Archive for Juli 2015

Vor uns die Sintflut – ein Thailand-Urlaub

30. Juli 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Landunter im DorfWir waren zwei Wochen durch das fantastische und abenteuerliche Laos gereist, hatten Thailands Hauptstadt Bangkok und die alte Königsmetropole Ayuttahya bestaunt, doch für die letzten Tage der Reise mit unseren Freunden hatten wir uns noch etwas anderes verdient – Badeurlaub! Da wir es nicht so touristisch wollten, einigten wir uns auf einen kleinen Ort an der Ostküste des Landes, Ban Krut. Kilometerlange, feine Sandstrände, kleine lauschige Bungalows und kaum Touristen – ein Bilderbuch-Paradies. Und dies alles auf der vor Tsunamis sicheren Seite des Königreiches.

Die Anfahrt dauerte natürlich viel länger als gedacht, aber mittlerweile tickten unsere Uhren auch schon gemächlich asiatisch. Über Bangkok fuhren wir im 3.-Klasse-Waggon Richtung Süden. Durch die Hauptstadt ratterte die Bahn mit etwa 22 Kilometern pro Stunde, so dass wir fast zwei Stunden Zeit hatten, auch mal die hässliche, ärmliche und heruntergekommene Seite der Glitzerstadt zu sehen.

In Bang Saphan kamen wir um 20.30 Uhr an. Dort standen etliche Motorradtaxis vor dem Bahnhof, die uns ins 25 Kilometer entfernte Ban Krut hätten bringen können. Wir feinen Europäer zogen es natürlich vor, zu sechst plus Fahrer im einzig vorhandenen normalen Taxi dorthin chauffiert zu werden. Ich saß auf dem Beifahrersitz, Tesse, Jenna und Troppa saßen hinten und zwei Rucksäcke lagen auf ihnen, Sylvie und ein weiterer Rucksack hockten “bequem” auf meinem Schoß, im Kofferraum war der Rest des Gepäcks und natürlich der wagemutige Jay. Nach dem Trip spürten wir unsere Beine zwar nicht mehr, dafür hatten wir wahrscheinlich jeder 50 Cent gespart, viel gelacht und hervorragende Urlaubsstimmung. Vor Ort buchten wir traumhafte Bungalows und genossen, in Vorfreude auf die nächsten Tage, den lauen Novemberabend. Doch gegen 23 Uhr begann es fürchterlich zu regnen.
Monsunartige Regenfälle
Am nächsten Tag versuchten wir die wunderschöne Anlage mit Hängematten, riesigem Pool und vor allem direkten Meerzugang – natürlich, wie erhofft, mit weißem Sandstrand unter Palmen – zu genießen. Leider regnete es mit kurzen Unterbrechungen monsunartig weiter. Es kam also dementsprechend sehr wenig Beach-Feeling auf. An diesem Abend fiel der Strom im Ort komplett aus.

Am darauf folgenden Morgen wachte ich auf, trat vor die Tür der Hütte und war geschockt. Die komplette Anlage stand unter Wasser und es schüttete weiterhin wie aus Eimern. Unsere Bungalows standen zum Glück auf Stelzen, aber in einige Häuser strömten schon die Wassermassen. Knietief wateten wir ins Restaurant zum Klo, denn bei uns ging jetzt weder Strom noch Toilettenspülung – im Restaurant aber auch nicht. Jay stand mit Badehose und Regenjacke vorn am Meer und trank gefrustet ein Bier. Hohe Wellen spülten Geröll, Äste und Kokosnüsse ans Land.
Warten auf Besserung
Irgendwann ließ der Regen ein wenig nach. Mittlerweile wurden richtige Bäume angeschwemmt und irgendwann kamen ganze Schränke, Decken und sogar ein Kühlschrank dazu. Wir dachten sofort, ein Schiff wäre gekentert. Wir holten Teddys, Motorradhelme, Kommoden und Kleidung aus dem Meer. Vielleicht würden wir ja einen Schatz finden! Doch es sollte ganz anders kommen.

Sylvie und Troppa kamen plötzlich ganz aufgeregt auf uns zu gerannt. Sie waren gerade im Dorf gewesen und berichteten etwas umständlich, dass sie sozusagen aus dem “Ex-Dorf” kämen. Der komplette Ort versank dort scheinbar gerade in den Fluten, samt Hütten, Fernsehern und eben Kühlschränken.

Leider – ich muss ja bei der Wahrheit bleiben – liefen wir erst zurück in die Anlage, um unsere Fotoapparate zu holen, anstatt darüber nachzudenken, ob wir nicht vielleicht sofort helfen könnten. Was wir dann in dem kleinen Fischerdorf sahen, war unbeschreiblich und eine wahre Katastrophe. Der Fluss, gestern noch ein winziges Rinnsal, war mittlerweile ein riesiger gewaltiger Strom, der alles mit sich riss, was sich ihm in den Weg stellte. Aber nicht nur das. Auch ringsherum waren sämtliche Häuser, die noch standen, vollkommen überflutet. Viel schlimmer konnte es beim katastrophalen Tsunami vor einigen Monaten auch nicht ausgesehen haben.
Wo ist mein Haus?
Und dennoch: Dafür, dass hier die meisten Menschen ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten, nahmen sie es, zumindest nach außen schien es so, ziemlich gelassen und unaufgeregt. Sie schauten eigentlich nur, ähnlich wie auch wir, staunend dem Schauspiel zu. Niemand weinte oder klagte, einige scherzten sogar. Es wurden sofort für die vielen Betroffenen Suppenküchen eingerichtet. Sogar uns bot man lächelnd etwas zu Essen an. Eine wirklich bewundernswerte Einstellung. Das ist Thailand!

