Archive for Mai 2015

Stadtrallye Edinburgh – Klassenfahrt 2015

26. Mai 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Dudelklein
Wer weiss schon, dass Edinburgh das New York des Mittelalters war? Die von Wasser umgebene Hafenstadt hatte aus Platzmangel eine Skyline mit frühzeitlichen, aber für damalige Verhältnisse schwindelerregenden Zwölfstockwerk-Häusern in der Old Town – bevor die “New Town” entstand. Und hat jemand schon einmal von Pikten, Dalriada oder Mister Knox gehört? Auf nach Schottland!
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Am 1. Mai fand daher die 1. Internationale Stadtrallye im Rahmen der Klassenfahrt 2015 nach Edinburgh statt.
Team 1: Ul, Mü, Gü (51 Punkte)
Team 2: De, Dö, Be (54 Punkte)
Team 3: Na, Di, Sc (57 Punkte)
Schiris & Organisation: Jö & Ma.
(Fotos von teilnehmenden Personen werden hier nicht gezeigt & die Bilder geben auch kaum Hinweise auf Antworten)
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Die Menschen in Edinburgh haben nicht nur den Ruf, extrem freundlich und kommunikativ zu sein. Sie waren es bei unserer chaotischen Tour auch! Mit ihrer Hilfe ließen sich (fast) alle Fragen auf dem Weg von der Burg bis zu einem Pub am Meer leicht und locker beantworten. Smartphones und Reiseführer waren verboten. Zur Beantwortung konnte man den Fragen fast immer ihrer Reihenfloge nach folgen und somit gleichzeitig die Stadt wunderbar erkunden. Dennoch haben sich die Teams nur sehr selten in diesen 5 Stunden gesehen.
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Und hier nun die Fragen der Stadtrallye Edinburgh:

1. Weil die Stadt einst fast aus den Nähten platzte, kam er und nach seinem genialen Plan erfolgte der mit 43 Jahren Dauer längste Städteausbau der Welt.
Sein Grab ist auf dem Friedhof Greyfriars Kirkyard, und in der Elder Street gibt es ein Hotel mit seinem Namen. Von wem ist hier die Rede?
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.Burg klein
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2. Auf dem Burghügel des Castle war einst das Zentrum von Dalriada. Was ist oder war Dalriada?
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.Strand_da
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3. Die Esplanade gehört zur Burg. Jeden Sommer gibt es hier ein ganz spezielles „Tattoo“. Um was geht es hier?
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4. Das Whisky-Museum in der Ramsay Lane. Reingehen, mitfahren oder fragen und fünf Stichpunkte über die Geschichte des Whiskyschmuggels aufschreiben.
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.Wiskey
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5. Queen Viktorias Ehemann, Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, entwarf gerne mal Karo und Streifen für Tartans. Welche Farben hat der Tartan, der keinem Clan gehört und mit dem man einfach als Deutsche(r) seine Sympathie für Schottland und seine Traditionen bekundet? Dies kann man herausfinden bei Tartan Weaving
Mill & Exhibition / Castle Hill / Royal Mile).
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.Farbe
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6. Von der King Stables Road kommt man zum berühmten Grassmarket. Dort findet sich ein Denkmal das den Bürgern von Edinburgh Symbol der Treue ist. Was ist das?
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7. In welchem Pub am Grassmarket saßen schon die Dichter Robert Burns und William Wordsworth?
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.Bier
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Trinkt dort einen Whisky und nehmt Sie eine leere Whiskyflasche, die noch gut verschliessbar sein muss sowie ein Stück einer alten Wachskerze mit. Ihr werdet dies später brauchen.
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8. Der Friedhof „Greyfriars Kirkyard“ in der Candlemaker row. Jeder Edinburher weiss: es spukt auf diesem Friedhof! Und die meinen das ernst! Beweist die Existenz mindestens eines Geistes.
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.Gespenst klein
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9. Das Pub „Sandras Glocken“ (oder so ähnlich) ist gleich in der Nähe. Findet es, kehrt ein, verweilt, sauft und sorgt für einen Beweis des Aufenthaltes – wie auch immer. Es winken Kreativpunkte.
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.Glocken
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10. Vom Grassmarket immer über die Victoria Street, die als schrillste und ausgeflippteste Einkaufsmeile gilt, geht es nun zum Grab von John Knox. Seit welchem Jahr kann man von diesem Grab aus nach Norden schauend auf eines der berühmtesten Gebäude der Stadt blicken und was ist dies für eine Sehenswürdigkeit?
