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Eine lange Geschichte – Jugend in der DDR

14. April 2018 | von | Kategorie: Aktuelles

In meinen ersten Schuljahren liebte ich die ersten Stunden nach den Sommerferien. Die alten Lehrer fragten, was wir in unseren Urlauben erlebt hatten, und die neuen interessierten sich für die Berufe unserer Eltern. Voller Stolz konnte ich immer allen erzählen, dass mein Vater Trainer im Radsport und meine Mutter Sekretärin im Außenhandel war. Dass fast 30 Prozent meiner Mitschüler einfach nur antworteten: „Mein Papa arbeitet bei MfS“, verstand ich nicht, auch nicht nachdem die Lehrerin es in ein „beim MfS“ verbessert hatte. Scheinbar wussten die Kinder selber nicht, was ihre Eltern dort so trieben und vor allem, was dieses MfS eigentlich war. Die erste Stunde verging trotzdem wie im Flug.

Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir zu den privilegierten Familien gehörten, die in den ersten zehnstöckigen Neubaublöcken mit fließend warmem Wasser, Zentralheizung und Badewanne wohnten, zwischen Lenin- und Alexanderplatz. Ich hatte noch keine Erklärung, warum die Hälfte meiner Mitschüler sich in den Pausen über DEFA-Indianerfilme und “Ein Kessel Buntes” aus dem DDR-Fernsehen unterhielten statt wie wir über „Ein Colt für alle Fälle“ und “Wetten dass?”. Es gab für mich keine andere Welt da draußen, keine alten Häuser mit drei Hinterhöfen und Ofenheizung, keine verqualmten Eckkneipen, keine Klassenkameraden, deren Eltern kein Auto hatten, und keine schwer erziehbaren Kinder in der Klasse. Sie hatten uns eine eigene Welt geschaffen – eine heile.

Als ich meine erste Freundin kennen lernte, wusste ich natürlich längst, dass dieses ominöse MfS das Ministerium für Staatssicherheit war und leider auch, dass mein Vater obwohl er dem MDI (Ministerium des Innern) als Dynamo-Mitarbeiter unterstellt war, denselben Chef wie die MfS-Mitarbeiter hatte: Erich Mielke. Der Oberboss meiner Mutter hieß Herr Schalck-Golodkowski. Auch ahnte ich mittlerweile, dass einige Jungs aus meiner Nachbarschaft wirklich nicht wussten, was ihre Eltern so trieben. Über die Stasi wurde auch zu Hause nichts erzählt. Westfernsehen war dort sowieso verboten.
Sarah lernte ich mit 16 im Lager für Arbeit und Erholung kennen. In den drei Wochen arbeiteten wir am Vormittag und nachmittags erinnerte das Ganze an ein Ferienlager aus unserer Kinderzeit. In dem Zeltlager mitten im Wald gab es keine Regeln und Gesetze. Mir gefiel das. Sarah war anders als alle, die ich bisher getroffen hatte. Sie war rebellisch, aufmüpfig, unberechenbar – sie lebte in keiner heilen Welt und mit keinen MfS- oder MDI-Eltern. Genau genommen hatte Sarah überhaupt keine. Ich, das sozialistisch erzogene Bonzen-Kind aus dem „Regierungsviertel“, suchte mir das Mädchen, das in einem Kinderheim wohnte.

Nach der Lagerromanze trafen wir uns häufig auf halbem Weg von unseren jeweiligen “Heimen” – in meinem Fall die Wohnung im 9. Stock an der Mollstraße, in ihrem das Kinderheim „Fritz Plön“ in Treptow. Die Eckkneipe an der Stralauer Allee, kurz vor der Brücke in ihren Stadtteil, war unser Treffpunkt. Sie kannte im Elseneck alle Typen und widerwärtig besoffene Kerle spendierten uns Cola mit Korn. An einem dieser Abende ging ich mit Sarah – wie gewohnt nicht an der Ampel, sondern unmittelbar vor der Kneipentür – über die vierspurige Straße. Sie bevorzugte direkte Wege auf ihrem Nachhauseweg – und im Leben. Zwei Volkspolizisten stoppten uns. Wahrscheinlich hätte eine Entschuldigung vollkommen ausgereicht, doch Sarah brüllte die beiden sofort an: „Ihr könnt mich mal am Arsch lecken Ihr Scheißbullen!“ – „Was haben Sie gesagt?“ Ich zog sie am Ärmel, doch sie schrie schon: „Schnauze, Drecksbulle!“
Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir standen breitbeinig an der Wand – dahinter lagen die Spree und die Mauer nach Westberlin, Handschellen rasselten und innerhalb von fünf Minuten saßen wir im Einsatzwagen. Mit auf den Rücken verdrehten Armen wurden wir in verschiedene Einzelzellen gebracht. In den Gängen hallte das Brüllen anderer Gefangener, ich konnte aber nicht sagen, wo es eigentlich genau herkam. Langsam bekam ich ein wenig Angst!
Beim Verhör gab ich mich, wie ich wirklich war: opportunistisch und brav. Unterwürfig und weinerlich entschuldigte ich mich für unser unentschuldbares Fehlverhalten. Ich musste die Adresse meiner Eltern angeben und nach einer Stunde stand ich wieder in meiner Friedrichshainer Freiheit. Am nächsten Tag rief ich bei Sarah im Heim an und fragte sie, wie es ihr denn ergangen wäre. Sie sagte nur: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Jahre später – im Herbst 1989 hatte sich einiges geändert. Tausende Menschen verließen unser Land über Polen und Ungarn und Sarah war Schnee von gestern. In diesen Tagen hatte fast jeder mit sich selbst zu tun und so war es auch recht einfach, als ich zusammen mit Otmar, Bernd und Matze für eine Woche die Schule schwänzte. Es sollte nach Frankfurt an der Oder ins dortige Jugendhotel gehen.
Gleich am zweiten Tag entdeckten wir nicht weit von uns entfernt einen Rummel. Die Hauptattraktion war wie überall der Autoskooter, wo wir auch recht schnell ein paar Leute kennen lernten. Leider landeten Otmar und Bernd bei den Mädels und schwirrten bald mit zwei Dorfschönheiten in Richtung unseres Hotels ab. Sie ließen Matze und mich zurück mit den eingeborenen Kampftrinkern. Der Abend zog sich in die Länge und nachdem Matze und ich um 3 Uhr eine Privatparty verlassen hatten, schwankten wir durch die tiefschwarze Nacht. Obwohl unser turmhohes Haus in Frankfurt eigentlich kaum zu verfehlen war, hatten wir uns schnell verlaufen. Mit einem letzten Bier in der Hand standen wir plötzlich an der friedlich dahinfließenden Oder, setzten uns davor auf den Boden und genossen die Stille. In solchen Momenten fingen wir in dieser Zeit immer öfter an zu reden, über die Flüchtlingsströme, über die sich verändernde DDR und über uns. Was aus unserem Leben hier eigentlich einmal werden würde. Mich machten diese Gespräche ruhiger, ich genoss es, mit anderen über diese Dinge zu sprechen. Matze reagierte anders – er steigerte sich in eine grenzenlose Wut über seine verschenkte und vergeudete Jugend und ein Leben ohne Perspektive hinein. Er sprang plötzlich auf und warf seine Bierpulle mit voller Kraft an die gegenüber liegende Häuserwand.

