Archive for Juli 2016

Springende Krokodile im Koalaland – Northern Terrytory Australien

16. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Koalaland

OLYMPUS DIGITAL CAMERASeine Sicht:
Es ist ein ungewohntes Gefühl, denn am Morgen bin ich seit ewiger Zeit mal wieder richtig sauer auf meine Mitreisende. Während ich mich noch wundere, was im Zimmer so stinkt, stammelt sie verschlafen, dass es ihr sauschlecht gehe und ich etwas vom Frühstück mitbringen soll. Erst, als ich wiederkomme, entdecke ich den verkrusteten Fleck Erbrochenem neben dem Bett. Das scheint ja allmählich zu einer Spezialität zu werden. Natürlich habe ich nicht das Richtige geholt und während sie sich unter die Dusche schleppt, lese ich am Rechner, dass ich auf der „Abschussliste“ unserer Firma stehe. Ulrike hat diese von einem befreundeten Betriebsrat besorgt. Ihr eigener Name ist allerdings auch auf dem Geheimpapier verzeichnet.
Als wir endlich gegen 11 Uhr auschecken, könnte ich so richtig kotzen. Dieser Volldepp Oliver steht vor der Tür. Ganz nebenbei erfahre ich, dass uns der kosmopolitische Globetrotter heute in den Kakadu-Nationalpark begleiten wird. Nein, wir fahren nicht direkt dorthin, sondern halten an einem McDonald’s, bevor wir hinter einem Nest namens „Humpty Doo“ abbiegen, um zu einem – laut Oliver – „absoluten Highlight“ des Top Ends zu gelangen.
Zugegebenermaßen habe ich mich bequatschen lassen, da sich die Sache mit den „Springenden Krokodilen“ interessant anhörte. Nach zwanzig Minuten Fahrt auf unasphaltierten Straßen erreichen wir den Adelaide River und laufen zum Anleger der „Jumping Crocodile Cruises“. Weil das Boot gerade weg ist, dürfen wir uns eine Stunde am schlammgrauen Fluss im schwülheißen Dunstklima die Zeit vertreiben. Nina muss mal und verschwindet hinter einem einfachen Verschlag inmitten der Pampa. Genau in diesem Moment kommt ein blauer Hippie-Camper angefahren. Es steigen zwei hübsche Frauen aus, die ihre braunen Brüste nur unvollständig in dünnen Blusen verstecken. Die drei kennen sich. Sie begrüßen den großen Zampano euphorisch per Küsschen und Umarmung, so als ob sie ihn seit zehn Jahren nicht gesehen hätten. Caro und Anke mustern mich nicht gänzlich uninteressiert, doch ich deute mit dem Daumen zum Klo, wo sich meine geliebte Freundin wahrscheinlich gerade übergibt.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ich habe keine Lust auf Konversation, setze mich abseits auf eine Bank und beobachte ein Paar in khakifarbenen Tropenklamotten. Die Frau führt einen braun-weiß gescheckten Hund an der Leine. Während sie auf mich zulaufen, reißt er sich los und rennt samt Halsband die Uferböschung hinab. An einem Ort, der für bis zu sieben Meter lange Leistenkrokodile bekannt ist, muss ich wohl kaum erwähnen, dass dies keine so schlaue Idee gewesen ist und bei der Besitzerin umgehend zu einer Panikattacke führt. Dennoch möchte ich bei der Wahrheit bleiben: Ich weiß nicht, ob der kleine Kläffer von einem dieser Monster zum Lunch verspeist wurde. Allerdings taucht er – bis die Tour beginnt – auch nicht wieder auf. Als wir ablegen, rufen ein Mann mit hochrotem Kopf und eine verheulte Frau am Ufer noch immer verzweifelt nach ihrem „Eric“.
Während der Bootsfahrt bekommen sich die anderen gar nicht mehr vor Lachen ein. Sie knipsen jedes monströse „Saltie“ (Salzwasserkrokodil), das mit gewaltigen Sprüngen nach den an einem Stab befestigten Fleischstücken schnappt, mit dummen Sätzen wie: „Na, hast du den kleinen Eric gefuttert?“, oder „Hast du jetzt gar keinen Hunger mehr nach dem Wauwau?“ Oliver mimt den Obermacker und muss mehrfach erwähnen, dass dies eine fantastische Geschichte für eines seiner „bedeutenden“ Magazine wäre. Der Kapitän versteht die Scherze nicht, freut sich aber, dass Caro, Anke, Oliver und Nina so gut gelaunt sind. Eigentlich mag ich ja Zynismus, doch die hiesige Konstellation ärgert mich – zumal sich das Journalisten-Schwein aufführt, als wäre er mit Nina zusammen. Ich komme mir extrem deplaciert vor. Am liebsten würde ich den Kerl über Bord schubsen und ihm – wenn er sich Hilfe suchend am Kahn festkrallt – mit einer Machete die Schreiberling-Hände abhacken. Oberarschloch!