In unsere nur minimal höher gelegene Anlage wurden am Nachmittag zwei deutsche Frauen einquartiert. Sie mussten evakuiert werden, da ihre Koffer samt Hotel weggespült worden waren. Mittlerweile war klar, dass durch die Regenfälle ein Staudamm landeinwärts gebrochen war. Ihre Sachen suchten die beiden auch am nächsten Morgen noch vergeblich. Auch wir mussten jetzt schon hüfttief durch den Modder zu unseren Bungalows waten.

Am Abend nieselte es nur noch. Die Brühe um unsere Häuser begann bereits fürchterlich zu stinken, allerlei Viehzeugs, besonders riesige Ochsenfrösche, tummelten sich darin. Jenna war bereits richtig krank geworden. Im Dunkeln saßen wir mit unseren Stirnlampen auf einer trockenen Terrasse und begannen achtzigprozentigen Thai-Whisky zu trinken, “Versiegeln” nannten wir das. “Mit dem Zeug im Körper fangen wir uns keine Krankheiten ein” – so zumindest der Plan. Irgendwann ging es uns dadurch auch ein bisschen besser und wir versuchten ein wenig zu schlafen. Tote oder Schwerverletzte hatte es wohl bisher keine gegeben. Ein wahres Wunder! Am Abend begann der Regen erneut lautstark auf unsere Dächer zu trommeln.

Einige Zeit später wollten wir zum Nationalpark Khao Sok, in den Dschungel des thailändischen Festlandes fahren. Doch wie immer in Thailand verrechneten wir uns mit den Busfahrzeiten und strandeten auf dem Weg dorthin in einem kleinen Örtchen namens Khao Lak an der Westküste des Landes …

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Generation Tony Martin & Simon Geschke – Jugend in der DDR

21. Juli 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

König der BergeDurch Pechvogel Tony Martin, John Degenkolb, André Greipel und Simon Geschke, dessen Vater “Tutti” Geschke mein Vater noch sehr gut kannte, werde ich nach langer Zeit wieder an Momente erinnert, in denen der Radsport & die Tour de France eine ziemlich wichtige Rolle in meinem Leben gespielt haben…

“Ich kenne ihn, doch er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast im gleichen Alter. Er ist ein Star, und ich bin ein Nichts. Das kommt öfter vor – nicht nur bei mir. In diesem speziellen Fall aber ist die Sache noch etwas anders – komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend sind wir uns das erste Mal begegnet.

Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war, wenn wir ohne “Loch im Kopf” in unserem Roll-Bettchen lagen und schliefen. Radfahren gehörte somit ihrer Meinung nach zu den Extremsportarten.

Es ist eine meiner unangenehmsten Kindheitserinnerungen, dass ich erst mit 13 Jahren heimlich übte, mit so einem Drahtesel nicht auf die Schnauze zu fallen. An den Schmerz und die zwei Wochen lang blau gefärbten Hoden, die ich mir beim Absteigen von der Fahrradstange meines neuen Herrenrennrades zugezogen habe, kann ich mich noch heute erinnern.

Etwa zu dieser Zeit zog ein junges Kerlchen in meinem Alter von Rostock nach Berlin. Er hatte sich in meinem neuen Lieblingssport schon in jungen Jahren mit besonderen Leistungen hervorgetan. Bereits mit neun Jahren gewann er sein erstes Schulrennen und ein Jahr darauf – mit geliehenem Rad und in normalen Turnschuhen – einen offiziellen Wettkampf. Er galt schnell als das ganz große Radsporttalent und fuhr allen seinen Altersgenossen davon. Der Kleine hieß Jan Ullrich…”

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Glad all over – 1. FC Union Berlin gegen Crystal Palace FC am 18.07.2015

17. Juli 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

P1110749Nach der Brasilienreise 2014 zur Fußball-WM war die Luft zugegebenermaßen erst einmal ein bisschen raus. Allerdings wird es auch noch in vielen Jahren schwierig sein, dieses emotionale Highlight irgendwie zu toppen.

