Archive for Februar 2016

Halbgare Gürteltiere in Tikal – Guatemala zur WM 2002

26. Februar 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Wir Tikal„Wisst ihr eigentlich, wo das Abflussrohr endet?“, brüllt uns Jenna vom Steg aus zu. „Dort, wo ihr gerade schwimmt!“ Wir zeigen ihm ein Fuckoff und gleiten weiter über den malerischen See. Der Lago de Peten-Itza ist kilometerlang, das wird sich schon einigermaßen verteilen. „Ich war aber gerade auf dem Klo!“, fügt unser Freund lachend hinzu. Göte und ich paddeln merklich schneller in Richtung der Seerosen.
Flores liegt auf einer kleinen Insel und ist nur durch einen Damm mit dem Festland verbunden. Obwohl sämtliche Spuren der ehemaligen Maya-Bewohner vernichtet wurden, ist es wunderschön. An den schmalen, gepflasterten Straßen haben sich kleine Hotels und Restaurants angesiedelt und der Hauptplatz mit der Kirche liegt auf einem Hügel im Zentrum.

Miguel hatte uns vor einem Haus auf der Westseite abgesetzt und während die Jungs mit ihm noch ein „Gallo“ trinken, übernehme ich die Verhandlungen. Eigentlich haben wir es längst nicht mehr nötig, um Zimmerpreise zu feilschen. Doch gerade ich hatte dies, durch viele Reisen mit finanziellen Engpässen, so sehr verinnerlicht, dass ich auch hier nicht anders kann. Jenna muss die Flüche der Frau gehört haben und erkundigt sich bei mir, welchen Preis ich für den Raum mit Seeblick ausgemacht habe. „Na, die wollte erst 50 Dollar, also 40 Quetzal“, sage ich empört. „Und jetzt seid ihr bei?“, fragt er gespannt. „Na bei der Hälfte, 20 von den komischen Dingern.“ Jenna grinst: „Du weißt aber schon, das 20 Quetzal nur 2,50 Dollar sind?“
‚Ach du Scheiße’, denke ich. Ich hatte mich durch die vielen Wechselkurse total vertan und schäme mich regelrecht. Eine weltweit bekannte Backpackergruppe steht normalerweise für das Handeln bis aufs Blut und nun komme ich mir selbst wie einer von ihnen vor. Ich entschuldige mich kleinlaut bei der alten Dame und sage ihr, dass wir selbstverständlich die 40 für das Dreibettzimmer zahlen würden. Nun schaut sie mich allerdings an, als ob ich dämlich wäre.
2004 Guate Flores
Wir spülen uns mögliche Fäkalien vom Körper, auch wenn die Dusche vom Wasser des Sees gespeist wird und gehen gemeinsam zum Abendessen in ein uriges Restaurant. Obwohl wir nicht alles, was auf der Karte steht, korrekt übersetzen können, ahnen wir, dass die Speisen ein Querschnitt der heimischen Tierwelt sind. Aus der Küche meinen wir das Knacken eines Panzers zu hören, denn Jenna hatte sich sofort für das „Armadillo“ (Gürteltier) entschieden. Göte und ich wollen uns ein „Tepezcuintle“ (ein kaninchengroßes Nagetier) und „Venado“ (Wild) teilen. Die „Pizotes“ (Nasenbären) müsse man leider vorbestellen. Nein, wir verspeisen nicht die letzten ihrer Art. Die Viecher sollen hier noch in großer Zahl im Dschungel herumlaufen. Mittlerweile verstehen wir uns wieder ganz gut und haben uns damit arrangiert, dass wir diesmal nur zu dritt unterwegs sind. Wie in alten Zeiten, liefern sich meine Freunde einen köstlichen Dialog bezüglich der Chilisoße.
Göte: „Aber Jenna, ich kann nicht verstehen, warum du immer solche Schärfe rein bringst?“; Jenna: „Die Schärfe bringt ihr beiden doch rein. Muss ich mir denn alles gefallen lassen“; Göte: „Ich hab doch da jetzt keine Schärfe rein gebracht!“;
Jenna: „Ja, du nicht! Du sitzt hier bequem auf deinem Stuhl, hast drei Gallo getrunken und bist schön locker.“
Zum x-ten Mal stoßen wir auf Rudi Völlers Wutrede an und bis weit nach Mitternacht sitzen wir am Ufer des Sees und quatschen über alte Zeiten. Als Göte bereits schlafen gegangen ist, hören wir ganz in der Nähe Musik. Wir kennen die Band und werden magisch hinaus in die Nacht gezogen. Auch in Guatemala spielen sie also „Maná“. Wir stellen zwar fest, dass die immer schnulziger klingen, dennoch ist die Disko ein guter Ort, um noch diverse rumhaltige Mixgetränke zu testen. Jenna genehmigt sich zudem drei Schnäpse pur. Wegen des nur halbgaren Gürteltiers hatte er beschlossen, sich sicherheitshalber „zu versiegeln“.
Wir Kneipe
Es war ihm nicht gelungen. Ganz im Gegenteil. Kurz vor 6 Uhr meckert Göte ihn an: „In fünf Minuten fahren wir ab!“ Der arme Kerl sitzt auf dem Klo und hält den Kopf über das Waschbecken. Seit zehn Minuten entleert er sich nun schon aus zwei Körperöffnungen gleichzeitig. Mit verquollenem Gesicht besteigt er den Minibus. Es geht zu den Maya-Pyramiden von Tikal, dem Highlight unserer diesjährigen Reise. „Ihr hättet mich ja ruhig mal früher wecken können. Ich konnte mir nicht mal die Lunge bräunen“, schnauzt er mürrisch. Er müffelt ein bisschen, doch auch ich schwitze gerade literweise Alkohol aus. Gestern Nacht hatte ich zudem den „Scheppert“ gemacht. Das war schon zum geflügelten Wort geworden, wenn man einfach aufsteht, geht und zu wenig bezahlt. Jenna bekommt noch Geld von mir.
Nur Göte scheint es gut zu gehen. Er unterhält sich hinter uns angeregt mit zwei britischen Paaren. Mein Freund kann sich fast akzentfrei verständigen. Dafür spreche ich besser Spanisch als der Amerikaner, der vorne hockt und den Fahrer ununterbrochen mit seinem Wissen über „Teicel“ nervt. Der schweigt jedoch eisern und lädt kurz hinter der Stadt noch einen Kumpel ein, der sich zwischen Jenna und mich quetscht. Von hinten bekomme ich nur Gesprächsfetzen mit.
Tikal
Anscheinend fragen die Engländer, ob eigentlich alle Deutschen so pünktlich und penibel wären, wie die, die sie bisher getroffen hätten. Ich ahne, was sie meinen. Auch wir hatten in Südamerika schon viele Landsleute erlebt, die mit den teuersten Klamotten aus dem „Globetrotterkatalog“ zu sehr früher Stunde und vor allem völlig humorlos in eine besonders undurchdringliche Pampa gestiefelt waren. Das scheint unser Markenzeichen zu sein. Göte erklärt in seiner charmanten Art, dass wir anders wären und auch nicht den Bus um 4 Uhr genommen hätten, um als Erster in Tikal zu sein. Wir müssten nicht jeden Brüllaffen per Handschlag begrüßen.

