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Das Vorspiel: Deutschland gegen Ghana – Brasilien 2014

30. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110187Durch die Samba-Bar schlängelt sich eine 200köpfige Polonaise, angeführt von Erni. Fast alle Gäste haben sich – gegenseitig an die Schulter fassend – angeschlossen und steigen gerade kreischend über Tische und Stühle bevor uns mein Freund nach draußen unter den 5-Sterne-Sternenhimmel leitet. In brasilianisch-deutscher Leidenschaft bricht der Laden gerade fast zusammen und ich ahne schon jetzt, dass ich mich noch lange an diesen Abend erinnern werde. Erni brüllt mir von vorne zu: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“
Plötzlich erwache ich aus einem Traum, der im Juli 1990 begann und stelle fest, dass ich mich im Juni 2014 in der Wirklichkeit befinde. Ich habe so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Allein für diesen magischen Moment haben sich diese Nacht, die Reise und das Leben gelohnt!

In Fortaleza hat sich einiges verändert. Wahrscheinlich nur WM-Fassade, doch ein Unterschied zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig, gefährlich und save ist im Zentrum nicht erkennbar. Es gibt kaum Dreck, keine offenen Abwasserkanäle, wirr verzweigte Stromkabel, oder gar verlumpte Kids in dreckigen Shirts und verbeulten Sandalen. Die Innenstadt ist touristenfreundlich geworden. Mich irritiert das nicht, denn alle Menschen, die wir am Vortag des Deutschland-Spiels treffen, ob jung oder alt, Brasilianer, Schweizer, Franzose, oder Ghanaer tragen ein eingemeißeltes Lächeln im Gesicht. Heile Welt, denn sogar die Polizisten sind zuvorkommend.
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Wir wohnen unweit meiner geliebten Honiglippenbucht in Iracema und genau dort haben sie auch die Fanmeile mit zwei Mega-Leinwänden inmitten des Stadtstrandes errichtet. Die Stimmung ist ausgelassen, ja geradezu euphorisch und obwohl die Tische und Stühle der Restaurants, den Ständen der FIFA-Sponsoren weichen mussten, beschweren wir uns nicht, da das gereichte Brahma eiskalt und bezahlbar ist. Außerdem sind die knallroten Hartplastik-Becher ein tolles Souvenir. Auf ihnen ist das bunte WM-Logo und der Slogan: „Fan Fest Fortaleza – Jagandas de Mucuripe“ zu sehen. Wir kaufen einen turmhohen Stapel Souvenirs.
Die heutige Nachmittagspartie zwischen Frankreich und der Schweiz ist die bisher torreichste der Weltmeisterschaft, was die multikulturelle Feierstimmung zusätzlich anheizt. Sogar Jenna genehmigt sich ein Bier pro Tor, obwohl er die „Froschfresser“ noch immer nicht leiden kann. Nach sieben Stück (das Spiel endet 5:2) tanzen 20 Gockel mit 30 Eidgenossen zu brasilianischem Ska im Sand. Sie greifen sich dabei gegenseitig an die Schultern und bilden einen Kreis. In dessen Mitte drehen drei Typen aus Costa Rica komplett frei, da sie im Mittags-Spiel die Italiener sensationell mit 1:0 besiegt hatten. Die Mittelamerikaner stecken alle mit ihrer Orgie aus purer Lebensfreude an. Erni brüllt mir ins Ohr: „Das is aber geene rischdsche Bolonäse!“ Wohl nicht, aber ich begeistere mich dafür, wie friedlich die Nationen hier gerade miteinander tanzen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, rufe ich zurück. Passend dazu sehen wir auf der Promenade nun auch deutsche Fans, die Fortaleza allmählich entern und zwei schüchterne Ghanaer. Einen von ihnen überrede ich zu einem Fotoshooting. Ich, noch immer leichenblass, und mein schwarzer Freund erschaffen – Arm in Arm – für 30 Sekunden ein Harmoniegemälde menschlicher Hautfarben. Fast alle Leute die vorbeischlendern, erheben den Daumen und lächeln verzückt. Es sind offensichtlich keine Rassisten, Nazis, rechte Hools oder sonstige Vollidioten nach Fortaleza gekommen – und so kann es auch bleiben!
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Kurz danach nehme ich Danny zu Seite und flüsterte ihr ins Ohr: „So kannst du aber morgen nicht auf dem Spiel herumlaufen.“ Sie trägt, wie wir alle momentan, neutrale Klamotten, ist aber die Einzige, die kein Deutschland-Trikot im Gepäck dabei hat. Die Antwort überrascht mich: „Okay, lass uns dort vorne mal gucken.“ Im FIFA-Fanshop kauft sie – mangels Alternativen – das vermutlich teuerste Nicht-Original-Trikot der Welt. Es ist ein schwarz-weißes, kurzärmliches Hemdchen, wo mit einer Art Stempel liederlich die deutsche Flagge über der rechten Brust aufgedruckt wurde. Und das hässliche Ding kostet 75 Dollar! Vielleicht macht sie es nur mir zu liebe. Wenn dem so ist, werde sie dafür ein Leben lang in Dankbarkeit umarmen.
