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Mein neues Buch “Leninplatz”!

12. Januar 2020 | von | Kategorie: Aktuelles

Mein neues Buch “Leninplatz” ist soeben erschienen.

Hier der Klappentext:
Benny, Mark und ihre Freunde wohnen rund um den Leninplatz in Ostberlin. Obwohl ihr Alltag Ende der 80iger Jahre in der DDR eigentlich trist und vorbestimmt ist, erleben sie in der Schule und den Stunden danach die aufregendsten Dinge. Sie feiern gemeinsam das Leben, die Mädchen und vor allem sich selbst, auch wenn ihre Freundschaft manchmal auf harte Proben gestellt wird.

„Was war eigentlich los am Leninplatz, bevor der Osten der neue Westen wurde, vor dem Mauerfall und „Goodbye Lenin“? Mark Scheppert erzählt auf unvergleichliche Art vom Aufwachsen im Ostteil Berlins, von Freund- und Feindschaften, erster Liebe und einer kleinen Gang Jugendlicher, die nach der Schule am Sockel des Lenindenkmals herumlungert und Pläne schmiedet – mal fürs Leben, mal nur für den sozialistischen Nachmittag. Seine Geschichten sind ebenso komisch wie anrührend, authentisch erzählt und ein unverzichtbarer Teil Alltagsgeschichte aus der untergegangenen DDR.“ Hannes Klug, Journalist und Autor

„Scheppert entkleidet alles und jeden: Ina aus der A-Klasse, die Frau des Musiklehrers, die DDR und nicht zuletzt: seine Seele. Fetzt voll ein, dit Buch.“ Sebastian T. Vogel, Lesebühnenautor
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„Ein FDJ-Aufmarsch zum 35. Jahrestag der Republik – nie wäre Mark Scheppert auf die Idee gekommen, daran freiwillig teilzunehmen. Aber dann winkte ein Treffen mit dem schönsten Mädchen der Schule. Also doch!“
Spiegel Online, einestages
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„Erfrischend, verdammt ehrlich, voller Komik und Humor, lebensecht!“
Binea, Literatwo
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Natürlich würde ich mich sehr darüber freuen, wenn es Euch gefällt. Rückmeldungen/Rezensionen von Menschen, die noch gerne lesen, sind ausdrücklich erwünscht.
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Hier könnt Ihr u.a. “Leninplatz” von Mark Scheppert für 9,90 € käuflich erwerben:
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– bei Amazon.de
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– bei Thalia.de
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– bei BoD.de
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Viel Freude beim Lesen wünscht
Mark Scheppert

Kontakt:
Email: mail@markscheppert.de
FB: www.facebook.com/mauergewinner
INSTA: @Mauergewinner

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Feuerohren & Brennesseln im Ferienlager – Kindheit in der DDR

10. Januar 2020 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei meinem allerersten Kinderferienlager in der 1. Klasse war ich sieben Jahre alt. Die älteren Kinder quälten mich und ich konnte das nicht einmal meinen Eltern schreiben, da ich gerade erst OMA gelernt hatte. Da ich auch noch nicht lesen konnte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Im Lager gab es niemanden, der einen tröstete. Es gab auch keine Telefone. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur zurück nach Hause zur MAMA. Das Wort konnte ich auch schon schreiben.
Sie haben mir die Arme auf den Rücken gedreht, brennende „Feuerohren“ gerieben, wie verrückt aufs Schulterblatt geboxt und gemein die Beine von hinten gestellt, sodass ich dauernd in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es noch viel schlimmer und viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

In den Winterferien der 2. Klasse schien sich dieser Mut auszuzahlen. Im Kinderferienlager „Willi Bredel“ in Rodishain im Harz waren alle Kinder meiner Gruppe in demselben Alter, demnach gab es Große und Kleine, Ängstliche und Draufgänger, Gewinner und Verlierer, aber keine fiesen Typen, die ihren biologischen Vorsprung mittels Gewaltanwendung auslebten. Ich reihte mich perfekt und opportunistisch in der Mitte ein und so ließ man meine Ohren und meine Seele meistens in Frieden.

Obwohl wir sehr zeitig zum Frühsport herausgerufen wurden und unsere Waschräume in dem unbeheizten Flachgebäude 50 Meter von unseren Häusern entfernt waren, ahnte ich zum ersten Mal, dass ein Ferienlager „urst einfetzen“ konnte, wie wir gerade sagten. Nach dem Frühstück bestand der komplette Tag aus Rodeln, Gleiter fahren, Schneeballschlachten und Iglu bauen. In dem klaren Flüsschen hinter den Hütten errichteten wir Staudämme, damit wir die vorbeischwimmenden Forellen besser fangen konnten. Wir spielten chinesisch Tischtennis, bis uns schwindelig wurde und fast nach jedem Abendbrot gab es eine Lagerdisko oder eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe.
Es machte richtigen Spaß und mittlerweile konnte ich sogar schon lesen. Obwohl auf den Karten und in den Briefen von zu Hause, die ausschließlich Mutter schrieb, nur belangloses Zeug stand, war diese Post immens wichtig, da die Kinder, welche keine bekamen, sofort gehänselt wurden. Auch Oma Halle schickte bald in jedes Kinderferienlager einen Brief. Sie schrieb eigentlich immer: „Hallo, mein Markilein. Ich hoffe, es geht Dir gut. Anbei findest Du ein kleines Scheinchen. Liebe Grüße, Deine Oma Halle.“ Bereits im zweiten Ferienlager kaufte ich mir von dem Geld im Konsumladen des Ortes eine herzhafte Thüringer Leberwurst, da es hier nur Mortadella und eine Sorte Schmelzkäse zum Abendbrot gab.

Die Briefe meiner Mutter waren länger, oft bargeldlos und mit Schreibmaschine getippt. Sie teilte ihrem jetzt achtjährigen Sohn Geschichten aus ihrem harten Arbeitsleben mit und was Vater (der Arsch) schon wieder alles verbrochen hatte in meiner kurzen Abwesenheit. Benny war natürlich meistens erkältet und vermisste angeblich seinen großen Bruder sehr.
In den späteren Sommerferienlagern beschrieb sie jedes Jahr auf einer kompletten DIN-A4–Seite die Neuigkeiten aus dem Garten in Karow. Ab der 3. Klasse war ich schon regelrecht glücklich, im Ferienlager zu sein, da zu Hause immer alles beim Alten war: Benny krank, Vater im „Scheppert-Eck“, und Mutter rackerte sich zu Hause und im Garten allein ab. Das Bild, das sie zeichnete, stellte die Realität wahrscheinlich sogar relativ genau dar. Ich war dann froh, weit weg und frei zu sein.

