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Das Spiel: Deutschland vs. Ghana in Brasilien 2014

5. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110210Bei der Einlasskontrolle müssen wir die Karten auf einen Scanner legen. Es leuchtet grün und meine Augen auf der anderen Seite strahlend blau. Wir sind drin! Noch haben wir eine Stunde Zeit bis zum Spielbeginn und so schlendern wir durch den Innenring fast einmal ums Stadion. Dummerweise haben wir Karten in verschieden Sektoren: vier Tickets in Kategorie 2 zu 135 Dollar und nur zwei in der günstigeren 3er (zu 90 US-Dollar), wobei das der Deutschland-Block ist. Dennoch entscheiden wir uns für die vermeintlich bessere Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass wir dort nur einen einschmuggeln müssen. Der Witz: wir gelangen ohne kontrolliert zu werden auf 1-A-Sitze. Direkt daneben gibt es Plätze für „Behinderte“, die es heute augenscheinlich nicht gibt. Enri hockt sich hin.
Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit werden wir das Match nah am Spielfeld auf Höhe einer Eckfahne verfolgen und die Schwüle einfach wegsaugen. Um uns herum sind unzählige Landsleute, sodass auch hier das Barometer sicher auf Stimmungs-Hochdruck geeicht ist. Direkt vor dem Tor tanzt sich die Ghana-Kolonie ein und vor ihnen drehen die Fußballer ihre Runden. Sylvie zoomt heran und macht lebensgroße Fotos von all den Helden, die den Titel hoffentlich in drei Wochen mit nach Hause bringen werden.
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Plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches – mit mir. Beim Einlauf der Teams verspüre ich von jetzt auf sofort keinerlei Hektik mehr, bin nicht mehr angespannt oder aufgeregt – in meinem Herzen herrscht gespenstische Ruh. Alle um mich herum und die Spieler singen die Nationalhymne, nur Jerome Boateng und ich schweigen, denn bei mir läuft gerade ein anderer Film. In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies kein Fußballbuch sei. Heute sind etwa 15.000 Landsleute mit uns im Stadion – von 80 Millionen Einwohnern. Jetzt fühle ich mich durchaus dazu berufen, mein Werk so zu nennen!
Mein Zeitgefühl kommt mir abhanden. Die Minuten vor Beginn der Partie können im Nachgang nur 10 aber auch 100 gewesen sein.
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Mit noch etwas anderem liebäugelt mein Hirn. Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt, Sylvie zu fragen, ob sie mich heiraten will? Ich hatte ihr 2006, als ich die Fußball-WM daheim nicht erleben durfte, die Pistole auf die Brust gesetzt: Falls jemals eine WM in Brasilien stattfinden sollte, fahren wir hin – ohne Rücksicht auf das, was gerade im Leben ansteht. Wir sind hier! Kann es ein schöneres eingelöstes Versprechen geben? Es soll im Leben eines Mannes ja nur drei Frauen geben, von denen man glaubt, dass es die richtige ist. Ich habe meine eine längst gefunden. Doch was spricht eigentlich dagegen, mit ihr in ewiger Liebe als Traumpaar und beste Freunde durchs Leben ziehen? Erni bringt mich zurück in die Wirklichkeit, denn er brüllt: „Nu ghana losgehen“. Das Spiel geht los!
Schon nach wenigen Ballberührungen herrscht Unruhe im Stadion. Nicht auf dem Platz, sondern im Oberring – direkt gegenüber. Heerscharen von Ordnern sammeln gerade hektisch die Banner unsere Freunde aus Dubaiern, Halle an der Saale und Gladbach ein – so sieht es zumindest aus der Ferne aus. Ein Pfeifkonzert und „FIFA raus“ schallt zu uns hinüber. Dass Zaunfahnen ein elementarer Bestandteil der Fankultur sind, vergessen die Weltverband-Idioten mal wieder, zumal die Sponsoren ja sowieso in einer Art FIFA-Dauerwerbesendung allgegenwärtig sind. Falls auf der Videotafel das Original-TV-Bild übertragen wird, schwenken sie außerdem nur sehr selten in die Fanblocks, was Erni, der permanent in eine Zuschauer-Kamera winkt, augenscheinlich scheiße findet. Unsere Bier-Fahnen wehen weiterhin durch die Arena – ohne Konsequenzen.
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Das Spiel hingegen ist weniger aufregend. Ein Hin- und Her im Mittelfeld und Ghana hat sogar die bessere Spielanlage, weil die Deutschen das Tempo arg verschleppen. Lediglich Kroos serviert gewohnt seine überheblich-eleganten Pässe und auch Özil gefällt mir im Gegensatz zu Götze ganz gut. Im Boateng-Bruderduell gewinnt Jerome gegen Kevin-Prinz jeden Zweikampf. Gute Ansätze, aber Torchancen kann sich Deutschland – im Gegensatz zu den Afrikanern – kaum herausspielen. Sind die echt besser als Portugal?
Auch das Liedgut lässt zu wünschen übrig. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören und „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“, wobei man an den „Sitzenbleibern“ sieht, wie viele Brasilianer im Stadion sind. Die besingen das müde Gekicke mit: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor.“ Aus tausenden Kehlen schallt es wie ein Manifest durchs Oval. Sie spielen heute nicht – feiern sich aber selbst, mit großem Stolz und viel Liebe. Zur Pause steht es 0:0.

