzog. Auf der Plaza Bolivar in Porlamar (Venezuela) stoppte plötzlich ein LKW mit quietschenden Reifen. Bewaffnete Soldaten sprangen herunter und stürmten auf uns zu. „Manos arriba“, brüllte ein Typ mit vorgehaltener Kalaschnikow. Ein zweiter Krieger schrie: „Pasaporte!“ „Den hat der da vorne“ rief Matze auf Deutsch“, „Passaporte!“ „Jenna, du Idiot, bleib doch mal stehen“, kreischte Göte, doch es war zu spät. Mit der Gewehrmündung im Rücken wurden wir auf den LKW getrieben. Als die Ladefläche mit 30 männlichen Personen gefüllt war, rasten wir im Höllentempo davon. Drei Soldaten richteten die Waffen weiterhin auf uns und ihr Anführer befahl, die Schnauze zu halten. Nach zwanzig Minuten wurden wir mit militärischem Gebrüll vom Wagen gestoßen. Sie führten uns auf eine Aschelaufbahn und forderten uns auf, dort hintereinander im Kreis zu marschieren.

Nach einer Runde erreichten wir wieder das Hauptgebäude und der Kommandeur beorderte mich aus der Kolonne. Ich hörte wie er den Truppenleiter anbrüllte und verstand: „La puta rubia“ (die blonde Nutte). Er erklärte mir, was das für eine Aktion ist: Da sich die Männer hier gern mal vor dem Wehrdienst drücken, werden in solchen Einsätzen alle Jungs im entsprechenden Alter eingesackt. Innerhalb von 24 Stunden müssten sie dann nachweisen, bereits gedient zu haben.
Vorsichtig räusperte ich mich und deutete auf meine noch immer rotierenden Jungs. Als sie das nächste Mal bei uns waren, winkte er Matze und Jenna heraus. Nur Göte musste geschockt eine weitere Runde mit den neuen Kameraden drehen. Kichernd beschlossen wir, dem Kerlchen noch 400 Meter zu gönnen. „Scheiße, das Spiel!“, rief Matze. Wir rannten zum Chef und baten ihn, Göte zu erlösen. „Ihr seid ja richtig gute Freunde!“, brüllte er als wir aus der Armee entlassen wurden und in eine Spelunke stürmten. Gleich war Halbzeit und Kroatien führte mit 1:0. Soeben war auch noch Christian Wörns vom Platz geflogen. Nachdem wir eine Lokalrunde spendiert hatten, war die Kneipe komplett auf Seite der Deutschen, doch Vlaovic und Suker verdarben mit ihren Toren eine gigantische Polarbier-Party in Polarmar: 0:3 im Viertelfinale!

2002 – Mein erstes Fußball-WM-Finale als Bundesbürger
Sylvie und ich schmissen die Sachen aufs Bett und gingen hinaus, um noch ein paar Fotos in „Torres del Paine“ in der chilenischen Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld stand eine wild gestikulierende Horde, die gerade etwas absteckte. Ein Typ kam angerannt und brüllte aufgeregt irgendetwas von „futbol“. Bevor wir ihn verstanden, waren wir schon Mitglieder der „Extranjeros“ (Ausländer). Neben uns waren noch ein Deutsches Paar, ein Japaner und zwei Argentinier mit im Team und wir durften nun gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten.
Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team hatten, wirkten sie eingespielt. Der Ball lief gut durch ihre Reihen und nach fünf Minuten hätten sie bereits 3:0 führen müssen, scheiterten jedoch immer an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause konnten wir uns besprechen und veränderten die Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bildeten nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, stand im Mittelfeld und der Argentinier Joaquin spielte allein im Sturm. Wir ließen den Gegner kommen und starteten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passte steil auf Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielte. Schuss – gehalten! Doch deren Keeperin ließ den Ball abprallen, woraufhin „Joa“ ihn mühelos über die Linie schieben konnte. Ein ohrenbetäubender Torjubel schallte durchs Tal. Das „Ausland“ führte und kurz danach gelang Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen.

Die Chilenen gratulierten fair und luden uns zur Party am Abend ein. Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlte, rief euphorisch: „Das war ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“. Selbst mir war das bisher gar nicht aufgefallen.
Wir tanzten, sangen und wurden von den Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Liter Pappen gehörig abgefüllt. An jenem Tag war ihr Nationalfeiertag. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ feierten sie sich lautstark selbst.

Auch wenn während der WM 2002 wieder die ersten Deutschland-Rufe ertönten, hatten wir bei den Spielen lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale gegen Brasilien, welches wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn sahen, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wuchs da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann: 0:2 im Finale!

2006 – Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zwar fand das Finale in meiner Heimatstadt Berlin statt, doch ich war gerade mit Sylvie auf Weltreise und tourte durch Südamerika.
Das Halbfinale verlief in etwa so: Wir verliebten uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas in Brasilien und schließlich fanden wir eine Traumunterkunft mit Pool und Hängematte vor dem Zimmer. Im Dorf lagen überall grün-gelb-blaue Girlanden im Müll. Brasilien war bereits ausgeschieden und hatte abgeschmückt. Unser Spiel gegen Italien schien hier niemanden vom Hocker zu reißen. Nach längerer Suche entdeckten wir in einer verrauchten Bar dann aber doch noch die Hardcore-Fans des Ortes. Endlich trafen wir auch Mauro, den italienischen Inhaber unserer Pousada, der uns herzlich begrüßte und sofort mit seinen Dorfkumpels bekanntmachte. Das Lokal war in grün-weiß-roter Hand. Mauro und drei Typen seiner Gang trugen sogar Trikots der „Squadra Azzurra“. Eine italienische Fahne hing von der Decke herab. Brahma-Bier und Kurze wurden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizte. Die Hütte brodelte, als ob wir uns in Sizilien befänden und schnell bildeten sich zwei Fan-Lager: Sylvie und ich in den Deutschland-Trikots – gegen den Rest.

Das Spiel war nicht gut, lebte aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen waren, orderten auch wir erste Beruhigungsschnäpse. Mauro, dieser heißblütige und so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ war, platzierte zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkte in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Mauros Lieblingsverein Palermo. Nach dem zweiten Tor drehte unser Hotelier dann endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italiener auf dieser Welt.
Erstmals im Leben füllten sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nahm mich tröstend in die Arme. Nach und nach kamen Gäste an unseren Tisch und drückten ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellte die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzte sich dazu. Er bettelte nun fast darum, dass wir bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spürte, wie meine Trauer allmählich verflog, erhob mein Glas und rief: „Okay, du Scheiße-Italiener“: 0:2 im Halbfinale!

