Archive for März 2016

Breslauer Lerge – Zurück in der Heimat

28. März 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag

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Im Jahr 1953 hatte ich zum ersten Mal das Glück, die Internationale Friedensfahrt als Berichterstatter des Sportechos vom Start bis ins Ziel mitzuverfolgen. Erst zum zweiten Mal war die DDR in das größte Etappenrennen der Welt für Radamateure mit einbezogen worden und diesmal hieß der Streckenverlauf: Prag – Berlin – Warschau. Vom ersten Tag an war es ein einzigartiges Erlebnis gewesen, diesen Tross zu begleiten, doch mit besonderer Spannung sah ich jenem Tag entgegen, an dem wir die Grenze zu Polen überschreiten sollten. Nach nunmehr acht Jahren konnte ich mir endlich ein eigenes Bild von den Verhältnissen in unserem Nachbarland machen und die Stadt besuchen, in der ich einstmals groß geworden war. Natürlich lasen auch wir in den westlichen Gazetten von den schrecklichen Zuständen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und ehrlich gesagt, einigen „Originalberichten“ schenkte sogar ich Glauben.

Sportverlag Berlin

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Am Morgen des 11. Mai überschritt ich also die Neißebrücke, die Görlitz mit dem polnischen Zgorzelec verbindet, und begleitete den Tross in Richtung Wroclaw – meiner ehemaligen Heimatstadt Breslau. Natürlich sah ich einige Ruinen am Straßenrand, beobachtete Menschen, die noch immer damit beschäftigt waren, ihre zerstörten Dörfer und Städte wiederaufzubauen, doch von „Verwahrlosung und unbestellten Äckern in Westpolen“ konnte nun wirklich keine Rede sein. Der erste Eindruck war eher der, dass die polnischen Menschen mit der gleichen Beharrlichkeit wie wir und oftmals in Eigeninitiative versuchten, ein neues Land zu errichten. Bis zum Horizont erstreckten sich goldgelbe Felder und plötzlich tauchte sie auf: die schönste Stadt der Welt.

Privatsammlung Höcker

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Ich habe damals alle Berichte über meine Heimatstadt gelesen. Noch im April 1945 – der Krieg war fast überall schon vorbei – wurde hier geschossen. In der „Festung Breslau“ wurde um jedes Haus und jede Straße ein aussichtsloser Kampf geführt – so hatte es die Partei und SS beschlossen. Gauleiter Hanke ließ hunderte Menschen an die Wand stellen und erschießen, nur weil sie sich gegen die sinnlose Zerstörung wandten und womöglich das Wort „Kapitulation“ in den Mund genommen hatten. General Niehoff, der sein Hauptquartier auf der Sandinsel der Unibibliothek aufgeschlagen hatte, ließ all die wertvollen alten Handschriften, Bücher, Stiche und Landkarten in die unweit gelegene Annenkirche verbringen. Wenige Tage später brannte das von einer Granate getroffene Gebäude lichterloh und über 400000 Bücher und Schriften gingen in Flammen auf. Der vor den Toren der Stadt gelegene Flughafen war da schon von den Sowjets eingenommen worden und Gauleiter Hanke ließ das Gebiet zwischen Kaiserbrücke, dem Scheitnitzer Stern und der Passbrücke in die Luft sprengen und platt walzen, um dort eine neue Landebahn zu errichten. Unzählige historische Gebäude wurden in diesem Wahn vernichtet und von diesem Flugplatz startete eine einzige Maschine: die des braunen „Festungskommandanten“ Hanke, der so aus Breslau floh.

Privatsammlung Tix

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Fast alle Fabriken waren durch die Durchhaltetaktik bis auf die Grundmauern zerstört worden und der Teil der Südstadt, in der sich die Belagerungsfront befand, wurde während der Kämpfe in eine Wüste verwandelt. Die Stadt stand noch immer in Flammen, als die Sowjets die Verwaltung an polnische Behörden übertrugen. Die Zerstörung der Stadt, in der vor dem Krieg noch 630000 Menschen wohnten, betrug 68 Prozent.

Einen ganzen Nachmittag und Abend lief ich wie parallelisiert durch die Straßen und war kaum ansprechbar. Oftmals standen mir Tränen in den Augen, wenn ich nach Gebäuden oder Straßen suchte, die nun einfach nicht mehr existierten.

Doch überall waren auch deutliche Zeichen des Wiederaufbaus zu sehen. Die PAFAWAG-Werke interessierten mich, die ich noch aus der Zeit vor dem Krieg als „Linke & Hoffmann“ kannte. Das Werk für Güterwagons stand mehrere Wochen unter starkem Beschuss und man konnte 1945 sicherlich nicht mehr von einer Fabrik sprechen. Die erste Belegschaft bestand im Juli 1945 aus den historischen „Sieben von der PAFAWAG“. Bei meiner Besichtigung arbeiteten hier schon wieder über Tausend Menschen. Das fast neu errichtete Werk galt als eines der modernsten in Polen, gehörte zu den größten Waggonfabriken Europas und exportierte seine Produkte in die ganze Welt.

Auch für eine Stippvisite meiner alten Wohngegend und der ehemaligen Hydrometer AG, in der ich meine ersten Schritte ins Berufsleben machte, reichte die Zeit.

Privatsammlung Tix

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Auch dieses Werk war bei den Kriegskämpfen fast völlig zerstört worden und die Nazis hatten den Wasserturm, das Kesselhaus und das Gerätewerk gesprengt. Inzwischen war hier eine Wassermesserfabrik praktisch neu entstanden, die wesentlich moderner und zweckmäßiger anmutete. Auch sie war mit ihrem Produktionsvolumen die größte ihrer Art in Europa. Der Aufbau war in Wroclaw im vollen Gange, denn überall gab es neu errichtete Wohnviertel mit Kinos, Kulturstätten und Krankenhäusern. Mit eigenen Augen konnte ich sehen, wie an der Wiederherstellung der alten Kulturdenkmäler, wie dem weltbekannten Rathaus und dem Dom gearbeitet wurde und dass in der Universität des Landes wieder viel Leben herrschte.