Dass mich ausgerechnet Sylvie aus der Lethargie riss, war insofern bemerkenswert, da sie sich bis zu einen heißen Sommertag in Fortaleza „einen Scheiß“ für Fußball interessiert hatte. Die kleine Pfälzerin hatte am 8. März 2015 (wohlgemerkt der internationale Frauentag) die Idee, mich spontan zum Spiel von Union gegen den FCK einzuladen. Um es abzukürzen, das Spiel war grottenlangweilig (0:0), aber die Atmosphäre nach ein paar Bieren bei ersten, zaghaften Frühlingsstrahlen vor und im fast ausverkauften Stadion, entschädigte. Drei junge Engländer aus Leeds standen ganz in unserer Nähe und wir kamen ins Gespräch. Sie ließen ihrer grenzenlosen Freude fast ununterbrochen freien Lauf, da es hier überall günstige goldfarbene Kaltgetränke gab, sie in der Alten Försterei paffen konnten bis der Arzt kommt und die Fangesänge der stehenden Unioner, aber auch die, der ganz in der Nähe befindlichen Roten Teufel, einfach nur grandios waren. Fußballstimmung, die sie aus “Sitzplatz-England” nicht kannten. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass sich Deutschland eine fantastische Fußballkultur bewahrt hatte und in diversen Stadien ein Leben abseits von Arbeitsfrust, Langeweile und eben auch Lethargie möglich ist. Schlecht geschrieben, aber wahr.
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Der Startschuss in eine außergewöhnliche Fußballwoche war erfolgt, denn nur wenige Tage später hob der Flieger nach London ab. Ich wollte meinem Bruderherz Benny zu seinem 40. Geburtstag einen Lebenstraum erfüllen: ein Chelsea-Match an der Stamford Bridge. Natürlich hatte ich nichts dem Zufall überlassen und rechtzeitig Flüge, Hotelzimmer und über Göte, der seit Jahren an der Themse wohnt, auch Tickets organisiert. Nur der Rückflug stand noch nicht, da die Premier League ewig nicht mit dem Spielplan herausrücken wollte. Natürlich fiel die Partie dann auf einen Sonntag, sodass wir bis Montag in der nicht gerade günstigen Hauptstadt bleiben mussten (die Kreditkarte glühte).
Doch da ich mit Benny nun eh schon (und eigentlich nur) zum Fußball nach London gekommen war, mussten wir uns noch etwas für den Samstag überlegen. Bei Arsenal (spielten gegen West Ham) war ich schon, Tottenham und Millwall kickten away und Fulham kam nicht in Frage. Blieb also nur Crystal Palace, die immerhin auch in einem Stadtderby gegen die Queens Park Rangers in der Premier League antraten. Göte hatte sogar einen „Eagle-Fan“ im Freundeskreis, der uns seine Jahreskarten im „Whitehorse Lane Stand“ zum OK-Preis von je 30 Pfund überließ, weil er zu einer Hochzeit musste (wobei das bei Nick Hornby nicht als Ausrede gegolten hätte). Später erfuhren wir, dass er alle 10 Minuten Göte anfunkte, wie es uns dort gefallen würde. Niedlich!
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Auf zum „Selhurst Park“! Wie nicht anders zu erwarten, saßen wir (sehr früh, da aufgeregt) im Zug mit der komplett versammelten QPR-Althool-Fraktion. Denen wäre man in den 80igern lieber nicht über den Weg gelaufen und in Selhurst Station gingen wir mit ihnen, wider besseren Wissens, auch noch ein Stück des Weges, bis wir in eine Art Sackgasse gerieten – rechts und links rote Klinkermauern – und mit komischem Slang gefragt wurden, ob wir uns irgendwie verlaufen hätten. Hatten wir! Zurück am Bahnhof wurde uns klar, dass die Heim-Fans eine völlig andere Route entlang des Bahndamms wählten und wir reihten uns ein. Auch hier sah es noch immer wie in den verrotteten alten englischen Straßen des Streifens „Hooligans“ aus. Doch in der Masse fielen wir nicht weiter auf, zumal nun auch Großvater, Vater & Sohn mit am Start waren. Es war erst zwölf Uhr mittags, dennoch hatten wir Bierdurst – es gab aber keine Verkaufsstände, Kioske oder fliegende Händler und die einzige Eckkneipe vor dem Stadion war brechend voll. Egal, auf der Suche nach unserem Block vor dem beindruckenden Backsteinbau trafen wir unsere zahnlosen Freunde der QPR-Fraktion an ihrem Arthur Wait Stand wieder – Benny wurde fast reingesaugt – denn unmittelbar daneben befand sich unser extrem schmales Drehkreuz ins Glück. Letztendlich waren die Plätze tatsächlich jene, welche sich am allernächsten zum Gästeblock befanden und schon vor Spielbeginn mussten wir etliche „Fotzen- und Wichser-Rufe“ über uns ergehen lassen.
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Unsere Nachbarn hielten dagegen und forderten die Jungs mit eindeutigen Gesten fast ununterbrochen auf, mal rüberzukommen. Das alles ohne Zäune und wenig Sicherheitspersonal. Ein Spaß!
Unten, im Tunnel, verkauften sie überraschenderweise (wenn auch in ollen Plastikflaschen) alkoholhaltige Bier – alles wurde gut und da noch wenig los war und man das hier durfte (oder wir es einfach machten), konnte ich mit meinem Bruder sogar den heiligen Rasen des CPFC betreten. Come on: erst einen Monat später las ich in „11Freunde“, dass Crystal Palace, die einzige Ultra-Vereinigung in England besitzt, die sich für die Wiedereinführung von Stehplätzen stark macht, dass der Club nicht nur deshalb zur Zeit oberkult ist, dass er sich vieles von der alten, geilen Fußballkultur bewahrt hatte – wir hatten uns schlecht vorbereitet – sahen das aber eigentlich auch mit eigenen Augen. Lediglich die Cheerleader fand ich etwas deplatziert. Der durch die komplette Arena fliegende (lebendige) Adler war jedoch außergewöhnlich grazil. Auch hier komme ich schnell zum Punkt: die beiden Team waren nicht sonderlich stark, aber Götes Kumpel konnte sich für uns freuen, da wir ein rasantes 3:1 und wahrscheinlich das Tor des Jahres in England gesehen hatten. „Matt Phillips scored a brilliant 40-yard effort after 83 minutes“. Glücklich liefen wir in viel zu engen Gassen mit den Massen zurück zum Bahnhof, bekamen nirgends aufs Maul und uns klang noch den kompletten (glücklich in Pubs verbrachten) Tag der Crystal Palace Song „Glad all over“ in den Ohren nach.
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Die Atmosphäre am nächsten Tag beim Chelsea FC, das Merchandise-Gedöhns, die unspektakuläre Anreise, das touristische Umfeld und sogar das Spiel (1:1 gegen Southampton) konnten in keinster Weise mit den Erlebnissen vom Vortag mithalten, zumal Chelsea eigentlich gerade auf Meisterkurs war und ich die laue Stimmung und den fast nicht vorhandenen Support nicht nachvollziehen konnte. Für meinen geliebten Chelsea-Fan-Bruder Benny fetzte das dennoch alles urst ein. Unzählige Fotos von ihm und dem Stadion, dem Spielfeld und dem Weg dorthin entstanden – und dafür waren wir ja gekommen: es war sein Geburtstagsgeschenk!

