Archive for August 2018

Mein neues Buch “Leninplatz”

23. August 2018 | von | Kategorie: Aktuelles

Mein neues Buch “Leninplatz” ist soeben (Juli 2018) erschienen.

Hier der Klappentext:
Benny, Mark und ihre Freunde wohnen rund um den Leninplatz in Ostberlin. Obwohl ihr Alltag Ende der 80iger Jahre in der DDR eigentlich trist und vorbestimmt ist, erleben sie in der Schule und den Stunden danach die aufregendsten Dinge. Sie feiern gemeinsam das Leben, die Mädchen und vor allem sich selbst, auch wenn ihre Freundschaft manchmal auf harte Proben gestellt wird.

„Was war eigentlich los am Leninplatz, bevor der Osten der neue Westen wurde, vor dem Mauerfall und „Goodbye Lenin“? Mark Scheppert erzählt auf unvergleichliche Art vom Aufwachsen im Ostteil Berlins, von Freund- und Feindschaften, erster Liebe und einer kleinen Gang Jugendlicher, die nach der Schule am Sockel des Lenindenkmals herumlungert und Pläne schmiedet – mal fürs Leben, mal nur für den sozialistischen Nachmittag. Seine Geschichten sind ebenso komisch wie anrührend, authentisch erzählt und ein unverzichtbarer Teil Alltagsgeschichte aus der untergegangenen DDR.“ Hannes Klug, Journalist und Autor

„Scheppert entkleidet alles und jeden: Ina aus der A-Klasse, die Frau des Musiklehrers, die DDR und nicht zuletzt: seine Seele. Fetzt voll ein, dit Buch.“ Sebastian T. Vogel, Lesebühnenautor
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Natürlich würde ich mich sehr darüber freuen, wenn es Euch gefällt. Rückmeldungen/Rezensionen von Menschen, die noch gerne lesen, sind ausdrücklich erwünscht.
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Hier könnt Ihr u.a. “Leninplatz” von Mark Scheppert für 9,90 € käuflich erwerben:
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– bei Amazon.de
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– bei Thalia.de
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– bei BoD.de
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Viel Freude beim Lesen wünscht
Mark Scheppert

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Kuhle Rezi zu “Leninplatz” bei LITERATWO

23. August 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz

Auf der Seite von LITERATWO – Binea & Du ist heute eine schöne (wenn nicht gar kuhle) Rezension zum “Leninplatz” erschienen.

Besonders diese Zeilen haben mir gefallen:
“Das Gefühl nach Hause zu kommen, erzeugten die ersten Seiten bei mir … Seine herzerfrischende Art zu schreiben, holte mich schnell in seine frühe Jugendzeit zurück.

Seine Kurzgeschichten drehen sich nun um die Schulzeit und die Erlebnisse mit seinen Klassenkameraden. Ob der erste Kuss, die erste Liebe, der Zirkusbesuch mit Mutter und Bruder, die Gruppenratswahl, Westbier und die erste Zigarette, alle kurzen Episoden sind lustig und regen natürlich dazu an, an die eigene Jugend zu denken.

Ich musste oft lachen und habe deshalb einige Auszüge laut vorgelesen. Diese sorgten für anregende Diskussionen unter den Männern mit 78-er Baujahr …”

Hier geht zur vollständigen Rezension von “Leninplatz” auf LITERATWO
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Und hier könnt Ihr den “Leninplatz” u.a. käuflich erwerben.
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Viel Freude beim Lesen (oder rezensieren) wünscht
Mark Scheppert

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Ungarische Würste – aus dem Buch “Leninplatz”

8. August 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

Hungarn wirAm 1. August 1986 gehen wir anlässlich meines 15. Geburtstags zum Essen in den Palast der Republik. Während sich Benny nach stundenlangem Studium der Karte wie üblich fürs „Steak-au-four“ mit Pommes Frites entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Mein Alter ruft: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“ Was für eine Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur anstarren, sondern auch kaufen. Levi‘s-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravos, Sticker und Glitzersteine – einfach alles, was das Herz begehrt.
„Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, erst in drei Ländern gewesen zu sein: DDR, ČSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter auf der Schneekoppe über die Grenze geflitzt waren. „Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest.“ Der Satz trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel mit Szegediner Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz! „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. Mein Bruderherz ruft: „Krieg ich noch einen Pittiplatsch-Eisbecher? Köszönom!“ Alle lachen.