Privatsammlung Tix

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Natürlich würde die Stadt nicht wie Phönix aus der Asche steigen, doch die Zahl von 400000 Einwohnern, die hier mittlerweile wieder lebten, bewies nachdrücklich, dass es keine „tote Stadt Breslau“ gab. Reinste Propaganda.
Und da waren ja auch noch die Menschen. Das Kriegsende lag gerade einmal acht Jahre zurück, jeder kannte nun die schrecklichen Geschichten über das Warschauer Ghetto oder Auschwitz, doch mit welcher Herzlichkeit wir hier empfangen wurden, haute mich schlichtweg um. Überall wimmelte es von begeisterten Jungs und Mädchen, die uns umringten und sogar mich – den Journalistenneuling – nach Autogrammen fragten. Ältere ehrwürdige Herren nahmen uns freundschaftlich in die Arme, sprachen immer wieder von den „guten Nachbarn“ und bildschöne Frauen in schicken Kleidern blinzelten uns zu. Das hatte ich nicht erwartet!
Erstmals begriff ich, dass diese Friedensfahrt nicht nur ein überragendes sportliches Ereignis war, sondern dass sie auch zur Verständigung zwischen den beiden Ländern diente und den Blick für das Neue öffnete.

Sportverlag Berlin

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Heute – in einem geeinten Europa – ist es für mich als „Breslauer Lerge“ nur noch ein Katzensprung in die Stadt an der Oder und wenn ich den Ring entlanglaufe, bin ich kein Heimwehtourist. Ich bin sogar regelrecht Stolz, dass dieses wunderschöne Wroclaw mit seinen zahlreichen Brücken nun Venedig Polens genannt wird. Die dortigen Bewohner kann man nur beglückwünschen, denn sie haben eine richtig gute Entscheidung bei der Wahl ihrer Heimat getroffen.

Hier gehts zum zweiten Teil von Breslauer Lerge und hier kann man den ersten Teil lesen.

Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel” bei amazon.de

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Das schnellste Faultier der Welt – WM 2014