Mit einem Flutlichtspiel endete am 20.03.2015 eine – für mich – außergewöhnliche Woche: Union kickte gegen den FC St. Pauli. Das ist die Partie, auf welche ich seit Jahren eigentlich immer gehe (auswärts wie home). Das Match war in meinen Augen noch schlechter, als das gegen den FCK, obwohl es für Fußball-Nostalgiker (und Eiserne Fans) denkbar schön mit einem Tor in der 89. Minute 1:0 für die Köpenicker ausging. Aber es war ein Freitagabend-Flutlichtspiel! Eine riesige Truppe (mit befreundeten Hamburgern) hatte sich zusammengefunden, hunderte Liter “Berliner Pilsner” wurden nicht nur am „Warsteiner-Stammtisch“ angesaugt und der Abend endete verdammt spät in der „Tagung“ in Friedrichshain. Was für eine Fußballwoche!
Union Crystal Palace

… und am 18.07.2015 schloss sich der Kreis dann irgendwie. Ich habe nicht herausgefunden, warum sie sich den Gegner ausgesucht haben & es war mir auch vollkommen egal. Jedenfalls spielte der 1. FC Union Berlin gegen Crystal Palace FC in einem Freundschafsspiel gegen das Premierleague-Team kurz vor Saisonbeginn.
Das Match endete unterwartet 2:0 für die Eisernen, doch auch die 400-500 angereisten Palace-Fans hatten sichtlich Spaß, das Stadion zu entern, gegen die knapp 8.000 Einheimischen anzusingen, im strahlenden Sonnenschein frisch gezapftes Berliner zu trinken und im Anschluss ordentlich zu versacken. An der Alten Försterei ist eben auch für die Supporter des “Stolz aus Südlondon” ein Leben abseits von Arbeitsfrust, Langeweile und Lethargie möglich. Sie werden dies in ihren Herzen bewahren und mit in den Selhurst Park tragen.

Ich jedoch war, wie mein Freund Bielefeld das treffend kommentierte, lediglich gekommen, um ein bißchen frische Luft zu schnappen. Vor, während und nach der Partie war ich über diese Entscheidung allerdings „glad all over“!


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Pre-Military Training Camp Baseball – GDR

14. Juli 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Mauergewinner Leseproben

GDR-Baseballteam

Although I visited several countries after the Wall came down, since I was allowed to do so, I didn’t set foot in the USA. This country had formerly been class enemy No. 1, the imperialist exploiting superpower, the evil. For years they had hammered it into my mind: GDR good, USSR very good, FRG bad, USA very bad. Perpetually, we had to be on the lookout against Jimmy Carter and Ronald Reagan and to be prepared to defend ourselves, like the proud Vietnamese did. Travelling into this country? By my own choice? Never!
However, because of a new job I had to visit this country of the unlimited dumb, greedy for profit American people. Despite the prospect to see New York and San Francisco I didn’t enjoy to pack my bags. This trip would only have one positive aspect, to visit one of my mates from old GDR-times in California. This bastard had changed political wings completely and has been living in San Diego for quite a while.

Our boot camp in 9th grade had not been the first pre-military youth training centre in my life. There had been several Junge Pioniere exercises with the slogan “March for our probation”, where we had to find our way through the woods by using compass and map only. Every twenty minutes a new group started and the first order was “Quick march!” The following assignments were triangle shooting, first aid, to move hand over hand along a rope, hand grenade long throw, and matching maps. At the finish we got tea and solyanka from the field kitchen, and in the afternoon they handed out the badges and certificates on the manoeuvre ball.