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Krokodile mit den messerscharfen Bissleisten, die wir geschützt von Metallzäunen wie im Zirkus aus allernächster Nähe betrachten können, sind jedoch beeindruckend. Zunächst kräuselt sich das Wasser im Magrovenschlamm, bevor ihre panzerartigen Schuppen und der bleich aufblitzende Bauch an der Wasseroberfläche erscheinen. Respektvolle Bewunderung vermischt sich mit einem gewissen Gruselfaktor.
Als wir den Anleger erreichen, muss Nina erneut zum schachtelförmigen Wellblechklo. Oliver ruft mir zu, dass er mit „den Weibern“ ein paar Meter fahren will, weil es unweit eine Aussichtsplattform gibt. Wir sollen kurz warten. Da er seinen Rucksack dabei hat, treffe ich spontan eine Entscheidung. „Ich soll dir einen Gruß von Oli ausrichten. Er fährt jetzt mit Caro und Anke weiter. Gerade sind sie abgedüst“, erzähle ich Nina bei ihrer Rückkehr. Sie schaut mich skeptisch an und runzelt die schweißbeperlte Stirn, doch geschwächt von Übelkeit besteigt sie mit enttäuschtem Gesichtsausdruck den Toyota. lch gebe Gas und lege ihr besitzergreifend die Hand auf die bis an die Brust gezogenen Knie. Nina gehört nur mir allein!
Natürlich kapiere ich auf der Weiterfahrt, dass dies ziemlich gemein war, aber das erleichternde Gefühl, diesen Idioten, der auf alles eine Antwort hatte, endlich los zu sein, überwiegt. Und nun? Es ist schon nach 15 Uhr, als wir den nördlichen Parkeingang zum „Kakadu“ erreichen, und sie verlangen 16 AU$ Eintritt. Ich beschließe das bedeutendste Naturwunder des Northern Terrytorys einfach wegzulassen und kehre um. „Manchmal muss man sich eben auch Dinge für spätere Reisen aufheben“, erkläre ich meiner Freundin mit bedeutungsschwangerer Miene.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Auf der Rückfahrt geschieht etwas extrem Peinliches: Der Camper von Caro und Anke kommt uns entgegen. Während Nina winkt und mich anschreit, dass ich anhalten soll, damit sie sich wenigstens verabschieden kann, zeigt mir Oliver, der auf der Vorderbank sitzt, den Mittelfinger. Mit Bleifuß und schamesrotem Kopf rase ich weiter in Richtung Darwin und stoppe nicht einmal am Humpty Doo Hotel, dessen Kneipe man – laut dem Alleswisser – unbedingt von innen gesehen haben sollte. „Jetzt habe ich nicht mal seine E-Mail-Adresse“, meckert Nina mit einem Mund, der so dünn wie eine Messerklinge ist, und boxt mich mit hasserfüllten Augen in die Seite. ‚Und das ist auch gut so’, denke ich und komme mir dennoch ein bisschen schäbig vor.
Am „Fogg Dam Conversation Reserve“ fahre ich ab. Letztendlich erhaschen wir an diesem Staudamm dann doch noch einen einzigartigen Blick auf die bedeutende Sumpf- und Schwemmlandschaft und beobachten etliche Stelzvögel aus der Ferne. Zwei Rosakakadus sitzen direkt neben uns in einem Baum. Wahrscheinlich ist das zwar nur die „Light-Version“ des Nationalparks, aber es zählt der olympische Gedanke.
Da wir morgen früh fliegen, suche ich nach einem Hotel in Flughafennähe. Insofern ist es mir egal, dass sie im Vier-Sterne-„Darwin Airport Resort“ 200 Aussie Dollar für die Nacht verlangen. Ich kann unseren Wagen noch heute bei „Thrifty“ abgeben und werde sogar mit einem Shuttlebus zurückgefahren. An der beeindruckenden Poollandschaft gönne ich mir – nach dem beschissenen Tag – zwei Caipis aus Halblitergläsern. Nina hingegen sitzt versteinert auf der Terrasse unserer Hütte. Sie trinkt Wasser, kaut an „Tim-Tam-Keksen“ und starrt auf das tropische Grün hinter dem Drahtzaun. Auf dem Hotelbett haben sie weinrote Handtücher zu einem Herz geformt, die sie achtlos auf den Boden schmeißt und dann schlafen geht. Ich mache die Glotze an und erfahre im Regional-TV, dass am Abend ein Camper frontal gegen einen Truck gedonnert ist. Alle drei Insassen seien verbrannt. Ich liege noch lange wach und wundere mich darüber, wie boshaft meine Gedanken manchmal sein können. Nina erzähle ich nichts davon. Ich bin heilfroh, sie ab morgen wieder ganz allein für mich zu haben. Hoffentlich gibt es in „Alice“ gute Nachrichten. Die Reise darf auf keinen Fall so düster weitergehen!