7. März 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

2014-06-25 13.42.56Aua! Am nächsten Morgen geht es mir gar nicht gut. Sylvie weckt uns rabiat: „Steht auf ihr versoffenen Ärsche“, ruft sie grimmig. „In einer halben Stunde müssen wir aus dem Zimmer sein“. Dann ist es 11 Uhr. Nach nur vier Stunden Schlaf. „Außerdem fahre ich jetzt mit den anderen an den Strand und will euch bis 16 Uhr nicht mehr sehen. Ihr seid ja vielleicht zwei Kranke!“ Wir hatten bei unserer Rückkehr wohl ziemlich randaliert und sie mehrfach euphorisch aufgefordert, mitzufeiern – erfahre ich am Nachmittag, als sich die Wogen allmählich wieder geglättet haben.
Bis dahin esse ich mit rebellierendem Magen 120 Gramm leichte Kost in einem Kilo-Restaurant und lungere mit Erni im Schatten einer Palme am Stadtstrand herum, wenngleich mir auch dabei am Schädel fast die Schläfen platzen. Zudem habe ich mir beim nächtlichen Gekicke dicke Beine und zahlreiche Blasen erlaufen. Klassischer Suff-Kater, den man nur mit einem Konterbier lindern kann. Könnte.
Eine Sache ist trotz Vernebelung klar: Ich werde nicht allein nach Recife fahren, auch um meine Beziehung nicht wegen einer schnöden Fußballpartie aufs Spiel zu setzen. Zum einen ist dies unser gemeinsamer Jahresurlaub und außerdem fliegen wir in den tropischen Regenwald, an einen Ort, der an den schönsten Fluss-Stränden der Welt liegen soll. Auf der in Prospekten angepriesenen Ilha do Amor (Insel der Liebe) will ich auch meine wieder auffrischen.
In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies keine Reisereportagen seien. Doch wenn jemand statt zum WM-Spiel zwischen den USA und Deutschland in einen Wald an einem großen Fluss reist, um lieber darüber zu berichten, kann er seine Storys vielleicht auch irgendwann so nennen.
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Als wir um 19 Uhr abheben, dämmere ich weg und weiß, dass ich den ätzenden Tag heil überstanden habe. Falsch gedacht! Wir befinden uns nämlich in einer Art „Lumpensammler-Flug“, der auf dem Weg von Fortaleza nach Santarem zweimal zwischenlandet. Nach einer Stunde geht es bereits in den Sinkflug. Kurz bevor die klapprige Maschine (das Fahrwerk ist längst ausgefahren) den Boden berührt, gibt es einen ohrenbetäubenden Krach. Die zwei Düsen werden erneut angeschmissen und der Pilot startet durch. Ob es an meiner Müdigkeit liegt, mag ich nicht beurteilen, denn ich bleibe relativ ruhig, obwohl die Maschine nun regelrecht bebt und fast den Tower von São Luís streift. Vielleicht verspüre ich erstmals, dass der Tod allmählich seinen Schrecken verliert, wenn man schon so viele Jahre bewusst gelebt hat. Beim zweiten Versuch setzt die Todesangst wieder ein – so weltverliebt bin ich dann schon. Ich nehme Sylvies Hand in meine verschwitze. Sie schenkt mir ein herzzerreißendes Lächeln. Da ist nach den vielen gemeinsamen Jahren noch immer dieses Gefühl, so verliebt zu sein, dass einem die Oberschenkel schlottern.
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Nach einem weiteren wackeligen Zwischenstopp in Belem erreichen wir den Mini-Flughafen von Santarem mit zwei Stunden Verspätung um 2 Uhr nachts. Ich will nur noch pennen. Mein Rucksack ist der erste auf dem Band. Ich gehe hinaus, um eine zu paffen. Vor dem Empfangskiosk steht ein einziges Auto. Vor diesem wartet ein rundlicher Mann mit einem Schild vor der Brust. Darauf steht: „Sylvie“. Ein Wunder! Während der halsbrecherischen, dreißigminütigen Fahrt, die wir keineswegs in völliger Finsternis durch den Urwald hätten laufen können, erzählt sie ganz nebenbei, dass sie auf der Landebahn von Belem eine Nachricht an das Hotel gesandt hatte, damit die einen Fahrer senden. Wunderbare Frau!
In der Pousada do Mingote werden wir tatsächlich noch erwartet und die erste Nacht nimmt einen unerwarteten Verlauf, da es Erni nach nur fünf Minuten gelingt, das Klo (im Zimmer von Danny und Jenna) zu verstopfen, was eine Bergungsaktion mittels Kleiderbügeln, heißem Wasser, Fäusten und dann per Pümmel (uns fehlte das portugiesische Wort) durch eine angepisste Angestellte nach sich zieht. Derweil trinken wir dann doch mal ein Ankommens-Bier im tropischen Amazonien. Erst 4 Uhr nachts liegen wir in unseren Fallen. Endlich schlafen.
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Am Morgen erwachen wir zu unterschiedlichen Zeiten, erleben aber beim Betreten der Dachterrasse in etwa das gleiche Szenario. Es sind sonnige 30 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit und direkt unter uns befindet sich ein farbenfrohes Plätzchen. Die tropischen Bäume ringsherum sind mit Brasilien-Wimpeln und Fahnen geschmückt, so als fände die WM in diesem Urwaldkaff und nicht in Rio, Sao Paulo und Fortaleza statt. Auf einem der Bäume wohnt zudem ein fetter, graugrüner Leguan. Zur linken ist der Rio Tapajós (einer der größten Nebenflüsse des Amazonas) nicht zu übersehen und rechterhand befindet sich der Lago Verde (Grüner See) mit seiner berühmten Liebesinsel. Befände (!), denn diese fehlt im Bild. Noch schlimmer: Es sind überhaupt keine Sandstrände und eben auch kein paradiesisches Eiland zu sehen. Lediglich die Spitzen einiger schilfbedeckter Restaurants ragen aus dem Wasser und selbst die nahegelegene Strandpromenade ist total überflutet. Autsch! Wir sind zur falschen Jahreszeit gekommen.
Was macht man in so einer beschissenen Situation ohne Badestelle und Pool, wenn der Stern von oben erbarmungslos knallt? Falsch, nicht sinnlos saufen! Ich spüre Sylvies Bereitschaft zur Hingabe und im Bett finden wir dann endlich die gesuchte Liebesinsel. Ein Statement, denn erst kurz vor 17 Uhr wird Bier vor einer Leinwand inmitten von 80 hibbeligen Dorfbewohnern geordert. Brasilien spielt gegen Kamerun – und muss gewinnen, damit es nicht peinlich wird. Die Atmosphäre erinnert mich stark an die WM 2006, die wir ja ebenso als Gäste in diesem Land verbracht hatten. Wie damals sind die Kneipen und Bars nur dann rappelvoll, wenn die Selesao spielt oder schnulzige Telenovelas laufen.
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Auch heute legen die Einheimischen den Schalter augenblicklich um und drehen durch als gebe es kein Morgen. Sogar diese spöttische Siegesgewissheit ist nach etlichen titellosen Jahren und bisher mäßigen WM-Ergebnissen geblieben. „Wir holen den Titel nach Hause, keine Frage“, geben uns alle schulterzuckend zu verstehen. Ihr Lieblingsgegner im Finale wäre Uruguay, da sie mit denen noch ein uraltes Hühnchen zu rupfen hätten.
In Alter do Chao treffen wir nur einen melancholischen Portugiesen namens Joao. Ansonsten sind wir hier die einzigen ausländischen Touristen, denn eines hatte ich – neben der fehlenden Hochwasserinformation – nicht bedacht: Wer macht gerade schon Urlaub in diesem Land abseits der Spielorte? Niemand. Alle Hotels sind stark unterbelegt. Böller explodieren, Raketen steigen in die Luft – das Spiel beginnt.
Um es kurz zu machen: Brasilien gewinnt locker mit 4:1 und wird als Gruppensieger auf Chile im Achtelfinale treffen. Allerdings fehlen mir beim Heimteam irgendwie der Spielwitz und die Leichtigkeit, um auch mich das glauben zu lassen. Lediglich der Doppeltorschütze Neymar ist einer, der an die glorreichen Zeiten erinnert. Mit Fred, Hulk und Co. haben sie diesmal eher Stolper-Marios und Kampfmaschinen in ihrem Team. Joao behauptet sogar, dass der extrovertierte Scolari das schlechte WM-Team seit 60 Jahren zusammengestellt hat, das nie und nimmer den Titel holen wird. „Hoffentlich fliegen die bald raus“, ruft er nicht ohne Kolonialmacht-Häme, was ich aufgrund der dann fehlenden Stimmung, nicht unbedingt herbeisehne. Fiese Böller explodieren, Leuchtraketen steigen in die Luft, ein frenetischer Kleinstadt-Mob zieht fahnenschenkend um den Hauptplatz – das Nachspiel beginnt.
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Warum mache ich eigentlich zum zehnten Mal eine Dschungeltour in Südamerika, obwohl sich die Abläufe fast immer gleichen? Die Antwort ist simpel: man taucht sofort in eine andere Welt ein. Der tropische Regenwald steht im krassen Gegensatz zu meinem intensiven Großstadtleben und Arbeitsalltag. Augenblicklich verspüre ich auf diesen Trips keinerlei Hektik, Gestank und Zivilisationsmief mehr.