Von meinen ersten Antwortkarten waren meine Eltern sicherlich gerührt. Darauf stand mit etlichen Rechtschreibfehlern vor allem, dass die Küchenfrauen nett wären, ich schon viele Freunde gefunden hatte und wir jeden Tag Schlitten fuhren. Sie sollten bitte auch Benny und die Hamster Max und Moritz grüßen.
Ab der 4. Klasse hatte ich von anderen Kindern gelernt, dass auch ein letzter, entscheidender Satz auf die erste Karte musste: „Bitte sendet mir Geld. Hier ist alles sauteuer.“ Obwohl mir Vater und Mutter jeweils vor der Reise etwas heimlich zugesteckt hatten, was ich dem jeweils Anderen nicht erzählen sollte und es in der DDR einheitliche Verkaufspreise gab, bekam ich seitdem nicht nur von Oma ein Scheinchen gesandt. Ich trank und rauchte noch nicht und so viele Leberwürste hätte ich gar nicht kaufen können. Es blieb also immer reichlich übrig für die heimische Sparbüchse.

Benny, der drei Jahre nach mir das erste Mal in ein Ferienlager geschickt wurde, schrieb den „Geldsatz“ gleich bei seiner zweiten Fahrt, und meine Eltern glaubten natürlich, dass er dies von seinem großen Bruder abgeschaut hatte. Obwohl auch er bald seine Zehner bekam, war er meistens nach drei oder vier Tagen wirklich pleite. Keine Ahnung, wie er das angestellt hatte – wahrscheinlich zu oft beim Mau-Mau-Spielen verloren, zu wenige cc-Mücken bei seinen Autokarten, oder zu viele Halloren-Kugeln genascht – aber natürlich half ich ihm dann mit etwas Geld aus der Patsche. Benny hatte es also entschieden einfacher hier in Rodishain, wo wir jetzt jedes Jahr gemeinsam hinfuhren. Als ihm ein gewisser Angelo einmal „Feuerohren“ verpasste – er hatte so lange an Bennys Ohren gerieben, dass diese schon weinrot leuchteten – drehte ich mit beiden Händen an seinem Arm in entgegengesetzte Richtungen, bis dieser wie Brennnesseln oder hunderte kleiner Stecknadeln piekte. Mit Hilfe zweier Freunde warf ich ihn in den benachbarten, eiskalten Bach zu den Forellen. Es gab nie wieder Probleme mit Angelo. Er wurde später sogar unser Freund.

Relativ schnell wollte ich unbedingt in beide Ferienlager fahren, im Sommer und im Winter und immer nach Rodishain. Da es vielen anderen Kindern ähnlich ging, traf ich alle meine alten Freunde wieder und wusste dann schon bei der Anreise im Bus, welchen Platz ich im Tischtennisturnier ungefähr belegen würde.


Meine Mutter schrieb vor meiner Abreise auf ihrer Schreibmaschine – natürlich während ihrer Arbeitszeit – eine ganz genaue Inventarliste mit den Utensilien, die ich in meinem Koffer mitbekam. Natürlich packte sie auch dieses riesige braune Ungeheuer. Ich hatte immer mehr als genug dabei, und jedes einzelne Kleidungsstück, aber auch die Sachen aus dem Kulturbeutel und der Essbestecktasche standen auf ihrer Liste, die in der Innenseite meines Koffers klebte.

Ohne Absatz stand dann dort zum Beispiel: „8 Paar Socken, 3 Hosen, 6 Hemden, 8 Schlüpfer, 2 Handtücher, 3 Paar Schuhe, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gabel, 1 Messer, 1 großer Löffel, 1 kleiner Löffel …“ Und so weiter – eine komplette DIN-A4-Seite voll. Dummerweise standen solch wichtige Sachen wie 1 Tischtenniskelle, 2 Dreisterne-Bälle und 6 Kassetten nicht auf ihrem Zettel. Ich wurde streng ermahnt, dass ich beim Packen vor der Rückfahrt die Liste ganz genau abhaken sollte, um zu sehen, dass auch jedes Teil wieder dabei war.
Spätestens ab der 5. Klasse kreuzte ich die komische Liste vor unserer Heimreise ohne zu kontrollieren einfach ab, stopfte einen riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten in den Koffer und setzte mich und einen Kumpel auf das Ding, damit wir ihn zubekamen.

Zu Hause gab es natürlich immer das große Stöhnen, was ich denn mit meinen Sachen gemacht und in welchem Kuhmist ich mich gesuhlt hätte. Vom Geld meiner Oma oder von ihrem eigenen hatte ich jedoch für meine Mutter ein paar leckere Halloren-Kugeln im Dorfkonsum gekauft, die ich ihr schuldig dreinschauend überreichte. Sie lächelte glücklich und stopfte meine Dreckswäsche, auch wenn 2 Socken, 1 Hemd und 1 Geschirrhandtuch fehlten, wortlos in unsere Waschmaschine.

Mein persönliches, wenn auch schmerzhaftes Highlight des Winterferienlagers der 6. Klasse gab es erst am vorletzten Tag. Wie immer lagen unsere Häuser in Rodishain tief verschneit im Wald und wir genossen unser romantisches Wintermärchen. Als wir mit unserer Gruppe an diesem Vormittag mit einem glitschigen Baumstamm das zugefrorene Flüsschen überqueren wollten, rutschte ich ab und knickte mir den Arm zunächst auf der harten Eisoberfläche und dann auf dem Grund des Flusses mit einem fiesen Krachen um.
Mein rechtes Handgelenk hing wie abgehakt schlaff vom Arm herab. Die Schmerzen waren höllisch, das konnten die anderen sehen, aber ich heulte und schrie nicht und obwohl ich mir nur den Arm gebrochen hatte, trugen mich die beiden stärksten Kinder Dirk und Volkmar zurück zu unseren Hütten. Am Abend war ich der große Held und Gesprächsstoff des ganzen Lagers. Voller Stolz zeigte ich meinen Gips aus dem Krankenhaus in Nordhausen. Alle, sogar die Helfer, hatten bei der Abreise mit Kugelschreiber darauf unterschrieben, sodass jeder in meiner Schule sehen konnte, wie viele Freunde ich hatte. Es war wirklich traumhaft, denn Sabine musste, bis der Gips nach sechs Wochen abkam, für mich im Unterricht mitschreiben.