2010 – Meine erste Fußball-WM als Deutschland-Fan

Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir liefen hunderte, aufgeregt plappernde Leute. Fast alle trugen ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und hatten sich die Gesichter, Arme – manche sogar die Zehennägel – „deutsch“ bemalt. Etliche imitierten einen Hornissenschwarm, indem sie in eine Vuvuzela tröteten. Doch obwohl sie damit meine Nerven strapazierten, wirkten diese Menschen nicht martialisch, böse oder gefährlich – eher zuversichtlich, hoffnungsfroh und unglaublich glücklich. An diesem Tag begann die WM 2010 erst richtig, denn Deutschland traf im Achtelfinale auf den Erzfeind aus England.
Auch ich trug das Trikot der Deutschen, ohne mich dafür zu schämen. Ein wenig „Krakengläubig“ das rote 2006er Auswärtstrikot, da unser Team bisher nur einmal gegen Serbien verloren hatte, als ich das weiß-schwarze getragen hatte. Nein, es gab da kein verpflichtendes Gefühl im Zuge der fortschreitenden „Schlandisierung“ meiner Heimat, auch keinen übertriebenen Nationalstolz. Während der WM 2006 hatte ich das Shirt erstmals in Südamerika getragen. Ich wollte den Leuten damals zeigen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um diesen wunderschönen Kontinent bereisen zu können und vor allem, wem ich die Daumen drückte! Doch im Jahr 2010 war ich erstmals die gesamte WM lang ein Fan unserer Nationalmannschaft gewesen.

Viele Freunde waren schon da und alberten nervös herum. Wir sind ein zusammen gewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch die Jungs, mit denen ich vor 20 Jahren auf den Turmsockeln der Oberbaum-Brücke gehockt und das WM-Endspiel 1990 bewusst ignoriert hatte, waren erschienen.
Durch die Straßen schob sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans. Angeblich soll die Stimmung 2006 noch viel ausgelassener gewesen sein. Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Meine Stadt erstarrte in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen. Das Spiel begann.
20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilte dem englischen Verteidiger und schob, fast im Fallen, den Ball über die Linie. Ein Schrei donnerte durch die Simon-Dach-Straße. Es war ein Urschrei, der aus tausenden Kehlen gleichzeitig ertönte. Ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex. An den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel ließ mich erschaudern. Das war mein Land. Es war mein Team und auch mein Tor. Es war mein Schrei!

Viermal jubelten wir an dem Tag und ebenso oft berauschten wir uns im Viertelfinale an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Ich war beruhigt, dass es nur Uruguay bis ins Halbfinale schaffte. So hatte ich keine gigantische Party in Südamerika verpasst. Außer die in Montevideo. Doch auch für Deutschland war im Halbfinale gegen Spanien Schluss. Müdigkeit, Trauer und Depression. Ich fiel in ein schwarzes WM-Loch, bis ich mich entschloss, nach Madrid zu fliegen: 0:1 im Halbfinale!

2014 – Mein erster WM-Titel als Bundesbürger
In Madrid erlebte ich 2010 einen Jubel, den ich niemals im Leben vergessen werde, denn wie eine zerstörerische Lawine brach ein hunderttausendstimmiges „Goool“ in der 116. Minute über Spaniens Himmel herein. Es war ein nicht enden wollender Schrei, so als ob das ganze Land jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Alle tobten und kreischten bis zum ersehnten Schlusspfiff. Es war der (!) spanische Treffer der letzten 100 Jahre, die Erlösung und der fußballerische Erinnerungsmoment eines jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Kein Einziger hatte dieses Glücksgefühl jemals zuvor verspürt, denn Spanien wird eben nur einmal zum allerersten Mal Fußball-Weltmeister! Gracias Iniesta!
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In Deutschland sind diese kollektiven Emotionsausbrüche im Jahre 2014 eigentlich nicht möglich. Es gibt zu viele Menschen, die sich noch an die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 erinnern können oder sogar live dabei gewesen waren, ob nun vor dem TV oder in einem der drei Stadien. Auch ich bin mittlerweile so alt, dass ich bei zwei Triumpfen zumindest schon existiert habe. Dennoch endet für mich heute eine lange Reise – egal wie das Spiel ausgeht – denn mehr geht einfach nicht: Argentinien gegen Deutschland im Finale einer Fußball-WM in Brasilien; einer WM, bei der ich bis zum Viertelfinale selbst mit vor Ort war. Alle Turniere danach werden nie wieder diesen ultimativen Kick auslösen können.

Auf meinen Reisen durch Südamerika wurde mir des Öfteren prophezeit, dass unser Land 2014 wieder Fußball-Weltmeister wird, aber ernsthaft glaube ich eigentlich nicht an diesen Hokuspokus, wenngleich ich die Vorhersage in „90 Minuten Südamerika“ schriftlich festgehalten hatte. Gerade heute, an einem 13ten im Juli, bin ich mir nicht mehr so sicher; denke an den unberechenbaren Messi-Zwerg, an die stimmgewaltige Übermacht der argentinischen Fans im Stadion und an die Magenkrämpfe verursachenden Deutschland-Spiele gegen Ghana und Algerien.
Zwei Stunden vor Anpfiff fahre ich in meinen Pub in Friedrichshain, um bei ein paar Vorgeplänkel-Bieren herunterzukommen. Obwohl alle, die ich im Freundeskreis mit dem „Rockz“ in Verbindung bringe, nach und nach eintrudeln, kommt zunächst keine unbändige Vorfreude auf. Viele haben wahrscheinlich, wie ich, die Vorahnung, dass uns nach dem 7:1-Wunder ein enges, hart umkämpftes und hochdramatisches Spiel bevorsteht, dessen Ausgang niemand vorsagen kann. Warum meldet sich Truman eigentlich nicht? Um 21 Uhr atmen alle auf. Das Spiel beginnt.

113. Minute: Kroos passt hinüber zu Schürrle, der im Sprint auf der linken Seite bis weit in die argentinische Spielhälfte vorstößt. Bedrängt von zwei Verteidigern schlägt er eine Flanke, die auf Höhe des Fünf-Meter-Raums landet. Der heranstürmende Götze kann den Ball mit der Brust nicht nur stoppen, sondern fast im Rutschen mit links in Richtung Tor befördern. Während der argentinische Keeper wohl eher mit einem Schuss ins kurze Eck spekuliert, landet der Ball hinter ihm im … (für den Bruchteil einer Sekunde verharren wir in ungläubigem Staunen, doch dann schreien wir es gemeinsam hinaus)…Tooor! Es ist der (!) ultimative deutsche Treffer des 21-Jahrhunderts, die Erlösung nach 24 Jahren des Wartens. Der fußballerische Erinnerungsmoment für jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Danke Mario!

