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“Ungarische Würste” – aus dem Buch “Leninplatz”

14. März 2020 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben

Hungarn wirAm 1. August 1986 gehen wir anlässlich meines 15. Geburtstags zum Essen in den Palast der Republik. Während sich Benny nach stundenlangem Studium der Karte wie üblich fürs „Steak-au-four“ mit Pommes Frites entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Mein Alter ruft: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“ Was für eine Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur anstarren, sondern auch kaufen. Levi‘s-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravos, Sticker und Glitzersteine – einfach alles, was das Herz begehrt.
„Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, erst in drei Ländern gewesen zu sein: DDR, ČSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter auf der Schneekoppe über die Grenze geflitzt waren. „Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest.“ Der Satz trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel mit Szegediner Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz! „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. Mein Bruderherz ruft: „Krieg ich noch einen Pittiplatsch-Eisbecher? Köszönom!“ Alle lachen.

Ich bin euphorisch, auch weil Vater über seine Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt hat, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 440 Mark pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld mal sinnvoll verbraten. Obwohl auch Mutter durch diese Papiere der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch unsere Mutter ist ja eher rundlich. Als sich dann noch wir beiden Jungs hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicherlich doppelt so viel wie bei Auslieferung in der Rummelsburger Straße.
Mein Vater erzählt auf dem Weg in Richtung Adlergestell mal wieder die Geschichte der Anmeldung im Jahre 1972: „Ihren Trabi können sie am 10. Juli 1984 abholen“ und er: „Vormittags oder nachmittags?“ „Warum wollen sie das denn wissen?“ „Na am Vormittag wird doch schon unser Waschmaschine geliefert!“ Niemand lacht.

An der Grenze zur ČSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Ständen, an denen Hotdogs, die bei uns Ketwürste heißen, in champagnerbeigen Senf gebettet werden.
Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich nicht daheim ist. Wie peinlich: Eine Stunde lang sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Speckstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir ihn besuchen, und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.

Vater
Am nächsten Tag geht es mit verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei sengender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt Vater aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Alter lehnt mit den Händen in den Hüften an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden.
Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass Ede und Michel aus Sachsen jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Ofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt. Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu Land Nummer 4 ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich plötzlich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir ein Leben lang bewahren möchte. Eine Sehnsucht geht in Erfüllung.

Endlich angekommen, meint sich Mutter nach 20 Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, wobei sie Vater danach von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der wirkt stark unterhopft. Während sich die Alten vorne anschreien, als ob unser Rücksitz weit von ihnen entfernt wäre, pieke ich Benny in den Bauch: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda.“ Wir machen uns darüber lustig, dass die Eltern nicht mal wissen, in welchen Stadtteil wir müssen. Irgendwann hat der Alte die Schnauze voll, hält mitten auf einer Kreuzung und fragt einen Polizisten. Auf dem Rückweg fährt ihm fast ein Skoda über die Füße und er hämmert mit voller Wucht mit der Faust auf das Wagendach. Mir wird mal wieder klar, warum ich noch immer solch einen Respekt vor ihm habe. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist danach – trotz 34 Grad im Schatten – frostig.

Icke Bad Boy
Die Gastwirte haben für uns das Schlafzimmer geräumt, um nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch zu campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbenfrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vati mit dem Opa noch zwei Pálinka-Schnäpse, während mir die ältere Dame mit der Hand durch die Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15-jährige Jugendliche können das besonders gut leiden.
Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 gestorben sei und ich ihm wohl ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund, mich so zu betätscheln. Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt, auch wenn er kein so schönes Kind ist – was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir eine Backpfeife: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher.“ Der juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mir verschwörerisch zu.

Wir wohnen nicht weit von der Donau entfernt. Doch für den riesigen Fluss habe ich keinen Sinn, weil mich ausschließlich die quietschbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben dem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein schäumendes Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer berühmten Kettenbrücke, wobei Mutti in den nächsten Tagen alles als „weltberühmt“ betitelt, entdecken wir einen Imbissstand. Vater spendiert zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar “, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir, trotz des Russischunterrichts, nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen schön!
Außerdem kostet die Cola nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschleift werden. Vaters Gastgeschenk (Nordhäuser Doppelkorn) ist nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Dann machen wir noch einen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häusern, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich die Moderatoren mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!

Ungarn3
Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, gibt es zum Frühstück nur löchrige Marmeladen-Graubrote, und danach will Mutter auf Sehenswürdigkeitstour gehen. Doch wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis zum Mittag frei. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die anschmiegsame Gastwirtin versichert mir, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.
Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat begrenzt ist, muss ich in den Shops die DDR-Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck sogar ein ganz gutes Alibi. Eine Levi‘s, ein Nike-Pullover, Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“ und „Kim Wilde“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, noch ein „Honda-Nicki“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchen! In einem Plattenladen hole ich mir die „Black Celebration“ von Depeche Mode. Obwohl ich alle Songs davon auf Kassette habe, kann ich zu Hause damit extrem angeben.

Ungarn2
Vati nippt genüsslich am Bier und Mutti schlägt sich die Hände vor den Mund, als sie uns kommen sieht. „Graf Koks hat ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie mir zu, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten stehen. Ich habe Spendierhosen an, gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Würschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. „Nee, Genosse, 80!“ Ich lass mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte eine ja lediglich 20 gekostet. Doch er beharrt darauf, bis ich Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein.
„Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die Worte unserer Stabi-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppeln die hier gleich mal die Preise?“, schimpfe ich. Doch Vater antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen!“ Er trinkt sein überteuertes Bier auf ex aus, rülpst und ruft: „Nastarowje!“ Da kann auch ich wieder lachen.

Im Zimmer breiten wir stolz unsere Einkäufe aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Abends laden uns die Eltern in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Am Einlass werden wir gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Wie unkuhl.