Danny kenne ich schon solange wie Sylvie und Jenna, bin aber in den letzten Jahren nicht mehr so richtig warm mit ihr geworden. Doch seit wir in Berlin den WM-Flieger bestiegen haben, ist sie wieder das zauberhaft-offene und fast jugendlich wirkende, sauhübsche Mädchen, in das ich mich fast mal verknallt hätte. Das Abendspiel zwischen Honduras und Ecuador (2:1) ist nicht so der Brüller, da keine Supporter aus diesen Ländern im lauwarmen Sand durchdrehen. Nach einem Mahl – Erni murmelt in sein Essen: „Das sind aber geene rischdschen Spaghetti Bolonäse“ – und zwei dickbäuchigen Caipirinhas gehen wir zu Bett. Die lange Anreise aus Pipa hat doch mehr geschlaucht, als wir uns das lange eingestehen wollten.
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Obwohl Erni schnarcht – er wird auf der Reise abwechselnd auf die Zimmer der Paare verteilt – schlafe ich traumlos und gut. Am Morgen schlottern mir dennoch die Knie. Ich werde heute mein allererstes WM-Spiel live im Stadion verfolgen und am liebsten wäre ich jetzt, sechs Stunden vor Anpfiff, allein. Das funktioniert sogar fast, da Erni Geld ziehen muss und die Mädels noch Ansichtskarten kaufen wollen. Mit Jenna laufe ich hinunter zum Pazifik. Er ist mein bester Freund! Vielleicht sollte ich ihm das einmal sagen. Seit 16 Jahren reisen wir nun schon gemeinsam durch Südamerika und kein Göte oder Matze ist diesmal dabei (obwohl die vorher noch groß getönt hatten). Nur der alte Mannheimer läuft – wie ich – schweigsam im rot-schwarzen Auswärtstrikot neben mir her und ist, nach den salzigen Perlen auf seiner Stirn zu urteilen, gerade genauso aufgeregt. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass auch ich für ihn der allerbeste Freund der Welt bin.
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In unserem Hotel wohnen die „Dubaiern“ – bärige Typen, die von Dubai aus Bayern München supporten und an der Bucht sehen wir zwei „Unioner“ aus Halle/S. (deren Zaunfahne bei fast jedem Deutschland-Spiel zu sehen ist). Wir treffen auf eine Horde aus dem „Wilden Süden Gladbachs“ und auf zwei strohblonde Mecklenburger, die Trikots mit der 1 und der 8 tragen. Bei dem einem steht „Toni“, beim anderen „Kroos“ auf dem Rücken. Der grandiose Kaltblüter mit der 18 aus MeckPomm ist der einzige gebürtige Ostdeutsche im Nationalteam und auch mein liebster Spieler, obwohl seine Herkunft (Greifswald) – 25 Jahre nach dem Mauerfall – eigentlich völlig schnuppe ist.

Am „Ponte dos Ingleses“ klatscht Jenna mit zwei „Monnemer Jungs“ ab, ich grüße einen einsamen St. Pauli-Fan und ein pummeliger Kerl mit Dynamo-Dresden-Fahne um die Hüften gewickelt, watschelt auch noch herum. Ganz Deutschland ist heute vertreten und als wir unsere Bielefelder, die wir auf dem Hinflug getroffen hatten, entdecken, wird aus Wiedersehensfreude Mittagsbier gekauft. Manchmal kann einen schon die Stimmung vor einer Partie fesseln – heute ist so ein Tag!
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Wir kommen fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, obwohl ich es ja war, der um 13 Uhr – drei Stunden vor Spielbeginn – aufbrechen wollte. Auch die Frauen haben sich nun herausgeputzt. Sylvie trägt das rote Auswärtstrikot der WM 2006, Danny das schwarz-weiße Shirt von gestern, plus Flip-Flops in schwarz-rot-gold (!) und Erni seine lustigen 74er-Klamotten. Er sorgt am Taxistand zudem für Belustigung, da er sich mit einem Idioten, der von Hut bis Fuß mit deutschem Tinnef und Lametta behangen ist, ablichten lässt. Auf dessen linker Brust klebt – warum auch immer – der Kopf von Bert. Erni lehnt seinen Schädel grinsend dagegen und Danny knipst die seltsame Sesamstraße in Fortaleza. Sylvie bekommt sich fast nicht mehr ein, aber aus einem anderen Grund. Sie erzählt, dass unser Freund in der Heimat das Limit seiner Kreditkarte auf 500 Euro pro Monat limitiert hatte, sodass er soeben gerade noch 60 Real (ca. 20 Euro) aus dem Automaten ziehen konnte.

In dem Moment, als wir in das Taxi mit dem Ziel Estádio Castelão steigen, habe ich gute Freunde und die schönste Frau der Welt an meiner Seite. Obwohl wir uns zu viert auf die Rückbank quetschen, schmusen wir wie zwei junge Welpen. Danny und Jenna auch. Heute kann nichts mehr schiefgehen!
