Archive for Juli 2017

Der Bockwurst-Mann vom Leppinsee un sin Fru

31. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Meine diesjährige Kids-Tour fand am letzten Juli-Wochenende 2017 statt. Wenn ich schon nicht mehr dazu komme, eigene Reiseberichte zu schreiben, möchte ich wenigstens diesen Trip, welchen wir M. anlässlich seiner Jugendweihe geschenkt hatten, kurz zusammenfassen.

Natürlich erwarteten meine Nichte und mein Neffe am Donnerstag bei mir Daheim das traditionelle Spaghetti-Bolognese-Essen ohne Besteck, wobei sie dafür langsam ein wenig zu alt werden. Ich weiß nicht, ob sie sich noch lange das T-Shirt vor mir und N. einfach so ausziehen, um danach kopfüber im Fleischsoßen-Berg zu versinken. Allerdings entdeckten sie danach 48 Elefanten auf unserem Flicken-Wandteppich aus Senegal (wo ich bisher, ohne die Einnahme von Hackfleisch-Drogen, lediglich 36 entdeckt hatte).
Noch interessanter war das neuerliche Schauen von „Big Lebwoski“, da sie den Dude, Walter, Donny und sogar die fiktive Band „Autobahn“ dieses Mal viel lustiger fanden – oder einige Witze und Anspielungen (wie ich) erst jetzt verstanden. Um es vorweg zu nehmen: viele Dinge – auch die richtig guten – waren danach an diesem Wochenende eindeutig „bekackt“, um es in der Sprache von Big Lebowski und seinem Freund Walter zu sagen.

Am nächsten Tag ging es auf der echten Autobahn in Richtung Mecklenburg-Vorpommern in die Nähe von Mirow in einen Ferienpark. Dieser ist eigentlich ganz gut für Kinder geeignet, wobei mir die dort anwesenden, oftmals leicht gestörten Quälgeister, eher auf den Keks gingen und von unseren im Schwimmbad sogleich weggeboxt oder untergetaucht wurden.

Das Sommerwetter ließ in diesem Jahr zu wünschen übrig, sodass der Regen am Nachmittag in unsere Eisbecher (einer war sogar aus Schweden) im Schlosscafé von Mirow schüttete. Beim Wechsel ins Innere waren wir plötzlich umgeben von einer extrem hässlichen Fettfisch-Familie, die alsbald die „Nemos“ getauft wurden. „Ist das tschechisch?“, fragte ich die anderen, da man deren (wohl doch deutschen) Dialekt überhaupt nicht verstehen konnte. Der Ferienpark entpuppte sich später übrigens als Paradies für wohlgenährte Menschen aus dem Südosten der Republik, die den dort angebotenen sportlichen Aktivitäten (außer Bierkasten-Schleppen) eher wenig Beachtung schenkten.

Wir hingegen besorgten uns Minigolf-Schläger, um zu einem „bekackten Ligaspiel“ gegeneinander anzutreten. Nun ist es so, dass N. und ich leider keine fürsorglichen Eltern sind, die ihre Kinder immer knapp gewinnen lassen. Somit belegten sie nur den 3. und den 4. Platz, wobei M. beim „echten Golf“ wenigstens einmal gewinnen und L. einmal Zweite wurde, da sie ihre „Mädchen-Bier“-Flasche getroffen hatte. “Schreib ihr ne Null auf!”, wurde dennoch zu geflügelten Worten.
Mein Bruder Benny und ich fanden Krocket-Spielen im Garten früher irgendwann kotzlangweilig und benutzen die Schläger und Bälle dann eher, um weit entfernt eingegrabene Löcher zu erreichen. So auch wir in dieser Anlage, nur dass die Löcher schon vorgegeben waren – der Abschlag aber auf einem grünen Hügel von einer Bank aus stattfand. Das wir keines der Fischfamilien-Kinder am Kopf trafen, war das eigentliche Wunder im Wunderland.