Ungarn
Tags darauf scheinen wir wirklich Betteltouristen zu sein, die trotz toller Metro alles ablaufen müssen und das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg, wegen der „Aussicht“, bis wir das „berühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Route zu überlassen war keine gute Idee. Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an. Darauf haben wir echt keine Böcke. Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die im Fluss befindliche Margareteninsel erreichen. Wir lechzen nach einem Eis und wollen vor allem endlich baden.
Auch das Palatinus-Bad kennt Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor 20 Jahren dort gewesen war. Unaufhörlich schwärmt sie von riesigen Schwimmbecken, großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden von Menschen. Hier sind es eher Mütter mit kreischenden Gören. „Alle Männer sind ja beim Formel-1-Rennen“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich nullstens für Autos interessiert.

Das Bad ist nichts im Vergleich zum modernen SEZ in Friedrichshain. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind extrem popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!

„Benny, gleich kommt die nächste.“ „Mark, ist das nicht schau?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest.
Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie wegzustoßen, und treffe versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt sie auch noch zu weinen. Das wird Vater, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist, überhaupt nicht gefallen. Mehrmals entschuldige ich mich und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Plötzlich beginnt meine Mutter mit tränennassen Augen zu erzählen, dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hatte. In diesem Wellenbad küssten sie sich das erste Mal. Ich staune mit offenem Mund darüber, wie wenig Söhne eigentlich über ihre Mütter wissen. Allerdings überlege ich auch, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Rein klamottentechnisch!
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham in die Arme und flüstere ganz leise: „Ich hab dich lieb.“
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Lesung am 12.03.2020 in Berlin – “Unbekannt”

5. März 2020 | von | Kategorie: Blog, Termine

2000 Peru ich MachuBei der nächsten Lesung  sind alle Texte  “Unbekannt” – das ist nämlich unser Thema an diesem Tag.

Und der ist zweifellos am 12. März 2020 ab 20 Uhr!

Wo? Café Tasso, Frankfurter Allee 11 (Nähe U-Bhf. Frankfurter Tor)
Wer? Lesebühne “Die Unerhörten”

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Benny eiskalt – aus dem Buch “Leninplatz”

17. Februar 2020 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben

Am 24. März 1986 sitze ich mit den Jungs in unserem Alfclub. Plötzlich stürmen Henry und Daley zur Tür hinein. „Kinder haben hier gar nichts zu suchen“, brüllt ausgerechnet Bommel, der einen halben Kopf kleiner als die beiden ist. Es sind Bennys beste Kumpels, die zwei Jahre jünger sind als wir. Daley wird in Anlehnung an Daley Thompson – den schwarzen Zehnkämpfer – so genannt, weil seine Haut kreideweiß wie ein nagelneues Pionierhemd ist. Doch auch der sonst so quirlige Henry hat gerade keine gesunde Gesichtsfarbe.
„Mark, deine Keule ist verschwunden!“, ruft er mir aufgeregt zu. Es ist 19 Uhr und schon dunkel draußen, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. „Wann habt ihr ihn denn das letzte Mal gesehen“, antworte ich daher entspannt. „Also wir haben vorhin Verstecken gespielt und suchen ihn eigentlich schon seit sechs.“

Augenblicklich wird mir gleichzeitig heiß und kalt. „Und wo?“ „Also ich habe mit dem Kopf am Denkmal, ohne zu Schmulen, bis 100 gezählt und dann angefangen zu suchen. Nur Maik konnte abschlagen – alle anderen habe ich vorher gefunden. Außer Benny. Der ist irgendwie nicht wieder aufgetaucht, aber ich dachte, du kennst ja deine Keule, dass …“
„Nun erzähl hier mal keine Romane, Piepel“, unterbricht ihn Bergi. „Ihr wart also am Lenindenkmal? Und wo habt ihr schon überall gesucht?“, fragt er, während ich genau diese Überlegung in Gedanken anstelle: ‚Wo könnte sich der neunmalkluge Scheißer versteckt haben?‘

Ich liebe meinen Bruder. Wir verstehen uns trotz des Altersunterschiedes prächtig und oftmals staune ich darüber, welche Energie er darauf verwendet, mich in diversen Spielen zu schlagen. Versteckspielen – ohne auffindbar zu sein – hatte er mir auch schon einmal im Garten in Karow angetan. Letztendlich entdeckte ich ihn mit hämmerndem Herzen in einer Kiesgrube, aus der sein Arm plötzlich auftauchte, er aber allein nicht mehr herauskam. Ich wäre vor Sorge fast gestorben und ließ ihn zur Strafe bis zum Mittagessen darin hocken. „Marki, das kannst du doch nicht machen. Marki, ich hab Hunger“, hörte ich ihn aus der Ferne mit tränenerstickter Stimme rufen. Doch Benny verpetzt nie jemanden und ist nicht nur deshalb bei all seinen Freunden hochgradig beliebt.

Auch meine Jungs mögen ihn und so schließen sich alle hilfsbereit dem Suchtrupp in Richtung Leninplatz an. Auf dem Weg rätseln wir weiter, auf welche Versteck-Idee er wohl gekommen sei, stellen aber bald ernüchtert fest, dass es dafür Hunderte gäbe – das Einzugsgebiet ist riesig. Bevor wir uns aufteilen, bitte ich dennoch um weitere Bedenkzeit, da ich ihn wahrscheinlich am besten kenne.


Ins Hochhaus hat er sich eher nicht verkrochen. Benny leidet, wie ich, unter Höhenangst und gerade die Treppenhausbalkone im 25-Stöcker wären der blanke Horror. Genau wie die Müllschlucker-Räume oder die regelmäßig steckenbleibenden Fahrstühle, wobei nach denen mal einer schauen könnte.
Parterre, im Café am Leninplatz, oder im Speiserestaurant Baikal hätten sie ihn auf dem Klo oder beim Naschen von Fleischresten in der Küche schon längst entdeckt und entfernt – fällt also auch aus!
Den S-Block und den U-Block (unsere Mutter nennt sie „Schlange“ und „Bumerang“, was außer ihr kein Mensch sagt) halte ich auch für unwahrscheinlich, weil sie vom Abschlagemal zu gut einsehbar sind.
An den Volkspark Friedrichshain mit seinen gruseligen Wäldern und Büschen voller Kinderschänder, die sich im Dunkeln dort herumtreiben sollen, will ich gar nicht erst denken. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass er sich an den Köhlerhütten noch schnell eine verkohlte Bratwurst gekauft hat, aber spätestens nach zwanzig Minuten wäre er gut gesättigt wieder aufgetaucht.
Bliebe noch die Baugrube zwischen dem Grünen Block und der Lenin-Kaufhalle. Doch die ist laut Bommel seit letzter Woche verschwunden, obwohl ich ihn mit einem Ohr schon flehentlich „Marki“ habe wimmern hören.

