Archive for März 2015

Zweifel-Lesung am 9. April 2015 im Tasso

25. März 2015 | von | Kategorie: Termine

P1110497
Wäre die Welt nicht von Beginn an voller Zweifel gewesen – er wäre spätestens von schreibenden Künstlern erfunden worden. Denn neben der guten alten Schreibblockade lässt uns nichts so sehr in Schweiß baden und Fingernägel wie Bleistifte abkauen wie der (Selbst-)Zweifel. Daher ist es endlich mal an der Zeit, dem Zweifel einen eigenen Themenabend zu widmen, Und der ist zweifellos am 9. April 2015 im Café Tasso ab 20 Uhr, Frankfurter Allee 11 (Nähe U-Bhf. Frankfurter Tor)!

Breaking News: Unser Stargast am 9. April ist der Autor, Blogger und Lesebühnenkollege Michael André Werner! Wer die Vorfreude auf seinen Auftritt steigern möchte, sollte ganz unbedingt den Blog von Michael besuchen.
.
Wann: 9. April 2015 ab 20 Uhr
Wo: Café Tasso, Frankfurter Allee 11, Berlin (Nähe U-Bhf. Frankfurter Tor)
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten” (u.a. icke)
Was: Thema diesmal: ZWEIFEL???

[Weiter...]


Torres del Paine – Türme der Schmerzen in Chile

24. März 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

Torres Panorama
Ich habe mich mit meinem Vater nie groß über Frauen unterhalten. Mir wäre das eher unangenehm gewesen und was wusste er schon vom Leben in der heutigen Zeit. Dennoch ist mir ein Satz in steter Erinnerung geblieben: „Du wirst erst herausbekommen, ob jemand wirklich zu dir passt, wenn ihr gemeinsam auf Reisen gegangen seid.“ Ich ahnte, was er meinte. Fernab der behüteten Heimat war es plötzlich vorbei gewesen mit der Harmonie und Eintracht. Erst unterwegs hatte ich oftmals bemerkt, mit was für einer Frau ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Im September 2002 ist es dann endlich soweit. Ich habe sie mit dem Südamerika-Virus infiziert. Die drei Wochen Chile-Urlaub sind der große Sylvie-Test!

Gut gelaunt besteigen wir nach zwei Nächten in Santiago den Flieger nach Punta Arenas mit Zwischenlandung in Puerto Montt. Obwohl es bereits vor dem Abflug stürmt, lasse ich mir nicht anmerken, dass dies ganz und gar nicht mein Flugwetter ist. Schon auf der Rollbahn donnern heftige Winde lautstark gegen die Außenwände. Mit unsicherem Lächeln und bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Flugangst. Endlich heben wir ab. Beunruhigende Turbulenzen erfassen die stark schwankende Maschine. Luftlöcher lassen uns metertief ins neblige Nichts fallen und nur mühsam kämpft sich der dröhnende Flieger wieder empor. Die Anschnallzeichen leuchten seit dem Start bedrohlich rot. Angst! Vor uns kotzen sich Menschen die Seele aus dem Leib und neben mir schreit ein junger Peruaner, der sich als Paolo vorgestellt hatte, wie am Spieß. Sylvie bittet mich irgendwann, ihre Hand loszulassen, da sie schon schmerze und Paolo soll ich sagen, dass er die Schnauze halten soll, sonst bringe sie ihn um. Ich bin von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt. Ein Krachen erschüttert das Flugzeug, während wir nach vorn und wieder zurück in den Sitz geschleudert werden. Einige Gepäckfächer springen auf. Schreie, Motorengeräusche – dann Stille. Wir sind gelandet.
Der zweite Flugabschnitt ist ruhiger. Auch ich war vorhin kurz davor gewesen, mich zu übergeben und hatte mehrmals ängstlich gejault. Mit flauem Gefühl im Magen schaue ich möglichst cool hinüber zu Sylvie. Sie fragt mich lächelnd: „Nimmst du eigentlich Bier oder Rotwein zum Essen?“
2002 Chile Torres Weg