Ich bin euphorisch, auch weil Vater über seine Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt hat, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 440 Mark pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld mal sinnvoll verbraten. Obwohl auch Mutter durch diese Papiere der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch unsere Mutter ist ja eher rundlich. Als sich dann noch wir beiden Jungs hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicherlich doppelt so viel wie bei Auslieferung in der Rummelsburger Straße.
Mein Vater erzählt auf dem Weg in Richtung Adlergestell mal wieder die Geschichte der Anmeldung im Jahre 1972: „Ihren Trabi können sie am 10. Juli 1984 abholen“ und er: „Vormittags oder nachmittags?“ „Warum wollen sie das denn wissen?“ „Na am Vormittag wird doch schon unser Waschmaschine geliefert!“ Niemand lacht.

An der Grenze zur ČSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Ständen, an denen Hotdogs, die bei uns Ketwürste heißen, in champagnerbeigen Senf gebettet werden.
Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich nicht daheim ist. Wie peinlich: Eine Stunde lang sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Speckstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir ihn besuchen, und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.

Vater
Am nächsten Tag geht es mit verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei sengender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt Vater aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Alter lehnt mit den Händen in den Hüften an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden.
Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass Ede und Michel aus Sachsen jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Ofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt. Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu Land Nummer 4 ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich plötzlich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir ein Leben lang bewahren möchte. Eine Sehnsucht geht in Erfüllung.

Endlich angekommen, meint sich Mutter nach 20 Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, wobei sie Vater danach von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der wirkt stark unterhopft. Während sich die Alten vorne anschreien, als ob unser Rücksitz weit von ihnen entfernt wäre, pieke ich Benny in den Bauch: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda.“ Wir machen uns darüber lustig, dass die Eltern nicht mal wissen, in welchen Stadtteil wir müssen. Irgendwann hat der Alte die Schnauze voll, hält mitten auf einer Kreuzung und fragt einen Polizisten. Auf dem Rückweg fährt ihm fast ein Skoda über die Füße und er hämmert mit voller Wucht mit der Faust auf das Wagendach. Mir wird mal wieder klar, warum ich noch immer solch einen Respekt vor ihm habe. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist danach – trotz 34 Grad im Schatten – frostig.

Icke Bad Boy
Die Gastwirte haben für uns das Schlafzimmer geräumt, um nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch zu campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbenfrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vati mit dem Opa noch zwei Pálinka-Schnäpse, während mir die ältere Dame mit der Hand durch die Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15-jährige Jugendliche können das besonders gut leiden.
Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 gestorben sei und ich ihm wohl ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund, mich so zu betätscheln. Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt, auch wenn er kein so schönes Kind ist – was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir eine Backpfeife: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher.“ Der juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mir verschwörerisch zu.

Wir wohnen nicht weit von der Donau entfernt. Doch für den riesigen Fluss habe ich keinen Sinn, weil mich ausschließlich die quietschbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben dem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein schäumendes Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer berühmten Kettenbrücke, wobei Mutti in den nächsten Tagen alles als „weltberühmt“ betitelt, entdecken wir einen Imbissstand. Vater spendiert zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar “, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir, trotz des Russischunterrichts, nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen schön!
Außerdem kostet die Cola nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschleift werden. Vaters Gastgeschenk (Nordhäuser Doppelkorn) ist nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Dann machen wir noch einen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häusern, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich die Moderatoren mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!

Ungarn3
Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, gibt es zum Frühstück nur löchrige Marmeladen-Graubrote, und danach will Mutter auf Sehenswürdigkeitstour gehen. Doch wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis zum Mittag frei. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die anschmiegsame Gastwirtin versichert mir, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.
Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat begrenzt ist, muss ich in den Shops die DDR-Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck sogar ein ganz gutes Alibi. Eine Levi‘s, ein Nike-Pullover, Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“ und „Kim Wilde“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, noch ein „Honda-Nicki“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchen! In einem Plattenladen hole ich mir die „Black Celebration“ von Depeche Mode. Obwohl ich alle Songs davon auf Kassette habe, kann ich zu Hause damit extrem angeben.

Ungarn2
Vati nippt genüsslich am Bier und Mutti schlägt sich die Hände vor den Mund, als sie uns kommen sieht. „Graf Koks hat ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie mir zu, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten stehen. Ich habe Spendierhosen an, gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Würschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. „Nee, Genosse, 80!“ Ich lass mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte eine ja lediglich 20 gekostet. Doch er beharrt darauf, bis ich Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein.
„Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die Worte unserer Stabi-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppeln die hier gleich mal die Preise?“, schimpfe ich. Doch Vater antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen!“ Er trinkt sein überteuertes Bier auf ex aus, rülpst und ruft: „Nastarowje!“ Da kann auch ich wieder lachen.