Es dauerte keine Minute bis zwei Fahrzeuge in Höchstgeschwindigkeit angerast kamen. Die Scheinwerfer blendeten mich so, dass ich nicht sah, wie zwei Gestalten auf mich zurannten, die mich kurz darauf auf den Boden drückten. Ich sah Matzes Gesicht auf dem Kopfsteinpflaster neben mir liegen – auch auf ihm knieten zwei Leute. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, fesselten sie uns mit Handschellen und zerrten uns zu einem der Autos, schmissen uns auf die Rückbank und fuhren mit Höllentempo durch die plötzlich eisige Frankfurter Nacht: Die Kälte spürte ich besonders an meinem Rücken und am Hintern – die Rückbank des Ladas war vollkommen nass. Aber es roch nicht nach Urin, es war so, als hätte hier vor uns jemand mit klitschnassen Sachen gesessen. Wir schauten uns schweigend an und schienen beide gleichzeitig zu verstehen. Die Freunde des MfS – die Stasi – hatten uns verhaftet; sie dachten, wir wollten über die Oder nach Polen schwimmen. Wir waren in ihren Augen zweifelsfrei Republikflüchtige. MfS – Scheiße!
Noch immer hatte niemand ein Wort mit uns geredet. Das sollte sich ändern. Doch diesmal reichte es nicht einfach aus, dass ich mich entschuldigte und meine Personalien angab. Wir wurden einzeln zu mehreren Verhören mit verschiedenen Menschen gebracht. Der eine ganz ruhig und verständnisvoll, der nächste wild aufbrausend und bedrohlich. Und immer strahlte mir eine grelle Lampe in die Augen, sodass ich eigentlich nur die Umrisse der Personen erkennen konnte, die mich verhörten. Langsam bekam ich etwas mehr als ein wenig Angst! Mit vernebeltem Kopf und klopfendem Herzen fragte ich mich, wie das wohl ausgehen würde. Sie stießen mich, immer noch in engen Handschellen, durch einen Gang, in dem im Gegensatz zum Verhörzimmer Hektik herrschte und brachten mich in einen modrig riechenden Keller. In einer kleinen, schäbigen und vor allem hundekalten Zelle ohne Fenster wartete ich ganz allein und verängstigt auf meine Verurteilung wegen angeblicher Flucht aus dem Territorium der DDR.
Aus irgendeinem Grund ließen sie uns aber um 7 Uhr morgens gemeinsam wieder laufen. Matze fragte am Ausgang einen Volkspolizisten aus Jux, wo man hier ein “Neues Deutschland” kaufen könnte. Er wollte mit Sicherheit jetzt nichts lesen; ich zog ihn genervt am Ärmel weiter zu unserem Hotel. Bernd und Otmar wurden kurz wach, als wir ins Zimmer schlichen und fragten: „Wo kommt denn ihr jetzt her?“ Wir grinsten uns an und sagten: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Aber sie ist noch nicht ganz zu Ende. Im Sommer 2002 wollten wir zum Force Attack Festival in die Nähe von Rostock fahren, ein mehrtägiges Punk Rock Open Air, und eine Freundin hatte mich gefragt, ob ich für sie, da sie erst am zweiten Tag käme, etwas mitnehmen könnte. Dieses „Etwas“ waren etwa zwei Gramm Haschisch, welches sie mir in einer schwarzen Filmdose in die Hand drückte.

Auf der Fahrt an die Ostsee erzählte ich meinem Beifahrer Jenna von unserer heißen Ware an Bord und als wir kurz vor der Einfahrt zum Konzertgelände von einer Polizeieinheit gestoppt wurden, sah ich in seinen Augen, dass er zumindest ein genauso großer Schisser war wie ich. Augenblicklich begann er zu schwitzen und quasselte mich mit wirrem Zeug zu.
Ich versuchte locker zu bleiben, aber als ich sah, wie sie unser Nachbarauto auseinander nahmen und sogar Schäferhunde darin schnüffelten, befiel mich ein ungutes Gefühl. Sie suchten nach Drogen und waren dabei nicht gerade zimperlich. Wir hatten uns sehr auf das Konzertwochenende gefreut und nun sah ich mich bereits in einer kleinen, schäbigen, hundekalten Zelle ohne Fenster sitzen und auf meine Verurteilung wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln warten.

Ein Typ vom Bundesgrenzschutz kam schließlich zu unserem Auto, doch eine Kollegin mit Hund rief ihm hinterher: „Die übernehme ich!“ Um Unauffälligkeit bemüht, stiegen wir aus meinem Wagen und stellten uns daneben. Die junge Frau machte ihren Köter an einem Außenspiegel fest, kroch ins Auto und untersuchte den Innenraum. Als sie wieder herauskam und sich aufrichtete, schaute die Dame direkt in mein Gesicht. Ich brauchte fünf Sekunden, um sie zu erkennen und konnte es dennoch nicht glauben: Die militärisch gekleidete Frau kannte ich aus meiner Jugend – es war tatsächlich die gleiche Sarah, für die noch vor 16 Jahren alle Menschen in Uniform einfach nur „Scheiß-“ oder „Drecksbullen“ gewesen waren.
Wir sagten kein Wort, doch ich spürte, dass auch sie mich erkannte. Ihr Hund begann ganz aufgeregt an der Leine zu ziehen und bellte in Richtung meines Kofferraums. Auch wenn es nur zu erahnen war, sah ich ein kleines Lächeln auf Ihren Lippen. Sie drehte sich um und brüllte zu ihren BGS-Kollegen: „Die hier sind sauber!“
Ich startete das Auto. Jenna, der die seltsame Szene hautnah miterlebt hatte, drehte sich zu mir herüber und fragte erstaunt: „Was war das denn, kanntest du die etwa?“ Ich schaute in den Spiegel, Sarah verfolgte unsere Abfahrt, und ich sagte: „Ach, dass ist eine lange Geschichte.“
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Die DDR war bunt! Eine Kleingarten-Geschichte …

23. März 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Die Reise mit meinen Kumpels war eine einzige Katastrophe. Ich kam richtig frustriert zurück nach Berlin und beschloss etwas: Diesmal merkst du dir aber genau, dachte ich mir, warum das so eine beschissene Tour war. Bevor ich noch einmal nach Mittelamerika oder mit denselben Idioten wegfahre. Man muss nicht jeden Fehler zweimal machen.