Zum Sonnenuntergang machte selbige dann noch einmal den Vorgucker, sodass wir am Steg – gemütlich auf einem roten Tretboot sitzend (dort, wo es natürlich bekackte Verbotsschilder gab) ein Feierabendbier mit Blick auf den sich spiegelnden See namens „Granzower Möschen“ genießen konnten. Passend zu diesem Namen sprang in jenem Moment ein nackter Piepel – mit kleinem Schniepel – von einer hölzernen Plattform und sagte zu seinen Kumpels etwas extrem Versautes, was ich hier nicht wiedergeben möchte. Hut ab, was die Kids heute schon für Worte nutzen.

Abends (nach ein paar klassischen Mettenden) spielten wir die Kartenspiele „Lügen“ (langweilig) und „Knack“ (ich war zu überlegen), bevor wir dann doch das zuvor abgewählte Brettspiel „Scrabble“ hervorkramten. L. & M. stellten sich gar nicht so blöd an, wurden jedoch von N. deutlich in die Schranken verwiesen. Und nochmals: „AEROKUNDAQ“ ist kein Wort! Kurz nach Mitternacht entließ ich die beiden mit den Worten: „Jetzt geht bitte auf euer Zimmer und schaut Fernsehen!“ Wir Alten waren nämlich müde und wollten langsam ins Bett.

Meine Nichte L. und Neffe M., die mit ihren Eltern sonst in AI-Urlaube fahren, werden ein Apartment mit Küchenzeile irgendwann zu schätzen wissen, da man dort erst um 11 Uhr und nicht bis (!) 10 Uhr Frühstücken kann, was man sich am Vortag im Edeka selbst ausgewählt hat. Egal, der Himmel war noch immer bedeckt bei kühlen 18 Grad, sodass wir eigentlich ein Motorboot mieten wollten, uns dann aber doch fürs Kajak-Fahren entschieden. Wir sind ja keine bekackten Weicheier!

Die Mädchen und Jungs bildeten jeweils ein Team und ohne großartige Einweisung paddelten wir wie Profis hinaus auf das besagte „Granzower Möschen“, bevor es, über einen malerischen Kanal, in den „Kleinen Kotzower See“ hinausging. Gesäumt von Schilf, erblühten rechts und links tausende Seerosen und auf kleinen Röhricht-Inseln brüteten riesige weiße Schwäne gerade ihre Jungen aus.
Die Kids sabbelten ein bisschen viel, um die Natur mit innerer Ruhe genießen zu können – dafür war es mit ihnen rund um die Uhr lustig. Besonders wenn man „aus Versehen“ in einem abgelegenen Arm des Sees in eine riesige Modderpampe aus Entengrütze gerät und sich das Boot danach weder vor noch zurück bewegen lässt. Wir bewegten uns in einer Welt des Schmerzes und mussten uns freischaufeln.

Über den „Großen Kotzower See“ und einen namens „Mössel“ erreichten wir mit viel Rückenwind (eines der wenigen uns begleitenden Boote nutzte sogar einen Schirm als Segel) recht bald das Ziel unserer Reise: den Campingplatz am „Leppinsee“.
Nun kenne ich das als Kind auch noch so, dass ein Ausflug ein Ziel mit Belohnung haben sollte. Hier war auf der Karte ein Restaurant verzeichnet gewesen und ich hatte den armen, halb verhungerten Kids Champignonsuppe, Soljanka, Würzfleisch und sonst was versprochen.

Ein verwitterter Camper aus DDR-Zeiten mit einem offenen Fenster am Waldesrand stellte sich schließlich als das „Restaurant“ heraus. Davor saß ein dicker, älterer Mann mit Shorts und vollgesabberten (ehemals) weißem Träger-T-Shirt. Neben ihm hockte eine abwesend wirkende Frau, die einen leichten Bier-Anzug (Jogging-Sachen von KiK) trug. Auf meine Frage, was es zu Essen gäbe, öffnete sich sein Mund (in dem es nur noch zwei Zähne gab): „Bockwurst“ L. und M. schüttelten den Kopf „Und was noch?“, fragte ich daher. „Mit Brötchen!“
Wir bestellten vier, während ich grübelte, ob es als Getränk womöglich Bockwurst-Wasser aus der Dose gäbe. „Und vier Cola“, rief ich dennoch. „Hamm wa nüsch!“, zischte der Typ berlinerisch. „Nur Limmo!“. Die gestörte Frau nickte dümmlich grinsend.