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Der Fahrer rät zu einem Umweg, da die Zufahrtstraße zum Stadion verstopft sei. Wir einigen uns auf 75 Real Festpreis. 15 für jeden. Ich rufe: „Erni, du hast dann ja noch 45 Tacken.“ Er hatte zwar schon seine Freundin Pixie per Not-Telefonat gebeten, Kohle auf sein Konto zu überweisen, aber heute wird der listige Sparfuchs ohne Weitblick den ganzen Tag hochgezogen.
Pixie ist eigentlich eine patente Frau – mit krassem Fußballverstand und ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht mitgekommen ist. Dennoch bin ich froh, dass wir Erni nicht schon am ersten Tag verloren haben – das war nämlich ihre größte Sorge gewesen. Der fragt Jenna gerade: „Kannste mir mal ‘nen Hunderter borgen?“ „Du hast doch noch fett die Kohle“, schallt es gewohnt trocken zurück.
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Mein Handy brummt. Eine SMS: „Lass es krachen und die Karte steht. Trueman.“ Mein liebster Kneipenkumpel aus dem „Rockz“ hatte es leider nicht nach Fortaleza geschafft, obwohl wir für ihn ein Ticket haben. Erst zum Spiel gegen die USA reitet er zur WM ein und hätte dort wiederum eines für mich im Gepäck. ‚Oh Mann‘, denke ich im Wissen, dass wir morgen in den Amazonas fliegen werden und Recife wohl eher ausfällt.
Ich verzichte noch immer auf ein Smartphone, um nicht ständig online zu sein und keine wertvolle Lebenszeit ständig mit so einem Scheiß vergeuden will. Dieses Mal wäre so ein Ding durchaus sinnvoll gewesen. „Hört mal Leute. Mein Handy hat ‘ne sprechende Uhr“, rufe ich. „Es ist 13 Uhr 32“, krächzt eine weibliche Blechstimme und sorgt damit für die nächsten Lacher.
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Die weiträumige Umfahrung war eine gute Idee gewesen – da wir schon um 14 Uhr ankommen und im Strom der Massen in Richtung des aus der Ferne gigantisch wirkenden Stadions laufen. Entgegen aller Vermutungen gibt es überall fliegende Händler, die Snacks und Dosenbier verkaufen. Die Brasilianer pfeifen auf die FIFA-Regularien. „Erni, hol mal die erste Runde. Hier ist es noch billig“, ruft Danny. Das Brahma kostet 6 Real, sodass er nach fünf Kaltgetränken, mit 15 Real Barbesitz im Prinzip pleite ist. Ich fühle mich sauwohl, denn es gibt nirgendwo eng zulaufenden Gatter und dichtes Gedränge. Dennoch schwitzen wir wie Schweine. Ob es an den Außentemperaturen, der haarsträubenden Intensität oder an der Aufregung liegt?
Die deutschen Gesänge werden nun immer lauter. Meine Frau trägt jetzt sogar ein schwarz-rot-goldenes Band im Haar und Danny einen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem steht: „I love Brasil“ – wobei dieses Gefühl seit Tagen allumfassend ist.
„Bist du glücklich?“, fragt mich Sylvie. „Oh ja“, posaune ich zurück, denn obwohl Menschenaufläufe auf mich oftmals bedrohlich wirken, zieht mich das Getümmel heute magisch an. Ich verschmelze mit der Euphorie der Massen und lasse mich kübelweise mit Glücksgefühlen überschütten. Nur einen Wermutstropfen gibt es: niemand sucht nach einer Karte. Sie verkaufen sogar noch welche an den Kassen. Okay, das Fassungsvermögen soll bei über 60.000 liegen, aber ein bisschen enttäuschend ist es schon, dass sie das Ding nicht voll kriegen. Außerdem lungern momentan keine Fans oder erwartungsfrohe Kids vor den Toren herum, denen wir die Karte einfach schenken könnten. Das Trueman-Ticket werden wir nicht los.
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Hinter der ersten Sicherheitskontrolle – wir sind noch nicht im Stadion – hole ich die DDR-Fahne heraus und lass mich damit vor dem Beton-Monster fotografieren. Das Bild ist in Gedenken an meinen Vater, um ihm – wo immer er gerade ist – zu zeigen, dass es sein kleiner Ossi-Sohn tatsächlich bis zur Fußball-WM nach Brasilen geschafft hat. Das soll es dann aber auch mit Nostalgie gewesen sein. Ich stecke den Fetzen so in eine Hosenschlaufe, dass das Emblem nicht mehr zu sehen ist. Erni stellt sich mit Deutschland-Fahne neben mich. Die Vergangenheit ist endgültig ad acta gelegt – von jetzt an lebe ich nur noch im Präsens.
