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Generation Jan Ullrich – Kindheit in der DDR

12. Mai 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Mauergewinner Leseproben

6 Tage Rennen Berlin

Eine kleine Leseprobe aus “Mauergewinner”:
Ich kenne ihn und er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast gleichen Alters. Er ist ein Star und ich bin ein Nichts. Mit sicherlich hunderten Personen aus Film, Fernsehen und Sport geht uns das so – nicht nur mir. In diesem speziellen Fall ist die Sache jedoch etwas anders – komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend begegneten wir uns das erste Mal.

Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns bis ins Erwachsenenalter belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war, wenn wir ohne „Loch im Kopf“ in unseren Roll-Bettchen lagen und schliefen. Somit gehörte Radfahren ihrer Meinung nach auch zu den Extremsportarten. Eine meiner unangenehmsten Erinnerungen an meine Kindheit ist, dass ich erst mit 13 Jahren heimlich übte, mit so einem Drahtesel nicht auf die Schnauze zu fallen. An den Schmerz und die zwei Wochen lang blau gefärbten Hoden, die ich mir beim Absteigen von der Fahrradstange meines neuen Herrenrennrades zuzog, kann ich mich noch heute erinnern.
Etwa im gleichen Alter zog ein junges Kerlchen von Rostock nach Berlin. Er hatte sich, im Gegensatz zu mir, genau in meinem neuen Lieblingssport schon in jungen Jahren mit besonderen Leistungen hervorgetan. Bereits mit neun gewann er sein erstes Schulrennen und ein Jahr darauf einen offiziellen Wettkampf mit geliehenem Rad und in normalen Turnschuhen. Er galt recht schnell als das ganz große Radsporttalent und fuhr alle seine Altersgenossen in Grund und Boden. Der Kleine hieß Jan Ullrich.
Sicherlich nicht nur in meinen Augen kommt jetzt die große Überraschung: Mein Papi, wie wir damals noch sagten, hatte an der DHfK in Leipzig Sport studiert. Dass er selbst eigentlich einmal aktiver Speerwerfer war, würde hier zu weit führen. Jedenfalls bekam er anscheinend durch die solide, alle Sportarten umfassende Ausbildung bald nach dem Studium eine Arbeitsstelle beim SC Dynamo in Berlin in der Sektion Radsport. Schnell stieg er dort sogar zum Sektionsleiter auf. Mein Vater war beliebt, die älteren Fahrer durften ihn duzen und einige nannten ihn “Scheppi” oder einfach nur “Trainer”.

Winterbahn

Dynamo Berlin hatte Klassefahrer, die Benny und ich wegen des Papas natürlich bereits als Kleinkinder persönlich gut kannten, wie Carsten Wolf, Emanuel Rasch und Bill Huck. Das Problem daran war, dass die Besten in seiner Talentschmiede alles Bahnradfahrer waren, die bis auf wenige Fachleute und echte Fans kein Schwein kannte. Die eigentlichen Helden dieser Zeit waren aber die Friedensfahrer, das Gegenstück zu den Gladiatoren der Tour de France des Westens. Wirklich jeder aus meiner Schulklasse kannte das komplette DDR-Team. Ob nun Hans-Joachim Hartnik, Bernd Drogan oder Olaf Ludwig – alle liebten sie. Nur waren diese Spitzensportler, sehr zum Ärger des obersten Dynamo-Chefs Erich Mielke, allesamt Fahrer von Vereinen aus Leipzig, Erfurt und Gera. Doch in Rostock hatten sie einen Jungen entdeckt, den der Cheftrainer meines Vaters nach Berlin “delegierte”. Jetzt hatten sie wenigstens ein Supertalent für die Zukunft in der Hauptstadt der DDR – richtig: Jan Ullrich.
Viele unserer Wochenendausflüge endeten für mich und meinen Bruder Benny in dieser Zeit in irgendwelchen Käffern von Brandenburg, wo verschwitzte, ungeduschte Jungs mit ihren blöden Rennrädern um die Wette fuhren. Mein Vater dachte wahrscheinlich, dass wir das ganz unterhaltsam finden würden – fanden wir nicht! Ich war mittlerweile 14 Jahre alt und belächelte diese kleinen hechelnden Idioten, die meinen Vater mit großen Augen fragten: “Herr Scheppert, wann fahren wir zurück?” Ich ging in die kalten, feuchten Wälder, rauchte heimlich ein paar Cabinet Zigaretten und fragte mich das auch.
Auch im Winter war der Spuk nicht vorbei, da dann am Wochenende die Jugendrennen in der Werner-Seelenbinder-Halle stattfanden. Auf dem halsbrecherischen Rund der so genannten Winterbahn mit ihrem extremen Neigungswinkel gab es oft brutale Stürze und schwere Verletzungen des ehrgeizigen Nachwuchses – auf der Straße übrigens bei Unfällen sogar manchmal Tote. Ich dankte innerlich meiner Mutter, deren Genen ich meine Unsportlichkeit verdankte, und grinste die Jungs – wenn uns mein Vater vorstellte – verächtlich an. Im Kantinenbereich konnte ich heimlich eine paffen.

Icke Benny

Meinem Vater fehlten die Erfolge. Der so genannte Olympiaauftrag wurde wiederholt nicht erfüllt und so mussten auch schon im Osten Köpfe rollen. Ihm wurde außerdem ein zu freundschaftliches Verhältnis zum Kollektiv der Sportler vorgeworfen. Die ersten Erfolge Jan Ullrichs und seines Trainers Peter Becker erlebte er nicht mehr in leitender Funktion. Becker galt als der härteste Hund unter den Trainerkollegen meines Vaters. Er war es auch, über den ich mein erstes Rennrad bekommen hatte. Wenn er geahnt hätte, dass ich, der Sohn des Sektionsleiters, also seines Vorgesetzten, mit 13 Jahren gerade erst begann, Radfahren zu lernen, wäre mein Vater sicherlich ganz bei Dynamo rausgeflogen.
So wurde er wegen anhaltender Erfolglosigkeit nur in die Sektion Schwimmen delegiert.
Dort war eine Planstelle frei. So unglaublich es klingt, als dortiger Sichtungstrainer in den Trainingszentren empfahl er unter anderem, eine gewisse Franziska van Almsick auf die Kinder- und Jugendsportschule zu schicken. Ich bin mir sicher, mein Vater (kein besonders geübter Schwimmer) hatte kein gutes Händchen – er hatte einfach nur Glück. Doch kurz nach dem Mauerfall 1989 war die ganze Blase „sozialistischer Leistungssport“ endgültig geplatzt. Mein von mir – trotz des Missfallens am Radsport – immer bewunderter Vater musste sich nach etwas Neuem umsehen.
Jan Ullrich blieb auch nach der Wende bei seinem Trainer Peter Becker, wurde 1993 Amateurweltmeister auf der Straße und bekam einen gut dotierten Vertrag beim Team Telekom. „Ulle“ wurde nach der Schwimmerin “Franzi” der zweite gesamtdeutsche Superstar im vereinten Land und am Ende seiner Karriere leider der bislang tollpatschigste, tragischste gefallene Held – natürlich aus dem ehemaligen Osten. Mein Vater bekam nach längerem Suchen einen weniger lukrativen Job als Hausmeister bei einer dubiosen Immobilienfirma, trennte sich wegen einer Jüngeren von meiner Mutter und stolperte danach von einer persönlichen Katastrophe in die nächste, um am Ende – und hier war nicht der Westen, sondern der Alkohol schuld – alles zu verlieren, sogar seine Würde. Als er ungepflegt und vor allem besoffen zur Hochzeit meines Bruders Benny erschien, beobachtete ich ihn mit einer Mischung aus Scham und Bestürzung. Genervt rauchte ich – jetzt nicht mehr heimlich – irgendwo weiterhin meine Cabinet Zigaretten, das letzte Relikt aus alten Tagen.
Nein! So traurig darf und wird diese Geschichte nicht enden!

Tour de France

Im Juli 1997 überraschte mich meine damalige Freundin Danny mit einem Besuch in meiner Studentenbude. Eigentlich waren wir noch gar nicht so richtig zusammen – wie auch immer. Sie erklärte mir umständlich, dass ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen und ein paar Sachen für das Wochenende packen müsste. Zu früher Stunde saß ich tags darauf in einem Zug in Richtung Frankreich. Sie hatte ein Wochenende Paris für uns gebucht! Wir kannten uns noch kaum, doch Danny lernte zumindest mich – und meine Vergangenheit – in diesen Tagen kennen.
Die Stadt war geschmückt, als ob sie gerade eine Jubiläums-Feier ausrichtete. Überall hingen Fahnen, Wimpel und riesige Plakate, die auf ein großes Ereignis am Sonntag hinwiesen. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind – jedoch nicht wegen des hübschen Mädchens an meiner Seite, die vorher nicht einmal wusste, dass die 84. Tour de France genau an diesem Wochenende hier enden würde! Mein Jan Ullrich würde als erster Deutscher das gelbe Trikot nach Paris radeln! Ich konnte über nichts anderes mehr sprechen als über Forst, das kleine Kaff in Brandenburg mit seinen Jugendrennen, über meinen tollen Papi, der den neuen Radsportkönig irgendwie mit entdeckt hatte, sogar über meine blauen, geschwollenen Eier.

Tour de France 3

Ich war so stolz, ich war so gerührt, als am Sonntag dann endlich die Jungs im Stadtkurs der Pariser Innenstadt mehrere Male an uns vorbei rollten. Tränen standen mir in den Augen. Ich jubelte ihm zu, dem verschwitzten Jungen aus meiner Kindheit. Wie hatte er sich gequält: durch eine Jugend ohne Biersaufen und Cabinet-Zigaretten – jetzt fuhr er an mir vorbei, mit einem strahlenden Lächeln, in seinem leuchtend gelben Trikot des Siegers. Es war einer der bewegendsten Momente meines bisherigen Lebens – für mich war es, als führe Geschichte an mir vorbei. Nicht nur die der beiden Deutschlands, nicht nur die des Radsports, sondern auch meine ureigene. Nach dem Etappensprint standen wir aufgeregt in der Nähe des Teams Telekom. Ich traute mich nicht, hinüberzugehen, und zündete mir stattdessen hektisch eine französische Zigarette an. Ich kannte ihn – doch er kannte mich nicht.