Heute tuckern wir zusammen mit Joao und Führer Pepe auf dem spiegelglatten Lago Verde herum und holen uns schnell feuchte Schwitzränder in den Achseln bevor wir in ein schmales Kanu mit erheblichen Tiefgang wechseln und in ein Kanalsystem abbiegen. Wir sitzen hintereinander und immer, wenn sich einer in der Nussschale bewegt, schwappt Wasser über die Kanten. An einigen Stellen ist das Geäst so dicht, dass wir durch Mangroven-Tunnel hindurchstaken müssen. Bäume neigen sich über den Fluss. Zudem gibt es überall stachelige Dornen-Palmen und Schnittgräser, die auf Danny und Erni eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Sie bluten schon bald aus etlichen Rissen an Händen und Armen. In den Wäldern herrscht unfassbare Stille, obwohl wir uns in einem Gebiet befinden, in dem es eine Million verschiedener Insektenarten geben soll. Als wir die Waldesruhe verlassen, wird uns sofort wieder die atemberaubende Farbenvielfalt Brasiliens um die Ohren gehauen. Pepe erklärt in holprigem Englisch, dass im Amazonasbecken etwa ein Viertel der weltweit vorkommenden Pflanzen und Tiere ihr Zuhause haben, wobei uns die allermeisten Spezies verborgen bleiben. Zumindest entdecken wir sonnentankende Schildkröten, blaue Frösche, grüne Echsen und unzählige schwarz-gelbe Dynamo-Dresden-BVB-Vögel. Die ersten Stunden sitze ich fast wortlos im Kanu und nur das Gezwitscher und Zoomgeräusche einer Kamera durchbrechen die atmosphärische Stille. Bis das Handy des Führers läutet. Mobiltelefone sind doch Scheiße mitten im Regenwald!
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Wir steigen auf ein Motorboot um und fahren den gigantischen Rio Tapajos in Ufernähe entlang. Der grünblau schimmernde Fluss könnte auch ein Meer sein. An einigen Stellen ist er mit 12 Kilometern breiter als der Amazonas. Die Mittagspause sollte eigentlich ein Badevergnügen beinhalten, aber der (angeblich) feinkörnige Sandstrand ist hier nur auf den käuflich zu erwerbenden Postkarten vorhanden. Das Wasser ist dennoch glasklar, aber so richtig traut sich keiner hinein.
Danach queren wir den riesigen Strom und erleben ein nächstes Wunder der Natur. Es sind heute 32 Grad Celsius bei 80 % Luftfeuchtigkeit. Doch kaum hat Pepe den Motor angeworfen, beginnen wir tatsächlich zu frieren. Wind und Wellen nehmen stetig zu und der Himmel öffnet, aus urplötzlich aufgetauchten dunklen Wolken, seine dicktropfigen Regenwald-Schleusen. Zusätzlich – das Boot ist erstaunlich schnell (und unbequem) – schwappen uns Gischt-Fontänen ununterbrochen auf die Schenkel. Sylvie und Danny am Bug zittern wie Espenlaub und wickeln sich bibbernd in Badehandtücher ein, die nun doch noch einen Nutzen finden.
Als wir endlich ein Gebiet, mit durch das Hochwasser entstandenen Inseln erreichen, steht die Sonne wieder hoch am Himmel und lässt die Wasseroberfläche silbrig glitzern. Das Nass in den Klamotten verdampft in Minuten. Um uns herum bedecken nun hunderte grüne Teller, manche mit einem Durchmesser von fast zwei Metern, das Gewässer. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten der Amazonas-Seerose. Gleichzeitig erleben wir eine gigantische Vogelschau. Ornithologen würden einen Herzkasper kriegen, denn so viele Wasser-, See-, Greif- und Singvögeln habe ich noch nie zuvor auf einem Flecken gesichtet. Langsam gehen mir auf Reisen die Superlative aus. Auch mehrere der fast urzeitlich wirkenden Hoatzins (Stinkvögel), mit roten Augen und wilden Hauben auf dem Kopf, sehe ich erstmals im Leben.
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Mitten in diesen Lagunen erreichen wir ein Haus auf Stelzen, welches dort wie ein Ufo aus den Fluten ragt. Dort, am Arsch der Welt, wohnt ein altes, zivilisationsmüdes Ehepaar. In „Normalzeiten“ steht ihre Behausung, wie die Kirche gegenüber (von der nur das Kreuz aus dem Wasser ragt) auf einer Insel mit festem Grund. Doch momentan leben die wunderlichen Greise inmitten einer Seenlandschaft und das nächste bewohnte Haus ist weit entfernt. Der Alte plappert sofort drauflos, während Pepe übersetzt. Seit über 40 Jahren leben sie nun schon glücklich und zufrieden hier draußen am Fluss und haben es noch nicht einmal bereut, der restlichen Menschheit „Adeus“ gesagt zu haben.
Das Gebiet um die Hütte befindet sich durch die Flut in einer Mischwasser-Zone mit einer großen Piranha-Population. Im klaren Rio Tapojos kommen die aggressiven Fieslinge sonst eher selten vor. Besonders an der überschwemmten Jesuiten-Kirche wären die rotbauchigen Aasfresser gerade in regelrechten Schwärmen unterwegs. Das rustikale Wohnhaus des Ehepaares ist daher per wackeliger Holzstege mit Schuppen und Hühnerstall verbunden. Ihre eierlegendes Hennen und der ulkig rülpsende Hund würde sonst schnell von unten angeknabbert werden. Vermuten wir.
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Auch zur Toilette, deren Abfluss direkt in den See führt, gelangt man nur über solch ein schmales Brett. Sylvie muss mal und balanciert mit wackeligen Knien hinüber. Wir nippen derweil an gereichtem Tee. „Aus welchem Wasser ist der denn gebrüht?”, murmelt Jenna, während ich dem vielstimmigen Vogelkonzert lausche – bis es hinter uns mit lautem Getöse „Platsch“ macht. Eine weibliche Stimme brüllt: „Ist doch Kacke!“ Den Rückweg hatte Sylvie dann doch nicht gepackt. Die Szene hat Wucht, denn sie schwimmt in der Fisch- und Klobrühe unterhalb des Stegs und schimpft wie ein Rohrspatz. Aber nicht über die „Süßwasser-Hyänen“, die sie wahrscheinlich gerade von unten begutachten, sondern über die Tatsache, dass sie heute bereits ein zweites Mal klitschnass geworden ist.
Ich greife ihre Hand und hole sie mit einem Ruck zurück auf den Anleger. „Sind ja noch alle Zehen dran“, rufe ich beim Betrachten der kleinen Füße. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich tot, doch als ich sie umarme, lächelt sie und flüstert: „Mal sehen, ob wir in 30 Jahren auch noch so glücklich, wie die Alten zusammen sind.“ „Die streiten bestimmt ganz fürchterlich sobald wir die Hütte verlassen haben“, antworte ich und weiß wieder einmal, dass Sylvie die End-Richtige ist.
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Ein bisschen sind Opa und Oma dann doch an den Tourismus angewiesen, denn mit ihrem Kahn, der diesen Booten im Spreewald gleicht, stakt uns Pepe in den stark zu gewucherten Regenwald auf der Suche nach Preguiças oder Sloths, wobei wir weder das portugiesische noch englische Wort übersetzen können – das macht die Sache spannend. Ich war eigentlich der Meinung, in Südamerika schon alle spektakulären Tiere gesehen zu haben, seien es Lamas, Pinguine, Gürteltiere, Ameisenbären, Tukane, Tapire, Kondore, Brüllaffen, Riesenotter, Kaimane, Pumas, Schlangen, Spinnen und so weiter. Sogar seltene Arten wie Rosa-Flussdelfine, hyazinthfarbene Aras und ein Jaguar stehen auf meiner Lebensliste. Doch als ich das zottelige Wollknäul heute das erste Mal sehe, weiß ich, dass eine Spezies bisher noch fehlte: das Faultier. In den Baumkronen über uns entdecken wir bald etliche dieser, sich nur in Super-Zeitlupe bewegenden Viecher kopfunter. Eines hält sogar ein faules Baby mit seinen drei Krallen am Körper fest. Filmaufnahmen sehen nun aus wie Standbilder und lediglich die wehenden Zweige zeugen davon, dass dem nicht so ist. Dennoch fantastisch, da die Tiere mit ihren kleinen, runden Köpfen und den Popper- oder Topfschnitt-Frisuren fast menschlich Züge haben.
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Zurück bei den Aussteigern sehen wir, dass sie sich mittlerweile diesem Tempo angepasst haben. Beide liegen schnarchend in einer Hängematte. Pepe legt Geld für den Boot-Verleih in eine Schale und fährt uns zurück auf den Fluss. Unser letzter Stopp soll ein Spot im „Floresta Nacional do Tapajos“ (Nationalpark) sein, von dem wir mit Herrscherblick den Sonnenuntergang beobachten wollen. Nach einer Stunde würgt Pepe den Motor ab und wenige Zeit später fällt dieser komplett aus. Kein Problem, da wir in Ufernähe sind und per Paddel schnell an jenes gelangen. Allerdings befinden wir uns nun weit von Alter do Chao entfernt, erklärt Pepe und zückt sein Smartphone. Wie krass: noch vor wenigen Jahren wären wir hier hilflos gestrandet und nun (es gibt in der Nähe sogar einen Funk-Mast) plappert unser Führer munter drauflos. Kompliziert wird es dennoch. Joao übersetzt, dass uns heute kein anderes Boot mehr abholen wird. Wir könnten entweder in finsterer Nacht drei Stunden durch den Dschungel zurücklaufen oder in einem in der Nähe befindlichen Indio-Dorf übernachten. Bei der Abstimmung zeigt sich, wer die Mädchen in unserer Truppe sind (eher die Jungs). Fuck! Das alles erinnert mich extrem an ein Dover-Konzert. Erst alles Scheiße, dann alles himmelhöllengut. Eine Mehrheit einigt sich diesmals aufs Dschungelcamp.

