Archive for Februar 2015

Murmeln des Teufels – Outback Australien

22. Februar 2015 | von | Kategorie: Blog, Koalaland

IMG_3553Seine Sicht:
Die Stimmung im Bus könnte besser nicht sein. Bei lauter Musik tuckern zwei glückliche Menschen gen Norden und stoppen nach 300 Kilometern in Wauchope. Der Campingplatz des Zwölf-Seelen-Kaffs mit angeschlossenem Pub ist gemütlich und wir amüsieren uns köstlich über den Papagei, der in einem Hof mit rosa blühenden Oleanderbüschen auf einer Stange sitzt. Dort fragt der Barbesitzer, ob wir schon am unweit gelegenen Naturwunder gewesen sind und überzeugt uns dann, dies sofort nachzuholen.
Im warmen Licht der späten Nachmittagssonne erreichen wir die „Murmeln des Teufels“. Riesige, bis zu drei Meter hohe, orangefarbene Steine liegen wie hingeworfen inmitten in der platten Landschaft. Einige von ihnen sind fast kreisrund, andere etwas abgeflacht und ein ovaler Monsterball steht senkrecht auf seiner schmalen Seite. Natürlich sind auch die „Karlu Karlu“ heilige Stätten der Aborigines. Während sie die Weißen als Teufelswerk („Devils Marbles“) bezeichnen, sind die Granitkugeln für die Ureinwohner Eier der Regenbogenschlange aus der Traumzeit. Am Abend stoßen wir darauf an, dem Teufel in „Alice“ ein Schnippchen geschlagen zu haben und in der Nacht kommt es mir vor, als läge ich unter einem Teufelsweib.

Recht früh sind wir wieder auf der Straße, denn heute wird es noch einmal ungemütlich. 180 Kilometer sind es bis nach „Three Ways“, wo wir rechts abbiegen. Danach folgt eine Strecke, auf der es über 260 Kilometer weder einen Ort noch eine Tankstelle gibt. Sicherheitshalber befüllen wir nun einen 5-Liter-Kanister mit Benzin, um auf Straßen voller trügerischer Luftspiegelungen die nächste Zapfsäule zu erreichen. Durch die beißenden Dämpfe, oder weil ich die Sache mit Nolan und Jimmy noch immer nicht richtig verdaut habe, wird mir auf einmal ganz schwindelig. Am Rastplatz kippe ich fast um. Doch nach einer eiskalten Cola geht es mir besser, sodass wir die nächsten, „läppischen“ 380 Kilometer in Angriff nehmen können. Obwohl ich immer dachte, dass es auf dem Stuart Highway schon unfassbar einsam ist, begegnen wir nun eine Stunde lang keinem einzigen Wagen mehr. Das Gefühl der Erleichterung klingt allmählich ab und macht einer gewissen Beunruhigung Platz. Doch unser „Blow-me-Camper“ gibt heute keinerlei komische Geräusche von sich, sondern rollt und rollt. Endlich erreichen wir den Staat Queensland und irgendwann auch unser Ziel Mount Isa.
Durch den Kurztrip nach Darwin ist die Freude nicht ganz so groß, denn wären wir ohne Unterbrechung durchs verdörrte Nichts gefahren, würden wir nun den ersten Ort mit durchgängigen Flächen Grün, Moos, Weiden, gelb blühenden Akazien und einem „echten“ Fluss erblicken. Von Glücksgefühlen übermannt, hätten wir dann sicherlich den Rasen geküsst. „Out of the Outback“, ruft Nina dennoch freudestrahlend. Kein roter, von Erosion zerfurchter und ausgedörrter Boden mit stachligen Bodenflechten mehr.
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Bevor wir uns auf einem Stellplatz in Wassernähe niederlassen, fahren wir in den Ort. Die Bergbaustadt ist eigentlich noch nicht ganz „draußen“, da auch sie von felsigen Hügeln umgeben ist, in denen Zink, Silber, Blei und Eisenerz schlummern. Wir kaufen ein und trennen uns: Nina möchte einen „Latte“ trinken und ich muss ins Internet. Leider lese ich dort, dass mir Karsten rät, so schnell wie möglich zurück nach Deutschland zu kommen. Unter Umständen könnte die Kündigung noch abgewendet werden. Ich soll mal eine Arbeitsplatzbeschreibung vorbereiten. Während ich darüber nachdenke, ob ich meinen Rückflug umbuchen soll, öffne ich eine E-Mail von Nicole. Sie sendet mir einen Gutschein für Nina, auf dem zig Leute unterschrieben haben. Den Tauchtrip ins Riff soll ich erstmal vorstrecken. Außerdem haben sie ein Zimmer in Cairns für zwei Tage gebucht. ‚Mist! Die Stadt liegt nicht gerade auf dem Heimweg’, denke ich genervt.
Meiner Freundin erzähle ich nichts davon, als sie mich am Abend zärtlich umarmt und fragt: „Wollen wir die Reise noch verlängern?“ Wollen wir nicht! In der Nacht liege ich möglichst weit von ihr entfernt und grübele darüber nach, was ich nun machen soll.
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Ihre Sicht: Am Abend entdecken wir im Licht der mit Rotfilter untergehenden Sonne noch ein Weltwunder. Inmitten der flachen Ebene liegen gigantische Granitbrocken herum. Die „Devils Marbles“ sehen tatsächlich so aus, als hätten hier Riesen vor Urzeiten Boule gespielt und ihre gewaltigen Kugeln achtlos zurückgelassen. Die Ureinwohner denken gar, dass unter den ovalen „Schlangen-Eiern“ Wesen aus der Traumzeit in Höhlen wohnen. Ich wundere mich, warum ich noch nie etwas von diesen Monstermurmeln gehört habe, denn sie könnten – wie der Uluru – ein nationales Symbol sein.
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Der Tag endet demnach grandios, zumal auch der Campground prima ist. Kurzzeitig erhöhen wir die Einwohnerzahl in Wauchope von 12 auf 14, erklärt uns der Barmann im Biergarten. Plötzlich flucht jemand hinter mir mit krächzender Stimme „Fuck“ und „Shit“. Michas Kulleraugen leuchten, da er den Vogel mit dem ungewöhnlichen Sprachschatz zuerst entdeckt. Am Abend zetert der Papagei sogar „Micha fuck“ und „Nina shit“.
In der Nacht ist es angenehm warm. Auf der Tour durch Südaustralien und das Outback hab ich abends fast immer gefroren. Das scheint nun vorbei zu sein. Ich ziehe mein T-Shirt über den Kopf und frage Micha: „Was hältst du eigentlich von meinen Murmeln?“