Ihre Sicht:
‚Mannomann, geht’s mir dreckig. Wie kann man sich denn bloß so abschießen?’, denke ich beschämt. Ich hab in der Nacht sogar neben das Bett gekotzt. Mein Freund ist rührend und bringt mir ein paar Snacks vom Frühstück, doch ich bekomme nichts runter. Lediglich den Tee, welchen er im Zimmer zubereitet, trinke ich in vorsichtigen Schlucken. Auch nach der kalten Dusche geht es mir nicht viel besser. Ich stopfe meine Klamotten in den Koffer, aus dem schmutzige Wäsche hervorquillt, setze mich drauf, damit er zugeht und folge ihm mit wackligen Beinen zum Ausgang. Ausgerechnet heute will er eine neue Unterkunft in Flughafennähe suchen, anstatt hier um eine Nacht zu verlängern. Allerdings müffelt unser Zimmer auch unangenehm, sodass eine vorzeitige Abreise vielleicht gar nicht so schlecht ist.
Vor der Tür steht ein ebenso zugerichteter Oliver, der mich mit charmantem Lächeln begrüßt. Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Wir hatten gestern mit „Bunda“ Brüderschaft getrunken und danach vereinbart, dass er uns heute aus „Kostengründen“ auf dem Tagestrip begleitet. Micha scheint darüber nicht gerade hocherfreut zu sein.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die erste feste Nahrung des Tages wird ein halber Cheeseburger bei „Mc Doof“, den ich gerade so im Magen behalte. Ich ahne, dass ein katastrophaler Tag vor mir liegt. Im Gegensatz zu Micha, der ununterbrochen über seine bevorstehende Arbeitslosigkeit jammert, versucht mich Oliver aufzumuntern. Das hilft und ein bisschen aus Trotz bestehe ich darauf, dass wir zu diesen „Jumping Crocodiles“ fahren. An einem breiten Fluss, der weiter nördlich ins offene Meer mündet, soll man riesige Salzwasserkrokodile in freier Wildbahn beobachten können. Die Fahrt auf einem sanft dahin fließenden Gewässer kommt mir gelegen, da ich mich dabei nicht bewegen muss. Allerdings ist der Kutter gerade weg, sodass wir am Anleger auf die nächste Tour warten müssen. Nach kurzer Zeit kehrt die Übelkeit zurück. Eine richtige Toilette gibt es nicht, lediglich ein offenes Hüttchen aus Wellblechwänden mit einem Loch in der Mitte. Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, nur so viel: Von Würgekrämpfen geschüttelt, kommt es oben und unten gleichzeitig heraus. Doch als ich fertig bin und eine Durchfall-Tablette geschluckt habe, geht es mir besser.
Vor dem Bootshaus ist mittlerweile Einiges los und ich benötige ein paar Minuten, um die Zusammenhänge zu begreifen. Oliver hat zwei Backpackerinnen getroffen, die er von irgendwoher kannte. Die drei bepissen sich gerade vor Lachen, während ein nobel gekleidetes Paar durch die Gegend rennt und aufgeregt „Eric, where are you?“, brüllt. Micha sitzt abseits auf einer Bank und schüttelt fassungslos den Kopf.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Was ist geschehen? Anscheinend haben die beiden besorgten Touristen ihren Jack Russel frei herumlaufen lassen, obwohl wir Schilder gesehen haben, die besagten: „Do not enter the water. Keep children and dogs away from the water’s edge“. Doch der neugierige Hund ist wohl zum Ufer geflitzt und seitdem nicht wieder aufgetaucht. Ich teile zwar nicht den Humor von Caro, Anke und Oliver, kann aber mit der gespielten Besorgnis von Micha noch viel weniger anfangen. Als wir mit dem Fährboot, welches ringsherum mit großen Absperrgittern versehen ist, endlich starten, habe ich mich auf die Seite der Spaßtruppe geschlagen. Ihre sarkastischen Sprüche bezüglich des „armen Eric“ lenken mich wenigstens von meinen Magenschmerzen ab.