Genau in diesem Moment trat ein Riese an den versiffen Wohnwagen heran. Seine Schuhgröße war mit Sicherheit 52, wobei die aufgequollenen Quanten auch 20 Zentimeter breit waren. „Bigfoot“ rief dem „Bockwurst-Mann“ mit hoher Stimme zu: „Ich nehm dann noch so ein Bierchen“. Bei dem Zwei-Meter-Typen wirkte die 0,5 Literflasche Herforder tatsächlich wie ein „Mini-Bierchen“, wobei es vermutlich schon sein sechstes war. Gegen 14 Uhr aßen wir also vier Bockwürste mit Schrippe und tranken genüsslich Orangen-Limo. Ein lohnenswertes Ziel muss so ein Trip schon haben …

Bei der Rücktour durften die Kinder zusammen in einem Kajak fahren. Wären N. und ich ihre Eltern, hätten wir womöglich auf den einsetzenden Sturm mit starkem Gegenwind geachtet, ein Gewitter mit Blitzen vorhergesehen, oder daran gedacht, dass man beim Kentern (natürlich hatten wir auf bekackte Schwimmwesten verzichtet) nirgends im morastigen Schilf zum Wiedereinstieg anlegen kann.
Kurz (bei einsetzendem Wellengang in der Mitte des Sees) mache ich mir tatsächlich Sorgen, genoss dann aber mit meiner Freundin die herrliche Stille in der wunderschönen Naturlandschaft. Weit hinter uns hörte man L. und M. singen, lachen und manchmal sogar ihre Paddel ins Wasser schlagen. Eigentlich stellten sie sich auch allein ziemlich gut an – muss man ja fairerweise sagen. Außer, dass sie vielleicht den wasserdichten Sack richtig zu machen hätten sollen. Aber es war ja nicht mein bekacktes Handy. Nach über vier Stunden endete der Paddelausflug zum Bockwurst-Mann am Leppinsee in der Kanustation von Granzow.

Am Abend wollten wir unser Essen-Versprechen für die Zeugnisse (obwohl ich bei L. von ihrem Notenschnitt von 1,58 etwas enttäuscht gewesen war) dann doch noch einlösen. Dies erwies sich zunächst als schwierig, da die ersten beiden Gasthäuser (wir wollten nicht unbedingt in der Ferienanlage essen) geschlossen waren.
Somit landeten wir dann doch im so genannten „Pfannenkuchenhaus-deluxe“, wo sie auch das – ebenso versprochene – Schnitzel auf der Karte hatten. Die Sonne kam raus, das Essen schmeckte überraschenderweise gut und die Bedienung war nett.
Lediglich beim Nachtisch verstand sie mich bei meiner Bestellung eines „White Russian“ (den Dude-Drink wollten alle unbedingt mal kosten) überhaupt nicht und brachte einen „Lillet Wild Berry“. Da fragt man sich allerdings, was ich für eine beschissene Aussprache habe. Das eiswürfel-gekühlte, spritzige Getränk mit den Him-, Brom-und Preiselbeeren zogen sich unseren Jugendlichen letztlich genussvoll per Strohhalm hinein und taufen es Prinzessin „Lillifee“.

Den Abend verbrachten wir wieder mit einem Absacker am Sonnenuntergangs-Ufer des Sees bevor sich alle auf die Revanche-Partie im Scrabble freuten. Mittlerweile war auch dies ein „bekacktes Liga-Spiel“ geworden und dieses Mal ging es viel enger zu, besonders, da L. als allerletzten Buchstaben noch ihr „C“ bei „HITCH“ (der Date Doktor) loswurde. Wir ließen es gelten, da sie auch mit diesen Punkten nur den zweiten Platz erreichte. Zum Gewinnen dieses, oder anderer Spiele und Wettkämpfe müssen sie wohl noch ein bisschen üben und öfter mit uns verreisen.
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Ich freue mich schon auf das kommende Jahr 2018!
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Backpackerscheiße – Willkommen in Bolivien