Wir starten vor 9 Uhr, sozusagen im Morgengrauen, und nach zwei Stunden erreichen wir eine Kreuzung bei Tennant Creek. Ich bin saufroh, dass wir jetzt nicht noch ewig weiter nach Darwin eiern müssen, sondern rechts in Richtung Ostküste einbiegen. Ich möchte der Einöde endlich entfliehen und wieder in einer Zivilisation landen, wo Menschen in Badesachen mit einem anständigen „Coffee to go“ in der Hand herumspazieren und weiße Segelboote hinter dem Horizont verschwinden.
Das heutige Stück bestätigt mich in diesem Wunsch, denn es ist lang und eintönig. Lediglich ein Highlight gibt es unterwegs zu bestaunen, da wir erstmals wilde Kamele sehen, die schon öfter einmal auf Roadsigns angekündigt waren. Bei der Besiedlung wurden sie als Arbeitstiere genutzt und dann einfach freigelassen. Niemand konnte damals ahnen, dass sie sich in diesem harschen Klima so zahlreich vermehren würden. Heute sollen in der Wüste über eine Million Dromedare ihr Unwesen treiben.
Eigentlich haben sich alle nach Australien importierten Lebewesen, seien es Schafe, Katzen, Kaninchen, Apfelbäume, Weinreben oder weiße Menschen, millionenfach vermehrt. Lediglich die Population der Aborigines wurde stark dezimiert.
Nach und nach wird die Vegetation üppiger, doch auch an den steppenartigen Ebenen hat man sich irgendwann sattgesehen. Lange kommt uns kein einziges Auto entgegen, obwohl es jetzt wieder eingezäunte Ranches gibt. Michi hat zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen, denn an einer Tankstelle taumelt er mir beinahe ohnmächtig in die Arme. „Du musst mehr trinken, mein Junge!“, rufe ich und kaufe ihm eine süße Pepsi. Danach können wir den Endlostrip fortsetzen.
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Mount Isa ähnelt Alice insofern, da es auch hier plötzlich wieder Ampeln, Straßenkreuzungen, Supermärkte und Shoppingcenter gibt. Doch im Gegensatz zum Wüstenkaff liegt sie an einem Wunder, das man sogar riechen kann. Der „Leichardt River“ ist ein richtiger Fluss mit fließendem Wasser, umgeben von saftigen Wiesen. Ein heilsames Gefühl, zwischen den Zehen plötzlich wieder taufeuchten Rasen zu spüren. Die Temperaturen sind erträglich und keine widerlichen Fliegen umschwirren unsere Köpfe. Unsere Outback-Durchquerung scheinen wir geschafft zu haben, zumal wir mit dem Camper, obwohl es bis zum Meer noch ein Stück ist, nun wieder versichert sind. Das muss so sein, denn im Zentrum lese ich auf einem Schild, dass wir uns in der flächenmäßig drittgrößten Stadt der Welt befinden.
Zur Feier des Tages kaufe ich Lammkoteletts und eine eisgekühlte Flasche Sparkling Wine. „Das war die aufregendste Fahrt meines Lebens“, rufe ich beim Entkorken, doch mein Freund ist nicht in Partylaune. Auf die Frage, ob wir die Reise noch verlängern wollen, reagiert er nicht einmal. Was ist denn jetzt schon wieder mit dieser Mimose los?
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Voll lecker – oder was? Cusco in Peru mit Meerschweinchen

17. Februar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Otto swDie Meerschweinchen tragen in Peru lustige Hüte! Vor zwanzig Minuten hatte es in der Küche fürchterlich gequiekt und gerade beschwert sich mein Freund Göte beim Kellner, dass bei seinem Cuy, wie die gegrillten Kuscheltiere in Südamerika genannt werden, die Karotten-Krone fehlt. Noch immer denke ich ein wenig pikiert an unseren wuscheligen Otto, mit dem Benny und ich in unserer Kindheit so gerne gespielt hatten. Jenna verlangt nach der scharfen Soße. „Schmeckt ein bisschen wie Ratte“, ruft er mit vollem Mund und nickt mir aufmunternd zu. „Mann, seid ihr ein paar Fleischnazis. Das arme Ding!“, antworte ich und steche zögerlich die Gabel in einen der Schenkel. Das niedliche Tier scheint mich mit traurigen Augen zu fragen: „Warum?“