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.Stadt_klein
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11. Up the close and down the stair,
In the house with Burke and Hare.
Burke’s the butcher, Hare’s the thief,
Knox, the man who buys the beef.
Mr. Knox war unter anderem ein fleißiger Einkäufer, seine Lieferanten waren William Burke und William Hare. Was hat Mr. Knox von den beiden gekauft?
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.Möwe
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12. Vor der St. Giles Cathedral befindet sich das „Heart of Midlothian“ (Royal Mile). Was wird traditionell von den Edinburhern mit diesem Herz getan? Und warum?
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.Herz_klein
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13. Gehen Sie in Richtung Norden auf die High Street zur Waverly Bridge bis Sie am berühmten Scott Monument sind. Dahinter links in die Princess Street der New Town abbiegen. Was wurde trockengelegt um die Princess Street Gardens anzulegen?
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14. 62 Princess Street. Das Teehaus „Romanes & Paterson – Eines des Besten. Zu Verzehren gilt es einen „High tea“. Woraus besteht diese Spezialität?
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.Tea for two
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15. Biegen Sie nun rechts in die Frederic Street und wieder rechts in die George Street – soviel New Town muss sein! Sie kommen über den St. Andrews Square und Waterloo Place zu einem Ort der den schönsten Ausblick über die Stadt und ihre Festung verspricht. Früher auch sehr beliebt für einen „Autofick“.
Wie heisst dieser Ort?
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.Schotten
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17. Nachdem Sie hoffentlich den Ausblick mit Picknick genossen haben geht es nun über die New Street auf die berühmte Canongate. Warum heisst dies „gate“,obwohl nirgends ein Tor zu sehen ist?
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18. Den Weg ins Parlament finden nicht viele. Aber Ihr sicherlich. Im Stadtteil Holyrood befindet sich das alte schottische Parlament. Was passierte 1707 und wurde erst 1998 durch den „Scotland Act“ beendet?
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.Bunte Häuser
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19. The Queen is amused! Sie liebt diesen Ort. Wo befinden Sie sich?
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20. Von hier aus kann man mit der Buslinien 15 der „Lothian“-Busses den „italienischen Strand“ in wenigen Minuten erreichen. Es ist der schönste Strandabschnitte Edinburghs (noch vor ca. 20 Jahren musste man hier beim Baden um die Kackwürste förmlich „Herumschwimmen“). Wie heißt dieser Strand?
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.Ich Flasche
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21. Endpunkt: Das Pub „Dalriada“ auf der Promenade. Hier treffen wir sich wieder und dort findet auch die Auswertung statt.
Aufgabe hier:
Ihr habt eine leere Whiskyflasche, ein Stück Kerzenwachs, einen Stift und Papier. Schreibt von der Reise nach Edinburgh und was Euch an der Stadt und Ihren Menschen besonders gefiel. Hinterlasst auch die Adresse Eurer Stammkneipe. Rollt das Papier in die Flasche, verschliesst diese wasserdicht mit dem Kerzenwachs und macht ein Foto davon, bevor Ihr sie auf die Reise schickt. Vielleicht landet sie ja auf „Treasure Island“. Das wäre dann very british, really scotish und echt mythisch, weil der Mann der diesen Roman schrieb, Robert Louis Stevenson, einst in Edinburgh lebte.
. Flaschenwurf
Mögen die Besten gewinnen!!!
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Und mal sehen, wer die Antworten von uns in 10 Jahren noch weiß?