Das Sommerferienlager der 7. Klasse sollte mich ein letztes Mal nach Rodishain führen. Mit 13 war ich von heute auf morgen plötzlich ein Jugendlicher geworden, der nicht mehr so sehr auf Staudämme für Forellen, sondern auf die ersten Wölbungen unter den Blusen der Mädchen achtete. Das vormals uninteressante andere Geschlecht war in der ältesten Gruppe das wichtigste Thema. Viele rauchten bereits und soffen heimlich Sachen aus dem Dorfkonsum. Ich tat dies nicht, gehörte deshalb aber auch nicht mehr dazu und bekam vom Obermacker, einem gewissen Jesse, sogar einmal richtig eine auf die Fresse für eine blöde Bemerkung. Dabei hatte ich lediglich gesagt, dass er mit Zigarette im Mund aussehe wie Patrick Swayze und der war ja eigentlich ein Frauenschwarm.
Ich ahnte, dass ich bald komplett raus wäre, wenn ich mich dem heimlichen Cabinet-Rauchen, dem Genuss alkoholischer Getränke, von denen man anschließend die Waschräume voll kotzte, und dem „Mädchen fingern“ entziehen würde. Doch noch riss ich mich zusammen und so wurde es in anderer Hinsicht das erfolgreichste Kinderferienlager „Willi Bredel“ meines Lebens: Ich belegte den 1. Platz in der Kombinationsstaffel der Lagermeisterschaften, ging als Sieger beim Wurfspiel hervor, belegte den 2. Platz beim Tischtennisturnier, wurde Sieger beim Skatturnier und belegte den 1. Platz beim Liegestütz-Wettbewerb der Altersklasse 10-13. Beim letzteren, hieß es auf einmal, hätte ich angeblich beschissen und bekam die Zweite in jenem Jahr aufs Maul, vom großen Boss persönlich – dem Zweitplatzierten Jesse. Aber noch hatte ich, trotz blutiger Lippen, keine einzige Zigarette geraucht, keinen Alkohol getrunken und fünf große Urkunden mehr im braunen Koffer. Auf der letzten Lagerdisko bekam ich meinen ersten richtigen Kuss von einer gewissen Dörte.

Ab der 8. Klasse wäre ich lieber nach Spanien, Italien oder Irland ins Ferienlager gefahren, aber daraus wurde leider nichts.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Lesung am 16.01.2020 im Panenka in Berlin

25. November 2019 | von | Kategorie: Aktuelles, Termine

Wo: Panenka, Weichselstr. 27 in 10247 Berlin

Wer: Mikis Wesensbitter und Mark Scheppert, Special Guest: Iron Henning

Wann: 16.01.2020, ab 20.00 Uhr,

Wieviel: Eintritt frei – Mütze

Warum: Weil’s fetzt!


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Lesung am 22.11.2019 im Berliner Nordkiez: “Advent, Advent, mein Glühwein brennt!”

14. November 2019 | von | Kategorie: Termine

Natürlich gibts es auch in diesem Jahr die traditionelle Vorweihnachtslesung von Herrn Mikis Wesensbitter.

Diesmal mit Gästen! Gemeinsam mit Mark Scheppert & Susa Peter wird es heiter, besinnlich, zünftig, zotig, traurig und einzigartig!
Geschichten über Aliens in Ostberlin, Liebeskummer im Heizungskeller, Sex beim FDJ-Nachmittag… und noch viel mehr, gibts bei freiem Eintritt und mit großer Getränkekarte.

Und wenn alle Kinder artig sind, gibts auch eine Tombola!
Wer da nicht hinkommt, ist selbst Schuld!

Ort: Brutz & Brakel, Proskauer Str. 13, 10247 Berlin

Wann: 22. November 2019 ab 20 Uhr

Wer: Mikis Wesensbitter, Susa Peter, Mark Scheppert

Eintritt: frei (Mützenprinzip)

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Touristenfalle – der Tag nach dem Mauerfall 1989

9. November 2019 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

Am 10. Nov. 1989 sitzen wir um 10 Uhr in einer vollbesetzten S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Es ist ein Zug der Verlierer, ein Zug all jener Menschen, die gestern verpennt und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen vom Mauerfall haben anhören müssen. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit Schnurbart liest die BZ eines bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Die Titelschlagzeile lautet:

Die Mauer ist weg!

JEDER darf ab sofort durch!

Deutschland weint vor Freunde.

Die ersten sind schon da!

Wir reichen uns die Hände!

Otto reicht mir die Hand und sagt: „Jetzt muss ich auch gleich heulen, hab meine Kippen zu Hause vergessen.“ „Scheiße ich habe auch nun noch zwei“, antworte ich.

Am Grenzübergang Invalidenstraße quetschen wir uns rauchend durch kreischende Massen in Marmor-Jeans, rufen ihnen: „Scheiß Ostler“, hinterher und ärgern uns noch immer, dass wir heute mit dem nervigen Mob rüber müssen. Ausgerechnet diesen historischen Augenblick haben wir verschlafen, weil wir uns bis tief in die Nacht den Blindmachern ostdeutscher Spirituosen-Fabrikanten hingegeben hatten.

Als wir den letzten Schlagbaum passieren, geschieht dann aber doch etwas mit mir. Mein Herz beginnt zu hämmern und irgendwann scheint mein Hirn zu realisieren, dass ich mein – mir vertrautes – Heimatland sogleich für immer verlassen werde. Schon bei unserer Rückkehr wird es ein anderes sein.

Ich umarme Otto lange und eine Träne kullert mir die Wange herab, welche ich rasch mit dem Ärmel fortwische. Auch meinem besten Freund ist anscheinend gerade was ins Auge geflogen. Er sagt: „Was ist denn das für ein starker Westwind?“ „Ja, und voll der Smog hier!“, pariere ich. Wir lachen und klatschen mit erhobenen Händen ab.

Nach zwanzig Metern kommt ein etwa dreißig jähriger Typ mit Kamera auf uns zu: „Das war ja echt herzergreifend, euch gerade zu beobachten.“ Er drückt jedem von uns einen 10-D-Mark Schein in die Hand und ruft lächelnd: „Viel Glück!“

An der nächsten Ecke ist ein Zigarettenladen. Wir kaufen uns beide eine erste, echte Camel-Packung und dazu passend ein Camel-Feuerzeug.

„Wenigstens werden wir uns immer daran erinnern, dass wir uns gleich was Sinnvolles gekauft haben“, meint Otto, während er mir Feuer gibt. Ich ziehe und nicke dann beflissen.