Bierbänke kippen krachend nach vorn, Gläser auf Tischen verlieren ihren Halt und scheppern auf den Asphalt. All meine Freunde fallen sich in die Arme und dann in einem wirren Knäul gemeinsam zu Boden. Bis zum Abpfiff wollen wir uns dort in Jubelorgien ergehen. Es gelingt nicht, denn der Schiri will einfach nicht abpfeifen und als Messi in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, sterben nicht nur wir tausend Tode. Doch er verzieht und dann heißt es tatsächlich: 1:0 im Finale!

Jetzt kommt mit Sicherheit kein spiritueller Mist nach dem Motto: Spinnen, Krebse und Priester haben mir den WM-Titel bereits prophezeit. Auch kein sentimentaler Abgesang, dass mein Coming-Of-Age (mein Erwachsenwerden) nun vollzogen ist, weil sich Herr Scheppert, dem im Jahre 1990 die Nationalmannschaft noch völlig am Arsch vorbeiging, 2014 nun selbst wie ein Weltmeister fühlt. Nein!
Nur dies: Wir sind eine tolle Nation, die in der Welt geschätzt und gefeiert wird – nicht zuletzt durch unsere Fußballspieler, deren Eltern in allen Teilen dieser wunderbaren Erde geboren worden sind. Die Guten haben gesiegt!

Durch die Verlängerung ist es schon spät geworden, doch ich feiere als gäbe es kein Morgen – zunächst im „Rockz“ mit Freunden und wildfremden Menschen, dann weiter in der „Tagung“ mit dem Bodensatz dieser Truppe. Irgendwann habe ich im Vollrausch eine wirre Idee, die mich nicht mehr loslässt, doch erst gegen 4 Uhr, als ich längst zu Hause sein sollte, wanke ich los. Erst im dritten Späti finde Schultheiss und als ich an der Warschauer Straße angelangt bin, habe ich bereits das zweite Bier des Sixpacks intus.
Am U-Bahnhof ahne ich, dass ich im Begriff bin, Scheiße zu bauen. Adrenalinblöd renne ich in der Dunkelheit auf den Gleisen in Richtung Oberbaumbrücke. Keiner kann mich jetzt stoppen und als ich an den roten Backstein-Türmen angelangt bin, ist das Ziel einer 24jährigen Reise erreicht. Ich weiß: auf die Türme werde ich nicht gelangen, aber die Aussicht von oberhalb der Brücke reicht mir völlig. An der Kante, kurz hinter den Schienen sitzend, mit Blick auf die Spree und meine, sich noch immer rasant verändernde Stadt, mit dem Fernsehturm als Fixpunkt in der Ferne, habe ich den Platz gefunden, an dem ich unter dem Sternehimmel den Weltmeistertitel 2014 mit herunterbaumelnden Beinen ganz allein genießen kann. Meinen ersten als …

… plötzlich blendet mich etwas. Ein Lichtstrahl nähert sich in atemberaubender Geschwindigkeit: Scheiße, die U-Bahn! Bin ich bescheuert oder was?

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika oder 113 Minuten Brasilien
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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
FDJ
Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
Kassette
Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
Mauergewinna
Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Lesung “Die Unerhörten” am 9. März in Berlin

28. Februar 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Termine

Der Lenz steht kurz vor der Tür. Habt Ihr eigenlich schon mit dem Frühjahrsputz begonnen und all den Schrott, der sich über das letzte Jahr angesammelt hat, entsorgt? Oder gar ein neues, funktionstüchtiges Auto gekauft?
Falls nicht kommt am 9. März 2017 zur nächsten Lesebühne der “Unerhörten”. Wir geben hilfreiche Tipps, verpackt in sechs unterschiedliche Geschichten, denn unser Thema ist diesmal “Schrottreif”.
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Wo: Café Tasso, Frankfurter Allee 11 in Berlin-Friedrichshain
Wann: 20 bis 22 Uhr
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten”
Stargast: Claudia Cliff
Eintritt: Frei
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Auf echt gute Freunde – Venezuela 1998