Die Brahma-Brauerei ist auch hier präsent. Die roten Becher zu 10 Real haben den Aufdruck: „ 21 de junho de 2014. Estadio Castelão. Fortaleza CE.“ Darunter sind die Nationalflaggen und „Alemanha“ und „Gana“ aufgedruckt. Erni hat nun vier Runden lang Pause vor unserem ätzenden Humor und gleichzeitig Zeit, zu sich überlegen, was er mit den langweiligen FIFA-Fanfest Souvenirs machen soll. Die Stimmung ist überragend: Musik, Geschnatter, Lachen, Herzlichkeit und Lebenslust. Neben Deutschen und Ghanaern sind extrem viele Brasilianer aber auch etliche Mexikaner mit vor Ort. Auf einer Leinwand schießt Messi gerade im Mittagsspiel per Traumtor das 1:0 für Argentinien gegen den Iran. In der 90. Minute! Die Brasilianer finden das Scheiße und ich denke sogleich: ‚Hoffentlich werden unsere Nerven heute nicht so lange strapaziert.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Unsterblichkeit – Brasilien Fussball-WM 2014

27. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

BrasilTosende Wellen ersticken den Wind und eine urwüchsige Brandung übertönt jedes andere Geräusch, obwohl all meine Freunde zu juchzen scheinen. Seit zwanzig Minuten kämpfen wir nun schon mit den Wassergebirgen – stürzen uns, sobald ein neuer Brecher heranrollt, auf seinen Kamm und rasen auf ihm mit aller Gewalt in Richtung Strand. Ich habe ein gutes Timing für den Absprungs-Moment auf die weiße Schaumkrone und würde einen internen Bodysurf-Cup wahrscheinlich gewinnen. Oftmals zische ich fast bis zur Uferkante, um mich mit aufgeschürften Knien sofort wieder knapp sechzig Meter in die aufgewühlte See zu stürzen. Plötzlich sehe ich Danny, die als einzige draußen geblieben war, hektisch am Strand winken. Sie möchte uns etwas zurufen und deutet mit dem Zeigefinger aufgeregt in Richtung der sich vor uns auftürmenden Brecher.
Ich habe keine Ahnung, was sie will, denn wir sind hier im brusttiefen Wasser nicht sonderlich in Gefahr und auch ein Tsunami rollt gerade nicht gen Küste. Sylvie, Jenna und Erni bemerken das wild gestikulierende Rumpelstilzchen erst gar nicht.
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Doch da sie mit ihrem Gezappel gar nicht mehr aufhören will, lasse ich mich im Weißwasser an die Küste fluten und auch Sylvie, Erni und Jenna waten alsbald an Land. Danny kommt uns entgegen und brüllt: „Habt ihr denn nicht die Delfine gesehen?“ „Welche, was?“, nuschelt Erni, wie immer ein wenig begriffsstutzig. „Mensch! Delfine, die direkt hinter euch in die Luft gesprungen sind!“, ruft sie entsetzt, ob unserer Blödheit. Und richtig, als wir den Hügel, dort wo unsere Sachen liegen, erklommen haben, sehen wir unzählige Finnen der grazilen Wesen unmittelbar hinter der ersten sich brechenden Welle aus dem Wasser ragen. Dann hebt einer ab. „Wow, Scheiße“, stottern wir im Chor, da zwei von ihnen dabei fast schon akrobatische Figuren vollführen. Wir befinden wir uns an der Baia dos Golfinhos und hätten soeben die magischen Tiere der Meere fast berühren können. Als ich das allmählich realisiere, ist Danny längst in Richtung Pazifik gestürzt und auch Sylvie und die Jungs folgen ihr im Laufschritt. Nur ich setze mich in den warmen Pulversand.
Dies ist nun meine zehnte Reise nach Lateinamerika. Anfangs war ich oftmals ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder getingelt und hatte nie hinterfragt, warum ich das eigentlich tat. Doch mittlerweile kann ich das Augenblicksglück einfangen, weiß um meine Sterblichkeit und genieße Momente, die es nur im Hier und Jetzt gibt. Das ist so einer.
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Ich schaue Danny und Erni hinterher, die im Gegensatz zu Sylvie und Jenna schon die letzte Welle bezwungen haben. In Zeitlupe sehe ich sie im delfinverseuchten Wasser als Punkt am Wellenhorizont verschwinden. Sie spüren dabei sicher gerade die kribbelnde Freiheit zwischen ihren Fingern. Gebannt beobachte das Schauspiel.
Die beiden sind zum ersten Mal in Südamerika und seit unserer Ankunft beneide ich sie darum, dass sie viele Gefühle auf diesem Kontinent gerade zum ersten Mal in ihrem Leben verspüren. Ich bin eben schon mit Delfinen geschwommen, hatte ihre elastische Haut befühlt und danach fast geflennt. Mit leuchtenden Augen reisen die „Neuen“ seit Tagen mit uns durch das Brasilien. Danny, die in der Heimat kaum mit Fremden redet und wegen Kontaminierungsgefahr am liebsten den ganzen Tag mit Handschuhen herumlaufen würde, gibt sich besonders volksnah und berührt jede ihr unbekannte subtropische Pflanze, Korallenart und sogar Käfer oder Insekten mit einer ansteckenden Neugier. Und Erni, der niedlich sächselnde Sachsen-Anhalter, findet sowieso alles „Dib Dob“ (Tip-Top). Ich würde vieles dafür geben, bestimmte Gefühle auch noch einmal, zum ersten Mal so intensiv zu spüren. Eine Sehnsucht, so groß wie der Pazifik. Sylvie winkt mir lächelnd aus diesem zu. Ich leihe mir ein Surfbrett von den Strandnachbarn und paddele meiner Freundin und den Flippern entgehen. In diesem Augenblick ahne ich: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – kurz vor einem WM-Spiel mit eigener Eintrittskarte – sein. Niemals!