Um 11.30 Uhr stehen wir auf dem Bahnsteig des vollkommen überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warten nun schon seit einer halben Stunde auf die S-Bahn in Richtung Charlottenburg. Otmar ruft genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimme ihm auch hierbei grinsend zu.

In einem Abteil, in dem man aufgrund der Massen nicht umfallen kann, fahren wir an den einzigen Ort, den wir zu kennen scheinen: Zoologischer Garten. Den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche, den Kurfürstendamm, das Europacenter, den Zoopalast und das KDW müssen wir in der Abendschau im Dritten Programm unterbewusst schon so oft gesehen haben, dass es gar keine andere touristische Alternative gibt. Fast alle anderen Passagiere drücken sich auch aus dem Wagen.

Auf dem Vorplatz begegnen wir einer Sachsen-Horde. „Wie sind die denn so schnell hergekommen?“, fragt Otto. „Mit dem Trabi, nehme ich an“, antworte ich und bin schon jetzt genervt von dem riesigen Menschenauflauf. Besonders vor zwei Banken bilden sich gigantische Schlangen. Die Polizei, eine Feuerwehr-Staffel und diverse Rettungssanitäter sind ebenfalls vor Ort.

„Was gibt’s denn hier?“, fragt Otto einen Kerl. „Na hunnderd Morg grischt heude jeda geschängt!“, antwortet der im tiefsten sächsisch. Wenig später erfahren wir von einem Übersetzer, dass Westberlins Bürgermeister Momper bereits in der Nacht alle Sparkassen und Banken angewiesen hat, dass die Auszahlung von 100 D-Mark Begrüßungsgeld an jeden Ostdeutschen durch Vorlage des DDR-Personalausweises erfolgen soll. Das Geld gab es wohl schon immer, aber da kamen eben nur ein paar Rentner und Privilegierte in den Genuss. Nun sind es Hunderttausende.

Von LKWs werden Zeitungen, Schokoladentafeln, Kaugummis, Seife und Tonnen von grüner Bananen in die sich davor fast prügelnde Meute geworfen und von all den „Freiheitsidioten“ in mitgebrachte Hamster-Dederon-Beutel gestopft.

„Was für eine Touristenfalle“, grummele ich. „Ist wohl eher ’ne Ossifalle! Von der Montagsdemo direkt ins Kaufhaus des Westens“, entgegnet Otto, der sich genauso zu schämen scheint.

Allerdings betrachten auch viele andere Passanten die Szenen mit Abscheu. Wir ahnen, dass der bekannte – uns alle vereinende – Schlachtruf vor dem Mauerfall: „Wir sind das Volk“, seit Stunden keine Bedeutung mehr hat.

Von diesen, dem Konsumrausch unmittelbar verfallenen Menschen möchten wir uns mit aller Kraft distanzieren. Etliche ältere DDR-Bürger benehmen sich, als wären sie hungernde Kinder eines Dritte-Welt-Landes nach einem verheerenden Bürgerkrieg. „Komm lass uns abhauen“, rufe ich.

Die Buchhandlung im Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Otto lässt sich auf einem Stadtplan zeigen, wo das „Sound and Drumland“ zu finden ist. Dann verlassen wir den Ort der Schande. Erst um 16 Uhr müssen wir wieder am Wasserklops sein, da wir uns dort mit den anderen Jungs aus der Schule verabredet haben.

Während ich einige Zeit später ganz verloren in dem Laden für Musiker herumstehe, starrt mein Schlagzeuger-Freund mit offenem Mund und leuchtenden Augen eine Stunde lang all die Instrumente an, welche er hier für Westgeld kaufen könnte.

Nach langer Diskussion überzeuge ich ihn, nun auch mal unsere Begrüßungs-Taler abzuholen. Er findet dies hochgradig peinlich. „Aber wir müssen doch auch noch Bier kaufen“, sage ich mit betont ernster Stimme.

In einer fast leeren Deutschen-Bank-Filiale an der Bismarckstraße lassen wir uns die blauen Ausweise abstempeln und sind nach 5 Minuten 100 D-Mark reicher.

„Okay Scheppi, dann gehen wir jetzt aber auch Alk besorgen, bevor wir die anderen treffen“, meint Otto, den mein letztes Argument wohl doch überzeugt hatte.

Gleich ums Eck liegt eine Kaisers-Kaufhalle, deren Warenangebot mich erstmal umhaut und total überfordert, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Sehr lange bestaune ich das riesige Regal mit den Sektflaschen, in dem nicht – wie bei uns – eine Sorte, sondern 20 verschiedene stehen. „Was ist denn das für eine Verarsche“, schreie ich Otto zu, da ich erst spät realisiere, dass die billigsten Pullen ganz unten in der Auslage versteckt sind. „Sag ich doch, voll die Ossi-Verarsche“, ruft mein Freund, der bereits zwei Flaschen der Marke Faber zu 1.99 DM herausgefingert hat. Wir sind vom Preis begeistert und kaufen letztendlich vier Pullen. Die bunte, kapitalistische Warenwelt lässt uns vergessen, dass wir eigentlich ausgemachte Biertrinker sind.

Zurück am Bahnhof Zoo entdecke ich in dem Auflauf von nunmehr sicherlich 100.000 Menschen mein Bruderherz Benny in der Ferne. Er hört mein Brüllen nicht, da er neue schwarze Kopfhörer auf den Ohren trägt. Ich ahne, dass er keine 5 Minuten gebraucht hat, um am Kudamm sein komplettes Begrüßungsgeld in einen Walkman von Sony zu transferieren.

Mittlerweile hört man überall Einheimische schimpfen, dass die Bahnen, Banken und Geschäfte alle von den Scheiß-Ostlern verstopft werden. Die Stimmung kippt nach nicht einmal einem Tag. Nur die Sachsen singen: „Blühe, deutsches Vaterland“.

Der Mauergewinner

Als wir am weltberühmten Wasserklops – in der Realität ist es lediglich ein hässliches Wasserspiel aus roten Granitblöcken – einen freien Platz suchen, hören wir plötzlich unsere Namen rufen. Matze und Koschi haben sich an der Treppe, welche den Brunnen umgibt, niedergelassen. Vor ihnen stehen mindestens 20 Dosenbier in einem Pappkarton. Koschi kreischt: „Pornos, Nutten, Dosenbier – Helmut Kohl wir danken dir!“. Ich muss zum ersten Mal am heutigen Tag lauthals lachen.