Wir befinden uns in einem Restaurant in Cusco, einer Stadt in Peru, welche für die Inkas noch der „Nabel der Welt“ gewesen war. Doch spanische Eroberer hatten sie vor knapp 500 Jahren erobert, überrannt, niedergebrannt und jedes einzelne Gebäude überbaut. Lediglich die gewaltigen Steine der „Mauer“ des ehemaligen Inka-Palastes, waren als Mahnmal einer besiegten Kultur übrig geblieben. Welch Parallele zu einem anderen Land. Wie hatte es hier wohl früher einmal ausgesehen? Ich versuche es mir vorzustellen:

Der kleine Roca sitzt neben seinem Vater auf dem belebten Marktplatz, ganz in der Nähe des großen Sonnentempels. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten acht der weißen, langhaarigen Quwis (Meerschweinchen in der Sprache der Inkas) und sechs der gescheckten, glatten verkauft. Mutter wird sich freuen, wenn sie sieht, wie viel Maismehl, Bohnen und Kartoffeln sie dafür bekommen hatten. Später waren sogar noch zwei hungrige Priester gekommen und so hatten sie zwei der Tiere vor Ort schlachten, häuten und ausnehmen müssen. Im Feuer der ofenartigen Manuyila waren sie langsam gar geworden.
Cusco Markt
In der Mittagshitze leert sich der staubige Platz allmählich. Nebenan werden Kokablätter in große geflochtene Körbe gepackt, die Alpaka-Wollhändler räumen langsam zusammen und die Flötenspieler haben sich im Schatten des großen Palastes von Coricancha niedergelassen. Über ihnen funkeln die goldenen Platten des Hauptportals im Lichte der hoch stehenden Sonne.
‚Wie gern würde ich dort einmal hineingehen’, denkt Roca traurig. Niemand, den er kannte, nicht einmal sein Vater, war jemals im Inneren des heiligen Tempels gewesen. Doch jeder wusste, dass in einem, ganz und gar aus Gold bestehenden Raum die heilige Sonnenscheibe der Götter aufbewahrt wird und im silbernen Nachbarraum, die Scheibe des Mondes. Vater hatte ihm erklärt, dass jenes Gold die „Schweißperlen der Sonne“ und das Silber „die Tränen des Mondes“ darstellen.
Sein Vater war so klug! Als sie nach dem letzten Opferfest durch die Säulengasse gelaufen waren, konnte er zu all den steinernen Tierfiguren etwas sagen. Der Puma bedeutet Krieg, der Jaguar Macht, die gefiederte Schlange steht für Weisheit, im Gegensatz zur großen grauen Schlange, die den Geiz verkörpert. Das Alpaka bedeutet Wärme und der Kondor steht für eine Botschaft. Der kleine Roca hatte sich das alles gemerkt.
In diesem Moment fällt ihm auf, dass es dort gar kein Quwi (Meerschwein) gegeben und er seinen Vater deshalb auch nicht gefragt hatte, welche Eigenschaft es symbolisiert. Vorsichtig tippt er ihn an die Schulter: „Du Papa, welche Bedeutung haben eigentlich die netten, leckeren Quwis in unserer Göttersprache?“

Moment mal. Stopp!

Es gibt zwei Wörter, die ich in meinen Texten nie verwenden wollte: nett und lecker! „Nett“ ist die kleine Schwester von Scheiße und „lecker“ steht für das Unvermögen der Deutschen, sich vernünftig auszudrücken. Ich kenne niemanden, der „nett“ ist und bei keiner Speise, oder einem Getränk würde es mir jemals in den Sinn kommen, sie als „lecker“ zu bezeichnen. Niemals!
Nicht einmal in Dialoge würde ich diese Adjektive einbauen. So redet einfach keiner, oder habt ihr schon mal jemanden sagen hören: „Das war ja mal ein netter Berliner Busfahrer. Der hat uns sogar Leckerbissen angeboten.“ Merkt ihr was? Kein Berliner Busfahrer ist „nett“ und er bietet natürlich auch kein Essen an.
Oder einer meiner Freunde würde in einer Story zu mir sagen: „Das war aber echt nett von dir, ich lade dich im Rockz noch auf ein lecker Bier ein“. Hey! Ich bin verdammt noch mal nicht „nett“ und wir tauschen in meiner Stammkneipe auch keine „Nettigkeiten“ aus. Süffiges, gezapftes Becks kann man dort bestellen, aber kein „leckeres“. Nein, ich habe keine „netten“ Mitvorleserinnen bei unserer Lesebühne mit „leckeren“ Hintern. Sie sind witzig, sympathisch oder geheimnisvoll und von hinten betrachtet, sehen sie knackig aus – oder eben nicht.
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Und selbst Sie, die Leserinnen und Leser dieser Zeilen, würde ich wahrlich nie als „nette“ Bücherwürmer bezeichnen, die sich vielleicht gerade fragen, welche „unleckeren“ Details im Verlaufe der Geschichte noch folgen werden.

Vielleicht ist es wieder einmal eine Frage der Herkunft. Im Osten gab es die Begriffe „nett“ und „lecker“ einfach nicht. Da war jemand „duffte“, „knorke“ oder „fetzte urst ein“ und auch ein Essen konnte „duffte“ und „knorke“ schmecken, oder urst „einfetzen“. „Astrein“ und „genial“ kamen später noch hinzu.
Und im Westen? Ich konnte ARD und ZDF in Ostberlin immer empfangen und weiß daher, dass die Jogurts in der Werbung früher lediglich „cremig“ oder „fruchtig“ waren. Doch genau hier habe ich die Wörter irgendwann zum ersten Mal gehört.
Zwei braungebrannte 25-jährige Joggerinnen mit Bikinititten, die in einer mondänen 45 Quadratmeter-Küche deutsche Durchschnitts-Hausfrauen mimen, löffeln an einer quarkartigen Speise. Die eine: „Voll nett eure neue Küche.“ Die andere: „Und der Jogurt?“ „Voll lecker!“

Sorry, mir wird schon übel wenn ich das niederschreibe.