Natürlich wurde die kleine Fellnase soeben mit Haut und Haaren verspeist. Da gibt es gar keinen Zweifel. Am Uferrand liegen grau gepanzerte, tonnenschwere Riesenechsen im Wasser, mit Schnauzen so groß, dass auch ich dort locker hineinpassen würde. Bei der Fütterung der Krokodile – unser Bootsführer hängt Fleischstücke an eine Art Angel – können wir aus unmittelbarer Nähe beobachten, wie sie blitzschnell aus dem Wasser schießen und sich um die eigene Achse drehen, um die Brocken zu packen. Einen Arm sollte man definitiv nicht über den Zaun halten. Der könnte durchaus in einem lang gezogenen Kiefer mit spitzen Zähnen verschwinden. Respektvoll ziehe ich mich auf die Mitte des Kahns zurück und lache über die ironischen Sätze Olivers. Auf jedem zweiten Digitalfoto will er einen Hundefuß oder -kopf entdeckt haben. Er befindet, dass dies eine großartige Story sei, über die er in einem Reisejournal berichten kann.
Nach der spektakulären Tour, auf der wir von etlichen Greifvögeln begleitet wurden, gehe ich noch einmal auf das Behelfsklo. Als ich wiederkomme, sind die Mädchen und Oliver verschwunden. Micha richtet mir aus, dass sie losgefahren seien, da sich „der feine Herr Journalist“ entschieden habe, mit „den Weibern“ im Kakadu zu übernachten, um sie dort mal „ordentlich durchzubumsen“. Ich kann fast nicht glauben, dass sich Oli gar nicht von mir verabschieden wollte und bin regelrecht gekränkt. So kann man sich also irren. Anscheinend ist er ja doch ein penisgesteuerter Egoist.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Meine Laune bessert sich nicht, als mein Mitreisender am Parkeingang entscheidet, zurück nach Darwin zu fahren. Eigentlich war er es doch, der unbedingt an einen Ort wollte, wo Kakadus im Vorbeifahren den Himmel verdunkeln, und nun kehren wir kurz vor dem Ziel um? Das ergibt ja überhaupt keinen Sinn. Auch nicht, dass uns der Backpackercamper auf einmal entgegenkommt. „Halt an!“, brülle ich, doch Micha rast einfach weiter. Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich stinksauer, da ich ahne, dass er mich vorhin belogen hat. ‚Liebe macht blind – so ein blödes Arschloch’, denke ich. Ein unbehagliches Gefühl stellt sich ein, doch weil ich mich körperlich noch immer nicht fit fühle, verzichte ich auf eine Aussprache. Ich will nur noch ins Bett und schlafen.
Leider muss ich mir vorher noch einen Sumpf an einem ollen Tümpel anschauen, der mit dem eigentlichen Weltnaturerbe rein gar nichts zu tun hat, obwohl mir Herr Schmidt das zu vermitteln versucht. Ich könne ja von den Seelilien und Reihern ein paar Fotos machen und zu Hause erzählen, dass diese aus dem bekannten Nationalpark seien. ‚Litchfield-do, Kaka-don’t’, flüstert mir eine innere Stimme zu. Das Hotelzimmer sucht er in Eigenregie. Der Sparfuchs kutschiert uns in ein weitläufiges Ressort und bezahlt, ohne mit der Wimper zu zucken, knapp 200 Dollar für einen Bungalow. Er verschwindet sofort an den Pool und lässt mich frustriert zurück. Ich kann diesen Idioten heute eh nicht mehr sehen, fühle mich leer und verlassen.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Nach zwei Stunden habe ich mich beruhigt und lausche dem Musizieren der Zikaden im Mangrovenwald. Eigentlich war es ja meine Schuld, dass der Tag so spät begonnen hat, und gleichzeitig ist es doch eigentlich niedlich, wie er reagiert, wenn ein halbwegs attraktiver Typ in meiner Nähe auftaucht. Zudem verstehe ich, dass ihm die Unklarheit in seiner Firma und die Grampians-Geschichte ein bisschen an die Nieren gehen. Noch immer fühlt er sich von Nolan verfolgt, da sein Bruderherz Jimmy „bestimmt“ gerade in einer Grube verrottet. Es wird Zeit, zurück nach Alice Springs zu kommen, damit wir mit „Good News“ die Tour entspannt in unserem geliebten Camper in Richtung Ostküste fortsetzten können!
.
Zum Weiterlesen: Koalaland
.