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Das 20 Minuten entfernte Urwalddorf ist jedoch keine Ansammlung von Stroh-Hütten vor denen halbnackte Bewohner mit Speeren um ein Lagerfeuer tanzen, sondern ein Ort mit Holzhäusern am Fluss, das durch eine unbefestigte Straße mit der Außenwelt verbunden ist. Wir sehen Kinder mit Handys und werden von einem Typen, der ein Tablet in der Hand hält, empfangen. Nach einer professionellen Verhandlung können wir für 5,- US-Dollar pro Person seine Gäste sein. In dem gemauerten Zimmer liegen sechs muffige Matratzen mit Bettlaken und es gibt sogar ein annehmbares Plumsklo. Ein bisschen sieht die Sache nun wie arrangiert aus. Nur die dunkeläugigen Kinder in raffiniert geschnittenen Kautschuk-Sandalen, welche uns wie weiße Außerirdische anstarren, erinnern daran, dass diese Zwischen-Übernachtung wohl doch eher Zufall war. Schnell haben sie Vertrauen gefasst und zeigen uns eine dicke Würgeschlange, die sich in der Nähe um einen Plastikstuhl gewunden hat. Mangos, Melonen, Ananas und Stinkfrüchte gedeihen dort. Auch auf den, mit kniehohem Gras überwucherten, Fußballplatz werden wir gelotst und müssen ein paar haltbare Treffer kassieren, um sie kreischend-glücklich zu machen. Es gibt sogar eine wackelige, hölzerne Tribüne, die etwa 12 Dauerkartenbesitzern – oder eben den Dorfältesten – Platz bietet.
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Nach einem scharf-würzigen Mahl aus Reis mit Fleisch, welches niemals Hühnchen ist (Faultierpastete – vermutet Erni) versiegeln wir uns mit Cachaça in einer Open-Air-Bar, die per Generator mit fahlem Licht versorgt wird und einen antiken Billardtisch beherbergt. Insekten zerplatzen knallend an der herunterhängenden Glühbirne. So ist er also, der Dschungel des 21. Jahrhunderts. Versaut? Banal? Unspektakulär? Nein! Wir fühlen uns sauwohl und schlafen trotz unheimlicher Geräusche in diesem Loch von einem Zimmer – mit Spinnen, Kakerlaken und Dreck – wie Steine.
Da wir nun schon mal hier sind, organisiert Pepe einen Einheimischen, der uns auf eine Dschungeltour mitnimmt. Bereits nach wenigen Minuten schlägt er Schneisen in den fast undurchdringlichen Regenwald, damit wir gigantische Bäume mit 10 Meter dicken Stämmen entdecken und an knallbunten Blüten riechen können, die zuvor von anderen Pflanzen überdeckt waren. Manchmal scheint der Boden gar keinen Platz für all diesen Bewuchs zu haben. Die Frauen fotografieren krasse Früchte und Insekten, die es wahrscheinlich nur hier gibt. Der brasilianische Amazonas-Urwald ist botanischer Garten, Restaurant und Apotheke. Und Weltwunder! Als wir eine steile Erhebung erklimmen und den nebeligen Regenwald von oben betrachten, könnte ich heulen vor Lebensglück. Ein Tukan schaut neugierig herüber bevor er abhebt.
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Auf dem Rückweg beginnt es in einem Wolkenbruch so heftig zu schütten, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Donner rollt über uns hinweg. Okay, wir müffeln alle, aber es müssen ja nicht gleich 200-Liter-Eimer über einem ausgegossen werden. Alles was wir anhaben, aber auch das, was sich in den Taschen der Hosen befindet, wird auswring-nass. Mittlerweile rennen wir mit wassergefüllten Schuhen durch den Wald, doch der Indio-Führer ruft uns zurück. In Augenhöhe greift er in einen Strauch und holt ein glitschiges Tier zum Vorschein. Es ist ein Dreifinger-Faultier mit prägnanten Gesichtszügen. Hape 36 (taufen wir ihn später) wedelt bedächtig mit den Armen und grinst dabei unsicher. Sein zottlig-graues Fell, auf dem hunderte kleiner Insekten hausen, scheint regelrecht zu dampfen und schimmert leicht grünlich. Fast sieht es so aus, als ob auch diverse Algenkulturen auf ihm gedeihen. Niemand möchte den lustigen Müßiggänger anfassen oder gar streicheln.

