Archive for November 2016

Bahnfrei Kartoffelbrei – Surf baby, surf! – Byron Bay Australien

11. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Koalaland

img_1849Nina möchte am nächsten Halt ein paar Tage verweilen. Dass wir in Byron Bay landen, ist eigentlich Zufall. Mit Reiseführer hätte sie unter Umständen anders entschieden, denn schon bei der Fahrt durchs Städtchen laufen uns viele ultralässige Backpacker in Markenklamotten über den Weg. Die meisten sind halbnackt und oftmals lässt sich ein Blick in die Poritze nicht vermeiden. Darauf steht sie ja besonders! Mich animieren die vielen Läden und das Ambiente eher dazu, nun endlich einmal surfen zu gegen. Meine wohlhabende Begleitung mietet uns ein Appartement mit Terrasse, offener Küche, Wohncouch, Plasma-TV, zwei Schlafzimmern und einem Gemeinschaftspool im Garten. Eine Traumunterkunft! Ihr scheint jedoch lediglich der W-LAN-Anschluss wichtig zu sein, doch wie abgemacht, zahle ich nur 50 AU$ pro Nacht.
Auf einer Kommode liegen Flyer von Surfschulen. Ich leihe mir ihr Handy und buche einen Tageskurs beim Anbieter „Kool Katz“ für 39 AU$. Nach einer ersten Strandbesichtigung (Wahnsinn, was die Jungs auf ihren Brettern vollführen) kaufen wir im Supermarkt Essen und im Liquor-Store Getränke für die nächsten Tage.
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Ein völlig verplanter Kerl, der ein bisschen wie Gérard Depardieu aussieht, holt mich am nächsten Morgen mit einem Minibus ab. Um Australien, seine Menschen und ihr Lebensgefühl zu begreifen, gebe es nur eine Möglichkeit: „Surf Baby – Surf!“, erklärt er mir schief lächelnd. Unterwegs laden wir noch seinen Kiffer-Kumpel „Wolle Petri“ ein, der sich freut, dass wir heute „nur“ zu zehnt sind und bei „dem“ Wind richtig gute Bedingungen vorfinden werden. Ein bisschen bezweifele ich schon jetzt, dass die billigste Surfschule auch zu den besten der Stadt gehört. Zumindest verstehe ich mich mit dem Typen und den zwei süßen Mädchen aus Halle an der Saale, die später zusteigen, auf Anhieb blendend.
An einer 30 Kilometer entfernten Flussmündung bekommen wir klitschnasse, stinkende Wetsuits von „Gerald“ und „Wolle“ gereicht. Da es trotz feinen Nieselregens warm ist, entscheiden sich alle Jungs, ohne Neoprenanzüge zu surfen. Nur Antje, Bianca und ich (das dritte Mädchen) schlüpfen in die Strampelanzüge. Eine weise Entscheidung, denn nach ein paar Trockenübungen paddeln wir mit den kastenförmigen Styroporteilen los und ein Finne macht gleich zu Beginn Bekanntschaft mit den Tentakeln einer Qualle. Dummerweise nesseln sie ihn genau an seinem besten Stück. Er schreit wie von Sinnen, während sich die Mädchen – mit den Gummifellen am Körper – angrinsen. Von Wolle erfahren wir, dass Hoden in Australien „Knacker“ genannt werden. Aua!
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Die Wellen rollen vom Meer kommend, wie künstlich erzeugt, schnurrgerade hunderte Meter den Fluss „bergauf“ ins Land hinein. Schon beim ersten Versuch – noch mit Anschieben – stehe ich etwa 30 Meter auf der riesigen Bohle. Daniel, der andere Deutsche, staunt nicht schlecht, bis er es selbst probiert und auf Anhieb 40 Meter abreitet. „Dib-Dob“ (wahrscheinlich „Tip-Top“) schreit er mir zu. Wir klatschen uns wie alte Hasen ab und strahlen. Nur 20 Meter wurden uns vorher vom Chef garantiert.