Kann denn diese Nobelküche nicht hinreißend, bezaubernd, stilvoll, heimelig, imposant, gemütlich, hübsch oder meinetwegen sogar fesch aussehen? Warum sagt die alte Ziege „voll nett“? – Was meint sie damit? Richtig schlecht? Und warum in Gottes Namen darf dieser bescheuerte Jogurt denn nicht munden? Warum kann er nicht köstlich, delikat, wunderbar, appetitlich oder einfach nur gut schmecken? „Voll lecker!“ So eine gekünstelte Sprache. Wir verblöden immer mehr! Ich schmeiß meine Glotze irgendwann hochkant aus dem Fenster. Volle Kanne!

Ich habe dennoch mal recherchiert. „Nett“ wurde aus dem französischen „net“, für makellos und rein im Mittelalter ins Deutsche übernommen. Dass mittlerweile die Redewendungen „ziemlich nett“, „recht nett“ und „ganz nett“ oftmals genau das Gegenteil bedeuten und somit „völlig reizlos“, „extrem langweilig“ und „kleine Schwester von Scheiße“ ausdrücken sollen, macht dieses Adjektiv ja fast schon wieder sympathisch. Man kann damit sprachlich experimentieren.
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Bei „lecker“ dachte ich allerdings sofort, dass es tatsächlich ein neulich erfundenes deutsches Wort ist, da ich weder im Englischen, Spanischen oder Lateinischen eine Herleitung finden konnte. Stimmt aber nicht! „Lecker“ kommt ursprünglich aus dem Afrikaans und wurde letztendlich auch ins Niederländische übernommen. Für mich als Fußballfan wäre es die Höchststrafe, wenn mir beim Spiel Niederlande gegen Deutschland mein Sitznachbar ins Ohr flüstern würde: „Ons het lekker gespeel“ (Unsere haben großartig gespielt). Der Superlativ ist noch viel schlimmer: Lekkerst!

Im deutschsprachigen „Wiktionary“ könnte ich übrigens einen Eintrag für die Herkunft des Wortes „Leckerbissen“ einstellen. Es gibt nämlich noch keinen. Dort ist bisher nur „lecker“ erläutert. Es bedeutete ursprünglich: „Was gut zu lecken ist!“ Ganz kurz hatte ich eine Vorstellung davon, was es sein könnte…

„Nu haste mir aber janz lecker jemacht“, denkt der Leser bestimmt gerade. Diesen Satz schreibt Alfred Döblin in seinem Buch „Berlin Alexanderplatz“. Das lass ich gerade noch so gelten. Und auch „ne kölsche Jung un e lecker Mädche“ können gerne „e lecker Kölsch drinke“. Okay, ich merke, das führt langsam zu weit.

Es gibt nämlich noch einen anderen Ansatz. Vor kurzem besuchte mich eine Freundin aus der Schweiz. Sie hatte mir ein paar „Leckerlis“ mitgebracht. Auch dieser Fährte bin ich nachgegangen und so erfuhr ich, dass der Begriff „Basler Läckerli“ erstmals 1720 amtlich erwähnt wurde.
Das lebkuchenartige Gebäck, hergestellt aus Weizenmehl, Honig, kandierten Früchten und Nüssen kann man noch heute fast überall kaufen. Alles wäre so schön, wenn ich meinen Gästen zur Weihnachtszeit, die kleinen rechteckigen Stücke mit der Zuckerglasur anbieten könnte und wüsste, dass einzig und allein diese Gaumenfreude als „lecker“ bezeichnet werden dürfte (und vielleicht noch der Milchquark namens „Leckermäulchen“ aus der ehemaligen DDR, den ich bisher wohlweislich verschwiegen habe).
Aber nein, es gibt eine Band namens „Lecker Nudelsalat“, Kochrezepte unter „lecker.de“, „Lecker – das Kochmagazin“, Die WDR-Reihe „Von-und-zu-lecker“, „Die geilen Leckschwestern“ in einem Videofilm, „Lecker – die CD von Atze Schröder“, die Bücher: „Lafer, Lichter, Lecker“ und „Hundekekse frisch und lecker“.
Sorry, aber ich möchte dieses Wort jetzt wirklich nicht mehr niederschreiben müssen. Ich hätte eben viel lieber die Märchen-Geschichte aus Südamerika zu Ende erzählt…
Machu Picchu oben

Der kleine Roca tippt seinen Vater vorsichtig an die Schulter: „Du Papa, welche Bedeutung haben eigentlich die netten, leckeren Quwis in unserer Göttersprache?“
Der Alte schaut seinen Sohn fragend an: „Weißt du denn nicht mehr, wie wir mit einem ‚Glatthaar’ über Onkel Xocils Körper gerieben haben, um die kranke Stelle zu finden?“ Roca schüttelt den Kopf. „Es hatte auf seinem Herzen gequiekt und als wir es töteten und aufschnitten, bestätigte sich die Vermutung. Auch das Quwi hatte ein krankes Herz. Es steht also für Heilung.“
Roca ist mit der Antwort nicht zufrieden, denn Onkel Xocil wurde ja längst von den Göttern heimgeholt. „Papa, warum essen wir es dann eigentlich so oft?“ Mit stolzem Blick betrachtet er seinen Sohn. Wie klug er nur ist!
„Mein Junge, du hast dir die Frage doch schon selbst beantwortet. Die Menschen unseres Volkes verspeisen es so gern, weil es ein wahrlich netter Leckerbissen ist!“
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Zweifel-Lesung am 9. April im Berliner Tasso

