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Rechtswidrig – Jugend in der DDR

19. November 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Am 21. Mai 1988 lungern wir mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Sie tragen beide ein Skateboard unter dem Arm, ein echtes – aus dem Westen – wohlgemerkt.

Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Model gebastelt, welches aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuh-Rädern besteht. Man kann damit tatsächlich eine asphaltierte Straße herunterrollen, aber weder bremsen noch lenken. Richtig Scheiße sieht das Stullenbrett zudem aus, obwohl sie es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber verschönert hatten.

Tessi erhebt sich möglichst kuhl und schlendert den Jungs entgegen. Wir trotten, um Unauffälligkeit bemüht, lässig hinterher. Er flüstert: „Habt ihr die Aufgaben?“ „Was für’n Ding?“, antwortet der Größere. „Na für die Abschlussprüfung in Mathe“, kreischt Bommel aufgeregt aus dem Hintergrund. „Soll es die heute hier geben?“, antwortet der Typ plötzlich mit deutlichem Interesse. „Ja, oder am Alex wurde uns gefunkt“, klärt Tessi sie auf. „Ist doch rechtswidrig!“, murmelt der Heavy-Typ mit ernster Miene, bis er lauthals zu lachen beginnt. „Wenn ihr sie habt, sagt Bescheid. Die koofen wir euch ab!“ Wir paffen noch eine zusammen, bevor wir uns verabschieden. Die beiden Jungs nehmen den polierten Granit-Sockel unterhalb des Lenindenkmals mit ihren Brettern in Beschlag. Wir hingegen laufen durch endlose Neubauschluchten in Richtung Alexanderplatz.

Die Sache ist nämlich so, dass mehrere von uns in Mathe zwischen 4 und 5 stehen und sich eine 5 in der Abschlussprüfung nicht leisten können; obwohl die Mündliche noch retten könnte, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Doch statt eine sozialistische Lerngruppe zu gründen, am besten mit Matheolympiaden-Sieger Dirk, grübeln wir seit Wochen, ob es vielleicht eine einfachere Lösungen gibt. Zunächst hieß es, Andis Bruder Billy würde einen kennen, der einen kennt, der in der ND-Druckerei arbeitet. Wir hatten das Gebäude am Franz-Mehring-Platz sogar ausgekundschaftet, da ein nächtlicher Einbruch durchaus im Rahmen des Denkbaren lag. Doch dann erfuhr ich, dass die Zentrag den Druckauftrag für die Abschluss-Prüfungsfragen immer ganz kurzfristig vergibt, manchmal sogar nach Leipzig oder Magdeburg.

Nach dieser Info nahmen wir eine neue Fährte auf. Jemand aus dem Vorgänger-Jahr hatte Bergi gesteckt, dass die Prüfungsaufgaben Wochen vorher an verschiedenen Orten der Republik unter der Hand verkauft werden. Wir müssten nur die Ohren spitzen. Er selbst hätte sie für 300 Mark am Lenin- einige andere am Alexanderplatz erstanden. Alle Pfeifen, sogar der Kossart, hatten so bestanden.

Leider gehört der Alex nicht gerade zu den kleinsten Plätzen unserer Stadt. Obwohl das riesige Betonareal oft als gut überschaubarer Kundgebungsort genutzt wird, gibt es dort hunderte Ecken für geheime Übergaben wichtiger Dokumente. Am sinnvollsten erscheint es uns, zunächst an der Weltzeituhr zu schnüffeln. Die runde, gut zehn Meter hohe Uhr, auf der die Namen von 148 Städten verzeichnet sind – von denen wir wahrscheinlich 144 nie im Leben zu Gesicht bekommen – gilt als Touri-Attraktion. Dort muss man sich immer mit Ferienlager-Bekanntschaften verabreden, weil die sich sonst in Berlin verlaufen. „Treffpunkt um 20 Uhr an der Weltzeituhr“, scheinen leider auch heute hunderte Dörfler vorher ausgemacht zu haben.