NVA Soldier

NVA Soldier


In 1986, however, we had to go to the pre-military training camp for two weeks which was run by the East German society for sports and technology. We looked forward to this event, since it was only for the boys, while the girls had to join the boring corpsman class that took place at school at the same time. The guys who didn’t go to the camp because of being in frail health were considered to be the biggest sissies and even the girls laughed at them. The tough guys received their army clothes in the school basement on Tuesday before the trip. On Saturday we met at East Station (Berlin-Ostbahnhof) and felt like elite soldiers of a secret combat unit, since we hadn’t seen each other in these wicked army clothes. The trip to the pre-military training centre took us about one and a half hour. There we met all the other 9th-graders from Berlin and were divided into the different shacks. The competitors of Rosa-Luxemburg-School and the wimps from the school of music Hanns Eisler joined our group of a hundred.
Our petty officer was a chubby man with a rosy looking face who came from Saxony. While at the beginning we had to do 20 press-ups for punishment and long runs through the forests, he became more and more laid-back. Why not? He didn’t have any stress with us. For there were rumours going around the camp that another class had sung the Horst-Wessel-song and beaten up their petty officer so that he ended up in hospital. Consequently, this class were sent home. In contrast to them we were absolutely obedient and good boys. But maybe it was just the case that our petty officer was only too lazy and not in the mood to do more sports. He had to run the same distance as we did and I saw in his face that he absolutely didn’t enjoy it. During the breaks he smoked three cigarettes at the same time where normal people could only smoke one. And although he came from Saxony, he wasn’t about to hassle the boys from Berlin. Luckily, he was a decent and fair superior.
Baseball in Anaheim, USA, 2007.

Baseball in Anaheim, USA, 2007.


Just before the trip to the pre-military training centre I had seen the movie The Great Escape with Steve McQueen – obviously in the West German TV-channel ARD – and being very enthusiastic about this film I took one utensil with me into the camp – a ball. In the movie it was a baseball which Captain Virgil Hilts “The Cooler King” threw against the walls for hours. My ball was only a tattered, grey East German tennis ball. I took it with me wherever we went, on the marches, to the runs in the forests and to the musters. I was always playing with it.
During a break in the forest Bergi came to me with a massive limb of a tree and asked me to throw the ball. Tremendously he blasted it at least 60 metres away into the woods. Naturally, it didn’t take much time until the others also wanted to have a try. But Bergi used his monopoly position to hand the bat over to only two other people, until he hit it for the second time. My position was even superior – I was “The Cooler King”, since I owned the ball!
We started to play baseball, even though nobody knew the rules. So we adapted the rules from burning ball that we had played several times in PE. One team had to hit and run while the other one occupied the four corners and the rest of the playing surface, then tried to catch the ball as fast as possible and throw it back to the fielder. If the batsman managed to run around the field, he would receive one point. In case the ball reached the catcher earlier or the batsman didn’t stop at one of the corners on time, he would have been out. After one round teams changed positions. Soon we played this wicked game during every single break.
At first our petty officer was lying in the meadow, smoked his cigarettes and watched this horseplay. We really had good fun. Soon some of us turned out to be absolutely talented and real specialists. Some hit the ball very high, far away or very precisely into one corner and it disappeared in the woods. Some others sprinted very skilfully to catch the ball and tossed it directly back to the fielder with enormous power. Moreover, the catcher had already tinkered himself a huge glove. I wasn’t very good at all, neither with running nor with throwing or catching the ball I was a help for my team. Nevertheless, I owned the ball!
Ein Team musste den Ball schlagen und rennen, das andere besetzte vier Ecken und den Rest der Spielfläche, um diesen so schnell wie möglich aufzusammeln und zum Fänger zurückzuwerfen - wir lagen damals gar nicht so falsch mit unserem Regelwerk - 2007 in den USA hatte ich endlich den Vergleich.

“Baseball in Anaheim, USA, 2007.”

On the next day, nearly everybody had his own bat and the following evenings all the boys carved, filed and polished their wooden sticks. After one week most of the clubs looked like real baseball bats. The second day already our petty officer couldn’t just watch the match, he wanted to join. Probably, it was good luck that during his second attempt he hit the ball so perfectly that it disappeared in the woods, and he jogged around the field with a huge smile in his face making his first point.
From now on we didn’t do anything except the official sports competitions, the daily musters, and our baseball matches.
In the middle of the forest we had found a glade where we built our own field having proper corner flags and marking lines. Meanwhile, we all had our own little idiosyncrasies, how to put on the kepi, how to swing the bat or what a cool sentence one had to say before hitting the ball. In the middle of the socialist sister state forest of the GDR we practised an all-American game. We appreciated this unbelievable liberty outside of our barbed wire fenced barracks.

For any reason we didn’t go into the forest on the last but one day of our pre-military training camp and everybody seemed to be very unbalanced and even petulant. Suddenly, some of the boys asked me to go to the sports ground of the camp to play. The news about the match got around rapidly and 20 people grabbed their bats and went to the field. Normally the sports ground was quite crowded with people playing football. But fortunately nobody was there when we arrived. We marked the corners with some pieces of clothing and picked the two teams. During the last one and a half week we improved a lot. Hitting, running, throwing and catching appeared to be very professionally. The kepis and cool sentences were perfectly set. I was in the catching team and concentrated obsessively on the ball and the whole match, like my team-mates. Thus, I didn’t notice that more and more boys from other groups of a hundred came to watch curiously what was going on here. When suddenly Bergi hit the ball fantastically and unreachably for everybody, 300 people cheered from the sides, and I almost couldn’t hide my tears of emotion. Although the match was immediately closed by some officers of the National People’s Army, we had been the baseball playing heroes of the camp for one moment. We had won the hearts of nearly all the people in the barracks.
Every day we were reminded to be prudent and companionable here in the pre-military youth training centre. And they had reached their aims. None of the 20 baseball stars – not even our section commander Lars – had ever revealed that we didn’t do anything else but playing pre-military training camp baseball in these two weeks. With my ball!