„Achtung, da kommt jemand!“, ruft Danny, und obwohl das nicht stimmt, setzt der Typ das verstörte Vieh zurück in einen Baum. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Kerkeling sprintet den Stamm regelrecht empor.
IMG_6122 Im Verlauf eines Tages bewegen sich Faultiere meist weniger als 36 Meter, wissen wir längst durch Joao. Wir sehen also gerade 20 davon und somit das vermutlich schnellste Faultier der Welt. Gebannt beobachten wir die hektischen Bewegungen, bis dem Spaßvogel wieder einfällt, dass er ja eigentlich ein stoffwechselarmes Zeitlupen-Wesens ist.
Als wir das Dorf erreichen, hört es von einem auf den anderen Moment auf zu regnen und nur wenig später bringt uns Pepe per Ersatzmotor zurück in die Zivilisation, die sich noch immer inmitten des Amazonas-Beckens – also im Nirgendwo – befindet.
Was für eine spektakuläre Welt. Wie unwichtig und unbedeutend eine Fußball-WM doch manchmal sein kann. Ich freue mich schon riesig auf die Achtelfinals!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika – Update
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Hörbuch-Release-Party “Berlin Skurril” am 4. März 2016 mit Doris Lautenbach

2. März 2016 | von | Kategorie: Aktuelles

berlin-skurril2-einladungskarte-back-1024x1024Das Michelberger Hotel mit seinem Whiskey Room ist mit Sicherheit der allerschönste Ort, den ich mir für eine Release Party meiner Lesebühnen-Kollegin Doris Lautenbach vorstellen kann. Kommt vorbei und staunt!
Wann: 4. März 2016 ab 20 Uhr
Wo: Michelsberger Hotel, Warschauer Str. 39, Bln.
Wer: Die unglaubliche Doris Lautenbach
Was: Hörbuch-Release-Party “Berlin Skurril”
Kosten: Null nüscht

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Breslauer Lerge. Kurz vor der Hölle – Teil 2

1. März 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog
Historische Postkarte

Historische Postkarte

Mein Sohn Klaus war etwa 13 Jahre, als mich einmal mein alter Kumpel Heinz Sachse in Berlin besuchte. Wir redeten in der Küche stundenlang über unsere Jugend und den Krieg – und haben uns kaputtgelacht! Klaus sagte am nächsten Tag bestürzt: „Also wenn man euch so reden hört, wünscht man sich ja fast, dass wieder Krieg ist.“ Ich verstand was er meinte, doch wenn man so eine schlimme Zeit überlebt hatte, will man das Erlebte verdrängen und redet nur noch über die schönen Dinge.