30. Januar 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Palme Klettern… ein rostiger Seelenverkäufer bringt uns nach Puerto la Cruz und mit einem Colectivo fahren wir in das Geheimtipp-Örtchen. Wir werden nicht enttäuscht! Santa Fe ist ein karibischer Traum und wir sind zusammen mit zwei süßen Mädels aus Mainz und Worms die einzigen ausländischen Touristen. Wir finden eine gemütliche Posada und trinken eisgekühlte Cocktails in einer Bar, die mitten auf dem Strand steht. Genau der richtige Flecken Erde, um den Urlaub ausklingen zu lassen.
Mit einem Fischerboot lassen wir uns auf eine Insel des Mochima Nationalparks schippern. Eine Delfinfamilie begleitet schnatternd unseren Weg und als wir das Eiland betreten, wissen wir, dass wir nun endgültig im grün-weiß-blauen Paradies gelandet sind. Große Kokospalmen werfen Schatten auf pulvrigen Sand, der in kristallklarem Wasser mündet. Wir stellen die Kühlbox unter die Bäume und schnorcheln die Küstenlinie entlang. Mit der Strömung lassen wir uns treiben. Aquariumfische begleiten uns über farbenfrohe Korallengärten. Wir sehen Tinten- und Trompetenfische, Seeigel und -sterne, Muränen und sogar einen gewaltigen Rochen. Allmählich verlieren wir das Zeitgefühl beim Eintauchen in eine andere Welt. Die Insel ist im Norden viel schroffer. Raue Felslandschaften und scharfkantige Klippen ragen hier ins Meer. Wir schwimmen von einer Bucht in die nächste und als wir erkennen, dass wir nirgendwo einen Ausstieg finden werden, machen wir uns auf den Rückweg. In kräftigen Zügen müssen wir nun gegen eine starke Strömung ankämpfen. Plötzlich sehe ich Göte aufgeregt mit den Armen rudern und schwimme hinüber. „Scheiße, ich hab einen Krampf“, ruft er mit leichter Panik in der Stimme. ‚Nicht dein Urlaub’, denke ich, denn auch bei den Mainz-Worms-Dantas waren gestern nur Matze und Jenna in die zweite Runde gekommen.
Strand
„Warte!“, brülle ich, hole tief Luft und packe unter Wasser sein rechtes Bein, um den Krampf, wie beim Fußball, herauszudehnen. Schwer atmend tauche ich wieder auf. „Das funktioniert so nicht Scheppi“, röchelt er verzweifelt. Auch die Flut scheint nun einzusetzen, denn das Meer ist auf einmal aufgewühlt und die Wellen werden immer höher. „Halt dich an meinen Schultern fest!“, schreie ich ihn an. Doch obwohl ich ein ganz guter Schwimmer bin, komme ich – mit ihm im Nacken – nur mühsam voran. Langsam werde auch ich unruhig. Doch plötzlich erblicke ich zwei Wesen, die schnatternd unseren Weg kreuzen. Nein, keine Delfine. Matze und Jenna. Abwechselnd nehmen wir Göte ins Schlepptau. Wir kraulen, wie noch nie im Leben und schlucken literweise salziges Wasser. Schließlich gelingt es uns, ruhigere Gewässer zu erreichen.
Noch Minuten später kann ich mein Herz bis zum Hals schlagen hören. Neben mir hustet sich Jenna etliche rote Marlboro aus der Lunge und auch Matze liegt auf dem Rücken im Sand und versucht, wieder gleichmäßiger zu atmen. Nur Göte sitzt im Schatten einer Palme und hat den Kopf in die Hände gestützt. Ich schaue in den wolkenlosen Himmel und denke nach.
Schnorcheln
Meine vierte Reise nach Lateinamerika geht nun bald zu Ende. Ein Gefühl sagt mir, dass ich bisher oftmals, ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder gereist war. Ich hatte nie richtig hinterfragt, warum ich das überhaupt tat. Einfach nur, um einen weiteren roten Punkt, auf eine imaginäre Weltkarte zu kleben? Was war mir wirklich wichtig gewesen? Andere Kulturen kennen zu lernen, andere Landschaften zu sehen, andere Architekturen zu bestaunen, andere Lebensweisen zu begreifen, andere Menschen zu treffen, andere Bier- und Fischsorten zu testen, andere Musik zu hören, oder anderen Sex zu haben?
Göte kommt nach vorne gelaufen, drückt uns ein Bier in die Hand und stammelt: „Ich muss mich bei euch bedanken. Ihr habt mir eben echt das Leben gerettet. Ihr seid richtig gute Freunde!“ Ich drehe mich nicht um. ‚Vielleicht bin ich ja genau deswegen hier’, denke ich ergriffen. Manchmal muss man eben sehr weit reisen, um in solch einem Moment, genau das zu begreifen: Ja, auch mir ist die Freundschaft mit den Jungs mehr wert, als das Bewundern der ganzen Welt!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Socialist animals – Youth in the GDR

13. Januar 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Tierpark5There was even a worse horror scenario in my childhood than the sentence: “We are going to the garden!” And this fatal sentence was: “Let’s go for a whorl!”
It meant that the whole family Scheppert by order of my mother dressed up extra finely and strolled at snail’s pace through the park called Volkspark Friedrichshain. We started at our flat in Mollstreet, went to the Lenin monument, passed the restaurant called Köhlerhütten to reach the hospital and the sports and leisure centre until we finally approached the old natatorium. There was the turning point and we went back by passing the second duck pond, the bunker hill and the fairy tale well to Hans-Beimler-Street where we sometimes all stopped in the Scheppert Corner to eat toast Hawaii. Most of the times however, Benny and I went directly back to our flat to watch TV.
A whorl was only this special stroll through the park. The really good trips to the Palace of the Republic, the children’s park called Wuhlheide, the lake or the Berlin animal park we loved so much were not called whorl neither by us nor by my mother. Furthermore, we determined when we go to the animals and that was quite often, also to avoid the whorl.