„Moment mal“, brülle ich Henry plötzlich an. „Hat sich von euch schon mal einer in der Kaufhalle versteckt?“ – „Ach du meine Nase. Benny hat heute irgendwas von den Kühltruhen da drinnen erzählt.“ Beim Gedanken daran wird mir augenblicklich wieder heiß, denn mir fällt ein, dass dieses Gerede schon am Sonntag begann.

Mutter erzählte, während gerade „Mach mit, mach’s nach, mach’s besser“ mit Adi in seiner vom Puller ausgebeulten Trainingshose im Fernsehen lief, dass bei ihrer Ausbildung in Zwickau mal ein Lehrling ums Leben gekommen war. Er war beim Versteckspielen in einen alten Industrie-Kühlschrank geklettert und wurde dort erst nach sechs Stunden gefunden. „Der war natürlich längst erfroren, weil man einen Kühlschrank von innen nämlich nicht mehr aufbekommt!“, erklärte sie oberlehrerhaft. Benny wollte das partout nicht glauben, doch unser Gerät in der Küche bot keine Gelegenheit, dies auszuprobieren. Benny, alias Paule Platsch (wie er zu Hause noch immer genannt wird), hätte dort nicht nur wegen der vielen Bierflaschen und der blauen Wurstschachtel einfach nicht hineingepasst. Außerdem war er leicht erkältet und hatte mal wieder den halben Tag ein Thermometer im Mund gehabt.


„Scheiße, hat die Koofi noch offen?“, brülle ich in die Runde, obwohl ich ja wissen müsste, dass dies nach 19 Uhr nicht mehr der Fall sein wird. Um mich selbst zu beruhigen und nicht an den langsam einsetzenden Kältetod des geliebten Bruders zu denken, erzähle ich den anderen, dass er am Sonnabend erfahren hat (was allerdings auch wahr ist), dass es jetzt endlich auch „Benny-Eislöffel“ gibt. Seit ich denken kann, sucht er, tief hineingebeugt in die Kühltruhen sämtlicher Kaufhallen, nach einem dieser Miniatur-Plastiklöffel mit seinem Namen. Alle Klassenkameraden schien es im Sortiment zu geben – nur seinen Namen eben nicht. Als er in Wismar dann auch noch zwischen Moskauer Waffeleis und Hexenküssen einen „Mark-Löffel“ ans Licht beförderte, verstärkte sich die Manie.
„Und dann hat er beim Suchen die Zeit vergessen und wurde eingeschlossen“, sagt Daley grinsend. Er ahnt ja nicht, dass meine Keule gerade in einer der Kühltruhen liegt wie in einem Sarg, weil er sie von innen nicht mehr aufbekommt. „Schnauze, du Daumenlutscher“, ruft Bommel, „sonst gibt’s Keile.“ Mir ist noch immer arschwarm, obwohl wir nur kühle fünf Grad haben. Ich taumele zwischen Hoffnung und Verzweiflung und würde am liebsten bei der Möwe, die gerade auf Lenins rotem Kopf sitzt, eine Suchanzeige erstatten.

„Und wie kommen wir jetzt in die Koofi?“, stellt Torte die einzig vernünftige Frage. „Sollen wir einbrechen?“ Ich weiß, dass er das mit einem Dietrich wahrscheinlich hinbekommen würde, und falls nicht, würde Andi die brachiale Methode anwenden und eine Scheibe einschmeißen. Aber das ist auch nicht so der Bringer – nur eine Notlösung. Zur Volkspolizei in die Friedensstraße möchte ich nicht gehen, weil die uns kennen und das Ganze für einen üblen Scherz halten werden – während mein Bruder längst steifgefroren ist und der Herzschlag langsam aussetzt.


„Vielleicht gehen wir erst mal kieken“, meint Torte, der heute wirklich durchdachte Ansätze hat. Ich renne über die Mollstraße hinüber zur riesigen Fensterfront der Kaufhalle. ‚Wie soll ich das meinen Eltern erklären, wie soll ich den Schmerz jemals überwinden?‘, denke ich und hämmere gegen das Glas. Nichts. „Benny!“, brüllt Henry plötzlich vom anderen Ende. Er war schlauer gewesen und hatte in Höhe der Eisschränke an die Fenster geklopft. Atemlos erreiche ich ihn und sehe, dass Benny von innen an der Scheibe klebt. Sein Gesichtsausdruck wandelt gerade von extrem geschockt hin zu total erleichtert. Dann grinst er sein berühmtes Grinsen. Er zuckt mit den Schultern und deutet übermütig auf den Pappbecher mit Schokoladenimitat-Eis in seiner Hand. Darin befinden sich drei dieser winzigen Plastiklöffel.

Letztendlich fällt Andi ein, dass die Mutter von Uta als hochdekorierte Verkäuferin in der Leninkaufhalle arbeitet und für Havariefälle einen Schlüssel besitzt. Doch weder er noch einer der Jungs trauen sich zu fragen, weil Uta – seit Andi sie zugunsten von Daniela entsorgt hatte – nicht sehr gut auf uns zu sprechen ist. Schließlich überzeugen wir ausgerechnet Astrid zu klingeln. Sie ist in unseren Reihen als ausgesprochene Meisterdiebin bekannt. Allerdings klaut sie eher in der Büsching-Kaufhalle, weil es dort mehr Schnapssorten gibt und nur die nötigsten Lebensmittel.
Und Assi ist kuhl. Sie gibt Benny als ihren kleinen Bruder aus, erzählt aber sonst keine Fantasie-Geschichten, sondern dass er versehentlich eingeschlossen wurde und sie zu Hause nicht reinkommt, weil der Idiot die Wohnungsschlüssel hat.