21. Juli 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Kurz vor der Grenze pfeffert Jenna den Sack mit den Kokablättern aus dem Busfenster. Wir hatten herausgefunden, dass man die Dinger zunächst kauen und dann, zusammen mit einem Kalkstein, in der Backe parken musste, um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern. Besonders Jenna kaute, parkte und vertrug die Höhe trotzdem nicht. Vielleicht war es ganz gut, ohne das Zeug einzureisen, denn böse drein schauende peruanische Grenzer filzen uns akribisch. Auf der anderen Seite begrüßen uns freundliche bolivianische Wachsoldaten und machen deutlich weniger Stress.
In einem Collectivo fahren wir weiter und stellen bereits auf den ersten Kilometern fest, dass dieses Land wesentlich beschaulicher zu sein scheint. Es sind kaum Autos unterwegs und nur wenige Häuser säumen den Straßenrand. Unser Gefährt tuckert gemächlich durch den nördlichen Rand des fast baumlosen Altiplano entlang des Titicacasees. Mit uns sitzen zwei ältere Frauen im Wagen, die 14 Röcke übereinander zu tragen scheinen. Nach zwanzig Kilometern haben wir die erste Reifenpanne und können zwei Dinge beobachten:
Zum einen raucht der Fahrer bei sengender Hitze erstmal entspannt eine Zigarette, bevor er sich behäbig dem zerschossenen Rad widmet und zum anderen ist das hier ein wunderschönes Plätzchen Erde. Azurblauer Himmel, saphirblaues Wasser und die rotgelbe Erde verschmelzen zu einem wahren Kunstwerk. Zwei einsame Personen laufen wie Marsmenschen durch die karge Landschaft. Der eine ruft aus der Ferne: „Mann, ist das Scheißeheiß hier“, und der andere: „Haben wir eigentlich noch Bier?“ Nach dreißig Minuten geht es weiter.
Wir erreichen Copacabana und staunen ein nächstes Mal. Hier fehlt etwas. Keine Horde von Schleppern begleitet unseren Bus auf seinen letzten Metern. Genau genommen gibt es lediglich eine einzige, auffallend hässliche, Person, die uns eine Unterkunft aufschwatzen will. Der dürre, europäische Typ sieht aus, wie ein Abbild von Tingeltangel Bob aus den Simpsons. Er hat ein schmales Gesicht, eine spitze Nase, wirre Augen und vor allem rötliche Rastahaare, die unmöglich zu allen Seiten abstehen. Als der Kerl den Mund aufmacht und in schrägem Englisch, mit französischem Akzent, fragt, ob wir uns sein Hostel anschauen wollen, läuten bei mir die Alarmglocken.

Ich kann Franzosen nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie die letzte Fußball-WM und nun auch noch die Euro 2000 gewonnen haben. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Sender gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise ins Land von Napoleon und Zidane waren es die unverschämtesten, unfreundlichsten und überheblichsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dato über den Weg gelaufen waren. Sie hatten mich nicht verstehen wollen, waren nie bei der Suche nach dem Weg behilflich gewesen und hatten es vor allem rigoros abgelehnt, eine andere Sprache zu sprechen. Arrogante Schnösel ist gar kein Ausdruck. Und auch auf den Reisen durch Südamerika zeichnen sie sich, im Gegensatz zu den meist freundlichen Schweizern, Italienern, Amerikanern, Nordeuropäern und sogar den Engländern oft dadurch aus, dass sie mit keinem anderen Volksstamm sprechen wollen – oder können.