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Kriegsende vor 70 Jahren – Alles ganz simpel

15. Mai 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Opa SchlittenAnfang Februar 1945 war ich nach einem fast zweijährigen Marsch gen Westen mit meiner Kompanie in der Nähe von Namslau in Niederschlesien angekommen. Wenn meine Söhne später bei Wanderungen jammerten und fragten wie weit es noch wäre, habe ich immer mit „ein Katzensprung“ geantwortet und ihnen erzählt, dass ich schon einmal von Demjansk in Russland bis an die Oder gelaufen bin. „Und die Russen sind gerannt“, war damals ein geflügeltes Wort in unserer Truppe, „und wir immer vor ihnen her!“
Unsere Erwartungen auf einen Sieg waren nach zwei Jahren selbst erfahrener Schlachten weit unter den Nullpunkt gesunken. Ich erlebte diesen Feldzug fast ausschließlich als Rückzug durch zerstörte Dörfer und Städte. Das EK II, EK I und das Infanterie-Sturmabzeichen bekam ich für besonderen Mut – oder Leichtsinnigkeit – in den ersten fünf Monaten an der Front während der letzten verzweifelten deutschen Offensiven. Doch danach war es vorbei mit meinem Heldentum. Glücklicherweise erinnerte ich mich an den Rat meines Vaters, der da lautete: „Wenn es heißt Freiwillige vor, dann schnell zur Seite treten, damit die Freiwilligen vor können!“.Das hat mir sicherlich oft das Leben gerettet. Wahrscheinlich bewahrte es mich auch davor, an Erschießungskommandos teilzunehmen.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich so andere Menschen hätte töten können, denn wenn man in dieser Scheiße drinsteckt, ist klares Denken und menschliches Handeln oftmals nicht mehr möglich. Befehlsverweigerung hätte unter Umständen den eigenen Tod bedeutet. Doch zum Glück bin ich nie in diese Verlegenheit geraten, denn wir hatten immer vernünftige Vorgesetzte ohne „Halsschmerzen“. Um das begehrte Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes zu bekommen, welches als Halsbandorden getragen wurde, verheizten einige ehrgeizige Heroen ihre Einheiten oftmals in besonders riskanten Unternehmungen. Wahrscheinlich wollten viele meiner Befehlshaber irgendwann auch einfach nur noch lebendig zu ihren Familien nach Hause kommen. Sie bekamen also keine „Halsschmerzen“.

Wir waren schon jenseits der Oder, also westlich des Stromes, mit dessen Wasser ich als Breslauer sozusagen getauft worden bin und in dessen Fluten wir uns als Jungen nicht immer vorschriftsmäßig getummelt hatten. Mein Unteroffizier, zwei Kameraden und ich hatten in einem einzeln stehenden Haus am Ortsrand eines kleinen Dorfes Stellung bezogen und russische Panzer T34 rollten auf uns zu. Höchste Zeit also, sich zu verdrücken. Wir vier waren uns da völlig einig. Ich stürmte als Erster hinaus. Warum, weiß ich bis heute nicht. Genau in diesem Moment traf eine Panzergranate das Haus. Ich war schon draußen, als das Geschoß mit einem ohrenbetäubenden Krach detonierte. Meine Kameraden leider nicht.
Eine Außenwand stürzte auf mich herab. Dann wurde alles schwarz über mir. Wie lange meine Ohnmacht, verschüttet unter den Ziegeln, dauerte? Ich habe keine Ahnung. Ein Feldwebel buddelte mich schließlich aus. Er schaute mich mit besorgter Miene an und fragte irgendetwas. Ich griff mir ins Gesicht, schaute gleichzeitig auf meine Hand, meinen Mantel und die große Lache um mich herum. Das viele Blut, der Dreck und der Staub der Ziegelsteine hatten sich zu einem Farbton vermischt, den ich mein Leben lang nicht mehr sehen kann. Orange!

Der Feldwebel war Waffenmeister, wie er unter Hinweis auf zwei, mir riesig erscheinende, Holzkisten sagte, die er mitschleppte. Über die Felder machten wir uns in Richtung Autobahn davon. Ich schrie nach meinen Kameraden, doch er schüttelte nur den Kopf und zerrte mich weiter. Mühsam humpelte ich ihm hinterher. Die Entrüstung des Mannes werde ich nie vergessen, als ich ihn bat, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen und doch um Himmelswillen die blöden Kisten stehen zulassen. Ich weiß nicht, ob das „tausendjährige“ Reich dem Deutschpreußen später noch ausreichend gedankt hatte, ob der Rettung der Dinger. Auf den Kriegsausgang hatte die Korrektheit des Feldwebels jedenfalls keinen entscheidenden Einfluss mehr gehabt.
Ein auf der Autobahn vorbeikommender, schon mit Verwundeten voll gestopfter Sanka lud mich ein. Obwohl ich kaum Schmerzen verspürte, muss ich furchtbar ausgesehen haben und auch mein feldgrauer Mantel leuchtete noch immer in dieser schrecklichen Signalfarbe. Als wir endlich hielten, befand ich mich vor dem Eingang des Elisabethinerinnen-Krankenhauses in der Gräbschener Straße in Breslau, einmal um die Ecke – nur fünf Minuten Fußweg – von der Rehdigerstraße 11 in der wir wohnten. Ich atmete tief durch. Endlich wieder zu Hause!
postkarte rathaus
Den Schwestern, die mich zur Untersuchung bringen wollten, entwischte ich erst einmal. Ich fand ein Telefon und rief in der Bäckerei in der Hochstraße an. Im Gegensatz zu uns besaßen Hartmanns ein Telefon. Von ihm erfuhr ich, dass Muttel (Mutter) zu ihrer Schwester nach Gablonz an der Neiße aufgebrochen und mein Vater noch immer an der Front war. Wo genau konnte er nicht sagen.