Während des Aufschließens verstecken wir uns im Gebüsch. Benny kommt heraus, das Kinn schuldbewusst auf die Brust gelegt, und wir hören, wie Utas Mutter ihm hinterher ruft: „Du bist mir vielleicht ein Früchtchen.“ Bommel macht sich fast in die Hose. Als er bei uns ist, packe ich ihn mit beiden Händen an den eiskalten Ohren. Ich bin kurz davor, ihm einen Satz heiße zu verpassen. Er riecht nach vergorener Milch und feuchtem Meerschweinfell. „Für heute hast du mir echt genug Aufregung beschert, Paule Platsch!“, sage ich. Meine Freunde grinsen.
„Marki, eigentlich wollte ich mich nur verstecken, aber dann fiel mir der Eislöffel ein. Ich habe alle Truhen von oben bis unten durchwühlt und weißt du, was ich gefunden habe: Bernd, Benjamin, Benno und dann war plötzlich abgeschlossen.“ Die Jungs feixen, weil er mal wieder fantasiert.
„Aber ich hab mir überlegt, im Werken aus dem Benno einen Benny zu schnitzen. Was meinst du?“ Ohne groß zu überlegen, sage ich: „Das kannst du gerne machen. Aber versprich mir, dass du niemals probierst, ob ein Eisschrank auch von innen wieder aufgeht, okay Dicker?“ Die anderen wundern sich zwar über meine Antwort, folgen uns aber – ohne nachzufragen – gut gelaunt in Richtung Alfclub.
Auf dem Weg flüstert mir mein Bruder ins Ohr: „Würde ich mich nie trauen, weißte doch. Aber zusammen können wir es doch mal testen, oder?“, bevor er lachend Henry und Daley hinterher spurtet.

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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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“Die Unerhörten” am 13. Feb. 2020 in Berlin

11. Februar 2020 | von | Kategorie: Blog, Termine

Am 13.02.2020 ab 20 Uhr ist das nächste Mal Lesebühne mit den “Unerhörten” im Café Tasso in Berlin-Friedrichshain.

Das Thema lautet diesmal: Was wäre, wenn …?

Frankfurter Allee 11 in 10247 Berlin

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Mein neues Buch “Leninplatz”!

12. Januar 2020 | von | Kategorie: Aktuelles

Mein neues Buch “Leninplatz” ist soeben erschienen.

Hier der Klappentext:
Benny, Mark und ihre Freunde wohnen rund um den Leninplatz in Ostberlin. Obwohl ihr Alltag Ende der 80iger Jahre in der DDR eigentlich trist und vorbestimmt ist, erleben sie in der Schule und den Stunden danach die aufregendsten Dinge. Sie feiern gemeinsam das Leben, die Mädchen und vor allem sich selbst, auch wenn ihre Freundschaft manchmal auf harte Proben gestellt wird.

„Was war eigentlich los am Leninplatz, bevor der Osten der neue Westen wurde, vor dem Mauerfall und „Goodbye Lenin“? Mark Scheppert erzählt auf unvergleichliche Art vom Aufwachsen im Ostteil Berlins, von Freund- und Feindschaften, erster Liebe und einer kleinen Gang Jugendlicher, die nach der Schule am Sockel des Lenindenkmals herumlungert und Pläne schmiedet – mal fürs Leben, mal nur für den sozialistischen Nachmittag. Seine Geschichten sind ebenso komisch wie anrührend, authentisch erzählt und ein unverzichtbarer Teil Alltagsgeschichte aus der untergegangenen DDR.“ Hannes Klug, Journalist und Autor

„Scheppert entkleidet alles und jeden: Ina aus der A-Klasse, die Frau des Musiklehrers, die DDR und nicht zuletzt: seine Seele. Fetzt voll ein, dit Buch.“ Sebastian T. Vogel, Lesebühnenautor
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„Ein FDJ-Aufmarsch zum 35. Jahrestag der Republik – nie wäre Mark Scheppert auf die Idee gekommen, daran freiwillig teilzunehmen. Aber dann winkte ein Treffen mit dem schönsten Mädchen der Schule. Also doch!“
Spiegel Online, einestages
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„Erfrischend, verdammt ehrlich, voller Komik und Humor, lebensecht!“
Binea, Literatwo
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Natürlich würde ich mich sehr darüber freuen, wenn es Euch gefällt. Rückmeldungen/Rezensionen von Menschen, die noch gerne lesen, sind ausdrücklich erwünscht.
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Hier könnt Ihr u.a. “Leninplatz” von Mark Scheppert für 9,90 € käuflich erwerben:
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– bei Amazon.de
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– bei Thalia.de
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– bei BoD.de
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Viel Freude beim Lesen wünscht
Mark Scheppert

Kontakt:
Email: mail@markscheppert.de
FB: www.facebook.com/mauergewinner
INSTA: @Mauergewinner

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Feuerohren & Brennesseln im Ferienlager – Kindheit in der DDR

10. Januar 2020 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei meinem allerersten Kinderferienlager in der 1. Klasse war ich sieben Jahre alt. Die älteren Kinder quälten mich und ich konnte das nicht einmal meinen Eltern schreiben, da ich gerade erst OMA gelernt hatte. Da ich auch noch nicht lesen konnte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Im Lager gab es niemanden, der einen tröstete. Es gab auch keine Telefone. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur zurück nach Hause zur MAMA. Das Wort konnte ich auch schon schreiben.
Sie haben mir die Arme auf den Rücken gedreht, brennende „Feuerohren“ gerieben, wie verrückt aufs Schulterblatt geboxt und gemein die Beine von hinten gestellt, sodass ich dauernd in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es noch viel schlimmer und viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

In den Winterferien der 2. Klasse schien sich dieser Mut auszuzahlen. Im Kinderferienlager „Willi Bredel“ in Rodishain im Harz waren alle Kinder meiner Gruppe in demselben Alter, demnach gab es Große und Kleine, Ängstliche und Draufgänger, Gewinner und Verlierer, aber keine fiesen Typen, die ihren biologischen Vorsprung mittels Gewaltanwendung auslebten. Ich reihte mich perfekt und opportunistisch in der Mitte ein und so ließ man meine Ohren und meine Seele meistens in Frieden.