Vor einigen Tagen bekam ich die Fotos aus diesem Urlaub wieder in die Hände. Darauf ist Folgendes zu sehen: Jenna, Göte und ich liegen lachend und bekifft an einsamen mexikanischen Traumstränden, schnorcheln mit riesigen Riffhaien und Manta-Rochen in der Nähe von tropischen Inseln, paddeln durch geheimnisvolle dunkle Höhlen in Belize und bestaunen mit offenen Mündern die Pyramiden der Maya im Regenwald von Guatemala. Es gibt kein einziges Bild von dieser Reise, auf dem nicht mindestens einer von uns glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, was ich daran nur jemals auszusetzen hatte oder was schief gelaufen ist, ob wir uns gestritten haben. Die Bilder zeigen einen fantastischen, abenteuerlichen und entspannten Abschnitt meines Lebens. Ich habe alle negativen Erlebnisse komplett verdrängt.

Doch es gibt eine Entschuldigung dafür: “I was born in the GDR”, wie ich auch auf dieser Reise immer wieder erklären musste – ich bin in der DDR geboren. Es gibt viele Beschreibungen und Lieder, Bücher und Filme über dieses verschwundene Land hinter der dicken weißen Mauer. Besonders jungen Menschen muss es wohl heute oftmals vorkommen wie ein fantastisches Märchenland, mit niedlichen Pappautos und Legoland-Neubaublöcken, in denen verschrobene, komisch bekleidete Menschen wohnten, die lustigen Bräuchen nachgingen. Eine Fantasiewelt aus dem Spielwaren-Katalog, die sich irgendjemand ausgedacht hat und von der er uns jetzt erzählt. Doch wer hat dies alles erstunken und erlogen? Wer hat die Historie zu seinen Gunsten geschönt?

Ich kenne die Antwort: Wir Ossis haben euch diese Geschichte erzählt und wirklich nicht mit Absicht gelogen – wir haben sämtliche negativen Erinnerungen aus unserem Lebensabschnitt in der Deutschen Demokratischen Republik einfach verdrängt! Nicht erst jetzt, als alles vorbei war, sondern schon vorher, und natürlich in Verbindung mit unglaublich viel Alkohol. Ein ganzes Volk hat bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen. Es gab ungewöhnlich viele Sorten Alkoholika in den Plastik-Regalen der Kaufhallen. Pfeffi, Goldi, KiWi und Stoni waren liebevolle Kosenamen für hochprozentigen Stoff. Wenn eine Pulle 14,50 kostete, wurde sie „zehn vor drei“ genannt, der etwas bessere Schnaps hieß „zehn vor sechs“ und auch „blauen Würger“ durfte man trinken. Man könnte meinen, die Staatsführung hatte kollektives Verdrängungssaufen angeordnet.

Richtig: Es gab viele Opfer meines Ex-Staates, grausame Geschichten von missglückten Fluchten, menschenverachtenden Stasi-Gefängnissen und Polizeiterror. All das wird mit der Zeit aber immer mehr in Vergessenheit geraten – die DDR wird in Zukunft viel freundlicher und immer bunter! Das muss zwangsläufig so kommen, ist meine These.

Als ich sechs Jahre alt war, bekamen meine Eltern ein Grundstück in der Kleingartenanlage
Panke-Niederungen in Berlin-Karow. Genauer gesagt war es eine winzige Parzelle auf einem riesigen Maisfeld ganz in der Nähe der so genannten Rieselfelder, also dort, wo die Scheiße der Ostberliner entsorgt wurde. Diese 300-m²-Acker hatten weder Strom- noch Wasseranschluss, weder Wege noch Straßen führten dort hin. Es dauerte gefühlte fünf Jahre, bis dort unsere eigene Datsche stand und nochmals fünf, bis man sich hier auch ohne zu erfrieren aufhalten konnte. Meine Kindheitserinnerungen bestehen deshalb auch nur aus dreckigen Fingernägeln, Fäulnis durchtrieften Klamotten, eiskalten Füßen und der Vorstellung davon, in dem behelfsmäßig aufgestellten Geräteschuppen, unter dem die komplette Familie Schutz vor sintflutartigen Regenfällen suchte, in einen Zinkeimer zu keckern.

Mein Bruder Benny und ich teilten aus Langeweile Regenwürmer bis ins Unendliche und aßen Stücke davon, zählten ertrunkene Maikäfer und quälten kleine Frösche. Wir mussten mit unhandlichen manuellen Ostrasenmähern die Wiese stutzen, meterhohes Unkraut jäten und dann zu dem riesigen modrigen Komposthaufen karren. Selbst Obst und Gemüse bleiben in schlechter Erinnerung, da besonders Benny bereits nach fünf gepflückten Erdbeeren stöhnend eine halbe Stunde Pause einlegte und wir beide, besonders ich, der Ältere, dafür entsprechend angeschnauzt wurden. Schwarze Johannisbeeren einzeln zu pflücken, war eine Arbeit, die ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind auferlegen würde.
„Wir fahren in den Garten!“, war der Horrorsatz meiner Kindheit, zumal er freudig an jedem Wochenende von Mai bis September erklang. Falls mein Vater noch nicht so früh mit unserem Trabi von der Arbeit weg kam, fuhren wir mit der S-Bahn.

Es war eine ätzende Fahrt – mit nur einem Highlight: Wir hatten nämlich, wie so oft, einen schönen Wettkampf ersonnen: Wer zwischen den S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Pankow die meisten Schäferhunde zählte, die dort unterhalb der Brücke – zwischen der weißen Mauer und einem Stacheldrahtzaun – auf und ab liefen, hatte gewonnen. Auch die angeketteten Hunde zählten. Die Sache wurde dadurch erschwert, dass der Zug auf diesem Abschnitt mit einem Höllentempo entlang raste. Doch wir konnten jedes Jahr neue Rekorde im Schäferhunde-Zählen bejubeln.
Jahre später gelangten genau hier, an der Bornholmer Brücke, die ersten Ostberliner nach 28 Jahren wieder in den benachbarten Westteil der Stadt. Zufall oder nicht: Der von mir gezählte Weltrekord an Wachhunden im Grenzstreifen wird bis in alle Ewigkeit bei 28 liegen.

Sonst war in unseren Kinderaugen alles an dem Garten Mist. In den Anfangsjahren hatten wir gar keinen und später nur einen rauschenden Schwarzweiß-Fernseher mit Zimmerantenne in der Laube. Wir lagen in dem winzigen Zimmer in unserem ungemütlichen Doppelstockbett, umgeben von Monster-Mücken, in viel zu dünnen Decken frierend, und konnten vor allem wegen der ohrenbetäubenden Lautstärke nicht schlafen.
Meine Eltern und die umliegenden Gartennachbarn feierten jeden Abend ein lustiges Beisammensein, und zwar meistens auf unserer Terrasse. Es kann sich gar kein Mensch vorstellen, schon gar nicht ein kleines Kind, wie viel Flüssigkeit, vor allen Dingen kistenweise Bier, süßen bulgarischen Rotwein und Nordhäuser Doppelkorn dieses Gartenkollektiv in sich hinein schütten konnte. Zunächst hörten wir sie nur lachen und singen – tief in der Nacht wurde dann bei lauter Musik getanzt und die letzten Honecker-Witze gebrüllt. Zumindest wussten wir immer, wer gerade am besoffensten war. Der hatte am meisten zu verdrängen!