Tour de France 2

Mit Hilfe der Familie, eiserner Disziplin und vor allem ohne jeglichen Alkohol bekam mein alter Herr sein Leben nach und nach wieder geregelt. Er ist gesund, fit und als Rentner sogar wieder ehrenamtlich im Sport engagiert. Ich bin heute wieder richtig stolz auf ihn, wenn er beim jährlichen Berliner Sechs-Tage-Rennen immer noch jeden kennt und viele ehemalige Radrennfahrer ihm noch heute hinterherrufen: „Ey Coach, alles klar?“ In diesen Momenten fühle ich, dass er glücklich ist.
Und ich? Durch die beiden wurde ich zur Generation Jan Ullrich. Wir sind weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Wir haben eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Kindern, die diese nicht mehr kennen. Wir werden oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn wir zu erzählen beginnen, wird uns nicht mehr richtig zugehört. Wir versuchen zu sein wie Vorzeige-Wessis und drücken noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Wir sagen nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.
Es wird Zeit, dass wir ernst genommen werden.
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Mauergewinner

Mauergewinner

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Feuerohren & Brennesseln im Ferienlager – Kindheit in der DDR

27. April 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei meinem allerersten Kinderferienlager in der 1. Klasse war ich sieben Jahre alt. Die älteren Kinder quälten mich und ich konnte das nicht einmal meinen Eltern schreiben, da ich gerade erst OMA gelernt hatte. Da ich auch noch nicht lesen konnte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Im Lager gab es niemanden, der einen tröstete. Es gab auch keine Telefone. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur zurück nach Hause zur MAMA. Das Wort konnte ich auch schon schreiben.
Sie haben mir die Arme auf den Rücken gedreht, brennende „Feuerohren“ gerieben, wie verrückt aufs Schulterblatt geboxt und gemein die Beine von hinten gestellt, sodass ich dauernd in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es noch viel schlimmer und viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

In den Winterferien der 2. Klasse schien sich dieser Mut auszuzahlen. Im Kinderferienlager „Willi Bredel“ in Rodishain im Harz waren alle Kinder meiner Gruppe in demselben Alter, demnach gab es Große und Kleine, Ängstliche und Draufgänger, Gewinner und Verlierer, aber keine fiesen Typen, die ihren biologischen Vorsprung mittels Gewaltanwendung auslebten. Ich reihte mich perfekt und opportunistisch in der Mitte ein und so ließ man meine Ohren und meine Seele meistens in Frieden.

Obwohl wir sehr zeitig zum Frühsport herausgerufen wurden und unsere Waschräume in dem unbeheizten Flachgebäude 50 Meter von unseren Häusern entfernt waren, ahnte ich zum ersten Mal, dass ein Ferienlager „urst einfetzen“ konnte, wie wir gerade sagten. Nach dem Frühstück bestand der komplette Tag aus Rodeln, Gleiter fahren, Schneeballschlachten und Iglu bauen. In dem klaren Flüsschen hinter den Hütten errichteten wir Staudämme, damit wir die vorbeischwimmenden Forellen besser fangen konnten. Wir spielten chinesisch Tischtennis, bis uns schwindelig wurde und fast nach jedem Abendbrot gab es eine Lagerdisko oder eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe.
Es machte richtigen Spaß und mittlerweile konnte ich sogar schon lesen. Obwohl auf den Karten und in den Briefen von zu Hause, die ausschließlich Mutter schrieb, nur belangloses Zeug stand, war diese Post immens wichtig, da die Kinder, welche keine bekamen, sofort gehänselt wurden. Auch Oma Halle schickte bald in jedes Kinderferienlager einen Brief. Sie schrieb eigentlich immer: „Hallo, mein Markilein. Ich hoffe, es geht Dir gut. Anbei findest Du ein kleines Scheinchen. Liebe Grüße, Deine Oma Halle.“ Bereits im zweiten Ferienlager kaufte ich mir von dem Geld im Konsumladen des Ortes eine herzhafte Thüringer Leberwurst, da es hier nur Mortadella und eine Sorte Schmelzkäse zum Abendbrot gab.

Die Briefe meiner Mutter waren länger, oft bargeldlos und mit Schreibmaschine getippt. Sie teilte ihrem jetzt achtjährigen Sohn Geschichten aus ihrem harten Arbeitsleben mit und was Vater (der Arsch) schon wieder alles verbrochen hatte in meiner kurzen Abwesenheit. Benny war natürlich meistens erkältet und vermisste angeblich seinen großen Bruder sehr.
In den späteren Sommerferienlagern beschrieb sie jedes Jahr auf einer kompletten DIN-A4–Seite die Neuigkeiten aus dem Garten in Karow. Ab der 3. Klasse war ich schon regelrecht glücklich, im Ferienlager zu sein, da zu Hause immer alles beim Alten war: Benny krank, Vater im „Scheppert-Eck“, und Mutter rackerte sich zu Hause und im Garten allein ab. Das Bild, das sie zeichnete, stellte die Realität wahrscheinlich sogar relativ genau dar. Ich war dann froh, weit weg und frei zu sein.

Von meinen ersten Antwortkarten waren meine Eltern sicherlich gerührt. Darauf stand mit etlichen Rechtschreibfehlern vor allem, dass die Küchenfrauen nett wären, ich schon viele Freunde gefunden hatte und wir jeden Tag Schlitten fuhren. Sie sollten bitte auch Benny und die Hamster Max und Moritz grüßen.
Ab der 4. Klasse hatte ich von anderen Kindern gelernt, dass auch ein letzter, entscheidender Satz auf die erste Karte musste: „Bitte sendet mir Geld. Hier ist alles sauteuer.“ Obwohl mir Vater und Mutter jeweils vor der Reise etwas heimlich zugesteckt hatten, was ich dem jeweils Anderen nicht erzählen sollte und es in der DDR einheitliche Verkaufspreise gab, bekam ich seitdem nicht nur von Oma ein Scheinchen gesandt. Ich trank und rauchte noch nicht und so viele Leberwürste hätte ich gar nicht kaufen können. Es blieb also immer reichlich übrig für die heimische Sparbüchse.

Benny, der drei Jahre nach mir das erste Mal in ein Ferienlager geschickt wurde, schrieb den „Geldsatz“ gleich bei seiner zweiten Fahrt, und meine Eltern glaubten natürlich, dass er dies von seinem großen Bruder abgeschaut hatte. Obwohl auch er bald seine Zehner bekam, war er meistens nach drei oder vier Tagen wirklich pleite. Keine Ahnung, wie er das angestellt hatte – wahrscheinlich zu oft beim Mau-Mau-Spielen verloren, zu wenige cc-Mücken bei seinen Autokarten, oder zu viele Halloren-Kugeln genascht – aber natürlich half ich ihm dann mit etwas Geld aus der Patsche. Benny hatte es also entschieden einfacher hier in Rodishain, wo wir jetzt jedes Jahr gemeinsam hinfuhren. Als ihm ein gewisser Angelo einmal „Feuerohren“ verpasste – er hatte so lange an Bennys Ohren gerieben, dass diese schon weinrot leuchteten – drehte ich mit beiden Händen an seinem Arm in entgegengesetzte Richtungen, bis dieser wie Brennnesseln oder hunderte kleiner Stecknadeln piekte. Mit Hilfe zweier Freunde warf ich ihn in den benachbarten, eiskalten Bach zu den Forellen. Es gab nie wieder Probleme mit Angelo. Er wurde später sogar unser Freund.

Relativ schnell wollte ich unbedingt in beide Ferienlager fahren, im Sommer und im Winter und immer nach Rodishain. Da es vielen anderen Kindern ähnlich ging, traf ich alle meine alten Freunde wieder und wusste dann schon bei der Anreise im Bus, welchen Platz ich im Tischtennisturnier ungefähr belegen würde.


Meine Mutter schrieb vor meiner Abreise auf ihrer Schreibmaschine – natürlich während ihrer Arbeitszeit – eine ganz genaue Inventarliste mit den Utensilien, die ich in meinem Koffer mitbekam. Natürlich packte sie auch dieses riesige braune Ungeheuer. Ich hatte immer mehr als genug dabei, und jedes einzelne Kleidungsstück, aber auch die Sachen aus dem Kulturbeutel und der Essbestecktasche standen auf ihrer Liste, die in der Innenseite meines Koffers klebte.

Ohne Absatz stand dann dort zum Beispiel: „8 Paar Socken, 3 Hosen, 6 Hemden, 8 Schlüpfer, 2 Handtücher, 3 Paar Schuhe, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gabel, 1 Messer, 1 großer Löffel, 1 kleiner Löffel …“ Und so weiter – eine komplette DIN-A4-Seite voll. Dummerweise standen solch wichtige Sachen wie 1 Tischtenniskelle, 2 Dreisterne-Bälle und 6 Kassetten nicht auf ihrem Zettel. Ich wurde streng ermahnt, dass ich beim Packen vor der Rückfahrt die Liste ganz genau abhaken sollte, um zu sehen, dass auch jedes Teil wieder dabei war.
Spätestens ab der 5. Klasse kreuzte ich die komische Liste vor unserer Heimreise ohne zu kontrollieren einfach ab, stopfte einen riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten in den Koffer und setzte mich und einen Kumpel auf das Ding, damit wir ihn zubekamen.

Zu Hause gab es natürlich immer das große Stöhnen, was ich denn mit meinen Sachen gemacht und in welchem Kuhmist ich mich gesuhlt hätte. Vom Geld meiner Oma oder von ihrem eigenen hatte ich jedoch für meine Mutter ein paar leckere Halloren-Kugeln im Dorfkonsum gekauft, die ich ihr schuldig dreinschauend überreichte. Sie lächelte glücklich und stopfte meine Dreckswäsche, auch wenn 2 Socken, 1 Hemd und 1 Geschirrhandtuch fehlten, wortlos in unsere Waschmaschine.

Mein persönliches, wenn auch schmerzhaftes Highlight des Winterferienlagers der 6. Klasse gab es erst am vorletzten Tag. Wie immer lagen unsere Häuser in Rodishain tief verschneit im Wald und wir genossen unser romantisches Wintermärchen. Als wir mit unserer Gruppe an diesem Vormittag mit einem glitschigen Baumstamm das zugefrorene Flüsschen überqueren wollten, rutschte ich ab und knickte mir den Arm zunächst auf der harten Eisoberfläche und dann auf dem Grund des Flusses mit einem fiesen Krachen um.
Mein rechtes Handgelenk hing wie abgehakt schlaff vom Arm herab. Die Schmerzen waren höllisch, das konnten die anderen sehen, aber ich heulte und schrie nicht und obwohl ich mir nur den Arm gebrochen hatte, trugen mich die beiden stärksten Kinder Dirk und Volkmar zurück zu unseren Hütten. Am Abend war ich der große Held und Gesprächsstoff des ganzen Lagers. Voller Stolz zeigte ich meinen Gips aus dem Krankenhaus in Nordhausen. Alle, sogar die Helfer, hatten bei der Abreise mit Kugelschreiber darauf unterschrieben, sodass jeder in meiner Schule sehen konnte, wie viele Freunde ich hatte. Es war wirklich traumhaft, denn Sabine musste, bis der Gips nach sechs Wochen abkam, für mich im Unterricht mitschreiben.