Das faltige Männlein neben uns redet nun mit dem Fahrer und isst dabei mit den Händen etwas aus einer grauen Plastiktüte, die auf seinem Schoß liegt. Jenna blickt angewidert zu mir herüber und beginnt, hustend zu würgen. Das Zeug sieht aus wie ein Mix der Fleischreste unseres gestrigen Abendmahls. Ich schaue etwas genauer hin und auch mir wird kotzübel. In der Tüte mit der unappetitlichen Masse krabbeln unzählige schwarze Käfer herum. „Stop! Pare!“. Der Fahrer reagiert nicht, doch Jenna klopft ihm fest auf die Schulter und wiederholt sein Anliegen lautstark.
Icke Tikal
Nach zehn Minuten kommt er leichenblass aus dem finsteren Waldstück zurück. In seiner Hand hält er eine kleine weiße Rolle. Hinter mir erklärt Göte den verdutzten Briten trocken, dass unser Freund ihre Vorurteile bestätigen würde. Ein ordentlicher Deutscher habe eben immer Klopapier dabei, falls er im Dschungel mal gleichzeitig kotzen und scheißen müsste. Alle lachen. Nur der Ami will zügig weiter nach „Teicel“.
Während wir am Besucherzentrum darauf warten, dass Jenna vom Klo kommt, quatschen wir mit den Engländern, die ihre Frauen im Souvenirladen abgegeben haben. Sie erkundigen sich nach der WM 2006 in Deutschland. Wie weit wir mit den Stadien wären, wie es mit der Sicherheit aussehe und vor allem, ob die Kneipen vorbereitet wären. „Ja, der Biervorrat könnte mit euch das größte Problem werden“, antwortet Göte, „denn der Deutsche an sich, trinkt ja nicht so viel.“ Sie schauen in mein aufgeschwemmtes Gesicht und schmunzeln. Zehn Minuten nach ihnen betreten wir eine der bedeutendsten Stätten der klassischen Mayaperiode.