Mit 14 Jahren fragte ich meine Eltern, ob ich am Wochenende auch allein in unserer herrlichen Neubauwohnung in Friedrichshain bleiben dürfte und mit 15 beschloss ich das einfach.

Doch Stopp! Ich muss mich entschuldigen. Die Geschichte von unserer kleinen Datsche hat so niemals stattgefunden. Denn unsere Familie besitzt ein Fotoalbum, das die wirkliche Historie unseres Gartens zeigt. Es sind Bilder voller Lebensfreude und Harmonie. Wir Kinder planschen im Bassin, spielen mit unseren Krocketschlägern und Wurfspielpfeilen, bauen bunte Indianerzelte auf und schneiden fast immer lustige Grimassen. Unsere Eltern stehen neben uns und beobachten stolz ihren Nachwuchs, grundsätzlich mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Mein Vater hält dabei fast immer ein halbvolles Glas Bier in der Hand. Es gibt kein einziges Foto von unserem Leben in der Datsche, auf dem nicht mindestens einer glücklich in die Kamera grinst. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, ob es an der damaligen Zeit etwas auszusetzen gab, ob etwas schief gelaufen ist, ob wir uns jemals gestritten haben. Das Album aus unserem Garten zeigt die DDR, wie sie wirklich war: Bunt!
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Lesung “Die Unerhörten” am 12. April im Café Tasso Berlin

10. März 2018 | von | Kategorie: Termine

Die nächste Lesung der “Unerhörten” findet am 12.04.2018 im Café Tasso in Berlin-Friedrichshain (Frankfurter Allee 11) ab 20 Uhr statt. Das Thema lautet diesmal: “Was soll das?”
Alle weiteren Infos folgen in Kürze.

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Depeche Mode in Ostberlin vor 30 Jahren

8. März 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Icke Bad Boy

Meine ersten Freunde kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber immerhin schickte ich später aus Solidarität regelmäßig Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam. Später unternahm ich viel mit Strafko aus Sofia, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Der wichtigste Ausländer in meinem Leben bis zum Abi aber war Dejan für mich.

Es wuchs zusammen, was zusammen gehört. Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Wiedervereinigung. Mit dem Ruf “Wir sind das Volk!” hatten die Ostdeutschen zuvor das SED-Regime bezwungen. einestages präsentiert Geschichten rund um die deutsche Einheit
Dejan war Diplomatensohn aus Sarajevo – und ein Geschenk des Himmels.

Ab der fünften Klasse saß er neben mir. In Zeiten, in denen man für abfotografierte Bilder aus der “Bravo” 15 Mark bekam und für originale Doppelseiten sogar 40, konnte Dejan jederzeit nach West-Berlin fahren und die Kultzeitschrift besorgen. Einfach so. Mit seinen Eltern und ihrem Dienstwagen. Fortan wartete ich immer gespannt darauf, wann mein allerbester Freund wieder nach “drüben” düsen würde. Erst später ging mir auf, dass er mich einfach mal im Kofferraum in den Westen hätte schmuggeln können – und zurück!

Im Juni 1988 hatte Dejan keine Zeit, als ich mit meinem Freund Stefan zur Rennbahn nach Weißensee fuhr. Wir wollten eigentlich nur mal kurz schauen, ob es überhaupt noch eine Karte gäbe. Denn schließlich sollte Bryan Adams dort auftreten. Allein dass der Sänger aus Kanada kam und seine Band nicht “Stern Meißen Combo” hieß, machte seinen Auftritt attraktiv. Als wir in Weißensee ankamen, war am Kartenhäuschen überraschenderweise nicht viel los. Schon nach zwei Minuten hielten wir stolz unsere Karten zum staatlich vorgeschriebenen Preis von 15 Mark in den Händen.

Bereits nach 200 Metern sprachen uns die ersten Leute an: “Ey Piepel, habt ihr vielleicht noch Karten?” Nee – hatten wir nicht! Immer mehr Menschen strömten jetzt Richtung Konzertgelände. Zwei Typen mit Dauerwelle fragten uns, ob wir “zufällig ‘ne Karte zu viel” hätten. 30 Mark würden sie uns dafür geben – pro Karte! Schwuppdiwupp waren wir unsere Bryan-Adams-Tickets wieder los.

Zurück am Schalter mussten wir 15 Minuten warten, bekamen aber ohne Probleme vier neue Karten. Ohne zu überlegen, rannten wir die Straße hinunter und flüsterten den Rockfans zu: “Braucht ihr noch ‘ne Karte? Nur 30 Mark.” Viele staunten nicht schlecht: “Gibt’s denn keene mehr vorne?” – “Nee, total ausverkauft”, antworteten wir mit verschwörerischer Miene. Recht schnell brachten wir die heiße Ware an den Mann.

Wir spurteten zurück und reihten uns in die Schlange vor dem Kassenhäuschen ein. Dort stellten sie keine Fragen, für wen wir die vielen Tickets bräuchten, und verkauften uns acht neue. Und so ging es weiter. Gegen 19 Uhr waren wir die reichsten Jugendlichen von Weißensee. Zwei Tickets hatten wir nicht verscherbelt, und so gingen wir freudestrahlend auf das riesige Gelände der Radrennbahn. Doch von Bryan Adams kann ich nicht viel berichten. Ich lief mit 800 Mark in ausgebeulten Hosentaschen zwischen 80.000 Menschen umher und dachte die ganze Zeit nur an eines: Du musst die Kohle sicher nach Hause bringen!
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Noch mehr Geld hätte ich bereits drei Monate zuvor mit nur einer Konzertkarte verdienen können. Am 7. März 1988 hatte mich Sabine abgepasst. Sabine war die Vorsitzende unseres Freundschaftsrates, einer Art Schülervertretung, und sagte, dass sie drei Eintrittskarten für eine westliche Musikgruppe bekommen habe. Diese Tickets sollte sie an Schüler mit besonders guten gesellschaftspolitischen Leistungen verkaufen. Ich wollte mich gerade umdrehen und sagen, dass sie sich ihre Karten sonst wohin stecken könnte. Auf Bands, die in die DDR eingeladen wurden, konnte man in der Regel verzichten. Doch dann wurde ich neugierig: “Welcher bedeutende Künstler beehrt denn unser sozialistisches Heimatland?” Die Antwort ließ mich erstarren. Ich, der 16-jährige, neuerdings dauergewellte Junge, hörte den Namen wie einen Donnerschlag: “Depeche Mode”.