Im Krankenhaus, das einem katholischen Kloster angeschlossen war, verarztete man mich provisorisch. Granatsplitter, die dabei in meinem Schädel entdeckt wurden, rührte man zunächst nicht an. Die Schwestern in ihren schwarzen Kutten sorgten sich rührend um uns. Ich glaube sie hätten uns auch Händchen gehalten und ein Gute-Nacht-Lied gesungen, wenn das erforderlich gewesen wäre. Immer wenn wir früher mit unserer HJ-Gefolgschaft 27 an der Kirche und dem Kloster vorbeigelaufen waren, hatten wir respektlos ein Lied gebrüllt: „Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Klosterdach den roten Hahn! Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Kirchendach den roten Hahn!“ – zündet es an, bedeutete das. Jetzt schämte ich mich zutiefst dafür.
Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich recht fit. Erst als ich im Bett lag, kamen die Schmerzen. Sie wurden so stark, dass ich öfter für mehrere Stunden in Ohnmacht fiel. So richtig denken konnte ich eigentlich erst wieder, als ich nach einer wohl mehrtägigen Fahrt mit einem Lazarettzug in Ulm an der Donau landete.

Erst viel später erfuhr ich, dass dies einer der letzten Züge gewesen war, der meine Heimatstadt verlassen hatte, bevor die Schlacht um die „Festung Breslau“ begann, bei der nochmals zigtausende Menschen ums Leben kamen.
Im Ulmer Lazarett diagnostizierte man eine Schädelfraktur und eben diverse Granatsplitter im Kopf. Zum Glück bat ich den Arzt rechtzeitig, in mein rechtes Ohr zu schauen. Dort steckten dann tatsächlich noch unzählige orangefarbene Ziegelstücken, die sie ohne Operation entfernen konnten. Sie wollten mir eigentlich schon den halben Schädel aufschneiden.
Offenbar wehrt sich der Körper gegen Beschwerden und Schmerzen solange man noch in Gefahr ist und gibt erst nach, wenn man sich in Sicherheit wähnt. Ich habe mir diese sehr persönliche Erfahrung nie von Medizinern bestätigen lassen, wie ich es ohnehin vermeide, bei jeder kleinen Unpässlichkeit gleich zum Arzt zu rennen. Geholfen haben mir meine Erkenntnisse später dennoch. Beschwerden, die im Augenblick nicht erwünscht waren, habe ich einfach immer weggeredet.
Lesen
In Ulm erlebte ich in den letzten Monaten des Krieges etliche Luftangriffe. Uns Verwundete schaffte man in tiefer gelegene Kellerräume – es waren wohl die ehemaligen Katakomben einer Burg. Und plötzlich kam die Angst. An der Front hatten wir immer in behelfsmäßig ausgehobenen, gammligen Löchern gehockt, die gerade mal so tief waren, dass mein eingezogener Kopf nur Zentimeter unter der Erdoberfläche war. Doch hier im scheinbar sicheren Kellergewölbe hatte ich mehr Angst als jemals zuvor als Infanterist. Überall krachte, bebte und spritzte es und mir kam die Einsicht, dass all die Menschen daheim, Frauen, Kinder und Greise bei den Luftangriffen genauso litten wie wir draußen im Graben.
Ich vermisse diese Tatsache leider bei vielen Beschreibungen des Krieges. Genauso wenig kann ich verstehen, wenn in Schlachtfilmen, die ja heute massenhaft über den Bildschirm flimmern, all jene verherrlicht werden, die keine Angst haben. Was müssen das nur für Dummköpfe sein? Keine Angst zu haben, bedeutet doch nichts anderes, als sich der Gefahr, die auf einen zukommt, nicht bewusst zu sein. Und das ist dumm. Diese Angst zu überwinden, um anderen Menschen zu helfen, sie zu retten oder zu beschützen, das nenne ich Mut. Doch den bekommt man erst im Laufe seines Lebens, schneller oder langsamer – oder niemals.