Obwohl wir sehr zeitig zum Frühsport herausgerufen wurden und unsere Waschräume in dem unbeheizten Flachgebäude 50 Meter von unseren Häusern entfernt waren, ahnte ich zum ersten Mal, dass ein Ferienlager „urst einfetzen“ konnte, wie wir gerade sagten. Nach dem Frühstück bestand der komplette Tag aus Rodeln, Gleiter fahren, Schneeballschlachten und Iglu bauen. In dem klaren Flüsschen hinter den Hütten errichteten wir Staudämme, damit wir die vorbeischwimmenden Forellen besser fangen konnten. Wir spielten chinesisch Tischtennis, bis uns schwindelig wurde und fast nach jedem Abendbrot gab es eine Lagerdisko oder eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe.
Es machte richtigen Spaß und mittlerweile konnte ich sogar schon lesen. Obwohl auf den Karten und in den Briefen von zu Hause, die ausschließlich Mutter schrieb, nur belangloses Zeug stand, war diese Post immens wichtig, da die Kinder, welche keine bekamen, sofort gehänselt wurden. Auch Oma Halle schickte bald in jedes Kinderferienlager einen Brief. Sie schrieb eigentlich immer: „Hallo, mein Markilein. Ich hoffe, es geht Dir gut. Anbei findest Du ein kleines Scheinchen. Liebe Grüße, Deine Oma Halle.“ Bereits im zweiten Ferienlager kaufte ich mir von dem Geld im Konsumladen des Ortes eine herzhafte Thüringer Leberwurst, da es hier nur Mortadella und eine Sorte Schmelzkäse zum Abendbrot gab.

Die Briefe meiner Mutter waren länger, oft bargeldlos und mit Schreibmaschine getippt. Sie teilte ihrem jetzt achtjährigen Sohn Geschichten aus ihrem harten Arbeitsleben mit und was Vater (der Arsch) schon wieder alles verbrochen hatte in meiner kurzen Abwesenheit. Benny war natürlich meistens erkältet und vermisste angeblich seinen großen Bruder sehr.
In den späteren Sommerferienlagern beschrieb sie jedes Jahr auf einer kompletten DIN-A4–Seite die Neuigkeiten aus dem Garten in Karow. Ab der 3. Klasse war ich schon regelrecht glücklich, im Ferienlager zu sein, da zu Hause immer alles beim Alten war: Benny krank, Vater im „Scheppert-Eck“, und Mutter rackerte sich zu Hause und im Garten allein ab. Das Bild, das sie zeichnete, stellte die Realität wahrscheinlich sogar relativ genau dar. Ich war dann froh, weit weg und frei zu sein.

Von meinen ersten Antwortkarten waren meine Eltern sicherlich gerührt. Darauf stand mit etlichen Rechtschreibfehlern vor allem, dass die Küchenfrauen nett wären, ich schon viele Freunde gefunden hatte und wir jeden Tag Schlitten fuhren. Sie sollten bitte auch Benny und die Hamster Max und Moritz grüßen.
Ab der 4. Klasse hatte ich von anderen Kindern gelernt, dass auch ein letzter, entscheidender Satz auf die erste Karte musste: „Bitte sendet mir Geld. Hier ist alles sauteuer.“ Obwohl mir Vater und Mutter jeweils vor der Reise etwas heimlich zugesteckt hatten, was ich dem jeweils Anderen nicht erzählen sollte und es in der DDR einheitliche Verkaufspreise gab, bekam ich seitdem nicht nur von Oma ein Scheinchen gesandt. Ich trank und rauchte noch nicht und so viele Leberwürste hätte ich gar nicht kaufen können. Es blieb also immer reichlich übrig für die heimische Sparbüchse.

Benny, der drei Jahre nach mir das erste Mal in ein Ferienlager geschickt wurde, schrieb den „Geldsatz“ gleich bei seiner zweiten Fahrt, und meine Eltern glaubten natürlich, dass er dies von seinem großen Bruder abgeschaut hatte. Obwohl auch er bald seine Zehner bekam, war er meistens nach drei oder vier Tagen wirklich pleite. Keine Ahnung, wie er das angestellt hatte – wahrscheinlich zu oft beim Mau-Mau-Spielen verloren, zu wenige cc-Mücken bei seinen Autokarten, oder zu viele Halloren-Kugeln genascht – aber natürlich half ich ihm dann mit etwas Geld aus der Patsche. Benny hatte es also entschieden einfacher hier in Rodishain, wo wir jetzt jedes Jahr gemeinsam hinfuhren. Als ihm ein gewisser Angelo einmal „Feuerohren“ verpasste – er hatte so lange an Bennys Ohren gerieben, dass diese schon weinrot leuchteten – drehte ich mit beiden Händen an seinem Arm in entgegengesetzte Richtungen, bis dieser wie Brennnesseln oder hunderte kleiner Stecknadeln piekte. Mit Hilfe zweier Freunde warf ich ihn in den benachbarten, eiskalten Bach zu den Forellen. Es gab nie wieder Probleme mit Angelo. Er wurde später sogar unser Freund.

Relativ schnell wollte ich unbedingt in beide Ferienlager fahren, im Sommer und im Winter und immer nach Rodishain. Da es vielen anderen Kindern ähnlich ging, traf ich alle meine alten Freunde wieder und wusste dann schon bei der Anreise im Bus, welchen Platz ich im Tischtennisturnier ungefähr belegen würde.


Meine Mutter schrieb vor meiner Abreise auf ihrer Schreibmaschine – natürlich während ihrer Arbeitszeit – eine ganz genaue Inventarliste mit den Utensilien, die ich in meinem Koffer mitbekam. Natürlich packte sie auch dieses riesige braune Ungeheuer. Ich hatte immer mehr als genug dabei, und jedes einzelne Kleidungsstück, aber auch die Sachen aus dem Kulturbeutel und der Essbestecktasche standen auf ihrer Liste, die in der Innenseite meines Koffers klebte.