Im Zimmer breiten wir stolz unsere Einkäufe aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Abends laden uns die Eltern in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Am Einlass werden wir gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Wie unkuhl.

Ungarn
Tags darauf scheinen wir wirklich Betteltouristen zu sein, die trotz toller Metro alles ablaufen müssen und das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg, wegen der „Aussicht“, bis wir das „berühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Route zu überlassen war keine gute Idee. Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an. Darauf haben wir echt keine Böcke. Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die im Fluss befindliche Margareteninsel erreichen. Wir lechzen nach einem Eis und wollen vor allem endlich baden.
Auch das Palatinus-Bad kennt Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor 20 Jahren dort gewesen war. Unaufhörlich schwärmt sie von riesigen Schwimmbecken, großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden von Menschen. Hier sind es eher Mütter mit kreischenden Gören. „Alle Männer sind ja beim Formel-1-Rennen“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich nullstens für Autos interessiert.

Das Bad ist nichts im Vergleich zum modernen SEZ in Friedrichshain. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind extrem popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!

„Benny, gleich kommt die nächste.“ „Mark, ist das nicht schau?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest.
Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie wegzustoßen, und treffe versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt sie auch noch zu weinen. Das wird Vater, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist, überhaupt nicht gefallen. Mehrmals entschuldige ich mich und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Plötzlich beginnt meine Mutter mit tränennassen Augen zu erzählen, dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hatte. In diesem Wellenbad küssten sie sich das erste Mal. Ich staune mit offenem Mund darüber, wie wenig Söhne eigentlich über ihre Mütter wissen. Allerdings überlege ich auch, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Rein klamottentechnisch!
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham in die Arme und flüstere ganz leise: „Ich hab dich lieb.“
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Mit Ferkel und Babyspeck am Hellsee

6. August 2018 | von | Kategorie: Blog


Am 2. August sind mal wieder meine Nichte und mein Neffe zu Gast, um mit Sylvie und mir auf die alljährlichen Wochenendtour zu gehen.
Während ich am 01.08. – meinem Geburtstag – nur zwei Biere getrunken habe, schaffe ich am Tag danach gerade mal ein einziges. Mit einer schweren Mandelentzündung (mitten im Hochsommer) kann ich weder schlucken noch sprechen. Somit fällt auch das alljährliche Ritual: Spaghetti Bolonaise ohne Besteck zu essen, ins Wasser und auch auf unseren Kultfilm „The big Lebowski“ habe ich in diesem Jahr wenig Lust und verschwinde vollgepumpt mit Heilmitteln zeitig ins Bett.
Meine Mutter (Zitat: „Bei dir gibt’s wohl gar nichts zu essen“ oder „Hätten wir mal wenigstens Kuchen beim dem Bäcker gekauft, wo es nicht schmeckt“) wird dennoch satt, da Benny auf meinem Balkon das Grillen übernimmt und drei verschiedene Kartoffelsalate zur Auswahl stehen. Wie auch immer: für mich ist es ein schweigsamer Urlaubstag mit Aua!
Am nächsten Tag muss ich sogar zum Arzt, um mir Antibiotika und Schmerzmittel zu holen. Die Tour will ich auf keinen Fall aufgeben, denn es geht zu diversen Kindheitserinnerungen (meinerseits) und das sollen die Kids wegen mir keineswegs versäumen.
Biesenthal, etwa 50 Kilometer nördlich von Berlin, ist der Ort, in den wir, mangels Alternativen, oder weil unsere Eltern keine Lust auf größere Strecken hatten, sehr oft in den FDGB-Urlaub gefahren sind. Einerseits habe ich ihn positiv in Erinnerung (Baden, Angeln, Pilze sammeln, Fußball- und Volleyballspielen) andererseits war es dort, besonders ab 15 immer kotzlangweilig, da die Alten sich abends betranken und ich (Jungs in meinem Alter oder gar süße Mädels waren hier nie am Start) schmollend am See lag und meine Kassetten rauf und runter hörte.
Meine Nichte und der Neffe wissen nicht viel davon – auch nicht, dass Sylvie und ich mittlerweile selbst in das Alter kommen, wo wir im Hochsommer für einen Kurztrip keine langen, staureichen Strecken mehr fahren wollen. Also Biesenthal reloaded.