Tikal macht einen sprachlos. Es ist das Ambiente. Die Anlage, die inmitten eines riesigen Nationalparks liegt, scheint die verlorene Stadt zu sein, nach der die Spanier so lange gesucht hatten. Ein undurchdringlicher Dschungel hatte sie lange vor fremden Augen geschützt und geheimnisvolle Tiere sorgen für eine Geräuschkulisse, wie ich sie an keinem anderen Ort jemals gehört habe. Wir sehen Brüllaffen, die den Schrei von Raubkatzen nachahmen und Kletteraffen, die sich kreischend von Baum zu Baum schwingen. Bunt gefiederte Vögel stimmen in das Konzert ein und Baumfrösche sorgen mit ihrem Quaken für den Bass. Nasenbären, einige Tepezcuintle und sogar ein fettes Gürteltier kreuzen unseren Weg. Jenna ruft: „Merke! Gürteltier immer gut durchbraten!“ „Well done“, ergänzt Göte meckernd.
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Plötzlich ragen die steinernen Pyramiden, wie Wolkenkratzer aus dem Urwald empor. Erstmals möchte ich meinen: sie sind unbeschreiblich. Nachdem wir drei von ihnen erklommen haben, ist das allgemeine Unwohlsein und das Bereuen der gestrigen Fiesta fast völlig verschwunden. Wir haben lediglich Durst und rechtzeitig kommt uns ein kleiner Kerl mit einer Kühltasche um die Schulter entgegen gelaufen. Ich könnte jetzt alles trinken, außer Alkohol. Zwei Minuten später sitzen wir jeder mit zwei Flaschen „Gallo“ auf der Treppe an der Nord-Akropolis. Er hatte nur Bier. Ich stehe auf, betrachte meine Freunde und sage: „Ihr sitzt hier bequem auf euren Steinen, habt zwei Gallo getrunken und seid schön locker.“ Göte grinst, erhebt die Flasche und brüllt über mich hinweg: „Germans don’t drink that much“. Die Engländer laufen gerade vorbei. Es ist 9 Uhr Ortszeit.
Stundenlang laufen wir durch einen Irrgarten von Tempeln, Pavillons und kleinen Höfen. Am Komplex „der verlorenen Welt“ sehe ich eine Gruppe Maya-Männer – wahrscheinlich Arbeiter – sitzen. Wie gerne würde ich hinüber gehen und fragen, ob sich ein Wahrsager unter ihnen befindet. Meine letzte Hellseher-Info war die, dass Deutschland erst 2014 wieder Weltmeister wird. Aber vielleicht stimmt das sogar. Jeannet hatte gerade ihr drittes Kind (zum Glück von einem coolen Schweizer) bekommen. Auch das hatten wir damals hinterfragt. Zum Sonnenuntergang springen wir noch einmal in den glitzernden See. Was für ein fantastischer Tag.
2004 Guate Flores See
Auf dem Weg in die Heimat relaxen wir in Belize am Strand von Placencia, schnorcheln mit handzahmen Haien und Rochen am Riff vor Caye Caulker und landen einige Zeit später wieder in Carrillo Puerto in Mexiko. Manni scheint seit Tagen auf uns gewartet zu haben. Aufgeregt begrüßt er uns in der Dorfkneipe und organisiert sogleich ein Auto für die nächtliche Fahrt nach Tulum. Im Jeep eines Amis, namens Sammy, fehlen zwar sämtliche Kotflügel, die Motorhaube, ein Sitz und beide Türen, doch mit Zwischenstopp an einem Kühlhaus, in dem ausschließlich „Cerveza Sol“ gelagert wird, erreichen wir sicher die Cabanas am Traumstrand. Sammy fragt, ob uns eine Unze (28,35 Gramm) Marihuana für den ersten Abend erstmal reichen würde. Nach wenigen Tagen in Belize und Guatemala sehen wir also schon aus, wie verlotterte Kiffer-Idioten. „Mit euch mache ich mir eher Sorgen, dass hier gleich eine mittelschwere Bierkrise eintritt“, ruft Manni und schaut besorgt auf die vielen leeren „Sol“-Flaschen im Sand. Vier durstige Jungs sitzen am Lagerfeuer und erzählen sich lustige Geschichten. Ich werde an das ursprüngliche Mexiko erinnert, dass ich vor vielen Jahren lieben gelernt hatte. Gerne würde ich noch ein wenig verweilen.
Strand Tulum
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Zum Weiterlesen: “90 Minuten Südamerika” von Mark Scheppert
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Sozialistische Tiere – ein kleiner Ringel in Ostberlin – Kindheit in der DDR

18. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Olly Hamster
Oh Mann, bin ich alt geworden. Letztes Wochenende habe ich tatsächlich einen Spaziergang mit meiner Nichte und meinem Neffen & ihren Eltern rund um die Rummelsburger Bucht ich Richtung Treptow gemacht und diesen – durchaus lustigen Ausflug – als “Ringel” bezeichnet. Wie gesagt: alt geworden der Mark, oder einfach nur nostalgisch-senil. Früher war das so:
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Leider gab es in meiner Kindheit noch ein wesentlich schlimmeres Horrorszenario als: „Wir fahren in den Garten!“ Es hieß: „Wir machen einen Ringel!“ Im Prinzip bedeutete so ein „Ringel“, dass sich die komplette Familie Scheppert auf Befehl meiner Mutter fein herausputzen und im Schneckentempo durch den Volkspark Friedrichshain spazieren musste. Wir gingen von unserer Wohnung in der Mollstraße zum Lenindenkmal, vorbei an den Köhlerhütten in Richtung Krankenhaus und dem Sport- und Erholungszentrum (SEZ) immer weiter zum alten Friesenstadion. Dort lag der Wendepunkt und über den Ententeich 2, Bunkerberg und Märchenbrunnen ging es weiter in die Hans-Beimler-Straße ins „Scheppert-Eck“. Manchmal blieben wir noch auf ein Würzfleisch oder einen Toast Hawaii, aber meist gingen Benny und ich schon vorher allein den kurzen Weg zurück nach Hause und legten uns vor die Glotze.
Ein „Ringel“ ging ausschließlich in diesen Park in unserem Bezirk. Die wirklich guten Ausflüge in den Palast der Republik, in den Pionierpark Wuhlheide, zum Müggelsee und vor allem in unseren geliebten Berliner Tierpark wurden nie so betitelt, weder von uns noch von unserer Mutter. Außerdem bestimmten wir, wann es zu den Tieren ging, und das war ziemlich oft. Nicht nur, um diesem drögen Volkspark-Spaziergang vor unserer Haustür zu entgehen.
Irgendwann kannte unsere Familie deshalb jedes einzelne Tier, jeden Weg, den man dort gehen konnte, und jeden einzelnen Neuzugang.
Pate
Die Eisbären, Affen und Elefanten gehörten zu unseren Favoriten, aber wir liebten auch den Fischotter, die Hängebauchschweine und das Okapi. Manchmal fuhren wir sogar ohne unsere Eltern dorthin und Benny musste mir auswendig sagen, welches Tier sich im nächsten Gehege befand, mit Herkunftsland. Die Reihenfolge weiß er sicher noch heute.