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Wir befinden uns in Praia de Pipa. Das ehemalige Geheimtipp-Dörfchen an der brasilianischen Ostküste, welches sich an vertikale Klippen mit dahinter liegendem atlantischen Regenwald und die vielleicht schönsten Strände des Landes schmiegt, beherbergt in seinen unzähligen Pousadas zur Zeit fast ausschließlich Fußballfans aus aller Welt. Das sonst so hippe Örtchen ist dem WM-Fieber erlegen, da es zu den Spielorten nach Recife, Natal und Fortaleza nur einen Katzensprung ist – in südamerikanischen Maßstäben.
Wir waren drei Stunden zu sechst in einem Kleinwagen durch endlose Zuckerrohr-Plantagen gefahren. Mit der Pousada Tartaruga (Schildkröten-Pension) hatten wir nicht nur eine Traumunterkunft gefunden, sondern auch den Beweis erbracht, dass es während der WM 2014 möglich ist, sehr gut und günstig zu übernachten, ohne vorgebucht zu haben. Uns alle macht das in Hinblick auf die nächsten Wochen Hoffnung. Der Wohlfühlpool inmitten von acht Bungalows gehört uns allein und kleine Weißbüscheläffchen beobachten uns beim Frühstück.
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Jeden Nachmittag treffen sich die verschiedenen Länderfraktionen zu „ihrem“ Spiel und besonders bei den Knaller-Partien wie Brasilien gegen Mexiko, Spanien gegen Chile oder Uruguay gegen England explodieren die Kneipen entlang der sandigen Wege regelrecht. Trotz unerwarteter Niederlagen des einen oder anderen Favoriten geht es in Pipa harmonisch zu. Fast alle scheinen eine relaxte Zeit im tropischen Paradies verbringen zu wollen und selbst die krebsroten Briten kloppen niemanden auf den Kopp nach ihrem Ausscheiden nach nur zwei Spielen. Das Brasilien-Match gewinnen – in Fangesängen gemessen – sogar ihre Gegner. Die Mexikaner gehen emotional total durch die Decke! Mit Sombreros oder verrückten Boxer-und Rugbymasken bekleidet, schreien und singen sie fast ununterbrochen. Es hilft, denn ihr Team holt ein erstaunliches 0:0 gegen die Gastgeber.
Selbst die US-Boys treten geschlossen herzlich auf. Soccer ist in den USA traditionell eher ein Spiel der Looser, aber eben auch eines für Andersartige. Fast alle Typen sind schwerstens tätowiert, tragen Rasta, Iros oder lange Mähnen und zerzauste Bärte. Ein wilder Haufen! Zwei offenherzige Brüder – aus dem unaussprechlichen Massachusetts – lernen wir näher kennen und verbringen mit ihnen einen lustigen Abend in einem Rodizio, wo sie köstliches Fleisch mit Fleisch servieren.
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Und obwohl Deutschland im hiesigen Zeitfenster gar nicht spielt, strecken uns alle im Dorf die Daumen entgegen sobald sie erfahren, dass dies unser Heimatland ist. Der glorreiche Sieg gegen Portugal hat Eindruck geschunden. „Muito bom“. So kann es weitergehen!
Auch an den Stränden, mit solch klangvollen Namen wie Baia dos Golfinhos, Praia do Madeiro oder Praia do Amor, liegen überall Leute aus den Teilnehmerländern der Fußball-WM herum. Sie sind immer gut zuzuordnen, da fast jeder – trotz dreißig Grad im Schatten – voller Stolz das Trikot seines Teams am Meer spazieren trägt. Nur die dunkelhäutigen Brasilianer und rothäutige Engländer zeigen durchtrainierte Bäuche oder Wampen. Allerdings hat kaum jemand Frauen mit dabei – auch die anderen Deutschen nicht. Wir sind da eher die Ausnahme, aber ich glaube, dass Danny und Sylvie die Pfiffe und Blicke innerlich genießen.
Wir machen einen Fehler: satt noch einmal den Hügel mit Panoramablick auf die Delfinbucht zu erklimmen und vor dem Riff mit unseren neuen Freuden im lärmenden Geschnatter um die Wette zu surfen, laufen wir rechterhand an eine andere Bucht von Pipa. Dort wehen rote Fahnen vor blauschwarzen Wellenmonstern und niemand ist im Meer. Freund Erni, dessen Mansfelder Dialekt oftmals ein bisschen dümmlich klingt, wobei er vermutlich der Intelligenteste unserer Truppe ist, ruft dennoch: „Also ich geh jetzt rinn in die Brühe“. Niemand hindert ihn daran.