Dann umarme ich die beiden, denn es ist ein verdammt bizarres, unwirkliches Gefühl, jemanden, den man kennt, im „Westen“ zu treffen.

Hinter mir ruft Otto: „Jetzt lasst mal die Schmusereien“, und drückt mir eine der Sektpullen in die Hand. Wir lassen die Korken knallen und spritzen uns dann gegenseitig voll, bevor wir den Flaschenhals zum Mund führen – und die Flüssigkeit sofort wieder ausspucken. „Pfui, was ist das denn für ein Zeug?“ Der Sekt ist warm und unglaublich süß, als bestünde er nur aus stark gezuckertem Sprudelwasser.

„Voll die Touri-Falle, oder? Nehmt euch mal lieber ein lecker Karlsquell“, sagt Matze und wirft mir eine Dose zu, die ich mit einer Hand fange. „Das heißt seit heute Ossi-Falle“, korrigiert ihn Otto und Koschi ergänzt: „Ist mir in der Peep-Show auch schon aufgefallen. Lasst uns mal lieber nach Kreuzberg fahren. Da soll im Kino auch ‚Blaue Strapse‘ laufen. Und außerdem ist es dort, wie man hört, nicht ganz so touristisch.“

‚Richtig‘, denke ich ‚in der Gegend um den Kudamm sollte Tag 1 nach dem Mauerfall wirklich nicht enden.‘

Mehr Mauergeschichten von mir: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Jubiläums-Lesung am 14.11.2019 im Tasso

9. November 2019 | von | Kategorie: Termine

Unsere Lesung am 14.11.2019:
Große Jubiläums-Show der Lesebühne “Die Unerhörten”
Ort: Café Tasso
Frankfurter Allee 11
10247 Berlin
Ab 20 Uhr, Eintritt frei!

Autoren! Menschen! Sensationen! 10 Jahre Lesebühne “Die Unerhörten”. Das muss gefeiert werden und deshalb tun wir das auch.
Mit vielen Überraschungen und natürlich auch vielen Gästen:

Wir freuen uns auf Doris Lautenbach, Helene Mierscheid, Max van der Oos und Mikis Wesenbitter!
Und auf Dich!

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Lesung am 9. November 2019 mit Mikis Wesensbitter und Mark Scheppert!

31. Oktober 2019 | von | Kategorie: Aktuelles, Termine

Mikis Wesensbitter und Mark Scheppert lesen am Tag des Mauerfalls (Freitag, den 9. November) in der Bornholmer Straße 81a.

Die Geschichte des 9. Novembers und des Grenzübergangs Bornholmer Straße kennt jeder. Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls liest Mikis Wesensbitter Geschichten aus den tristen Vorwendetagen, als die Kohleöfen die Luft verdunkelten, in der Eckkneipe das Bier 53 Pfennig kostete und Dauerwelle und Vokuhila die Frisuren der Saison waren. Aber natürlich liest er auch Geschichten aus der Zeit, als es keine Mauer mehr gab und niemand so richtig wusste, was als Nächstes kommt.
Bereits seit seinem Erstlingswerk „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich ma Spaß“ etablierte sich Mikis Wesensbitter als Ost-Experte. Mit „Guten Morgen, du schöner Mehrzweckkomplex“ präsentiert er neue Geschichten aus (Ost-)Berlin.
Mark Scheppert  wird aus seinen Bücher „Mauergewinner“  und “Leninplatz” lesen, aber auch ganz neue Geschichten präsentieren.
Und natürlich darf die legendäre Tombola nicht fehlen.

Eintritt im VVK 6,- €
Karten an der AK für 8,- € (zahlbar auch in DM oder Ostmark. Nicht akzeptiert werden Forum-Schecks.)
(Eintritt frei für Personen mit Stone-Washed-Jeans oder Kittelschürze. Gilt aber nur in Verbindung mit Kalt-, Dauerwelle oder Vokuhila-Frisur!!!)

Periplaneta Literaturcafé

Bornholmer Str. 81a

10439 Berlin

Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20.00 Uhr.

Link: Tickets im Vorverkauf
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Mikis Wesensbitter und Mark Scheppert verwandeln am Samstag, den 9. November, das Periplaneta in einen Retrosalon

Der 09. November ist ein historisches Datum. Aus Anlass des 30. Mauerfall-Jubiläums laden Mark Scheppert und Mikis Wesensbitter zu einer Reise in die Vergangenheit ein, eine Reise in ein Land, das es nicht mehr gibt. Sie lesen Geschichten über Kindheit und Jugend in Ostberlin. NVA-Soldaten malen im Kindergarten, Pioniernachmittage, die aus dem Ruder laufen, die erste Liebe und Punk-Konzerte im Jugendclub.

Im Retrosalon Periplaneta wird an diesem Abend eine längst vergangene Zeit wieder lebendig. Unterstützt wird die Lesung mit Videoprojektionen von Torsten E. Höhle.

 

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Kubanische Apfelsinen – aus dem Buch “Leninplatz”

29. Oktober 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben

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Am 14. November 1986 türmen sich morgens 15 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Schule liefern wir uns eine heroische Schneeballschlacht mit den Spastis aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal der Kammer herunter und auch die verrosteten Gleiter finden wir irgendwann. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichshain.

Ich trage meinen beige-gelben Anorak, die grün-blaue Bommelmütze, welche Opa mir aus Sarajewo mitgebracht hat, schwarz-rot gestreifte Hosen und braune Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich ein Farbtupfer, der sich holprig die schneebedeckten, weißen Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene.

Der richtige Winter kehrt pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag auf. Er ist schon leicht hinüber und hat – wie immer – in allerletzter Sekunde die wahrscheinlich hässlichste Kiefer Berlins ergattert. Eine Kiste Bier, mit ausschließlich braunen Flaschen, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.
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Während der Alte im Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaumständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Boonekamp” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne, während wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die weinroten Kugeln können keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Mutters Zeug von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Wänden.
Bennys, mit seinen Wurstfingern, selbst gefertigte Scherenschnitte (es sollen wohl Friedenstauben sein) dürfen nur im Kinderzimmerfenster aufgehängt werden.
Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24.12. ein Pulle Schnaps in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom in Eierlikör schwimmenden Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche – aus purem Zynismus – mittlerweile einen gewissen Kultcharakter haben. Alle singen mit!
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Bescherung erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm – endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf.
Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, weil sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!

Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit einem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während sich Vater beim Frühshoppen im Scheppert-Eck einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachtsreigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“
Ömchen lächelt schulterzuckend, während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine polnische Mastgans, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer. Vater schenkt mir Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Benny schaut zu mir auf und zieht einen Flunsch. Er kann dann später „ausnahmsweise“ mal am Eierlikörglas nippen.
Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Bruder bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sich sofort das gute Fleisch hinein und glotzt dann ganz bedrückt, als nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen. Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig.

Klaus Essen
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Nachbarn Voss als verkleideten Geschenkeüberreicher mit Bettbezug-Sack. Benny nuschelt eilig ein sinnloses Gedicht herunter, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es nach „viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken und Nickis aus der Jugendmode, Autobahnrennteile (gewünscht), eine Schlager-Süßtafel sowie grünlich-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt noch einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen neuen schwarzen Aktenkoffer mit Zahlenschloss.
Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: Die Matchbox-Autos, die MAOAM-Stange, die zwei 90iger BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle Präsente zusammen genommen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er am 27.12. im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann. Am Abend danach wird er dann frustriert – und mit aller Gewalt – zwei Puzzleteile, die überhaupt nicht passen können, ineinander drücken, weil er seine Westwaren bereits alle aufgefuttert hat.
Intershop DDR
Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma Halle Tabac Original. Von mir gibt es Rasierwasser von Privileg, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo er mit krakeliger Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt hat.
Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er eine Kaffeeuntertasse an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch!
Mutti bekommt vom Vati Tosca und von mir eine Flasche Badusan und eine Packung Halloren-Kugeln. Auch Oma geht nicht leer aus: Sie ergattert das Parfüm Schwarzer Samt, eine Lux-Seife und ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny überreicht ein selbstgebasteltes Notizbrett mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“.
Gegen 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.

Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, weshalb wir sie im Kinderzimmer so lange mit Pupsen quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Kirsche) kommt ins Kinderzimmer geeilt und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße den Auftritt in vollen Zügen, zumal sie es ja immer ist, die nach drei, vier Gläsern Sekt schweinische Witze erzählt.

Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit einem seligen Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten Napoleon) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne heute „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Die mixt sich ja selbst die dritte Ampel aus Pfeffi, Apricot und Kirsch.
Fehlt eigentlich nur noch Onkel Wolfgang in der illustren Runde, dann würden sie bis tief in die Nacht zusammenhocken. Eigentlich schade, dass er fehlt, denn ihn, seine Frau Diana und vor allem ihre Tochter Anne kann ich sehr gut leiden. Vielleicht sehe ich sie ja nie wieder, denn meine Cousine hatte mir letzten Sommer ins Ohr geflüstert, dass ihre Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben.
Wenigstens kommt die bucklige Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurden vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 21 Uhr machen unsere Gäste endlich die Fliege. Beim Abschied lässt Tante Jana sehr lange ihre mächtigen Euter auf meiner Brust ruhen. Sie hat sich nun auch blau getrunken.

Eine Stunde später beschließe ich, doch noch nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich zum Glück nicht einseifen, und am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte auch niemand herum.
Genosse Lenin hat einen langen eisigen Bart und Schnee auf dem Kopf. Er sieht ein bisschen aus wie der Weihnachtsmann. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist.
Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball- und Granatweitwurf eher eine Niete bin).
Tessi und Bergi hatten es bis aufs Dach geschafft. Ich soll als Schiri entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Doch bei einsetzendem Schneefall kann ich das nicht einschätzen – habe aber eine Idee: In Windeseile fahre ich in unsere Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Apfelsinen. Die kann man wenigstens im leichten Schneetreiben erkennen.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“
Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl, der immer den Bewohner des Monats im Seniorenheim kürt, tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen.
„Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns wie immer alle an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, rufe ich. „Ja, ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Längst kullern Bommel Tränen über die roten Wangen und er wiehert wie ein Zebra im Tierpark.

Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, da er vermutet, der Werfer gewesen zu sein. Er brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und verpasst ihm zwei Backpfeifen. Wir sehen, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet, aber gar keine Kopfwunde hat. Die Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt, denn die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter von ihm entfernt im Schnee. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn aufs Gesicht gefallen sein. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an.
Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Das muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“ Danach rappelt er sich hoch und kotzt in eine Speckitonne.
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit dieser Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der jetzt völlig weich in der Birne?
Doch alle wollen gar nicht weiter darüber nachdenken. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Familien-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Rechtswidrig – aus dem Buch “Leninplatz”

19. September 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben


Am 21.05.1988 lungern wir seit Ewigkeiten mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem maigrünen Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Beide tragen Skateboards unter dem Arm, echte, aus dem Westen wohlgemerkt.

Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Modell gebastelt, das aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuhrädern besteht. Richtig scheiße sieht das Stullenbrett aus, obwohl er es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber verschönert hatte. Man kann damit zwar eine asphaltierte Straße herunterrollen, aber weder bremsen noch lenken.

Tessi erhebt sich übertrieben kuhl und schlendert den Jungs entgegen. Wir trotten, um Unauffälligkeit bemüht, hinterher und sehen, wie er ihnen eine seiner Pseudo-Camel-Zigaretten anbietet und gleichzeitig flüstert: „Habt ihr die Aufgaben?“ „Was für’n Ding?“, antwortet der Größere. „Na für die Abschlussprüfung in Mathe“, kreischt Bommel aufgeregt aus dem Hintergrund. „Soll es die heute hier geben?“, antwortet der Typ plötzlich mit deutlichem Interesse. „Ja, oder am Alex, wurde uns gefunkt“, klärt Tessi sie auf. „Ist doch rechtswidrig!“, murmelt der Heavy-Typ mit ernster Miene, bis er lauthals und mit tiefer Stimme zu lachen beginnt. „Wenn ihr sie habt, sagt Bescheid. Die koofen wir euch ab!“
Letztendlich stellt sich heraus, dass David und Ottmar aus der Lenin-Oberschule sind, in die 10. Klasse gehen und – wie wir – in knapp drei Wochen die schriftlichen Prüfungen vor sich haben. Sie scheinen okay zu sein und diesen Ottmar werde ich, wenn ich kurz vor Schluss nicht noch völlig verkacke, in der EOS Friedrich Engels sogar als Mitschüler wiedersehen.
Wir paffen noch eine Cabi zusammen, bevor wir uns verabschieden. Die Lenin-Jungs nehmen den polierten Granitsockel unterhalb des Denkmals in Beschlag und stellen sich gar nicht mal so doof an – sogar einen Sprung steht David beim ersten Versuch. Wir hingegen stapfen durch Neubauschluchten in Richtung Alexanderplatz.