Ich sage zu Göte: „Ich hab echt keinen Bock auf so eine Backpackerscheiße bei dem Franzmann“ und Jenna, der sich gerade nach einem Kokablätter-Verkaufsstand erkundigt, ruft: „Nee, bloß nicht bei dem schwulen Froschfresser.“ Urplötzlich macht sich Tingeltangel Bob gerade. Ich sehe, wie seine Augen mit mörderischer Intensität zu funkeln beginnen. Er kommt auf mich zu, stellt sich vor mir auf und brüllt: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse!“
Mist, Bob kann Deutsch! Laut fluchend beginnt er uns in deutsch-französischem Slang zu beschimpfen, was wir ungebildeten Deutschen eigentlich hier im Wallfahrtsort zu suchen hätten. Matze versucht zu vermitteln, doch der Typ ist kaum zu bändigen. Nicht nur wegen der langen Anreise, der Höhe und der prallen Sonneneinstrahlung haben wir alle keine Lust auf Diskussionen.
Wir schnappen unsere Rucksäcke und gehen, ohne auf seine Frechheiten zu reagieren, einfach die Straße hinunter Richtung Ufer. Freundlich lächelnde Bolivianer winken uns in ein liebevoll eingerichtetes Hotel mit Blick auf den See. Im Kühlschrank neben der Rezeption sind die unteren Lagen mit Bier gefüllt. Jenna öffnet das Ding, greift sich eine Flasche und sagt: „Was für ein beschissener Froschfresser.“ Matze, Göte und ich antworten im Chor: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“. Wir lachen in Copacabana zum ersten Mal. Tränen!
Am nächsten Tag schippern wir auf die berühmte Isla del Sol. Dass die legendäre Insel, auf der die Inkas, der Überlieferung nach, erschaffen worden sind, übersetzt Sonneninsel heißt, merke ich bereits an Bord unseres kleinen Schiffes. Trotz Basecap und Schattenplätzchen verglühe ich fast. Auf dem Eiland selbst ist es, ohne eine Brise, unerträglich heiß, sodass wir uns nur etwa fünf Minuten die erdbraunen Schweine und verfallene Ruinen anschauen, bevor wir in der Hafenkneipe bei Bier und Skat auf die Rückfahrt warten. Auf dem Boot treffen wir einen alten Bekannten. Wieder einmal ganz allein kauert der Stuttgarter, den wir schon in Cusco getroffen hatten, auf einer der Holzpritschen. Mit knallrotem Kopf unter den strohblonden Haaren schaut er mürrisch auf den Ozeangroßen See. Eigentlich müsste man ihn fragen, ob er sich zu uns setzen will, doch das geht leider nicht.

Ich kann Stuttgarter nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie komisch sprechende VfB-Spieler wie Buchwald und Klinsmann hatten. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Keks gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise in die Hauptstadt Baden-Württembergs waren es die ungehobeltsten und unsympathischsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dahin über den Weg gelaufen waren. Niemand hatte mich verstanden, keiner war bei Fragen behilflich und vor allem hatten sie es stets vermieden, eine andere Sprache außer Schwäbisch zu labern. Und auch auf ihren Fahrten durch diesen Kontinent zeichnen sie sich im Gegensatz, zu den meist freundlichen Bayern, Rheinländern, Thüringern, Norddeutschen und sogar den Sachsen oftmals dadurch aus, dass sie mit niemandem reden wollen – oder können.

Göte schaut mich grinsend von der Seite an und fragt: „Na, willst du deinem Toastbrot nicht ein bisschen Gesellschaft leisten?“ Mit böse funkelnden Augen schaue ich ihn an. „Toastbrot“ wird in meinem kompletten Freundeskreis diese Technofotze mit dem vierkantigen Gesicht aus Stuttgart genannt, der mir vor Jahren Jeannet ausgespannt hatte. „Bist du bescheuert oder was“, fauche ich ihn an.
Das Boot legt pünktlich ab und entspannt genießen wir die Blautöne des Himmels und des Titicacasees, der aufgrund seiner Form, von den scheinbar farbenblinden Aymaras, „grauer Puma“ genannt wurde. Obwohl die Fahrt nicht sonderlich weit ist, bleiben wir auf der Hälfte der Strecke stehen. Wir schauen uns fragend an, denn uns klingt allen noch immer die Story des Bremerhavener Pärchens in den Ohren. Die hatten berichtet, dass auch sie mit einem Motorschaden auf dem riesigen Binnensee liegen geblieben waren. Bei schlechtem Wetter und immer größer werdenden Wellen waren sie mehrere Stunden umher getrieben. Die unter den Passagieren allmählich einsetzende Panik wurde durch die hereinbrechende Dunkelheit und besonders durch den im Führerhaus weinenden Kapitän ins Unermessliche gesteigert. Nach zehn Minuten stehe ich beunruhigt auf und schaue nach, was das Problem ist. „Das Stuttgarter Backpfeifengesicht hat sich eingeschifft und flennt mal wieder“, erzähle ich Göte bei meiner Rückkehr, obwohl das nicht stimmt. „Das iis kaine Bagpagerscheeisse“, antwortet er meckernd mit seinem neuen Lieblingssatz. Unbeschadet erreichen wir das sichere Festland.