Some day our family knew all the animals, every path that one could go and every new arrival. The polar bears, the elephants and the monkeys were our favourites, but we also loved the otters, the pot-bellied pigs and the okapi. Sometimes we even went to the animal park on our own and Benny had to know by heart which animal we would reach next and where it came from. I am sure that he still knows the order.
The animal park conveyed us unconsciously the feeling of width. We could sniff at faraway countries and continents, although we knew that we would never go there. Here the elephants and lions from Africa, the leopards, penguins and owls from South America and the monkeys from Southeast Asia embodied all the foreign countries for us. In the Alfred-Brehm-house where the big cats roared and in the tropical house among nervously fluttering bats we could guess how other climate zones might feel. This huge animal park in Berlin Friedrichsfelde was the symbol for limitless freedom in our childhood.
Tierpark7
For Christmas Benny and I wanted to have two hamsters. We wrote a letter to Santa Claus and were heard. Thus, under the crippled Christmas tree that my dad as always bought at the last moment two little hamsters ran around their cage. Moritz looked nearly the same as Max only that he had a white belly. Of course we really loved how they accomplished their feats and clung to our sweaters.
But in May 1983 we had a real problem: every wallpaper, carpet, shoe, and nearly everything else that was reachable for the hamsters were nibbled off.
Dad had heard from his colleague that mice are able to climb up the cable ducts until they reach the upper storeys of the houses. Therefore he diagnosed mice in the 9th floor of Mollstreet. He put up a mouse trap.
With a piece of cheese in his mouth and a broken neck we found Moritz in the trap the next day. Because of my mother’s horrific screams I wasn’t saved from the awful sight. Benny was luckier since my mother told him very emotionally that Moritz had died and our father threw him down the waste disposal unit. Three days he cried in the evening when he lay in bed next to me.
Olly Hamster
During the second week of our summer holiday camp in Harz Mountains I received a letter from my mother saying that Max had been disappeared and that I should prepare Benny to cope with that sad scenario.
Our parents had taken the survivor of our two hamsters to the weekend home and left him in the shadow of the cherry tree. My mum was working in the patch and dad was drinking beer when suddenly a huge dog came along, grabbed Max and disappeared. When the dog reached the car park he opened his mouth and let him free. And indeed Max was still alive but he was so shocked that he started running at breakneck speed through the fence and disappeared. Benny didn’t cry as badly as the first time since I told him that we could hope to find him when we were back at home. Until late September we really combed through all the bushes, ditches and hedges. Being quite angry with our parents, we demanded a new pet.
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Mum always went to the Autumn Fair in Leipzig and we had only waited for this moment. It took two days to melt our dad’s heart and we all went to the pet shop in Bötzowstreet. Totally unbiased we started the pet selection, but soon we agreed to take the ball of wool in the corner: a guinea pig. On the way back home it got already its name: Otto. We didn’t choose the name because we had an uncle called Otto or knew the swimmer Kristin Otto, we both loved the comedian from West German television: Otto Waalkes.
Being hardly at home dad went to Scheppert Corner to get his after work beer. When dad was gone it took only 5 seconds until Otto disappeared behind the wall unit in the sitting room. Benny started crying.
We tried to tempt the guinea pig with all edible stuff we could find at home, but we didn’t hear a single sound. When dad came home at around 10 p.m. he was in a good mood thanks to the beers and snaps he had drunk. He found his two boys wailing in the sitting room and decided to disassemble the wall unit straight away. When all the pieces of the wall unit lay separately on the ground we could free Otto that looked very dazed and put it in its cage. The wall unit we reassembled only one day before mum returned home from the Autumn Fair.
Without mum we three felt quite contented in between the chaos and dirt we had created on our own. But on the other hand, we ate broilers from the restaurant around the corner instead of bread for dinner, we were allowed to watch television until the end and we welcomed a new family member: Otto, the guinea pig. The whole family loved Otto even our very sceptical mother. We argued about cleaning the cage, feeding Otto or taking him to the vet. Otto was the ideal pet for us.
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This strong affection lasted for about one year. In the meantime he wasn’t the small cosy animal anymore, he turned out to be massive and took already one forth of the cage. When he woke up at half past six in the morning and started squealing we drowsily threw some carrots, salad leaves or grass into the cage hoping that he will stop making annoying sounds. After a short time Otto’s cage started stinking horribly. So this animal became a real burden.
Since the eye-stinging smell did my head in I had the perfect idea on a hot summer morning. I took Otto out of the cage and threw the content out of the window of the 9th floor. That was quick and easy. All the wet sawdust and the guinea pig excrements were gone. Five minutes later the doorbell rang and when I opened Mr Romer from the 8th floor pulled me by my ears into his flat. He gave me a vacuum cleaner and I had to clean their bedroom. Thousands of pissed pieces of sawdust decorated their carpet. And although I had accepted this humiliation he even told my mother everything when she came home in the evening. I was standing next to her and felt lucky that my dad was in the Scheppert Corner. On the next morning however, my dad put Otto in a shoe carton and took him back to the pet shop. Shit, mum did tell him everything.
The next day a small boy robbed his piggy bank and went to the pet shop in Bötzowstreet full of hope. With tears in his eyes Benny was looking for his guinea pig Otto. But the lovely, cute and frizzy animal had just been sold 20 minutes ago and the salesman couldn’t remember the person he sold it to. Every attempt to find out who bought Otto failed and so the guinea pig had been our last pet.
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Distracting him from his grief I played with my brother the underground game “wall, picture or writing”. We went from our station to the animal park station by underground and had to guess which of the three things appears in front of the window opposite our seats when the train stops. “Wall” meant just the blank glazed tiles of the underground stations, “pictures” were the empty, white billboards even though one couldn’t see anything on them and “writing” were the names of the stations. That game was good for Benny since he had a higher chance to beat me. Every time we happily entered the park of the socialist animals.

When Melli, Jürgen and I left Bernd’s party in Berlin-Karlshorst I had lost my bearings completely. I was tired and didn’t know how to get home. However, the two boys accompanying me didn’t seem to be in the same state. They wanted to continue partying. I hadn’t known the two for long, but I knew at least that one of them also lived in Friedrichshain, so I expected that we could share a taxi home. Melli had grown up here in the vicinity and had a totally different adventurous idea. It was a warm summer night and when we went through the unpeopled streets I could suddenly recognize the logo of one of my most favourite places: the animal park Berlin. Melli ran forward and when I saw him sitting 15 metres above the ground on the artificial hill of the bear compound I knew what he contemplated. We followed Melli and also climbed up the hill at the entrance and down on the backside.

There was a strange atmosphere in the animal park at that time of the night. Empty paths led us through the wide area. The only sounds we heard were our excited but whispering voices, some bird twittering and some grumbling, yelping, howling and chattering of several animals. Even in the total darkness I found my way perfectly and led my friends through the park. We passed the moon and polar bears, arrived at the cute marine otter, next to the pot-bellied pigs to reach the okapi and the shoebill. We more or less respected the animals’ peace, except that we climbed up the rock wall that led to the polar bears again, our jumping over the water ditch of the bison compound and Jürgen’s attempts to ride an obstinate donkey for a few metres.
In the Japan-macaques’ compound there was brisk business. The little monkeys seemed to burn the candle at both ends, jumped up and down on their artificially built temples. As if by magic Jürgen took a sixpack of beer out of his rucksack. With a smile in our faces we sat down on the grass with a beer in our hands and watched the monkeys doing their sensational flights below the clear starry sky. When we had nearly finished our second beer and Melli already sat on the wall to the macaques’ compound, we suddenly heard somebody screaming about 200 metres away: “There they are, these bastards.” The moon was shining very bright and so we could see two fat guys approaching us quickly wearing green overalls and being armed with two pitchforks. Maybe it would have been more useful for them to be silent since we benefited from having a commanding lead: being in panic we started running. Some weeks before the newspapers had reported about some perverts that had broken into the animal park torturing the poor animals senselessly, some even to death. Persecuted by the screaming men with the pitchforks we suddenly guessed that they probably thought we were the animal abusers.
Pate
We sprinted through the animal park, passed the zebras, kangaroos, the shrieking monkeys and gawking camels. Finally we reached the snakes’ house just behind the old castle. The other two watched me eagerly as I had led them. Now it helped me a lot that I regularly visited the animal park since my fourth birthday. We climbed on the roof of the administrative building and ran until we reached the end of the house. Right here the roof abutted on the high wall that surrounded the park. But now we faced the bigger problem: on the backside of the building there was a yawning chasm of about 3 metres before we could reach the rescuing street. Surely we would break our bones. However, Melli who didn’t know any fear let himself slip down very easily and then helped Jürgen and me to jump down. It felt terribly long until I reached the ground, but drunks never harm themselves seriously. We could hear the zookeepers screaming angrily on the other side and still far away the sirens of a police car. Jubilating and laughing we went home – what a great night walk.
On the next day I became aware of the fact how lucky we had been the night before. What should I have said if Ihad been arrested? That I love animals so much? That my relationship with animals is extraordinarily good? That I have saved our guinea pig Otto together with Benny and my dad when it stuck behind the wall unit? Would that be enough to rescue me? We shouldn’t deceive ourselves: one dead and one missing hamster and a guinea pig that was brought back to the pet shop aren’t a good record concerning pets.
Tierpark
When I walk through the park in Friedrichshain today together with my mother, we mostly end up in a comfortable Italian café where we eat an ice cream and drink cappuccino. The other tradition in my family I couldn’t continue since the so called “Scheppert Corner” doesn’t exist anymore. At that corner there is a huge gap and they even renamed the street. In the near future there will be built a hotel at that place with some shops in the ground floor and absolutely nothing will remind us that there was the favourite pub of Mr Scheppert.
Today is Sunday and I just called my mother and asked: “shouldn’t we go for a whorl?”
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If you want to read more: Generation Wall
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Silvesterparty – Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Jugend in der DDR