„Das wird hart“, murmelt Tessi. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und versuchen am Gesichtsausdruck der Bürger festzustellen, ob sie etwas zu verbergen oder heimlich zu verkloppen haben. Ein bisschen kommen wir uns dabei wie die „Jung-Stasi“ aus Ostberlin vor und die meisten, die wir diskret von der Seite anquatschen, geben uns das auch in etwa zu verstehen.
Irgendwann hat Bommel die Schnauze voll und fragt einen Typen mit Marmorjeans aus der Jugendmode gerade heraus: „Verkaufst du vielleicht die Matheaufgaben?“ „Nuklear! Dreihunnerd Morg“ (Na klar. Für 300 Mark), nuschelt er im tiefsten sächsisch. Eiligst pfeifen wir alle zusammen und verschwinden mit ihm in eine dunkle Ecke des S-Bahnhofs. Tessi zieht sechs Fünfziger aus der Tasche und nur mir ist es zu verdanken, dass er nicht den Fehler seines Lebens macht.
„Das hatten wir doch gar nicht“, murmele ich beim Überfliegen, der auf Maschine getippten Fragen. Doch Sachsen-Jens gibt mir zu verstehen, dass dies sehr wohl die Mathe-Abschlussprüfungs-Fragen 1988 sind – für die 12. Klasse! „Scheißdreck, weißt du, ob hier auch einer die für die 10te verkauft?“, zischte ich. „Nuklear, dä Wännsdor am Delesporgel oder anna Nuddenbrosche“. Man braucht für den Typen echt einen Übersetzer – er meint wohl irgendwelche Kinder am Fernsehturm, den ein Berliner niemals Telespargel nennt! Und der Brunnen der Völkerfreundschaft wird auch nur von alten, geifernden Herren als Nuttenbrosche bezeichnet.

Egal, unterhalb der pfeilförmig verlaufenden Betonfaltdächer des Eingangs-Pavillons tummeln sich etliche elitäre DDR-Skater und noch mehr angesoffene Punks. Bei den Jungs mit den bunten Frisuren fällt es uns dennoch leichter, nachzufragen. Doch niemand hat jemals von denen gehört und nicht wenige wundern sich, warum wir uns überhaupt „so ‘ne Platte“ machen.
Ein Assi mit knallgelbem Irokesenschnitt wechselt sogar die Kassette und spult bis zum Song „Hurra, hurra die Schule brennt“ vor. Schon klar: für ihn spielt ein Mathe-Abschluss der 10. Klasse eine eher untergeordnete Rolle.

Auch am Brunnen gibt es keine Verkäufer nur etliche aufgetakelte Damen in ultrakurzen Miniröcken und Weststrumpfhosen. Uns junge Ossis finden die eher unattraktiv. Noch eine Woche lungern wir dennoch stundenlang am Alex herum, bevor wir es endgültig aufgeben und eine völlig neue Strategie ausarbeiten.

Als Herr Blase am 15. Juni die Prüfungsfragen und die Bögen, auf die Tische wirft, sind wir bestens vorbereitet. Die karierten, doppelseitigen Blätter sind oben rechts, damit niemand bescheißen kann, mit dem Schulstempel versehen & das ist gut so.

Grossi hatte uns im Vorfeld exakt diese Bögen besorgt und über Dirk waren wir an den Stempel gelangt. Keine Ahnung, was Bergi ihm angedroht hat; mit Sicherheit haben sie nicht darüber diskutiert, ob dies rechtswidrig sei. Jedenfalls entwendete er ihn aus dem Lehrerzimmer und legte ihn nach einer halben Stunde unauffällig wieder zurück an seinen Platz. Die im Akkord gestempelten Blätter waren für mich schon die halbe Miete, denn so konnte ich Formeln und Rechenwege auf die fälschungs-sicheren Papiere kritzeln und diese heute einfach auf die Schulbank legen. Es ist ein Luxus-Spickzettel. Lediglich Andi und Tessi verfolgen eine andere Taktik.