Bereits nach wenigen Minuten machen wir unter Rufen wie „Bahn frei, Kartoffelbrei“ den Anfängern unser Wellenrecht klar. Die Girls aus Sachsen-Anhalt rufen während der Fahrt: „Hupen naus, iss Sommer!“, obwohl ich es erst beim zweiten Mal verstehe und vergeblich darauf warte. Nach drei Stunden surfe ich mit 200 Metern die Welle meines Lebens. Ich fühle mich frei und wild und verlängere sofort um zwei Tage beim „coolen Kätzchen“. Die anderen Deutschen hatten sowieso den 3-Tage-Kurs gebucht.
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Bei einem Nachmittagsbier in der Stadt überbieten wir uns mit Heldengeschichten. Ganz nebenbei stelle ich fest, dass Daniel und Antje im selben Dilemma zu stecken scheinen wie Nina und ich. Sie sind befreundet, mögen sich irgendwie, aber so richtig ist der Funke noch nicht übergesprungen. Bianca zwinkert mir derweil auffällig oft zu und fragt mich, ob ich am Abend mit in ihren Geburtstag reinfeiern möchte.
Im Appartement liegt Nina vor der Glotze, schaut „Friends“ und lackiert sich die Nägel. Sie hatte sich eine komplette DVD-Staffel aus der Heimat mitgebracht. Ohne groß zu fragen, wie es war, erzählt sie mir von ihrem „Arbeitsscheiß“ und den Anweisungen, die sie per E-Mail versandt hat. Interesse heuchelnd, höre ich zu, obwohl ich es nicht mehr hören kann, und gönne mir später ein kurzes Schläfchen. Danach hockt sie schon wieder vor dem Rechner und möchte in Ruhe gelassen werden. Es scheint ihr nichts auszumachen, dass ich in die Stadt düse, um meine neuen Bekannten zu treffen.
Im gut gefüllten „Beach Hotel“ steckt mich die positive Stimmung sofort an. Wie gerne wäre ich mit so einer Truppe unterwegs! Außerdem scheine ich heute eine undefinierbare Ausstrahlung zu haben, denn auf dem Weg zum Klo kneift mir eine Frau frivol in den Hintern, die Kellnerin flirtet mit mir und auch Bianca lässt meinen Kopf beim Geburtstagsküsschen gar nicht mehr los. Sie versucht mir sogar die Zunge in den Hals zu schieben, doch ich erkläre ihr, dass es da eigentlich noch jemanden gibt. „Schau mir ma in de Oochen!“, flüstert sie. Mittlerweile verstehe ich den Dialekt einigermaßen und weiß, dass damit ihre grünen, mandelförmigen Augen gemeint sind. ‚Sie sieht ja schon sehr verführerisch aus und mit Nina läuft ja eh nichts’, denke ich auf dem Heimweg.
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Schon am zweiten Tag haben wir die Surfersprache von Gerald und Wolle verinnerlicht. „Duck“ rufe ich Daniel zu, was in etwa das Gleiche bedeutet wie „Buoy“, also jemand, der in der „Lineup“ sitzt und nie die „Guts“ hat, eine Welle zu nehmen. „Shark Biscuit“ brüllt er zurück. Ich antworte mit „Decoy“, was einem verschärften „Duck“ entspricht. Er schreit mir „Asshole“ entgegen. So werden auch hier draußen krasse Anfänger und Arschlöscher genannt. Wir überlegen, wann wir den ersten „Twenty-Footer“ nehmen werden, rufen „Kamikaze“ und paddeln los. Dann hört man nur noch: „Duck“, „Buoy“, „Decoy“ und „Asshole“. Laut kreischend, reiten wir die Mörderwellen zunächst als „Floater“ auf dem Kamm und rasen dann durch eine glasige „Tube“, bevor wir springen. Oder so ähnlich…