Das Sommerferienlager der 7. Klasse sollte mich ein letztes Mal nach Rodishain führen. Mit 13 war ich von heute auf morgen plötzlich ein Jugendlicher geworden, der nicht mehr so sehr auf Staudämme für Forellen, sondern auf die ersten Wölbungen unter den Blusen der Mädchen achtete. Das vormals uninteressante andere Geschlecht war in der ältesten Gruppe das wichtigste Thema. Viele rauchten bereits und soffen heimlich Sachen aus dem Dorfkonsum. Ich tat dies nicht, gehörte deshalb aber auch nicht mehr dazu und bekam vom Obermacker, einem gewissen Jesse, sogar einmal richtig eine auf die Fresse für eine blöde Bemerkung. Dabei hatte ich lediglich gesagt, dass er mit Zigarette im Mund aussehe wie Patrick Swayze und der war ja eigentlich ein Frauenschwarm.
Ich ahnte, dass ich bald komplett raus wäre, wenn ich mich dem heimlichen Cabinet-Rauchen, dem Genuss alkoholischer Getränke, von denen man anschließend die Waschräume voll kotzte, und dem „Mädchen fingern“ entziehen würde. Doch noch riss ich mich zusammen und so wurde es in anderer Hinsicht das erfolgreichste Kinderferienlager „Willi Bredel“ meines Lebens: Ich belegte den 1. Platz in der Kombinationsstaffel der Lagermeisterschaften, ging als Sieger beim Wurfspiel hervor, belegte den 2. Platz beim Tischtennisturnier, wurde Sieger beim Skatturnier und belegte den 1. Platz beim Liegestütz-Wettbewerb der Altersklasse 10-13. Beim letzteren, hieß es auf einmal, hätte ich angeblich beschissen und bekam die Zweite in jenem Jahr aufs Maul, vom großen Boss persönlich – dem Zweitplatzierten Jesse. Aber noch hatte ich, trotz blutiger Lippen, keine einzige Zigarette geraucht, keinen Alkohol getrunken und fünf große Urkunden mehr im braunen Koffer. Auf der letzten Lagerdisko bekam ich meinen ersten richtigen Kuss von einer gewissen Dörte.

Ab der 8. Klasse wäre ich lieber nach Spanien, Italien oder Irland ins Ferienlager gefahren, aber daraus wurde leider nichts.
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Eine lange Geschichte – Jugend in der DDR

14. April 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

In meinen ersten Schuljahren liebte ich die ersten Stunden nach den Sommerferien. Die alten Lehrer fragten, was wir in unseren Urlauben erlebt hatten, und die neuen interessierten sich für die Berufe unserer Eltern. Voller Stolz konnte ich immer allen erzählen, dass mein Vater Trainer im Radsport und meine Mutter Sekretärin im Außenhandel war. Dass fast 30 Prozent meiner Mitschüler einfach nur antworteten: „Mein Papa arbeitet bei MfS“, verstand ich nicht, auch nicht nachdem die Lehrerin es in ein „beim MfS“ verbessert hatte. Scheinbar wussten die Kinder selber nicht, was ihre Eltern dort so trieben und vor allem, was dieses MfS eigentlich war. Die erste Stunde verging trotzdem wie im Flug.

Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir zu den privilegierten Familien gehörten, die in den ersten zehnstöckigen Neubaublöcken mit fließend warmem Wasser, Zentralheizung und Badewanne wohnten, zwischen Lenin- und Alexanderplatz. Ich hatte noch keine Erklärung, warum die Hälfte meiner Mitschüler sich in den Pausen über DEFA-Indianerfilme und “Ein Kessel Buntes” aus dem DDR-Fernsehen unterhielten statt wie wir über „Ein Colt für alle Fälle“ und “Wetten dass?”. Es gab für mich keine andere Welt da draußen, keine alten Häuser mit drei Hinterhöfen und Ofenheizung, keine verqualmten Eckkneipen, keine Klassenkameraden, deren Eltern kein Auto hatten, und keine schwer erziehbaren Kinder in der Klasse. Sie hatten uns eine eigene Welt geschaffen – eine heile.

Als ich meine erste Freundin kennen lernte, wusste ich natürlich längst, dass dieses ominöse MfS das Ministerium für Staatssicherheit war und leider auch, dass mein Vater obwohl er dem MDI (Ministerium des Innern) als Dynamo-Mitarbeiter unterstellt war, denselben Chef wie die MfS-Mitarbeiter hatte: Erich Mielke. Der Oberboss meiner Mutter hieß Herr Schalck-Golodkowski. Auch ahnte ich mittlerweile, dass einige Jungs aus meiner Nachbarschaft wirklich nicht wussten, was ihre Eltern so trieben. Über die Stasi wurde auch zu Hause nichts erzählt. Westfernsehen war dort sowieso verboten.
Sarah lernte ich mit 16 im Lager für Arbeit und Erholung kennen. In den drei Wochen arbeiteten wir am Vormittag und nachmittags erinnerte das Ganze an ein Ferienlager aus unserer Kinderzeit. In dem Zeltlager mitten im Wald gab es keine Regeln und Gesetze. Mir gefiel das. Sarah war anders als alle, die ich bisher getroffen hatte. Sie war rebellisch, aufmüpfig, unberechenbar – sie lebte in keiner heilen Welt und mit keinen MfS- oder MDI-Eltern. Genau genommen hatte Sarah überhaupt keine. Ich, das sozialistisch erzogene Bonzen-Kind aus dem „Regierungsviertel“, suchte mir das Mädchen, das in einem Kinderheim wohnte.

Nach der Lagerromanze trafen wir uns häufig auf halbem Weg von unseren jeweiligen “Heimen” – in meinem Fall die Wohnung im 9. Stock an der Mollstraße, in ihrem das Kinderheim „Fritz Plön“ in Treptow. Die Eckkneipe an der Stralauer Allee, kurz vor der Brücke in ihren Stadtteil, war unser Treffpunkt. Sie kannte im Elseneck alle Typen und widerwärtig besoffene Kerle spendierten uns Cola mit Korn. An einem dieser Abende ging ich mit Sarah – wie gewohnt nicht an der Ampel, sondern unmittelbar vor der Kneipentür – über die vierspurige Straße. Sie bevorzugte direkte Wege auf ihrem Nachhauseweg – und im Leben. Zwei Volkspolizisten stoppten uns. Wahrscheinlich hätte eine Entschuldigung vollkommen ausgereicht, doch Sarah brüllte die beiden sofort an: „Ihr könnt mich mal am Arsch lecken Ihr Scheißbullen!“ – „Was haben Sie gesagt?“ Ich zog sie am Ärmel, doch sie schrie schon: „Schnauze, Drecksbulle!“
Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir standen breitbeinig an der Wand – dahinter lagen die Spree und die Mauer nach Westberlin, Handschellen rasselten und innerhalb von fünf Minuten saßen wir im Einsatzwagen. Mit auf den Rücken verdrehten Armen wurden wir in verschiedene Einzelzellen gebracht. In den Gängen hallte das Brüllen anderer Gefangener, ich konnte aber nicht sagen, wo es eigentlich genau herkam. Langsam bekam ich ein wenig Angst!
Beim Verhör gab ich mich, wie ich wirklich war: opportunistisch und brav. Unterwürfig und weinerlich entschuldigte ich mich für unser unentschuldbares Fehlverhalten. Ich musste die Adresse meiner Eltern angeben und nach einer Stunde stand ich wieder in meiner Friedrichshainer Freiheit. Am nächsten Tag rief ich bei Sarah im Heim an und fragte sie, wie es ihr denn ergangen wäre. Sie sagte nur: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Jahre später – im Herbst 1989 hatte sich einiges geändert. Tausende Menschen verließen unser Land über Polen und Ungarn und Sarah war Schnee von gestern. In diesen Tagen hatte fast jeder mit sich selbst zu tun und so war es auch recht einfach, als ich zusammen mit Otmar, Bernd und Matze für eine Woche die Schule schwänzte. Es sollte nach Frankfurt an der Oder ins dortige Jugendhotel gehen.
Gleich am zweiten Tag entdeckten wir nicht weit von uns entfernt einen Rummel. Die Hauptattraktion war wie überall der Autoskooter, wo wir auch recht schnell ein paar Leute kennen lernten. Leider landeten Otmar und Bernd bei den Mädels und schwirrten bald mit zwei Dorfschönheiten in Richtung unseres Hotels ab. Sie ließen Matze und mich zurück mit den eingeborenen Kampftrinkern. Der Abend zog sich in die Länge und nachdem Matze und ich um 3 Uhr eine Privatparty verlassen hatten, schwankten wir durch die tiefschwarze Nacht. Obwohl unser turmhohes Haus in Frankfurt eigentlich kaum zu verfehlen war, hatten wir uns schnell verlaufen. Mit einem letzten Bier in der Hand standen wir plötzlich an der friedlich dahinfließenden Oder, setzten uns davor auf den Boden und genossen die Stille. In solchen Momenten fingen wir in dieser Zeit immer öfter an zu reden, über die Flüchtlingsströme, über die sich verändernde DDR und über uns. Was aus unserem Leben hier eigentlich einmal werden würde. Mich machten diese Gespräche ruhiger, ich genoss es, mit anderen über diese Dinge zu sprechen. Matze reagierte anders – er steigerte sich in eine grenzenlose Wut über seine verschenkte und vergeudete Jugend und ein Leben ohne Perspektive hinein. Er sprang plötzlich auf und warf seine Bierpulle mit voller Kraft an die gegenüber liegende Häuserwand.

Es dauerte keine Minute bis zwei Fahrzeuge in Höchstgeschwindigkeit angerast kamen. Die Scheinwerfer blendeten mich so, dass ich nicht sah, wie zwei Gestalten auf mich zurannten, die mich kurz darauf auf den Boden drückten. Ich sah Matzes Gesicht auf dem Kopfsteinpflaster neben mir liegen – auch auf ihm knieten zwei Leute. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, fesselten sie uns mit Handschellen und zerrten uns zu einem der Autos, schmissen uns auf die Rückbank und fuhren mit Höllentempo durch die plötzlich eisige Frankfurter Nacht: Die Kälte spürte ich besonders an meinem Rücken und am Hintern – die Rückbank des Ladas war vollkommen nass. Aber es roch nicht nach Urin, es war so, als hätte hier vor uns jemand mit klitschnassen Sachen gesessen. Wir schauten uns schweigend an und schienen beide gleichzeitig zu verstehen. Die Freunde des MfS – die Stasi – hatten uns verhaftet; sie dachten, wir wollten über die Oder nach Polen schwimmen. Wir waren in ihren Augen zweifelsfrei Republikflüchtige. MfS – Scheiße!
Noch immer hatte niemand ein Wort mit uns geredet. Das sollte sich ändern. Doch diesmal reichte es nicht einfach aus, dass ich mich entschuldigte und meine Personalien angab. Wir wurden einzeln zu mehreren Verhören mit verschiedenen Menschen gebracht. Der eine ganz ruhig und verständnisvoll, der nächste wild aufbrausend und bedrohlich. Und immer strahlte mir eine grelle Lampe in die Augen, sodass ich eigentlich nur die Umrisse der Personen erkennen konnte, die mich verhörten. Langsam bekam ich etwas mehr als ein wenig Angst! Mit vernebeltem Kopf und klopfendem Herzen fragte ich mich, wie das wohl ausgehen würde. Sie stießen mich, immer noch in engen Handschellen, durch einen Gang, in dem im Gegensatz zum Verhörzimmer Hektik herrschte und brachten mich in einen modrig riechenden Keller. In einer kleinen, schäbigen und vor allem hundekalten Zelle ohne Fenster wartete ich ganz allein und verängstigt auf meine Verurteilung wegen angeblicher Flucht aus dem Territorium der DDR.
Aus irgendeinem Grund ließen sie uns aber um 7 Uhr morgens gemeinsam wieder laufen. Matze fragte am Ausgang einen Volkspolizisten aus Jux, wo man hier ein “Neues Deutschland” kaufen könnte. Er wollte mit Sicherheit jetzt nichts lesen; ich zog ihn genervt am Ärmel weiter zu unserem Hotel. Bernd und Otmar wurden kurz wach, als wir ins Zimmer schlichen und fragten: „Wo kommt denn ihr jetzt her?“ Wir grinsten uns an und sagten: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Aber sie ist noch nicht ganz zu Ende. Im Sommer 2002 wollten wir zum Force Attack Festival in die Nähe von Rostock fahren, ein mehrtägiges Punk Rock Open Air, und eine Freundin hatte mich gefragt, ob ich für sie, da sie erst am zweiten Tag käme, etwas mitnehmen könnte. Dieses „Etwas“ waren etwa zwei Gramm Haschisch, welches sie mir in einer schwarzen Filmdose in die Hand drückte.