Wir lassen uns vom Ergebnis die Laune nicht verderben. Unsere Frauen holen die nächste Runde Souvenirs, Jenna fachsimpelt mit mir und Erni klettert vier Reihen hinauf, um sich mit drei Schönheiten fotografieren zu lassen. Die Hübschen halten ein riesiges Plakat in die Höhe: „Jetzt wird wieder geMüllert und geHumeltst“, ist dort zu lesen. Gerade drücken sie meinem Freund einen Fußballball in die Hand, den er hin- und herschwingen soll. Auch sie wollen ins Fernsehen, was nicht gelingen wird, denn in Deutschland läuft momentan sicherlich die „tageschau“ oder FIFA-Werbung. Plötzlich hängen die Zaunfahnen gegenüber wieder. Mal sehen, ob wir wenigstens dieses Duell gewinnen werden.
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Danny und Sylvie kommen mit zehn Brahma-Bechern rechtzeitig zurück, um beim Blick auf die Anzeigetafel fast zeitgleich den legendären Satz zu rufen: „Was ist denn ein Shkodran Mustafi?“ Okay, den Typen kannte ich bisher selbst kaum und nur weil auf der Videoleinwand auch der Name J. Boateng daneben steht, weiß ich, dass er gerade eingewechselt wurde. Schon krass, was für eine multikulturelle Truppe unser Team geworden ist. Schön krass!
Deutschland spielt jetzt auf das gegenüberliegende Tor und es sind erst wenige Minuten gespielt, als Müller von rechts in die Mitte flankt und Mario Götze der Ball irgendwie auf den Kopf und dann ans Knie prallt. Egal – das Ding ist urplötzlich im Netz. Tooor! Mit meinen Freunden vollführe ich den wüstesten Jubel-Pogo unseres Lebens. Sind wir bescheuert, oder was? Nein! Es ist unser Premieren-Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. ‚Der Götze ist ja doch nicht so übel‘, denke ich, während ich im Pulk mehrere Treppenstufen hinuntertreibe.
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Als wir uns wieder gefangen haben, flitzt ein mit Filzstift bemalter, bärtiger Typ auf den Rasen. Sylvie zoomt heran und es schaut so aus, als ob der Spinner SS-Runen auf seinem Arschloch-Körper zur Schau stellt. Abführen! Eine Minute später patzt Lahm und Ghana stürmt sofort auf unser Tor zu. Nach einer Flanke köpft Ayew unbedrängt von Shkodran und Per Mertesacker ein. Ausgleich – Scheiße!
Schon in den ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit wurde mehr Herzinfarkt-Risiko erzeugt, als in unserem ganzen WM-Fanleben. Deutschland hängt mächtig in den Seilen & wir kommen eben aus diesem Land. Das macht uns dünnhäutig.
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Danny reißt mich herum: „Das halte ich nicht mehr aus – mach was!“, denn plötzlich entdecken auch die Brasilianer ihr „Coração“ (Herz) für den Außenseiter. „Gana, Gana, Gana“, schallt es durchs Rund und direkt unter uns beschwört ein krass geschminkter Voodoo-Priester seine schwarzen Brüder. Es nun ein wilder Schlagabtausch und es gibt Riesenchancen auf beiden Seiten – doch nur Ghana trifft. Der erste Rückstand bei der WM und ich hoffe sogleich, dass es der letzte sein wird. Torschütze Gyan und der irre Medizinmann im Ghana-Block lassen sich feiern. Die Brasilianer starten eine La-Ola, die (fast) durchs ganze Stadion rollt. Die letzten Minuten kamen mir vor wie im Zeitraffer. Was für ein Drama!
Sylvie schreit mir ins Ohr: „Anscheinend wird Deutschland doch nicht Weltmeister.“ „Nein, scheinbar wird Deutschland nicht Weltmeister“, brülle ich zurück, denn endlich habe ich den Unterschied zwischen den Wörtern kapiert. Der Schein trügt, natürlich holen wir den Titel! Rede ich mir gut zu. Allerdings haben sich die neutralen Fans nun komplett auf die Seite des Gegners gestellt. Es stürmt gerade aber auch nur eine Mannschaft – und das ist Ghana. Atempause. Ecke für Deutschland. Kroos flankt präzise in den Strafraum, Höwedes verlängert geschickt und Klose – gerade erst eingewechselt – staubt ab. Tooor, Salto, Ausgleich – Wahnsinn! Es folgt der wüsteste Jubel-Tanz unseres Lebens. Mehr Glückshormone können nicht durch einen Körper schwappen. Wir kullern im Knäul hinunter bis zum Zaun. Weiter geht es mit völlig irrationalem, unkontrolliertem Offensivfußball von beiden Seiten. Erni reißt mich aus dem Geschehen: „Pixie schreibt gerade, dass Miro den fetten Ronaldo jetzt eingeholt hat“, dabei ist es mir scheißegal, wie viele Tore Klose bei WMs (jetzt 15) macht – Hauptsache er kann sich mal Weltmeister nennen. Ich brülle mit ihm hemmungslos: „Miro Klose! Miro Klose! Miro Klose!“
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Nach einer vergebenen Großchance von Müller endet das Spiel mit 2:2. Der liegt beim Schlusspfiff blutüberströmt am Boden. Aber auch ich bin fix und alle. Noch nie habe ich eine Partie mit solch einer brodelnden Intensität im Stadion verfolgt. Sylvie umarmt mich lange und Danny ruft mir in Jennas Armen liegend zu: „Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus.“ Sie spricht mir aus dem Herzen.
Zwei Typen mit schwarz-weiß gestreiften Trikots quatschen uns nach dem Spiel an. Wir wären ja abgegangen, wie sie – Fans aus São Paulo – plappernd sie drauflos. Anscheinend haben sie uns während der Partie beobachtet. Sie spendieren Erni (dem cleveren, geldknappen „Corintians-Fan“) zwei Bier.
Als wir die Arena eine Stunde nach Abpfiff verlassen, versinkt die Sonne gerade in den Häuserschluchten von Fortaleza und hinter dem glitzernden Pazifik. Ich bin noch immer so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich dies zwar wahrnehme, aber gar nicht so richtig zu würdigen weiß. Sonst würde ich in diesem Augenblick heulen.