Am Eingang zum Strandbad Wukensee spreche ich an diesem Tag meine ersten Worte: „Zwei Erwachsene und zwei Kinder.“ „Wie alt sind die Kinder?“ „Beide 14!“ Die Kids amüsieren sich köstlich, da sie älter, saugroß und vor allem keine Zwillinge sind. Im Bad selbst finden wir sogar noch eine ruhige, schattige Ecke, wo ich chillen kann, während die Kids, Bennys im Kinderalter aufgestellten Rekord: „150 mal hintereinander vom Dreimeter-Brett springen“ nicht versuchen zu toppen, sondern lediglich zusammen mit Sylvie im Wasser toben.
Laura spendiert dem kranken Onkel sogar noch ein großes Softeis, sodass auch meine Mandeln etwas Urlaubsfeeling bekommen. Danach kaufen wir bei Edeka in Biesenthal für den ersten Abend ein. Zwei jugendlichen „Fressmaschinen“ zu sagen: „Packt einfach ein, was ihr gerne esst“, ist vielleicht nicht so der Bringer, denn am Ende stehen schmale 129,- € auf der Rechnung.
Dann fahren wir zu unserer Hütte am Hellsee. Der vollkommen naturbelassene See hat eine mythische Ausstrahlung, liegt ganz versteckt in einem Mischwald, wohin sich nur wenige Touristen verirren. Er ist ein Geheimtipp, den Sylvie und ich dann aber doch im letzten Jahr unseren Freunden verraten hatten, da wir eine Fahrradtour anlässlich Dannys Geburtstag in die dortige kleine Ferienanlage, auf dem Hügel über dem Gewässer, gemacht hatten. In jenem Jahr war der Sommer äußerst kühl gewesen und abends am Lagerfeuer war es so dermaßen gruselig (wir waren die einzigen Gäste), dass besonders Danny noch heute ein kalter Schauer über den Rücken läuft, wenn sie an die Tage am „Höllensee“ denkt.

Diesmal sind alle Bungalows und sogar das Haupthaus mit den Apartments ausgebucht, womit der Gruselfaktor (Hunde- und Wolfsgejaule, lautes Knacken im Wald, Menschen ohne Schatten, Hugo der Waldschrat, etc.) diesmal geringer ausfallen wird. Schön finde ich, dass die Hütte den Kids (die gerade aus einem 5-Sterne-Urlaub mit ihren Eltern in Thailand kommen) gefällt, der Kühlschrank (fast) groß genug für unsere Einkäufe ist und ich mich nach dem Bettenbeziehen kurz hinlegen darf, während die Kinder mit Sylvie allein durch den kompletten Hellsee schwimmen.
Das Grillen am Abend wird uns mit Vorbehalt erlaubt (die Waldbrandgefahr ist bei der Hitze und langanhaltender Trockenheit schon ziemlich groß). Zum Feuermachen werden Michel und ich eingeteilt. Nun gut: erst nachdem wir die komplette Flasche „Bio-Grillanzünder“ über die Kohlen ausgeschüttet haben, fangen diese leicht an zu brennen, bzw. zu glühen (obwohl es zunächst eine riesige Stichflamme gibt). Mein Problem ist, dass ich immer noch schlecht schlucken kann, wodurch mir selbst die feinen Rippchen mit leichter Bierspülung fast im Halse steckenbleiben. Aber alle anderen werden satt.
Am Abend beobachten wir folgendes: im Haupthaus wohnt eine Gruppe junger Frauen, die lustige Dinge (sie ahnen nicht, dass wir alles hören) über ihre BHs und Schlüpfer zum Besten geben. Michel nennt die beiden Top-Bräute „Ferkel“ und „Babyspeck“, vielleicht um davon abzulenken, dass er sie kuhl findet. „Gebt dem Baby Speck“, singen irgendwann alle im Chor. Ich kann leider nur die Lippen dazu bewegen und grinsen. Währenddessen entwickelt sich einer der Beteiligten zur „Furzmaschine“ und Silvie zum „Eichelmagneten“, da ihr ständig so ein Ding auf den Kopf oder die Schulter knallt und sie mit ihren Schreckenslauten alle wach hält. Gut, außer mich, da ich heute nur eine Runde Scrabble mitspiele (das Wort „Fetzt“ fetzte urst ein) und dann schon wieder ins Bettchen verschwinde.