Ich erinnere mich noch meine „Feuertaufe“. Wir standen im Feld hinter einer Kartoffelmiete, die etwa 1,20 Meter hoch und 15 Meter lang war. An ihrem Fuß war der Länge nach ein schmaler Graben von ca. 30 cm Tiefe ausgehoben, offenbar zum Wasserauffangen bei starkem Regen. Plötzlich setzte feindliches Gewehrfeuer ein. Doch ich rannte nicht etwa leicht gebückt ans andere Ende der Miete, denn ihre Höhe hätte mich ohne weiteres vor Treffern geschützt, sondern kroch angstgeschüttelt, rückwärts, eng an den kleinen Graben gepresst, zurück. Einige Kameraden lachten mich später aus und tatsächlich: in den Monaten danach bin auch ich, ohne mich groß um das Pfeifen der Kugeln zu kümmern und teilweise nicht einmal geduckt, von Deckung zu Deckung gelaufen. Man hatte sich an die Gefahr gewöhnt und wusste: nicht jede Kugel würde treffen. Ich war leichtsinnig geworden. An jenem Tag in Russland rauchte ich übrigens zitternd meine allererste Zigarette und habe erst neulich mit 86 Jahren wieder aufgehört.
Opa und icke
Nach relativ kurzem Lazarettaufenthalt wurden viele, die schon wieder halbwegs auf zwei Beinen laufen konnten, zu regulären Wehrmachtseinheiten versetzt. Mit zwei anderen Infanteriefunkern musste auch ich mich auf den Weg nach Bermaringen, einem Dorf in der Nähe von Ulm, machen. Uns kam das kalte Grausen, als wir sahen, dass die ganze Truppe, mit der wir drei den Krieg nun zu Ende spielen sollten, im kleinen Saal des Dorfgasthauses einquartiert war. Dem Kompaniechef, einem Oberleutnant, erzählten wir deshalb, dass uns in wenigen Tagen Funkgeräte und Fernmeldematerial folgen würden und wir uns deshalb nach einem zweckmäßigeren Quartier umschauen müssten. Er fiel auf unseren Schwindel rein und so erhielten wir eine separate Unterkunft bei einem Bauern in der Nähe der Dorfkneipe. Der winzige Raum mit Sofa und einer Strohschütte war zwar keineswegs luxuriös, aber immerhin konnten wir so in der Nacht und nach einiger Zeit auch am Tage, dem Kompanietrott aus dem Wege gehen.
Der Lange, wie wir ihn nannten, kam aus Kornwestheim und hatte zwei prima Ideen. Zum einen liefen wir abends los, klopften mal hier und da und erzählten etwas von einem geplanten Kompaniefest. Die schwäbischen Bauern waren nicht geizig und schnell hatten wir einen großen Vorrat an Eiern, Speck, Wurst, Butter, aber auch eingelegte Leckereien zusammen geschnorrt. Wir aßen von nun an fürstlich und die Dorfkinder freuten sich über unser Kochgeschirressen, das wir uns täglich bei der Kompanie abholten, damit unser kulinarisches Eigenleben nicht auffiel.
Der zweite Trick war schon etwas krimineller. Wir hatten spitz bekommen, wenn wir im Dunkeln auf unseren Verpflegungstouren durchs Dorf bummelten, dass aus manchen – pflichtgemäß verdunkelten – Hauskellern noch tief in der Nacht Licht drang. Die beiden schönen Töchter unseres Bauern vermuteten, dass da sicher aus Äpfeln, Birnen oder Pflaumen Schnaps gebrannt werde. Das sei zwar verboten, aber alle schönen Angewohnheiten wollten die Schwaben dem Krieg ja auch nicht opfern. Also zockten wir nun auch frisch gebrannten Obstschnaps für „die Kompanie-Feierlichkeiten“ ab. Den Genuss mussten wir allerdings stark limitieren, da einen der Fusel mächtig umhaute.
Mark Scheppert Horst Schubert 2
Und diese lasche Moral schien sich auf die gesamte Truppe übertragen zu haben. Die Kompanie bekam eines Tages ganz neu eingeführte Schnellfeuergewehre geliefert, aber keinen einzigen Schuss passender Munition. Als sich während der Einweisung ein Unteroffizier die Frage erlaubte, wie man denn im Ernstfall reagieren solle, wenn man zwar hochmoderne Waffen aber keine Patronen dazu habe, meldete sich der Spieß zu Wort. Der Stabsfeldwebel – die so genannte Mutter der Kompanie – fragte vor der versammelten Mannschaft ganz trocken: „Aber weiße Taschentücher habt ihr doch wohl?“ Keiner muckte auf, nicht einmal der Kompaniechef. Klar war damit, dass mit unseren Jungs nicht mehr groß zu rechnen wäre, wenn die Amerikaner kämen.