Wir bestellen jeder ein großes, auf 7 Grad heruntergekühltes Brahma und vertiefen uns in die von mir so geliebten „Dämlich-Laber-Gespräche“. Nach zehn Minuten sehe ich jemanden im Ozean aufgeregt mit den Armen wedeln. Das Problem: jeder würde seine Bewegungen wahrscheinlich als Winken, Freude oder Euphorie deuten, doch ich sehe auch aus der Ferne seine stark geweiteten Augen. Diese Unfassbarkeit hatte ich selbst schon einmal erlebt – mein Freund ist in Todespanik.
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Ich springe auf, renne zu ein paar Typen, die gelangweilt mit ihren Surfbrettern im Sand liegen und schreie sie in einem Sprachen-Wirrwarr-Mix an. Ich habe Glück, denn einem der Jungs ist sofort klar, was da draußen geschieht. Er spurtet mit dem schmalen Brett unter dem Arm in die schäumende See. Alle sehen, wie der sportliche Typ schon mit den ersten Wellen zu kämpfen hat, um sich Erni auch nur ansatzweise zu nähern. Er riskiert gerade sein eigenes Leben, um einen fremden Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Plötzlich taucht ein weiterer Retter – fast aus dem Nichts – auf und versucht ebenso in Richtung meines Freundes zu paddeln. Er trägt ein gelbrotes Shirt – es ist ein Rettungsschwimmer.
Wenige Minuten später haben sie den noch immer nach Luft schnappenden Schwimmer an Land gezogen. Mittlerweile sind auch meine Freunde um ihn herum versammelt. Der Liveguard fragt in gutem Englisch mit brasilianischer Gelassenheit, ob wir total bescheuert wären? Erst gestern sei ein Argentinier genau an dieser Stelle ersoffen. Erni, der das nicht hört, röchelt: „Alles Dib-Dob!“. Aus dem Augenwinkel beobachte ich zwei halbnackte brasilianische Grazien, die das Schauspiel ziemlich ungerührt beobachten.
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Wenige Minuten später hat sich die Gruppenkonstellation geändert. Während der fast Ertrunkene mit Sylvie zurück zur Pousada läuft, machen Danny und Jenna Hand in Hand einen Spaziergang am Strand. Nur ich bin geblieben, blicke hinaus aufs Meer und spüre meine eigene Endlichkeit. Die Gedanken spielen verrückt: ‚Wie krass ist das denn? Beinahe wäre diese Reise von heute auf morgen beendet gewesen. Und der arme Typ aus Argentinien. Nicht nur, dass seine Freunde und die Familie um ihn weinen. Er fährt vermutlich zur ersten Fußball-WM seines Lebens und stirbt dann. Vielleicht wird sein Team in ein paar Wochen sogar den Titel holen.‘

Ich habe mich nach dem Abtritt meines Vaters mittlerweile halbwegs mit dem Tod arrangiert, da wir uns ja alle mal verabschieden müssen. Doch in diesem Augenblick wird mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie einschneidend und nahezu unglaublich unsere Sterblichkeit eigentlich ist. Wir sollten besser auf uns aufpassen, denn das Leben birgt gerade jetzt eine große Verpflichtung: Wir müssen diesen Scheiß-Pokal nach 24 langen Jahren endlich wieder einsacken!
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Was haben Sie denn in Venezuela gemacht?

6. November 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Alle wollen nur noch weg aus Santa Fe. Sylvie und mir geht das überfüllte Strandgedöhns auf den Sender, Göte hatte „die schlimmste Nacht seines Lebens“, da er von Mücken zerstochen wurde und Matze jammert, dass der Ventilator so laut wie eine MiG 21 gewesen sei. Er schreit nach einem HILTON. Jenna hat lediglich keine roten Marlboro mehr. Alf hatte sich angeboten, uns nach Puerto la Cruz, das Miami ähneln soll, zu begleiten. Vielleicht könnten wir ja dort auch noch eine Tour buchen.