Die Sache ist nämlich so, dass Tessi und Andi in Mathe zwischen 4 und 5 stehen und sich eine 5 in der Abschlussprüfung nicht leisten können; obwohl sie die Mündliche noch retten könnte, was aber unwahrscheinlich ist. Meine eigene Vornote ist eine glatte 3, weshalb ich eigentlich recht entspannt sein könnte. Bommel, Torte und Bergi stehen auf der Kippe zwischen 3 und 4. Doch anstatt eine sozialistische Lerngruppe zu gründen, am besten mit Mathe-Olympionike Dirk, grübeln wir seit Wochen im Alfclub, ob es vielleicht eine einfachere Lösung gibt.

Zunächst hieß es, Andis Bruder Billy würde einen kennen, der einen kennt, der in der ND-Druckerei arbeitet. Wir hatten das Gebäude am Franz-Mehring-Platz sogar schon ausgekundschaftet, da ein nächtlicher Einbruch durchaus im Rahmen des Denkbaren lag. Doch dann erfuhr ich über meinen Onkel Paul, dass die Zentrag den Druckauftrag für die Abschlussprüfungsfragen immer ganz kurzfristig vergibt, manchmal sogar nach Leipzig oder Magdeburg.

Nach dieser Information nahmen wir eine neue Fährte auf. Grossi, der die Käte im Vorjahr verließ, hatte Bergi nach deren Abschlussparty der 10. Klasse gesteckt, dass die Prüfungsaufgaben immer Wochen vorher an verschiedenen Orten der Republik unter der Hand verkauft werden. Wir müssten nur die Ohren spitzen. Sie selbst hätten sie für 300 Mark am Lenin- und einige andere am Alexanderplatz erstanden. Alle Pfeifen, sogar der Kossart, hatten so bestanden.

Leider gehört der Alex nicht gerade zu den kleinsten Plätzen unserer Stadt. Obwohl das riesige Betonareal oft als zentraler, gut überschaubarer Kundgebungsort genutzt wird, gibt es dort hunderte Ecken für geheime Übergaben wichtiger Dokumente. Am sinnvollsten erscheint es uns, zunächst an der Weltzeituhr zu schnüffeln.
Die runde, gut zehn Meter hohe Uhr, auf der die Namen von 148 Städten verzeichnet sind – von denen wir wahrscheinlich 143 nie im Leben zu Gesicht bekommen –, gilt als Touristenattraktion. Dort muss man sich immer mit Urlaubs- oder Ferienlagerbekanntschaften aus der DDR verabreden, weil die Idioten sich sonst in Berlin verlaufen. „Wir treffen uns am Alex um 20 Uhr an der Weltzeituhr“, scheinen leider auch heute hunderte Dörfler vorher ausgemacht zu haben.


„Das wird hart“, murmelt Tessi. Wir teilen uns in zwei Gruppen und versuchen am Gesichtsausdruck der Bürger festzustellen, ob sie etwas verbergen oder heimlich zu verkloppen haben. Ein bisschen kommen wir uns dabei wie „Mielkes Nachwuchstruppe“ vor und die meisten, die wir diskret von der Seite anquatschen, geben uns das auch in etwa zu verstehen.
Irgendwann hat Bommel die Schnauze voll und fragt einen Typen mit Oberlippenbart und Marmorjeans gerade heraus: „Verkaufst du vielleicht die Matheaufgaben?“ „Nuklear! Dreihunnerd Morg“ (Na klar! 300 Mark), nuschelt er im tiefsten Sächsisch. Eiligst pfeifen wir alle zusammen und verschwinden mit ihm in eine dunkle Ecke des S-Bahnhofs. Tessi zieht sechs Rotfedern (Fünfziger) aus der Tasche und nur mir ist es zu verdanken, dass er nicht den Fehler seines Lebens begeht.
„Das hatten wir doch gar nicht“, murmele ich beim Überfliegen der auf Maschine getippten Fragen. Doch Sachsen-Jens gibt mir zu verstehen, dass dies sehr wohl die Mathe-Abschlussprüfungs-Fragen 1988 sind – für die 12. Klasse! „Scheiße, weißt du, ob hier auch einer die für die 10te verkauft?“, zische ich. „Nuklear, dä Wännsdor am Delesporgel oder anne Nuddenbrosche“. Man braucht für den Typen echt einen Übersetzer – er meint wohl irgendwelche Kinder am Fernsehturm, den ein Berliner niemals „Telespargel“ nennt! Auch der Brunnen der Völkerfreundschaft wird nur von geifernden älteren Herren als „Nuttenbrosche“ bezeichnet. Fehlt nur noch „Erichs Lampenladen“, wie der Palast der Republik von Dorfis oftmals genannt wird.

Unterhalb der pfeilförmig verlaufenden Betonfaltdächer des Eingangspavillons des höchsten Turms der Stadt tummeln sich etliche Skater und noch mehr angesoffene Punks. Bei den Jungs mit den bunten Frisuren fällt es uns dennoch leichter, nach den Prüfungsaufgaben zu fragen. Doch niemand hat etwas davon gehört und nicht wenige wundern sich, warum wir uns überhaupt „so ‘ne Platte“ machen. Ein Typ mit knallgelbem Irokesenschnitt wechselt sogar die Kassette und spult bis zum Song „Hurra, hurra die Schule brennt“ vor. Schon klar: Für ihn spielt ein Mathe-Abschluss der 10. Klasse eine eher untergeordnete Rolle.

Auch am Brunnen gibt es keine Verkäufer. Dafür stolzieren hier etliche aufgetakelte Plattenbaunutten in ultrakurzen Miniröcken und Weststrumpfhosen herum, für die wir nur Ostberliner Luft sind.
Noch eine Woche lungern wir stundenlang am Alex herum, bevor wir es endgültig aufgeben und eine völlig neue Strategie austüfteln.

Als Herr Blase am 15. Juni die Prüfungsfragen und die Bögen, auf die wir unsere Namen und Antworten schreiben sollen, auf die Tische wirft, sind wir bestens vorbereitet. Die karierten, doppelseitigen Blätter sind oben rechts, damit niemand bescheißen kann, mit dem Schulstempel versehen – und das ist auch gut so.