“Zeig her!”, brüllte ich und entriss ihr die bräunlichen Pappkarten. Da stand es: “FDJ & DT64 Geburtstagskonzert: Depeche Mode am 7. März in der Werner-Seelenbinder-Halle, Einlass 18 Uhr.” Wir standen uns schweigend gegenüber. Die Band war zu diesem Zeitpunkt die bedeutendste Rockgruppe, egal ob in Ost oder West – das sagte zumindest Dejans “Bravo”. Sie waren die Beatles unserer Generation. Ich, ihr wohl größter Fan in Ost-Berlin, hatte die ersten Lieder der Engländer auf unseren Schuldiscos gespielt. Dejan hatte mir eine LP zum Freundschaftspreis von 100 DDR-Mark und ein Poster aus West-Berlin mitgebracht.

Mein Vater, der des Englischen nicht sonderlich mächtig war, nannte mich seitdem nur noch “People A” und meinen Bruder Benny “People B”. Selbst er hatte ständig den Song “People Are People” im Ohr. Dass er den Text nicht verstand, störte ihn offensichtlich nicht. Depeche Mode hatte ich bei uns schon eingeführt, noch bevor sich alle Mädels in die Bandmitglieder verliebten und zu ihren Liedern Breakdance auf den Schulhöfen getanzt wurde. Ich, der Typ mit den blonden Martin-Gore-Locken, verdiente diese Karte!

Sabine merkte nicht, dass ich auf einmal ganz blass um die Nase geworden war. Auch dass ich für meine Dauerwelle zwei Stunden lang beim Frauenfrisör äußerst verschämt aus dem Fenster geschaut hatte und zu Hause “Zwergpudel” genannt wurde, ahnte sie nicht. Ich säuselte ihr lieblich ins Ohr: “Sabs, da können wir doch nächste Woche mal zusammen ins Café am Leninplatz gehen.” Sie schaute mich lächelnd an: “Aber nur, wenn du bezahlst.” Natürlich würde das klargehen, drei Schweden-Eisbecher mit extra viel Eierlikör – ich musste bloß lebend mit dieser Karte aus dem Zimmer kommen. Sabine zwinkerte mir zu und drückte mir das wichtigste Stück Papier meines Lebens in die Hand.

Natürlich gab es an diesem Tag noch Ärger wegen der Verteilungskriterien für die Karten, da sie nicht ordnungsgemäß an die besten FDJler und anständigsten Menschen vergeben worden waren. Ich würde meine aber unter keinen Umständen wieder hergeben. Am Abend fuhr ich allein mit der Straßenbahn zum Konzert ins Glück. Vor der Halle gierten Tausende aufgeregte Leute nach Karten. Man munkelte, dass nur 6000 Tickets im Umlauf waren.
Mark Scheppert
Es gab regelrechte Tumulte. Viele versuchten über die gut geschützten Zäune hineinzukommen, einige hatten sich schon am Vormittag im Innengelände versteckt. Alle anderen versuchten auf legale Weise, an die Tickets zu gelangen – für illegal viel Geld. Ich sah keinen einzigen Menschen mit blauem FDJ-Hemd, fast alle trugen Schwarz. Hunderte sprachen mich an und boten mir schwindelerregend viel Geld – einer sogar sein Moped der Marke Simson. Bei eisiger Kälte und leichtem Schneefall schüttelte ich erbarmungslos den Kopf. Dass zwei andere Mädels aus meiner Schule ihre beiden Karten für je 800 Mark verscheuerten, erfuhr ich erst am nächsten Tag. Ich musste für diese Summe Wochen später 27 Bryan-Adams-Tickets verkaufen!

Endlich war ich drin und mein Herz pochte, als Tausende Menschen die Vorband “Mixed Pickles” von der Bühne buhten. Ich kämpfte mich bis nach vorn. Nachdem die Band des Jahrzehnts das erste Lied unter ohrenbetäubendem Lärm hinter geschlossenem Vorhang gespielt hatte, begrüßte Dave Gahan eine durchdrehende Meute. Ich verstand nur etwas von “East Berlin”, denn ab jetzt gab es kein Halten mehr. Die völlig überfüllte Halle tobte, sprang und sang, wie ich es noch nie erlebt hatte – und es nie wieder erleben würde.

Nach dem vierten Lied bekam ich keine Luft mehr. Ich schaffte es gerade noch, etwas weiter nach hinten zu gelangen, ohne zusammenzubrechen. Plötzlich bemerkte ich das süße Mädchen neben mir; auch sie schien vollkommen atemlos zu sein.

Wir schauten uns lange in die Augen, lauschten der Musik und nahmen uns zärtlich in die Arme. Bald umarmten wir uns immer inniger und sangen gemeinsam die Lieder unserer Helden aus dem Radio. Bei einer Ballade zog sie mich plötzlich zu sich hinüber und gab mir den wärmsten und schönsten Kuss meines gesamten DDR-Lebens.

Nach dem Konzert sahen wir uns nie wieder. People Are People!
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Kolumbien – Wenn dein Herz brennt

2. Februar 2018 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Im Fischerörtchen Taganga an der Karibikküste Kolumbiens treffen wir eine Spezies, der wir aufgrund unserer Reiseroute lange erfolgreich aus dem Weg gegangen waren. Es sind nicht nur fünf oder sechs Leute, sondern regelrechte – vorzugsweise englisch, hebräisch und französisch sprechende – Backpackerhorden. Alle Hotels direkt am Strand sind von ihnen blockiert und stylishe Typen und gackernde Bikini-Püppchen beobachten hinter schwarzen Marken-Sonnenbrillen, unsere Suche nach einem geeigneten Quartier.

Für die globalisierte Gemeinschaft der „Lonely Planet Generation“ scheint dieser Ort der Endpunkt ihres Südamerika-Kreuzzuges zu sein, denn tatsächlich liegen auch zwei Schottinnen im Sand, die wir zuletzt kotzend in Nordargentinien gesehen hatten. Sie wären seit Monaten mit der gleichen Truppe unterwegs gewesen, berichten sie stolz, und sind nach Bolivien, Peru und Ecuador nun in Kolumbien gelandet. Die coole Gang hatte fast alle wichtigen Inkaruinen, Berggipfel, Flussläufe und Wasserfälle des Kontinents gesehen und auf tausenden Digitalfotos verewigt. Ob in großen Städten oder bei zurückgezogenen Indiostämmen, überall hätten sie extrem gechillt und legendäre Partys gefeiert. „Amazing!“, ist ihr bevorzugtes Wort.
Als wir uns von den Hühnern verabschieden, denke ich darüber nach, was mich von diesen stumpfsinnigen und dennoch so unbekümmerten Rucksackreisenden auf unserer Reise unterschieden hatte. War ich gebildeter, kultivierter oder niveauvoller gewesen? Nein! Auch ich war in Landschaften und Orte gereist, in denen ich mit meinem weißen Arsch eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatte. Oftmals ohne Sinn und Verstand war ich durch vormals unberührte Landschaften gefahren und in eine heile Welt mit bis dato glücklichen Menschen eingedrungen, die von mir weder etwas brauchten noch etwas lernen konnten. Allein durch mein Erscheinen hatte ich vielleicht ein letztes Stück Paradies zerstört.