So ein richtiges Stadion hat natürlich auch etwas für sich. Wir hatten uns damals mit Eckfahnen und Markierungslinien ein Spielfeld auf einer Lichtung im Wald eingerichtet.

“Baseball in Anaheim, USA, 2007.”


At the terminal in Los Angeles my friend Matze gave me a hug and smiled. We went to his gigantic, black SUV, where there was enough space for at least eight people. Then we went straight along the coast to San Diego. A pleasant sea breeze blew from the blue Pacific Ocean and Nirvana was played on the radio as if on cue. My friend pointed at the glove locker. Obediently I pressed the button. Matze knows a lot about me, also that I am a sport fan. However, I hadn’t told him the story of my 9th grade pre-military training camp baseball experience. In the glove locker I found two tickets for the Major League Baseball – a marvellous welcome gift.
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Nie wieder Drachmen!

5. Juli 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Göttliche FügungDrei Wochen hatten Kospi und ich im Juli 1990 – kurz nach der Währungsunion – bei einem Lebensmittel-Großhandel in Berlin-Tempelhof geschuftet. Es war keine angenehme Zeit gewesen, denn die Westberliner Kollegen hatten uns sofort als ernstzunehmende Konkurrenz der Zukunft ausgemacht. Wir waren für sie ostdeutsche Lohndrücker und billige Arbeitstiere, die im Akkord alles viel zu schnell und korrekt erledigten. Egal, wir wollten uns lediglich unseren großen Traum ermöglichen: den ersten Westurlaub.

Mit ostdeutscher Sparsamkeit kauften wir ein One-Way-Ticket nach Sofia und fuhren per Bus weiter nach Griechenland. Es war ein unbeschreibliches und erhabenes Gefühl, als ich an der Grenze die vielen Drachmen nachzählte. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich eine andere westeuropäische Währung in den Händen.

Die Reise sollte die bis dato schönste meines Lebens werden. Obwohl ich mich stets dagegen wehre, die DDR im Rückblick nur als trist und grau zu reflektieren – die griechische Farbenpracht überwältigte uns: Zwischen endlosen Olivenhainen breiteten sich riesige Blütenteppiche aus. In kleinen Gärten wuchsen Zitronen, Orangen und – für mich, den kleinen Ossi, besonders wichtig – Bananen auch! Die Häuser und Sandstrände waren so weiß und das Meer so blau wie die Flagge des Landes. Auf bunten Märkten, in Restaurants und an Kiosken trafen wir nur freundliche, braungebrannte Menschen, die lächelnd unsere Drachmen entgegennahmen und uns zu sagen schienen: Die DDR war grau!
Der Autor

Mit sonnenverbranntem Körper lief ich bei 35 Grad im dicken grünen Jogginganzug durch Athen und betrachte staunend die antiken Monumente der Akropolis. Obwohl der gewaltige Parthenon-Tempel fast vollständig eingerüstet war, meinte ich, noch nie zuvor ein so altes, glanzvolles und schönes Bauwerk gesehen zu haben. Mit Tränen in den Augen schaute ich auf die vor mir liegende Millionenmetropole. Genau in diesem Moment wurde mir – im Gegensatz zum tristen West-Berlin – zum ersten Mal bewusst, was Reisefreiheit wirklich bedeutete.

Bis heute steht diese Fahrt durchs Land der Hellenen auch für äußerst glückliche Fügungen – denn wir trafen unsere Götter: zwei Bayern. Die Jungs hatten uns beim Trampen aufgesammelt und uns nicht nur in die Geheimnisse “ihres” Griechenlands eingeweiht. Mit viel Humor, Ouzo und Retsina wurden wir bei diversen Fünf-Liter-Fässern Warsteiner aus ihrem Kofferraum auf ein Leben in der Europäischen Gemeinschaft vorbereitet.
Der Mittelpunkt der Welt
Auf den Zeltplätzen der Peloponnes erfuhren wir so endlich auch, dass wir komische Schlafsäcke, komische Klamotten und vor allem komische Frisuren hatten. Wir erlebten – schon wieder mit feuchten Augen – dass es bedeutendere Kulturdenkmäler, andere Sonnenuntergänge, angenehmere Wassertemperaturen, höhere Wellen, wildere Schluchten, dichtere Wälder, eine größere Essensvielfalt, geheimnisvollere Frauen und ausgeglichenere Menschen auf dieser Erde gibt. Ich wollte Griechenland nie wieder verlassen…

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Chi, Chi, Chi – le, le, le – Viva Chile!