Auf der Fahrt an die Ostsee erzählte ich meinem Beifahrer Jenna von unserer heißen Ware an Bord und als wir kurz vor der Einfahrt zum Konzertgelände von einer Polizeieinheit gestoppt wurden, sah ich in seinen Augen, dass er zumindest ein genauso großer Schisser war wie ich. Augenblicklich begann er zu schwitzen und quasselte mich mit wirrem Zeug zu.
Ich versuchte locker zu bleiben, aber als ich sah, wie sie unser Nachbarauto auseinander nahmen und sogar Schäferhunde darin schnüffelten, befiel mich ein ungutes Gefühl. Sie suchten nach Drogen und waren dabei nicht gerade zimperlich. Wir hatten uns sehr auf das Konzertwochenende gefreut und nun sah ich mich bereits in einer kleinen, schäbigen, hundekalten Zelle ohne Fenster sitzen und auf meine Verurteilung wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln warten.

Ein Typ vom Bundesgrenzschutz kam schließlich zu unserem Auto, doch eine Kollegin mit Hund rief ihm hinterher: „Die übernehme ich!“ Um Unauffälligkeit bemüht, stiegen wir aus meinem Wagen und stellten uns daneben. Die junge Frau machte ihren Köter an einem Außenspiegel fest, kroch ins Auto und untersuchte den Innenraum. Als sie wieder herauskam und sich aufrichtete, schaute die Dame direkt in mein Gesicht. Ich brauchte fünf Sekunden, um sie zu erkennen und konnte es dennoch nicht glauben: Die militärisch gekleidete Frau kannte ich aus meiner Jugend – es war tatsächlich die gleiche Sarah, für die noch vor 16 Jahren alle Menschen in Uniform einfach nur „Scheiß-“ oder „Drecksbullen“ gewesen waren.
Wir sagten kein Wort, doch ich spürte, dass auch sie mich erkannte. Ihr Hund begann ganz aufgeregt an der Leine zu ziehen und bellte in Richtung meines Kofferraums. Auch wenn es nur zu erahnen war, sah ich ein kleines Lächeln auf Ihren Lippen. Sie drehte sich um und brüllte zu ihren BGS-Kollegen: „Die hier sind sauber!“
Ich startete das Auto. Jenna, der die seltsame Szene hautnah miterlebt hatte, drehte sich zu mir herüber und fragte erstaunt: „Was war das denn, kanntest du die etwa?“ Ich schaute in den Spiegel, Sarah verfolgte unsere Abfahrt, und ich sagte: „Ach, dass ist eine lange Geschichte.“
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Die DDR war bunt! Eine Kleingarten-Geschichte …

23. März 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Die Reise mit meinen Kumpels war eine einzige Katastrophe. Ich kam richtig frustriert zurück nach Berlin und beschloss etwas: Diesmal merkst du dir aber genau, dachte ich mir, warum das so eine beschissene Tour war. Bevor ich noch einmal nach Mittelamerika oder mit denselben Idioten wegfahre. Man muss nicht jeden Fehler zweimal machen.

Vor einigen Tagen bekam ich die Fotos aus diesem Urlaub wieder in die Hände. Darauf ist Folgendes zu sehen: Jenna, Göte und ich liegen lachend und bekifft an einsamen mexikanischen Traumstränden, schnorcheln mit riesigen Riffhaien und Manta-Rochen in der Nähe von tropischen Inseln, paddeln durch geheimnisvolle dunkle Höhlen in Belize und bestaunen mit offenen Mündern die Pyramiden der Maya im Regenwald von Guatemala. Es gibt kein einziges Bild von dieser Reise, auf dem nicht mindestens einer von uns glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, was ich daran nur jemals auszusetzen hatte oder was schief gelaufen ist, ob wir uns gestritten haben. Die Bilder zeigen einen fantastischen, abenteuerlichen und entspannten Abschnitt meines Lebens. Ich habe alle negativen Erlebnisse komplett verdrängt.

Doch es gibt eine Entschuldigung dafür: “I was born in the GDR”, wie ich auch auf dieser Reise immer wieder erklären musste – ich bin in der DDR geboren. Es gibt viele Beschreibungen und Lieder, Bücher und Filme über dieses verschwundene Land hinter der dicken weißen Mauer. Besonders jungen Menschen muss es wohl heute oftmals vorkommen wie ein fantastisches Märchenland, mit niedlichen Pappautos und Legoland-Neubaublöcken, in denen verschrobene, komisch bekleidete Menschen wohnten, die lustigen Bräuchen nachgingen. Eine Fantasiewelt aus dem Spielwaren-Katalog, die sich irgendjemand ausgedacht hat und von der er uns jetzt erzählt. Doch wer hat dies alles erstunken und erlogen? Wer hat die Historie zu seinen Gunsten geschönt?

Ich kenne die Antwort: Wir Ossis haben euch diese Geschichte erzählt und wirklich nicht mit Absicht gelogen – wir haben sämtliche negativen Erinnerungen aus unserem Lebensabschnitt in der Deutschen Demokratischen Republik einfach verdrängt! Nicht erst jetzt, als alles vorbei war, sondern schon vorher, und natürlich in Verbindung mit unglaublich viel Alkohol. Ein ganzes Volk hat bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Es gab ungewöhnlich viele Sorten Alkoholika in den Plastik-Regalen der Kaufhallen. Pfeffi, Goldi, KiWi und Stoni waren liebevolle Kosenamen für hochprozentigen Stoff. Wenn eine Pulle 14,50 kostete, wurde sie „zehn vor drei“ genannt, der etwas bessere Schnaps hieß „zehn vor sechs“ und auch „blauen Würger“ durfte man trinken. Man könnte meinen, die Staatsführung hatte kollektives Verdrängungssaufen angeordnet.

Richtig: Es gab viele Opfer meines Ex-Staates, grausame Geschichten von missglückten Fluchten, menschenverachtenden Stasi-Gefängnissen und Polizeiterror. All das wird mit der Zeit aber immer mehr in Vergessenheit geraten – die DDR wird in Zukunft viel freundlicher und immer bunter! Das muss zwangsläufig so kommen, ist meine These.

Als ich sechs Jahre alt war, bekamen meine Eltern ein Grundstück in der Kleingartenanlage
Panke-Niederungen in Berlin-Karow. Genauer gesagt war es eine winzige Parzelle auf einem riesigen Maisfeld ganz in der Nähe der so genannten Rieselfelder, also dort, wo die Scheiße der Ostberliner entsorgt wurde. Diese 300-m²-Acker hatten weder Strom- noch Wasseranschluss, weder Wege noch Straßen führten dort hin. Es dauerte gefühlte fünf Jahre, bis dort unsere eigene Datsche stand und nochmals fünf, bis man sich hier auch ohne zu erfrieren aufhalten konnte. Meine Kindheitserinnerungen bestehen deshalb auch nur aus dreckigen Fingernägeln, Fäulnis durchtrieften Klamotten, eiskalten Füßen und der Vorstellung davon, in dem behelfsmäßig aufgestellten Geräteschuppen, unter dem die komplette Familie Schutz vor sintflutartigen Regenfällen suchte, in einen Zinkeimer zu keckern.

Mein Bruder Benny und ich teilten aus Langeweile Regenwürmer bis ins Unendliche und aßen Stücke davon, zählten ertrunkene Maikäfer und quälten kleine Frösche. Wir mussten mit unhandlichen manuellen Ostrasenmähern die Wiese stutzen, meterhohes Unkraut jäten und dann zu dem riesigen modrigen Komposthaufen karren. Selbst Obst und Gemüse bleiben in schlechter Erinnerung, da besonders Benny bereits nach fünf gepflückten Erdbeeren stöhnend eine halbe Stunde Pause einlegte und wir beide, besonders ich, der Ältere, dafür entsprechend angeschnauzt wurden. Schwarze Johannisbeeren einzeln zu pflücken, war eine Arbeit, die ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind auferlegen würde.
„Wir fahren in den Garten!“, war der Horrorsatz meiner Kindheit, zumal er freudig an jedem Wochenende von Mai bis September erklang. Falls mein Vater noch nicht so früh mit unserem Trabi von der Arbeit weg kam, fuhren wir mit der S-Bahn.

Es war eine ätzende Fahrt – mit nur einem Highlight: Wir hatten nämlich, wie so oft, einen schönen Wettkampf ersonnen: Wer zwischen den S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Pankow die meisten Schäferhunde zählte, die dort unterhalb der Brücke – zwischen der weißen Mauer und einem Stacheldrahtzaun – auf und ab liefen, hatte gewonnen. Auch die angeketteten Hunde zählten. Die Sache wurde dadurch erschwert, dass der Zug auf diesem Abschnitt mit einem Höllentempo entlang raste. Doch wir konnten jedes Jahr neue Rekorde im Schäferhunde-Zählen bejubeln.
Jahre später gelangten genau hier, an der Bornholmer Brücke, die ersten Ostberliner nach 28 Jahren wieder in den benachbarten Westteil der Stadt. Zufall oder nicht: Der von mir gezählte Weltrekord an Wachhunden im Grenzstreifen wird bis in alle Ewigkeit bei 28 liegen.