Ohne Absatz stand dann dort zum Beispiel: „8 Paar Socken, 3 Hosen, 6 Hemden, 8 Schlüpfer, 2 Handtücher, 3 Paar Schuhe, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gabel, 1 Messer, 1 großer Löffel, 1 kleiner Löffel …“ Und so weiter – eine komplette DIN-A4-Seite voll. Dummerweise standen solch wichtige Sachen wie 1 Tischtenniskelle, 2 Dreisterne-Bälle und 6 Kassetten nicht auf ihrem Zettel. Ich wurde streng ermahnt, dass ich beim Packen vor der Rückfahrt die Liste ganz genau abhaken sollte, um zu sehen, dass auch jedes Teil wieder dabei war.
Spätestens ab der 5. Klasse kreuzte ich die komische Liste vor unserer Heimreise ohne zu kontrollieren einfach ab, stopfte einen riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten in den Koffer und setzte mich und einen Kumpel auf das Ding, damit wir ihn zubekamen.

Zu Hause gab es natürlich immer das große Stöhnen, was ich denn mit meinen Sachen gemacht und in welchem Kuhmist ich mich gesuhlt hätte. Vom Geld meiner Oma oder von ihrem eigenen hatte ich jedoch für meine Mutter ein paar leckere Halloren-Kugeln im Dorfkonsum gekauft, die ich ihr schuldig dreinschauend überreichte. Sie lächelte glücklich und stopfte meine Dreckswäsche, auch wenn 2 Socken, 1 Hemd und 1 Geschirrhandtuch fehlten, wortlos in unsere Waschmaschine.

Mein persönliches, wenn auch schmerzhaftes Highlight des Winterferienlagers der 6. Klasse gab es erst am vorletzten Tag. Wie immer lagen unsere Häuser in Rodishain tief verschneit im Wald und wir genossen unser romantisches Wintermärchen. Als wir mit unserer Gruppe an diesem Vormittag mit einem glitschigen Baumstamm das zugefrorene Flüsschen überqueren wollten, rutschte ich ab und knickte mir den Arm zunächst auf der harten Eisoberfläche und dann auf dem Grund des Flusses mit einem fiesen Krachen um.
Mein rechtes Handgelenk hing wie abgehakt schlaff vom Arm herab. Die Schmerzen waren höllisch, das konnten die anderen sehen, aber ich heulte und schrie nicht und obwohl ich mir nur den Arm gebrochen hatte, trugen mich die beiden stärksten Kinder Dirk und Volkmar zurück zu unseren Hütten. Am Abend war ich der große Held und Gesprächsstoff des ganzen Lagers. Voller Stolz zeigte ich meinen Gips aus dem Krankenhaus in Nordhausen. Alle, sogar die Helfer, hatten bei der Abreise mit Kugelschreiber darauf unterschrieben, sodass jeder in meiner Schule sehen konnte, wie viele Freunde ich hatte. Es war wirklich traumhaft, denn Sabine musste, bis der Gips nach sechs Wochen abkam, für mich im Unterricht mitschreiben.

Das Sommerferienlager der 7. Klasse sollte mich ein letztes Mal nach Rodishain führen. Mit 13 war ich von heute auf morgen plötzlich ein Jugendlicher geworden, der nicht mehr so sehr auf Staudämme für Forellen, sondern auf die ersten Wölbungen unter den Blusen der Mädchen achtete. Das vormals uninteressante andere Geschlecht war in der ältesten Gruppe das wichtigste Thema. Viele rauchten bereits und soffen heimlich Sachen aus dem Dorfkonsum. Ich tat dies nicht, gehörte deshalb aber auch nicht mehr dazu und bekam vom Obermacker, einem gewissen Jesse, sogar einmal richtig eine auf die Fresse für eine blöde Bemerkung. Dabei hatte ich lediglich gesagt, dass er mit Zigarette im Mund aussehe wie Patrick Swayze und der war ja eigentlich ein Frauenschwarm.
Ich ahnte, dass ich bald komplett raus wäre, wenn ich mich dem heimlichen Cabinet-Rauchen, dem Genuss alkoholischer Getränke, von denen man anschließend die Waschräume voll kotzte, und dem „Mädchen fingern“ entziehen würde. Doch noch riss ich mich zusammen und so wurde es in anderer Hinsicht das erfolgreichste Kinderferienlager „Willi Bredel“ meines Lebens: Ich belegte den 1. Platz in der Kombinationsstaffel der Lagermeisterschaften, ging als Sieger beim Wurfspiel hervor, belegte den 2. Platz beim Tischtennisturnier, wurde Sieger beim Skatturnier und belegte den 1. Platz beim Liegestütz-Wettbewerb der Altersklasse 10-13. Beim letzteren, hieß es auf einmal, hätte ich angeblich beschissen und bekam die Zweite in jenem Jahr aufs Maul, vom großen Boss persönlich – dem Zweitplatzierten Jesse. Aber noch hatte ich, trotz blutiger Lippen, keine einzige Zigarette geraucht, keinen Alkohol getrunken und fünf große Urkunden mehr im braunen Koffer. Auf der letzten Lagerdisko bekam ich meinen ersten richtigen Kuss von einer gewissen Dörte.

Ab der 8. Klasse wäre ich lieber nach Spanien, Italien oder Irland ins Ferienlager gefahren, aber daraus wurde leider nichts.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Lesung am 16.01.2020 im Panenka in Berlin

25. November 2019 | von | Kategorie: Aktuelles, Termine

Wo: Panenka, Weichselstr. 27 in 10247 Berlin

Wer: Mikis Wesensbitter und Mark Scheppert, Special Guest: Iron Henning

Wann: 16.01.2020, ab 20.00 Uhr,

Wieviel: Eintritt frei – Mütze

Warum: Weil’s fetzt!


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Lesung am 22.11.2019 im Berliner Nordkiez: “Advent, Advent, mein Glühwein brennt!”