13. Februar 2015 | von | Kategorie: Termine

LB 1
Wäre die Welt nicht von Beginn an voller Zweifel gewesen – er wäre spätestens von schreibenden Künstlern erfunden worden. Denn neben der guten alten Schreibblockade lässt uns nichts so sehr in Schweiß baden und Fingernägel wie Bleistifte abkauen wie der (Selbst-)Zweifel. Daher ist es endlich mal an der Zeit, dem Zweifel einen eigenen Themenabend zu widmen, Und der ist zweifellos am 9. April 2015 ab 20 Uhr!
Wo? Café Tasso, Frankfurter Allee 11 (Nähe U-Bhf. Frankfurter Tor)
Wer? Lesebühne “Die Unerhörten” (ich bin auch mit dabei)

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Mauergewinner! – Jugend in der DDR

8. Februar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

3483266545_b7378fb5f9_b Obwohl man es meinem Vater, der Kugel, nicht ansieht, widmete er sein Leben dem Sport. Bereits als Kind wurde er in Halle an der Saale von Funktionären gesichtet und zur Kreis-, Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Berlin delegiert. Er wurde Juniorenmeister im Speerwerfen und spielte besser Fußball als mancher DDR-Oberligaspieler. Nach dem Diplom als Sportlehrer wurde er Funktionär für Radsport und Schwimmen. In einem Land, in dem der geförderte Leistungssport eine übergeordnet große Rolle spielte, waren mein Bruder Benny und ich also geradezu prädestiniert, in
die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Was soll ich sagen? Natürlich fielen auch wir nicht durch das engmaschige Netz der systematischen sportlichen Beobachtung. Bereits im Kindergarten erkannten Sichtungstrainer mein Ausnahmetalent: Sie schickten mich zum Eiskunstlaufen! Ich möchte hier kein präzises Bild von mir zeichnen, nur so viel: Ich bin bis heute genau das Gegenteil von graziös und anmutig. Wirklich niemand möchte “Mark on Ice” sehen. Eine zornige Trainerin brachte mich bei den ersten drei Terminen zum Weinen und beim vierten Mal wurde ich, nachdem ich beim Kurven wieder einmal tollpatschig alle rot-weißen Hütchen umgefahren hatte, lautstark aus der Trainingsgruppe geschmissen.
Leider prophezeite man mir danach – ich wurde ständig gewogen und vermessen – eine äußerst erfolgreiche Schwimmkarriere. Bis heute bin in von den errechneten 1,90 Metern Körpergröße, die mir vorausgesagt wurden, 15 Zentimeter entfernt, und nach den ersten Sprüngen ins Becken hielt ich mich in Todesangst an der gereichten Stange fest. Ich jammerte und heulte bei jedem Schluck Chlorwasser und war auch hier nach drei Einheiten raus aus der sozialistischen Sportfördergemeinschaft.
Mein sportlicher Vater hielt sich aus allem heraus und drängte mich nicht, lebensbedrohliche Sportarten auszuüben. Genau genommen interessierten ihn meine ersten Schritte als potenzieller Topathlet kaum. Vielleicht war ihm auch einfach schon immer klar, dass mit mir auf diesem Gebiet nicht viel anzufangen war. Als ich aus freien Stücken Fußballer wurde, holte er mich kein einziges Mal von einem Spiel ab.
Meine Mannschaft “Empor Brandenburger Tor” – kurz EBT – spielte im nahen Friedrichshain. Der linke Verteidiger war nach dem Torwart der zweitschlechteste Spieler im Team und spielte in der winterlichen Hallensaison sogar nur in der zweiten Mannschaft. Dass ich diese traurige Gestalt war, die ohne einen einzigen Torerfolg blieb, dafür jedoch einige vermeidbare Treffer, sogar gegen die Flaschen von „Motor Ost“, verschuldete, erzählte ich meinem Vater nie.