Wir laufen zurück wie wir gekommen waren. Unterwegs steht mitten auf der Straße ein einsamer Plastikstuhl. Ich muss mich kurz sammeln, ausruhen, wieder zu Kräften kommen und will meinem Herzschlag lauschen. Erni hält den Augenblick inmitten der Massen in einem Bild fest. Es wird das Fußball-Foto – von mir – für die Ewigkeit.
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Zurück in der Stadt entern wir zielsicher ein Kilo-Restaurant. Als erfahrener Brasilen-Reisender erläutert Jenna den Frischlingen, dass sie sich bitte keine Kartoffeln oder sonstigen Beilagen-Quatsch auf die Teller packen sollen, da an der Kasse nur das Gewicht zählt. Fleisch, Würste, Fisch, Krebse, Garnelen und Gemüse im Überfluss gibt es auch für Erni, dem Danny 100 Real geliehen hatte, da sie unsere dummen Sprüche nicht länger ertragen konnte. Im Gegensatz zu mir macht Sylvie das Gelage müde. Sie verzieht sich ins Hotel. Ohne mein Mädchen taumeln wir in ein Konzert auf dem Fanfest. Ein dicker Sänger namens „Pericles“ heizt dort mit dunkelschwarzer Engelsstimme und Bigband in einer Mischung aus Samba-Reggea-Ska den Massen ein. Erni und ich schlagen uns in die vordersten Reihen durch. Dort bemerkt mein Kumpel, dass wir direkt vor der fest installierten Kamera stehen, die alle dreißig Sekunden ins Publikum schwenkt. Er greift mir an die Hose und zieht die DDR-Fahne aus der Schlaufe. Jede halbe Minute lachen wir nun – Tränen.
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Ausschließlich umgeben von krass abgehenden brasilienbraunen Jungs und beinahe barbusigen Schönheiten erschaffen wir ein durch den Zufall inszeniertes Bühnenbild. „Ordem e progresso“ und „Hammer, Sichel und Ehrenkranz“ werden von gut 5.000 Leuten nun alle 30 Sekunden gesehen, während alle dabei in Ekstase zur Musik springen. Brasilien feiert mit den zwei Ossis. Glückswellen durchziehen meinen Körper. Die besten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Was für ein perfekter Tag!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Genosse Gehorsam – aus dem Buch “Leninplatz”