Wir halten am teuersten Hotel der Stadt, einem staatlichen 5-Sterne-Bunker. Es gibt kein HILTON. Als Göte und Matze aus dem Foyer kommen, glotzen Sylvie und ich erstmals, wie Schweine im Weltall. Die beiden haben eine Suite für 320 Dollar die Nacht gebucht und laden uns ein. „Ich hätte es mir teurer vorgestellt“, sagt Matze zu allem Überfluss. Der graue Luxusschuppen sieht von außen aus, wie ein FDGB-Ferienheim im Ost-Harz. Innen eigentlich auch. Na fast …

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Weiter geht’s mit Alfi in einer einstündigen Fahrt durch den Stau ins Shopping-Center. Angeblich gibt es nur dort Internet. Alvaro ist die gesamte Zeit sehr zuvorkommend und anständig. Er trinkt kaum Alkohol, liebt seine Frau abgöttisch und hasst Leute zutiefst, die Drogen ins Land schleppen. Nachdem wir in einem Cafe eine Lagebesprechung abhalten und er die spendierten Biere rülpsend in einem Zug leert, taut er allmählich auf und erzählt voller Stolz, wie er die örtlichen Damen durchknallt. Er will sogar Sylvie mit Nutten versorgen. Bedacht leise flüstert er, dass er den besten kolumbianischen Stoff der Stadt besorgen könne. Touren kann man hier allerdings nirgendwo buchen und wir werden den schizophrenen Vogel nicht mehr los. „Everything is possilbe.“ Wir wissen alle, dass man Bekloppte nicht provzieren sollte. Er läuft mit uns durch die Stadt und als er mal pinkeln muss, verduften wir um die nächste Ecke. Erleichtert schlendern wir zurück zur Deluxe-Herberge. Und wer ist schon da? Alfi liegt zugedröhnt in unserer Badewanne. Jetzt reicht es aber! Wir lassen die Security holen. Ein Albtraum.
Im besten Hotel der Stadt gibt es keine gefüllte Minibar, absolute Handtuchknappheit und keinen funktionierenden Roomservice, obwohl der mit 24 Stunden angepriesen ist. Wir gehen an die Poolbar und werden schroff abgewiesen. Dem Tonfall nach zu urteilen, hätten sie auch „Verpisst euch, ihr Penner!”, sagen können. Draußen finden wir einen Kiosk, an dem wir frustriert ein paar Bier trinken. Aus den Boxen erschallt venezolanische Mallorca-Musik. Es fängt an zu regnen.
Wir trauen uns in der Dunkelheit nach Downtown zum Essen, doch bereits kurz vor 21 Uhr beschließen wir, einen Heimabend zu machen, da wir uns ja in einer sehr gefährlichen Stadt befinden. Göte, Jenna und ich kaufen beim Liquorshop zwei Literflaschen Cacique-Rum, Pepsi und 5 kg Eis. Sylvie nimmt sich Rotwein und Matze vier kleine Light-Bier mit. „Der Rum ist das Einzige, was noch genauso gut ist, wie vor zehn Jahren“, sagt Göte meckernd. Wie Recht er nur hat.
Die Cacique-Fraktion ist um 23.30 Uhr schrankfertig abgefüllt und Sylvie gibt dem bettelnden Matze noch eine viertel Flasche Wein ab. Dennoch versucht Mr. Lightbier danach vergeblich den Zimmerservice anzurufen und auch an der Rezeption rücken sie keinen Alk mehr heraus. Auf die Frage, warum er denn nicht noch in die Stadt geht, antwortet er: „Für drei Bier lass ich mir doch nicht den Schädel einkloppen.“
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Am Morgen kommen Göte und Matze freudestrahlend ins Zimmer zurück und erklären, dass wir die Suite weiter behalten können. Somit sind auch die letzten Pläne gekippt, doch noch zum Salto Angel zu fahren. Wir gehen bei Sonnenschein in die Stadt frühstücken und bei Regen wieder zurück. Da es den ganzen Tag weiter schüttet, lassen wir uns an der heute geöffneten Poolbar nieder.
Göte und Matze hatte ich lange nicht gesehen und während unserer Gespräche fällt mir auf, wie sehr ich sie vermisst habe. Wir reden über ihre Jobs im Ausland, über Berlin, andere Freunde und die letzte Fußball-EM. Göte war bei vielen Spielen dabei gewesen. Er schwärmt noch immer von Spanien, wie sie im Halbfinale Russland auseinander genommen und auch uns Deutschen im Finale eigentlich keine Chance gelassen hatten.
Ich berichte von meinem Auswärtsspiel in Australien, doch die schönste Geschichte erzählt Matze von der WM 2006. Die kannte ich noch gar nicht. Er hatte sich damals fünf Stunden vor das Olympiastadion gestellt, um eine Karte für das Spiel gegen Argentinien zu ergattern. Als er siegestrunken, Stunden nach dem Match, nach Haus fuhr, herrschte noch immer eine unglaubliche Euphorie in der S-Bahn. Wildfremde Menschen umarmten sich und jeder musste dem anderen mitteilen, dass sie gerade etwas Einzigartiges, Unvergleichbares erlebt hatten. Bis sich ein älterer Mann schüchtern zu Wort meldete und von der „Nacht von Sevilla“ berichtete. Er hatte 1982 das WM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich live im Stadion gesehen. In der Bahn herrschte für Minuten ehrfurchtsvolle Stille.
Am Abend finden wir ein gemütliches Lokal, mit exzellentem Essen, schaumigem Fassbier, guter Weinkarte und vor allem lächelnden Bedienungen. Von Matze kommt die unvermeidliche Frage nach einem Diskobesuch. Jenna hat keine Lust und so begleiten wir ihn noch nach Hause. Vorher wollen wir Bier kaufen, doch die sozialistischen Spätverkaufsstellen haben alle schon dicht gemacht. Wir laufen, wider besseren Wissens, in eine dunkle Seitenstrasse und sind plötzlich umringt von zehn schimpfenden Venezolanern. Es stellt sich jedoch schnell heraus, dass sie über „El Commandante“ Chávez keifen, der ihnen hier alles versaut, auch das späte Saufen. Zu uns sind sie freundlich und besorgen über einen geheimen Kanal ein Sixpack. Als ob ihnen ihr Land peinlich wäre, schenken sie es uns.