Und die kamen früher als gedacht. Wir wurden in Marsch gesetzt und zogen gen Süden. Bei einem der unzähligen Halte hatte der Kompaniechef seinen Gefechtsstand in einem Frisiersalon eingerichtet. Wir drei Funker saßen bei ihm und zehrten von unseren Bermaringer Obstlerreserven, als es dem Chef gelang, am Radiogerät einen Sender zu finden, der uns über den aktuellen Stand der militärischen Lage in unserem Gebiet informierte. Einen „Feindsender“!
Plötzlich klopfte es an der Tür, die vom Laden zur Wohnung der Friseurfamilie führte. Schnell schalteten wir aus und öffneten leichenblass die Tür. Vor uns stand die Friseursfrau und stammelte: „Wir haben oben in der Wohnung auch noch einen zweiten Lautsprecher.“ Langsam kehrte die Farbe in unsere Gesichter zurück. Für das „feindliche Mithören“ hätte uns die Frau auch beim Ortsgruppenleiter der NSDAP verpfeifen können. Zu jener Zeit wurden dafür sogar noch Zivilisten gehängt. Hat sie aber nicht.
Am Tag, als wir die Iller überquert hatten, versammelte der Bataillonskommandeur alle auf einer Lichtung. Er kam, wie zu Kaisers Zeiten, auf einem Pferd angeritten, stieg ab, hinkte gotterbärmlich die gesamte Aufstellung ab und verkündete, dass er das Bataillon am kommenden Tag ordentlich, diszipliniert und in allen Ehren an die Amerikaner übergeben werde. Wer zufällig in unmittelbarer Nähe zu Hause wäre, könne ja versuchen, die Heimat ohne den Umweg einer Kriegsgefangenschaft zu erreichen. Mein Freund Heinz Böder und ich befanden, dass unsere Heimatstädte Berlin und Breslau eigentlich in unmittelbarer Umgebung wären. Wir verkrochen uns in einer Scheune, süffelten den Rest unseres Schnapses und hörten in der Nacht nicht einmal die ersten durchfahrenden Amis. So einfach, ganz simpel, endete für mich der zweite Weltkrieg im April 1945.
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Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel” im Buchhandel
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Nachtrag: 2012 war ich, der Enkel, erstmals mit Freunden zu Besuch in der Heimatstadt meiner Großeltern – und Wroclaw ist eine großartige Stadt mit superfeinen Menschen!
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All die hübschen Frauen – Willkommen in Chile!!!

5. Mai 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Schwarz-rot-gold AricaAm Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die schwarzen Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
Wir werden La Paz nach nur zwei Tagen wieder verlassen. Obwohl uns die Stadt sehr gut gefällt, haben wir immer noch Probleme mit der Höhe. Besonders Jenna fühlt sich schlecht. Er schläft kaum, raucht nur noch eine Schachtel rote Marlboro am Tag und trinkt in meinen Augen auch eindeutig zu wenig Bier. Mit dem Nachtbus wollen wir auf Meereshöhe nach Chile hinunterfahren.
2000 Bol La paz
An der Grenzstation erwarten uns übellaunige Zöllner, die besonders die Bolivianer peinlich genau kontrollieren. Ich gehe spontan zu einem besonders dreisten Typen und frage, ob ich ein Foto mit ihm vor der chilenischen Fahne machen kann. „Por qué no?“ (Warum nicht?), antwortet er überraschend freundlich. Wir nehmen Aufstellung und ich drücke Matze meine Kamera in die Hand. Ich trage meine Fliegerjacke, enge Bluejeans und die leuchtend polierten Docs – er seine Uniform. Arm in Arm strahlen wir um die Wette in die Linse. Plötzlich geht alles ganz schnell mit den Formalitäten. Der Grenzer verteilt lächelnd die Pässe und begrüßt jeden einzelnen Passagier mit einem herzlichen: „Bienvenido a Chile“ (Willkommen in Chile). Ein guter Start.
Die Fahrt auf der Serpentinenstraße von 4000 Metern Höhe auf Null ist die rasanteste meines Lebens. Der Druck auf unsere Ohren nimmt stetig zu und sogar die Bierdosen dellen sich nach innen. Wenngleich über uns ein sternenklarer Himmel leuchtet, sehen wir am Horizont, über schneebedeckten Bergkämmen ein spektakuläres Gewitter. Grelle Blitze zucken dort alle zwanzig Sekunden herab. Am Straßenrand schauen Vicunjas ängstlich, Lamas neugierig und Schafe dämlich ins Scheinwerferlicht. Ein Fernseher läuft lautstark im Inneren, doch wir drücken uns die Nasen an den Scheiben platt. Was für eine Landschaft, was für ein Naturschauspiel! Müde erreichen wir Arica.