Sonst war in unseren Kinderaugen alles an dem Garten Mist. In den Anfangsjahren hatten wir gar keinen und später nur einen rauschenden Schwarzweiß-Fernseher mit Zimmerantenne in der Laube. Wir lagen in dem winzigen Zimmer in unserem ungemütlichen Doppelstockbett, umgeben von Monster-Mücken, in viel zu dünnen Decken frierend, und konnten vor allem wegen der ohrenbetäubenden Lautstärke nicht schlafen.
Meine Eltern und die umliegenden Gartennachbarn feierten jeden Abend ein lustiges Beisammensein, und zwar meistens auf unserer Terrasse. Es kann sich gar kein Mensch vorstellen, schon gar nicht ein kleines Kind, wie viel Flüssigkeit, vor allen Dingen kistenweise Bier, süßen bulgarischen Rotwein und Nordhäuser Doppelkorn dieses Gartenkollektiv in sich hinein schütten konnte. Zunächst hörten wir sie nur lachen und singen – tief in der Nacht wurde dann bei lauter Musik getanzt und die letzten Honecker-Witze gebrüllt. Zumindest wussten wir immer, wer gerade am besoffensten war. Der hatte am meisten zu verdrängen!

Mit 14 Jahren fragte ich meine Eltern, ob ich am Wochenende auch allein in unserer herrlichen Neubauwohnung in Friedrichshain bleiben dürfte und mit 15 beschloss ich das einfach.

Doch Stopp! Ich muss mich entschuldigen. Die Geschichte von unserer kleinen Datsche hat so niemals stattgefunden. Denn unsere Familie besitzt ein Fotoalbum, das die wirkliche Historie unseres Gartens zeigt. Es sind Bilder voller Lebensfreude und Harmonie. Wir Kinder planschen im Bassin, spielen mit unseren Krocketschlägern und Wurfspielpfeilen, bauen bunte Indianerzelte auf und schneiden fast immer lustige Grimassen. Unsere Eltern stehen neben uns und beobachten stolz ihren Nachwuchs, grundsätzlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Mein Vater hält dabei fast immer ein halbvolles Glas Bier in der Hand. Es gibt kein einziges Foto von unserem Leben in der Datsche, auf dem nicht mindestens einer glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, ob es an der damaligen Zeit etwas auszusetzen gab, ob etwas schief gelaufen ist, ob wir uns jemals gestritten haben. Das Album aus unserem Garten zeigt die DDR, wie sie wirklich war: Bunt!
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Zum Weiterlesen: “Mauergewinner” – Das Buch
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Depeche Mode in Ostberlin vor 30 Jahren

8. März 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Icke Bad Boy

Meine ersten Freunde kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber immerhin schickte ich später aus Solidarität regelmäßig Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam. Später unternahm ich viel mit Strafko aus Sofia, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Der wichtigste Ausländer in meinem Leben bis zum Abi aber war Dejan für mich.

Es wuchs zusammen, was zusammen gehört. Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Wiedervereinigung. Mit dem Ruf “Wir sind das Volk!” hatten die Ostdeutschen zuvor das SED-Regime bezwungen. einestages präsentiert Geschichten rund um die deutsche Einheit
Dejan war Diplomatensohn aus Sarajevo – und ein Geschenk des Himmels.

Ab der fünften Klasse saß er neben mir. In Zeiten, in denen man für abfotografierte Bilder aus der “Bravo” 15 Mark bekam und für originale Doppelseiten sogar 40, konnte Dejan jederzeit nach West-Berlin fahren und die Kultzeitschrift besorgen. Einfach so. Mit seinen Eltern und ihrem Dienstwagen. Fortan wartete ich immer gespannt darauf, wann mein allerbester Freund wieder nach “drüben” düsen würde. Erst später ging mir auf, dass er mich einfach mal im Kofferraum in den Westen hätte schmuggeln können – und zurück!

Im Juni 1988 hatte Dejan keine Zeit, als ich mit meinem Freund Stefan zur Rennbahn nach Weißensee fuhr. Wir wollten eigentlich nur mal kurz schauen, ob es überhaupt noch eine Karte gäbe. Denn schließlich sollte Bryan Adams dort auftreten. Allein dass der Sänger aus Kanada kam und seine Band nicht “Stern Meißen Combo” hieß, machte seinen Auftritt attraktiv. Als wir in Weißensee ankamen, war am Kartenhäuschen überraschenderweise nicht viel los. Schon nach zwei Minuten hielten wir stolz unsere Karten zum staatlich vorgeschriebenen Preis von 15 Mark in den Händen.

Bereits nach 200 Metern sprachen uns die ersten Leute an: “Ey Piepel, habt ihr vielleicht noch Karten?” Nee – hatten wir nicht! Immer mehr Menschen strömten jetzt Richtung Konzertgelände. Zwei Typen mit Dauerwelle fragten uns, ob wir “zufällig ‘ne Karte zu viel” hätten. 30 Mark würden sie uns dafür geben – pro Karte! Schwuppdiwupp waren wir unsere Bryan-Adams-Tickets wieder los.

Zurück am Schalter mussten wir 15 Minuten warten, bekamen aber ohne Probleme vier neue Karten. Ohne zu überlegen, rannten wir die Straße hinunter und flüsterten den Rockfans zu: “Braucht ihr noch ‘ne Karte? Nur 30 Mark.” Viele staunten nicht schlecht: “Gibt’s denn keene mehr vorne?” – “Nee, total ausverkauft”, antworteten wir mit verschwörerischer Miene. Recht schnell brachten wir die heiße Ware an den Mann.

Wir spurteten zurück und reihten uns in die Schlange vor dem Kassenhäuschen ein. Dort stellten sie keine Fragen, für wen wir die vielen Tickets bräuchten, und verkauften uns acht neue. Und so ging es weiter. Gegen 19 Uhr waren wir die reichsten Jugendlichen von Weißensee. Zwei Tickets hatten wir nicht verscherbelt, und so gingen wir freudestrahlend auf das riesige Gelände der Radrennbahn. Doch von Bryan Adams kann ich nicht viel berichten. Ich lief mit 800 Mark in ausgebeulten Hosentaschen zwischen 80.000 Menschen umher und dachte die ganze Zeit nur an eines: Du musst die Kohle sicher nach Hause bringen!
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Noch mehr Geld hätte ich bereits drei Monate zuvor mit nur einer Konzertkarte verdienen können. Am 7. März 1988 hatte mich Sabine abgepasst. Sabine war die Vorsitzende unseres Freundschaftsrates, einer Art Schülervertretung, und sagte, dass sie drei Eintrittskarten für eine westliche Musikgruppe bekommen habe. Diese Tickets sollte sie an Schüler mit besonders guten gesellschaftspolitischen Leistungen verkaufen. Ich wollte mich gerade umdrehen und sagen, dass sie sich ihre Karten sonst wohin stecken könnte. Auf Bands, die in die DDR eingeladen wurden, konnte man in der Regel verzichten. Doch dann wurde ich neugierig: “Welcher bedeutende Künstler beehrt denn unser sozialistisches Heimatland?” Die Antwort ließ mich erstarren. Ich, der 16-jährige, neuerdings dauergewellte Junge, hörte den Namen wie einen Donnerschlag: “Depeche Mode”.

“Zeig her!”, brüllte ich und entriss ihr die bräunlichen Pappkarten. Da stand es: “FDJ & DT64 Geburtstagskonzert: Depeche Mode am 7. März in der Werner-Seelenbinder-Halle, Einlass 18 Uhr.” Wir standen uns schweigend gegenüber. Die Band war zu diesem Zeitpunkt die bedeutendste Rockgruppe, egal ob in Ost oder West – das sagte zumindest Dejans “Bravo”. Sie waren die Beatles unserer Generation. Ich, ihr wohl größter Fan in Ost-Berlin, hatte die ersten Lieder der Engländer auf unseren Schuldiscos gespielt. Dejan hatte mir eine LP zum Freundschaftspreis von 100 DDR-Mark und ein Poster aus West-Berlin mitgebracht.

Mein Vater, der des Englischen nicht sonderlich mächtig war, nannte mich seitdem nur noch “People A” und meinen Bruder Benny “People B”. Selbst er hatte ständig den Song “People Are People” im Ohr. Dass er den Text nicht verstand, störte ihn offensichtlich nicht. Depeche Mode hatte ich bei uns schon eingeführt, noch bevor sich alle Mädels in die Bandmitglieder verliebten und zu ihren Liedern Breakdance auf den Schulhöfen getanzt wurde. Ich, der Typ mit den blonden Martin-Gore-Locken, verdiente diese Karte!

Sabine merkte nicht, dass ich auf einmal ganz blass um die Nase geworden war. Auch dass ich für meine Dauerwelle zwei Stunden lang beim Frauenfrisör äußerst verschämt aus dem Fenster geschaut hatte und zu Hause “Zwergpudel” genannt wurde, ahnte sie nicht. Ich säuselte ihr lieblich ins Ohr: “Sabs, da können wir doch nächste Woche mal zusammen ins Café am Leninplatz gehen.” Sie schaute mich lächelnd an: “Aber nur, wenn du bezahlst.” Natürlich würde das klargehen, drei Schweden-Eisbecher mit extra viel Eierlikör – ich musste bloß lebend mit dieser Karte aus dem Zimmer kommen. Sabine zwinkerte mir zu und drückte mir das wichtigste Stück Papier meines Lebens in die Hand.

Natürlich gab es an diesem Tag noch Ärger wegen der Verteilungskriterien für die Karten, da sie nicht ordnungsgemäß an die besten FDJler und anständigsten Menschen vergeben worden waren. Ich würde meine aber unter keinen Umständen wieder hergeben. Am Abend fuhr ich allein mit der Straßenbahn zum Konzert ins Glück. Vor der Halle gierten Tausende aufgeregte Leute nach Karten. Man munkelte, dass nur 6000 Tickets im Umlauf waren.
Mark Scheppert
Es gab regelrechte Tumulte. Viele versuchten über die gut geschützten Zäune hineinzukommen, einige hatten sich schon am Vormittag im Innengelände versteckt. Alle anderen versuchten auf legale Weise, an die Tickets zu gelangen – für illegal viel Geld. Ich sah keinen einzigen Menschen mit blauem FDJ-Hemd, fast alle trugen Schwarz. Hunderte sprachen mich an und boten mir schwindelerregend viel Geld – einer sogar sein Moped der Marke Simson. Bei eisiger Kälte und leichtem Schneefall schüttelte ich erbarmungslos den Kopf. Dass zwei andere Mädels aus meiner Schule ihre beiden Karten für je 800 Mark verscheuerten, erfuhr ich erst am nächsten Tag. Ich musste für diese Summe Wochen später 27 Bryan-Adams-Tickets verkaufen!

Endlich war ich drin und mein Herz pochte, als Tausende Menschen die Vorband “Mixed Pickles” von der Bühne buhten. Ich kämpfte mich bis nach vorn. Nachdem die Band des Jahrzehnts das erste Lied unter ohrenbetäubendem Lärm hinter geschlossenem Vorhang gespielt hatte, begrüßte Dave Gahan eine durchdrehende Meute. Ich verstand nur etwas von “East Berlin”, denn ab jetzt gab es kein Halten mehr. Die völlig überfüllte Halle tobte, sprang und sang, wie ich es noch nie erlebt hatte – und es nie wieder erleben würde.

Nach dem vierten Lied bekam ich keine Luft mehr. Ich schaffte es gerade noch, etwas weiter nach hinten zu gelangen, ohne zusammenzubrechen. Plötzlich bemerkte ich das süße Mädchen neben mir; auch sie schien vollkommen atemlos zu sein.