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

M.S.Eigentlich müsste ich meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, da sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.
Aber das geht leider nicht, denn heute beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blickende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecher-Durchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinen heulen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel, oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Hängebauch-Schweinen. Manche erheben sich in einer Gondel des Riesenrads in die Lüfte unter dem Fernsehturm. Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel. Dirk, Lars und Andi trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen die urst einfetzen und welche es sonst in meiner Stadt nicht gibt.
Weihma
Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn an der „Lotterie“ oder nach Treffern beim Dosenwerfen – in totalen Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt eigentlich immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, da die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit ‘nen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind wir endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten, nicht mehr so zu umgehen. Ganz ehrlich: da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12.86 geht es auf ein „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain und wen treffen wir? Richtig: die Wagenbach mit ihrem Stasi-Macker. Der Kerl wird eigentlich nur so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Ostberlins ist. Keiner meiner Freunde mag ihn. „Na Mark, hast du denn schon deine Aufgabe erledigt?“, fragt mich die 24jährige Traumfrau mit einem Lächeln. „Ja, klar doch Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch mal in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die Blicke meines Vaters im Rücken.

Erst vor wenigen Wochen lümmelte ich wie gewohnt auf dem Teppich herum und hörte Hey Music. „Musst du keine Hausaufgaben machen, du Faultier?“, fragte er, als ob ihn das was angehen würde. Ich reagierte genervt: „Wie hast du eigentlich deine Schule abgeschlossen?“ „Mit Zwei!“ „Okay, ich werde besser sein und jetzt mach bitte die Tür hinter dir zu.“ Es war meine allererste Ansage gegenüber meines zwar nicht sonderlich strengen, aber körperlich noch immer sehr überlegenen Vaters gewesen. „Zum Glück hast du Bitte gesagt“, murmelte er und verschwand dann summend – es lief gerade „Depeche Mode“ – aus dem Zimmer.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Vielleicht schaffst du es ja doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Der böse Mann im schwarzen Leder ist derweil zum zugefrorenen Ententeich weitergelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil Benny während der kuhlen Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand leicht verstaucht. Wir kehren um.
Am 27.12. ist mein Bruder wieder einmal zu Gast im Krankenraus Friedrichshain. Seit er sechs Jahre ist, ruft er immer, wenn wir dort mit der Straßenbahn vorbeifahren: „Hier war ich schon mal.“ Dort wird nach elendig langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gips-Arm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Couch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater fast in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die Westdeutschen haben mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer, weshalb die ARD-Reporter fast durchdrehen. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
schlitten
Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein, ist meistens ganz okay. Der Bierkönig schaut sich am 30.12. mit uns das Wertungsspringen in Obersdorf im Wachkoma im West-TV an, da er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens wäre. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hat. Alle freuen sich aufs Neujahrs-Springen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir zum Glück nicht mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, dass die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben verschont bleiben, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennung am Unterarm. Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal. Aua!“, brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart. Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter. Dann schauen alle wie gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor all den Neubaublöcken in die Nacht starten. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort zu erleben.
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Während Benny wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen (wenig Saft – viele Kerne) neben sich liegend – auf der Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche meine Leute aus der elterlichen Wohnung, zurück in den Club-Keller zu treiben. Zum Glück hatte Didi nur unten gereihert (schade um die Buletten) und da auch mein Vater qualmt, wird der Geruch hoffentlich nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert durch die Luft. Plötzlich ruft Bommel aufgeregt aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“. Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle vergessenen Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.
„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns Mark!“, lallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Andi, doch alle schauen mich fragend an, während ich geheimnisvoll in mich hineingrinse. Aber eigentlich weiß ich ja selbst nicht, ob ich ihr Versprechen, sich für mich einzusetzen, oder die Kotzaktion für mich behalten soll.
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„Alles klar. Na dann, ein schönes Neues Jahr“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block.
Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Simon & Garfunkel Amiga-LP auf, träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.
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Zum Weiterlesen empfielt sich: Berlin Leninplatz
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Kubanische Apfelsinen – Fidel Castros Rache – Jugend in der DDR

14. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!
leninplatz

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen empfiehlt sich: Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen
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Die Trueman-Story – Die Fussball-WM in Brasilien 2014

7. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

trueman-3Was für ein WM-Halbfinale! Ob man es nun im Stadion, auf einer Fanmeile, im Pub oder zu Hause erlebt hat, spielt dabei kaum eine Rolle. Für Millionen Menschen war es das (!) Spiel ihres Lebens – ein kollektiver „Wo-war-ich-damals-Tag“. Wir haben uns zeitlose Erinnerungen erschaffen und ich war beim 7:1 in Belo Horizonte sogar live vor Ort. Da ich etwas vergesslich bin, muss ich meine Gefühle wenigstens für meine Kinder festhalten. Seit zwei Tagen denke ich sogar: Vielleicht kann ich ihnen den Sinn des Lebens anhand eines Fußballspiels erklären.