Diesmal ist Nina bei meiner Ankunft ansprechbar. Sie hat nichts dagegen, dass meine Freunde heute zum Abendessen in unsere „Surfervilla“ kommen. Während sie, mit Fotoapparat bewaffnet, zum Strand läuft, kaufe ich im „Coles“ ein. Die Auswahl an frischem Fleisch, Gambas, Krebsen, Fisch und Muscheln ist gigantisch. Ich hätte jedoch nicht mit knurrendem Magen herkommen sollen, denn der Wagen ist schnell randvoll. Im Liquor-Shop packe ich noch zwei 24er-Kisten Stubbys und sechs Flaschen Rotwein ein.
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Pünktlich um 8 Uhr erscheinen Antje, Bianca und Daniel und zu meiner Erleichterung ist auch Nina ganz gut drauf. Wir quatschen, lachen, singen deutsche Lieder und tanzen ausgelassen in allen möglichen Konstellationen. Als sich die Gespräche mal wieder um den Surfkurs und die nächste Mörderwelle drehen, verabschiedet sich Nina wankend ins Bett. Sie hatte ordentlich Gin Tonic und Wein durchlaufen lassen. Die anderen wollen jedoch keineswegs schon gehen. Antje und Daniel liegen eng umschlungen auf der Couch und stehen kurz davor, den entscheidenden Schritt zu wagen. Bianca blinzelt mir zu und fragt, ob sie mir die Fotos auf ihrer Digitalkamera zeigen kann – im anderen Zimmer natürlich. Schon nach zwei Bildern legt sie den Apparat zur Seite und ruft: „Hupen naus, iss Sommer!“ Diesmal lässt sie Taten folgen und zieht sich – wie selbstverständlich – das T-Shirt samt BH über den Kopf.
Lange rote Haare bedecken ihre hoch aufgerichteten dunklen Brustwarzen. Ich giere nach etwas Greifbarem und streiche sie zur Seite. Dann umfasse ich den zierlichen Hals und beginne, sie, mich dabei abwärts begebend, zu küssen. Ganz langsam schlängelt sie ihre langen Beine um meinen Körper bis sie sich – den Kopf weit nach hinten geworfen – auf mich setzt. Die Erektion in der Jeans beginnt zu schmerzen und ich überlege, wo ich um diese Uhrzeit noch Kondome herbekomme. Doch plötzlich sehe ich den ringförmigen Gummi zwischen ihren Fingern. Sie beugt sich vor, schaut mich mit katzenhaften Augen an und flüstert: „Wollen wir?“
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Genau in diesem Moment öffnet sich die Tür und nur Sekunden später steht Nina mit entsetztem Blick im Raum. Unsere Klamotten liegen im ganzen Zimmer verstreut. Mit hochrotem Kopf brüllt sie: „Verpiss dich, du dumme Schlampe“. Bianca ist genauso überrascht wie ich, zieht sich eilig an und rennt kopfschüttelnd hinaus. Ohne Nina eines Blickes zu würdigen, stolpere ich hinterher. Auch Antje und Daniel stehen schon abmarschbereit da. Ich bin stinksauer. Mit 1,8 Promille im Kopf fahre ich die drei mit dem Auto nach Hause und entschuldige mich auf dem Weg etliche Male. Bianca nimmt den Zwischenfall locker. Sie legt mir während der Fahrt die Hand auf den Schoß und haucht mir ins Ohr: „Wollen wir das bei mir nicht fortsetzen?“ ‚Bei ihr’ ist ein Backpacker-Hostel, wo sie zu sechst (mit vier bereits schlafenden Mädchen) in einem muffigen „Dorm“ hausen. Nicht nur deshalb ist mir die Lust längst vergangen. Ich fahre zurück und rufe Nina, die apathisch vor einer Pulle Rotwein hockt, zu: „Wir reden morgen!“, bevor ich ins Bett verschwinde.