Der Tierpark vermittelte uns unbewusst ein Gefühl von Weite. Wir konnten an fernen Ländern und Kontinenten schnuppern, obwohl wir dort niemals hinkämen. Die hiesigen Elefanten und Löwen aus Afrika, die Leoparden, Pinguine und Eulen aus Südamerika und die Affen aus Südostasien verkörperten unser kleines persönliches Ausland. Im Alfred-Brehm-Haus konnten wir beim Brüllen der Raubkatzen und im Tropenhaus unter aufgeregt flatternden Fledermäusen erahnen, wie sich andere Klimazonen anfühlten. Der riesige Park in Berlin Friedrichsfelde stand in unserer Kindheit für grenzenlose Freiheit.
Zu Weihnachten wünschten Benny und ich uns zwei Hamster. Wir schrieben dem Weihnachtsmann und wurden erhört: Unter der wie immer krüppeligen Kiefer, die Vater an Heiligabend in letzter Sekunde ergattert hatte, rannten die beiden durch ihren Käfig. Moritz war nur durch den weißen Bauchreifen von Max zu unterscheiden. Natürlich liebten wir sie abgöttisch, wie sie in dem kleinen Laufrad ihre Kunststücke vollführten und sich an unseren Pullovern festkrallten.
Tierpark7
Doch im Mai 1983 hatten wir ein Problem: Sämtliche Tapeten, Teppiche, Schuhe und fast alles, was sonst noch auf dem Fußboden stand, war angeknabbert.
Vater hatte von Arbeitskollegen gehört, dass Mäuse durch Kabelschächte bis in die oberen Stockwerke der Häuser gelangen konnten. Demzufolge diagnostizierte er in der Mollstraße im 9. Stock: Mäusebefall! Er stellte im Flur eine kleine Falle auf.
Mit einem Stück Käse im Maul und gebrochenem Genick lag unser Moritz am nächsten Morgen in dem Gerät. Durch Mutters Aufschrei wurde mir der traurige Anblick nicht erspart. Benny hatte Glück, ihm wurde von Mutter in einer sehr diplomatischen Art erklärt, dass Moritz gestorben war und Vater ihn in den Müllschlucker geworfen hatte. Er heulte drei Tage neben mir im Rollbett ins Kissen.
In der zweiten Woche unseres Sommerferienlagers im Harz bekam ich von Mutter einen Brief, dass Max verschollen wäre und ich Benny darauf vorbereiten sollte. Unsere Eltern hatten den Überlebenden unserer beiden Hamster mit auf die Datsche genommen und unter dem schattigen Sauerkirschbaum abgestellt. Mutter arbeitete in der Rabatte und Vater saß Bier trinkend auf der Terrasse, als ein großer Hund in unseren Garten gerannt kam, Max schnappte und davonrannte.
Max und Moritz
Auf Höhe des Parkplatzes ließ der Hund unseren Hamster aus seinem Beißgriff. Max lebte noch. Dem Kerlchen war aber so die Angst in die kleinen Knochen gefahren, dass er in einem Höllentempo losrannte und durch den angrenzenden Zaun auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Benny weinte diesmal nicht ganz so schlimm, da ich ihm Hoffnung machte, dass wir unseren Liebling nach unserer Rückkehr sicherlich wieder finden würden. Wir durchkämmten tatsächlich bis in den späten September sämtliche Böschungen, Gräben und Hecken. Wütend auf unsere Eltern, wurde aber bald eine berechtigte Forderung laut: Wir brauchten ein neues Haustier!
Wie jedes Jahr fuhr meine Mutter auch in diesem Jahr zur Leipziger Herbstmesse. Auf diesen Moment hatten wir gewartet. Es dauerte keine zwei Tage, bis wir Vater weich geklopft hatten und er mit uns nach der Arbeit in die Zoohandlung in der Bötzowstraße fuhr. Wir gingen ganz unvoreingenommen an die Auswahl der Tierart, jedoch war uns beiden sofort klar, dass es dieses kleine Wollknäuel dort in der Ecke sein sollte: ein Meerschwein. Schon auf dem Nachhauseweg bekam es seinen Namen: Otto! Nicht weil wir einen Onkel Otto hatten und die Schwimmerin Kristin Otto kannten. Benny und ich hatten einen unschlagbaren Lieblingskomiker im Westfernsehen: Otto Waalkes.
Skipistenkids
Kaum waren wir zu Hause angekommen, musste Vater noch dringend ins „Scheppert-Eck“ zum Feierabendbierchen. Danach dauerte es genau fünf Sekunden, bis Otto hinter die Wohnzimmerschrankwand rannte und verschwunden war. Benny fing an zu heulen.