An der Promenade von Venezuelas Miami Beach steht ein blau beleuchtetes Kreuz, dass uns den Weg in eine Bar weist. Auch hier sind die Leute wie ausgewechselt und spendieren uns Kakao- und Kaffeelikör, nur weil wir die Liveband beklatschen. Die zwei süßen Opas spielen ausschließlich „Guantanamera“, und wir singen dazu „es gibt nur ein’ Rudi Völler“ mit.
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Wenngleich es heute die ersten Lichtblicke gab und es über unsere beiden alleinigen Urlaubswochen auch einige positive Dinge zu berichten gibt, sind wir noch immer schockiert. Wir fragen uns: Wem kommen die Einnahmen des Erdölreichtums zugute? Wo sind die blühenden Landschaften? Was hat Chávez mit seiner Anti-Armuts-Kampagne bewirkt? Ist er der Retter der südamerikanischen Völker?
Obwohl ich viele der sozialen Vorhaben durchaus begrüße, werde ich in diesem Land seit Tagen daran erinnert, wo ich herkomme. Die letzten ostalgischen Gefühle werden hier aus dem Herzen verbannt. Wenn das der erstrebenswerte Sozialismus des 21. Jahrhunderts sein soll, bin ich glücklich, dass die DDR nur noch in meiner Erinnerung existiert. Nicht zum ersten Mal wird mir klar, dass ich nicht hier bin um Südamerika zu ändern, sondern dass es mich verändert.
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Gegen Mitternacht wird die Kneipe zu einer Karaokebar und danach zur Disko umfunktioniert. Etliche Speckbarbies werden uns vom Barchef für harte Devisen feilgeboten. Sylvie amüsiert sich prächtig und gegen 3 Uhr wanken wir heim. Als sich die Fahrstuhltür öffnet, sitzt ein völlig dichter Typ, nackt auf einem der Stand-Aschenbecher und scheißt offenbar hinein. Wenn wir sein Gebrabbel richtig deuten, war er auf dem Weg zum Klo gewesen und hatte sich in der Tür geirrt, die dann zugefallen war. Er hätte es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Sylvie gibt ihm ein Handtuch und ruft unten an, dass man sein Zimmer wieder aufschließt.
Wir sind überrascht, dass bei uns noch Licht brennt und uns Jenna mit verquollenen Augen begrüßt. Er hätte die ganze Zeit wach gelegen, weil Kätzchen im Zimmer wären. Ich suche unter dem Bett tatsächlich nach Samtpfoten, bis mich Jenna aufklärt, dass es sich um Riesenkakerlaken handelt. Schon prima, dass wir in der 320-Dollar-Suite solche Tiere haben (und nur noch zwei Handtücher). Mir gelingt es zudem auf der Terrasse, die letzte Flasche Rotwein fallen zulassen. Matze hatte für zwei Pullen 40 Dollar bezahlt. Ich sammle die Scherben auf und verziehe mich schuldbewusst ins Bett. Zumindest wurde ich dafür nicht totgeschlagen!
Brasilien-Kolumbien 224
Ich wache auf und fühle mich beschissen. Einzelheiten? Übelkeit, Kopfweh, Durchfall, Rückenschmerzen, Blasenschwäche, eine Ekelgriebe und allgemeines Unbehagen. Macht schon Spaß so eine Wellness-Woche mit alten Freunden. Aus dem Ascher im Gang müffelt es und am schmierigen Pool müssen wir wiederholt um Handtücher betteln. Die Diskomucke ist heute nochmals deutlich lauter und 60 aufgedrehte Deppengesichter machen den Animateuren die Übungen nach. Andere beschmeißen sich im Wasser besoffen mit Sahnetorte, oder brutzeln in der Karibik unter der Sonnenbank! Sind die hier alle total bescheuert oder was?
Am Nachmittag verabschieden sich Matze und Jenna, die ihren wohlverdienten Urlaub nach fünf Tagen beendet haben und sich auf den Rückweg nach Miami – ins Original – machen. Wir verbringen den Rest des Abends in unserem neuen Stammlokal, schauen Baseball, essen flambierten Salzfisch und quatschen. Später verschlägt es uns auf unsere kleine Oase, die Terrasse, mit dem Blick auf das Meer und den Hafen. Ab und an hören wir Schüsse aus Schnellfeuerwaffen.
Per Inlandsflug geht es nach Caracas. In der Hauptstadt quatscht uns das örtliche Sicherheitspersonal an und fragt: „Was haben sie in Venezuela gemacht? Warum sind sie hier gewesen?“ Wir finden spontan keine Antwort darauf.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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