[Weiter...]


Frankreich-Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien

4. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

WP_20140704_042Ich verreise noch immer gerne mit Freunden. Allerdings werde ich langsam so alt, dass mir die Pärchen-Urlaube mit Sylvie beinahe besser gefallen, da ich mich dann nicht auf die Macken Anderer einstellen oder Kompromisse eingehen muss. Oft sind wir auf diesen Touren „ein Kopf und ein Arsch“, will sagen: wir könnten Reisen auch allein organisieren und wüssten jederzeit, dass die Pläne im Sinne des Partners wären. Mittlerweile schenken wir uns nichts mehr zu Weihnachten, da Konzertkarten, Bücher oder CDs sonst gleich doppelt auf dem Gabentisch lägen.
Die diesjährige Truppe ist halbwegs „mackefrei“ und mit den Südamerika-Neulingen verstehe ich mich blendend. Heute nervt jedoch der lange Entscheidungsfindungs-Prozess, um eine popelige Halbtagestour ins Parnaiba-Delta zu buchen. Sylvie nimmt auf jede noch so kleine Befindlichkeit Rücksicht, während ich sofort feststelle, dass die vier Tour-Operator, welche hier Tür an Tür ihre überambitionierten Event-Büros am Porto das Barcas haben, schlichtweg denselben Trip zum Einheitspreis anbieten. „Ich mach das jetzt mal“, rufe ich und knalle meine Kreditkarte auf den Tresen. „Cinco pessoa por favor.“
P1110387
Das kann Danny gar nicht ab und auch Sylvie fühlt sich leicht übergangen. Doch wenigstens sie kann ich überzeugen, dass wir auch in zwei Stunden nichts anderes gebucht hätten – nur um Jahre gealtert wären. Erleichtert flirte ich mit der Dame, bezahle für 5 Personen und pünktlich um 13 Uhr werden wir abgeholt.
Am Minihafen von Porto dos Tatus, der das Einfallstor zum Delta zu sein scheint, schmeißt uns der Fahrer wieder raus. Gerade werden handtellergroße Caranguejos behelfsmäßig in Bündeln zusammengebunden und lebend per Moped in die Stadt zum lustigen „Krebse-Klopf-Klopf“ transportiert.
Schon oft hatte ich erlebt, dass ich sich Guides in Brasilien lustige Namen geben, so auch der heutige. Mit „Sokrates“ sind wir nach fünf Minuten auf einer Wellenlänge, denn seine Tour-Vorbereitung besteht darin, eine Kühlbox mit Eis zu befüllen und uns danach in einen Shop in Richtung der Bierregale zu leiten. Erst als die letzte (von 30) Brahma-Dosen verstaut ist, kann es losgehen.
Die stahlendweiße „Iguana“ ist ein komfortables Boot mit ausfaltbarem Sonnendach und nun auch mit eingebautem Kühlschrank. Schon nach zwei Minuten sehen wir kein Gebäude mehr und befinden uns inmitten des Mangrovenwaldes.
IMG_6358
Hinter mir zischt eine Bierdose. Vögel erheben sich kreischend, während tausende Krebse hektisch schlammige Hügel erklimmen. Unser Tour-Philosoph spricht vorzügliches Portospanenglisch, sodass wir uns alle Informationen zusammenreimen können. Die 85 Inseln des Deltas liegen verstreut über eine Fläche von 2700 Quadratkilometern und der Rio Parnaíba teilt sich zum Schluss in fünf Arme, deren Wasser in den Ozean münden. Es ist eine der vielleicht schönsten Naturstrukturen des Planeten. Wir schippern durch ein furioses Labyrinth von Nebenarmen und Inseln. Auf dem Festland wäre die Vielfalt nur mit Neuseeland zu vergleichen, denn alle fünf Minuten ändert sich die Landschaft dramatisch. Wir passieren große Flüsse, Naturkanäle und breite Lagunen, sehen gigantische Dünen und Strände mit schneeweißem Sand – und das alles eingebettet in den grünen Mangroven-Dschungel.
P1110396
Alle fotografieren hektisch träge Kaimane, Leguane, Schlangen, Kapuzineräffchen und schlammige Krebse in einem Wirrwarr von luftigen Stelzwurzel. Etliche Störche, Kormorane und Reiher gleiten vorbei. Nur der immense Frischreichtum bleibt uns verborgen. Sokrates klaut zumindest aus einem Netz ein paar Garnelen und Austern, die er in die entstandenen Löcher der Kühlbox packt. Bei einem kalten „Cerveja Lata“ erzählt er zudem Geschichten von Gespenstern, sprechenden Fischen und alten Fischern, die nie mehr von ihrer Ausfahrt aufs Meer zurückkehrten, bevor er uns an einem matschigen Strand aussteigen lässt. Eine Stunde sollen wir uns dort die Beine vertreten. Eklige Würmer und riesige Schaben krabbeln diese sofort empor und ein Geschwader von Monster-Mücken durchschwirrt die stehende Luft.
Es werden die vielleicht schönsten (zwei) Stunden meiner bisherigen Brasilienreisen, denn nachdem wir uns durch den knietiefen Modder gekämpft haben, erwartet uns eine Landschaft, die mir den Atem verschlägt. Rechts und links erstreckt sich noch immer der tiefgrüne Dschungel, doch davor ragen gigantische Carnaúba-Palmen vor blassgrüner Buschsteppe in den Himmel. Kurz dahinter liegen bizarre Dünen und Wüstenformationen, welche ultratürkisfarbene Süßwasserlagunen in ihren Tälern beherbergen. Und als wäre das nicht schon Naturspektakel genug, erstrahlt in der Ferne ein violett-blauer Atlantik hinter feinsandigen Traumstränden. Wir sind die einzigen Menschen und fühlen uns wie die Einzigen auf dem Planeten. Es ist hier unfassbar still und zum Weinen schön. Alle laufen weit voneinander entfernt durch das Wunderland. Erni winkt aus der Ferne, doch erst als ich bei ihm bin, sehe ich, dass er eine Meeresschildkröte entdeckt hat, die einmal mehr die Unberührtheit dieses Fleckens Erde repräsentiert.