Am Samstag geht es mir ein wenig besser, wobei ich Sylvie in der Nacht mit meinem Geröchel wohl ziemlich auf Trab gehalten habe. Somit esse ich mit den Kids alleine Frühstück, gehe mit Laura dann auch mal in den erfrischend kühlen Hellsee und lasse meine Freundin ausschlafen. So ist sie dann wieder eine halbwegs gut gelaunte Fahrerin, die uns zum Liepnitzsee kutschiert. Entlang des Ufers haben sich zwar ziemlich viele Leute breitgemacht, aber der türkisfarbene See inmitten des Waldes ist ja nicht nur für uns ein wahres Naturparadies. Beim Schwimmen und Baden vergessen die drei zwar die Zeit, sodass ich zwei Stunden auf der Decke liegend auf unsere Sachen aufpasse, aber ich gönne es ihnen, sich auf dem umgestürzten Baum mitten im Wasser zu sonnen und allerlei Mist zu machen, zu dem ich ja sonst auch gerne bereit bin. Danach darf ich dann auch kurz hinein und später den Strafzettel an der Windschutzscheibe grummelnd entfernen.
Fressmaschine 1 und 2 essen noch ein Eis. Danach haben sie Hunger und Durst, weshalb wir tatsächlich Nachschub im Penny holen müssen. Nach kurzem Nachmittagsschlaf fahren wir nach Lanke in den Landgasthof „Bellevue“. Die haben eine schöne, begrünte Terrasse, die Speisekarte ist okay und das Wetter zeigt sich von der besten Seite. Allerdings kann da noch niemand ahnen, dass die (wahrscheinlich polnische) Bedienung heute ihren allerersten Tag hat. Um es kurz zu machen: sie kommt äußerst selten an den Tisch, versteht kein einziges Wort und bringt dann natürlich auch die Bestellung komplett durcheinander. Vielleicht ist es für sie so, als wäre ich meinen ersten Tag Kellner in Finnland, ohne die Landessprache zu beherrschen. Michel sucht sich (like a Benny) natürlich das teuerste Gericht aus (Steak au four) und wir können ihn gerade noch davon abhalten, von Pommes auf Kroketten zu wechseln, da man hier, für so einen unverschämten Sonderwunsch schlappe 3,- € bezahlt. Wie dem auch sei: das Essen kommt schon nach einer Stunde und es schmeckt! Am Nachbartisch regt sich eine Frau, die ungefähr sechsmal gesagt hatte: „Drei Kugeln Eis ohne alles!“ darüber auf, dass sie einen Eisbecher mit Sahne, Eierlikör und Schokostreuseln bekommen hatte. Wir verzichten auf einen Nachtisch.

Zurück am Höllensee (während in dem geheimnisvollen Zimmer im Haupthaus wieder einmal der Babyspeck geschüttelt wird und Ferkel herumferkelt) gehen wir noch einmal in der Abenddämmerung an den mit warmen Licht überzogenen See. Die Kids hatten zuvor bereits mit Sylvie einen riesigen umgefallenen Baum entdeckt, dessen dicker Stamm gut 20 Meter ins Wasser hineinreicht. Ein Hochzeitspaar war hier am Tage abgelichtet worden. Laura und Michel stellen das nicht nach, aber die Fotos von den beiden auf dem Baum sehen schon ziemlich spektakulär aus. Kurze Zeit später kommt ein älterer Mann, zieht sich einfach nackig aus, ruft: „Ick bin Schwede“ und schwimmt gemütlich eine Runde neben dem Stamm. Später taucht sein Kumpel mit Gitarre auf und auch ein spazierendes Paar (von denen der Typ irgendein berühmter Musiker sein soll) gesellt sich dazu. Wir lauschen russischen und bulgarischen Volksliedern, aber auch einen Hannes-Wader-Song gibt der Alte zum Besten. Eine unwirkliche, aber durchaus berührende Stimmung entsteht am Ufer des Sees, der heute (und auch schon die Tage davor) überhaupt nichts mit einer Hölle zu tun hat.
Bei einem lustigen Spieleabend (Scrabble, Knack und Rommee), wo ich erstmals wieder richtig reden und eingreifen kann, schwören wir uns alle, dass wir eines Tages sicherlich noch einmal „Back to Hell“ fahren werden – zurück zum Hellsee. Nächstes Jahr geht es aber erst einmal wieder etwas weiter weg. Ohne Ferkel und ohne Babyspeck, dafür mit Laura und Michel. Versprochen. Indianerehrenwort!
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