Im Reiseführer hatten wir gelesen, dass es eine coole Kneipe geben soll, die von einem Deutschen geführt wird. Obwohl wir lieber mit Einheimischen herumhängen, klang der Tipp ganz viel versprechend. Als wir die kerzenbeleuchtete Bar betreten, trifft uns fast der Schlag. Der Raum quillt über vor billigem Kitsch. Überall hängen Webarbeiten mit Tiermustern an den Wänden, hölzerne Schamanen und Voodoopuppen, aber auch christliche Figuren stehen in den Regalen. An langen Stangen hängen talismanartige Gebilde. Außerdem riecht es in der dunklen Höhle nach verbranntem Essen, Marihuana und Räucherstäbchen. In der Heimat wäre das nicht unser Laden, aber in der Ferne interessieren wir uns immer besonders für Fremdes und Geheimnisvolles. Wir sind hier um ein Vielfaches offener. Etwas Neues zu erleben, hat höchste Priorität. Da gibt es noch diese unbändige Abenteuerlust, ein Gefühl, das wir im drögen Alltag in Berlin allmählich verlieren.
Der deutsche Besitzer ist genau so freakig wie die Inneneinrichtung und komplett zugedröhnt. Die Haare fallen ihm zottelig ins Gesicht und das schummrige Licht verstärkt seine ungesunde Gesichtsfarbe. Obwohl er uns gleich den, feucht im Mundwinkel hängenden, Joint anbietet, entscheiden wir uns für Bier. Harry schiebt sich einen Stuhl zu uns heran und beginnt zu erzählen. Von seiner angeblich so unglaublichen Auswanderer-Geschichte, von den ihm zu Füßen liegenden Damen, von ausschweifenden Fiestas zur Osterwoche und vor allem von gebratenen Enten, die man mit einem Eimer voller Bier in Cochabamba unbedingt essen müsse.

Am Gähnen der anderen sehe ich, wie sie das Gesülze finden und als der dichte Typ zum fünften Mal mit dieser unsäglichen Geflügelmahlzeit anfängt, sagt Göte: „Kommt, lasst uns abzwitschern und Skat kloppen.“ Doch Old Harry will uns noch nicht gehen lassen und schüttelt seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel: „Schaut ihr eigentlich Fußball?“ Wir glotzen ihn mit großen Augen an. „Bei mir nebenan gucken nämlich schon zwei Leute.“ Wir folgen ihm, ohne zu fragen, welches Spiel überhaupt läuft, vor die Tür. Draußen ist es mittlerweile stockdunkel, fürchterlich kalt und geradezu unheimlich still. Doch plötzlich hören wir, zwei Häuser weiter, hinter einer hölzernen Tür, ein markdurchdringendes Gebrüll. Wir brauchen ein paar Sekunden, um es zu deuten. Es ist ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex: es ist ein Torjubelschrei.
Harry öffnet die Tür und wir haben einen Blick auf den überraschend großen Fernsehapparat und die Couch mit den zwei Typen. Mir kommt augenblicklich ein französisches Wort in den Sinn: Déjà-vu. Schon einmal gesehen, oder erlebt!
Es läuft das Video vom Endspiel der letzten EM. In einer Wiederholung zeigen sie gerade, wie Wiltord in der Nachspielzeit zum 1:1 für die Franzosen gegen Italien trifft. Auf dem verschlissenen Sofa sitzen der pausbäckig grinsende Stuttgarter und ein noch immer jubelnder Tingeltangel Bob.

Wir hatten über die beiden geschimpft, gelästert und gehetzt. Wir hatten sie links liegengelassen und waren unseren Vorurteilen gefolgt. Doch in diesem Augenblick, das sehen wir in ihren leuchtenden Augen, haben sie den Sieg über uns davon getragen. Ernüchtert machen wir kehrt. „Das dumme Freibiergesicht schuldet uns noch ein Bier“, faselt Matze, doch er kann uns damit nicht mehr erheitern. „Allez le bleu“, schallt es uns hinterher. Im Video wird Frankreich in wenigen Minuten nochmals Europameister. Mir kommt ein Zitat von Jürgen Klinsmann in den Sinn: „Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.“

Am Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
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