P1110350
Nachdem uns Sokrates am Boot eigenhändig die schlammigen Füße gewaschen hat, serviert er vorzügliche Austern mit Limettensaft zum Sonnenuntergangsbier. Was für ein Ausflug! Ohne Rücksicht auf das Verpassen irgendwelcher Achtelfinals buchen wir einen weiteren Trip bei ihm. Er hatte uns die ganze Zeit von roten, weissagenden Vögeln vorgeschwärmt. Die wollen wir morgen sehen!
Auch der zweite Ausflug startet in der gleichen Konstellation: wir haben Bier, sehen Traum-Urwald-Strände-Dünen im unberührten Mangrovengürtel mit einem Typen, den man unterbrochen dafür herzen könnte. In der Abenddämmerung ankern wir vor einer fast kreisrunden Insel. Hier sollen Guarás (rote Ibisse), die nur im nördlichen Südamerika und in Trinidad vorkommen, ihr Nachtquartier aufschlagen. Ich weiß, dass Guarra (mit einem „r“ mehr“) auf Spanisch „Schlampe“ heißt, doch weder Vögel noch die Damen tauchen auf. An Bord gibt es jedoch Getränke, gute Laune und einen Geschichtenerzähler. Sokrates erklärt, dass wir uns die Anzahl, der im Formationsflug ankommenden Sichler genau merken sollen, da diese Kinder- und Enkelzahlen, Lotto- und Fußballergebnisse, oder zu verbleibende Lebensjahre vorhersagen könnten. Wir einigen uns auf das Ballspiel und fast auf ein 0:0, da sehr lange rein gar nichts geschieht. Eine einsame Möwe segelt über uns hinweg. „Okay, wenn wir in weiß spielen, gewinnen wir 1:0“, nörgelt Jenna.
IMG_6519
„Guckt mal da rüber, wie krass ist das denn?“, ruft Danny plötzlich. Aus der Ferne segelt uns ein Gruppe leuchtendroter Vögeln entgegen. Im Licht der untergehenden Sonne wirken sie fast neonpink. Als sie an uns vorbeigleiten, krakelt Jenna: „Und in Rot spielen also 7:0, Scheppert?“ Es sind sieben knallrote Ibisse. „Nee, Meiner, 7:1, da kommt noch ein einsamer Genosse“, nuschelt Erni, wobei ich weder das eine noch das andere Ergebnis mit den ausstehenden Spielen in Verbindung bringen kann. „Richtig, 7:1. Völlig realistisch“, antworte ich. Sokrates nickt, nachdem ich es ihm erklärt habe, denn er glaubt fest an den Quatsch. Okay, Costa Rica ist auch noch in der WM-Verlosung.
Kurz danach gibt es nur noch Handball-Ergebnisse. Der verschwenderische Himmel verfärbt sich rot und alsbald auch die ehemals grüne Insel. Dieses Wunder der Natur sprengt jegliche Vorstellungskraft. Brasilien kann einen immer wieder umhauen. „Kleine Bierkrise, würde ich meinen“, murmelt Sylvie mit leuchtenden Augen und krallt sich die letzte Dose. Leider müssen wir nun zum Hafen zurückkehren.
IMG_6554
„Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Ich mag diese Redewendung nicht und hielt mich im Leben meistens auch selten daran. Die englische Entsprechung: „One should leave off with an appetite“ ist ebenso Quark, denn was soll denn jetzt fußballtechnisch noch besseres kommen, als eine WM in Brasilien? Genau. Nichts! Dummerweise ist unsere Reise im Vorfeld so geplant gewesen, dass wir nach dem Viertelfinale die Heimreise antreten müssen. Während mein Freund Trueman gerade auf dem Weg nach Rio ist, um das Spiel gegen die Franzosen vor Ort zu zelebrieren, werden wir nicht einmal im Stadion, sondern wieder nur auf dem Fanfest in Recife sein – wenn überhaupt …
Der Flieger, der uns aus Parnaiba heraushauen soll, kommt nämlich nicht. Nach drei Stunden heißt es, dass wir per Bus ins 400 Kilometer entfernte Fortaleza gekarrt werden sollen, wo es Anschlussflüge gäbe. Wir sitzen schon in der Klapperkiste, die an einem schäbigen Restaurant plötzlich stoppt, da neue Gerüchte laut werden: das Flugzeug sei doch im Anflug. Also Kommando zurück und nochmals vier Stunden an Gate A warten (es gibt nur A), um gegen Mitternacht endlich in Fortaleza – natürlich ohne Anschluss – zu landen. Brasilien spielt in 17 Stunden sein Viertelfinale gegen Kolumbien genau in dieser Stadt. Wir bekommen nicht einmal Entschädigungshotel-Betten. Da es auch keine freien Sitzmöglichkeiten am chaotisch überfüllten Terminal gibt, lungern wir bis früh um 7 Uhr auf arschkalten Fliesen herum, bevor es endlich weitergeht und wir gegen 11 Uhr – nach lediglich 23 Stunden Anreise – in Recife landen. Dort können wir nun auch auf ein Hotel verzichten, da „unser“ Anstoß bereits um 13 Uhr erfolgt. Jetzt heißt es: kurz die dicken Waden im haiverseuchten Meer sowie die Gemüter mittels Brahma abkühlen und diverse Kopfbatterien nach diesen dornenreichen Stunden wieder aufladen.
P1010660
Wenngleich zwei meiner Mitstreiter während der gesamten Tortur in Panik gerieten, dass wir den Heimflug nicht pünktlich erreichen, sehe ich am Strand von Boa Viagem einige Dinge plötzlich glassklar. Was würde eigentlich geschehen, wenn wir diesen wirklich verpassen würden? Ich müsste mich bei meinem, sich zur WM zumindest minimal für Fußball interessierenden, Chef melden und ein paar Zusatz-Urlaubstage (im Sommerloch) beantragen. Ein paar hundert Euro mehr würde der Trip kosten. Mein Arsenal an Ausreden bröckelt. ‚Na und? Wenn es am schönsten ist, sollte man bleiben‘, rede ich mir ein, ohne es laut auszusprechen. Mein eingenicktes Mädchen schreckt hoch und ruft: „Wir müssen los, oder?“