Staffel 5.
Dann kam die Kinder-und-Jugend-Spartakiade.
Anders als sonst, verschwand der Alte nach Feierabend nicht gleich im Scheppert-Eck, sondern brachte sich sogar Arbeit mit nach Hause. Nach dem Abendbrot setzte er sich mit zahlreichen Listen und einem Bier an den Wohnzimmertisch und begann, verschiedene Zahlen aus alten Listen in neue zu übertragen. Bereits am nächsten Abend fragte er uns stöhnend, ob wir ihm ein bisschen helfen wollten. Es ging darum, die Zwischenzeiten der verschiedenen Schwimmer in die Spalten zu schreiben und die Endzeiten zu vergleichen. Für jede vollständige Liste bekamen wir eine Mark.
Neben schnell verdientem Geld schaukelten Benny und ich uns wie immer hoch, wer die größten Talente und schnellsten Zeiten auf seinen Listen hatte. Ich verlor sehr selten Spiele gegen meinen kleinen Bruder, doch diesmal hatte ich keine Chance. In sämtlichen Tabellen, die sich Benny geschnappt hatte, lag eine gewisse Franziska in allen Zwischenzeiten meilenweit vorne. Sie war sogar besser als einige Jungs in ihrem Alter. Doch im Prinzip war mir dieses Mädel egal, denn ich schaffte an zwei Abenden zwölf Listen und Benny, trotz dieser wundersamen Franziska van Almsick, nur neun. Mein Vater kam auf vier Flaschen Bier und drei Korn und hatte eine sehr talentierte, angeblich auch goldige, Schwimmerin in seiner Trainingsgruppe gesichtet.
Die Spartakiaden waren, zusammen mit den Kreis-, Bezirks- und DDR-Meisterschaften sowie dem Pionierpokal, die wichtigsten sportlichen Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche. Die Vorkämpfe und Qualifikationen dafür begannen bereits in den einzelnen Schulen. Wahrscheinlich liegt hier genau der Grund, warum ich meine Ambitionen und den Siegeswillen trotz der vielen Ängste und Enttäuschungen nie verlor. In meiner Klasse war ich richtig gut!
Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen, die ich stolz in unser Kinderzimmer hängte. Silber im Weitsprung, Bronze im Schlagballweitwurf und Gold im Fußball, wo wir lediglich unsere Parallel-, die A-Klasse besiegt hatten. Diese Methode, auch die schwächsten und ungelenkigsten Kinder zu motivieren, sorgte dafür, dass ein ganzes Land gerne so gewesen wäre wie seine ehrgeizigen, erfolgshungrigen Spitzenathleten, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten. Schon wir Schüler und unsere Lehrer strebten nach Erfolg, Annerkennung und Ruhm, auch wenn wir nichts konnten.
Trotzdem muss ich noch heute mitleidig an unsere Sportlehrer denken, denn der nächst höhere Wettbewerb, bei dem die verschiedenen Schulen gegeneinander antraten, war die Stadtbezirks-Spartakiade. Warum unsere Lehrer nicht einfach auf unsere Teilnahme verzichteten, alles absagten oder erklärten, dass bei uns eine Grippeepidemie ausgebrochen war, verstand ich nicht – wir wurden jedes Jahr wieder zu den Bezirks-Spartakiaden von Friedrichshain geschickt und blamierten unsere Schule bis aufs Blut. Dass auch nur ein Schüler oder Team der Käte-Duncker-Oberschule unter die ersten drei kam, war denkbar unwahrscheinlich. Scheinbar hatten sie bei uns die unsportlichsten Kinder des ganzen Stadtbezirkes gesucht und gemeinsam eingeschult.
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Ich hatte gleich in der vierten Klasse die Qualifikation für die Staffel geschafft, in der Vertreter der 4. bis 7. Klassen antreten mussten. Zwar nur als viertbester meiner Altersstufe, aber immerhin. Am Abend vor dem Lauf lag ich ganz aufgeregt in unserem gemeinsamen Roll-Bett und erzählte Benny, dass ich auf die dritte Startposition gesetzt war.
Die Reise ging nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.
Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn bis zum Abschluss der 10. Klasse als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
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Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käthe-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”
Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.

Ich bekam Magenschmerzen; ich hatte jetzt richtig Schiss. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein mächtiger Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Es sollte nicht bei dem erleichternden Furz bleiben; ich hatte mir zeitgleich mit dem krachenden Startschuss in die Hose gekeckert. Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch mit Kacke in der Hose zu laufen. Nein! Ich war sogar schneller als sonst.
Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus. Leider hatte auch ich etwas ausgeschieden, was sich deutlich an meiner weißen Turnhose abzeichnete. Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke und versuchte die gesamte Zeit, meinen Turnbeutel so zu halten, dass er das Unheil verdeckte. Zum Glück gab es für uns und den wie immer frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit meinem braunen Streifen, der in meiner Wahrnehmung jetzt auch zu muffeln begann, nicht mehr mit dem Bus fahren.
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Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.
Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die verschissene Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose Mauer. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Sie hatte mir Glück und mich nach Hause gebracht. Ich war so dankbar, dass es sie gegeben hatte. Die Staffel war verloren, doch ich war Mauergewinner!
Jan-Erik Nord Warschauer Str. 85 10243 Berlin www.jan-erik-nord.de Oktober 2009
Das 1,3 Kilometer lange Stück an der East Side Gallery steht noch heute und wäre doch fast abgerissen worden. Ich freue mich über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts in meinem Friedrichshain, denn momentan ist sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge haben die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.
Wenn ich manchmal am Ostbahnhof in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, Italien oder Spanien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: Vielleicht können sie ihren Kindern einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender deutscher Geschichte. Ich jedenfalls kann genau von diesen 1.300 Metern meine eigene berichten.
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“Weiber” – Lesung am 12.02.2015

7. Februar 2015 | von | Kategorie: Termine

P1070551Die Unerhörten“ sind kreative Autorinnen und Autoren die mit Spaß & Freude unerhörte Literatur schreiben und ihre Texte seit 2009 gemeinsam in Berlin vortragen. Das Besondere an den „Unerhörten Leseabenden“ ist die breit gefächerte Individualität der Schreibstile zu einem speziellen Thema.

Wo: Café Tasso, Frankfurter Allee 11 (Nähe U-Bhf. Frankfurter Tor)
Wann: 12.02.2015 von 20-22 Uhr
Thema: Weiber
Eintritt: frei

Es lesen für Sie:
Friedhelm Feller-Przybyl, Doris Lautenbach, Ariane Meinzer, Mark Scheppert, Carol Jana Ribi, Sebastian T. Vogel und ein Stargast uns unseren unerhörten Reihen.