Wir schauten uns lange in die Augen, lauschten der Musik und nahmen uns zärtlich in die Arme. Bald umarmten wir uns immer inniger und sangen gemeinsam die Lieder unserer Helden aus dem Radio. Bei einer Ballade zog sie mich plötzlich zu sich hinüber und gab mir den wärmsten und schönsten Kuss meines gesamten DDR-Lebens.

Nach dem Konzert sahen wir uns nie wieder. People Are People!
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Kolumbien – Wenn dein Herz brennt

2. Februar 2018 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Im Fischerörtchen Taganga an der Karibikküste Kolumbiens treffen wir eine Spezies, der wir aufgrund unserer Reiseroute lange erfolgreich aus dem Weg gegangen waren. Es sind nicht nur fünf oder sechs Leute, sondern regelrechte – vorzugsweise englisch, hebräisch und französisch sprechende – Backpackerhorden. Alle Hotels direkt am Strand sind von ihnen blockiert und stylishe Typen und gackernde Bikini-Püppchen beobachten hinter schwarzen Marken-Sonnenbrillen, unsere Suche nach einem geeigneten Quartier.

Für die globalisierte Gemeinschaft der „Lonely Planet Generation“ scheint dieser Ort der Endpunkt ihres Südamerika-Kreuzzuges zu sein, denn tatsächlich liegen auch zwei Schottinnen im Sand, die wir zuletzt kotzend in Nordargentinien gesehen hatten. Sie wären seit Monaten mit der gleichen Truppe unterwegs gewesen, berichten sie stolz, und sind nach Bolivien, Peru und Ecuador nun in Kolumbien gelandet. Die coole Gang hatte fast alle wichtigen Inkaruinen, Berggipfel, Flussläufe und Wasserfälle des Kontinents gesehen und auf tausenden Digitalfotos verewigt. Ob in großen Städten oder bei zurückgezogenen Indiostämmen, überall hätten sie extrem gechillt und legendäre Partys gefeiert. „Amazing!“, ist ihr bevorzugtes Wort.
Als wir uns von den Hühnern verabschieden, denke ich darüber nach, was mich von diesen stumpfsinnigen und dennoch so unbekümmerten Rucksackreisenden auf unserer Reise unterschieden hatte. War ich gebildeter, kultivierter oder niveauvoller gewesen? Nein! Auch ich war in Landschaften und Orte gereist, in denen ich mit meinem weißen Arsch eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatte. Oftmals ohne Sinn und Verstand war ich durch vormals unberührte Landschaften gefahren und in eine heile Welt mit bis dato glücklichen Menschen eingedrungen, die von mir weder etwas brauchten noch etwas lernen konnten. Allein durch mein Erscheinen hatte ich vielleicht ein letztes Stück Paradies zerstört.

Was werde ich also zu Hause erzählen auf die Fragen: „Was hat dir die Weltreise gebracht? Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“ Wir haben nur noch wenige Tage bevor es zurück nach Deutschland geht. Ich nehme mir vor, nun endlich auf eine intensive Suche zu gehen.
Natürlich buchen wir die Bootsfahrt in den Tayrona Nationalpark nicht bei den marktschreierischen Touranbietern im Ort, sondern bei einem Fischer namens Francesco, der mich mit den Worten „Ah! Messi!“ begrüßt. Ich habe mich daran gewöhnt, dass dies überall geschieht, sobald ich mein Barcelona-Trikot in Südamerika trage. Ich antworte überschwänglich: „Ah! Totti!“
Wir sind uns nicht ganz schlüssig, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben, denn das, mit 25 kreischenden Backpackern, beladene Boot, welches zehn Minuten vor uns ablegt, sieht wenigstens vertrauenerweckend aus. Unser Äppelkahn gleicht einem Ruderboot mit Außenborder, mit dem man maximal auf einem Baggersee herumgondeln kann. Als wir den deutschen Namen auf der Seite der Nuss-Schale lesen, müssen wir dennoch schmunzeln. Das Ding heißt „Schnecke“.
Neben Sylvie, Victoria, dem Kapitän und mir haben wir noch den kleinen „Siete“ (Sieben) an Bord. Er ist ein Frühchen, ein Sieben-Monats-Kind und wird seit seiner Geburt deshalb überall nur „Siete“ gerufen, erklärt uns Opa „Totti“ stolz. Als wir die Bucht gemächlich tuckernd verlassen, lächele ich in mich hinein. Was für eine Gurkentruppe: „Siete“, „Totti“, „Messi“, Victoria „Beckham“ und Sylvie „van der Vaart“ stechen auf der kriechenden „Schnecke“ in See. Da das die anderen wahrscheinlich eh nicht verstehen würden, behalte ich es lieber für mich.

Es ist ein sonniger Tag und eine sanfte Brise sorgt für angenehme Temperaturen. Auf dem offenen Meer wird mir jedoch sofort ein bisschen mulmig, da hier draußen ein gehöriger Wellengang herrscht. Knatternd rast eine weitere Touristendschunke an uns vorbei. Die zwei Schottinnen winken uns zu, während der Steuermann verständnislos mit dem Kopf schüttelt und Totti einen Vogel zeigt. Ich verstehe nicht ganz warum, da ich es auf unserem Boot nun ganz angenehm finde. Frau van der Vaart und Frau Beckham sonnen sich im Bikini am Bug, während ich mit Siete versuche, Fische zu fangen. Der Motor röhrt monoton und Totti steuert uns sicher über gleichförmig laufende Wellen. An Land sehen wir die Schnorchelbucht bevor wir eine größere Landzunge mit scharfkantigen Felsen umschiffen. Der Wind nimmt ein wenig zu. Obwohl ich bereits jetzt finde, dass wir ziemlich weit vom Land entfernt fahren, steuern wir hinter der Klippe noch weiter aufs offene Meer hinaus. Das Boot beginnt sich immer mehr zu heben und wieder zu senken. Die Wellen werden um einiges höher, bedenklich viele Strudel kräuseln die Wasseroberfläche und es weht ein böiger Wind, der immer weiter auffrischt.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, erwischt uns frontal eine riesige Monsterwelle. Alle schreien panisch auf, da wir gleichzeitig von der schäumenden Wasserfontäne nach hinten geworfen werden. Das Boot schlingert sekundenlang bedenklich hin und her. Während Totti hektisch versucht, uns wieder auf Kurs zu bringen, sucht Sylvie ihre Sonnenbrille und Victoria rubbelt ihre Kamera trocken. Siete kauert sich ängstlich unter die Sitzbank. Dort sehe ich auch, dass wir blassgelbe Schwimmwesten an Bord haben. Drei! Es sieht jetzt so aus, als ob auch von unten Wasser durch die Holzplanken eindringt, denn meine Füße stehen bereits knöcheltief darin. Als ich dies gerade an Sylvie weitergeben will, trifft uns seitlich der nächste Kaventsmann mit voller Wucht. Die „Schnecke“ neigt sich um 40 Grad. Ich bekomme Angst und brülle irgendwas von Schwimmwesten durchs Boot. Doch es rauscht bereits die nächste drei Meter hohe Wand auf uns zu. Wassermassen türmen sich vor uns auf und wie in einem Katastrophenfilm fahren wir in Zeitlupe die Welle hinauf, um auf der Kammspitze im Höllentempo wieder herunterzurasen. Mir wird schlecht.

Totti beginnt Wasser aus dem Bootsinneren zu schöpfen. Er benutzt dazu, ein winziges Plastikschüsselchen und ich helfe ihm mit bloßen Händen. Die Brecher, die nun aus allen Richtungen zu kommen scheinen, sind so laut, dass ich es nicht höre. Aber ich spüre es und als ich in Tottis panische Augen schaue, weiß ich es auch. Die „Schnecke“ stellt sich quer. Der Motor ist ausgegangen!
Der Ozean spielt jetzt mit uns. Riesige Wellen rollen auf die nun steuerlose Nussschale zu und neben dem Boot öffnen Strudel ihren Schlund in die Tiefe. Die schroffen Felsen am Ufer scheinen auch für gute Schwimmer, unerreichbar zu sein. Der kleine Siete klammert sich an mein Bein. Er zittert am ganzen Leib und weint. Ein neues Ungeheuer prescht heran. Doch obwohl der, vielleicht letzte, Aufprall kurz bevorsteht, werde ich mit einem Mal ganz ruhig. Ich weiß plötzlich, was mir die Weltreise gebracht hat. Ich habe die Antwort gefunden.
Es war kein langer Trip auf der Suche nach dem Glück, keine Auseinandersetzung mit mir selbst und kein Fahnden nach neuen Werten gewesen. Keine spirituelle Reise. Auch nicht das Aufspüren zufriedenerer Menschen, oder anderer Länder, in denen ich lieber wohnen wollte, war das primäre Ziel. Nein! Ich hatte mich vor unserem Trip oft mit Sylvie gestritten – fast hätten wir uns sogar getrennt. Doch in den letzten Monaten waren wir wieder ein perfektes Team geworden. Wir konnten uns jederzeit blind auf den anderen verlassen, uns vertrauen, aufbauen und glücklich in die Arme nehmen. Und wir waren der absoluten Freiheit begegnet.

Plötzlich begreife ich, was das Reisen mit ihr bedeutet hatte. Ich musste nicht täglich dem Israeli-Amerikaner-Sachsen in einer Rooftop-Bar unterm Sternenhimmel zuhören, wie er einem Pinguin in Chile, oder einem Lama in Peru einen Zungenkuss gegeben hatte. Nicht wieder und wieder anhören, wie jemand in die größten Geysire und höchsten Vulkankrater des Kontinents gespuckt hatte. Keine Geschichten von Urwald-Indianerkindern, die ihren ersten Kaugummi freudestrahlend verschluckten und von Drogen eines mystischen Schamanen, die einen drei Tage lang, bunte Kreise haben sehen lassen. Auch wenn ich den meisten Rucksacktouristen sehr ähnlich sehe, hatte ich keine wildfremden Menschen gebraucht, um ihnen von meinen Erlebnissen zu berichten, musste keine Handynummern speichern, lustige Filmchen auf Mini-Laptops vorspielen und nicht mit anderen den „Lonely Planet“ auf der Suche nach dem nächsten Acht-Mann-Schlafsaal durchgehen.
Wir hatten uns durch Südamerika treiben lassen und fast jeden Abend in einem eigenen Zimmer das Erlebte reflektiert. Sylvie war mein Ruhepol, mein vorgehaltener Spiegel, meine Zuhörerin und mein Gewissen gewesen. Die vorbeiziehende Welt war lediglich die Kulisse für unseren Liebesfilm.

Genau danach hatte ich gesucht! Trotzdem musste ich sehr weit reisen, um das herauszufinden. Ich hatte es die ganze Zeit dabei gehabt, das Glück namens Sylvie.