Was werde ich also zu Hause erzählen auf die Fragen: „Was hat dir die Weltreise gebracht? Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“ Wir haben nur noch wenige Tage bevor es zurück nach Deutschland geht. Ich nehme mir vor, nun endlich auf eine intensive Suche zu gehen.
Natürlich buchen wir die Bootsfahrt in den Tayrona Nationalpark nicht bei den marktschreierischen Touranbietern im Ort, sondern bei einem Fischer namens Francesco, der mich mit den Worten „Ah! Messi!“ begrüßt. Ich habe mich daran gewöhnt, dass dies überall geschieht, sobald ich mein Barcelona-Trikot in Südamerika trage. Ich antworte überschwänglich: „Ah! Totti!“
Wir sind uns nicht ganz schlüssig, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben, denn das, mit 25 kreischenden Backpackern, beladene Boot, welches zehn Minuten vor uns ablegt, sieht wenigstens vertrauenerweckend aus. Unser Äppelkahn gleicht einem Ruderboot mit Außenborder, mit dem man maximal auf einem Baggersee herumgondeln kann. Als wir den deutschen Namen auf der Seite der Nuss-Schale lesen, müssen wir dennoch schmunzeln. Das Ding heißt „Schnecke“.
Neben Sylvie, Victoria, dem Kapitän und mir haben wir noch den kleinen „Siete“ (Sieben) an Bord. Er ist ein Frühchen, ein Sieben-Monats-Kind und wird seit seiner Geburt deshalb überall nur „Siete“ gerufen, erklärt uns Opa „Totti“ stolz. Als wir die Bucht gemächlich tuckernd verlassen, lächele ich in mich hinein. Was für eine Gurkentruppe: „Siete“, „Totti“, „Messi“, Victoria „Beckham“ und Sylvie „van der Vaart“ stechen auf der kriechenden „Schnecke“ in See. Da das die anderen wahrscheinlich eh nicht verstehen würden, behalte ich es lieber für mich.

Es ist ein sonniger Tag und eine sanfte Brise sorgt für angenehme Temperaturen. Auf dem offenen Meer wird mir jedoch sofort ein bisschen mulmig, da hier draußen ein gehöriger Wellengang herrscht. Knatternd rast eine weitere Touristendschunke an uns vorbei. Die zwei Schottinnen winken uns zu, während der Steuermann verständnislos mit dem Kopf schüttelt und Totti einen Vogel zeigt. Ich verstehe nicht ganz warum, da ich es auf unserem Boot nun ganz angenehm finde. Frau van der Vaart und Frau Beckham sonnen sich im Bikini am Bug, während ich mit Siete versuche, Fische zu fangen. Der Motor röhrt monoton und Totti steuert uns sicher über gleichförmig laufende Wellen. An Land sehen wir die Schnorchelbucht bevor wir eine größere Landzunge mit scharfkantigen Felsen umschiffen. Der Wind nimmt ein wenig zu. Obwohl ich bereits jetzt finde, dass wir ziemlich weit vom Land entfernt fahren, steuern wir hinter der Klippe noch weiter aufs offene Meer hinaus. Das Boot beginnt sich immer mehr zu heben und wieder zu senken. Die Wellen werden um einiges höher, bedenklich viele Strudel kräuseln die Wasseroberfläche und es weht ein böiger Wind, der immer weiter auffrischt.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, erwischt uns frontal eine riesige Monsterwelle. Alle schreien panisch auf, da wir gleichzeitig von der schäumenden Wasserfontäne nach hinten geworfen werden. Das Boot schlingert sekundenlang bedenklich hin und her. Während Totti hektisch versucht, uns wieder auf Kurs zu bringen, sucht Sylvie ihre Sonnenbrille und Victoria rubbelt ihre Kamera trocken. Siete kauert sich ängstlich unter die Sitzbank. Dort sehe ich auch, dass wir blassgelbe Schwimmwesten an Bord haben. Drei! Es sieht jetzt so aus, als ob auch von unten Wasser durch die Holzplanken eindringt, denn meine Füße stehen bereits knöcheltief darin. Als ich dies gerade an Sylvie weitergeben will, trifft uns seitlich der nächste Kaventsmann mit voller Wucht. Die „Schnecke“ neigt sich um 40 Grad. Ich bekomme Angst und brülle irgendwas von Schwimmwesten durchs Boot. Doch es rauscht bereits die nächste drei Meter hohe Wand auf uns zu. Wassermassen türmen sich vor uns auf und wie in einem Katastrophenfilm fahren wir in Zeitlupe die Welle hinauf, um auf der Kammspitze im Höllentempo wieder herunterzurasen. Mir wird schlecht.

Totti beginnt Wasser aus dem Bootsinneren zu schöpfen. Er benutzt dazu, ein winziges Plastikschüsselchen und ich helfe ihm mit bloßen Händen. Die Brecher, die nun aus allen Richtungen zu kommen scheinen, sind so laut, dass ich es nicht höre. Aber ich spüre es und als ich in Tottis panische Augen schaue, weiß ich es auch. Die „Schnecke“ stellt sich quer. Der Motor ist ausgegangen!
Der Ozean spielt jetzt mit uns. Riesige Wellen rollen auf die nun steuerlose Nussschale zu und neben dem Boot öffnen Strudel ihren Schlund in die Tiefe. Die schroffen Felsen am Ufer scheinen auch für gute Schwimmer, unerreichbar zu sein. Der kleine Siete klammert sich an mein Bein. Er zittert am ganzen Leib und weint. Ein neues Ungeheuer prescht heran. Doch obwohl der, vielleicht letzte, Aufprall kurz bevorsteht, werde ich mit einem Mal ganz ruhig. Ich weiß plötzlich, was mir die Weltreise gebracht hat. Ich habe die Antwort gefunden.
Es war kein langer Trip auf der Suche nach dem Glück, keine Auseinandersetzung mit mir selbst und kein Fahnden nach neuen Werten gewesen. Keine spirituelle Reise. Auch nicht das Aufspüren zufriedenerer Menschen, oder anderer Länder, in denen ich lieber wohnen wollte, war das primäre Ziel. Nein! Ich hatte mich vor unserem Trip oft mit Sylvie gestritten – fast hätten wir uns sogar getrennt. Doch in den letzten Monaten waren wir wieder ein perfektes Team geworden. Wir konnten uns jederzeit blind auf den anderen verlassen, uns vertrauen, aufbauen und glücklich in die Arme nehmen. Und wir waren der absoluten Freiheit begegnet.