Bei Hitlers Machtantritt 1933 war ich noch keine acht Jahre alt. Zur damaligen Zeit war ich in den Augen der neuen Machthaber ein so genannter „Vierteljude“, da ein jeder Deutsche dazu verpflichtet wurde, seinen Stammbaum drei Generationen zurück nachzuweisen. Mein Großvater mütterlicherseits, der die Nazi-Zeit glücklicherweise nicht mehr erleben musste, war Jude und trug zudem mit „Kohn“ einen typisch jüdischen Namen. Zunächst bekamen wir keine Probleme. Dennoch erinnere ich mich an jenen Novembertag ’38, als man sich überall erzählte, dass die Synagoge in Brand gesteckt wurde und die eintreffende Feuerwehr nur das daneben liegende Polizeipräsidium vor den Flammen geschützt hatte. Ich weiß noch, dass es nach dieser Nacht unzählige jüdische Läden am Ring nicht mehr gab. Auch waren plötzlich einige Nachbarn „umgezogen“ und meine Eltern tuschelten nun öfter in der Küche.

Privatsammlung Höcker

Privatsammlung Höcker

Tante Agnes klebte sich sogar „arisch“ unter „Kohn“ auf das Klingelschild, damit man sie in Ruhe ließ. Ich verstand das alles nicht, auch nicht, dass sie mir immer, wenn ich in HJ-Uniform bei ihr erschien, mit dem Nudelholz hinterher rannte. Ich dachte, sie mache Spaß, denn ich war ja ein glühender Anhänger und marschierte mit meiner Gefolgschaft immer singend durch die Straßen. Meine Jugend war also eher eine Mischung aus Schule, Schwimmverein und dieser neuen Gemeinschaft der Hitlerjugend.
Ich sah darin nichts Verwerfliches, denn viele Lehrer, Radiosendungen und Zeitungsberichte ließen mich glauben, dass es nichts Ehrenwerteres gäbe.

Zu Hitlers Geburtstag bekamen wir immer eine Bockwurst mit Brötchen und als er 1934 einmal zu Besuch nach Breslau kam, war das ein gigantisches Volksfest. Überall hingen Transparente, unzählige Buden waren aufgebaut und fast alle schwenkten Hakenkreuzfähnchen hinter den Absperrungen der SA-Truppen. Unzählige BdM-Mädels mit geflochtenen Zöpfen versammelten sich vor dem Rathaus und Kreischten: „Lieber Führer sei so nett, komm zu uns ans Fensterbrett. Heil, Heil, Heil.“ Unvorstellbar? Nein! Auch ich reckte den rechten Arm zum „Deutschen Gruß“, als er dann endlich erschien.

Historische Postkarte

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Natürlich wunderte ich mich, dass meine Eltern diese Euphorie nie teilten und erst Jahre später ahnte ich, dass sie mit einem stolzen Hitlerjungen als Sohn nicht über politische Einstellungen haben sprechen können – es wäre für uns durchaus gefährlich gewesen, wenn ich mich in der Schule verplappert hätte.
Meinem Vater, dem langjährigen SPD-Mann und Gewerkschafter war das Hitlerbild, welches ich in der Stube anbringen lassen wollte, gleich zweimal heruntergefallen. Er war eigentlich ein Handwerker mit „goldenen Händen“ und ich begriff nicht, dass es pure Absicht gewesen war. Der „Führer“ hatte bei uns nichts zu suchen und auch in der Nachbarschaft grüßte man sich weiterhin mit „Guten Tag“ statt mit „Heil Hitler“.

Um zu beschreiben, wie schwierig es für mich war, diese Welt zu verstehen, ein Beispiel aus späteren Zeiten: Auf einer Messe traf ich jemanden, der Goldmann hieß. Schnell stellte sich heraus, dass auch er eine „Breslauer Lerge“ war. Mit dem Wissen über Verfolgung und KZs fragte ich etwas genauer nach, da der jüdische Name Goldmann in der damaligen Zeit praktisch nicht mehr existierte. Bis er erwähnte, dass er damals noch Quiel hieß. Ich schaute ihn an und rief: „Mensch du bist das! HJ-Gefolgschaft 27.“

Historische Postkarte

Historische Postkarte

Obwohl die Kriegsvorbereitungen überall in vollem Gange waren, lebten wir auch zu dieser Zeit – gefühlt – in einer normalen Welt. Im September 1939 spielte mein Vater mit einem Kollegen und Rudi, dem Freund von Tante Agnes, bei uns zu Hause Skat, als wir im Hof militärisches Stiefeltrampeln hörten. „Jetzt hol´n se mich“, rief Vater und tatsächlich hievte er noch an diesem Abend den Pappkarton vom Schrank in dem seine Wehrmachts-Uniform lag und zog wenige Tage später in seinen zweiten Krieg. In den folgenden Monaten stimmten die Erfolgsmeldungen aus unserem Volksempfänger noch mit den Berichten meines Vaters überein. Wir bekamen unzählige Briefe, in denen er uns schrieb, dass es ihm gut ginge und der Krieg bald gewonnen sei. Als er das erste Mal auf Heimaturlaub am Breslauer Hauptbahnhof ankam, sah er aus wie ein „Paket auf zwei Beinen“, so viele Geschenke brachte er mit. Sogar eine geschlachtete Ziege, die wir in einem großen Fest mit den Nachbarn verspeisten, schleppte er in einem Zinkeimer an. Auch für Familien von Freunden, die mit ihm an der Front waren, hatte er stets etwas dabei. Als ich nach dem Krieg einmal bei Heinz Schreckenbach in Westdeutschland klingelte und „einen schönen Gruß von Bruno Schubert“ bestellte, rief seine Frau aus der Küche: „Ach der Horst – das ist ja schön!“ Sie kannte mich nur, weil ich als Jugendlicher zweimal die Präsente meines Vaters vorbeigebracht hatte.