Unser Highlight im chilenischen Süden soll der Nationalpark „Torres del Paine“ werden und recht schnell haben wir alle Infos zusammen, um zu den „Türmen der Schmerzen“ aufzubrechen. Es ist eine denkbar ungünstige Konstellation, denn der Kerl, der uns in Puerto Natales ermahnt, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, beobachtet unsere Abreise nicht. Wir hatten unsere Klamotten in zwei Müllsäcke geworfen und nur einen Rucksack mit folgendem Inhalt gepackt: Schlafsäcke, Zahnputzzeug, zwei Äpfel, eine Packung Kekse und eine Flasche Pisco. Vor allem hätte er fragen sollen, ob wir schon jemals im Leben trekken gewesen waren, denn wir tragen: schwarze Docs, Jeans, Sylvie einen grünen DDR-Parker und ich eine uralte Winterjacke. Meine westdeutsche Freundin hatte in Berlin Gefallen an dem, mit Schafsfell gefütterten, Mantel gefunden, der, wie mein Oberteil, aus keinerlei regenabweisenden noch atmungsaktiven Materialien besteht.
Torres - Hinweg wir
Nachdem uns ein Bus am Parkeingang absetzt und wir zwei Minuten den Weg entlanglaufen, beginnt es leicht zu nieseln, bevor wir in ein mittelschweres Gewitter geraten. Doch so plötzlich wie es anfing, hört es auch wieder auf. Die Landschaft wechselt nun ständig ihr Erscheinungsbild, denn bald erreichen wir eine goldfarbene Steppe. Wir müssen heftigem Gegenwind trotzen, beginnen fürchterlich zu frieren und öffnen erschöpft die Pulle mit dem hochprozentigen Schnaps. Nur wenige Augenblicke später klart es wieder auf. Trotz der Strapazen ist die kleine Pfälzerin entspannt und nimmt mich glücklich in die Arme, als wir die nadelartigen Granitberge – die Wahrzeichen von Torres del Paine – erstmals am Horizont erblicken. In voller Schönheit pieksen sie nun in den azurblauen Himmel. Nach fast fünf Stunden erreichen wir einen Berggipfel von dem wir das Ziel unserer Wanderung sehen können: Das Refugio am Lago Pehoe. Vor uns liegt jedoch noch ein extrem steiler Abstieg auf glatten, ausgewaschenen Steinen, der seitlich in eine todbringende Schlucht abfällt. Unsicher lächelnd und mit bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Höhenangst. Mit zittrigen Beinen klettere ich rückwärts auf allen Vieren die Felswand hinab. Endlich sind wir da. Sylvie reicht mir den Pisco: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“
2002 Chile Torres Abhang
Wir schmeißen unsere Sachen aufs Doppelstockbett und gehen hinaus, um ein paar Fotos von den „Türmen“ in der Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld steht eine wild gestikulierende Horde, die scheinbar gerade etwas absteckt. Ein Typ kommt aufgeregt angerannt. Er brüllt irgendetwas von „futbol“ und noch bevor wir richtig verstehen, was los ist, sind wir schon Mitglieder des Teams der „Extranjeros“ (Ausländer). Da neben uns nur ein weiteres Deutsches Paar, ein Japaner und ein Argentinier hier sind, bekommen wir noch Renato aus Arica zugewiesen und dürfen gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten. Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team haben, wirken sie eingespielt. Der Ball läuft gut durch ihre Reihen und schon nach fünf Minuten müssten sie 3:0 führen, scheitern jedoch an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause können wir uns besprechen und verändern unsere Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bilden nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, steht im Mittelfeld und unser Argentinier Joaquin spielt allein im Sturm. Wir lassen den Gegner kommen und starten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passe steil zu Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielt. Er schießt unplatziert, doch deren Keeperin Josefa lässt abprallen. Mühelos schiebt er den Ball über die Linie. Ohrenbetäubender Torjubel schallt durch das Tal. Das „Ausland“ führt und kurz vor Schluss gelingt Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen. Die Chilenen gratulieren und laden uns zur Party am Abend ein. Als wir zur Hütte laufen, spüre ich, dass ich mein Knie verdreht habe und mir am Zeh und an der Fußsohle eine Blase gelaufen habe. Ich humpele mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlt. „War ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“, ruft sie. Selbst mir war das bisher noch gar nicht aufgefallen. Was für eine Frau!
Torres - Tanzen
Wir tanzen, singen und werden von unseren Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Literpappen gehörig abgefüllt. Heute ist ihr Nationalfeiertag. „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ Sie feiern sich lautstark selbst. Auch wenn nach der letzten – zugegeben fantastischen – WM wieder die ersten Deutschland-Rufe in meinem Land laut wurden, hatten meine Freunde und ich lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale, das wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn gesehen hatten, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wächst da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann.