Wir probierten, Otto mit allem Essbaren anzulocken, das wir zur Verfügung hatten, hörten aber keinen Mucks mehr. Als Vater gegen 22 Uhr aus der Kneipe zurückkam, fand er seine beiden Jungs jammernd im Wohnzimmer. Durch diverse Biere und ein paar Korn hatte er gute Laune, sodass er beschloss, noch an diesem Abend den Schrank auseinanderzunehmen. Als gegen Mitternacht die komplette Anbauwand in Einzelteilen im Wohnzimmer lag, konnten wir das verstörte Tier endlich befreien und zurück in seinen Käfig setzen. Den Schrank bauten wir erst einen Tag bevor Mutter von der Messe zurückkam, wieder zusammen.
Silvester Kinder früher
Ohne unsere Mutter versanken wir nämlich zufrieden im Dreck und Chaos. Dafür gab es statt Stullen öfter mal Goldbroiler vom Strausberger Platz zum Abendbrot, lange Fernsehabende und ein neues Familienmitglied: Otto, das Meerschwein. Die ganze Familie, sogar unsere skeptische Mutter, liebte den kleinen Kerl. Wir stritten uns fast, wer den Käfig sauber machen durfte, wer ihn füttern und zum Tierarzt bringen durfte. Otto war eindeutig das passende Haustier für uns.
Diese Zuneigung hielt genau ein Jahr. Inzwischen war er nicht mehr das kleine niedliche Ding, sondern ein riesiges Vieh, das ein Viertel des Käfigs einnahm. Sobald er früh um halb sieben wie verrückt zu quieken begann, warfen wir ihm im Halbschlaf ein paar Möhren, Gras oder Salat in den Käfig, damit das nervige Gefiepe aufhörte. Der Zwinger stank bereits nach kürzester Zeit ohne Putzen fürchterlich nach Meerschwein-Hinterlassenschaften. Otto war zu einer Last geworden!
Da mich der stechende Geruch nervte, hatte ich an einem heißen Sommertag eine gute Idee. Ich setzte Otto ins Zimmer, nahm den mit feuchten Sägespänen und Kackwürstchen gefüllten Käfig und schüttete den Inhalt einfach aus dem Fenster des 9. Stocks. Das war schnell und praktisch. Fünf Minuten später klingelte es an der Wohnungstür. Als ich aufmachte, schnappte mich Herr Römer aus dem 8. Stock und zog mich am Ohr in seine Wohnung. Ich bekam einen uralten Staubsauger in die Hand gedrückt und musste das Schlafzimmer des Ehepaars Römer reinigen. Tausende von vollgepissten Sägespänen verzierten den Teppich. Als wäre diese Demütigung nicht schon genug, erzählte er am Abend auch noch alles meiner Mutter. Ich stand dabei und war froh, dass Vater im „Scheppert-Eck“ abgetaucht war. Am nächsten Morgen steckte er Otto jedoch unvermittelt in einen Schuh-Karton und brachte ihn wutentbrannt zurück in die Zoohandlung. Mist, Mutter hatte es ihm also doch erzählt.
Otto sw
Ein kleiner Junge zerschlug am nächsten Tag mit einem Hammer sein Sparschwein und lief hoffnungsfroh in die Bötzowstraße. Mit Tränen in den Augen suchte Benny verzweifelt nach seinem Otto. Das kleine, liebenswerte, wuschelige Tier war aber vor genau zwanzig Minuten verkauft worden. An wen, wusste der Verkäufer natürlich nicht zu sagen, und alle Versuche, dem Käufer doch noch irgendwie auf die Spur zu kommen, blieben vergeblich. Es sollte das letzte unserer Haustiere gewesen sein.
Als Ausgleich für sein Leid spielte ich mit Benny „Wand, Bild oder Schrift“, wenn wir mit der U-Bahn von der Schillingstraße zum Tierpark fuhren. Hierbei mussten wir tippen, was vor dem Ausschnitt unseres Fensters zum Vorschein kommen würde, sobald der Zug hielt. „Wand“ war die kahle Kachelwand der U-Bahnhöfe, „Schrift“ waren die Namensschilder der Bahnhöfe wie „Frankfurter Tor“, und die leeren weißen Werbetafeln ergaben „Bild“, auch wenn rein gar nichts darauf zu sehen war. Es war ein Spiel vor allem für den Jüngeren, da er sehr gute Chancen hatte, mich auch mal zu schlagen. Glücklich betraten wir jedes Mal den Park der sozialistischen Tiere.