Nach 15 Minuten hebt Tessi seinen schwabbeligen Arm: „Herr Blase ich muss mal aufs Klo.“ „Warum warst du denn vorher nicht? In Ordnung, zisch ab und beeil dich.“, antwortet er ungewohnt verständnisvoll. Tessi ist tatschlich nach drei Minuten zurück und sofort ruft Andi: „Ich muss auch mal schnell für kleine Mädchen.“ Mit einer müden Handbewegung schickt er ihn zur Tür.

Was er nicht weiß: Die Beiden haben soeben lediglich die Fragen abgeschrieben – Tessi die ersten sechs und Andi die letzten fünf. In der mittleren Kabine des Klos, sitzt Kosbi aus dem Jahr über uns, der auch im ersten Jahr auf der EOS, eine glatte 1,0 hingelegt hat. Ohne übertriebene Hektik verlässt er mit den Prüfungsfragen das Gebäude und beantwortet sie dann in Rekordzeit in doppelter Ausführung bei sich zu Hause, bevor er wieder in das Kabuff am Ende des Ganges zurückkehrt.

Bergi und Bommel wurden dazu auserkoren, nach 50, bzw. 55 Minuten (die Prüfung dauert 90), die fast vollständigen Antworten auf den karierten, gestempelten Blättern abzuholen, ums sie Tessi und Andi zu überreichen. Unser kleinster Freund macht sich dabei beinahe in die Hose. Wenig später ertönt seine berühmte kindliche Lache.

„Ist was Uwe?“, fragt der Lehrer. „Nee, alles gut Herr Blase. Habe gerade die Lösung gefunden!“ Alle schmunzeln und Didi ruft: „Na dann erzähl doch mal“, doch Blase ermahnt ihn, das Reden augenblicklich einzustellen.
Zwei Jungs schauen währenddessen nicht einmal auf, denn sie übertragen gehetzt Kosbis Lösungen auf ihre Blätter. Dann quäkt der Lehrer: „Stifte sofort auf den Tisch legen, wer jetzt noch schreibt, bekommt eine Fünf. Und nun einzeln nach vorn kommen und die Bögen in diese Kiste werfen.“ Er freut sich darauf, endlich in seinem Lehrerkabinett eine zu rauchen. Wir uns auch – draußen an der frischen Luft.

Die Prüfungen werden – so hören wir zumindest – von Lehrern aus anderen Schulen benotet. In einigen Tagen wird Herr Blase somit erfahren, dass die größten Luschen, Versager und Verweigerer der 10 B, die schriftlichen Mathematik-Prüfungen mit einer hervorragenden Note abgeschlossen haben.
Wird er versuchen, uns zu unterstellen, oder gar zu beweisen, dass wir beschissen haben? Wird er uns in der Mündlichen ordentlich vorführen? Ich denke nicht. Er wird die guten Zensuren im Kolloquium als Erfolg eines begabten Mathematik-Lehrers verkaufen und einsehen, dass unsere Bewertungen nunmehr rechtskräftig sind.
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Lesung am 9. November 2017 in Berlin

7. November 2017 | von | Kategorie: Blog, Termine

Am 9. November erwartet die Freundinnen und Freunde unerhörter Stories ein Abend, der mehr als kräftig wird, nämlich rechtskräftig!

Die Unerhörten haben mit und ohne juristischen Beistand Geschichten rund um das Thema “Rechtskräftig” zu Papier gebracht. Aber egal, ob rechts, links, schwach oder kräftig – ein spannender und vielfältiger Vorleseabend wird es auf jeden Fall!

Wo: Café Tasso, Frankfurter Allee 11
Wann : 20 – 22 Uhr
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten” (icke ooch)
Was: Lesung, Thema “Rechtskräftig” – Eintritt frei

Bis denne
M.S.

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