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Eine kranke Geschichte – Jugend in der DDR

2. Februar 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wo sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino hingefahren waren – sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.
Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften „Waffenbrüderschaft“ und „Ich will Kosmonaut werden“ und nicht „Urlaub in Spanien“ oder „Meine Katze Ricky“ trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.
Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wir Kinder ohne Westverwandtschaft mussten uns einen „SR1“ der Firma Robotron aus Sömmerda für schlappe 123 Mark zulegen (das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!). Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei Tessi und Bommel und vielen anderen mit Kontakten nach Drüben passte der ultraleichte, Streichholzschachtelgroße Taschenrechner von „Sanyo“ in die Federtasche.
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Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es ab 185 Mark und die sah aus, als ob sie aus einem Stück geschweißt worden war. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von Westberlin. Im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Mit 13 kamen Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Annettrekorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog, aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Kumpels vor.
Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. „Wo haben Sie das Wochenende verbracht?“, „Wie war ihr letzter Urlaub?“ und „Welche Musik hören Sie gern?“ Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: „Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken“, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.
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In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.
Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige „Pfeife anzünden“, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.
Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!
Steffen holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!
Nach der 9. Klasse zog Stefan mit seinen Eltern nach Marzahn und wir sahen uns nie wieder. Anfang des 10. Schuljahres kam Fred Krankel, schnell nur noch „Krank“ genannt, irgendwie als sein Ersatz in unsere Klasse, obwohl das mit Stefan nichts zu tun hatte. Er war aus disziplinarischen Gründen von der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) gefeuert worden, wo der 1,90-Meter-Hüne beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt hatte. Als ich meinen Vater fragte, ob er mal in seinem Club lauschen könnte, was da so vorgefallen war, erzählte er mir zwar keine Details, aber immerhin so viel, dass „Krank“ in seinem Jahrgang das größte Talent gewesen wäre, allerdings auch der brutalste und disziplinloseste Spieler aller Zeiten in diesem Verein. Überheblich, durch etliche kaputte Zähne grinsend, setzte er sich in die allererste Reihe und ich hoffte sofort, dass ich sein Freund und nicht sein Feind werden würde.
Wimpel KJS
Fred verkörperte all das, was ich versuchte, nach außen hin darzustellen – Coolness, Gefährlichkeit, Stärke und Unverletzlichkeit, doch nur bei ihm wirkte es echt. Er hatte eine Art, die Dinge äußerst locker zu sehen, besonders abschätzig alles „ostig“ oder „zonig“ zu finden und auf die DDR-Staatsmacht komplett zu scheißen. Ich machte mir da schon eher mal in die Hosen und verkloppte keine „roten Säue“. Sicher war unsere Freundschaft auch darin begründet, dass bittere Ironie und purer Sarkasmus unsere stärksten Ausdrucksformen waren. Vielleicht hatte ich auch lange nur auf jemanden wie ihn gewartet, mit dem ich jeden Mist machen konnte und der mich vor den Folgen jederzeit beschützte.