Plötzlich begreife ich, was das Reisen mit ihr bedeutet hatte. Ich musste nicht täglich dem Israeli-Amerikaner-Sachsen in einer Rooftop-Bar unterm Sternenhimmel zuhören, wie er einem Pinguin in Chile, oder einem Lama in Peru einen Zungenkuss gegeben hatte. Nicht wieder und wieder anhören, wie jemand in die größten Geysire und höchsten Vulkankrater des Kontinents gespuckt hatte. Keine Geschichten von Urwald-Indianerkindern, die ihren ersten Kaugummi freudestrahlend verschluckten und von Drogen eines mystischen Schamanen, die einen drei Tage lang, bunte Kreise haben sehen lassen. Auch wenn ich den meisten Rucksacktouristen sehr ähnlich sehe, hatte ich keine wildfremden Menschen gebraucht, um ihnen von meinen Erlebnissen zu berichten, musste keine Handynummern speichern, lustige Filmchen auf Mini-Laptops vorspielen und nicht mit anderen den „Lonely Planet“ auf der Suche nach dem nächsten Acht-Mann-Schlafsaal durchgehen.
Wir hatten uns durch Südamerika treiben lassen und fast jeden Abend in einem eigenen Zimmer das Erlebte reflektiert. Sylvie war mein Ruhepol, mein vorgehaltener Spiegel, meine Zuhörerin und mein Gewissen gewesen. Die vorbeiziehende Welt war lediglich die Kulisse für unseren Liebesfilm.

Genau danach hatte ich gesucht! Trotzdem musste ich sehr weit reisen, um das herauszufinden. Ich hatte es die ganze Zeit dabei gehabt, das Glück namens Sylvie.

Ich schrecke hoch, schaue zum Bug auf mein süßes Mädchen und das vor ihr hereinbrechende Meeresmonster. Jetzt werden wir also sterben, denn hinter mir zieht Totti noch immer vergeblich am Starterseil. Siete krallt sich, mit der viel zu großen Schwimmweste um den Hals, an meiner Wade fest. Es sind nur noch Sekunden bis zum Einschlag, doch plötzlich stellt sich das Boot ein wenig gerade. Ich schaue zu Totti und kann es kaum fassen. Er grinst mich an, streckt den Daumen nach oben und kramt dann in seiner Hemdstasche nach Zigaretten. Der Motor ist angesprungen.

Auch wenn wir unsere Pläne ändern und erst zwei Tage später per Bus und Dschungelwanderung in den Nationalpark kommen, verbringt die Crew der „Schnecke“ noch einen herrlichen Tag am sich beruhigenden Meer. Wir fangen bunte Fische nur mit Sehne und Haken, schnorcheln in traumhaften Korallenbuchten, rennen mit Siete um die Wette und grillen gemeinsam am einsamen Strand von Playa del Amor. Dort fragt mich Sylvie irgendwann, warum ich eigentlich in den kritischen Minuten so komische Sachen gebrüllt hätte. Ich sehe sie fragend an. „Ich meine, was sollte das denn? Beckham, van der Vaart und Siete: Schwimmwesten anziehen! Hab ich nicht ganz kapiert.“ Ich zucke mit den Schultern und lächle in mich hinein. Da sie es wahrscheinlich eh nicht verstehen würde, behalte ich es lieber für mich, nehme sie in die Arme und sage stattdessen: „Ich liebe dich!“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Lesebühne “Die Unerhörten” am 8. Februar 2018 in Berlin

2. Februar 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Termine

Karneval! Weiberfastnacht! Helau! Alaaf! Ganz Deutschland ist am 8. Februar im Narrenfieber! Ganz Deutschland? Nein! Berlin trotzt dem Mummenschanz und Maskenreigen. Heute gibt es bei der Lesebühne “Die Unerhörten” deshalb auch keine Kamelle, abgeschnitte Schlipse, Schnapsleichen oder Pappnasen, aber dafür viele raffinierte Geschichten rund um Verkleidungen, Maskeraden und Ballzaubereien..

Wann: 08. Februar 2018 ab 20 Uhr
Ort: Café und Antiquariat Tasso, Frankfurter Allee 11, Berlin-Friedrichshain, U-Bahnhof Frankfurter Tor

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Lesung am 8. März 2018 im Café Tasso Berlin

26. Januar 2018 | von | Kategorie: Blog, Termine

Wollt Ihr bei gefühlten Minus 20 Grad zur Lesung unserer Lesebühne “Die Unerhörten” kommen? Wir empfehlen dies wärmstens, denn unser Thema am 8. März 2018 im wohlig temperierten Café Tasso (Frankfurter Allee 11, Friedrichshain) lautet diesmal: “TAUWETTER”. Ab 20 Uhr heizen wir – mit Stargast Helene Mierscheid – ein!

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Dreamworld – Startklar fürs Leben

13. Januar 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Koalaland

Keine Ahnung, wie oft wir ihn schon imaginär gesehen haben: in Fotobüchern und Hochglanzmagazinen, auf Postkarten, riesigen Postern oder im Fernsehen. Doch wenn man ihn das erste Mal erblickt, fühlt man sich trotzdem unvorbereitet. Kein einziges Bild wird diesem Anblick gerecht. Nach einer Kurve, hinter einem kaum wahrnehmbaren Hügel, verharren wir in hündischem Staunen. Der magische Berg erscheint karminrot am Horizont. Er ist jetzt das höchstaufragende Ding auf der ganzen Welt! Wir hatten mehrere Ozeane und Kontinente überflogen, um nach Australien zu gelangen, waren tagelang durch eine ungezähmte Einöde ins rote Zentrum des Landes gefahren, nur um diesen einen Augenblick erleben zu dürfen. Wir sind am Ziel unserer Reise. Dass ein Lebenstraum so bewegend in Erfüllung gehen kann, hatten wir nicht erwartet.

Wir steigen aus und knipsen den „kleinen“ Uluru. Die rote „Majestät“ ist hier noch so winzig, dass wir ihn zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen können und aus einer Linse des Glücks betrachten können. Keine Fliege der Welt kann uns nun am Verweilen hindern. Sie versuchen in Ohren, Augen, Nase, in den Hals und selbst in die Po-Ritze zu krabbeln, doch wir grinsen mit schwarz gesprenkelten Kleidern in die Kamera. Auf diesen Fotos sehen wir unfassbar glücklich aus. Bilder wie aus einem Liebesfilm, doch die Wirklichkeit schlägt die Fiktion um Längen. Der Berg ist greifbar und echt geworden.