Ich schrecke hoch, schaue zum Bug auf mein süßes Mädchen und das vor ihr hereinbrechende Meeresmonster. Jetzt werden wir also sterben, denn hinter mir zieht Totti noch immer vergeblich am Starterseil. Siete krallt sich, mit der viel zu großen Schwimmweste um den Hals, an meiner Wade fest. Es sind nur noch Sekunden bis zum Einschlag, doch plötzlich stellt sich das Boot ein wenig gerade. Ich schaue zu Totti und kann es kaum fassen. Er grinst mich an, streckt den Daumen nach oben und kramt dann in seiner Hemdstasche nach Zigaretten. Der Motor ist angesprungen.

Auch wenn wir unsere Pläne ändern und erst zwei Tage später per Bus und Dschungelwanderung in den Nationalpark kommen, verbringt die Crew der „Schnecke“ noch einen herrlichen Tag am sich beruhigenden Meer. Wir fangen bunte Fische nur mit Sehne und Haken, schnorcheln in traumhaften Korallenbuchten, rennen mit Siete um die Wette und grillen gemeinsam am einsamen Strand von Playa del Amor. Dort fragt mich Sylvie irgendwann, warum ich eigentlich in den kritischen Minuten so komische Sachen gebrüllt hätte. Ich sehe sie fragend an. „Ich meine, was sollte das denn? Beckham, van der Vaart und Siete: Schwimmwesten anziehen! Hab ich nicht ganz kapiert.“ Ich zucke mit den Schultern und lächle in mich hinein. Da sie es wahrscheinlich eh nicht verstehen würde, behalte ich es lieber für mich, nehme sie in die Arme und sage stattdessen: „Ich liebe dich!“
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Lesebühne “Die Unerhörten” am 8. Februar 2018 in Berlin

2. Februar 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Termine

Karneval! Weiberfastnacht! Helau! Alaaf! Ganz Deutschland ist am 8. Februar im Narrenfieber! Ganz Deutschland? Nein! Berlin trotzt dem Mummenschanz und Maskenreigen. Heute gibt es bei der Lesebühne “Die Unerhörten” deshalb auch keine Kamelle, abgeschnitte Schlipse, Schnapsleichen oder Pappnasen, aber dafür viele raffinierte Geschichten rund um Verkleidungen, Maskeraden und Ballzaubereien..

Wann: 08. Februar 2018 ab 20 Uhr
Ort: Café und Antiquariat Tasso, Frankfurter Allee 11, Berlin-Friedrichshain, U-Bahnhof Frankfurter Tor

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Dreamworld – Startklar fürs Leben

13. Januar 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Koalaland

Keine Ahnung, wie oft wir ihn schon imaginär gesehen haben: in Fotobüchern und Hochglanzmagazinen, auf Postkarten, riesigen Postern oder im Fernsehen. Doch wenn man ihn das erste Mal erblickt, fühlt man sich trotzdem unvorbereitet. Kein einziges Bild wird diesem Anblick gerecht. Nach einer Kurve, hinter einem kaum wahrnehmbaren Hügel, verharren wir in hündischem Staunen. Der magische Berg erscheint karminrot am Horizont. Er ist jetzt das höchstaufragende Ding auf der ganzen Welt! Wir hatten mehrere Ozeane und Kontinente überflogen, um nach Australien zu gelangen, waren tagelang durch eine ungezähmte Einöde ins rote Zentrum des Landes gefahren, nur um diesen einen Augenblick erleben zu dürfen. Wir sind am Ziel unserer Reise. Dass ein Lebenstraum so bewegend in Erfüllung gehen kann, hatten wir nicht erwartet.

Wir steigen aus und knipsen den „kleinen“ Uluru. Die rote „Majestät“ ist hier noch so winzig, dass wir ihn zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen können und aus einer Linse des Glücks betrachten können. Keine Fliege der Welt kann uns nun am Verweilen hindern. Sie versuchen in Ohren, Augen, Nase, in den Hals und selbst in die Po-Ritze zu krabbeln, doch wir grinsen mit schwarz gesprenkelten Kleidern in die Kamera. Auf diesen Fotos sehen wir unfassbar glücklich aus. Bilder wie aus einem Liebesfilm, doch die Wirklichkeit schlägt die Fiktion um Längen. Der Berg ist greifbar und echt geworden.

Seine gewaltigen Ausmaße, der Uluru ist 348 Meter hoch, drei Kilometer lang und hat einen Umfang von etwa neun Kilometern, begreifen wir erst beim Näherkommen. Perplex stellen wir fest, dass er nicht oval wie ein eingebuddelter Football, sondern unförmig und an einigen Stellen fast rund ist. In der Breite misst er eben auch bis zu zwei Kilometern. Mit 30 km/h rollen wir ihm andächtig entgegen, während im CD-Player „Dreamworld“ von Midnight Oil läuft. Überall sind nun auch tiefe Furchen, Einkerbungen und Schluchten zu erkennen.

Am Parkeingang zum Weltkultur-Naturerbe kassieren sie ordentlich ab. Sei es den Aborigines, denen das Heilige Land nun wieder gehört, vergönnt. Es heißt, dass alle Traumzeitreisen dort hinführen oder enden. Wir ahnen, warum – verstehen können wir diese Kultur noch immer nicht, denn es gibt in ihr kein Gestern, Heute oder Morgen. Wir nehmen uns vor, dies auf unserer Weiterreise zu verinnerlichen.

Ein großes Schild weist darauf hin, dass die Anganu-Ureinwohner aus mythischen Gründen nicht wünschen, dass der Felsen bestiegen wird, doch aus der Ferne sehen wir einen nicht enden wollenden Strom sich bewegender Punkte. Dicke, dürre, große, kleine, junge, alte und vor allem dumme Menschen fallen wir eine Ameisenarmee über den Uluru her. Warum? Was wollen sie dort sehen? Leere, unermessliche Weite, das Ende der Welt? Nur auf der Ebene macht einen der Berg klein und vergänglich wie ein Wüstenstaubkorn. All jene, die sich über ihn erheben wollen, geben sich der Lächerlichkeit preis, denn ein Wunder bekommen sie auf dem Gipfel sicherlich nicht geschenkt. Aufgrund von Überschätzung, durch die sengende Hitze oder durch Unachtsamkeit haben zudem bereits über 30 Menschen ihr Leben am Uluru verloren.

Auch heute ist es brütend heiß – ohne ein Wölkchen am lichtblauen Himmel -, sodass wir unser eigentliches Vorhaben, den Berg zu Fuß zu umrunden, aufgeben. Außerdem haben die summenden Fliegen in den Ohrmuscheln jetzt doch ein Wort mitzureden. Wir laufen immer nur kürzere Abschnitte entlang des zerklüfteten Fels, berühren ihn kurz, um dann 200 Meter weiterzufahren.
Dort wird das Ritual wiederholt, bis wir einmal herum sind. Leider werden auch die längst geplünderten „Sacred Places“ von Touristen in schierer Respektlosigkeit abgelichtet, obwohl dies von den Anganu ausdrücklich nicht erwünscht ist.

Wir machen Fotos, die uns mit gebührendem Abstand vor dem roten Ungetüm zeigen. Einige davon zeigen uns lachend auf dem heißen Blechdach des Campers liegend. Es sind Bilder voller Glück und Harmonie, die wir sicher noch in dreißig Jahren wehmütig betrachten werden.
Im Visitor Centre erfahren wir, welche Mythen dem Uluru von den Ureinwohnern zugeschrieben werden. Ganz ehrlich: Mit Teppichschlangen- und Hasenkänguru-Menschen, Tannenzapfen-Echsen und Regenbogen-Schlangen können wir recht wenig anfangen. Für uns geht eine ganz andere Faszination von diesem Giganten aus. Eine Faszination, die uns für immer daran gemahnen wird, dass wir diese Reise gemeinsam unternommen haben und nun angekommen sind.

Etwa 50 Kilometer weiter erreichen wir die „Kata Tjutas“. Die runden Brocken – auch „Olgas“ genannt – erinnern an im Solarium verbrannte Brüste oder rote Glatzköpfe. Die höchste Erhebung der ebenso spektakulären Massive heißt Mount Olga und wurde nach der Königin Olga von Württemberg benannt. Leider wird uns auch die Wanderung im „Valley of the Winds“ durch schwarze Wolken voller Fliegen verleidet, sodass wir bei großer Hitze und ohne spürbaren Windhauch nicht alle Aussichtspunkte erkunden können und wollen. Gegen 17.30 Uhr haben wir das Kapitel „King Uluru“ und „Queen Olga“ demnach abgeschlossen.

Auf einem eingezeichneten, hunderte Parktaschen umfassenden Betonareal stehen schon unzählige Autos und Reisebusse. Unförmige Menschen mit engmaschigen Gittern vorm Gesicht streiten sich um die besten Plätze zum Sonnenuntergang.
Die mit der guten Sicht stellen Tische und Stühle vor ihre Wagen und trinken Champagner. Allen anderen wird der Blick durch Spinifexbüschel und hoch aufgeschossene Büsche verstellt. Sie müssen sich hinten anstellen oder woanders ihr Glück versuchen. Doch wo? Fast überall gibt es durchgezogene gelbe Linien am Straßenrand mit dem Hinweis: „No Stopping Anytime.“

Auf all das haben wir überhaupt keine Lust! Wir wollen die Farborgie alleine genießen und fahren zu der Stelle zurück, an der wir den Zauberberg das erste Mal im Miniaturformat erblickt hatten. Dort finden wir, was wir suchen: einen Ort, der uns das Glück wie eine Faust in den Magen rammt. Der Uluru gehört uns hier ganz allein. Keine Volksfeststimmung – nur wir beide.

Längst haben wir den Champagner – also zwei Dosenbier – aufgezischt und betrachten – auf dem Dach unseres Campers sitzend – das steinerne Chamäleon in Technicolor: orange, orangerot, burgunderrot, feuerrot, karminrot, terracotta, blutfarben, purpurrot, fliederviolett, schiefergrau, schwarz.
Erstmals im Leben konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Jetzt. Zeitgleich flüstern wir: „Ich liebe dich.“ Wir haben uns fürs Glück entschieden und sind jetzt startklar zur Weiterreise. Nein, anders: wir sind jetzt startklar fürs Leben.
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Zum Weiterlesen: “Koalaland”
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Rechtswidrig – Jugend in der DDR

19. November 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz

Am 21. Mai 1988 lungern wir mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Sie tragen beide ein Skateboard unter dem Arm, ein echtes – aus dem Westen – wohlgemerkt.

Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Model gebastelt, welches aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuh-Rädern besteht. Man kann damit tatsächlich eine asphaltierte Straße herunterrollen, aber weder bremsen noch lenken. Richtig Scheiße sieht das Stullenbrett zudem aus, obwohl sie es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber verschönert hatten.