2000 Chile ich Grenzer
Jenna zündet sich bereits seine achte Kippe an und grinst erleichtert. Die Hafenstadt ist keine architektonische Schönheit, doch es gibt eine belebte Fußgängerzone, ein Latin Quater, große Burgerläden, Kneipen, die Fassbier servieren, und vor allem eine salzig schmeckende Luft, die uns tief durchatmen lässt. So schön wie Peru und Bolivien auch gewesen waren, wir hatten immer das beschämende Gefühl gehabt, eine Art „Armutstourismus“ zu betreiben. Hinsehen, betroffen sein und wegschauen. Vielen Menschen ging es dort sichtlich dreckig und wir fuhren erster Klasse durch die Gegend und tranken Unmengen Alkohol. In der hiesigen Kneipe, mit den grünen Stühlen und Schirmen vor der Tür, ist das weniger anstandslos. Nach unserem ersten Schop (Zapfbier) im „Grünen“ beschließen wir: das ist unsere Stadt.
Es gibt hier sogar große Supermärkte, in denen sie uns auf dem Heimweg einen Bierkasten und zwei Pappen Rotwein verkaufen. Im Patio machen wir es uns gemütlich und öffnen die „Cristal“ mit lautem Zischen. „Eh, da ist ja ein Hund auf dem Dach!“, ruft Matze. „Un perro en la dacha?“ (ein Hund in der Datsche), fragt Göte falsch nach, doch Matze klettert bereits über einen Baum auf das Gebäude. „Das ist ja geil, kommt mal hoch!“ Ich folge und gebe ihm Recht. Von oben hat man einen herrlichen Blick auf die, von der Abendsonne, beleuchteten Gärten. Die dahinter liegende Stadt, scheint im Blau des Pazifiks zu versinken. Der Köter ist weg. Nach und nach ziehen wir Göte, Jenna, vier Stühle und die Kiste Bier hoch. Schweigend genießen wir das Panoramabild.
„18“, brüllt Göte irgendwann, „20“, antwortet Matze. Ich rufe „Zwo“ und auch Jenna muss mal und sagt „23“. Wir verlassen das Dach zum Pinkeln nicht. Wenig später fragt „Hausmeister Krause“, der Besitzer der Residencial, ob er auch ein paar Bilder von uns machen dürfe. Diese könne er in seinen Prospekt aufnehmen und dort als Sonnenterrasse verkaufen.
Icke Arcia Dach
Wir seilen uns mit breitem Grinsen ab und mit Jenna wanke ich zum Spätverkauf. Er ist schon ziemlich blau und braucht Kippen. Als wir zurückkommen, sitzen Göte und Matze vor einem noch mühsam lodernden Feuer. „Wie seht ihr denn aus?“, frage ich höhnisch. „Mann, hier sind Dantas aufgeschlagen!“, flüstert der herausgeputzte Göte aufgeregt. „Und was für welche!“, ergänzt ein stark parfümierter Matze beschwörend. Genau in diesem Moment treten zwei Mädchen aus dem Rassedantas-Katalog durch die Tür ihres Zimmers und fragen schüchtern, ob sie sich dazusetzen können. Hatten wir soeben noch wie Hotten vom Dach gepullert, sehe ich plötzlich nur noch zuvorkommende Gentleman. Göte zerrt zwei Stühle in den Kreis und Matze besorgt Rotweingläser. Das wird interessant! Die beiden muss man sich nicht hübsch saufen. Mimi ist bildschön mit dunklen Augen, langen schwarzen Haaren, feinen Gesichtszügen und einem selbstsicheren Lächeln. Jana das Gegenstück in blond.
Wir kommen gut ins Gespräch und ahnen ohne viele Worte, dass sie sich wohl eher uns schön trinken müssen. Matze reagiert und schenkt aus der Weinpappe nach. Obwohl wir gleich zu Beginn geprahlt hatten, dass wir aus Berlin kommen, erfahren wir zunächst nur, dass sie in Freiburg studieren und vernachlässigen das Thema. Matze stellt geschickt die „Freund-Frage“ und als beide verneinen, sehe ich sein berühmtes Charmeurlächeln. Auch Göte greift jetzt an. Die beiden sind immer noch Singles. Ich halte mich zurück, da ich mich in der Heimat schwer in Sylvie verliebt habe. War sie zunächst nur meine allerbeste Freundin gewesen, hatte es plötzlich Klick gemacht. Sie wäre in jeder Beziehung die Richtige für mich und momentan sieht es fast so aus, als ob ich bei der kleinen Pfälzerin eine realistische Chance habe. Sie will sich während dieser Reise von ihrem Freund trennen. Jenna, der immer betrunkener wird, wohnt verliebt mit seiner süßen Danny zusammen.