Seine gewaltigen Ausmaße, der Uluru ist 348 Meter hoch, drei Kilometer lang und hat einen Umfang von etwa neun Kilometern, begreifen wir erst beim Näherkommen. Perplex stellen wir fest, dass er nicht oval wie ein eingebuddelter Football, sondern unförmig und an einigen Stellen fast rund ist. In der Breite misst er eben auch bis zu zwei Kilometern. Mit 30 km/h rollen wir ihm andächtig entgegen, während im CD-Player „Dreamworld“ von Midnight Oil läuft. Überall sind nun auch tiefe Furchen, Einkerbungen und Schluchten zu erkennen.

Am Parkeingang zum Weltkultur-Naturerbe kassieren sie ordentlich ab. Sei es den Aborigines, denen das Heilige Land nun wieder gehört, vergönnt. Es heißt, dass alle Traumzeitreisen dort hinführen oder enden. Wir ahnen, warum – verstehen können wir diese Kultur noch immer nicht, denn es gibt in ihr kein Gestern, Heute oder Morgen. Wir nehmen uns vor, dies auf unserer Weiterreise zu verinnerlichen.

Ein großes Schild weist darauf hin, dass die Anganu-Ureinwohner aus mythischen Gründen nicht wünschen, dass der Felsen bestiegen wird, doch aus der Ferne sehen wir einen nicht enden wollenden Strom sich bewegender Punkte. Dicke, dürre, große, kleine, junge, alte und vor allem dumme Menschen fallen wir eine Ameisenarmee über den Uluru her. Warum? Was wollen sie dort sehen? Leere, unermessliche Weite, das Ende der Welt? Nur auf der Ebene macht einen der Berg klein und vergänglich wie ein Wüstenstaubkorn. All jene, die sich über ihn erheben wollen, geben sich der Lächerlichkeit preis, denn ein Wunder bekommen sie auf dem Gipfel sicherlich nicht geschenkt. Aufgrund von Überschätzung, durch die sengende Hitze oder durch Unachtsamkeit haben zudem bereits über 30 Menschen ihr Leben am Uluru verloren.

Auch heute ist es brütend heiß – ohne ein Wölkchen am lichtblauen Himmel -, sodass wir unser eigentliches Vorhaben, den Berg zu Fuß zu umrunden, aufgeben. Außerdem haben die summenden Fliegen in den Ohrmuscheln jetzt doch ein Wort mitzureden. Wir laufen immer nur kürzere Abschnitte entlang des zerklüfteten Fels, berühren ihn kurz, um dann 200 Meter weiterzufahren.
Dort wird das Ritual wiederholt, bis wir einmal herum sind. Leider werden auch die längst geplünderten „Sacred Places“ von Touristen in schierer Respektlosigkeit abgelichtet, obwohl dies von den Anganu ausdrücklich nicht erwünscht ist.

Wir machen Fotos, die uns mit gebührendem Abstand vor dem roten Ungetüm zeigen. Einige davon zeigen uns lachend auf dem heißen Blechdach des Campers liegend. Es sind Bilder voller Glück und Harmonie, die wir sicher noch in dreißig Jahren wehmütig betrachten werden.
Im Visitor Centre erfahren wir, welche Mythen dem Uluru von den Ureinwohnern zugeschrieben werden. Ganz ehrlich: Mit Teppichschlangen- und Hasenkänguru-Menschen, Tannenzapfen-Echsen und Regenbogen-Schlangen können wir recht wenig anfangen. Für uns geht eine ganz andere Faszination von diesem Giganten aus. Eine Faszination, die uns für immer daran gemahnen wird, dass wir diese Reise gemeinsam unternommen haben und nun angekommen sind.

Etwa 50 Kilometer weiter erreichen wir die „Kata Tjutas“. Die runden Brocken – auch „Olgas“ genannt – erinnern an im Solarium verbrannte Brüste oder rote Glatzköpfe. Die höchste Erhebung der ebenso spektakulären Massive heißt Mount Olga und wurde nach der Königin Olga von Württemberg benannt. Leider wird uns auch die Wanderung im „Valley of the Winds“ durch schwarze Wolken voller Fliegen verleidet, sodass wir bei großer Hitze und ohne spürbaren Windhauch nicht alle Aussichtspunkte erkunden können und wollen. Gegen 17.30 Uhr haben wir das Kapitel „King Uluru“ und „Queen Olga“ demnach abgeschlossen.

Auf einem eingezeichneten, hunderte Parktaschen umfassenden Betonareal stehen schon unzählige Autos und Reisebusse. Unförmige Menschen mit engmaschigen Gittern vorm Gesicht streiten sich um die besten Plätze zum Sonnenuntergang.
Die mit der guten Sicht stellen Tische und Stühle vor ihre Wagen und trinken Champagner. Allen anderen wird der Blick durch Spinifexbüschel und hoch aufgeschossene Büsche verstellt. Sie müssen sich hinten anstellen oder woanders ihr Glück versuchen. Doch wo? Fast überall gibt es durchgezogene gelbe Linien am Straßenrand mit dem Hinweis: „No Stopping Anytime.“

Auf all das haben wir überhaupt keine Lust! Wir wollen die Farborgie alleine genießen und fahren zu der Stelle zurück, an der wir den Zauberberg das erste Mal im Miniaturformat erblickt hatten. Dort finden wir, was wir suchen: einen Ort, der uns das Glück wie eine Faust in den Magen rammt. Der Uluru gehört uns hier ganz allein. Keine Volksfeststimmung – nur wir beide.

Längst haben wir den Champagner – also zwei Dosenbier – aufgezischt und betrachten – auf dem Dach unseres Campers sitzend – das steinerne Chamäleon in Technicolor: orange, orangerot, burgunderrot, feuerrot, karminrot, terracotta, blutfarben, purpurrot, fliederviolett, schiefergrau, schwarz.
Erstmals im Leben konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Jetzt. Zeitgleich flüstern wir: „Ich liebe dich.“ Wir haben uns fürs Glück entschieden und sind jetzt startklar zur Weiterreise. Nein, anders: wir sind jetzt startklar fürs Leben.
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Zum Weiterlesen: “Koalaland”
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Lesebühne “Die Unerhörten” am 11.01.2018

27. Dezember 2017 | von | Kategorie: Blog, Termine

Das alte Jahr ist verdaut, der Silvesterkater vor die Tür gesetzt und das kreative Jahr 2018 ist unerhört startklar! Die Lesebühne “Die Unerhörten” freut sich darauf, mit allen Stammgästen und jenen, die es noch werden wollen den erzählerischen Jahresauftakt zu feiern. Lasst euch überraschen, was die Autorinnen und Autoren zum Thema “Startklar” zu erzählen haben!

Ort: Café und Antiquariat Tasso, Frankfurter Allee 11, Berlin-Friedrichshain, U-Bahnhof Frankfurter Tor (am 11. Januar 2018 ab 20 Uhr – Stargast: Claudia Cliff)

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Kubanische Apfelsinen – Jugend in der DDR

1. Dezember 2017 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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