14. November 2019 | von | Kategorie: Termine

Natürlich gibts es auch in diesem Jahr die traditionelle Vorweihnachtslesung von Herrn Mikis Wesensbitter.

Diesmal mit Gästen! Gemeinsam mit Mark Scheppert & Susa Peter wird es heiter, besinnlich, zünftig, zotig, traurig und einzigartig!
Geschichten über Aliens in Ostberlin, Liebeskummer im Heizungskeller, Sex beim FDJ-Nachmittag… und noch viel mehr, gibts bei freiem Eintritt und mit großer Getränkekarte.

Und wenn alle Kinder artig sind, gibts auch eine Tombola!
Wer da nicht hinkommt, ist selbst Schuld!

Ort: Brutz & Brakel, Proskauer Str. 13, 10247 Berlin

Wann: 22. November 2019 ab 20 Uhr

Wer: Mikis Wesensbitter, Susa Peter, Mark Scheppert

Eintritt: frei (Mützenprinzip)

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Touristenfalle – der Tag nach dem Mauerfall 1989

9. November 2019 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

Am 10. Nov. 1989 sitzen wir um 10 Uhr in einer vollbesetzten S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Es ist ein Zug der Verlierer, ein Zug all jener Menschen, die gestern verpennt und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen vom Mauerfall haben anhören müssen. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit Schnurbart liest die BZ eines bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Die Titelschlagzeile lautet:

Die Mauer ist weg!

JEDER darf ab sofort durch!

Deutschland weint vor Freunde.

Die ersten sind schon da!

Wir reichen uns die Hände!

Otto reicht mir die Hand und sagt: „Jetzt muss ich auch gleich heulen, hab meine Kippen zu Hause vergessen.“ „Scheiße ich habe auch nun noch zwei“, antworte ich.

Am Grenzübergang Invalidenstraße quetschen wir uns rauchend durch kreischende Massen in Marmor-Jeans, rufen ihnen: „Scheiß Ostler“, hinterher und ärgern uns noch immer, dass wir heute mit dem nervigen Mob rüber müssen. Ausgerechnet diesen historischen Augenblick haben wir verschlafen, weil wir uns bis tief in die Nacht den Blindmachern ostdeutscher Spirituosen-Fabrikanten hingegeben hatten.

Als wir den letzten Schlagbaum passieren, geschieht dann aber doch etwas mit mir. Mein Herz beginnt zu hämmern und irgendwann scheint mein Hirn zu realisieren, dass ich mein – mir vertrautes – Heimatland sogleich für immer verlassen werde. Schon bei unserer Rückkehr wird es ein anderes sein.

Ich umarme Otto lange und eine Träne kullert mir die Wange herab, welche ich rasch mit dem Ärmel fortwische. Auch meinem besten Freund ist anscheinend gerade was ins Auge geflogen. Er sagt: „Was ist denn das für ein starker Westwind?“ „Ja, und voll der Smog hier!“, pariere ich. Wir lachen und klatschen mit erhobenen Händen ab.

Nach zwanzig Metern kommt ein etwa dreißig jähriger Typ mit Kamera auf uns zu: „Das war ja echt herzergreifend, euch gerade zu beobachten.“ Er drückt jedem von uns einen 10-D-Mark Schein in die Hand und ruft lächelnd: „Viel Glück!“

An der nächsten Ecke ist ein Zigarettenladen. Wir kaufen uns beide eine erste, echte Camel-Packung und dazu passend ein Camel-Feuerzeug.

„Wenigstens werden wir uns immer daran erinnern, dass wir uns gleich was Sinnvolles gekauft haben“, meint Otto, während er mir Feuer gibt. Ich ziehe und nicke dann beflissen.

Um 11.30 Uhr stehen wir auf dem Bahnsteig des vollkommen überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warten nun schon seit einer halben Stunde auf die S-Bahn in Richtung Charlottenburg. Otmar ruft genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimme ihm auch hierbei grinsend zu.

In einem Abteil, in dem man aufgrund der Massen nicht umfallen kann, fahren wir an den einzigen Ort, den wir zu kennen scheinen: Zoologischer Garten. Den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche, den Kurfürstendamm, das Europacenter, den Zoopalast und das KDW müssen wir in der Abendschau im Dritten Programm unterbewusst schon so oft gesehen haben, dass es gar keine andere touristische Alternative gibt. Fast alle anderen Passagiere drücken sich auch aus dem Wagen.

Auf dem Vorplatz begegnen wir einer Sachsen-Horde. „Wie sind die denn so schnell hergekommen?“, fragt Otto. „Mit dem Trabi, nehme ich an“, antworte ich und bin schon jetzt genervt von dem riesigen Menschenauflauf. Besonders vor zwei Banken bilden sich gigantische Schlangen. Die Polizei, eine Feuerwehr-Staffel und diverse Rettungssanitäter sind ebenfalls vor Ort.

„Was gibt’s denn hier?“, fragt Otto einen Kerl. „Na hunnderd Morg grischt heude jeda geschängt!“, antwortet der im tiefsten sächsisch. Wenig später erfahren wir von einem Übersetzer, dass Westberlins Bürgermeister Momper bereits in der Nacht alle Sparkassen und Banken angewiesen hat, dass die Auszahlung von 100 D-Mark Begrüßungsgeld an jeden Ostdeutschen durch Vorlage des DDR-Personalausweises erfolgen soll. Das Geld gab es wohl schon immer, aber da kamen eben nur ein paar Rentner und Privilegierte in den Genuss. Nun sind es Hunderttausende.

Von LKWs werden Zeitungen, Schokoladentafeln, Kaugummis, Seife und Tonnen von grüner Bananen in die sich davor fast prügelnde Meute geworfen und von all den „Freiheitsidioten“ in mitgebrachte Hamster-Dederon-Beutel gestopft.

„Was für eine Touristenfalle“, grummele ich. „Ist wohl eher ’ne Ossifalle! Von der Montagsdemo direkt ins Kaufhaus des Westens“, entgegnet Otto, der sich genauso zu schämen scheint.