Hier geht es zum Mauergewinner-Buch inklusive dieser Geschichte, die dort noch fortführt wird. Anbei noch ein Video von der nachfolgenden Generation aus unserem geliebten Tierpark in Berlin.


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Lesung am 21.04.16 in Berlin – “Suchtfaktor”

12. Februar 2016 | von | Kategorie: Termine

2000 Peru ich MachuDie nächste Lesung wird mit Sicherheit zum “Suchtfaktor” – das ist nämlich unser Thema an diesem Tag. Und der ist zweifellos am 21. April 2016 ab 20 Uhr!
Wo? Café Tasso, Frankfurter Allee 11 (Nähe U-Bhf. Frankfurter Tor)
Wer? Lesebühne “Die Unerhörten” (ich bin wahrscheinlich auch mit dabei)
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Nachspiel: Deutschland vs. Ghana – Brasilien 2014

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110239Danny und Jenna gehen nach dem Konzert ins Hotel, doch ich habe mein Zeitgefühl längst verloren und streune mit Erni in eine vermeintlich gefährliche Ecke der Stadt. Gerade als wir einsichtig umkehren wollen, hören wir verlockende Musik auf der anderen Straßenseite. Etliche Einheimische aber auch Deutsche in Nationaltrikots stehen dort vor einer Art Disco und plaudern. Ein kahl-rasierter Typ brüllt genau in diesem Moment: „Zieh dein Scheiß-Ölaugen-Trikot aus, du Fotze“. Der Drecks-Nazi und seine Jungs, deren Herkunft ich nicht verraten will, um diesen Verein nicht in Misskredit zu bringen, beschimpfen einen Kerl, weil er ein Özil-Trikot trägt. „Verbisst euch ihr Benner“, ruft Erni unfassbar mutig. Ich zupfe ihm am Ärmel, doch seine Nase bleibt heil, da die Deutschen mit Hirn deutlich in der Überzahl sind. Die vier Spasten hauen Richtung Puff (O-Ton) ab. Solche Typen werden für immer Feinde bleiben – bis wir sterben. Wir hingegen taumeln Seit an Seit mit unseren Freunden „Özil“, „Boateng“ und „Podolski“ ins Verderben.
Unter gewissen Umständen, wie übermäßigem Alkoholgenuss oder fiesen Adrenalin-Ausschüttungen, verliere ich im Leben noch immer die Kontrolle über den Verstand, denn in der Bar gibt es Frauen, die nicht von dieser Welt sind. Nur zögerlich kann ich den Blick von all den erotisch glänzenden Schenkeln und Brüsten dunkelhäutiger Schönheiten abwenden, die hier ekstatisch und mit Hüftschwung Lambada und Samba zelebrieren. Manchmal will ich noch immer begehrenswert sein – möchte mir nicht eingestehen, dass die besten Jahre längst vorbei sind. Auf Fotos des heutigen Tages sehe ich zehn Jahre jünger aus und habe ein lässiges Leuchten in den Augen.
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Auf dem Parkett schwebt ein Paar so unfassbar sexy durch den Laden, dass es mich nach einer Caipi packt und ich eine schönbusige Frau zum Tanz auffordere. Die Anmutige nickt und greift mir sofort an die Hüften. Doch der Schwof dauert genau eine Minute, da ich nicht in der Lage bin, ihren Rhythmus auch nur ansatzweise mitzugehen. Ich torkele und stolpere eher neben ihr her. ‚Scheiße, ein Brasilien-Gen besitze ich wahrlich nicht‘, denke ich, als sie mich sanft von sich schiebt, einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückt und „não“ flüstert.
Plötzlich spielen sie „Nossa, Nossa“ – das bisher erste bekannte Lied in meinen Ohren. Wenig später schlängelt sich eine 200köpfige „Polonaise“ durch die Disco – angeführt von Erni. Alle haben sich angeschlossen und steigen nun kreischend über Tische und Stühle bevor sie mein Freund unter den klaren Sternenhimmel führt. Das Verhältnis von Deutschen und Brasilianern liegt bei 1:7, doch in gemeinsamer Leidenschaft bricht der Laden fast zusammen.
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Die kaffeebraune Schönheit hinter mir versucht die Köpfe meiner Hose zu öffnen, um an meine Genitalien zu gelangen und Erni brüllt von vorn: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“ Plötzlich ist da ist so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Nur für diesen Moment hat sich diese Reise schon gelohnt. Behutsam führe ich die Hand zurück auf meine Schulter während eine feuchte Zunge an meinem Hals herumschleckt. Ich drehe mich um und rufe: „Não!“, da die begehrenswerteste Frau der Welt genau 2.014 Schritte entfernt schläft. Außerdem weiß ich, dass ich beim brasilianischen Sexrhythmus genauso grandios versagen würde.
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Erni kommt freudestrahlend mit einer Chica im Schlepptau an – ein Traumpaar. Er fragt: „Kannste mir mal nen Hunderter borgen?“ Auch mein Freund hat sicher keine Ambitionen fremd zu vögeln und will der Zauberfee nur noch einen Drink spendieren. Zumindest realisiere ich, dass er schon wieder pleite ist – Zeit zu gehen. Arm in Arm wanken wir aus dem Laden und singen „Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego, ai se eu te pego“. Etliche Frauen, die wir in den letzten vier Stunden gesehen und berührt hatten, haben uns fast um den Verstand gebracht. Es ist 5 Uhr.

An der Strandpromenade ist noch immer etwas los. Zwei Teams spielen auf dem warmen Pflaster Fußball und etliche Zuschauerinnen und Jungs diverser Nationen schauen dabei zu. Erni legt seine Deutschlandfahne hinter eines, der aus zwei Pullen bestehenden Tore und brüllt: „Wir fordern!“ Ein lustiger Braunschweiger namens Tommy, den wir im Club kennengelernt hatten, sieht das und ruft: „Ey, mit euch sind wir endlich sieben!“ Um eine steinerne Bank machen sich sogleich vier weitere Jungs startklar. Ich kann nicht fassen, was nun geschieht, aber Mateo und Jesus aus Kolumbien, der Chilene Amaro und David aus der Schweiz meinen es todesernst. Tommy sowieso.
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Derweil verlieren „brave Brasilianer“ gegen oberkörperfreie „Favela-Boys“ deutlich. Überheblich lächelnd winken sie uns heran. In 2 x 10 Minuten wollen sie uns, den „Bunten“ – wir tragen alle ein Trikot unseres Heimatlandes – zeigen, wer die ultimativen Herren des Strandes von Fortaleza sind.