Grossi hatte uns im Vorfeld exakt diese Bögen besorgt und über Dirk waren wir an den Stempel gelangt. Keine Ahnung, was Bergi ihm angedroht hat; mit Sicherheit haben sie nicht darüber diskutiert, ob dies rechtswidrig sei. Jedenfalls entwendete er ihn inklusive Kissen aus dem Lehrerzimmer (wir mussten Dirk schicken, weil man uns dort niemals aus den Augen gelassen hätte) und legte ihn nach einer halben Stunde unauffällig wieder zurück an seinen Platz. Die im Akkord gestempelten Blätter waren für mich schon die halbe Miete, denn so konnte ich Formeln, Definitionen und Rechenwege auf die fälschungssicheren Papiere kritzeln und diese heute – nach zwanzig Minuten – einfach auf die Schulbank legen. Es ist ein Luxus-Spickzettel, da wir ja während der Prüfungsvorbereitungen erklärt bekommen hatten, was alles abgefragt wird. Lediglich Andi und Tessi verfolgen eine andere Taktik.

Eigentlich müsste Blase sich wundern, weshalb ausgerechnet seine Spezis, ab der ersten Sekunde der Prüfung, wie die Bekloppten losschreiben und nicht einmal den Taschenrechner benutzen. Doch unser Lehrer steht gelangweilt vorne herum, schaut aus dem Fenster und ärgert sich wahrscheinlich, dass er Aufsicht hat.
15 Minuten später hebt Tessi seinen schwabbeligen Arm: „Herr Blase, ich muss mal aufs Klo.“ „Warum warst du denn vorher nicht? In Ordnung, zisch ab und beeil dich.“, antwortet er ungewohnt verständnisvoll. Tessi ist tatschlich nach drei Minuten zurück und sofort ruft Andi: „Ich muss auch mal schnell für kleine Mädchen.“ Mit einer müden Handbewegung schickt er ihn zur Tür.

Was er nicht weiß: Die beiden haben soeben lediglich die Fragen abgeschrieben – Tessi die ersten sechs und Andi die letzten fünf. In der mittleren Kabine des Klos sitzt Kosbi. Den feinen Kerl aus dem Jahr über uns hatten Bergi und ich ebenso im Chorlager kennengelernt. Doch im Gegensatz zum Startenor Grossi ist er ein wahres Mathe-Ass, der auch im ersten Jahr auf der EOS eine glatte 1,0 hingelegt hat.
Ohne übertriebene Hektik verlässt er mit den Prüfungsfragen das Gebäude und beantwortet sie dann in Rekordzeit bei sich zu Hause, bevor er wieder in das Kabuff am Ende des Ganges zurückkehrt.

Bergi und Bommel wurden dazu auserkoren, die vollständigen Antworten wieder abzuholen. Ich hätte es auch getan, doch mich hat der Blase zu sehr auf dem Kieker. Die Bögen müssen ja wieder unauffällig bei Tessi und Andi auf den Bänken landen.
Es gelingt gerade so, da sich unser Freund ziemlich ungeschickt anstellt.
Wenig später ertönt seine berühmte kindliche Lache.

„Ist was, Uwe?“, fragt der Lehrer. „Nee, alles gut Herr Blase. Habe gerade die Lösung gefunden!“ Alle schmunzeln und Didi ruft: „Na dann erzähl doch mal!“ Blase ermahnt ihn, das Reden augenblicklich einzustellen.
Zwei Jungs schauen währenddessen nicht einmal auf, denn sie übertragen gehetzt Kosbis Lösungen auf ihre Blätter. Dann quäkt Herr Blase: „Stifte sofort auf den Tisch legen, wer jetzt noch schreibt, bekommt eine Fünf. Und nun einzeln nach vorne kommen und die Bögen in diese Kiste werfen.“ Er freut sich darauf, endlich in seinem Lehrerkabinett eine zu paffen. Wir uns auch – draußen an der frischen Luft mit den Jungs aus der A, die den ganzen Stress gar nicht hatten, weil sie von Vornherein wussten, dass der alte Herr Kopftisch bei ihnen Aufsicht hat.

Die Prüfungen werden – so hören wir zumindest – von Lehrern aus anderen Schulen benotet. In einigen Tagen wird Herr Blase somit erfahren, dass die größten Luschen, Versager und Verweigerer der 10 B die schriftlichen Mathematikprüfungen mit einer hervorragenden Note abgeschlossen haben.
Wird er versuchen, uns zu unterstellen oder gar zu beweisen, dass wir beschissen haben? Wird er uns in den Mündlichen ordentlich vorführen? Ich denke nicht.


Er wird rasch einsehen, dass die Bewertungen nunmehr rechtskräftig sind und die guten Zensuren im Kolloquium als Erfolg eines begabten Pädagogen verkaufen; als einer, bei dem sogar die größten Rüpel und Rowdies bestehen. Und den guten Ruf will er sich bei den mündlichen Prüfungen sicher nicht versauen lassen. Dort wird er wohl eher die Streber vorladen.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90
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Neue Rezi zum “Leninplatz” im Friedrichshain Blog

5. September 2019 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz

Ein neuer Roman von Mark Scheppert und wieder wird die Leseschaft in die 80er Jahre der DDR geführt. Zwischen Hormonen, Pupertätsgebaren, Staatsraison und politischer Kritik.

“…die Geschichten der DDR Jugenderfahrungen erfassen viele Sphären des Lebens, nicht zuletzt auch die Schule, und die Geschichte auch reist mit seinem Autor über die Hauptjahre der beginnenden Adoleszenz. Die Erzählungen wirken authentisch und sind, wie gewohnt, sehr offenherzig. Die Schule, die Gehorsamen, gehorsamsfordernden Lehrer und der sozialistisch-pathetische Alltag bestimmen weite Teile des Buchs.

Wortscherze über die DDR-Propaganda mit ihren eigentümlichen Ausdrücken begleiten das Buch und selbstverständlich bekommen die Lehrenden ihr Fett weg.

Die Auseinandersetzung mit der Linientreue, gepaart mit den Teenagerliebeleien und dem Gehabe unter Jungs, die sich dem Zurechtfinden in der Welt der Erwachsenen vor realexistiernder Kulisse widmen.

Das Buch lohnt nicht nur für diejenigen, die in dieser Zeit in Ostberlin oder generell in der DDR groß geworden sind, sondern für alle, die sich für die damalige Zeit interessieren. Ein Stück dichte Beschreibung eines untergegangen Staates.

Vielleicht ist auch für jene interessant, die im Land des Klassenfeinds groß geworden sind und sich fragen, wie die Pubertät wohl hinter dem antifaschischtischen Schutzwall verlief…”

Zur vollständige Rezi gehts hier: https://friedrichshainblog.de/literatur-mark-scheppert-leninplatz/

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