Privatsammlung Höcker

Privatsammlung Höcker

Ich wurde zunächst von der Hydrometer AG nach der Ausbildung übernommen und 1942 zum Reichsarbeitsdienst in den Sudetengau nach Wichstadl einbestellt. Auch wenn wir dort Bäume fällten und Gräben aushuben, war der „Ehrendienst am deutschen Volke“ militärisch organisiert. In erdbrauner Uniform und mit einer Mütze, die wir aufgrund ihrer Form „Arsch mit Griff“ nannten, sollten wir Achtung vor körperlicher Arbeit bekommen. Ich machte mich wohl ganz gut, denn man wollte mich als Ausbilder da behalten. Eines Tages rief mich der Oberfeldmeister zu sich und sagte mir ab, da ich ja wohl ein „Nichtarier“ sei. Ich akzeptierte es, ohne zu hinterfragen, warum nur Leute mit „Ariernachweis“ andere Menschen ausbilden dürfen. Wahrscheinlich war es mir sogar recht, denn ich wollte ja sowieso lieber als Technischer Zeichner arbeiten.

Doch Ende 1942 kam der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht.
Am ersten Tag mussten wir uns um 10 Uhr im Wehrbezirkskommando melden und da ich meinen Kumpel Edmund Schuster unterwegs traf, verquatschten wir uns, sodass wir zu spät erschienen. Der Buchstabe „S“ war schon durch und so saßen bald nur noch wir auf den Bänken im Gang. Ein Offizier kam heraus und rief: „Ist hier noch jemand, der nicht aufgerufen wurde?“ „Ja, wir!“, nuschelten wir kleinlaut. Wir hatten mitbekommen, dass bisher alle nach Brieg, unweit von Breslau, einberufen wurden.

Historische Postkarte

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„Na das passt ja“, rief er, „ich brauche noch zwei Leute für die Kaserne in Breslau am Schwimmstadion.“ Wir schmunzelten und freuten uns, dass Zuspätkommen beim Militär sogar noch belohnt wurde. Gut gelaunt fuhren wir los, doch der Posten am Eingangstor sagte verwundert: „Die Ausbildungskompanie ist nicht mehr hier.“ „Wo ist die denn jetzt?“, fragte ich entsetzt. „Na in der Kürassierkaserne.“ Volltreffer! Das war in unmittelbarer Nähe von meinem Zuhause – besser hätte es nicht laufen können. Als wir die Anlage erreichten, war es bereits später Nachmittag. Wir meldeten uns beim Hauptfeldwebel, der uns mit den Worten begrüßte: „Unsere Rekruten beginnen doch erst nächste Woche.“ Edmund reagierte trocken: „Das ist ja nicht so schlimm, dann kommen wir eben erst nächste Woche wieder.“ „Nee, nee Jungs, wer hier einmal hineingekommen ist, kommt so schnell nicht wieder raus“, antwortete der neue Vorgesetzte grinsend.

In der Kleiderkammer händigten sie uns die Uniform und alle anderen Utensilien aus, doch als wir unsere Stube betraten, beobachteten wir, dass nach und nach die Leute die Kaserne wieder verließen. Ungläubig fragte ich einen Kerl: „Habt ihr denn Ausgang?“ Er antwortete beiläufig: „Bei uns gibt es keinen Ausgang. Wir haben um 18 Uhr Dienstschluss.“ Wir schlussfolgerten also: da hier viele Bedienstete in der Verwaltung arbeiteten, die einfach nach Hause gingen, fielen sicher auch Rekruten gar nicht auf, wenn sie abends durchs Tor marschierten. „Ihr müsst bloß Glück haben, dass nicht gerade Alarm ist und vor 24 Uhr zurück sein.“ Ich hatte an jenem Tag um 9 Uhr die elterliche Wohnung verlassen und stand also abends um 19 Uhr bei meiner Mutter vor der Tür und fragte, was es zu Essen gäbe. Nachdem sie den Schreck überwunden hatte und ich ihr klarmachte, dass ich nicht desertiert wäre, stellte sie mir glücklich lächelnd einen Teller Bohnensuppe vor die Nase.
Das war also die Wehrmacht. Eine Art Cowboy- und Indianerspiel, bei dem es einfach nur darum ging, Glück zu haben und möglichst clever zu sein. Im Prinzip alles ganz simpel!

Historische Postkarte

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Im Februar 1943 brüllte Goebbels im Berliner Sportpalast, seine berühmt berüchtigten Worte: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ und Anfang März, ich war noch keine 18 Jahre, saß ich in einem Zug gen Russland auf dem Weg an die Ostfront. Beim Abschied hatte ich meine Mutter sehr lange umarmt und ihr ins Ohr geflüstert: „Jetzt ist der Vater bald zu Hause, denn nun kommen wir ja und machen Schluss!“ Ich ahnte nicht, dass mich nun die Hölle auf Erden erwarten würde, dass ich meine Eltern und die geliebte Heimatstadt sehr lange nicht mehr sehen würde. An diesem Tag wurde mir ein Stück meiner Identität, ein Teil meiner Vergangenheit und für lange Zeit auch das Gefühl der Geborgenheit genommen.

…lest auch im dritten und letzten Teil dieser Leseprobe wie Schubert 1953 die Rückkehr in seine Heimatstadt erlebte.

Hier gehts zurück zum ersten Teil und zum Weiterlesen: Alles ganz simpel
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