Erni geht ins Tor. Ich bilde mit David die Abwehrkette, die Kolumbianer spielen im Mittelfeld und Tommy orientiert sich zusammen mit Amaro in die Spitze. Direkt nach dem Anstoß sprintet der Chilene nach vorn. Jesus spielt einen nahezu perfekten Pass ins Abwehrzentrum des Gegners, doch Amaro schiebt den Ball knapp an der linken Bierdose vorbei. Sofort antworten die Brasilianer mit einen langen Ball hinter unsere zu weit aufgerückten Kolumbianer. Ich döse ein wenig und mit einer leichten Körpertäuschung ist mein Gegner an mir vorbei. Der hat nun freie Bahn und schießt platziert ins linke Eck. 1:0 für Brasilien. Auf den Zuschauertribünen wird gejubelt. ‚Na das geht ja gut los‘, denke ich während Jesus und Mateo toben und Erni den Ball holt. Ich wechsele in den Kasten. Meinem knapp acht Jahre jüngeren Freund, der bis zur A-Jugend fast auf Drittliga-Niveau in der Abwehr gespielt hat, wäre dieser Fehler sicher nicht unterlaufen. Zudem bin ich schon nach drei Sprints außer Atem, triefe nach Schweiß und spüre den immensen Alkohol in meinen Adern pulsieren.
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Nach dem Anstoß sehe ich wie genial Jesus und Mateo miteinander harmonieren. Gekonnt passen sie knapp zehnmal hin- und her ohne das die verblüfften Brasilianer an den Ball gelangen. Erst jetzt grätscht einer dazwischen. Ecke. Jesus schaut kurz auf und flankt dann präzise in die Mitte. Kein einziger Gegner springt hoch und so fliegt der Ball zu Tommy, der ihn kurz fixiert und dann – etwas unbeholfen – in Richtung Tor köpft. Doch unerreichbar segelt dieser ins gegnerische Tor. „Viel zu hoch“, deutet der Torwart an, aber der bullige Chef unseres Gegners schüttelt den Kopf und schleppt den Ball zum Mittelkreis. 1:1.
Wütend rennen sie nun an, doch Erni bekommt den Ball schnell unter Kontrolle und passt hinüber zu David, der diesen augenblicklich zu Jesus hinüberschiebt. Blind spielt dieser weiter zu Amado. Drei Brasilianer schauen apathisch hinterher. Unser Chile schießt den Torwart an, aber der Abpraller kommt genau zu ihm zurück und im Nachschuss versenkt er ihn eiskalt. Wie krass – wir führen! Das ist ja so, als wenn ich mit Jenna zwei überlegene türkische Jungs in Kreuzberg zum Tischfußball bitte und wir nur durch unkonventionelle Spielweise eine Chance haben. Doch unsere Südamerikaner im Team spielen nicht unkonventionell – sondern granatenstark. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“, feiert sich Amado selbst.
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Fast schon panisch rennen sie nun gegen uns an. Ich kann einen Ball lässig vor deren Stürmer aufnehmen und werfe weit ab hinüber zu Mateo. Der passt halbhoch zu Jesus, welcher das Ding per Direktabnahme aus gut 10 Metern knallhart ins rechte Eck hineinzimmert. 1:3 – ich fasse es nicht.
Um uns herum ist es mittlerweile still geworden. Die Zuschauerinnen – vermutlich sind auch Freundinnen der Spieler anwesend – verharren in ungläubigem Staunen. Sie fragen sich wahrscheinlich gerade auch, ob das wirklich wahr ist. Erni kommt angerannt und singt mir ins Ohr: „Oh wie ist das schön…“
Nach dem Anstoß will keiner von denen den Ball so richtig haben. Aus frech-lachenden, barfüßigen Straßenkickern sind Feiglinge geworden. Der arrogante Glaube, die Allergrößten zu sein, ist allmählich verflogen. Ihr Boss staucht sie immer wieder – wild gestikulierend – zusammen.
Jesus nutzt die Unentschlossenheit und spielt links hinüber auf Tommy, der ihn sofort auf den nach vorne gesprinteten Kolumbianer zurückkickt. Kinderleicht schiebt er den Ball zwischen die Pfosten. Jetzt sprinten wir alle nach vorn und umarmen den Doppeltorschützen. Das Spiel ist nach 8 Minuten eigentlich entschieden. Doch noch ist nicht Halbzeit. Ich mache es mir im Tor gemütlich, denn die Brasilianer schaffen es nicht, an David und Erni vorbeizukommen. Mittlerweile brüllen Leute von draußen „Olé“ nach jedem unserer Pässe zum Mitspieler. Und das ist oft, da die planlos agierenden Gegner fast gar nicht mehr an den Ball kommen. Matteo schiebt den Ball rechts auf Jesus, der sofort durchstartet, jedoch nicht abschließt, sondern zurück in die Mitte spielt. Dort wartet bereits sein Kumpel, der ihn übermütig mit der Hacke ins Tor kickt. Ich träume nicht. Es steht 5:1 für uns Ausländer. Was für eine Tracht Prügel – was für eine Demütigung!
Während der kurzen Pause spendiert uns ein brasilianischer Familienvater eine Runde Bier. Keine Ahnung, ob er jemals auf dem Pflaster von Fortaleza eine solch peinliche Vorführung der heimischen Jungs gesehen hat. Andererseits vermute ich allmählich, dass auch Jesus, Mateo und Amado in ihrer Heimat durchaus für gute Kicks am Strand oder im Verein bekannt sind.
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Nach dem Seitenwechsel können wir es uns leisten, mich aus dem Tor zu nehmen. Ich tausche mit Tommy, der etwas außer Puste ist. Ein Gegner ist nun nicht mehr vorhanden, sodass auch ich mit dem Ball am – mittlerweile blutverklebten – Fuß ungestört auf dem Spielfeld entlang spazieren kann. Als ich quer nach innen flanke, sehe ich gar nicht, dass sich auch Erni nach vorn orientiert hat. Zum Glück verpasst Jesus, denn so gelangt mein Freund an den Ball und knallt ihn per Vollspann dem Torwart zwischen die Beine. Getunnelt – Höchststrafe – 1:6. Der Kerl sackt zwischen den Pfosten in sich zusammen, während ich Erni auf den Rücken springe und wir gemeinsam zu Boden stürzen. Tommy kommt aus dem Tor gerannt und auch der Schweizer David schließt sich uns an. Gemeinsam krauchen wir auf Knien als „Raupe“ über den Platz. Unsere Südamerikaner staunen über so viel Ekstase und in den Gesichtern des Gegners ist eine Mischung aus Schock und Scham zu sehen.
Kurz darauf geschieht das Ungeheuerliche. Nein, wie bekommen keine aufs Maul und werden auch nicht mit vorgehaltenem Haifischmesser dazu gezwungen noch sechs Stück reinzulassen. Der Chef der Brasilianer schnappt sich mit einer Fresse, die aussieht als ob er Zahnschmerzen hätte, den Ball, ruft seinen Jungs etwas zu und verschwindet dann mit ihnen in Richtung der Häuserschluchten.
Der Torwart dreht sich noch einmal um und zeigt ein Fuck-Off, doch nach dreißig Sekunden sind die entzauberten Herren des Strandes verschwunden. Kampflos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben. Deutschland-Kolumbien-Schweiz-Chile hat Brasilien auf eigenem Boden während der WM 2014 mit 6:1 bezwungen. Wir liegen uns in den Armen und brüllen kollektiv den Klassiker: „We are the champions.“
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Jeder von uns weiß nun, dass die Heimmannschaft auch in der Heimat zu schlagen ist. „Vielleicht gewinnen unser Jungs ja noch höher gegen die“, brülle ich Erni in einem Anfall von Größenwahn zu und meine damit unsere Nationalmannschaft. Frühestens im Halbfinale kann es zur Partie gegen Brasilien kommen.