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

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Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen meine Freunde seit einiger Zeit „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht. Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Hof schüchtern in die Reihen der entscheidenden Leute schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, der den nächsten Brüller raushaut. Bei ihm zu Hause herrscht nämlich Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat er dauerhaften Stubenarrest. Niemals darf er abends noch runter, stets wird er durch den grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters um 18 Uhr nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb weniger Sekunden im Hauseingang verschwunden. Manchmal frage ich mich, wie viele Tage er schon unglücklich in seinem Zimmer herumlungern musste.

In der großen Mittagspause am 12. Juni 1986 stehen wir in der Raucherecke. Tessi bietet mir lässig eine Kippe an. Wie gewohnt, hat er seine Cabinet-Zigaretten in eine Camel-Schachtel umgefüllt und wieder einmal wundere ich mich, dass die gelbe Schachtel noch immer wie neu aussieht. Warum tut er eigentlich vor uns so, als ob er Westzigaretten rauchen würde? Das ist doch albern. Wir stellen uns zu Andi, Bergi und Bommel, paffen gemeinsam dicke Rauchschwaden in die Luft und schauen hinüber zu Lars. Der steht allein, etwa zehn Meter entfernt, am Zaun und kaut mürrisch auf einer mitgebrachten Stulle herum.
Nein, er ist kein besonders großer Streber (ich habe bessere Noten), ist weder zu dick noch zu klein (Tessi ist eine Tonne und Bommel ein Zwerg), aber Lars hat sich vor drei Wochen für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee verpflichtet. Das kann und will selbst in unserer Vorzeigeschule niemand verstehen. Bei uns darf man sich Einiges leisten, ohne dafür Prügel oder Häme von der Clique zu beziehen, doch 25 Jahre NVA gelten auch hier als größtmögliche Arschkriecherleistung. Wir reagieren darauf so, wie es Schüler in unserem Alter nun mal tun: Niemand von uns will irgendwas mit ihm zu tun haben.

NVA Soldier


Tessi deutet mit Kippe in der Hand zu ihm hinüber und pöbelt: „Jetzt wird der Idiot sicher auch noch Gruppenführer im GST-Lager.” Plötzlich hören wir ein lautes „Platsch!” und beobachten, wie Lars erschreckt zusammenzuckt und sich dabei fast an seiner Stulle verschluckt. Aus etwa zehn Metern Höhe hat ihm eine dort oben grölende Möwe direkt auf den Kopf gekackt.
Es ist das Bild des Jahres 1986. Bommel liegt heulend vor Lachen auf dem Boden und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!”, während Lars wie angewurzelt dasteht und wahrscheinlich gerade spürt, wie sich der grünlich-graue Möwenschiss verflüssigt und über seinen Hals auf die Schultern des Nikis hinunter tröpfelt. Dicke Tränen kullern ihm über die Wangen.
In der Raucherecke gibt es kein Halten mehr. Ich bilde mir ein, dass wir noch nie so herzhaft gelacht haben. Mit feuchten Augen biete ich Tessi eine Cabinet aus meiner Cabinet-Schachtel an. Plötzlich kommt Torsten angelaufen und fragt trocken: „War das vielleicht eine Lachmöwe?“ Bommel, der das hört, bekommt seinen nächsten Anfall und steckt uns alle von neuem an. Heulend zieht Lars von dannen.

Der restliche Schultag ist nicht so spektakulär – bis auf die letzte Stunde. Tessi hatte im Schlafzimmer seines Alten in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und es in Physik heimlich herumgereicht. Beim Blick auf – und in – das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Großaufnahme muss ich fast kotzen. Bommel lässt die Sache beinahe auffliegen, weil er beim Blättern in den glänzenden Seiten zunächst dunkelrot anläuft, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllt: „Was für eine riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullern.


Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas intensiver widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kenne ich bisher nur aus Mosaik-Heften, und eine Frau in dem Hochglanzmagazin sieht aus wie Andis Mutter.
Tessi ist verschwunden, doch über Dirk, der immer weiß, wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert sich durch Seiten voller Ekelkram. Ich krieche hocherfreut dazu.
Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf die versauten Bilderrätsel. Plötzlich steht Torsten am Ende der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel im Funzellicht, während Tessi hektisch das Heft in seinem Koffer verstaut und aus der Röhre robbt. Wir treten ins Freie. „Kommt, lasst uns klauen gehen“, murmelt Bergi konsterniert.
„Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du bei Mutti petzt, kriegst du auf die Fresse“, keift Bommel, da er noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Kaufhalle dabei gewesen ist. Torsten ist der Sohn eines ständig in einem kackbraunen ASV-Trainingsanzug herumlaufenden, strengen NVA-Offiziers und einer äußerst ängstlichen Mutter.
Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Astrid davor, die sich uns anschließt. Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit KaLi (Kaffee-Likör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, jeder eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.

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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit dann seelenruhig zum Ausgang.
Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein kuhler Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu. „Und jetzt mit Fassbrause die Birne wegschießen?“, frage ich. Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat – Torsten hat sogar eine schwer zu klauende Falkner-Whisky Pulle eingesackt – im Alfclub mit Hochprozentigem begießen müssen.

Doch Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive seines Heftes), Assi folgt wenig später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt mich: „Noch schnell ein Telefonstreich bei dir?“ – „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny bäuchlings auf der Couch, fummelt an seinem roten Tresor aus Plaste wie Egon Olsen herum und schaut nebenbei die Schlümpfe in der ARD. Andi klingelt an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und fragte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“ – „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“ So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Auslegeware. „Klärgrube, ich dreh durch!“

Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Andi schnappte sich sofort den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein reiner Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel.
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. Doch so machte das keinen Spaß. Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Karsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen.
Danach gingen meine Freunde, denen unser Lehrer, Herr Schönlein, stets jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass fantastische Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Anne Gurgel gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Brüderlein dabei waren, denn die lachten mit einer derart kindlichen Naivität oftmals minutenlang. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja gar kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Ein typischer Kugelwitz. Keine Ecke zum Lachen.
Als Bergi noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul?“, musste ich alle bremsen, bevor noch unser angesoffener Nachbar Voss erschien und fragte, was wir hier eigentlich treiben. Als dann der Wäschemann von Rewatex unten klingelte, beendete ich die Veranstaltung.

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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen Tessis Heft im Kopf herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss), ich suche einen Bruce Twarze und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ – „Kriegst ja ‘n Harten!“ Der zieht und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene.
Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem da auch nichts Neues ein.
Plötzlich ruft er: „Hat mal jemand die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen?‘, frage ich mich. Er schnappt sich das graue Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang – bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“
„Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals von einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Flade aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingstraße. Sie wurden soeben angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen bei uns vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang!“
Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, sagte ich, oder es erwarten Sie ernsthafte Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ All meine Freunde beginnen zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte, Scheppi, ich habe drei Tage sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist. Heute wollte ich auch mal ein bisschen Spaß haben.“

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fenstersims reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich zusammen das Pornoheft angeglotzt!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, dass er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht.

Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits eifrig. „Was machst du denn hier?“, fragt Bommel. Er sieht aus, als ob er sich gleich vor Lachen in seine abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich auch fegen soll“. Astrid läuft puterrot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Jahres. Bommel quiekt: „Ich kann nicht mehr“, während Astrid: „Ihr geht mir echt auf die Klöten“, schnauzt, obwohl ihr dafür leider die Voraussetzungen fehlen, was Bergi ihr sicherlich gleich mitteilen wird.
Bommel biegt sich derweil noch immer vor Freude, sodass Assi schließlich gegen ihren Willen auch grinsen muss. In diesem Moment kommt der echte Kaufhallen-Leiter Flade in einem versifften Dedoron-Kittel herausgestürmt und brüllt: „Was ist hier los? Verpisst euch, ihr Penner!“

Wir zischen ab und Tessi murmelt: „Der Typ heißt bestimmt Sigmund Jähn?“ „Warum?“ frage ich, obwohl ich den Witz schon kenne. „Er kennt sich mit leeren Räumen aus.“ Bommel quiekt dennoch wie ein Viertklässler.
Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Astrid und sagt dann: „Ey Assi, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt geschockt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem Finger unter die Nase und ruft: „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wird Torsten in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schließe ich den Alfclub auf und wenig später verlagern wir die Veranstaltung – inklusive einiger Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelt sich eine legendäre Party, von der ich nichts berichten darf, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und kindlichen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen (und beinahe seine Unschuld). Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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