1. Juli 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

1996 Santiago Zimmerleute
Ein trauriger Blick zurück. Jeannet steht vor dem Check-In und weint mit rot unterlaufenen Augen. Ich winke ein letztes Mal und verschwinde dann um die Ecke. Auch mir kullern warme Tränen über die Wangen, die ich mir mit dem Ärmel vom Gesicht wische. Betröpfelt reihe ich mich in die Schlange ein und besteige den Flieger. Wir verabschieden uns in unterschiedliche Richtungen im Leben.
Ich bin jetzt fast 25. Seit dem Mauerfall hatte ich nur herumgelungert und mich mit Nebenjobs über Wasser gehalten. Eine innere Stimme sagte mir, dass ich endlich einmal etwas Sinnvolles anpacken müsse. Doch was, wann und wo? Spontan hatte ich mir einen Flug nach Santiago de Chile gebucht. Auf dem Ticket schien „Ausgang aus der Verwirrung“ zu stehen. Die sieben Wochen würde ich ernsthaft dazu nutzen, um über meine Zukunft nachzudenken.
So groß der Abschiedsschmerz auch war: der Flieger saugt mich in eine andere Welt. Wie auf Knopfdruck kehrt diese intensive Neugier nach dem Fremden zurück. Ich weiß, dass ich jetzt einfach nur abwarten muss, dass etwas mit mir passieren wird. Nur unterwegs entdecke ich Dinge und mich ständig neu. Wie zur Bestätigung, setzen sich zwei Jungs neben mich und grüßen auf Deutsch. Sven aus Braunschweig und Jörg aus Zürich sehen sehr speziell aus. Ich hatte zwar schon einige durch meine Stadt laufen sehen, aber nie geahnt, dass ich die ersten auf einem Flug nach Südamerika kennen lerne.
Beide tragen weite schwarze Schlaghosen aus Cord, dazu passende Westen und ein Jackett mit großen Knöpfen. Darunter weiße Hemden und Krawatte. Sven hat einen Hut mit breiter Krempe und Jörg einen Zylinder auf dem Kopf. Es sind Zimmerleute auf der Walz. Ihre Habseligkeiten hatten sie in einem kleinen Bündel (Charlie) zusammen mit ihrem Stock (Stenz) in den Ablagen verstaut.
Begeistert lausche ich den Geschichten ihrer Wanderzeit und stelle fest, dass es, sobald wir die deutsche Grenze überflogen haben, kein Ost oder West, arm oder reich, schlau oder ungebildet mehr gibt. Alles, was jetzt noch zählt, ist Sympathie. Der Schweizer schüttet mir mitten in der Nacht ein Bier über den Schädel, da er der Meinung ist, dass wir jetzt Äquatortaufe feiern müssten. „Bist du bescheuert oder was?“, schreie ich künstlich entsetzt, aber er hat ja recht, auch ich überquere erstmals diesen Breitengrad. Die Jungs sind sympathisch!
Da sie ohne Reiseführer nach Chile fliegen und kein Wort Spanisch sprechen, fragt Sven mich, ob wir die ersten Tage gemeinsam verbringen können. Als wir in die Stadt fahren, beobachte ich, wie sie ihre ersten südamerikanischen Eindrücke gierig aufsaugen. Santiago wirkt im Gegensatz zu Mexiko City modern, sauber und unaufgeregt. Nur die Außentemperaturen lassen zu wünschen übrig. Ich Idiot fliege in den chilenischen Winter, während in Europa gerade bei Sonnenschein die Fußball-EM zu Ende geht. Diese Reise war mir wirklich wichtig gewesen!
Um dem Jetlag zu entgehen, kaufen wir Rotwein und beginnen im Hotel, mit einer Streichholzschachtel zu spielen. Derjenige, der an der Reihe ist, schnippt sie in die Luft und je nachdem auf welcher Seite sie landet, gibt es verschiedene Punkte. Wer die siegbringenden 22 Zähler als Erster erzielt, muss aufspringen und „Leckarsch“ brüllen. Wir lachen Tränen und duellieren uns bis tief in die Nacht.
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Am nächsten Tag fallen wir nicht nur beim Bummel durchs Kneipenviertel „Bellavista“ und der Fahrt mit der Seilbahn auf den Hausberg auf. Während für uns der Panoramablick auf die von den Anden umrahmte Stadt eine Sensation ist, sind wir es für die Einheimischen. Ich passe als großer, blonder Typ schon nicht so recht ins Stadtbild, doch die Wandergesellen sind der Knaller. Überall verursachen wir einen kleinen Menschenauflauf. „Carpintero“ (Zimmermann) wird das dritte Wort, was Sven und Jörg auf Spanisch lernen. „Tres cervezas“ (drei Bier) waren die ersten gewesen. Doch auch ich bin fasziniert von den beiden. Mit einer fast kindlichen Naivität erkunden sie die Stadt, schäkern grinsend mit den Frauen, bringen Kinder zum Lachen oder ziehen charmant vor älteren Herren den Hut. Aber ich beneide sie nicht nur um ihre Ausstrahlung. Sie verkörpern in meinen Augen das Wort „Freiheit“ in Reinkultur. Sie können jederzeit überall hinfahren, arbeiten und einfach wieder abhauen. Es gelten immer nur ihre eigenen Regeln. Sie sind unabhängig und mindestens für drei Jahre und einen Tag unterwegs. Ich wäre gerne wie sie.

Gut gelaunt kehren wir zurück. Vor unserem Hotel wird gerade ein Film gedreht. Schnell kommen wir, mit einem Becher „Gato Negro“ Rotwein in der Hand, mit den Akteuren ins Gespräch und da zumindest ich ein paar Brocken verstehe, erfahren wir, dass sie einen Kinderfilm produzieren. Wir genießen die angenehme Stimmung in der Abenddämmerung und versuchen die Handlung herzuleiten. Tief in der Nacht – wir spielen längst wieder „Leckarsch“ – haben die Geschehnisse so eine Eigendynamik entwickelt, dass wir uns nur noch mit unseren neuen Namen ansprechen: Sven ist nun „Ulf der irre Igel“, Jörg „Klaus-Dieter das lachende Lama“ und ich bin „Tobias das gütige Gürteltier“.