Zurzeit befinde ich mich wieder in Rio und eines steht fest: die Argentinier sind unglaubliche Fanatiker. Hunderttausende laufen hier durch die Stadt und singen überall – in jeder Straße, an jedem Strand, in jedem Park, früh, mittags und nachts – gemeinsam, dass Maradona viel besser als Pele ist. Die nächste Schmach für die Brasilianer nach dem Deutschlandspiel. Ihre südlichen Nachbarn sind nicht immer ganz fair, aber – objektiv gesehen – schon jetzt Fan-Weltmeister!
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Doch wer ist schon immer fair? Die deutschen Fans etwa? Als wir nach dem Spiel die gebückten Gegner im Mineirão-Stadion nachstellten? Haben wir das gemacht, weil brasilianische Fans nach dem 5:0 in unseren Block gestürmt sind und begonnen haben, uns ins Gesicht zu schlagen? Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es der (mit viel mehr Deutschen besetzte) Oberrang mitbekommen hat. Die Bullen schritten ein und riegelten ab. Erst zwei Stunden nach Abpfiff durften wir das Stadion mit gehörigem Polizeischutz verlassen. Die Tracht Prügel wurde den Einheimischen auf dem Spielfeld verabreicht.
Die Rückfahrt mit meinen brasilianischen Freunden war sehr ruhig. Nein anders: es herrschte Grabesstille. Um genau zu sein, wurde mit mir fünf Stunden lang gar nicht geredet. Zu tief saßen Schock, Scham und Schmerz. Auch ich wagte es nicht, nur ein Wort über das irrationale Spiel zu verlieren. Trotzdem war es für mich einer der größten Momente dieser WM. Genau der Kontrast war es, der das soeben Erlebte unwirklich erscheinen ließ.
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Diese unbändige Vorfreude an jenem Tag ist schwer zu beschreiben. Es überhaupt geschafft zu haben, ins Stadion zu gelangen und die vielen Umarmungen nur deshalb, dabei sein zu dürfen. Vielleicht lag es auch daran, dass sich beide Seiten ihres Sieges sicher waren. Die überheblich lächelnden Brasilianer mit ihren Neymar-Pappmasken oder wir mit ausgebreiteten Armen, wie die Schwingen eines Vogels, im arroganten Glauben, die Herrscher der Fußballwelt zu sein. Bis heute habe ich meinen Freund Mauro nicht gefragt, wohin er sich nach dem 4:0 verkrümelt hat. Hat er das Spiel zu Ende gesehen? Hat er hemmungslos geweint, wie dieser Junge mit der Brille auf der Videoleinwand? Kann er unsere Gesänge jemals vergessen?
Und wir haben gesungen: „Oh wie ist das schön“ und „Ohne Deutschland wär hier gar nix los“ und „Finale oho“ und „Einer geht noch rein“ und „Auswärtssieg!“ und „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ und „Rio de Janeiro oh-oh-ohoho“. Doch als wir das Lied sangen, wie denn wer nun genau geht, war kein einziger Brasilianer mehr im Stadion. Ich habe mich gebückt und mit geballten Fäusten mitgemacht. Unwohl habe ich mich dennoch gefühlt.
Schon Wochen vor dem Spiel war klar: wir sind richtig gute Freunde und vor dem Anpfiff hat sich dieses Gefühl noch verstärkt. Während des 7:1 ging etwas kaputt und es tat auch mir weh. Das Wort Mitgefühl ist für das brasilianische Jahrhundert-Drama unzureichend. Die Geschichte des Landes, nicht nur die des Fußballs, war in 90 Minuten eine andere geworden. Das merkte ich nicht erst, als ich zögerte beim besagten Lied mitmachen. Aber warum tat ich es dennoch? Wer bin ich?
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Beim Brettspiel daheim bin ich ein fürchterlicher Gewinner. Ich koste den Sieg aus und versuche vor allem Mitspieler, die unbedingt siegen wollten, danach zu ärgern. Es macht mir gerade deshalb Freude, weil ich weiß, wie schlecht ich selbst verlieren kann. Es ist ein Spiel und es endet erst dann, wenn man sich wieder besinnt, was wirklich wichtig im Leben ist.

Im Stadion, auf den Fanmeilen und vor den Bildschirmen gab es viele gute Gewinner und Verlierer. Ich sah in Belo Horizonte einige schlechte. Charakterisieren diese also den brasilianischen Fußballfan? Nein! Sie beschreiben lediglich einige Idioten, die zugeschlagen haben. Ich glaube nicht an den Deutschen oder den Brasilianer. Ich glaube nicht einmal an Grenzen. Wenn ich könnte, würde ich sie ignorieren. Mauern wird es immer irgendwo geben – sie werden nur ständig schmaler – nicht zuletzt durch das Reisen, das Kennenlernen, die Späße, das gegenseitige Sich-auf-die-Schippe-nehmen und durch den Fußball!
Wie sich das äußert, wurde schon in Recife deutlich: Deutschland gegen die USA. Man muss vorab sagen, dass der gegnerische Fan kein gewöhnlicher US-Amerikaner ist. Soccer ist in den USA eher eine Randerscheinung. Wer dort Fußball spielt, ist meist auch Rebell. Oft wird das Spiel in den Staaten allerdings auch als Mädchensport bezeichnet.
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Wo wir bei der Frage sind, wofür stehen Mädchen? Was ist ein Mädchensport? Rennt eine Frau anders? Wirft sie anders? Anatomisch gesehen hat das weibliche Geschlecht in der Regel weniger Kraft, obwohl ich da nur bedingt zustimmen kann, wenn ich meine Art, krank zu sein, mit der meiner Frau vergleiche, ganz zu schweigen von den Geburten unserer drei Kinder.
Meinen Töchtern werde ich zeigen, wie man schnell rennt, wie man effektiv wirft, wie man gewinnt und wie man verliert. Und ich werde meinen Kindern beibringen, nicht zu fallen wie Arjen Robben. Aktionen, wie jene im Spiel gegen Mexiko, wo er in der letzten Minute wie ein Sack Mehl einfach umfiel, machen den Fußball kaputt und sind der Grund für das Unverständnis an diesem Sport in den USA. In meinen Augen gibt es nichts Schlimmeres, als ein Spiel so zu gewinnen. Und es gibt nichts Größeres als einen Sportler, der seinem Gegner fair gegenübertritt. Das hat mir mein Vater früh beigebracht. Ich mag es wie Robben Fußball zelebriert, aber seine Schwalben sind Momente, wo ich mich für diesen Sport fremdschäme. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Welche Botschaft wird damit Nachwachsenden vermittelt? Soll eine Welt voller Kinder mit aufgeblasenen Egos einfach umfallen und brüllen: „Elfer!“? Fußballer haben die Verantwortung, sich gerecht zu verhalten. Sein Ego ablegen zu können, ist die allergrößte Kunst im Leben.