Allerdings betrachten auch viele andere Passanten die Szenen mit Abscheu. Wir ahnen, dass der bekannte – uns alle vereinende – Schlachtruf vor dem Mauerfall: „Wir sind das Volk“, seit Stunden keine Bedeutung mehr hat.

Von diesen, dem Konsumrausch unmittelbar verfallenen Menschen möchten wir uns mit aller Kraft distanzieren. Etliche ältere DDR-Bürger benehmen sich, als wären sie hungernde Kinder eines Dritte-Welt-Landes nach einem verheerenden Bürgerkrieg. „Komm lass uns abhauen“, rufe ich.

Die Buchhandlung im Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Otto lässt sich auf einem Stadtplan zeigen, wo das „Sound and Drumland“ zu finden ist. Dann verlassen wir den Ort der Schande. Erst um 16 Uhr müssen wir wieder am Wasserklops sein, da wir uns dort mit den anderen Jungs aus der Schule verabredet haben.

Während ich einige Zeit später ganz verloren in dem Laden für Musiker herumstehe, starrt mein Schlagzeuger-Freund mit offenem Mund und leuchtenden Augen eine Stunde lang all die Instrumente an, welche er hier für Westgeld kaufen könnte.

Nach langer Diskussion überzeuge ich ihn, nun auch mal unsere Begrüßungs-Taler abzuholen. Er findet dies hochgradig peinlich. „Aber wir müssen doch auch noch Bier kaufen“, sage ich mit betont ernster Stimme.

In einer fast leeren Deutschen-Bank-Filiale an der Bismarckstraße lassen wir uns die blauen Ausweise abstempeln und sind nach 5 Minuten 100 D-Mark reicher.

„Okay Scheppi, dann gehen wir jetzt aber auch Alk besorgen, bevor wir die anderen treffen“, meint Otto, den mein letztes Argument wohl doch überzeugt hatte.

Gleich ums Eck liegt eine Kaisers-Kaufhalle, deren Warenangebot mich erstmal umhaut und total überfordert, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Sehr lange bestaune ich das riesige Regal mit den Sektflaschen, in dem nicht – wie bei uns – eine Sorte, sondern 20 verschiedene stehen. „Was ist denn das für eine Verarsche“, schreie ich Otto zu, da ich erst spät realisiere, dass die billigsten Pullen ganz unten in der Auslage versteckt sind. „Sag ich doch, voll die Ossi-Verarsche“, ruft mein Freund, der bereits zwei Flaschen der Marke Faber zu 1.99 DM herausgefingert hat. Wir sind vom Preis begeistert und kaufen letztendlich vier Pullen. Die bunte, kapitalistische Warenwelt lässt uns vergessen, dass wir eigentlich ausgemachte Biertrinker sind.

Zurück am Bahnhof Zoo entdecke ich in dem Auflauf von nunmehr sicherlich 100.000 Menschen mein Bruderherz Benny in der Ferne. Er hört mein Brüllen nicht, da er neue schwarze Kopfhörer auf den Ohren trägt. Ich ahne, dass er keine 5 Minuten gebraucht hat, um am Kudamm sein komplettes Begrüßungsgeld in einen Walkman von Sony zu transferieren.

Mittlerweile hört man überall Einheimische schimpfen, dass die Bahnen, Banken und Geschäfte alle von den Scheiß-Ostlern verstopft werden. Die Stimmung kippt nach nicht einmal einem Tag. Nur die Sachsen singen: „Blühe, deutsches Vaterland“.

Der Mauergewinner

Als wir am weltberühmten Wasserklops – in der Realität ist es lediglich ein hässliches Wasserspiel aus roten Granitblöcken – einen freien Platz suchen, hören wir plötzlich unsere Namen rufen. Matze und Koschi haben sich an der Treppe, welche den Brunnen umgibt, niedergelassen. Vor ihnen stehen mindestens 20 Dosenbier in einem Pappkarton. Koschi kreischt: „Pornos, Nutten, Dosenbier – Helmut Kohl wir danken dir!“. Ich muss zum ersten Mal am heutigen Tag lauthals lachen.

Dann umarme ich die beiden, denn es ist ein verdammt bizarres, unwirkliches Gefühl, jemanden, den man kennt, im „Westen“ zu treffen.

Hinter mir ruft Otto: „Jetzt lasst mal die Schmusereien“, und drückt mir eine der Sektpullen in die Hand. Wir lassen die Korken knallen und spritzen uns dann gegenseitig voll, bevor wir den Flaschenhals zum Mund führen – und die Flüssigkeit sofort wieder ausspucken. „Pfui, was ist das denn für ein Zeug?“ Der Sekt ist warm und unglaublich süß, als bestünde er nur aus stark gezuckertem Sprudelwasser.

„Voll die Touri-Falle, oder? Nehmt euch mal lieber ein lecker Karlsquell“, sagt Matze und wirft mir eine Dose zu, die ich mit einer Hand fange. „Das heißt seit heute Ossi-Falle“, korrigiert ihn Otto und Koschi ergänzt: „Ist mir in der Peep-Show auch schon aufgefallen. Lasst uns mal lieber nach Kreuzberg fahren. Da soll im Kino auch ‚Blaue Strapse‘ laufen. Und außerdem ist es dort, wie man hört, nicht ganz so touristisch.“

‚Richtig‘, denke ich ‚in der Gegend um den Kudamm sollte Tag 1 nach dem Mauerfall wirklich nicht enden.‘

Mehr Mauergeschichten von mir: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Jubiläums-Lesung am 14.11.2019 im Tasso

9. November 2019 | von | Kategorie: Termine

Unsere Lesung am 14.11.2019:
Große Jubiläums-Show der Lesebühne “Die Unerhörten”
Ort: Café Tasso
Frankfurter Allee 11
10247 Berlin
Ab 20 Uhr, Eintritt frei!

Autoren! Menschen! Sensationen! 10 Jahre Lesebühne “Die Unerhörten”. Das muss gefeiert werden und deshalb tun wir das auch.
Mit vielen Überraschungen und natürlich auch vielen Gästen:

Wir freuen uns auf Doris Lautenbach, Helene Mierscheid, Max van der Oos und Mikis Wesenbitter!
Und auf Dich!

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