Tessi erhebt sich möglichst kuhl und schlendert den Jungs entgegen. Wir trotten, um Unauffälligkeit bemüht, lässig hinterher. Er flüstert: „Habt ihr die Aufgaben?“ „Was für’n Ding?“, antwortet der Größere. „Na für die Abschlussprüfung in Mathe“, kreischt Bommel aufgeregt aus dem Hintergrund. „Soll es die heute hier geben?“, antwortet der Typ plötzlich mit deutlichem Interesse. „Ja, oder am Alex wurde uns gefunkt“, klärt Tessi sie auf. „Ist doch rechtswidrig!“, murmelt der Heavy-Typ mit ernster Miene, bis er lauthals zu lachen beginnt. „Wenn ihr sie habt, sagt Bescheid. Die koofen wir euch ab!“ Wir paffen noch eine zusammen, bevor wir uns verabschieden. Die beiden Jungs nehmen den polierten Granit-Sockel unterhalb des Lenindenkmals mit ihren Brettern in Beschlag. Wir hingegen laufen durch endlose Neubauschluchten in Richtung Alexanderplatz.

Die Sache ist nämlich so, dass mehrere von uns in Mathe zwischen 4 und 5 stehen und sich eine 5 in der Abschlussprüfung nicht leisten können; obwohl die Mündliche noch retten könnte, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Doch statt eine sozialistische Lerngruppe zu gründen, am besten mit Matheolympiaden-Sieger Dirk, grübeln wir seit Wochen, ob es vielleicht eine einfachere Lösungen gibt. Zunächst hieß es, Andis Bruder Billy würde einen kennen, der einen kennt, der in der ND-Druckerei arbeitet. Wir hatten das Gebäude am Franz-Mehring-Platz sogar ausgekundschaftet, da ein nächtlicher Einbruch durchaus im Rahmen des Denkbaren lag. Doch dann erfuhr ich, dass die Zentrag den Druckauftrag für die Abschluss-Prüfungsfragen immer ganz kurzfristig vergibt, manchmal sogar nach Leipzig oder Magdeburg.

Nach dieser Info nahmen wir eine neue Fährte auf. Jemand aus dem Vorgänger-Jahr hatte Bergi gesteckt, dass die Prüfungsaufgaben Wochen vorher an verschiedenen Orten der Republik unter der Hand verkauft werden. Wir müssten nur die Ohren spitzen. Er selbst hätte sie für 300 Mark am Lenin- einige andere am Alexanderplatz erstanden. Alle Pfeifen, sogar der Kossart, hatten so bestanden.

Leider gehört der Alex nicht gerade zu den kleinsten Plätzen unserer Stadt. Obwohl das riesige Betonareal oft als gut überschaubarer Kundgebungsort genutzt wird, gibt es dort hunderte Ecken für geheime Übergaben wichtiger Dokumente. Am sinnvollsten erscheint es uns, zunächst an der Weltzeituhr zu schnüffeln. Die runde, gut zehn Meter hohe Uhr, auf der die Namen von 148 Städten verzeichnet sind – von denen wir wahrscheinlich 144 nie im Leben zu Gesicht bekommen – gilt als Touri-Attraktion. Dort muss man sich immer mit Ferienlager-Bekanntschaften verabreden, weil die sich sonst in Berlin verlaufen. „Treffpunkt um 20 Uhr an der Weltzeituhr“, scheinen leider auch heute hunderte Dörfler vorher ausgemacht zu haben.

„Das wird hart“, murmelt Tessi. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und versuchen am Gesichtsausdruck der Bürger festzustellen, ob sie etwas zu verbergen oder heimlich zu verkloppen haben. Ein bisschen kommen wir uns dabei wie die „Jung-Stasi“ aus Ostberlin vor und die meisten, die wir diskret von der Seite anquatschen, geben uns das auch in etwa zu verstehen.
Irgendwann hat Bommel die Schnauze voll und fragt einen Typen mit Marmorjeans aus der Jugendmode gerade heraus: „Verkaufst du vielleicht die Matheaufgaben?“ „Nuklear! Dreihunnerd Morg“ (Na klar. Für 300 Mark), nuschelt er im tiefsten sächsisch. Eiligst pfeifen wir alle zusammen und verschwinden mit ihm in eine dunkle Ecke des S-Bahnhofs. Tessi zieht sechs Fünfziger aus der Tasche und nur mir ist es zu verdanken, dass er nicht den Fehler seines Lebens macht.
„Das hatten wir doch gar nicht“, murmele ich beim Überfliegen, der auf Maschine getippten Fragen. Doch Sachsen-Jens gibt mir zu verstehen, dass dies sehr wohl die Mathe-Abschlussprüfungs-Fragen 1988 sind – für die 12. Klasse! „Scheißdreck, weißt du, ob hier auch einer die für die 10te verkauft?“, zischte ich. „Nuklear, dä Wännsdor am Delesporgel oder anna Nuddenbrosche“. Man braucht für den Typen echt einen Übersetzer – er meint wohl irgendwelche Kinder am Fernsehturm, den ein Berliner niemals Telespargel nennt! Und der Brunnen der Völkerfreundschaft wird auch nur von alten, geifernden Herren als Nuttenbrosche bezeichnet.

Egal, unterhalb der pfeilförmig verlaufenden Betonfaltdächer des Eingangs-Pavillons tummeln sich etliche elitäre DDR-Skater und noch mehr angesoffene Punks. Bei den Jungs mit den bunten Frisuren fällt es uns dennoch leichter, nachzufragen. Doch niemand hat jemals von denen gehört und nicht wenige wundern sich, warum wir uns überhaupt „so ‘ne Platte“ machen.
Ein Assi mit knallgelbem Irokesenschnitt wechselt sogar die Kassette und spult bis zum Song „Hurra, hurra die Schule brennt“ vor. Schon klar: für ihn spielt ein Mathe-Abschluss der 10. Klasse eine eher untergeordnete Rolle.

Auch am Brunnen gibt es keine Verkäufer nur etliche aufgetakelte Damen in ultrakurzen Miniröcken und Weststrumpfhosen. Uns junge Ossis finden die eher unattraktiv. Noch eine Woche lungern wir dennoch stundenlang am Alex herum, bevor wir es endgültig aufgeben und eine völlig neue Strategie ausarbeiten.

Als Herr Blase am 15. Juni die Prüfungsfragen und die Bögen, auf die Tische wirft, sind wir bestens vorbereitet. Die karierten, doppelseitigen Blätter sind oben rechts, damit niemand bescheißen kann, mit dem Schulstempel versehen & das ist gut so.

Grossi hatte uns im Vorfeld exakt diese Bögen besorgt und über Dirk waren wir an den Stempel gelangt. Keine Ahnung, was Bergi ihm angedroht hat; mit Sicherheit haben sie nicht darüber diskutiert, ob dies rechtswidrig sei. Jedenfalls entwendete er ihn aus dem Lehrerzimmer und legte ihn nach einer halben Stunde unauffällig wieder zurück an seinen Platz. Die im Akkord gestempelten Blätter waren für mich schon die halbe Miete, denn so konnte ich Formeln und Rechenwege auf die fälschungs-sicheren Papiere kritzeln und diese heute einfach auf die Schulbank legen. Es ist ein Luxus-Spickzettel. Lediglich Andi und Tessi verfolgen eine andere Taktik.

Nach 15 Minuten hebt Tessi seinen schwabbeligen Arm: „Herr Blase ich muss mal aufs Klo.“ „Warum warst du denn vorher nicht? In Ordnung, zisch ab und beeil dich.“, antwortet er ungewohnt verständnisvoll. Tessi ist tatschlich nach drei Minuten zurück und sofort ruft Andi: „Ich muss auch mal schnell für kleine Mädchen.“ Mit einer müden Handbewegung schickt er ihn zur Tür.

Was er nicht weiß: Die Beiden haben soeben lediglich die Fragen abgeschrieben – Tessi die ersten sechs und Andi die letzten fünf. In der mittleren Kabine des Klos, sitzt Kosbi aus dem Jahr über uns, der auch im ersten Jahr auf der EOS, eine glatte 1,0 hingelegt hat. Ohne übertriebene Hektik verlässt er mit den Prüfungsfragen das Gebäude und beantwortet sie dann in Rekordzeit in doppelter Ausführung bei sich zu Hause, bevor er wieder in das Kabuff am Ende des Ganges zurückkehrt.

Bergi und Bommel wurden dazu auserkoren, nach 50, bzw. 55 Minuten (die Prüfung dauert 90), die fast vollständigen Antworten auf den karierten, gestempelten Blättern abzuholen, ums sie Tessi und Andi zu überreichen. Unser kleinster Freund macht sich dabei beinahe in die Hose. Wenig später ertönt seine berühmte kindliche Lache.

„Ist was Uwe?“, fragt der Lehrer. „Nee, alles gut Herr Blase. Habe gerade die Lösung gefunden!“ Alle schmunzeln und Didi ruft: „Na dann erzähl doch mal“, doch Blase ermahnt ihn, das Reden augenblicklich einzustellen.
Zwei Jungs schauen währenddessen nicht einmal auf, denn sie übertragen gehetzt Kosbis Lösungen auf ihre Blätter. Dann quäkt der Lehrer: „Stifte sofort auf den Tisch legen, wer jetzt noch schreibt, bekommt eine Fünf. Und nun einzeln nach vorn kommen und die Bögen in diese Kiste werfen.“ Er freut sich darauf, endlich in seinem Lehrerkabinett eine zu rauchen. Wir uns auch – draußen an der frischen Luft.

Die Prüfungen werden – so hören wir zumindest – von Lehrern aus anderen Schulen benotet. In einigen Tagen wird Herr Blase somit erfahren, dass die größten Luschen, Versager und Verweigerer der 10 B, die schriftlichen Mathematik-Prüfungen mit einer hervorragenden Note abgeschlossen haben.
Wird er versuchen, uns zu unterstellen, oder gar zu beweisen, dass wir beschissen haben? Wird er uns in der Mündlichen ordentlich vorführen? Ich denke nicht. Er wird die guten Zensuren im Kolloquium als Erfolg eines begabten Mathematik-Lehrers verkaufen und einsehen, dass unsere Bewertungen nunmehr rechtskräftig sind.
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Abhängig – Jugend in der DDR

8. September 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog


Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend „mal“ am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern. An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus dem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Abhängigkeit war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn – mit roten Äderchen auf der Nase – zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte.

Da mir die Jugendweihe aber zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine Boutique in der Sophienstraße. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich tatsächlich alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch richtig Scheiße aus. So richtig!
Die Feierstunde verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ und “Auf, auf zum Kampf” gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.

Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später „mal“ am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder schlappe 1.540,- Mark hingeblättert! Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer, trank mein Bier in einem Zug aus und rief „Prosit!“ in die Runde. Alle lachten gerührt.

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Der Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Wie viele Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers. Beschwipst lauschte ich dem beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um einige sinnlose Artikel den Gästen vorzutragen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen, leicht schwankenden, Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und selbst in Restaurants wurden wir angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Um 20 Uhr war bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit einer Pulle in der Hand und brüllten: “Auf, auf zum Kampf zum Kampf!”. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – etliche sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.
Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts.

Heute habe ich einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf wenige Ausnahmen sind die abhängigen Säufer alles Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit den Jungs die Halben im „Rockz“ hinter die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, während sie immer noch am ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich sogar ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen.
Es war also doch der Westen schuld!
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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