Und noch etwas anders töne ich: „Ich fahre übrigens zurück nach Recife zum Spiel gegen die Amis. Wir sind ja nur einmal bei einer Fußball-WM. Sylvie wird das ganz sicher verstehen. Bist du dabei?“ „Nuklear“ (na klar) schallt es zurück. Auch er will eine Fortsetzung des Gesamtkunstwerkes aus Spiel, Spaß und Emotionen!

Noch lange sitzen wir mit Menschen aus aller Welt zusammen und erleben während des Sonnenaufgangs über Fortalezas Honiglippenbucht einen weiteren Augenblick für die Ewigkeit. Ein sehr junges Mädchen, die mit ihrer Familie noch immer hier und wach ist, entdeckt meine DDR-Fahne und klettert mit dieser auf einen Betonsockel. Dort breitet sie sie vor dem Körper aus und beginnt mit liebreizender Stimme zu singen: „Eu sou alemão, com muito orgulho, com muito amor.“ Tommy und Erni stimmen sofort ein. Ich jedoch bestaune mit offenem Mund das Schauspiel und suche in meinem Hirn nach einem Wort, welches auch nur ansatzweise meine Gefühle beschreiben kann.
Dieses Wort gibt es nicht. Also stimme ich mit Inbrunst ein und schmettere es in Richtung Pazifik: „Ja, ich bin Deutscher, mit Stolz und mit viel Liebe!“
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Tierschlagzeile in dieser Woche: Das schnellste Faultier der Welt

7. Februar 2016 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

IMG_6033… mit einem Kahn, der diesen Booten im Spreewald gleicht, stakt uns Pepe in den stark zugewucherten Regenwald auf der Suche nach Preguiças oder Sloths, wobei wir weder das portugiesische noch englische Wort übersetzen können – das macht die Sache spannend. Ich war bisher eigentlich der Meinung, in Südamerika schon alle spektakulären Tiere gesehen zu haben, seien es Lamas, Pinguine, Gürteltiere, Ameisenbären, Tukane, Tapire, Kondore, Brüllaffen, Riesenotter, Kaimane, Pumas, diverse Schlangen, Spinnen und so weiter. Sogar sehr seltene Arten wie Rosa-Flussdelfine, hyazinthfarbene Aras und ein Jaguar stehen auf meiner Lebensliste. Doch als ich das zottelige Wollknäul heute das erste Mal erblicke, weiß ich, dass eine Spezies bisher noch fehlte: das Faultier. In den Baumkronen über uns entdecken wir bald etliche dieser, sich nur in Super-Zeitlupe bewegenden, Viecher kopfunter. Eines hält sogar ein extrem faules Baby mit seinen drei Krallen am Körper fest. Filmaufnahmen sehen nun aus wie Standbilder und lediglich die wehenden Zweige zeugen davon, dass dem nicht so ist. Dennoch fantastisch, da die Tiere mit ihren kleinen, runden Köpfen und den Popper- oder Topfschnitt-Frisuren fast menschlich Züge haben …
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Kurze Zeit später später:
… auf dem Rückweg beginnt es mit einem Mal wolkenbruchartig zu schütten. Donner rollt über uns hinweg. Okay, wir müffeln alle ein wenig, aber es müssen ja nicht gleich 200-Liter-Eimer über einem ausgegossen werden. Alles was wir anhaben, aber auch das, was sich in den Taschen unserer Hosen befindet wird auswring-nass.
IMG_6119Mittlerweile rennen wir mit wassergefüllten Schuhen durch den Wald, doch der Indio-Führer ruft uns zurück. In Augenhöhe greift er in einen Strauch und holt ein glitschiges Tier zum Vorschein. Es ist ein Dreifinger-Faultier mit sehr prägnanten Gesichtszügen. Hape 36 (taufen wir ihn später) wedelt bedächtig mit den Armen und grinst dabei unsicher. Sein zottlig-graues Fell, auf dem hunderte kleiner Insekten hausen, scheint regelrecht zu dampfen und schimmert leicht grünlich. Fast sieht es so aus, als ob auch diverse Algenkulturen auf ihm gedeihen. Niemand möchte den lustigen Müßiggänger anfassen oder gar streicheln.
„Achtung, da kommt jemand!“, ruft Danny, und obwohl das nicht stimmt, setzt der Typ das verstörte Vieh zurück in einen Baum. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Hape Kerkeling 36 sprintet den Stamm regelrecht empor. Im Verlauf eines Tages bewegen sich Faultiere meist weniger als 36 Meter, wissen wir längst durch Joao. Wir sehen also gerade 20 davon und somit das vermutlich schnellste Faultier der Welt. Gebannt beobachten wir die hektischen Bewegungen, bis dem Spaßvogel wieder einfällt, dass er ja eigentlich ein stoffwechselarmes Zeitlupen-Wesens ist …
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Lesung “Mittendrin” am 11.02.2016

5. Februar 2016 | von | Kategorie: Termine

WP_20140620_029Berlinale? Ach, ja, die fängt ja da auch an. Viel wichtiger aber: die “Unerhörten” lesen wieder im Café und Antiquariat Tasso auf der Frankfurter Allee- in wirklich jeder Hinsicht mittendrin! Mit mir natürlich und wesentlich besseren Vorlesern. Kommt mal vorbei!
Wann: 11.02.20016 ab 20 Uhr
Wo: Frankfurter Allee 110 (Café Tasso)
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten”
Thema: Mittendrin!
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