Am nächsten Tag fahren wir ans Meer und behalten die Namen einfach bei. Wir übernachten in einem Kaff, auf dessen Fischmarkt etliche Seelöwen und Pelikane herumlungern, bevor es weiter nach Cartagena geht. In einem Restaurant lernen wir Chilenen in unserem Alter kennen. Trotz Sprachbarrieren mögen wir uns auf Anhieb und quartieren uns in deren Hostal ein. Wir verlieren gegen die Jungs im Strandfußball und beim Wettschwimmen im eiswürfelkalten Meer, was sie dazu animiert, lauthals: „Chi, Chi, Chi, le, le, le“, zu brüllen. Dafür schlagen wir sie locker im Tischfußball und beim „Leckarsch“. Ulf und ich rufen: „Deutsch, Deutsch, Deutsch, land, land, land.“, doch nur die Chilenen hatten es ernst gemeint.
1996 Chile Neruda
Besonders mit Valeria und der kleinen Saqui verstehe ich mich blendend. Bei Kerzenlicht, Wein und Gitarrenmusik erzählen sie mir, dass sie einer linken politischen Gruppe angehören. Ich weiß natürlich, dass sich auch in Chile seit 1989 einiges verändert hatte. Die ersten freien Wahlen nach 15 Jahren Pinochet-Diktatur waren für sie die große Erlösung – der chilenische Mauerfall – gewesen. Ich ahne, was ihnen die neu gewonnenen Freiheiten bedeuten und bewundere sie dafür, dass sie noch immer aktiv an der Neugestaltung ihres Landes mitwirken. Ich bin, obwohl ich Anfang der 90iger noch Juso-Chef von Friedrichshain war, politisch gesehen, extrem ernüchtert und desillusioniert. Eine „unterm Strich zähl ich“-Mentalität hatte langsam von mir Besitz ergriffen.
Beim Ausflug nach Isla Negra zeigen sie uns voller Stolz das Arbeitshaus von Pablo Neruda. Die Ausstellungsräume gleichen einem voll gestopften Museum, da der Literaturnobelpreisträger scheinbar von einer ungeheuren Sammelleidenschaft besessen war. Alle Zimmer sind voller Kitsch und Tinnef. Trotzdem ist es ergreifend, durch die Wohnräume von Chiles größtem Poet und Messie zu wandeln. Ein verloren geglaubtes Gefühl kehrt zurück. Die Bibliothek meiner Kindheit hieß aus Solidarität mit dem chilenischen Volke „Pablo Neruda“. Ich nehme Valeria und Saqui in die Arme. Was würde ich den Mädels wohl in Deutschland zeigen wollen?
In den Adern von Saqui fließt das Blut der Mapuche-Indianer. Blauschwarze Haare bedecken ihren fast kreisrund wirkenden Kopf und ihre Nase ist fast so breit wie der immer lächelnde Mund. Mit den dichten Augenbrauen und stolzen Indianeraugen sieht sie eher aus, wie ich mir eine Frau aus dem äußersten Norden der Erde vorgestellt hätte. Ich nenne sie deshalb: Eskimo. Obwohl es zwischen uns, außer herzlichen Umarmungen, zu keinerlei körperlichem Kontakt kommt, sehe ich in ihrem feurigen Blick, dass dies nicht immer so bleiben müsste.
1996 Chile Mapuche
Um mein Gewissen zu beruhigen, telefoniere ich mit Jeannet. Als ob ich im Ferienlager wäre, erzähle ich überschwänglich, dass ich gut angekommen bin und schon richtig gute Freunde gefunden habe. Sie klingt ein wenig verstimmt und sagt mir, dass ich mich sofort bei Matze melden soll. Wäre wohl wichtig. Außerdem hätte Deutschland das Endspiel der EM erreicht. Diese Info würde mich ja sicherlich auch interessieren. Ihr Unterton irritiert mich. Erst als ich auflege, bemerke ich, dass ich vergessen hatte, „Ich liebe dich“, zu sagen. Ich wähle die Nummer meines Freundes und gehe dann zurück zu den anderen. Ulf Igel und Klaus-Dieter Lama sitzen zusammen mit den Chilenen, brüllen schon wieder „Leckarsch“ durchs halbe Hostal und rücken eiligst einen weiteren Stuhl an den Tisch heran.

Als ich mich in Santiago von den herzensguten Zimmerleuten verabschiede, kullern mir beinahe Tränen über die Wangen. Sie waren mir in dieser Woche richtig ans Herz gewachsen. „Mach’s gut Tobias Gürteltier“, rufen sie zurück und winken ein letztes Mal, bevor sie um die Ecke verschwinden…
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Kleiner Nachtrag: Kennt die Jungs (Zimmerleute) zufällig jemand? Seit dieser Reise habe ich nur Ulf Igel einmal getroffen und danach beide – in Zeiten ohne E-Mail-Adresse oder Handy – nie wieder gesehen.
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Nur diese Bergleute, aber da waren sie nicht dabei …

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