Nicht der dicke Schädel macht mir am nächsten Morgen Sorgen. Mein Knie kann ich kaum noch beugen und die Blasen sind aufgegangen. Heute geht es an den Grey Gletscher. Da es ein Frühstück gab, nehmen wir lediglich die zwei Äpfel mit. Der Weg ist nicht sonderlich schwierig. Mir geht es nur leider beschissen. Neben den Schmerzen im Knie lassen mich starke Böen fast ununterbrochen in 30 Grad Schieflage laufen und in den Docs spüre ich jeden einzelnen Kieselstein am offenen Fleisch der Blasen. An einem Flussbett rutsche ich ab und stehe mit beiden Füßen im eiskalten Wasser. Ich beginne zu jammern, was in pure Verzweiflung umschlägt, als wir vor dem Refugio am Lago Grey vor verschlossenen Türen stehen. Wir müssen also noch heute wieder zurück. Eine Katastrophe.
Torres - Gletscher Grey
Am Gletscher vergesse ich für einen Augenblick die vor uns liegenden Strapazen. Es ist ein Anblick unvergleichlicher Schönheit. Gigantische Eisbergtürme werden aus den Bergen in den See gedrückt. Die Wände des Gletschers und die der großen Eisschollen sind nicht weiß, oder grau, wie der Name besagt, sondern glitzern in verschiedenen Blautönen.
Nicht nur mir bereitet der Rückmarsch Höllenqualen. Auch Sylvie ist noch nie im Leben acht Stunden mit Doc Martens und dicker Schafsfelljacke durch unwegsames Gelände gelaufen. Es ist ein Wunder der Natur, dass wir, wie schon auf dem Hinweg, permanent auf starken Gegenwind stoßen. Im Dämmerlicht teilen wir den letzten Apfel und sprechen uns Mut zu, dass wir auch in völliger Dunkelheit zurück finden werden. Kurz nach acht kommen uns zwei Typen auf Pferden entgegen geritten. Kopfschüttelnd schauen sie herab und weisen uns den Weg. Vor der Hütte steht Josefa und fragt aufgeregt: „Dónde estan los Chilenos?“ (Wo sind die Chilenen?)
Torres ich liegend
Wenig später erscheinen dann auch die noch Fehlenden in tiefschwarzer Nacht. Mario bereist mit Renato ganz Chile. Er möchte, dass sein Sohn mit ihm das Land kennen lernt, von Norden bis ganz in den Süden. Dafür bräuchte man eben Zeit erklärt er achselzuckend. Es stellt sich heraus, dass er Arzt ist und nach dem Essen schaut er sich meinen Fuß an. An den offenen Stellen leuchtet das rosafarbene Fleisch und mein Zeh ist bereits bläulich gefärbt und angeschwollen. Das Desinfizieren der Wunde ist eine brutale Tortur und gerade als ich dabei bin, vor Schmerz in den Schlafsack zu beißen, erscheint Sylvie im Zimmer. „Weißt du eigentlich, dass ‚Torres del Paine’ gar nicht ‚Türme der Schmerzen’ bedeutet?“ „Ist mir scheißegal“, brülle ich, doch sie spricht einfach weiter. „Paine heißt in der Sprache der Mapuche-Indianer ‚blau’. Es sind also die ‚blauen Türme’.“ Ich verdrehe die Augen. „So blau wie dein großer Zeh!“

Zwei Tage später liege ich im Hostal von Punta Arenas und kann überhaupt nicht mehr laufen. Sylvie sitzt mit meinen besten Freunden Göte und Jenna in einem Restaurant in der Innenstadt. Sie hatten sich hier mit uns verabredet und werden morgen nach Feuerland weiterreisen. Was wird sie den beiden erzählen von unserer ersten Woche? Dass man mit mir nicht verreisen kann? Dass ich eine riesengroße Pfeife und Memme bin? Dass dieser Urlaub für sie der große Scheppert-Test ist?
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.

[Weiter...]


Made in GDR – Vorsprung durch Technik! – Jugend in der DDR

9. März 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wohin sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino gefahren waren. Sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren, und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.

Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften “Waffenbrüderschaft” und “Ich will Kosmonaut werden” und nicht “Urlaub in Spanien” oder “Meine Katze Ricky” trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.

Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Die Ablösung des Rechenschiebers

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wer keine Westverwandtschaft hatte, die einen West-Rechner schickte, musste sich einen SR1 der Firma Robotron aus Sömmerda zulegen. Schlappe 123 Mark kostete der, immerhin ein Achtel des monatlichen Durchschnittseinkommens in der DDR (und das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!).

Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei vielen Mitschülern, solchen mit Kontakten nach Drüben, passte der ultraleichte, streichholzschachtelgroße Taschenrechner von Casio in die Federtasche.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es für rund 185 Mark. Die aber sah aus, als wäre sie aus einem Stück gefräst worden. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von West-Berlin. Denn im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Aus dem sozialistischen Arbeitsalltag

Mit 13 kamen mein Kumpel Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Anett-Recorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog. Aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Freunden vor.

Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. “Wo haben Sie das Wochenende verbracht?”, “Wie war ihr letzter Urlaub?” und “Welche Musik hören Sie gern?” Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad, und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: “Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken”, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.

So etwas hatten wir noch nie gesehen

In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.

Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige “Pfeife anzünden”, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.

Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13-jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!

Technischer Informationsvorsprung

Stefan holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters, und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!

Im Jahre 2009 konnte ich Stefan schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich ihn – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Dinge gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Orte, an denen wir kurz stehen bleiben und denken würden: “Mensch, das sieht ja noch aus wie früher!” oder “Was, das gibt es immer noch?”, “Ist ja wie im Osten!”
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wahrscheinlich werden es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Liegen denn noch Taschenrechner, Uhren oder Küchengeräte aus der DDR in unseren Wohnungen?

Wie es wirklich war

Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe diese Dinge innerhalb weniger Jahre – ohne dass es mir bewusst war – vollständig entsorgt. Nur noch im Museum kann ich komische Gegenstände aus unserem vormaligen Alltagsleben mit einem ungläubigen Schmunzeln betrachten.

Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1988 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie diese Ostdeutschen gehaust hatten.

Aber solche Stellen meine ich nicht. Und eigentlich müssen wir uns auch gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren von bestimmten Orten, Produkten, Gerüche, ungewöhnlichen Stoffen, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern: Denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das Leben in der DDR wirklich war!
.
Zum Nachlesen auf Spiegel Online
.
Zum Weiterlesen: “Mauergewinner” im Buchhandel
.

[Weiter...]


Ausfahrt ins Dynamo-Dresden-Land – Kindheit in der DDR

3. März 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Dynamo Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das “blaue Baby” im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, tatsächlich aber bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Schuljahren lernten wir Kinder eines: Berliner sind die Allergrößten, und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass “Nuklear” auf Sächsisch “Na klar” heißt. Die Sachsen konnte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.

Das Hauptziel des Spottes war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: “Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? – Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).”
Wimpel Dynamo

Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater eines Tages erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch einen neuen RFT-Farbfernseher zu kaufen gab – wenn auch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
.
Welche Farbe hat Colt Seavers’ Wagen?

.
Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 Jahren lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der Republik kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. Tempo 100 war bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich, und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis hereinzubekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.

So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.

Es gäbe die “Sportschau” mit grünem Rasen, und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Seavers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarzweißfilmen würden wir wegschalten.
Ball2

Als wir nach Dresden hineinfuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarzweiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan, und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache, und wir folgten einfach den Armbewegungen.
.
Geheimverhandlungen
.
Nachdem wir endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen allein führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernsehapparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!

Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt herein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!

Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von der Arbeit zu Hause an: “Marko, hast du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.” – “Nuklear!”, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht, und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte, und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen, und wir mussten seinetwegen dreimal zum Pinkeln halten.

WP_20140621_021
.
Es ging um viel
.
Aber immerhin: Es ging zum Halbfinale des Uefa-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17, und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.

Natürlich hatte Vater die Karten über “Vitamin B” – B wie Beziehungen – bekommen, und die echten Dresdner Fans, für die es keine mehr im Vorverkauf gab, dürften uns dafür gehasst haben. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.

Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen Bundesrepublik und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasi-Verein BFC aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.
.
Ich konnte es nicht glauben
.
Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war. Doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Schnell kamen wir mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.

Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein Eschi ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren.
VB
Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000, jetzt schon heiseren Kehlen, erklang das berühmte: “Sing, mein Sachse, sing”. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.
.
Im Hexenkessel
.
Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches, sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem “Hexenkessel” gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. “Obseids!” (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf, und ich brüllte zusammen mit Tausenden anderen Menschen “Nuklear, Obseids!” ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1:1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war.

An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben.
Marko 1

Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinem Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmte, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.

Erst vor dem Stadiontor traf ich, schockiert und noch immer schweratmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht.

Das Halbfinale des Uefa-Cups war mein bestes Fußballerlebnis in der DDR gewesen – und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!
.
Zum Nachlesen bei Spiegel Online
.
Zum Weiterlesen: Mauergewinner koofen
.

.

[Weiter...]