Die Deutschen spielten nach dem 5:0 unfassbar seriös und fair. Sie verarschten die verängstigten Gegner nicht noch mit sinnlosen Übersteigern. In der zweiten Halbzeit wurden sie dafür vom brasilianischen Publikum mit „Olé-Rufen“ bedacht. Aber nur bis Schürrle eingewechselt wurde. Der hielt sich nicht an die Anti-Demütigungs-Taktik, sondern freute sich diebisch über seine Tore zum 6:0 und 7:0. Der Block stimmte: „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ an. Unfair, oder einfach nur lustig in Gedenken an Mertesackers Wutausbruch nach dem Achtelfinale?
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Womit ich auf die US-Boys zurückkomme. Als viele Deutsche im Stadion in Recife brüllten: „U are gay. U are gay.“ in Parodie auf „Uuu-S-Aaa, USA“, begannen deren Supporter einfach zu rufen: „We are gay. We are gay.“ Selten hat mich eine Schar Fußballfans mehr beeindruckt. Der Soccer-Fan ist anders, er ist besonders, er ist weiter. Hätten wir das gesungen? Nein! Zu so einer schrägen Begeisterung und coolen Antwort sind Nicht-Amerikaner kaum in der Lage.
Wenn mir mein Sohn eines Tages sagen sollte, er sei schwul, dann würde ich mich ärgern, keine Enkel von ihm zu bekommen, aber enttäuschen könnte mich das nicht. Ich würde die ersten Tage einige schlechte Witze machen, die jedem Homosexuellen unglaublich auf den Wecker gingen und es dann aber gut sein lassen. Hauptsache er bleibt mein Junge. Nein: Hauptsache er ist glücklich. Das möchte ich wenigstens einmal festhalten – bevor ich es vergesse – denn ich fühle mich gerade so lebendig wie noch nie und spüre: jeder Tag sollte eigentlich ein „Wo-war-ich-damals-Tag“ sein.
Vielleicht werden meine Kinder irgendwann einmal erzählen, dass ihr Papa am 8. Juli 2014 beim 7:1 in Belo Horizonte im Stadion live mit dabei war und versucht hat, ihnen den Sinn des Lebens anhand eines Fußballspiels zu erklären.
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Doch so harmonisch wird diese Story leider nicht enden, denn nur wenige Monate später musste ich diese Zeilen von meinem Freund Trueman lesen: „Ich habe Krebs und mir steht erneut eine Chemotherapie bevor, die es diesmal in sich hat. Mit 26 verspürte ich einmal den Gedanken, falls es jetzt vorbei ist mit dem Leben, dann war es wenigstens bisher fantastisch. Ich hatte bereits so viel erlebt und ein derart freies Leben gehabt, dass ich zufrieden sein konnte. Das ist heute, sieben Jahre später, anders. Ich darf nicht sterben. Ich habe drei Kinder, eine Frau und Verantwortung. Verantwortung, am Leben zu bleiben und meine Hauptaufgabe ist es, Teil dieser Familie zu sein. Der Tod ist keine Option!
Wenn man tot ist, kann man nicht mehr Teil dieses Lebens sein. Soll ich also meinen Kindern einen Brief schreiben, bevor es nicht mehr geht? Was kann darin stehen? Sollen es Zeilen sein, die ihnen auf Augenhöhe im Erwachsenenalter begegnen? Weisheiten aus meinem Leben? Nein: Ich glaube wichtiger ist es, ihnen von unserer gemeinsamen Zeit zu berichten, denn sie sitzen immer gebannt da, sobald man von Erlebnissen erzählt als sie noch kleiner waren. Wie ist unser Leben aktuell? Welche Beziehung haben wir zueinander? Dinge, über die man sich viel zu selten Gedanken macht. Ist es meine Pflicht diesen Brief zu schreiben? Meine jüngste Tochter wird sich an ihren Vater nie erinnern können. Mein Sohn, gerade vier, wird Bruchstücke aus dieser Zeit mitnehmen – meine Große (5) vielleicht ein paar mehr. Doch alles was vor dem siebten Lebensjahr passiert, wird in der Masse an Eindrücken Platz für Neues machen. Für mich ist das gerade ein äußerst schrecklicher Gedanke.“

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Mit diesen Sätzen eröffnete Trueman damals sein Online-Tagebuch und fast jeden Tag schaute ich hinein – selbst an Tagen, wo ich wusste, dass aufgrund seines Zustandes nichts Neues zu erwarten war. Ich hatte die Hoffnung, lebensbejahende, oder eben auch krasse Texte vorzufinden – Hauptsache er lebt noch! Irgendwann war zumindest klar, dass sich mein Freund die Frage: „Muss ich diesen Brief schreiben?“ nicht mehr stellte – er hatte ja bereits damit begonnen.

Vergesslichkeit gilt gemeinhin als eine niedliche und schrullige Eigenschaft, doch das ist sie in meinen Augen nicht! Zu viele Menschen vergessen dabei schlichtweg, wie sie ihr Dasein verbracht haben. Daher empfinde ich es als Pflicht eines jeden, einen Lebensbericht abzulegen. Das können Fotoalben, Tagebuch-Einträge, Blogs oder eben auch Briefe sein. Wie sehr ärgere ich mich darüber, dass dies meine Vorfahren nur unzureichend getan haben, denn viel zu oft habe ich mich gefragt, wer bin ich, woher komme ich – wer wart ihr?

Sterben ist Scheiße und mit Anfang Dreißig umso mehr – das steht fest. Dennoch setzen sich zu wenige Leute mit dem Tod auseinander – leben vor sich hin, als ob es ihn nicht gäbe. Sie verdämmern kostbare Zeit scheintot vor der Glotze oder einem Handy, verbringen als Büroleiche Urlaube auf Balkonien, verhausschweinen oder saufen sich täglich ins Koma, um den Trübsal des Alltags zu vergessen.

Der weltoffene Trueman gehörte nie zu einer dieser Kategorien und hatte in jungen Jahren schon mehr erlebt und gesehen als manch 90jähriger im ganzen Leben. Am liebsten hätte ich mich an sein Krankenbett gestellt und mit einem Aufnahmegerät all das – nicht nur für seine Kinder – aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Aber nun hatte er ja von sich aus angefangen, zu schreiben. Sein zweites Leben begann, als er begriff, dass er nur eines besaß.

„Fick dich Krebs, Fick dich einfach selbst!“ Mit diesen Worten endete sein Tagebuch …

…aber nein: diese Geschichte darf kein tragisches Ende nehmen, denn ich habe den Anfang des Satzes unterschlagen: „Morgen nach dem Arztbesuch weiß ich, ob ich mir abends einen hinter Binde kippen kann und angetrunken herausschreien werde: Fick Dich Krebs, Fick dich einfach selbst!“

Oh ja: Du warst an jenem Tag betrunken und glücklich und verfickt nochmal geheilt. Um all die schrecklichen Erfahrungen beneide ich dich nicht, aber seit jenen Tagen um deine Kraft, deinen Optimismus, deinen Mut, deine Kinder und bis ans Lebensende um dieses Ticket beim WM-Halbfinale 2014 in Brasilien. Auch das habe ich nicht vergessen, mein Freund!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
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