Fußball ist für mich insofern faszinierend, da er eine Euphorie auslösen kann, für die man sonst harte Drogen bräuchte. Da kommt plötzlich immer dieses Sausen im Kopf, dieses krasse Gefühl, lebendig zu sein. Als wir Recife Antigo nach zwei Tagen ohne Schlaf erreichen, spüre- in meinen Adern drei Linien Kokain pulsieren, obwohl dort nur ein zwei Bier wabern. Okay, wir reden hier nicht von einem ätzend langweiligen Freundschaftsspiel oder einer 13.30 Uhr-Zweitliga-Partie, sondern vom Viertelfinale der WM mit deutscher Beteiligung.
WP_20140704_041
Auf dem Fanfest ist um einiges mehr los als bei der Partie gegen Portugal. Etwa 400 Deutsche und 200 blaue Frösche in eng anliegenden Trikots trinken sich Mut an, aber auch viele Einheimische sind bei 32 Grad, im nicht vorhandenen Schatten, vor Ort; wahrscheinlich weil ihr Team direkt im Anschluss spielt. Einige brasilienbraune Schönheiten haben sich sogar schwarz-rot-goldene Fahnen auf die Wangen gemalt. Später erfahre ich, dass sie lediglich Deutsch an der Uni lernen und deshalb unser Team unterstützen. ‚Ist eigentlich unser Land oder das Team angesagt?‘, frage ich mich während Erni beinahe das angeschleppte Bier verschüttet beim Betrachten der lächelnden Schönheitsköniginnen im Minirock. Trueman schreibt mir eine SMS aus dem Maracana in Rio – auch nicht schlecht. Neid!
P1110466
Das Spiel: Mats Hummels köpft nach einer Flanke von Toni Kroos in der 12. Minute das 1:0 unter die Latte und lässt und zu hüpfenden Rumpelstilzchen mutieren. Danach heißt es 80 Minuten lang zittern, obwohl wir heute nicht die Eisbahn in der Mall nebenan betreten. Okay, das Team spielt nicht schön aber sicherer als gegen Algerien, doch Frankreich gelingt es oft, den Ball zielstrebig in unsere Gefahrenzone zu bringen und Benzema treibt uns, aber auch die hiesigen Franzosen, fast in den Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass Neuer in der Nachspielzeit nach seinem Dynamitschuss den rechten Arm so schnell nach oben reißen kann und uns den Einzug ins Halbfinale rettet. „La Boum 2. Die Party geht weiter!“, ruft Jenna saulässig und Erni startet seine berühmt-berüchtigte Polonaise. Die Deutschland Gewogenen schließen sich ihm an und rocken die Altstadt von Recife. Bis zu dem Moment als alle in ungläubigem Staunen verharren. Mit lautstarker Fanfarenmusik marschieren zehn brasilianische Riesen ein, gefolgt von tausenden Menschen in Nationaltrikots.
P1110493
Die fünf Meter großen Figuren, geschultert von normalen Menschen, bilden die Vorhut zum anstehenden Viertelfinale. Eine Volksfest-Tradition aus Olinda hat somit auch Recife erreicht, denn die Riesenfiguren aus Holz, Pappmaché und Ton prägen den dortigen Karneval seit hundert Jahren. Wo sonst Politiker und Stars verspottet oder gehuldigt werden, sind es diesmal die WM-Stars. Fantastisch, wie realistisch und lebensnah die Gesichter aussehen, wobei ich von den zehn Giganten nur Pelé, Neymar, Scolari, Fred und David Luiz erkenne. Und natürlich den „Beißer“ Suarez, den sie als Vampir dargestellt haben. Die Stimmung inmitten der tanzenden Meute ist grandios. Deutsche und Franzosen waren ja regelrecht introvertiert, im Vergleich zu dem, was jetzt abgeht. Aber nach fünf Bieren in der prallen Sonne feiern besonders Erni und ich gehörig mit und drücken Pelé und Neymar die Deutschlandfahne in die schlaffe Hand. Da die Typen unter den Figuren nichts sehen können, entstehen Fotos für unsere Ewigkeit. Brasilianische Chicas wollen sich zudem mit uns, Neymar und Flagge ablichten lassen, als Beweis für die WM ihres Lebens – für ihre Ewigkeit. Wir trinken Brahma aus Riesendosen gefüllt mit Adrenalin.
Leider wollen meine Freunde das Spiel nicht hier verfolgen, sondern dem Tollhaus mit einem eleganten Abgang entweichen, nur, um etwas zu essen, was aus meiner Sicht völlig überbewertet ist. Einige Ecken weiter kehre ich in eine Open-Air-Kneipe ein, setze mich vor die Leinwand und rufe: „Ihr wisst, wo ihr mich findet!“ Nach Rückkehr der Hungrigen – das rasante Spiel hat längst begonnen – macht Sylvie Fotos. Mittlerweile sitze ich im rot-schwarzen „Rugbytrikot“ ganz allein inmitten von gelb-grün-blau bekleideten Heißblütern und habe eine „GOAL-Brille“ dabei, die mir jemand geschenkt hatte. WM-Fieber!
IMG_6714
Brasilien gewinnt 2:1 und ist demnach unser Halbfinalgegner. Neymar wurde böse gefault und rausgetragen, was mir – da in meinem Leben schon öfter prophezeit wurde: Deutschland wird Weltmeister – ein bisschen Mut gibt. Der Typ ist deren einziger Weltklassespieler. Ohne den Volksheld und den gesperrten Thiago Silva wird das Halbfinale immer noch hart, aber durchaus machbar sein. Nach der Partie umarmen mich etliche Menschen herzlich, in der Gewissheit, dass ich (!) nun der nächste Gegner bin. Mir kommen fast die Tränen.
Verdammt, ich habe doch nur eine Schatztruhe namens Leben und manchmal gehe ich damit um, als hätte ich tausende. Gehen oder bleiben?

Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
.
.
.
Und noch ein paar Videos:

.

.
.
.

.
.
.

.
.
.

[Weiter...]


Angst vor Italien-WM 2006 in Brasilien

1. Juli 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

width="225"

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hohe Wellen türmen sich vor mir auf und plötzlich springen zwei Delfine über die Schaumkronen. Langsam kommen sie mir entgegen geschwommen und lassen sich schließlich sogar berühren. Ein Glücksschauer läuft mir über den Rücken, als meine Hand über ihre elastische Haut gleitet. Ich hatte das immer als Unsinn abgetan, doch die beiden scheinen mich tatsächlich anzulächeln. Selbst als ich längst mit einer Zigarette am Strand sitze, strecken sie uns vergnügt die Köpfe entgegen. Sylvie legt einen Arm um mich. Unsere Zehen berühren die angespülte Brandung. Gebannt schauen wir aufs Meer und beobachten das einmalige Schauspiel. Ich weiß in diesem Moment: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – vor einem WM-Halbfinale mit deutscher Beteiligung – sein. Niemals!

Wir verlieben uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas mit seinen sandigen Wegen. Eine Pousada ist hier schöner als die andere und schließlich finden wir eine Traumunterkunft mit Pool und gemütlichen Hängematten vor den Zimmern. Marie zeigt uns den Weg zum Strand. Wir überqueren einen Fluss und hinter dem Nationalparkschild verstehen wir, warum alle Gassen des Ortes so weichgespült aussehen. Die sich vor uns auftürmenden Wanderdünen wehen unablässig beigefarbenen Sand in den Ort hinein. Dahinter liegt der blaue Atlantik.
Rechtzeitig sind wir zurück, duschen und streifen unsere Trikots über. Überall im Ort liegen grün-gelb-blaue Girlanden im Dreck. Brasilien hat abgeschmückt. Wieder einmal sitzen wir allein in einer Kneipe. Deutschland gegen Italien. Das scheint hier niemanden vom Hocker zu hauen. Nach der torlosen ersten Halbzeit gehen wir kurz in unsere Pousada und sehen im Restaurant nebenan, wo sich die Hardcore-Fans des Ortes aufhalten. Hier! Endlich treffen wir Mauro, den italienischen (!) Inhaber unseres Hotels, der uns, trotz falscher Trikotfarben, herzlich begrüßt und sofort mit seinen Dorfkumpels und drei Freunden aus dem Land des Stiefels bekanntmacht. Die zweite Halbzeit beginnt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Das Lokal ist in grün-weiß-roter Hand. Mauro und seine Gang tragen Trikots der „Squadra Azzurra“ und eine riesige italienische Fahne hängt von der Decke herab. Brahma-Bier und reichlich Kurze werden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizt. Ich habe endlich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Hütte brodelt, als ob wir uns in Sizilien befänden. Wir hatten nichts von dem italienischen Sender gehört, der mit seinen Anschuldigungen den Ausschluss von Torsten Frings verursacht hatte. Wir wussten nicht, dass gehässige Internetforen in Deutschland zum „Pizza bestellen“ während des Halbfinales aufgerufen hatten. Wir empfanden auch nicht, dass Italien unberechtigt so weit gekommen war. Dennoch bilden sich sehr schnell zwei Fan-Lager: Sylvie und ich gegen den Rest.
Das Spiel ist nicht gut, lebt aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen sind, ordern auch wir erste Beruhigungsschnäpse.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Mauro, der heißblütige und zugleich so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ ist, platziert zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkt in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso ist der Torschütze. Der spielt bei Mauros Lieblingsverein: Palermo. Nach dem zweiten Tor dreht unser Hotelier endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italien-Fans auf dieser Welt.

Erstmals im Leben füllen sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nimmt mich tröstend in die Arme. Nach und nach kommen die Gäste an unseren Tisch und drücken ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellt die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzt sich dazu. Er bettelt fast, dass wir nun bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spüre, wie meine Trauer allmählich verfliegt, erhebe mein Glas und rufe: „Du bist eine Scheiße-Italiener!“
.
Zum Nachlesen: “Abpfiff am Ende der Welt” bei Spiegel Online
.
Das Buch: “90 Minuten Südamerika” von Mark Scheppert
.

[Weiter...]