2000 Chile Julia und ich
Göte fragt, ob sie Fußball mögen. Mimi und Jana berichten stolz, dass sie VfB-Fans sind, auch, weil sie ja ursprünglich aus Stuttgart kommen. Okay, denke ich beruhigt, für mich hat sich das jetzt eh erledigt. Doch Göte lässt nicht locker. „Kennt ihr einen Typen namens Toastbrot?“, fragt er zynisch. Wenngleich sie natürlich verneinen und ich protestiere, beginnen die anderen lang und breit zu erzählen, dass mir dieses Stuttgarter Arschgesicht vor Jahren meine Freundin ausgespannt hatte. „Na, das hat ja auch was Gutes“, mische ich mich trotzig ein. „Ich habe jetzt immer einen Platz im Bett frei.“ Matzes und Götes Augen funkeln, doch Jana antwortet herzlich „Gerne, ich war sowieso erst einmal mit meinem Ex, dem Idiot, zur Loveparade in Berlin.“ Göte schwärmt nun von Pankow, Matze von Prenzlauer Berg und ich rühme Friedrichshain als idealen Schlafplatz. Jenna ist dicht.
Sie weiß nicht mehr, wo sie damals gewesen war und beschreibt eine gewöhnliche Wohnung – Berliner Hinterhausromantik. Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche abwesend den Gesprächen.
Plötzlich habe ich eine Vermutung. Ich beuge mich zu Jana hinüber und frage: „Wie heißt denn dein Ex-Freund eigentlich?“ Mit einem Mal sind alle ganz still. Nur das Klicken von Jennas Feuerzeug und das Knacken der Scheite, ist noch zu hören. Sie schaut mich sehr lange an. Ihre Gesichtszüge verändern sich. „Ach die Jeannet!“, platzt es plötzlich aus ihr heraus. Ich falle samt Stuhl nach hinten ins Gebüsch.
Wir Morro
In Chile, tausende Kilometer entfernt von der Heimat, treffe ich die Ex-Freundin meines Erzfeindes Toastbrot aus Stuttgart. Es stellt sich heraus, dass sie zur Loveparade 1996, während ich allein auf Reisen gewesen war, sogar in meiner Wohnung in Berlin übernachtet hatten. Selbst Jana schien damals nicht bemerkt zu haben, dass es in dieser Zeit zwischen Jeannet und ihrem Freund gefunkt hatte. Als ich nach sieben Wochen aus Chile zurückkam, war schon alles zu spät. Jeannet wollte das Westschwein und umgekehrt. Jana war es ähnlich ergangen, nur, dass Jeannet die Ostschlampe gewesen war. Wir waren für lange Zeit die traurigsten Menschen auf dem Planeten gewesen. Gleichzeitig stehen wir auf und nehmen uns in die Arme. There’s a slow waltz for Chile. Göte und Matze beginnen leise zu applaudieren. Mimi wischt sich ein Tränchen aus den Augenwinkeln und flüstert: „Ach die Jeannet!“
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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Alles Gute zum 90igsten!

3. Mai 2015 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Cover Alles ganz simpel - DruckMein Opa ist ein „Geschichtsbuch auf zwei Beinen“, denn er hat fast ein komplettes deutsches Jahrhundert hautnah erlebt.
Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und zwei Kriegsgefangenschaften. Die Gründung und den Aufbau der DDR mit Jobs als Telegrafenarbeiter in Lübben, Dachdecker in Osternienburg, Hilfsschlosser und Technischer Zeichner in den Buna-Werken. Ein Sportstudium an der DHfK in Leipzig und den Berufsstart als Reporter der Friedensfahrt für das Deutsche Sportecho. Den 17. Juni und den Mauerbau. Die Zeit als Verlagsdirektor des Sportverlages in Berlin mit Teilnahmen an Olympischen Spielen und Buchmessen. Den Niedergang der DDR, den Mauerfall und den linken Neubeginn in der Bundesrepublik Deutschland.
Das wollte ich unbedingt aufbewahren und teilen.
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Deshalb bin ich noch heute sehr froh darüber, dass wir zusammen unser Buch “Alles ganz simpel” realisert haben!
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Alles Gute zum 90. Geburtstag, lieber Opa Horst – wir sehen uns nachher zum Anstoßen!
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