Koalaland - Roman

Koalaland – Roman


Am letzten Kurstag bedanken sich die drei Sachsen-Anhalter für den lustigen Abend. Es hört sich ehrlich an und über meine Mitbewohnerin verlieren sie kein Wort. Heute surfen wir erstmals im offenen Meer und mit Daniel stelle ich überrascht fest, dass wir es dort nicht einmal schaffen, bei einem „Two-Footer“ aufs Brett zu springen, geschweige denn, darauf stehen zu bleiben. Wir schlucken etliche Liter Salzwasser, nehmen den Profis, die uns „Duck“ und „Asshole“ zurufen, die Wellen weg und liegen um 11 Uhr völlig geplättet am Strand. Die Mädels aus Halle rufen aus der Ferne „Bahn frei, Kartoffelbrei“ und stürzen mit wogenden Hüften auf uns zu. Ich kann meine Oberarme kaum mehr bewegen, um Bianca von mir runterzuschubsen. Dann ein Abschiedskuss.

Als ich die Wohnung betrete, ist Nina nicht da. Ich mache mir ein Bauernfrühstück mit Schrimps und da es auf unserer Terrasse nach Erbrochenem riecht, schalte ich den Fernseher ein. Es läuft ein Bericht über die größte australische Surfer-Legende Kelly Slater. Ganz allmählich ahne ich, dass ich wohl Jahre in Australien wohnen müsste, um dieses Lebensgefühl zu verinnerlichen. Dafür habe ich in den letzten Tagen etwas anderes begriffen!

Zum Weiterlesen im Buch: Koalaland
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Lesung am 10. November 2016 im Café Tasso in Berlin – Thema “Vergesslich”

9. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Termine

gruppeNovember…das ist die Zeit, in der die Bäume vergessen, dass sie mal Blätter trugen! November…das ist die Zeit für den Dauerblues! November…NEIN, Halt! Stopp! Die sechs unerhörten Autorinnen und Autoren nehmen sich fest vor, ihrem geneigten Publikum einen munteren und unvergesslichen Abend mit Stories zum Thema “Vergesslich” zu bescheren. Und was sich die Unerhörten vornehmen, das machen die auch. Echt. Also – nicht vergessen: Termin notieren, am 10.11.16 um 20 Uhr dort sein und die Unerhörten beim Wort nehmen! Das Café und Antiquariat Tasso findet ihr in der Frankfurter Allee 11 in Berlin Friedrichshain.
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Mein 9. November 1989 – der Mauerfall in der DDR

8. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Die Mauer ist wegIch werde vor allem von Westdeutschen oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:

Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
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Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
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Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.

Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
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Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen.
Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.
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Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!

Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.
Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.
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Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße (wie passend) entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?
Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.
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Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Oder bei Spiegel Online als “Mauerfall verpennt”
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Come on USA!

7. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

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Viele. Sehr viele! Meist auf Reisen in Südamerika, aber auch in den USA selbst, in Europa, in Berlin und sogar in meinem Kiez. Und all diese werden morgen schon das richtige Kreuz setzen … sonst kann ich sie leider niemals mehr besuchen kommen. So schön das Land und diese Menschen auch sind. Weil ich auf ein Land mit einem dummen, unaufgeschlossenen, uncoolen, peinlichen, uninteressanten, hassenwerten, denkfaulen, konservativen und intolleranten Präsi echt verzichten kann. Come on USA!!!
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So muss auswärts! Borussia Dortmund gegen Union Berlin

1. November 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

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Warum ich am 26.10.2016 zum Spiel zwischen Dortmund und Union gefahren bin? Weil ich noch nie im Westfalen-Stadion war. Weil ich mit dieser Truppe schon immer mal ein Auswärtsspiel sehen wollte. Weil ich Fußballfan bin!

Im Prinzip wurde in den Medien längst ausführlich über das Match berichtet und da ich hier eh keine Bilder von den Jungs veröffentlichen will, da ich nicht weiß, ob sie unbedingt im Internet abgebildet werden wollen (obwohl es keine bösen Buben sind & sogar die 18jährige Tochter von B. mit dabei war), schreibe ich auch keine Hymne auf die epische Stimmung – sondern stelle lediglich drei kurze Videos ein. Eine Sache jedoch noch: All die Geschichten der Jungs, die zum Teil schon seit 1984 mit Union auf Reisen gehen, müssen wahr sein – solch lustige aber auch kranke Erlebnisse kann man nicht erfinden. Ich habe sie diesmal leibhaftig erlebt.
Ein anderer Freund schrieb mir kurz danach: “So muss auswärts!” Damit ist eigentlich alles gesagt …
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Hier geht’s zu meinen neuen Fußballgeschichten
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Und nun die drei Bewegtbilder:
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