Durch meine Bekanntschaften im Lager für Arbeit und Erholung fuhr ich seit einiger Zeit ins entfernte
Grünau, in die Wuhlheide und nach Schöneweide in diverse Diskos. Jedes Wochenende gingen wir jetzt in den „Weißkopf“, ins „Pipa“ und zu vorgerückter Stunde auch in den „Bullenclub“. Schon damals grübelte ich, was „Weißkopf“ bedeutete, und wieso der andere „Bullenclub“ genannt wurde, erfuhr ich auch nicht. Nur „Pipa“ war klar, das stand für „Pionierpark“ – in diesem befand sich der Club nun einmal.
Ich hatte „Krank“ ein paar hübsche Frauen versprochen, und so folgte er auch mir einmal. Die Clubs in dieser Ecke von Ostberlin hatten den Vorteil, dass es dort nicht ganz so viele Cliquen und glatzköpfige Gangs wie in Marzahn und Hohenschönhausen gab. Hier konnten wir schon zu zweit und mit 16 Jahren „einen Affen machen“.
DDR_Telefon-_icke
In den noblen „Bullenclub“ kamen eigentlich nur Leute über 18 rein und auf alle Gläser wurde zwei Mark Pfand genommen. Nicht nur, dass wir überhaupt hineingelassen wurden, wir sammelten auch die leeren Gläser von sämtlichen Tischen und gaben sie wie selbstverständlich an der Bar als unsere ab. Ärger bekamen wir nie und wenn mich doch mal jemand vorsichtig ansprach, dass es sein Pfand wäre, rief ich einfach nach meiner Kampfmaschine „Krank“.
Bei einer dieser Touren durch die Pampa ging uns trotzdem einmal das Geld aus, wir hatten nicht mal die nötigen Groschen, um Claudia anzurufen. Sie war die wichtigste Frau der Gegend, denn sie stellte uns immer neue und heißere Freundinnen in einem der Clubs vor. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf den Weg. Auch wenn die normale Fahrt nur 20 Pfennig kostete – wir bezahlten nie am Fahrscheinautomaten. Dass dieses Ding Automat genannt wurde, wäre schon wieder ein Hohn auf westdeutsche Ingenieurskunst gewesen. Im Prinzip war es nur ein großes metallenes Etwas, das oben einen Schlitz hatte und an der vorderen Front eine Glasscheibe, wo man beobachten konnte, wie das Kleingeld auf ein rundes Förderrad fiel. Sobald man den mechanischen Hebel an der Seite herunterdrückte, rutschte das Geld in die nächste Lade und ein Stück Papier, wie von einer alten Kinokartenrolle, kam am vorderen Schlitz heraus – der Fahrschein.
Wenn man nur an dem Hebel gezogen hätte, ohne Geld hineinzuwerfen, wäre zwar auch dieser Papierschnipsel herausgekommen, aber ein möglicher, blitzartig herbeigeeilter Kontrolleur hätte festgestellt, dass die obere Förderbox leer ist. Kompliziert? Nein, ostdeutsche Ingenieurskunst!
Dennoch gab es genug pflichtbewusste Bürger, die in dieses antiquierte Fahrscheingerät ihre Fünfziger, Zwanziger und Groschen hineinwarfen.
Als ich den unberechenbaren „Krank“ an dem Gerät herumfummeln sah, dachte ich mir noch nichts dabei, doch plötzlich umfasste er das Ding mit beiden Armen und riss es einfach aus der am Boden verschweißten Verankerung. An der nächsten Haltestelle stiegen wir mit einem 20 Kilo schweren, unhandlichen Fahrscheinautomaten in den Händen aus.
Wir waren allein im zweiten Wagen gewesen, aber ich kannte „Krank“ jetzt schon ein bisschen – er hätte das Gerät auch im ersten Führerwagen mitgenommen, wenn dieser vollbesetzt gewesen wäre.
Als wir merkten, dass wir direkt vor einer bewachten Armeekaserne ausgestiegen waren, lachten wir beide. Ich bitterlich süß aus purer Angst, er fand das wirklich sehr belustigend. Wir trugen das Ding geschützt, genau zwischen uns beiden, durch die hier nur sehr schwach beleuchtete Straße und beschlossen, das Gerät sicherheitshalber sofort im nächsten Gebüsch aufzubrechen.
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Mit einem Stein schlugen wir den Hebel-Automaten an der Frontseite auf und steckten uns das zu unserer Überraschung nicht knapp bemessene Kleingeld in die Hosen- und Jackentaschen. Gut gelaunt liefen wir in Richtung S-Bahnhof und fanden auch endlich wieder eine Telefonzelle, um bei Claudia anzurufen. „Krank“ war richtig sauer, als wir sie nicht zu Hause erreichten – er hatte sich auf Kool & the Gang, Cola Whisky und anschließenden kranken Sex gefreut. Er kochte vor Wut und riss, für mich vollkommen unvorhersehbar, mit urwüchsiger Kraft den volkseigenen Telefonhörer inklusive Kabel einfach aus dem dann schwankenden Telefonhäuschen.
Ich wusste, dass es für Vandalismus an Volkseigentum besonders hohe Strafen gab, nicht nur, weil es sich hier um die scheinbar einzige Möglichkeit handelte, mit der man Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte. Aber noch machte ich mir keinen größeren Schädel, frustriert gingen wir in Richtung S-Bahnhof. Als wir die Treppen hinaufkamen, sahen wir auf dem Bahnsteig, keine 200 Meter von uns entfernt, zwei Polizisten, die in ein intensives Gespräch mit einem älteren Mann verwickelt waren. Als dieser in unsere Richtung zeigte und rief: „Da sind die Typen!“, brüllte „Krank“ mich einfach nur an: „Komm!“. Wir rannten sofort über die Gleise, sprangen über zwei hohe Zäune und liefen die Straße hinunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich die 100 Meter unter 14 Sekunden. Wir schauten uns nicht um, rannten immer weiter und bogen in eine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster ein.
In meinem gesamten DDR-Leben schwebte scheinbar, obwohl ich atheistisch erzogen wurde, ein Glücksengel über meinem Haupt, denn ich stieß fast mit einem Auto zusammen: einem Taxi mit „Frei“-Zeichen! In unserem autoarmen Land, in dem man gut und gerne mal zwei Stunden wartete, sogar wenn man ein Taxi bestellt hatte, flog ich in diesem Augenblick fast über die Kühlerhaube eines beigen Wartburgs. Ich riss die Tür auf – „Krank“ hätte sie bestimmt wieder abgerissen – und fragte ungläubig: „Frei?“
Opa Auto
Wir fuhren in den Alfclub in die Mollstraße und bezahlten den Taxifahrer großzügig mit Groschen und Zwanzigern. Das Restgeld unserer Tour teilten wir brüderlich, es waren tatsächlich auch ein paar Fünfziger, mehrere Markstücke, ein Rubel und zwei Knöpfe dabei.
Wir stießen darauf an, dass wir nicht in einem „Bullentaxi“ gelandet waren und auf den technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern. Die würden doch nie erfahren, wie ein Fahrscheinautomat von innen aussah!

Fred Krankel alias „Krank“ verschwand 1989 über Ungarn in den Westen. Er war kurz nach dem Mauerfall der erste Mensch, bei dem ich dort – in Westberlin – persönlich eingeladen war. Freudestrahlend grinste mich der jetzige Profi-Eishockeyspieler der „Berliner Preußen“ an. Wir betranken unser Wiedersehen in einer urigen Berliner Kneipe in Tempelhof. Nach mehreren Schultheiß-Pils und zwei, drei Schnäpsen schwankte ich mit ihm zum Musikautomaten. Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl. Aber nein, er riss das Ding nicht aus der Wand, sondern wollte lediglich nochmals den neuesten Hit, „Bakerman“ von Laid Back, hören.

Ich konnte Stefan und Fred im Jahr 2009 zwar schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich sie – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Orte gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Wo wir kurz stehen bleiben und denken würden: „Mensch, das sieht ja noch auch wie früher“, oder „Was, das gibt es ja immer noch?“, „Ist ja wie im Osten!“
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Wahrscheinlich sind es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Unsere ehemalige Heimat wurde, als wären wir ein rückständiges Inka-Volk gewesen, gnadenlos überbetoniert.
Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1989 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie dieser Ost-Stamm gehaust hatte.
Aber solche Stellen meine ich auch gar nicht und eigentlich müssen wir uns gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren solcher Orte, Dingen des Alltagslebens, bestimmter Gerüche, ungewöhnlicher Stoffe, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern, denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das bunte Leben in der DDR wirklich war!
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 1
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 2
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Zum Koofen: “Mauergewinner bei Amazon”
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